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Die Gräfin von Rudolstadt

George Sand: Die Gräfin von Rudolstadt - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGeorge Sand
titleDie Gräfin von Rudolstadt
publisherVerlag von Otto Wigand
year1843/44
translatorL. Meyer
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20181125
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Erster Theil.

—————

1.

Das italienische Opernhaus in Berlin, während der ersten Jahre Friedrichs des Großen, war damals eins der schönsten in Europa. Der Eintritt ward nicht bezahlt, denn das Schauspiel unterhielt der König. Demungeachtet brauchte man Eintrittbillets; denn alle Logen hatten ihre feste Bestimmung: hier waren die Prinzen und Prinzessinnen der königlichen Familie, dort das diplomatische Corps, ferner berühmte Reisende, dann die Akademie, in andern Logen die Generale; kurz, überall die Familie des Königs, die Dienerschaft des Königs, die Beamten des Königs, die Schützlinge des Königs; man konnte sich darüber auch nicht beklagen, weil das Theater und die Schauspieler dem König gehörten. Für die guten Einwohner der guten Stadt Berlin blieb nur ein kleiner Theil des Parterre's, denn der größere Theil davon wurde von den Soldaten eingenommen, da jedes Regiment das Recht hatte, eine gewisse Anzahl Leute compagnieweise hineinzuschicken. Statt des heiteren, beweglichen und geistreichen Publicums von Paris hatten die Künstler also ein Parterre voll » von sechs Schuh hohen Helden« wie sie Voltaire nannte, vor den Augen, die ihre hohen Mützen auf dem Kopfe und meistentheils ihre Frauen auf ihren Schultern, eine ziemlich lärmende Gesellschaft bildeten, stark nach Tabak und Branntwein rochen, von Nichts Etwas verstanden, große Augen machten und, aus Achtung gegen die Ordre, weder zu applaudiren noch zu pfeifen wagten, und demungeachtet durch ihre fortdauernde Bewegung viel Geräusch machten.

Hinter diesen Herren befanden sich stets zwei Logenreihen, von denen auf die Zuschauer weder etwas sahen noch hörten; aber aus Convenienz regelmäßig dem Schauspiel beizuwohnen gezwungen waren, welches Se. Majestät für sie zu bezahlen die Gefälligkeit hatte. Die Majestät selbst versäumte keine Vorstellung. Es war ein gutes Mittel, die zahlreichen Glieder seiner Familie und den unruhigen Ameisenhaufen seiner Höflinge militärisch unter seiner Aufsicht zu behalten. Sein Vater, Friedrich Wilhelm I., hatte ihm dieses Beispiel in einem Hause aus schlecht zusammengefügten Brettern gegeben, wo vor schlechten deutschen Komödianten die königliche Familie und der Hof alle Abende des Winters sich schmerzlich langweilten, den Regen ohne ein Auge zu verziehen, mit hinnehmen mußten, während der König schlief. Friedrich hatte unter dieser häuslichen Tyrannei gelitten, er hatte sie verwünscht, sie ertragen und, sobald er seinerseits der Herr war, sie, wie manche andre, noch weit despotischere und grausamere Einrichtungen wieder in Kraft gesetzt, deren Trefflichkeit er erkannt hatte, seitdem er der Einzige in seinem Königreich war, der nicht mehr darunter litt.

Doch wagte man sich nicht zu beklagen. Das Lokal war sehr schön, die Oper mit Verschwendung eingerichtet, die Künstler ausgezeichnet; und der König stand fast immer am Orchester neben dem Proscenium, die Lorgnette nach dem Theater gerichtet und gab das Beispiel eines unermüdlichen Dilettantismus.

Man kennt die Lobeserhebungen, welche Voltaire in den ersten Zeiten seines Aufenthalts in Berlin der Pracht am Hofe des » nordischen Salomon's« ertheilte. Verschmäht von Ludwig XV., von seiner Beschützerin, der Frau von Pompadour vernachlässigt, von dem Schwarm der Jesuiten verfolgt und im Théâtre français ausgepfiffen, hatte er an einem Tage des Unmuths Ehre, Gehalt, einen Kammerherrnschlüssel, ein großes Ordensband und, was in seinen Augen noch schmeichelhafter war, die vertraute Freundschaft eines philosophischen Königs gesucht. Wie ein großes Kind schmollte Voltaire mit Frankreich und glaubte seine undankbaren Mitbürger dadurch » vor Verdruß platzen« zu lassen. Er war also ein wenig von seinem neuen Ruhme berauscht, als er seinen Freunden schrieb, Berlin wäre eben so gut als Versailles, die Oper »Phaeton« das schönste Schauspiel, das man sehen könnte, und die Primadonna hätte die schönste Stimme in Europa.

Doch in der Zeit, wo wir unsere Erzählung aufnehmen, (und um unsere Leserinnen nicht in zu große Verlegenheit zu bringen, sagen wir ihnen sogleich, daß kaum ein Jahr seit den letzten Abenteuern Consuelo's vergangen ist) als sich der Winter in Berlin in seiner ganzen Strenge bemerkbar machte, und der große König sich nach und nach in seinem wahren Lichte gezeigt hatte, fing Voltaire an, Preußen in einem ganz anderen Lichte zu sehen. Er saß in seiner Loge zwischen d'Argens und la Mettrie, und that nicht eben, als wenn er die Musik besonders liebte, die er niemals besser erkannt hatte, als die wahre Poesie. Er fühlte Schmerzen im Unterleibe und gedachte traurig an das undankbare Publikum von Paris, dessen Widerstand ihm so bitter, dessen Beifall ihm so angenehm gewesen war, kurz, dessen Berührung ihn so furchtbar aufgeregt, daß er geschworen hatte, sich ihr nicht mehr auszusetzen, obgleich er nicht umhin konnte, unaufhörlich an dasselbe zu denken und stets dafür zu arbeiten.

Demungeachtet war diesen Abend das Schauspiel trefflich. Es war Carneval, die ganze königliche Familie, selbst die im Innern Deutschlands verheiratheten Markgräfinnen waren in Berlin versammelt. Man gab den Titus, von Metastasio und Hasse und die beiden ersten Subjecte der italienischen Truppe, der Porporino und die Porporina, hatten die beiden ersten Rollen übernommen.

Wenn unsere Leserinnen ihr Gedächtniß ein wenig anstrengen wollen, so werden sie sich erinnern, daß diese beiden Theaterpersonen nicht Mann und Frau, wie ihr Beiname es anzudeuten scheinen möchte, sondern, der Erstere Signor Uberti, ein trefflicher Baß, und die Zweite, die Zingarella Consuelo, eine bewundernswürdige Sängerin war, Beide Zöglinge des Professors Porpora, der ihnen, nach der italienischen Sitte der Zeit erlaubt hatte, den berühmten Namen ihres Lehrers zu tragen.

Man muß gestehen, die Signora Porporina sang in Preußen nicht mit dem Feuer, dessen sie sich in ihren besten Tagen fähig gefühlt hatte. Während der schöne Baß ihres Kameraden ohne Fehler das weite Gewölbe des Berliner Theaters ausfüllte, getragen von dem Bewußtsein eines gesicherten Daseins, eines gewohnten unbestrittenen Beifalls und einer fortdauernden Gage von funfzehntausend Livres für zwei Monate Arbeit; fühlte sich die arme Zingarella, vielleicht romanhafter, doch gewiß auch uneigennütziger und weniger an die Kälte des Nordens und eines Publikums aus preußischen Korporalen gewöhnt, nicht sehr elektrisirt. Sie sang mit jener gewissenhaften, fehlerlosen Methode, welche der Kritik keine Blöße giebt, aber auch nicht hinreicht, um Begeisterung zu erregen. Die Begeisterung des dramatischen Künstlers und die seiner Zuhörer können einander nicht entbehren.

Nun gab es aber in Berlin unter der glorreichen Regierung Friedrichs des Großen keinen Enthusiasmus. Die Regelmäßigkeit, der Gehorsam, und was man im achtzehnten Jahrhundert und bei Friedrich die Raison nannte, waren die einzigen Tugenden, welche in dieser schweren und durch die Hand des Königs gedrückten Atmosphäre erblühen konnten. In der ganzen Versammlung, an deren Spitze er stand, wagte man nicht zu athmen, wenn der König es nicht gnädig erlauben wollte.

In dieser ganzen Masse von Zuschauern konnte nur Einer sich frei seinen Eindrücken hingeben: der König. Er war allein das ganze Publikum, und obwohl ein guter Musiker und Freund der Musik, so wurden doch alle seine Fähigkeiten, alle seine Neigungen von einer so strengen, kalten Verstandesbildung beherrscht, daß die, allen Bewegungen, und man hätte fast sagen können, allen Beugungen der Stimme der Sängerin folgende königliche Lorgnette sie, statt anzuregen, völlig lähmte.

Uebrigens war es gut, daß sie diesen peinlichen Einfluß fühlte. Der geringste Grad von Begeisterung, der geringste Versuch, sich ihren Gefühlen zu überlassen, hätte wahrscheinlich den König und den Hof sehr verletzt, während die mit der Reinheit eines untadelhaften Mechanismus ausgeführten gelehrten und schwierigen Passagen den König, den Hof und Voltaire entzückten. Voltaire sagte, wie man weiß: »Die italienische Musik trägt den Sieg über die französische davon, weil sie gezierter ist und die überwundene Schwierigkeit nicht wenig dabei in Anschlag kommt.« So verstand Voltaire die Kunst, er hätte, wie ein bekannter Witzbold unsrer Tage, den man fragte: ob er die Musik liebe, sagen können: Sie ist mir gerade nicht lästig.

Alles ging ganz trefflich und die Oper näherte sich ohne Schwierigkeit ihrem Schluß, der König war sehr zufrieden und wandte sich von Zeit zu Zeit zu seinem Kapellmeister, um ihm durch Kopfnicken seinen Beifall erkennen zu geben: er bereitete sich schon vor, der Porporina am Ende ihrer Cavatine zu applaudiren, wie er es gewöhnlich und immer vollkommen am rechten Orte that, als die Porporina durch eine unerklärbare Laune, mitten in einer glänzenden Roulade, die ihr niemals fehlgeschlagen, stecken blieb, ihre entsetzten Blicke nach einem Winkel des Saales richtete, mit gefalteten Händen rief: o Gott! und, so lang sie war, auf die Bühne niederfiel. Porporino beeilte sich, sie aufzuheben. Er mußte sie in die Kulisse tragen und ein Geschwirr von Fragen, Bemerkungen, Vermuthungen erhob sich im Saale.

Während dieser Aufregung sprach der König den auf der Bühne gebliebenen Tenor an und fragte ihn, begünstigt durch das Geräusch, welches seine Stimme bedeckte, mit seinem kurzen, herrischen Wesen:

– Nun, was giebt's denn? was soll das heißen? Conciolini, sehe Er nach, mach Er schnell!

Nach wenig Augenblicken kam Conciolini zurück und sagte, sich ehrfurchtsvoll über die Rampe beugend, an welcher der König mit dem Elnbogen aufgestützt stand.

– Sire, die Signora Porporina ist wie todt. Man fürchtet, sie wird die Oper nicht zu Ende bringen können.

– Geh Er doch! sagte der König, die Achseln zuckend, man gebe ihr ein Glas Wasser, etwas zu riechen und mache ein Ende!

Der Sänger, welcher keine Lust hatte, den König ungeduldig zu machen und öffentlich einen Ausfall übler Laune auf sich zu ziehen, lief eilig, gleich einer Rolle, in die Kulisse, und der König begann lebhaft mit dem Kapellmeister und den Musikern der Kapelle zu sprechen, während der Theil des Publikums, der sich weit mehr um die Laune des Königs, als um die arme Porporina bekümmerte, unerhörte, doch nutzlose Anstrengungen machte, um etwas von den Worten des Monarchen zu verstehen.

Der Baron von Pöllnitz, Oberkammerherr des Königs und Director des Schauspiels, trat bald darauf zu Friedrich, um ihm von der Lage der Dinge Rechenschaft zu geben. Bei Friedrich geschah nichts mit jener Feierlichkeit, welche einem unabhängigen und mächtigen Publikum imponirt. Der König war überall zu Hause, das Schauspiel gehörte ihm und war für ihn. Niemand wunderte sich, ihn als den ersten Schauspieler dieses unerwarteten Zwischenspiels auftreten zu sehen.

– Nun, Baron, sagte er laut genug, um von einem Theil des Orchesters verstanden zu werden, wird es bald aufhören? 's ist lächerlich! Hat Er keinen Arzt in den Kulissen? Er muß immer einen Doktor auf dem Theater haben.

– Sire, der Doctor ist da. Er wagt aber nicht der Sängerin zur Ader zu lassen, aus Furcht, sie noch schwächer und es ihr unmöglich zu machen, ihre Rolle fortzuspielen. Doch wird er am Ende dazu gezwungen sein, wenn sie aus dieser Ohnmacht nicht zu sich kommt.

– Es ist also ernsthaft? keine bloße Grimasse?

– Sire, es scheint mir sehr ernsthaft.

– Dann laß Er den Vorhang herunter, und wir wollen gehen, oder Porporino mag kommen und uns etwas vorsingen, damit wir entschädigt werden und nicht mit einer Katastrophe nach Hause gehen.

Porporino gehorchte und sang bewundernswürdig zwei Arien. Der König klatschte Beifall, das Publikum ahmte ihm nach und die Vorstellung war beendigt.

Einige Minuten nachher, während der Hof und die übrigen Zuschauer das Haus verließen, war der König auf dem Theater und ließ sich von Pöllnitz in die Loge der Primadonna führen.

Eine Schauspielerin, welche auf der Bühne unwohl wird, ist kein Ereigniß, an welchem das Publikum Theil nimmt, wie es sollte; wie verehrt auch die Künstlerin sein mag, so herrscht doch im Allgemeinen so viel Egoismus in dem Genuß des Dilettanten, daß er bei der Unterbrechung des Schauspiels weit eher Unmuth fühlt um einen Theil seines Vergnügens zu kommen, als Theil an den Schmerzen der Angst der Kranken nimmt. Einige »sensible« Frauen, wie man in jener Zeit sagte, beklagten die Katastrophe des Abends in folgenden Ausdrücken:

– Die arme Kleine hat wohl ein Haar in der Kehle gehabt, als sie ihren Triller machen wollte, und aus Furcht, umzuwerfen, ist sie lieber in Ohnmacht gefallen.

– Ich möchte fast glauben, es sei mehr als Schein, sagte eine noch sensiblere Dame, wenn man nicht wirklich krank ist, läßt man sich mit dieser Gewalt nicht hinfallen.

– Ach, wer weiß denn, ma chère? erwiederte die Erste; wenn man eine große Komödiantin ist, fällt man wie man will und fürchtet nicht, sich ein wenig Schaden zu thun. Das macht so viel Aufsehen im Publikum!

– Was Teufel hat denn heute Abend diese Porporina, uns ein solches Spektakel zu geben? sagte in einem andern Theil der Vorhalle, wo sich die vornehme Welt beim Ausgehen drängte, la Mettrie zum Marquis d'Argens. Sollte ihr Liebhaber sie geschlagen haben?

– Sprechen Sie von einem reizenden und tugendhaften Mädchen nicht in dieser Weise, antwortete der Marquis, sie hat keinen Geliebten, und wenn sie je einen bekommt, wird sie nicht verdienen, von ihm beschimpft zu werden, wenn er nicht der gemeinsten Hefe des Volkes angehört.

– Ach, Pardon, Marquis! Ich vergaß, daß ich mit dem edlen Ritter aller Theaterdamen sprach, die es gewesen, sind und sein werden. Apropos, wie geht es Mademoiselle Cochois?

– Liebes Kind, sagte in demselben Augenblick die Prinzessin Amalie von Preußen, Schwester des Königs, und Aebtissin von Quedlinburg, zu ihrer gewöhnlichen Vertrauten, der schönen Gräfin von Kleist, während sie nach ihrem Palast zurückfuhr, hast du die Aufregung meines Bruders während des Abenteuers dieses Abends bemerkt?

– Nein, gnädigste Frau, antwortete Frau von Maupertuis, Obersthofmeisterin der Prinzessin, eine sehr treffliche, sehr einfache und sehr zerstreute Dame, ich habe nichts bemerkt.

– Ei, ich spreche auch nicht mit dir, erwiederte die Prinzessin mit jenem heftigen, entschiedenen Tone, der ihr zuweilen so viel Aehnlichkeit mit Friedrich gab: bemerkst du denn je etwas? Schau jetzt ein wenig nach den Sternen; ich habe der Kleist etwas zu sagen, das du nicht hören sollst.

Frau von Maupertuis schloß gewissenhaft ihr Ohr und die Prinzessin beugte sich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau von Kleist und fuhr also fort:

– Sage, was du willst, ich glaube, zum ersten Male, seit fünfzehn oder zwanzig Jahren vielleicht, seitdem ich im Stande bin, so etwas zu beobachten und zu verstehen, der König ist verliebt.

– Ihre königliche Hoheit sagte vergangenes Jahr in Bezug auf Mademoiselle Barberini eben so, und doch hat Se. Majestät nie daran gedacht.

– Nie daran gedacht! Du irrst dich, Kind. Er hat so sehr daran gedacht, daß, als der junge Kanzler Cocceji sie zu seiner Frau machte, mein Bruder drei Tage lang in den schönsten Zorn gerathen ist, den er Zeit seines Lebens gehabt hat.

– Ihre Hoheit wissen wohl, daß Se. Majestät die Mesalliancen nicht leiden kann.

– Ja, so heißt man die Heirathen aus Liebe. Mesalliancen! o, das große Wort! ohne Sinn, wie alle Worte, welche die Welt regieren und die Einzelnen tyrannisiren.

Die Prinzessin seufzte tief und nach ihrer Gewohnheit schnell in eine andere Geistesstimmung übergehend, sagte sie voll Spott und Ungeduld zu ihrer Oberhofmeisterin:

– Maupertuis, du hast gehorcht! Du sahst nicht nach den Sternen, wie ich es befohlen. Das lohnt sich wohl auch der Mühe, für die Frau eines so großen Gelehrten, auf das Geschwätz zweier Närrinnen zu hören, wie die Kleist und ich.

– Ja, ich sage dir, fuhr sie zu ihrer Favoritin gewendet, fort, der König hatte wirklich eine Neigung für diese Barberini. Ich weiß es von guter Hand, daß er oft nach dem Schauspiel mit Jordan und Chazols den Thee in ihrer Wohnung einnahm, und daß sie sogar mehr als einmal an den Soupers von Sanssouci Theil nahm, was vor ihrer Zeit im Leben von Potsdam unerhört war. Soll ich dir noch mehr sagen? Sie hat Wochen, ja vielleicht Monate lang, daselbst gewohnt und ein Appartement gehabt. Du siehst, ich weiß recht gut, was vorgeht und das geheimnißvolle Wesen meines Bruders imponirt mir nicht.

– Da Ihre königliche Hoheit so wohl unterrichtet ist, so weiß sie wohl auch, daß aus … Staatsrücksichten, die mir zu erklären nicht zukommen, der König den Glauben verbreiten wollte, er sei nicht so streng, als man dachte, obgleich er im Grunde …

– Obgleich im Grunde mein Bruder nie eine Frau, selbst nicht die Königin, wie man sagt und wie es scheint, geliebt hat? Nun, meinetwegen, ich glaube an diese Tugend nicht, noch weniger an diese Kälte. Siehst du, Friedrich ist stets ein Heuchler gewesen. Aber er wird mich nicht überreden, die Barberini habe in seinem Palaste gewohnt, um nur zum Schein seine Mätresse zu sein. Sie ist hübsch wie ein Engel, hat Geist wie ein Teufel, ist unterrichtet und spricht, ich weiß nicht wie viel Sprachen.

– Sie ist sehr tugendhaft und betet ihren Mann an.

– Und ihr Mann sie, um so mehr, da es eine abscheuliche Mesalliance ist, nicht wahr, Kleist? Nun, du willst mir nicht antworten? Ich habe dich im Verdacht, edle Wittwe, ebenfalls an eine Mesalliance mit irgend einem armen Pagen oder einem kleinen Baccalaureus der Wissenschaften zu denken.

– Und Ihre Hoheit wünschten gern eine Herzensmesalliance zwischen dem König und einer Opernmamsell errichtet zu sehen.

– O, bei der Porporina wäre die Sache weit wahrscheinlicher und die Entfernung weniger abschreckend. Ich denke, auf dem Theater, wie am Hofe giebt es eine Hierarchie, denn dieses Vorurtheil liegt nun einmal als Krankheitsstoff in der Phantasie des menschlichen Geschlechts. Eine Sängerin muß sich viel höher schätzen, als eine Tänzerin, und man sagt übrigens auch, daß diese Porporina noch weit mehr Geist, Kenntniß und Anmuth besitzen soll, kurz, daß sie weit mehr Sprachen versteht, als die Barberini. Sprachen sprechen, die er nicht versteht, das ist die Manie meines Bruders. Und dann die Musik, die er ebenfalls dem Schein nach so sehr liebt, obgleich er nicht daran denkt. Siehst du, das ist wieder ein Berührungspunkt mit unsrer Primadonna. Sie geht ebenfalls im Sommer nach Potsdam, bekommt das Appartement, welches die Barberini hatte, in dem neuen Sanssouci, sie singt bei den kleinen Concerten des Königs … ist das nicht genug, um meine Vermuthung zu rechtfertigen?

– Ihre Hoheit schmeicheln sich vergeblich, in dem Leben unsers großen Königs eine Schwäche aufzufinden. Alles das geschieht zu offen, mit zu großer Wichtigkeit, als daß die Liebe daran einen Theil haben könnte.

– Die Liebe? nein. Friedrich weiß nicht, was Liebe ist; aber ein gewisser Reiz, eine kleine Intrigue. Alle Welt spricht davon ganz leise, das kannst du nicht läugnen.

– Niemand glaubt es, gnädige Frau. Man flüstert sich zu, der König bemühe sich zu seiner Zerstreuung an dem Geschwätz und den hübschen Rouladen einer Sängerin Geschmack zu finden, aber nach Verlauf von einer Viertelstunde bricht er Geschwätz und Rouladen ab, indem er zu ihr, wie zu einem seiner Staatssekretäre spricht:

»– Genug für heute; wenn ich morgen Lust haben sollte, etwas zu hören, werde ich es sagen lassen.«

– Das ist freilich nicht galant. Wenn er auf diese Weise der Frau von Cocceji den Hof machte, so wundere ich mich nicht, daß sie ihn nie hat leiden können. Sagt man, die Porporina habe dieselbe Laune gegen ihn?

– Man sagt, sie sei vollkommen bescheiden, anständig, schüchtern und trübsinnig.

– Nun, das wäre das beste Mittel, dem König zu gefallen. Vielleicht ist sie sehr listig. Wenn sie es wäre, und, wenn man ihr trauen könnte!

– Trauen Sie Niemand, gnädigste Frau, ich bitte Sie, selbst nicht Frau von Maupertuis, die in diesem Augenblicke so ruhig schnarcht.

– Laß sie schnarchen! Wachend oder schlafend, ist sie immer derselbe Dummkopf … Doch meinetwegen, Kleist, ich möchte wohl die Porporina kennen lernen und wissen, ob man mit ihr etwas machen könnte. Ich bedaure sehr, daß ich mich geweigert habe, sie bei mir zu empfangen, als der König mir vorschlug, sie neulich Morgens zu mir zu führen, um zu musiciren. Du weißt, ich war gegen sie eingenommen …

– Gewiß ohne Grund. Es war ganz unmöglich …

– Ach, sei dem, wie Gott wolle, der Kummer und der Schrecken haben seit einem Jahre so an mir genagt, daß die kleineren Sorgen ganz verschwunden sind. Ich habe Lust, das junge Mädchen zu sehen. Wer weiß, ob sie nicht vom König erhielte, weshalb wir ihn vergeblich anflehen. Ich denke daran seit mehreren Tagen, und da ich nichts Anderes im Sinne habe, als das, was du weißt, so bin ich in dem Gedanken, daß mir vielleicht hier eine Pforte der Hoffnung geöffnet wird, bestärkt worden, als ich sah, wie unruhig und besorgt heut' Abend Friedrich ihretwegen war.

– Ihre Hoheit mögen sich wohl in Acht nehmen … die Gefahr ist groß.

– Das sagst du immer; ich bin mißtrauischer und klüger als du. Nun, wir werden noch daran denken. Wecke meine liebe Oberhofmeisterin auf, wir sind zu Hause.

2.

Während die junge und schöne Aebtissin Bekanntlich gab Friedrich Abteien, Canonicate und Bisthümer seinen protestantischen Günstlingen, Offizieren und Verwandten. Nachdem die Prinzessin Amalie hartnäckig sich geweigert hatte, sich vermählen zu wollen, erhielt sie von ihm die Abtei Quedlinburg, eine königliche Präbende, welche jährlich 500 000 Livree eintrug, und von der sie, gleich den katholischen Canonissen, den Titel führte. sich diesen Bemerkungen überließ, trat der König ohne zu klopfen, in die Loge der Porporina, in dem Augenblick, wo sie anfing, wieder zum Leben zu erwachen.

– Nun, Mamsell, sagte er in einem wenig theilnehmenden und selbst sehr wenig höflichen Tone, wie geht's? Ist Sie diesen Zufällen oft unterworfen? In Ihrem Stande wäre das ein großes Uebel. Hat Sie denn einen Verdruß gehabt? Ist Sie denn so krank, daß Sie mir nicht antworten kann? Antworte Er mir, sagte er, sich zum Arzt wendend, der um die Sängerin beschäftigt war, ist sie gefährlich krank?

– Ja Sire, antwortete der Arzt. Der Puls ist kaum zu fühlen, der Blutumlauf ist ganz gestört und alle Lebensfunctionen sind wie aufgehoben; die Haut ist eisig kalt.

– Das ist wahr, sagte der König, die Hand des jungen Mädchens in die seine nehmend, das Auge ist starr, der Mund farblos. Geb' Er ihr ein paar Hoffmann'sche Tropfen! zum Teufel, ich dachte es wäre blos eine Komödienscene, ich habe mich getäuscht. Das Mädchen ist sehr krank. Sie ist weder boshaft, noch launisch, nicht wahr, Signor Porporino? Es hat ihr doch Niemand Verdruß gemacht diesen Abend? Niemand hat sich über sie zu beklagen gehabt, wie?

– Sire, es ist keine Komödiantin, sagte Porporino, es ist ein Engel.

– Nichts weiter! Ist Er verliebt in sie?

– Nein, Sire, ich achte sie unendlich hoch, ich betrachte sie wie meine Schwester.

– Dank Euch Beiden und Gott, der die Komödianten nicht mehr zur Hölle verdammet! Mein Theater wird eine wahre Tugendschule werden! Nun, da kommt sie ja wieder ein wenig zu sich. Porporina, erkennt Sie mich nicht?

– Nein, mein Herr, antwortete Porporina, den König, der ihr die Hände klopfte, mit stierem Blick ansehend.

– Es ist vielleicht ein Gehirnschlag, sagte der König. Hat Er bemerkt, daß sie epileptisch wäre?

– O, Sire, nie! das wäre entsetzlich! antwortete der Porporino, von der rohen Art verletzt, mit der der König über ein so schönes Mädchen sprach.

– O, halt, laß Er ihr nicht zur Ader! sagte der König, den Arzt, der seine Lancette ergreifen wollte, zurückstoßend. Ich sehe es nicht gerne, unschuldiges Blut zu vergießen, außer auf dem Schlachtfelde. Ihr seid keine Kriegsleute, Ihr seid nur Mörder! Laß Er sie in Ruhe, gebe Er ihr frische Luft, Porporino; und laßt ihr nicht zur Ader, sie kann daran sterben. Diese Leute zweifeln an gar nichts. Ich vertraue sie Ihm an, führe Er sie in seinem Wagen nach Hause, Pöllnitz! Kurz, Er steht mir für sie. Es ist die größte Sängerin, die wir gehabt haben, und wir finden so bald keine gleiche. Apropos, was wird Er uns morgen singen, Signor Conciolini?

Der König stieg mit dem Tenor die Theatertreppe hinab, indem er von andern Dingen sprach, und ging, sich mit Voltaire, la Mettrie, d'Argens, Algarotti und dem General Quintus Icilius zum Abendessen zu begeben.

Friedrich war hart, gewaltthätig und durchaus egoistisch. Bei dem Allen aber konnte er auch zu gewissen Stunden großmüthig und gut, sogar zärtlich und herzlich sein. Das ist kein Paradox. Alle Welt kennt den zu gleicher Zeit fürchterlichen und verführerischen Charakter dieses vielseitigen Mannes, eine complicirte und mit Widersprüchen angefüllte Organisation, wie alle großartigen Naturen, besonders, wenn sie mit der höchsten Gewalt bekleidet sind und ein bewegtes Leben sie in jeder Hinsicht entwickelt hat.

Während Friedrich mitten unter diesen theuren Freunden, die er nicht liebte, und diesen bewundernswürdigen Schöngeistern, die er nicht bewunderte, zu Abend aß und mit bitterem Spott und Anmuth, mit Rohheit und Feinheit das Gespräch fortführte, wurde er plötzlich nachdenkend und erhob sich, nach Verlauf weniger Augenblicke, und sagte zu seinen Gästen:

– Sprecht immer weiter, ich höre schon!

Darauf ging er in das Nebenzimmer, nahm seinen Hut und Degen, gab einem Pagen ein Zeichen, ihm zu folgen, und verlor sich in die Gallerien und geheimnißvollen Treppen seines alten Palastes, während seine Gäste ihn immer noch in der Nähe glaubend, ihre Worte genau abmaßen und nichts zu sagen wagten, was er nicht hören durfte. Uebrigens mißtrauten sie sich auch gegenseitig (und mit Recht) dermaßen, daß sie, sie mochten im preußischen Lande sein, wo sie wollten, immer das furchtbare und boshafte Phantom Friedrichs über ihren Häuptern schweben fühlten.

La Mettrie, ein vom König wenig consultirter Arzt und wenig gehörter Vorleser, war der Einzige, der die Furcht nicht kannte und sie Niemanden einflößte. Man sah ihn für gänzlich harmlos an, und er hatte das Mittel gefunden, Jedermann unschädlich für sich zu machen, indem er in Gegenwart des Königs soviel kecke, thörichte und unüberlegte Streiche begangen und Reden geführt, daß es unmöglich war, ihm größere anzudichten, und kein Feind, kein Angeber ihm ein Unrecht aufbürden konnte, wozu er nicht keck und unbekümmert den König selbst zum Zeugen genommen hätte. Er schien die angebliche philosophische Gleichheit, zu welcher der König in seinem Privatleben mit den sieben oder acht Personen, die er seines vertrauteren Umganges würdigte, sich bekannte, ganz wörtlich zu nehmen.

In jener Zeit, nach einer zehnjährigen Regierung, hatte Friedrich, noch jung, nicht gänzlich die populäre Leutseligkeit des Kronprinzen und des verwegenen Philosophen von Reinsberg abgelegt. Diejenigen, welche ihn kannten, hüteten sich wohl, dem zu trauen. Voltaire, von Allen der Verwöhnteste und der am letzten Angekommene, begann, sich darüber zu beunruhigen, und den Tyrannen hinter dem guten Fürsten, den Dionys hinter Mark Aurel hervorblicken zu sehen.

Doch La Mettrie behandelte den König, mochte es nun unerhörte Einfalt, oder tiefe Berechnung, oder kecke Sorglosigkeit sein, mit ebenso wenig Umständen, als der König es zu wollen behauptete. Er legte in seinen Zimmern seine Cravatte, seine Perrücke, sogar seine Schuhe ab, streckte sich auf die Sopha's aus, unterhielt sich mit ihm ganz ungenirt, widersprach ihm offen, bekannte ungescheut die geringe Achtung, die er für die Größen dieser Welt, für die königliche Würde, wie für die Religion und für alle andere durch die » Vernunft« jener Zeit bekämpfte » Vorurtheile« hegte: kurz, er betrug sich wie ein wahrer Cyniker und gab selbst so viel Anlaß zur Ungnade und zum Fortjagen, daß es ein Wunder war, wie er noch in seinen Verhältnissen bleiben konnte, da so viele Andere um weit geringfügigerer Vergehen wegen gestürzt und vernichtet worden waren.

Auf argwöhnische und mißtrauische Charaktere aber, wie Friedrich einer war, macht ein von Spionen berichtetes, hinterlistiges Wort, eine scheinbare Heuchelei, ein leiser Zweifel weit größeren Eindruck als tausend Unklugheiten. Friedrich hielt seinen la Mettrie für wahnsinnig und blieb oft vor Erstaunen versteinert vor ihm stehen und sagte zu sich selbst:

– Das ist doch ein Thier von einer wahrhaft kolossalen Unverschämtheit!

Dann fügte er bei sich selbst aber hinzu:

– Es ist aber doch ein aufrichtig Gemüth! der ist nicht doppelzüngig, er hat nicht zweierlei Meinungen in Bezug auf mich. Er kann mich im Verborgenen nicht mehr mißhandeln, als er es offen thut; alle die Andern aber, die zu meinen Füßen liegen, was mögen sie nicht Alles sagen und denken, sobald ich den Rücken wende und sie sich aufrichten! La Mettrie ist also der ehrlichste Mann, den ich besitze, und ich muß ihn um so mehr ertragen, da er wirklich unerträglich ist.

Die Gewohnheit war dazu gekommen. La Mettrie konnte den König nicht mehr erzürnen, es war ihm sogar gelungen, Manches ihm von seiner Seite angenehm zu machen, was ihn bei jedem Andern empört haben würde. Während Voltaire von allem Anfang an sich in ein System der Schmeichelei verwickelt hatte, das er nicht fortführen konnte und dessen er selbst entsetzlich müde und überdrüssig wurde, ging der cynische la Mettrie immer seinen Gang fort, amüsirte sich auf seine eigene Rechnung, stand mit Friedrich auf demselben Fuße, wie mit dem ersten Besten, den er traf, und sah sich nicht in die Nothwendigkeit versetzt, ein Götzenbild zu verwünschen und zu stürzen, dem er nie etwas geopfert, nie etwas versprochen hatte.

Daher kam es, daß Friedrich, der schon anfing, bei Voltaire Langweile zu fühlen, sich mit la Mettrie stets herzlich amüsirte und nicht ohne ihn sein konnte, weil dieser seinerseits der einzige Mensch war, der nicht den Schein annahm, sich bei ihm zu amüsiren.

Der Marquis d'Argens, Kammerherr mit 6 000 Francs (der erste Kammerherr Voltaire erhielt 20 000), war jener leichtfertige Philosoph, jener anmuthige und oberflächliche Schriftsteller, ein wahrer Franzos seiner Zeit, gut, leichtsinnig, aufbrausend, sentimental, so tapfer als verweichlicht, so geistreich und edel als spottsüchtig, ein Mann, der zwei verschiedenen Lebensepochen angehörte, romanhaft wie ein Jüngling und skeptisch wie ein Greis. Nachdem er seine Jugend mit Schauspielerinnen zugebracht und wechselsweise betrogen hatte und betrogen worden war, immer verliebt in die Letztangekommene, hatte er insgeheim Mademoiselle Cochois, die erste Liebhaberin der französischen Komödie in Berlin, geheirathet, eine sehr häßliche, aber sehr geistreiche Person, die er sich die Mühe genommen hatte, zu unterrichten. Friedrich kannte diese geheime Verbindung noch nicht, und d'Argens hütete sich wohl, sie denen zu offenbaren, welche ihn verrathen konnten. Voltaire jedoch besaß sein Vertrauen.

D'Argens liebte den König aufrichtig, wurde aber nicht mehr geliebt als die Andern. Friedrich glaubte an die Zuneigung von Niemand, und der arme d'Argens war bald der Gehülfe, bald das Ziel seiner grausamsten Spöttereien.

Man weiß, daß der von Friedrich mit dem emphatischen Beinamen Quintus Icilius geschmückte Obrist von Geburt ein Franzos, Namens Guichard, war, ein tüchtiger Militär und gelehrter Taktiker, übrigens ungeheuer habsüchtig, wie alle Leute seines Schlags und Höfling in der ganzen Bedeutung des Wortes.

Wir wollen nichts von Algarotti sagen, um den Leser nicht durch eine Gallerie historischer Personen zu ermüden. Wir begnügen uns, die Gedanken der Gäste Friedrichs während dessen Entfernung anzudeuten, und wir haben schon gesagt, daß sie sich, statt dadurch von dem geheimen Zwang, der auf sie lastete, erleichtert, nur befangener fühlten und kein Wort sagen konnten, ohne auf die halboffene Thür zu sehen, durch welche der König gegangen war, und hinter welcher er vielleicht stand, um sie zu belauschen.

La Mettrie allein machte eine Ausnahme, und da er bemerkte, daß die Bedienung der Tafel während der Abwesenheit des Königs sehr vernachlässigt wurde, rief er:

– Zum Henker, ich finde es sehr ungeschickt von dem Herrn des Hauses, daß er es uns an Dienern und Champagner fehlen läßt, und ich will sehen, ob er drinnen ist, um meine Klage anzubringen.

Er stand auf, ging, ohne zu besorgen, unbescheiden zu erscheinen, bis in das Zimmer des Königs und kam zurück mit dem Ausruf:

– Kein Mensch! das wird interessant! er ist im Stande, zur Beförderung seiner Verdauung ein Pferd zu besteigen und ein Manöver bei Fackeln ausführen zu lassen. Der Narr!

– Narr Sie selbst! sagte Quintus Icilius, der sich an die Seltsamkeiten la Mettrie's nicht gewöhnen konnte.

– Der König ist also ausgegangen? fragte Voltaire, indem er freier zu athmen begann.

– Ja, der König ist ausgegangen, sagte der Baron von Pöllnitz eintretend. Ich bin ihm soeben blos von einem Pagen begleitet in einem hinteren Hofe begegnet. Er war in großem Incognito, mit seinem mauerfarbenen Rocke angethan, deswegen habe ich ihn auch nicht erkannt.

Wir müssen schon ein Wort über diesen dritten Kammerherrn, der eben eingetreten ist, sagen, sonst möchte der Leser nicht begreifen, wie ein Anderer als la Mettrie wagen konnte, sich so ungescheut über seinen Herrn auszusprechen.

Pöllnitz, dessen Alter eben so problematisch, als seine Behandlung und Anstellung, war jener preußische Baron, jener Wüstling der Regentschaft, welcher in seiner Jugend am Hofe der Pfalzgräfin, der Mutter des Herzogs von Orleans glänzte, jener zügellose Spieler, dessen Schulden der König von Preußen nicht mehr bezahlen wollte, ein großer Abenteurer, gemeiner Wollüstling und heimlicher Aufpasser, etwas von einem Betrüger, und ein unverschämter Höfling, der von seinem Herrn genährt, an der Kette geführt, verachtet, verspottet und sehr schlecht bezahlt wurde, ihm aber doch unentbehrlich war, weil ein absoluter Fürst stets einen Mann bei der Hand haben muß, der fähig ist, die abscheulichsten Dinge zu begehen und darin sein Vergnügen zu finden, als Schadloshaltungen für seine Demüthigungen und als eine Nothwendigkeit seines Daseins.

Pöllnitz war noch dazu in jener Zeit der Director der Theater Sr. Majestät, eine Art Oberaufseher seiner Privatvergnügungen. Man nannte ihn bereits den alten Pöllnitz und er hieß noch dreißig Jahr später eben so. Er war der ewige Höfling. Beim verstorbenen König war er Page gewesen und vereinigte mit den raffinirten Lastern der Regentschaft die gemeine Zügellosigkeit der Tabagie Friedrich Wilhelms des Ersten, und die impertinente Steifheit der schöngeistigen und militärischen Regierung Friedrichs des Großen. Da seine Gunst bei diesem Letztern sich fortdauernd in einem chronischen Zustand der Ungnade befand, so kümmerte er sich wenig darum, sie zu verlieren. Uebrigens, da er stets die Rollen eines anregenden Aufpassers spielte, besorgte er bei dem Herrn, der ihn beschäftigte, nicht, durch irgend Jemand verleumdet zu werden.

– Ei, lieber Baron, rief la Mettrie, Sie hätten dem König folgen sollen, um uns hernach sein Abenteuer erzählen zu können. Wir hätten ihn dann bei seiner Rückkehr schön fluchen lassen, wenn wir ihm gesagt hätten, daß wir, ohne die Tafel zu verlassen, seine ritterlichen Heldenthaten gesehen hätten.

– Noch besser, sagte Pöllnitz lachend, wenn wir es ihm morgen gesagt und das Räthsel auf Rechnung des Hexenmeisters geschoben hätten.

– Welches Hexenmeisters? fragte Voltaire.

– Des berühmten Grafen von Saint Germain, der seit diesem Morgen hier ist.

– Wirklich? Ich bin sehr begierig zu wissen, ob es ein Charlatan oder ein Narr ist.

– Das ist eben das Schwierige, sagte la Mettrie. Er versteckt sein Spiel so gut, daß Niemand daraus klug werden kann.

– Ei, das ist so dumm nicht, meinte Algarotti.

– Sprechen wir von Friedrich, fing la Mettrie wieder an, ich möchte durch eine hübsche Geschichte seine Neugier reizen, damit er uns dieser Tage einmal beim Abendessen Saint Germain und seine Abenteuer vor der Sündfluth vorsetzte. Das sollte mich königlich ergötzen. Nun, wo mag unser guter Monarch jetzt wohl sein? Baron, Sie wissen es! Sie sind zu neugierig, um ihm nicht gefolgt, oder zu listig, um ihn nicht errathen zu haben.

– Soll ich's Ihnen sagen? antwortete Pöllnitz.

– Ich hoffe, mein Herr, sagte Quintus, ganz blau vor Unwillen, Sie antworten auf die sonderbaren Fragen des Herrn la Mettrie nicht. Wenn Se. Majestät …

– O Liebster, rief la Mettrie, von zehn Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens giebt es hier keine Majestät. Das hat Friedrich ein für allemal zum Gesetz gemacht und ich erkenne nur das Gesetz: »Es giebt keinen König beim Abendessen.« Sie sehen also nicht, wie der arme König sich langweilt, und sind ein so schlechter Diener und Freund, daß Sie ihm nicht helfen wollen während der süßen Stunden der Nacht die Last seiner Größe zu vergessen? Nun Pöllnitz, theurer Baron, sprechen Sie, wo ist der König jetzt?

– Ich mag es nicht wissen! sagte Quintus aufstehend und die Tafel verlassend.

– Wie es Ihnen beliebt, antwortete Pöllnitz. Diejenigen, die mich nicht hören wollen, mögen sich die Ohren zuhalten.

– Ich öffne die meinigen, sagte la Mettrie.

– Meiner Treu, auch ich, bemerkte Algarotti lachend.

– Meine Herren, sagte Pöllnitz, Se. Majestät ist bei der Signora Porporina.

– Das ist ein köstlicher Spaß! rief la Mettrie und fügte eine lateinische Phrase hinzu, die ich nicht übersetzen kann, weil ich das Latein nicht verstehe.

Quintus Icilius wurde blaß, und ging aus dem Zimmer. Algarotti recitirte ein italienisches Sonnett, das ich auch nicht verstehe, und Voltaire improvisirte vier Verse, worin er Friedrich mit Julius Cäsar verglich; draus sahen sich die drei Gelehrten lächelnd an und Pöllnitz nahm mit Ernst das Wort.

– Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, der König ist bei der Porporina.

– Können Sie uns nicht etwas Anderes geben? sagte d'Argens, dem das Alles höchlich mißfiel, weil er nicht der Mann war, Andere zu verrathen, um seinen Credit zu vermehren.

Pöllnitz antwortete, ohne Verlegenheit zu verrathen:

– Alle Teufel, Herr Marquis! Wenn der König uns sagt, Sie seien bei Mademoiselle Cochois, so finden wir das keineswegs scandalös. Warum halten Sie es anders, wenn er bei Mademoiselle Porporina ist?

– Das sollte Sie im Gegentheil erbauen, sagte Algarotti; und wenn es wahr ist, so schreibe ich's nach Rom.

– Und Se. Heiligkeit, die ein kleiner Schalk ist, fügte Voltaire hinzu, wird ganz artige Dinge darüber sagen.

– Worüber wird Se. Heiligkeit sich lustig machen? fragte der König plötzlich in der Thür des Eßsaales erscheinend.

– Ueber die Liebe Friedrichs des Großen mit der Porporina von Venedig, antwortete la Mettrie keck.

Der König wurde blaß und schleuderte einen furchtbaren Blick auf seine Gäste, die alle, mit Ausnahme la Mettrie's, mehr oder weniger erblaßten.

– Was wollen Sie denn? sagte der Letztere ruhig, Herr von Saint Germain hat heute Abend in der Oper prophezeiht, daß in der Stunde, wo Saturn zwischen Regulus und die Jungfrau tritt, Se. Majestät von einem Pagen begleitet …

– Ja, wer ist der Graf von Saint Germain? fragte der König, sich mit der größten Ruhe niedersetzend und la Mettrie sein Glas reichend, damit er es ihm mit Champagner fülle.

Man sprach vom Grafen von Saint Germain und das Gewitter war auf diese Weise ohne Explosion vorübergegangen. Im ersten Augenblick hatte die Impertinenz von Pöllnitz, der ihn verrathen, und la Mettrie's Kühnheit, der es ihm zu sagen gewagt, den König in großen Zorn versetzt; aber während la Mettrie die drei Worte sagte, erinnerte sich Friedrich, daß er Pöllnitz befohlen habe, bei der ersten Gelegenheit über irgend etwas zu schwätzen, um die Andern zum Schwatzen zu bringen. Er war also mit jener Leichtigkeit und Freiheit des Geistes, die er im höchsten Grade besaß, in sich gegangen und von seiner nächtlichen Promenade war nicht mehr die Rede, als wenn sie Niemand bemerkt hätte. La Mettrie würde wohl gewagt haben, wieder darauf zurück zu kommen, wenn er daran gedacht hätte; aber sein leichter Sinn folgte dem neuen Wege, welchen Friedrich ihm eröffnete, und auf diese Weise beherrschte Friedrich oft selbst la Mettrie. Er behandelte ihn wie ein Kind, das man im Begriff sieht, einen Spiegel zu zerbrechen, oder zum Fenster hinaus zu springen, und dem man ein Spielzeug vorhält, um es zu zerstreuen und von seiner Phantasie abzubringen. Jeder gab seine Bemerkung über den berühmten Grafen von Saint Germain zum Besten, Jeder erzählte seine Anekdote. Pöllnitz gab vor, ihn vor zwanzig Jahren in Frankreich gesehen zu haben.

– Und ich habe ihn diesen Morgen wieder gesehen, fügte er hinzu, und so wenig gealtert, als wenn ich ihn erst gestern verlassen hätte. Ich erinnere mich, daß er, als wir eines Abends in Frankreich von dem Tode unsers Herrn Jesu Christi sprachen, auf die ergötzlichste Weise und mit einem unglaublichen Ernste ausrief:

»– Ich hatte es ihm wohl gesagt, daß er am Ende sich böse Händel bei diesen abscheulichen Juden machen würde. Ich habe ihm sogar ziemlich Alles, was später eintraf, vorausgesagt, aber er hörte mich nicht: sein Eifer ließ ihn alle Gefahren verachten. Sein tragisches Ende hat mir aber auch einen Schmerz verursacht, über den ich mich nie trösten werde und ich kann nicht daran denken, ohne Thränen zu vergießen!«

Bei diesen Worten weinte dieser dämonische Graf in vollem Ernst und wenig fehlte, so hätte er auch uns zu weinen gebracht.

– Er ist ein so guter Christ, sagte der König, daß mich das bei Ihm nicht wundert.

Pöllnitz hatte drei- oder viermal oft in einem Tage die Religion geändert, um die Pfründen und Stellen zu erhalten, mit denen der König ihn scherzend gekötert hatte.

– Ihre Anekdote ist schon mehrmals da gewesen, sagte d'Argens zum Baron, das ist nur ein Witz. Ich habe bessere gehört und was in meinen Augen diesen Grafen von Saint Germain zu einer interessanten und merkwürdigen Person macht, das ist die Menge von völlig neuen und geistreichen Bemerkungen, durch welche er Ereignisse in der Geschichte erklärt, die zu ihren dunkelsten Streitfragen gehören. Ueber welchen Gegenstand, über welche Epoche man ihn auch fragen mag, so sieht und hört man, wie man sagt, mit Erstaunen, daß er eine Menge wahrscheinlicher und interessanter Dinge kennt oder erfindet, wodurch er über die geheimnißvollsten Ereignisse ein immer neues Licht zu werfen versteht.

– Wenn er wahrscheinliche Dinge sagt, bemerkte Algarotti, so muß er ein außerordentlich gelehrter Mann und mit einem wunderbaren Gedächtniß versehen sein.

– Noch mehr als das, sagte der König. Die Gelehrsamkeit reicht nicht hin, die Geschichte zu erklären. Dieser Mann muß einen großen Verstand und eine tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens haben. Es bleibt nur noch die Frage, ob diese schöne Organisation durch die Thorheit, eine ausfallende Rolle zu spielen, verfälscht worden ist, indem er sich eine ewige Existenz und die Erinnerung an Ereignisse vor seinem menschlichen Leben beilegt, oder ob sein Gehirn, in Folge langer Studien und anhaltender Meditationen sich so verwirrt hat, daß er einer Monomanie zum Opfer gefallen ist.

– Ich wenigstens, sagte Pöllnitz, kann Ew. Majestät die Ehrlichkeit und Bescheidenheit unsers Mannes versichern. Man bringt ihn nicht leicht dazu, sich über wunderbare Dinge auszusprechen, von denen er Zeuge gewesen zu sein glaubt. Er weiß, daß man ihn wie einen Träumer und Charlatan behandelt hat, und das scheint ihn sehr verletzt zu haben; denn jetzt verweigert er eine nähere Erklärung über seine übernatürliche Macht.

– Nun, Sire, sterben Sie nicht vor Lust, ihn zu sehen und zu hören? fragte La Mettrie. Ich wenigstens, ich liege wie auf Kohlen.

– Wie könnt Ihr so neugierig sein, erwiederte der König. Der Anblick der Narrheit ist nichts weniger als angenehm.

– Wenn es Narrheit ist, gewiß, aber wenn es keine ist?

– Hört Ihr's, Ihr Herren? nahm Friedrich das Wort wieder, da habt Ihr den Ungläubigen, den Atheisten, der alles Wunderbare läugnet und schon an das ewige Dasein des Grafen Saint Germain glaubt. Doch das darf uns nicht wundern, wenn man weiß, daß la Mettrie den Tod, den Donner und die Gespenster fürchtet.

– Gespenster? Ich gestehe, das ist eine Schwäche von mir, antwortete la Mettrie. Aber was den Donner und Alles betrifft, wodurch der Tod erfolgen kann, so behaupte ich, das ist Klugheit und Weisheit. Vor was zum Teufel sollte man denn Furcht haben, frage ich, wenn nicht vor dem, was der Sicherheit des Daseins zu nahe tritt?

– Es lebe Panurge! sagte Voltaire.

– Ich komme auf meinen Saint Germain zurück, nahm la Mettrie wieder das Wort. Messire Pantagruel sollte ihn einladen, morgen mit uns zu Abend zu essen.

– Ich werde mich wohl hüten, sagte der Königs Ihr seid schon so Narr genug, mein werther Freund, und es bedürfte nichts mehr als daß er seine Füße in mein Haus setzte und die abergläubischen Fantasien, die rings um uns in üppiger Fülle wuchern, würden sogleich hundert lächerliche Mährchen erfinden, die bald durch ganz Europa ihre Tour machten. O, die Vernunft, lieber Voltaire! Ihr Reich komme! Das Gebet sollte man alle Morgen- und Abende thun.

– Die Vernunft, die Vernunft! sagte la Mettrie. Ich finde sie sehr anständig und gütig, wenn sie mir hilft, meine Leidenschaften, meine Laster … oder meine Lust … nennen Sie es wie Sie wollen, zu entschuldigen und zu rechtfertigen! Aber wenn sie mich langweilt, so verlange ich die Freiheit, ihr die Thür weisen zu dürfen. Zum Teufel, ich mag von einer Vernunft nichts wissen, die mich zwingt, wenn ich Furcht habe, den Tapfern, wenn ich leide, den Stoiker, wenn ich zornig bin, den Geduldigen zu spielen … Fort mit einer solchen Vernunft! sie ist die meine nicht, es ist ein Ungeheuer, eine Chimäre, von jenen alten Träumern des Alterthums erfunden, die Ihr, ich weiß nicht warum, alle so sehr bewundert. Ihr Reich komme nicht! Ich liebe die absolute Macht in keiner Art, und wenn man mich zwingen wollte, an Gott nicht zu glauben, was ich jetzt schon von ganzem Herzen thue, so glaube ich aus Widerspruchsgeist würde ich sofort zur Beichte gehen.

– O, Ihr seid zu Allem fähig, man weiß es wohl, sagte d'Argens. Ihr glaubt sogar an den Stein der Weisen des Grafen Saint Germain.

– Und warum nicht? Es wäre höchst angenehm und ich könnte ihn recht gut brauchen.

– Ah, dazu! rief Pöllnitz, seine leeren, stummen Taschen schüttelnd und den König mit ausdrucksvoller Miene ansehend. Sein Reich komme so schnell als möglich; diese Bitte spreche ich alle Morgen und alle Abende …

– Aha, unterbrach ihn Friedrich, der niemals diesen Andeutungen ein günstiges Gehör schenkte. Der Herr Saint Germain gibt sich also auch mit Geldmachen ab? Das habt Ihr mir nicht gesagt!

– Also Sie erlauben mir, ihn morgen von Ihrer Seite zum Abendessen einzuladen, sagte la Mettrie, denn ich denke etwas von seinem Geheimniß würde Ihnen nicht gerade viel Schmerzen machen, Sire Gargantua! Sie haben viel Bedürfnisse und einen Riesenmagen, als König wie als Reformator.

– Schweig, Panurge, antwortete Friedrich. Ueber Deinen Saint Germain ist jetzt das Urtheil gesprochen. Es ist ein Betrüger und ein Unverschämter, den ich genau überwachen lassen werde, denn wir wissen, daß er mit diesem schönen Geheimniß mehr Geld aus einem Lande hinausträgt, als darinnen läßt. Ei, meine Herren, habt Ihr denn schon den großen Nekromanten Cagliostro vergessen, den ich, noch nicht vor einem halben Jahre mit gutem Grunde aus Berlin treiben ließ?

– Und der mir hundert Thaler mitgenommen hat, sagte la Mettrie. Der Teufel nehme sie ihm wieder!

– Und der Pöllnitz eben so viel genommen, wenn er sie gehabt hätte, rief d'Argens.

– Sie haben ihn fortjagen lassen, sagte la Mettrie zu Friedrich, und noch zuletzt hat er Ihnen einen köstlichen Streich gespielt.

– Welchen?

– O, wissen Sie es nicht? Nun, da will ich Sie mit einer Geschichte erfreuen.

– Das erste Verdienst einer Geschichte ist Kürze, bemerkte der König.

– Die meinige hat nur zwei Worte. An dem Tage, wo Eure pantagruelische Majestät dem erhabenen Cagliostro befahl, seine Zauberlampen, Gespenster und Dämonen wieder einzupacken, fuhr er, wie Jedermann weiß, mit dem ersten Schlage der Mittagsstunde zu allen Thoren Berlins zu gleicher Zeit hinaus. Oh, das wird von mehr als zwanzigtausend Personen bestätigt. Die Wächter an allen Thoren haben ihn gesehen in demselben Hute, in derselben Perücke, in demselben Wagen, mit denselben Pferden, demselben Gepäck, und niemals werden Sie es ihnen aus dem Kopf bringen, daß an jenem Tage fünf oder sechs Cagliostro's auf den Beinen waren.

Alle fanden die Geschichte sehr spaßhaft. Friedrich allein lachte nicht darüber. Der Fortschritt seiner lieben Vernunft lag ihm ernstlich am Herzen und der Aberglaube, welcher Voltaire solchen Witz und Heiterkeit verlieh, verursachte ihm nur Unmuth und Verdruß.

– So ist das Volk! rief er, die Achseln zuckend; ach, Voltaire! so ist das Volk! Und zwar in der Zeit, wo Sie leben und die Welt mit dem Glanze Ihrer Fackel erleuchten! Man hat Sie verbannt, verfolgt, auf alle Weise bekämpft, und Cagliostro brauchte sich nur zu zeigen, um die Menschen alle zu bezaubern! Es fehlt nicht viel, so trägt man ihn im Triumphe herum!

– Wissen Sie wohl, sagte la Mettrie, daß Ihre vornehmsten Damen ebenso an Cagliostro glauben, als die geringsten Weiber auf der Straße? Sie müssen wissen, daß ich dieses Abenteuer von einer der Schönsten an Ihrem Hofe erfahren habe.

– Ich wette, es ist Frau von Kleist, sagte der König.

Du bist's, der sie genannt! antwortete la Mettrie declamirend.

– Nun duzt er sogar den König! brummte Quintus Icilius, der seit einigen Augenblicken wieder zurückgekommen war.

– Die gute Kleist ist eine Närrin, erwiederte Friedrich, die unerschütterlichste Traumschwester und wahrhaft toll auf Horoskope und Kartenschlägereien … Sie braucht eine Lection und mag sich nur in Acht nehmen! Sie verwirrt mir den Kopf von allen meinen Damen, und man sagt sogar, sie habe ihren Herrn Gemahl verrückt gemacht, der dem Satan schwarze Böcke opferte um die Schätze aufzufinden, die in unsern Sandwüsten Brandenburgs vergraben sein sollen.

– Aber das ist ja vom besten Tone bei Ihnen, Vater Pantagruel, sagte la Mettrie. Ich weiß nicht, warum Sie haben wollen, daß die Damen sich der sauertöpfischen Göttin Vernunft unterwerfen sollen. Die Weiber sind auf der Welt, um sich und uns zu amüsiren. Wahrhaftig, an dem Tage, wo sie keine Närrinnen mehr sein werden, sind wir gewiß Dummköpfe! Frau von Kleist ist bei allen ihren Zaubergeschichten höchst reizend; sie regalirt damit soror Amalia

– Was will er mit seiner soror Amalia? fragte der König erstaunt.

– Ei, Ihre edle und reizende Schwester, die Aebtissin von Quedlinburg, welche mit ganzem Herzen der Magie sich zuneigt, wie Jedermann weiß …

– Schweig, Panurge! wiederholte der König mit donnernder Stimme, indem er mit seiner Tabaksdose auf den Tisch schlug.

3.

Es trat ein augenblickliches Stillschweigen ein, währenddem langsam die Mitternachtsstunde ertönte. Gewöhnlich wußte Voltaire das Gespräch geschickt wieder in Gang zu bringen, wenn eine Wolke über die Stirn seines theuern Trajan ging, und damit den bösen Eindruck zu vertilgen, welchen auch die übrigen Gäste empfunden. Aber an diesem Abend empfand Voltaire, schwermüthig und leidend, die ersten Symptome jenes preußischen Spleen's, der sich aller der glücklichen Sterblichen gar bald bemächtigte, welche berufen waren, Friedrich in seiner Glorie zu schauen. Gerade an diesem Morgen hatte la Mettrie ihm jenes unglückliche Wort Friedrichs wiederholt, welches zwischen diesen beiden großen Männern eine sehr reelle Abneigung auf eine geheuchelte Freundschaft folgen ließ »Ich behalte ihn noch, weil ich ihn brauche. Nach einem Jahre kann ich nichts mehr mit ihm anfangen und werde ihn fortschaffen. Ich drücke die Orange aus und werfe hernach die Schale weg.« Dieses Wort war bekanntlich eine stets offene Wunde für Voltaire's Stolz.«. Er sprach kein Wort.

– Meiner Treu, dachte er, mag er doch die Schale la Mettrie's wegwerfen, wenn es ihm gefällt; mag er launisch, krank sein und die Tafel aufheben. Ich habe die Kolik; und alle seine Complimente verhindern mich nicht, sie zu fühlen.

Friedrich war also genöthigt ganz allein sich zu bemeistern und seine philosophische Ruhe wiederzufinden.

– Da wir einmal bei Cagliostro sind, sagte er, und die Stunde der Geistergeschichten geschlagen hat, so will ich Euch doch auch eine erzählen und Ihr mögt beurtheilen, ob man der Zauberkunst glauben darf. Meine Geschichte ist ganz wahr, ich habe sie von der Person selbst erfahren, der sie im vorigen Sommer begegnet ist. Der Vorfall im Theater von heute Abend ruft mir sie in's Gedächtniß zurück und vielleicht steht er sogar mit dem in Verbindung, was Ihr gleich hören sollt.

– Ist die Geschichte etwas graulich? fragte la Mettrie.

– Vielleicht, antwortete der König.

– Dann, erwiederte Jener, will ich die Thür da hinter mir zumachen. Ich kann keine offene Thür leiden, wenn man von Gespenstern und Geistern erzählt.

La Mettrie schloß die Thür und der König begann folgendermaßen.

– Ihr wißt, Cagliostro verstand die Kunst den Leichtgläubigen Gemälde oder vielmehr magische Spiegel zu zeigen, in welchen sie abwesende Personen erscheinen sahen. Er behauptete, sie in demselben Augenblicke zu überraschen und so die geheimsten Handlungen und Beschäftigungen ihres Lebens zu offenbaren. Eifersüchtige Frauen wollten daher bei ihm die Untreue ihrer Gatten oder Liebhaber erfahren; und manche Liebhaber und Ehemänner erhielten bei ihm seltsame Offenbarungen über das Betragen gewisser Damen und der Zauberspiegel soll, wie man sagt, bedenkliche Geheimnisse verrathen haben.

Dem sei nun, wie ihm wolle, eines Abends vereinigten sich die Sänger der italienischen Oper und boten ihm ein hübsches Souper mit guter Musik an, wenn er ihnen einige seiner Kunststückchen zeigen wollte. Er nahm das Anerbieten an und versprach dem Porporino, dem Conciolini, und den Damen Astrua und Porporina, ihnen in seiner Wohnung die Hölle oder das Paradies zu zeigen, wie es ihnen gefallen würde. Selbst die Familie Barberini war dabei.

Mademoiselle Giovanna Barberini verlangte den verstorbenen Dogen von Venedig zu sehen; und da Herr Cagliostro die Todten sehr geschickt wieder auferstehen läßt, so sah sie ihn, hatte große Furcht und trat ganz bestürzt aus dem schwarzen Kabinet, in welchem der Zauberer ihr ein Rendezvous mit dem Gespenst verschafft hatte. Ich habe die Barberini, die ein kleiner Schalk ist, wie Voltaire sagt, sehr in Verdacht, sich nur erschrocken gestellt zu haben, um sich über unsere italienischen Histrionen lustig zu machen, die, ihrem Stande gemäß, nicht die bravsten sind und sich fest weigerten, eine gleiche Probe auszuhalten.

Signora Porporina sagte mit jenem ruhigen Wesen, das Ihr an ihr kennt, zu Cagliostro, sie wolle an seine Kunst glauben, wenn er ihr eine Person zeigte, an die sie eben dächte, und die sie ihm nicht zu nennen brauche, da er ein Zauberer sei, und also in ihrem Herzen wie in einem Buche lesen müsse.

»– Was Sie von mir verlangen, ist nicht leicht, antwortete Cagliostro, und doch glaube ich, Sie zufrieden stellen zu können, wenn Sie mir bei Allem, was Ihnen das Heiligste und Entsetzlichste ist, schwören, die Person, die ich Ihnen zeigen werde, nicht anreden zu wollen, und so lange die Erscheinung dauert, nicht die geringste Bewegung, nicht die geringste Gebährde zu machen.«

Die Porporina schwor und trat entschlossen in das schwarze Kabinet. Es ist nicht unnütz, die Herren zu erinnern, daß das junge Mädchen einen der festesten, rechtlichsten Charaktere hat, die man antreffen kann; sie ist unterrichtet, besitzt über Alles ein sehr gesundes Urtheil, und ich habe Grund zu glauben, daß sie keinen falschen oder engherzigen Gedanken zugängig ist. Sie blieb also in dem Gespensterzimmer so lange, daß ihre Kameraden darüber erstaunten und unruhig wurden. Alles ging jedoch in der größten Stille zu. Als sie heraustrat, war sie sehr bleich und Thränen perlten aus ihren Augen, wie man sagt. Doch sie sprach sogleich zu ihren Kameraden:

»– Liebe Freunde, wenn Herr Cagliostro ein Zauberer ist, so ist er wenigstens ein lügnerischer Zauberer; glaubt ihm nichts von dem, was er Euch zeigen wird.«

Sie wollte sich nicht weiter erklären. Doch nachdem mir Conciolini einige Tage nachher bei einem meiner Concerte von diesem merkwürdigen Abend erzählt hatte, gelobte ich mir, die Porporina zu befragen, was ich auch, das erste Mal, wo sie in Sanssouci sang, zu thun nicht verfehlte. Ich hatte einige Mühe, sie zum Sprechen zu bringen. Endlich sagte sie mir folgendes:

»– Ohne Zweifel besitzt Herr Cagliostro außerordentliche Mittel, Erscheinungen hervorzubringen, die so sehr der Wirklichkeit gleichen, daß es selbst dem ruhigsten Geiste nicht möglich ist, unbewegt zu bleiben. Demungeachtet ist er kein Zauberer und seine Behauptung in meinen Gedanken zu lesen, war nur auf die Kenntniß gegründet, die er von einigen Ereignissen meines Lebens haben muß: aber diese Kenntniß ist sehr unvollständig und ich möchte Ihnen nicht rathen (die Porporina ist es noch immer, welche spricht, bemerkte der König), ihn zu Ihrem Polizeiminister zu machen, denn er würde große Fehlgriffe thun. Als ich ihm nämlich sagte, mir die abwesende Person zu zeigen, die ich sehen möchte, so dachte ich an Meister Porpora, meinen Musiklehrer, der jetzt in Venedig ist, und statt seiner sah ich in dem Zauberzimmer einen mir sehr theuren Freund erscheinen, den ich in diesem Jahre verloren habe.«

– Teufel! sagte d'Argens, das erfordert noch mehr Zauberei, als einen Lebenden erscheinen zu lassen.

– Wartet nur, Ihr Herren. Cagliostro, schlecht unterrichtet, ahnete nicht, daß die Person, die er zeigte, todt sei; denn als das Phantom verschwunden war, fragte er noch Mademoiselle Porporina, ob sie mit dem zufrieden sei, was sie erfahren hätte?

»– Zunächst, mein Herr, antwortete sie, wünschte ich es zu begreifen. Wollen Sie mir's erklären?«

»– Das übersteigt meine Macht, sagte er, es genüge Ihnen zu wissen, daß Ihr Freund ruhig ist und sich nützlich beschäftigt.«

Darauf erwiederte die Signora:

»– Ach, mein Herr, Sie haben,mir, ohne es zu wissen, sehr wehe gethan: Sie zeigten mir eine Person, die ich nie wieder zu sehen glaubte, und geben sie jetzt für lebendig aus, während ich ihr doch vor einem halben Jahre die Augen geschlossen habe.«

– Ihr seht, meine Herren, fuhr Friedrich fort, wie diese Zauberer sich selbst täuschen, indem sie Andere täuschen wollen und wie ihre feinen Gewebe durch eine Hand, die nicht unter ihrer geheimen Polizei steht, zerrissen wird. Sie dringen bis zu einem gewissen Grad in die Geheimnisse der Familien und der Herzen ein. Da sich alle Geschichten dieser Welt mehr oder weniger ähnlich sehen und im Allgemeinen die dem Wunderbaren zugeneigten Personen nicht sehr genau die Dinge ansehen, so errathen sie in dreißig Fällen zwanzigmal das rechte, aber zehnmal schlägt es ihnen fehl; man gibt jedoch nicht darauf Acht und erhebt nur großes Geschrei von den Fällen, wo es ihnen gelungen ist. Es ist gerade wie mit dem Horoskop, wo man uns auch eine Reihe gewöhnlicher Ereignisse vorhersagt, die nothwendig aller Welt begegnen müssen, wie Reisen, Krankheiten, den Verlust eines Freundes oder Verwandten, Erbschaft, Abenteuer, interessante Briefe, und ähnliche im Menschenleben gewöhnliche Dinge.

Aber man sehe nur, welchen Katastrophen und welchem häuslichen Kummer die falschen Offenbarungen eines Cagliostro schwache und leidenschaftliche Charaktere aussetzen. Ein Ehemann traut ihm und bringt seine unschuldige Frau um, eine Mutter wird wahnsinnig vor Schmerz, indem sie ihren entfernten Sohn sterben zu sehen glaubt, und tausend anderes Unglück, welches die sogenannte Zauberkunst der Magie veranlaßt hat. Das ist abscheulich und Ihr werdet zugeben, daß ich Recht hatte, diesen Herrn Cagliostro, welcher so richtig wahrsagt und so gute Neuigkeiten von todten und beerdigten Personen giebt, aus meinem Staate zu entfernen.

– Das ist Alles recht schön, sagte la Mettrie, aber es erklärt mir noch nicht, wie die Porporina Ew. Majestät diesen Todten lebend gesehen hat, denn wenn sie, wie Ew. Majestät versichert, mit Festigkeit und Vernunft begabt ist, so beweist das nur gegen Ew. Majestät. Der Zauberer hat sich zwar betrogen, indem er aus seinem Magazine einen Todten genommen hat statt eines Lebenden, den man von ihm verlangte; aber nichts ist gewisser, als daß er über Tod und Leben verfügt, und davon versteht er gewiß mehr als Ew. Majestät, welche, mit Ew. Majestät gnädigster Erlaubniß, gar viele Menschen im Kriege hat mitbringen lassen, aber noch nie einen einzigen auferwecken konnte.

– Also sollen wir an den Teufel glauben, mein lieber Unterthan? sagte der König, über die komischen Blicke laut lachend, die la Mettrie jedesmal Quintus Icilius zuwarf, wenn er mit Emphase den Titel Majestät aussprach.

– Warum sollten wir nicht an diesen armen Gevatter Satan glauben, der so verleumdet wird und doch so viel Geist hat? erwiederte la Mettrie.

– Ins Feuer mit dem Manichäer, sagte Voltaire, ein Licht an die Perücke des jungen Arztes haltend.

– Kurz, erhabener Fritz, fuhr dieser fort, ich stelle Ihnen einen sehr verfänglichen Schluß: entweder ist die reizende Porporina thöricht und leichtgläubig und sie hat ihren Todten gesehen; oder sie ist Philosophin und hat nichts gesehen. Aber sie hat sich gefürchtet, das gesteht sie ein?

– Sie hat sich nicht gefürchtet, sagte der König, sie hat Schmerz empfunden, wie man ihn bei dem Anblicke eines Porträts fühlt, das uns treu die Züge einer geliebten Person ins Gedächtniß zurückruft, die man keine Hoffnung hat, wiederzusehen. Aber wenn ich Euch Alles sagen soll, so denke ich, sie wird später Furcht bekommen haben und ihre moralische Kraft ist aus dieser Prüfung nicht so unverletzt hervorgegangen, wie sie sie antrat. Seit jener Zeit ist sie den Angriffen einer tiefen Schwermuth ausgesetzt, welche stets ein Beweis von Schwäche und Unordnung in unsern Fähigkeiten ist. Ich glaube gewiß, ihr Geist hat darunter gelitten, obgleich sie es läugnet. Man spielt nicht ungestraft mit der Lüge. Der Zufall, den sie heut Abend gehabt hat, ist meiner Meinung nach eine Folge davon, und ich wollte wetten, ihre getrübte Fantasie hat einige Furcht vor der Zauberkraft, die man dem Herrn von Saint Germain zuschreibt. Man hat mir gesagt, seit sie in ihre Wohnung zurückgekehrt sei, habe sie nicht aufgehört zu weinen.

– O theuere Majestät, erlauben Sie mir, daran zu zweifeln, sagte la Mettrie. Sie haben sie besucht, also weint sie nicht mehr.

– Ihr seid wohl sehr neugierig, Panurge, den Zweck meines Besuches zu erfahren? und auch Ihr, d'Argens, der zwar nichts sagt, aber aussieht, als ob er um so mehr dächte? Und auch Ihr vielleicht, lieber Voltaire, der Ihr auch kein Wort sprecht und gewiß nicht weniger denkt?

– Wie sollte man nicht neugierig sein über Alles, was Friedrich der Große für gut findet zu thun, antwortete Voltaire, der sich bemühte, gefällig zu werden, als er den König so gesprächig sah, vielleicht haben manche Menschen das Recht nicht, etwas zu verbergen, da das geringste Wort von ihnen eine Lehre und ihre unbedeutendste Handlung ein Beispiel ist.

– Lieber Freund, Ihr wollt mich stolz machen. Wer wäre es nicht, wenn er von Voltaire gelobt wird? Das hindert freilich nicht, daß Ihr Euch in der Viertelstunde, wo ich abwesend war, über mich lustig gemacht habt, und doch könnt Ihr nicht glauben, daß ich in dieser Viertelstunde Zeit genug gehabt habe, um bis ans Opernhaus zu gehen, wo die Porporina wohnt, ihr ein langes Madrigal vorzusingen und zu Fuß zurückzukommen, denn ich war zu Fuß.

– O, Sire, das Opernhaus ist hier ganz in der Nähe, sagte Voltaire und Sie brauchen nicht mehr Zeit, um eine Schlacht zu gewinnen.

– Ihr irrt Euch, man braucht weit mehr Zeit, antwortete der König ziemlich kalt, fragt nur Quintus Icilius. Der Marquis aber, der die Tugend der Theaterdamen so genau kennt, wird Euch sagen, ob man zu ihrer Eroberung mehr als eine Viertelstunde braucht.

– Ei nun, Sire, das kommt darauf an.

– Ja, das kommt darauf an, aber ich hoffe um Euretwillen, daß Euch Mademoiselle Cochois größere Mühe gemacht hat. Uebrigens, Ihr Herren, habe ich Signora Porporina diesen Abend nicht gesehen und nur mit ihrer Dienerin gesprochen und mich nach ihrem Befinden erkundigt.

– Sie, Sire! rief la Mettrie.

– Ich wollte ihr selbst ein Fläschchen bringen, dessen gute Wirkung ich plötzlich mich besann an mir selbst erprobt zu haben, als ich an Magenkrämpfen litt, die mir zuweilen das Bewußtsein raubten. Nun, Ihr sagt kein Wort? Ihr seid ganz erstaunt! Ihr habt Lust, meiner väterlichen und königlichen Güte Lob zu spenden und wagt es nicht, weil Ihr im Grund des Herzens mich höchst lächerlich findet?

– Meiner Treu, Sire, wenn Ihr verliebt seid, wie ein einfacher Sterblicher, so find ich das nicht schlecht, sagte la Mettrie, und ich sehe darin weder Stoff zum Lob noch zum Spott.

– Ich bin durchaus nicht verliebt, mein guter Panurge, wenn ich offen sprechen soll. Ich bin zwar ein einfacher Sterblicher, aber ich habe nicht die Ehre, König von Frankreich zu sein, und die galanten Sitten, die einem großen Monarchen, wie Ludwig XV. so wohl anstehen, würden einem kleinen Markgrafen von Brandenburg durchaus nicht ziemen. Ich habe andere Katzen zu streicheln, um meinem kleinen Kram fortzuhelfen, und keine Zeit in Cytherens Hainen zu schlummern.

– Dann begreife ich aber auch nicht Ihre Sorge für diese niedliche Opernsängerin, sagte la Mettrie, und wenn es nicht in Folge einer musikalischen Wuth geschieht, so kann ich's nicht errathen.

– Wenn das ist, so wißt denn, Ihr lieben Freunde, daß ich weder der Liebhaber noch verliebt in die Porporina, sondern ihr nur sehr zugethan bin, weil sie bei einer Gelegenheit, die jetzt zu weitläufig wäre, zu erzählen, mir das Leben gerettet hat, ohne mich zu kennen. Das Abenteuer war höchst seltsam und ich erzähle es Euch ein andermal. Diesen Abend ist's zu spät. Herr von Voltaire schläft schon ein. Es genüge Euch zu wissen, daß, wenn ich noch hier und nicht in der Hölle bin, wohin eine fromme Wuth mich schicken wollte, ich es diesem Mädchen verdanke.

Ihr begreift jetzt, daß, da ich sie gefährlich krank wußte, ich recht gut zu ihr gehen, mich erkundigen, ob sie nicht todt sei und ihr ein Fläschchen von Stahl bringen konnte, ohne deshalb Lust zu haben, in Euren Augen für einen Richelieu oder Lauzun zu gelten. So, Ihr Herren, wünsche ich Euch guten Abend. Seit achtzehn Stunden habe ich die Stiefel nicht von den Beinen gebracht, und in sechs muß ich sie wieder anlegen. Gott nehme Euch in seinen heiligen und erhabenen Schutz, wie man am Schluß der Briefe sagt.

Im Augenblick, wo an der großen Uhr des Palastes die Mitternachtsstunde geschlagen hatte, legte sich die junge und weltliche Aebtissin von Quedlinburg in ihr rosaseidenes Bett, als ihre erste Kammerfrau, während sie auf einer Hermelindecke ihre Pantoffeln niederlegte, zusammenfuhr und einen Schrei des Schreckens ausstieß. Man klopfte an der Thür des Schlafzimmers der Prinzessin.

– Nun, bist du toll? fragte die schöne Amalie, ihren Vorhang halb zurückziehend, weshalb springst und schreist du so?

– Hat Ihre königliche Hoheit es nicht klopfen gehört?

– Man hat geklopft? Nun, sieh nach, wer's ist«

– Ach, gnädigste Frau, welcher lebende Mensch sollte an die Thür Ihrer Hoheit zu klopfen wagen, wenn man weiß, daß Sie zur Ruhe gegangen sind!

– Du meinst, kein Lebender würde es wagen? Also ein Todter. Nun, so öffne nur. Horch, man klopft wieder! geh doch, du machst. mich ungeduldig.

Die Kammerfrau schlich mehr todt als lebendig an die Thür und fragte mit zitternder Stimme: Wer ist da?

– Ich bin es, Frau von Kleist, antwortete eine wohlbekannte Stimme. Wenn die Prinzessin noch nicht schläft, so sagt ihr, ich hätte etwas wichtiges mit ihr zu sprechen.

– Schnell! schnell! laß sie ein! rief die Prinzessin von ihrem Bette aus, und verlaß uns.

Sobald die Aebtissin mit ihrer Vertrauten allein war, setzte sich die Letztere an das Bett ihrer Gebieterin und sprach also:

– Ew. königliche Hoheit hatte sich nicht getäuscht. Der König ist sterblich in die Porporina verliebt, aber noch nicht ihr Geliebter, was diesem Mädchen, für den Augenblick, gewiß einen unbegrenzten Einfluß auf seinen Geist giebt.

– Und woher weißt du das erst seit einer Stunde?

– Weil ich, als ich mich entkleiden ließ, um zu Bett zu gehen, mein Kammermädchen schwatzen ließ, die mir denn sagte, ihre Schwester stehe in Dienst bei dieser Porporina. Darauf befrage ich sie genauer, entlocke ihr, was sie weiß und erfahre, daß mein Kammermädchen eben jetzt von ihrer Schwester gekommen und daß in demselben Augenblick der König von der Porporina weggegangen ist.

– Bist du dessen ganz gewiß?

– Mein Kammermädchen hat den König gesehen, wie ich Sie sehe. Er hat mit ihr gesprochen, da er sie für ihre Schwester hielt, welche in einem andern Zimmer mit der Pflege ihrer kranken oder krank sich stellenden Herrin beschäftigt war. Der König hat sich mit einer außerordentlichen Sorge nach der Gesundheit der Porporina erkundigt und mit recht kummervollem Gesicht auf die Erde gestampft, als er erfahren, daß sie nicht aufhöre zu weinen; er hat sie nicht sehen wollen, aus Furcht, sie zu geniren, wie er gesagt hat, und für sie einen sehr kostbaren Flacon übergeben; dann hat er sich entfernt, aber. ausdrücklich den Auftrag hinterlassen, man solle am folgenden Morgen der Kranken sagen, daß er noch Abends elf Uhr bei ihr gewesen sei.

– Das ist ein Abenteuer, denke ich, rief die Prinzessin, und ich wage noch nicht, meinen Ohren zu trauen. Kennt dein Kammermädchen den König?

– Wer kennt das Gesicht eines Königs nicht, der immer zu Pferde sitzt? Uebrigens war fünf Minuten zuvor ein Page gekommen, um zu sehen, ob Niemand bei der Schönen sei. Währenddem wartete der König, eingehüllt in ein großes Incognito, wie er es gewöhnlich trägt, unten auf der Straße.

– Also Geheimniß, Sorge und namentlich Achtung: das ist Liebe, oder ich verstehe nichts davon, Kleist. Und du bist trotz der Kälte und der Nacht hergekommen, um es mir schnell mitzutheilen? Ach, mein liebes Kind, wie gut du bist!

– Sagen Sie auch: trotz der Gespenster. Wissen Sie, daß seit einigen Nächten ein neuer Schrecken das Schloß erfüllt und mein Jäger, wie ein großer Dummkopf, zitterte, als er über die Gänge gehen sollte, um mich zu begleiten?

– Was giebt's denn? wieder die weiße Frau?

– Ja, die Kehrfrau.

– Diesmal treiben wir das Spiel nicht, du arme Kleist! unsere Gespenster sind weit entfernt. Wollte der Himmel, sie könnten wiederkommen!

– Ich glaubte Anfangs, es sei der König, der sich das Vergnügen machte, als Geist zu erscheinen, denn jetzt hat er Grund, die neugierigen Diener aus seiner Nähe zu entfernen. Aber was mich besonders erstaunen gemacht hat, ist, daß der Hexensabbath nicht in der Nähe seiner Gemächer, noch in der Richtung nach der Wohnung der Porporina zu finden ist; die Geister lustwandeln in der Nähe Ihrer Hoheit, und ich gestehe, jetzt, wo ich keine Hand im Spiele habe, erschreckt es mich ein wenig.

– Was sprichst du, Kind? wie, solltest du an Geister glauben, du, die du sie so genau kennst?

– Das ist's eben! man sagt, wenn man sie nachäfft, macht man sie böse, und sie heften sich im Ernst an unsere Fersen, um uns zu bestrafen.

– Dann machen sie sich ein wenig spät an uns, denn seit einem Jahre lassen sie uns in Ruhe. Nun, beschäftige dich nicht mit diesen Thorheiten. Wir wissen ja, was man von diesen gequälten Seelen zu glauben hat. Es ist gewiß ein Page, oder irgend ein Lieutenant, der von der hübschesten meiner Kammerfrauen Fürbitten verlangt. Daher hat die Alte, von der man nichts mehr wissen will, auch einen entsetzlichen Schrecken. Sie war im Begriff, dir nicht öffnen zu wollen. Aber wovon sprechen wir da. Kleist, wir besitzen das Geheimniß des Königs und müssen davon Nutzen ziehen. Wie aber sollen wir uns dabei benehmen?

– Wir müssen die Porporina gewinnen und uns dabei eilen, ehe die Gunst sie eitel und mißtrauisch macht.

– Gewiß, wir dürfen weder Geschenke noch Versprechungen, noch Schmeicheleien sparen. Du magst morgen früh zu ihr gehen und von ihr von meinetwegen Musikalien, Handschriften des Porpora verlangen; sie soll viel Ungedrucktes von italienischen Meistern haben. Versprich ihr dagegen Manuscripte von Sebastian Bach, ich habe mehrere. Wir fangen mit Tausch an, dann bitte ich sie zu mir, daß sie mir mit ihrem Rathe beisteht und sobald ich sie bei mir habe, will ich sie schon gewinnen und nach meinem Willen lenken.

– Ich werde morgen früh hingehen, gnädigste Frau.

– Gute Nacht, Kleist! Gieb mir einen Kuß! Du bist meine einzige Freundin. Geh, leg dich schlafen, und wenn du die Kehrfrau in den Gallerien siehst, so gieb wohl Acht, ob die Sporen unter ihrem Rocke nicht hervorgucken.

4.

Am folgenden Morgen, als die Porporina sehr ermattet aus einem schweren Schlafe erwachte, fand sie auf ihrem Bett zwei Gegenstände, welche ihr Kammermädchen darauf niedergelegt hatte. Zuerst einen Flacon von Bergcrystall mit einem goldenen Stöpsel, auf welchen ein F. mit einer königlichen Krone gravirt war, und dann eine versiegelte Rolle. Die Dienerin erzählte auf ihre Frage, daß der König gestern Abend in Person gekommen sei, um das Fläschchen zu bringen, und die Porporina wurde gerührt, als sie die näheren Umstände eines so achtungsvollen und so zartsinnig naiven Besuches erfuhr.

– Seltsamer Mann! dachte sie. Wie kann man so viel Güte in seinem Privatleben mit so viel Härte und Despotismus in seinem öffentlichen Leben vereinigen?

Sie versank in Gedanken, und nach und nach den König vergessend, und an sich selbst denkend, erinnerte sie sich dunkel an die Ereignisse des vorigen Abends und begann von Neuem zu weinen.

– Wie, Mademoiselle, sagte die Zofe, die ein gutes, nur ziemlich geschwätziges Geschöpf war, Sie fangen wieder an zu schluchzen, wie gestern Abend beim Einschlafen? Das war herzbrechend, und der König, der Sie durch die Thür hörte, hat zwei oder dreimal den Kopf geschüttelt, wie Jemand, der sich recht bekümmert und doch könnte Ihr Schicksal den Neid vieler Anderer erregen. Der König macht nicht aller Welt den Hof; man sagt sogar, daß er ihn Niemanden macht, und es ist wohl gewiß, daß er in Sie verliebt ist.

– Verliebt? Was sprichst du da! Unglückliche? rief die Porporina erhebend. Wiederhole niemals ein so unpassendes und so widersinniges Wort. Der König in mich verliebt, großer Gott!

– Nun, Mamsell, und wenn es wäre?

– Der Himmel bewahre mich davor; aber es ist nicht und wird nie sein! Was ist das für eine Rolle, Katharina?

– Ein Diener hat sie sehr zeitig diesen Morgen gebracht.

– Wessen Diener?

– Ein Lohndiener, der mir Anfangs nicht sagen wollte, von wem er käme, aber endlich mir doch gestanden hat, daß er von den Leuten eines gewissen Grafen von Saint-Germain gedungen worden sei, der erst gestern Abend hier angekommen ist.

– Und warum hast du diesen Mann gefragt?

– Aus Neugier, Mamsell.

– Das ist naiv! Verlaß mich!

Sobald die Porporina allein war, eröffnete sie die Rolle und fand darin ein mit wunderlichen, nicht zu entziffernden Charakteren beschriebenes Pergament. Sie hatte viel von dem Grafen Saint-Germain gehört, kannte ihn aber nicht. Sie drehte das Blatt nach allen Seiten herum, und da sie nicht daraus klug werden konnte und auch nicht begriff, warum der Mann, mit dem sie nie in Beziehung gestanden hatte, ihr ein Räthsel zu lösen schickte, so schloß sie mit vielen Andern daraus, daß er ein Narr sei; doch als sie das Packet näher untersuchte, las sie auf einem kleinen, einzelnen Blättchen folgende Worte:

»Die Prinzessin Amalie von Preußen beschäftigt sich viel mit der Wahrsagekunst und Horoskopen. Uebergeben Sie ihr das Pergament, und Sie können ihres Schutzes und ihrer Gunst versichert sein.«

Diese Worte waren nicht unterzeichnet. Die Schrift war unbekannt, und die Rolle trug keine Adresse. Sie wunderte sich, daß der Graf von Saint-Germain sich an sie gewandt hatte, um bis zur Prinzessin Amalie zu dringen, da sie ihr doch nie zu nahe kam; und in der Meinung, der Diener hätte aus Irrthum ihr das Packet gebracht, wollte sie es wieder zusammenrollen und fortschicken, aber als sie das Blatt von starkem, weißem Papier aufnahm, in welches Alles gewickelt war, bemerkte sie auf der inneren Seite gestochene Noten.

Eine Erinnerung erwachte in ihr. In der Ecke des Blattes nach einem verabredeten Zeichen suchen, es für dasselbe erkennen, das sie selbst noch zehn Monat vorher mit Bleistift darauf gemacht hatte, sich überzeugen, daß das Notenblatt vollkommen zu dem paßte, welches sie als Zeichen der Wiedererkennung behalten hatte, das Alles war die Sache eines Augenblicks, und die Rührung, die sie ergriff, als sie diese Erinnerung an einen abwesenden, unglücklichen Freund erhielt, ließ sie ihren eigenen Kummer vergessen.

Es blieb nur noch die Frage, was sie mit dem Zauberblatte thun sollte, in welcher Absicht man sie beauftragte, es der Prinzessin von Preußen zu übergeben. Wollte man ihr wirklich die Gunst und den Schutz dieser Dame zusichern? Die Porporina hatte ihn weder gesucht, noch bedurfte sie seiner. Wollte man damit zwischen der Prinzessin und dem Gefangenen Beziehungen herstellen, die zum Heil oder zur Erleichterung des letzteren dienen könnten? Das junge Mädchen zauderte, es erinnerte sich des Sprichworts:

»Beim Zweifel zaudere.«

Dann dachte sie aber, es gäbe gute und schlechte Sprüchwörter, die einen für den vorsichtigen Egoismus, die andern für die muthige Hingebung. Sie stand auf und sagte zu sich selbst:

Beim Zweifel handle, sobald du nur dich selbst in Gefahr bringst und hoffen kannst, deinem Freunde, deinem Mitmenschen nützlich zu sein.

Mühsam beendigte sie ihre Toilette, die etwas langsam zu Stande kam, weil sie durch den Nervenanfall vom vorigen Abend sehr schwach war, und während sie noch ihr schönes schwarzes Haar zusammenband, bedachte sie, wie sie wohl das Zauberblatt schnell und sicher an die Prinzessin gelangen lassen könnte, als ein großer reichbetreßter Lakai sich erkundigte, ob sie allein wäre und eine Dame empfangen könnte, die sich nicht nennen wollte, aber mit ihr zu sprechen wünschte.

Die junge Sängerin verwünschte oft den Zwang, welchem die Künstler jener Zeit in Rücksicht auf die Großen unterworfen waren. Um den lästigen Besuch fortzuschicken, war sie schon versucht, ihm antworten zu lassen, daß die Herrn Sänger des Theaters bei ihr wären; sie bedachte aber, wenn das auch ein Mittel wäre, die Prüderie gewisser Damen scheu zu machen, so wäre es auch das sicherste, um manche Andere noch schneller herbeizulocken. Sie ergab sich also drein, den Besuch zu empfangen, und bald war Frau von Kleist bei ihr.

Die vornehme Dame hatte beschlossen, gegen die Sängerin sehr angenehm zu sein und ihr jeden Unterschied des Ranges vergessen zu machen; aber sie war befangen, zum Theil, weil man ihr gesagt hatte, das junge Mädchen sei sehr stolz, zum Theil aber auch, weil Frau von Kleist, an sich selbst sehr neugierig, gern gewünscht hätte, die Sängerin zum Schwätzen zu bringen und ihr ihre geheimsten Gedanken abzulocken. Obgleich die schöne Dame gut und harmlos war, hatte sie doch in diesem Augenblicke in ihrer ganzen Haltung etwas Falsches und Gezwungenes, welches der Porporina nicht entging. Die Neugier steht dem Verrath so nahe, daß sie die schönsten Gesichter häßlich machen kann.

Die Porporina kannte das Gesicht der Frau von Kleist recht gut, und als sie der Dame, welche bei jedem Opernabend in der Loge der Prinzessin Amalie erschien, bei sich eintreten sah, kam ihr der Gedanke, sie unter dem Vorwand der Necromantik, für die sie, wie sie wisse, eine große Vorliebe hege, um eine Zusammenkunft mit ihrer Gebieterin zu bitten. Doch sie wagte nicht, sich einer Person anzuvertrauen, die im Rufe stand, ein wenig extravagant und noch obendrein intrigant zu sein; sie beschloß, erst zu sehen, was sie wolle, und begann sie mit jenem ruhigen Scharfblick zu beobachten, der uns gegen die Angriffe einer unruhigen Neugier einen so überlegenen Schutz bietet.

Als das Eis endlich gebrochen war und die Dame das musikalische Anliegen der Prinzessin vorgebracht hatte, verbarg die Sängerin ihre Freude ein wenig, die ihr dieses glückliche Zusammentreffen von Umständen gewährte, und eilte, mehrere ungedruckte Partituren herbeizuholen. Dann rief sie, von einem plötzlichen Einfall ergriffen:

– Ach, gnädige Frau, ich werde freudig alle meine Schätze zu den Füßen Ihrer Hoheit niederlegen und würde sehr glücklich sein, wenn sie die Gnade hätte, sie von meiner Hand empfangen zu wollen.

– In der That, mein schönes Kind? fragte Frau von Kleist. Sie wünschen mit Ihrer königlichen Hoheit zu sprechen?

– Ja, gnädige Frau, antwortete die Porporina, ich würde mich zu ihren Füßen werfen und sie um eine Gnade bitten, die sie mir gewiß nicht verweigern wird; denn sie ist, wie man sagt, eine große Freundin der Musik und muß die Künstler also beschützen. Man sagt ferner, sie sei eben so gut als schön. Ich habe also Hoffnung, daß sie mir ein gnädiges Gehör schenkt und mich unterstützt, die Zurückberufung meines Lehrers, des berühmten Porpora von Sr. Majestät zu erhalten, welcher, mit Einwilligung des Königs, nach Berlin berufen, an der Grenze aber zurückgewiesen und wie verbannt wurde, unter dem Vorwande eines Fehlers in seinem Passe, ohne daß es mir, trotz allen Versicherungen und Versprechungen Sr. Majestät gelungen wäre, dieses Geschäft zu einem glücklichen Ende zu bringen. Ich wage den König mit einer Bitte nicht mehr zu belästigen, die ihn nur wenig interessiren kann und die er, ich bin überzeugt, immer wieder vergessen hat; aber wenn die Prinzessin sich herabließe, den damit beauftragten Beamten ihren Wunsch zu erkennen zu geben, diese Formalitäten zu beseitigen, so würde ich gewiß das Glück haben, endlich mit meinem Adoptivvater und meiner einzigen Stütze in dieser Welt wieder vereinigt zu werden.

– Was Sie mir da sagten, setzt mich in großes Erstaunen, rief Frau von Kleist. Wie, die schöne Porporina, die ich bei den Monarchen allmächtig glaubte, ist genöthigt, den Schutz einer anderen Person in Anspruch zu nehmen, um etwas scheinbar so Einfaches zu erhalten? Erlauben Sie mir dann zu glauben, daß Se. Majestät in Ihrem Adoptivvater, wie Sie ihn nennen, einen zu strengen Wächter, oder einen zu einflußreichen Rathgeber für Sie fürchtet.

– Ich strenge mich vergeblich an, gnädige Frau, um den Sinn der Worte, mit denen Sie mich beehren, zu begreifen, antwortete die Porporina mit einem Ernst, der Frau von Kleist aus der Fassung brachte.

– Wahrscheinlich, weil ich mich in Bezug auf das außerordentliche Wohlwollen und die unbegrenzte Bewunderung, welche der König für die größte Sängerin der Welt an den Tag legt, geirrt habe.

– Es steht der Würde der Frau von Kleist wenig an, erwiederte die Porporina, über eine arme, harmlose und anspruchslose Künstlerin zu spotten.

– – Ich spotten? Wer könnte daran denken, über einen Engel wie Sie zu spotten? Sie kennen Ihre Verdienste nicht, Mademoiselle, und Ihre Offenheit erfüllt mich mit Erstaunen und Bewunderung. Gewiß, Sie werden die Gunst der Prinzessin erlangen: sie giebt sich gern dem ersten Eindruck hin, und sie braucht Sie nur in der Nähe zu sehen, um über Ihre Person dieselbe günstige Meinung zu erhalten, wie sie sie schon von Ihrem Talente hat.

– Man hat mir im Gegentheil gesagt, gnädige Frau, daß Ihre königliche Hoheit stets sehr streng gegen mich gewesen wäre, daß mein armes Gesicht das Unglück gehabt habe, ihr zu mißfallen und daß sie laut meine Gesangmethode mißbillige.

– Wer hat Ihnen solche Unwahrheiten sagen können?

– Dann ist's der König, der mich belogen hat, antwortete das junge Mädchen, ein wenig boshaft.

– Das war eine Falle, um Ihre Bescheidenheit und Sanftmuth zu prüfen, antwortete Frau von Kleist; da mir aber daran liegt, Ihnen zu beweisen, daß ich, eine einfache Sterbliche, nicht das Recht habe zu lügen wie ein großer sehr boshafter König, so will ich Sie sogleich in meinem Wagen mit mir nehmen und mit Ihren Partituren der Prinzessin vorstellen.

– Und Sie glauben, gnädige Frau, daß sie mich gut aufnehmen würde?

– Wollen Sie sich mir anvertrauen?

– Und wenn Sie sich doch täuschten, gnädige Frau, auf wen würde die Demüthigung zurückfallen?

– Auf mich allein; ich gebe Ihnen die Vollmacht, überall zu sagen, daß ich mich der Freundschaft der Prinzessin rühme, sie aber weder Achtung noch Rücksicht für mich hege.

– Ich folge Ihnen, gnädige Frau, sagte die Porporina, indem sie schellte, um sich ihren Mantel und ihren Muff bringen zu lassen. Meine Toilette ist sehr einfach, aber Sie nehmen mich ganz unversehens.

– Sie sind reizend so und werden unsere liebe Prinzessin in einem noch einfacheren Négligé treffen. Kommen Sie nur.

Die Porporina steckte die geheimnißvolle Rolle in ihre Tasche, belud den Wagen der Frau von Kleist mit Partituren und folgte ihr entschlossen, indem sie sich sagte:

– Für einen Mann, der sein Leben für mich gewagt hat, kann ich mich wohl der Gefahr aussetzen, bei einer kleinen Prinzessin umsonst zu antichambriren.

In die Garderobe geführt, blieb sie fünf Minuten daselbst, während die Aebtissin und ihre Vertraute in dem benachbarten Zimmer folgende wenige Worte miteinander wechselten:

– Gnädige Frau, ich bringe sie mit; sie ist da!

– Schon? o bewundernswürdige Gesandtin! Wie muß ich sie aber empfangen? wie ist sie?

– Zurückhaltend, klug oder dumm, entsetzlich versteckt, oder merkwürdig einfältig.

– O, wir wollen bald sehen, rief die Prinzessin, deren Augen mit dem Feuer eines Geistes glänzten, der an Scharfblick und Mißtrauen gewöhnt war. Laß sie eintreten.

Während des kurzen Verweilens in dem Cabinet hatte die Porporina mit Erstaunen das seltsamste Geräth beobachtet, welches jemals das Heiligthum der Toilette einer schönen Prinzessin geschmückt hat: Sphären, Zirkel, Astrolabien, astrologische Karten, Pokale mit seltsamen, unbekannten Mixturen erfüllt, Todtenköpfe, kurz, ein ganzes Material der Zauberei.

– Mein Freund täuscht sich nicht, dachte sie, und das Publikum ist von den Geheimnissen der Schwester des Königs wohl unterrichtet. Es scheint mir sogar nicht, daß sie daraus ein Geheimniß mache, da man diese seltsamen Gegenstände so offen zur Schau stellt. Also, Muth!

Die Aebtissin von Quedlinburg war damals acht und zwanzig bis dreißig Jahre. Sie war schön wie ein Engel gewesen und war es noch des Abends beim Lichterglanz und in der Entfernung; als die Porporina sie aber am Tage in der Nähe sah, erstaunte sie, sie welk und mit finnigen Flecken zu finden. Ihre blauen Augen, welche die schönsten der Welt gewesen, waren jetzt roth gerändert, wie diejenigen einer Person, die eben geweint hat, und besaßen einen krankhaften Glanz und eine Durchsichtigkeit, die kein Vertrauen einflößte. Sie war von ihrer Familie und dem ganzen Hofe angebetet worden, und lange Zeit die herablassendste, die heiterste, die wohlwollendste und anmuthigste Königstochter gewesen, deren Portrait jemals in dem vornehmen Romane der alten patrizischen Literatur entworfen worden ist.

Aber seit einigen Jahren hatte sich ihr Charakter wie ihre Schönheit verändert. Sie hatte Anfälle von Launen und sogar einer Heftigkeit, welche ihr eine Aehnlichkeit mit Friedrichs schlechtesten Eigenschaften gab. Ohne sich nach ihm bilden zu wollen, ja, während sie ihn insgeheim bitter tadelte, wurde sie gleichsam von einer unüberwindlichen Macht verleitet, alle Fehler, die sie an ihm verwerflich fand, anzunehmen und eine herrische und eigenwillige Gebieterin, ein skeptischer schroffer Geist, eine beschränkte und hochmüthige Gelehrte zu werden.

Und dennoch sah man unter diesen abscheulichen Fehlern, die sich täglich mehr ihres Wesens bemächtigten, eine natürliche Herzensgüte, Gradsinn, Muth und ein leidenschaftliches Herz hindurchblicken. Was ging in dem Gemüth dieser Prinzessin vor? Ein furchtbarer Kummer nagte an ihr und sie mußte ihn in ihren Busen verschließen, sie mußte ihn stoisch, mit heiterer Miene vor einer neugierigen, böswilligen oder gleichgültigen Welt tragen.

Und in der That, durch Zwang und Kunst war es ihr gelungen, zwei streng geschiedene Wesen in sich zu entwickeln: das eine, das sie fast Niemanden zu offenbaren wagte, ein anderes, welches sie mit einer Art Haß und Verzweiflung zur Schau trug. Man bemerkte, daß ihre Unterhaltung lebhafter und glänzender geworden war, aber diese unruhige, erzwungene Heiterkeit hatte nichts Erquickliches in sich und man konnte sich die eisige Kälte, das Entsetzen, das sie fast hervorbrachte, nicht erklären. Wechselweise gefühlvoll bis zur Kinderei und hart bis zur Grausamkeit, setzte sie Andere eben so in Erstaunen, als sich selbst, Ströme von Thränen verlöschten das Feuer ihres Zornes und plötzlich entriß dann ein schneidender Spott, ein gottloser Stolz sie diesem wohlthätigen Trübsinn, den zu zeigen und zu nähren ihr nicht erlaubt war.

Diese Doppelnatur war das Erste, was die Porporina, sobald sie ihr näher trat, in ihrem Wesen bemerkte. Die Prinzessin hatte ein doppeltes Aeußere, zwei Gesichter: das eine anmuthig, schmeichelnd, das andere drohend; zwei Stimmen: die eine sanft und harmonisch, welche ihr vom Himmel gegeben zu sein schien, um wie ein Engel zu singen, die andere rauh, welche aus einer brennenden Brust hervorzukommen und von einem höllischen Hauch belebt zu sein schien. Durchdrungen von Erstaunen über ein so seltsames Wesen und zwischen Furcht und Mitgefühl schwankend, fragte sich unsere Heldin, ob sie von einem guten oder bösen Geist in Besitz genommen und beherrscht werden solle.

Die Prinzessin ihrerseits fand die Porporina weit furchtbarer, als sie sich dieselbe vorgestellt hatte. Sie hatte gehofft, ohne Theatercostüm und Schminke, welche die Frauen, was man auch dagegen sagen mag, so häßlich macht, würde sie das Wort der Frau von Kleist: sie sei eher häßlich als schön, wie ihr diese zu ihrer Beruhigung gesagt hatte, rechtfertigen. Aber diese hellbraune, so reine und gleiche Gesichtsfarbe, diese mächtigen und doch so sanften, schwarzen Augen, dieser freimüthige Mund, dieser schlanke Wuchs mit der natürlichen und unbefangenen Bewegung, das ganze Wesen eines achtbaren, herzensguten Mädchens, voll der Ruhe oder wenigstens der innern Kraft, welche Geradsinn und wahre Weisheit geben, zwangen der besorgten Amalie eine Art Achtung, ja sogar Scham ab, als wenn sie hier ein in seiner Rechtlichkeit unangreifbares Gemüth geahnet hätte.

Die Bemühungen, welche sie machte, um ihre Befangenheit zu verbergen, wurden von dem jungen Mädchen bemerkt, das, wie man glauben kann, erstaunte, eine so vornehme Prinzessin von ihrer Gegenwart eingeschüchtert zu sehen. Um ein Gespräch, das jeden Augenblick in Stocken gerieth, von neuem in Gang zu bringen, fing sie an, eine ihrer Partituren zu öffnen, in welche sie das cabalistische Blatt gelegt hatte, und richtete es so ein, daß das große Papier und die seltsamen Zeichen die Blicke der Prinzessin treffen mußten. Sowie ihr das gelungen war, that sie, als wolle sie das Blatt entfernen, als erstaune sie, es da zu finden, aber die Prinzessin ergriff es eilig und rief:

– Was ist das, Mademoiselle? wie kommt das zu Ihnen?

– Wenn ich es Ihrer Hoheit gestehen soll, antwortete die Porporina mit einem bezeichnenden Blick, es ist eine astrologische Operation, die ich Ihnen überreichen wollte, ob es Ihnen vielleicht gefiele, mich über einen Gegenstand zu befragen, dem ich nicht ganz fremd bin.

Die Prinzessin heftete ihre glühenden Augen auf die Sängerin, warf sie dann wieder auf die magischen Zeichen, eilte in die Brüstung eines Fensters, und nachdem sie das Pergament einen Augenblick betrachtet hatte, schrie sie laut auf und sank, wie erstickt, in die Arme der Frau von Kleist, die, als sie sie wanken sah, zu ihr gestürzt war.

– Gehen Sie, Mademoiselle, sagte eilig die Vertraute zur Porporina, gehen Sie in das Cabinet und sagen Sie nichts, rufen sie Niemand, Niemand, verstehen Sie?

– Nein, nein, sie soll nicht fort … sagte die Prinzessin mit erstickter Stimme, sie komme hieher … hieher, zu mir. Ach, mein Kind, rief sie, sobald das junge Mädchen bei ihr war, welchen Dienst haben Sie mir erwiesen!

Und die Porporina mit ihren mageren, weißen, von krampfhafter Heftigkeit zuckenden Armen umfangend, drückte die Fürstin sie an ihr Herz und bedeckte ihre Wangen mit heftigen, stechenden Küssen, die dem armen Kinde das Gesicht fast verletzten und ihr Herz mit Bestürzung erfüllten.

– Wahrlich, dachte sie, in diesem Lande wird Alles wahnsinnig; ich habe schon mehrmals geglaubt es zu werden, und ich sehe wohl, die vornehmsten Personen sind es noch mehr als ich, der Wahnsinn liegt in der Luft.

Die Prinzessin ließ sie endlich aus ihren Armen, um sich an den Busen der Frau von Kleist zu werfen, schluchzend und weinend und mit ihrer seltsamsten Stimme immer wiederholend:

– Gerettet! gerettet! er ist gerettet! Freundinnen, Herzensfreundinnen, Trenck ist aus der Festung Glatz entsprungen, er ist gerettet, er läuft, er eilt noch davon …

Und die arme Fürstin bekam einen Anfall von Lachkrampf, der von Schluchzen unterbrochen wurde und peinlich mit anzusehen und anzuhören war.

– Ach, gnädige Frau, um des Himmels willen, mäßigen Sie Ihre Freude, sagte Frau von Kleist, hüten Sie sich, daß man es nicht höre!

Und das angebliche cabalistische Blatt aufnehmend, das nichts anders war, als ein Brief in Chiffern vom Baron von Trenck, half sie der Fürstin bei dem Durchlesen, welches diese tausendmal durch die Ausbrüche einer fieberhaften und gleichsam gezwungenen Freude unterbrach.

—————

5.

»Dank den Mitteln, die meine unvergleichliche Freundin mir gegeben hat, die untern Offizier der Garnison verführen, mich mit einem nach seiner Freiheit eben so begierigen Gefangenen verständigen, einem unsrer Wächter einen derben Faustschlag, einem zweiten einen starken Fußtritt, einem dritten einen tüchtigen Degenstoß geben, einen merkwürdigen Sprung vom Wall herab machen, wobei ich meinen Freund, der sich nicht schnell genug entschied, vor mir hinabstürzte, ihn, der sich beim Fall den Fuß verstaucht hatte, auf meine Achseln nehmen, eine Viertelstunde lang auf diese Weise fortlaufen, die Neiß bis zum Gürtel im Wasser durchwaden, bei einem Nebel, wo man nicht die Spitze seiner Nase vor sich sehen konnte, am andern Ufer hinlaufen, die ganze Nacht und eine abscheuliche Nacht! marschiren, sich verirren, im Schnee um einen Berg herumlaufen, ohne zu wissen wo man ist, und die vierte Stunde des Morgens von der Glatzer Thurmuhr schlagen hören, also Zeit und Mühe verloren haben, um sich beim Anbruch des Tages wieder unter den Mauern der Stadt zu befinden … von Neuem Muth fassen, in das Haus eines Bauern dringen, ihm mit der Pistole auf der Brust zwei Pferde entreißen, und auf gutes Glück mit verhängtem Zügel davon jagen – durch tausend List, durch tausend Schrecken, tausend Leiden und Strapatzen seine Freiheit wieder gewinnen und sich endlich ohne Geld, ohne Kleider, fast ohne Brod, bei einer strengen Kälte in fremden Landen finden, aber mit dem Gefühl der Freiheit, nachdem man zu einer entsetzlichen ewigen Gefangenschaft verurtheilt war, an eine anbetungswürdige Freundin denken, sich sagen, daß diese Nachricht sie mit Freude erfüllen wird, tausend kühne und entzückende Pläne entwerfen, um sich ihr zu nähern, das heißt glücklicher als Friedrich von Preußen, das heißt der Glücklichste der Menschen, das heißt der Liebling der Vorsehung sein.«

Das war im Allgemeinen der Inhalt von des jungen Friedrich von Trencks Brief an die Prinzessin Amalie, und die Leichtigkeit, mit welcher Frau von Kleist ihn las, bewies der überraschten und gerührten Porporina, daß diese Correspondenz in Chiffern zwischen ihnen sehr vertraut sein müsse; es war noch ein Postscript in folgenden Worten dabei:

»Die Person, welche Ihnen diesen Brief übergeben wird, ist so sicher als die Anderen es nicht waren. Sie können ihr also ohne Rückhalt vertrauen und alle Ihre Depeschen für mich übergeben. Der Graf von Saint Germain wird ihr ein Mittel verschaffen, sie mir zukommen zu lassen; aber es ist nothwendig, daß der besagte Graf, dem ich nicht in jeder Rücksicht trauen mag, nie von Ihnen sprechen höre und mich in die Signora Porporina verliebt glaube, obgleich dem nicht so ist und ich nie für sie mehr als eine friedlich reine Freundschaft gehabt habe. Die schöne Stirn der Gottheit, die ich verehre, darf also keine Wolke beschatten. Nur für sie athme ich, und lieber wollte ich sterben, als sie betrüben.«

Während die Frau von Kleist dieses Postscript mit lauter Stimme dechiffrirte und jedes Wort besonders betonte, prüfte die Prinzeß Amalie aufmerksam die Züge der Porporina, um zu sehen, ob sie einen Ausdruck des Schmerzes, der Demüthigung oder des Verdrusses darin wahrnähme. Die englische Heiterkeit dieses würdigen Mädchens beruhigte sie gänzlich, und sie begann sie von Neuem mit Liebkosungen zu überhäufen, indem sie rief:

– Und ich konnte dich in Verdacht haben, armes Kind! Du weißt nicht, wie eifersüchtig ich auf dich gewesen bin, wie ich dich gehaßt, dich verwünscht habe! Ich wollte in dir nur eine häßliche, boshafte Schauspielerin finden, eben weil ich fürchtete dich zu schön und zu gut zu sehen. Mein Bruder, der es ungern sah, wenn ich mit dir in Verkehr träte, hatte, während er sich stellte, als wolle er dich in meine Conzerte bringen, sorgfältig mir zu verstehen geben lassen: du seiest in Wien Trenck's Geliebte und Abgott gewesen. Er wußte wohl, daß dies das Mittel sei, mich auf immer von dir zu entfernen. Und ich glaubte es, während du dich den größten Gefahren aussetzest, um mir diese glückliche Nachricht zu bringen! Du liebst also den König nicht? O, du thust Recht, es ist der verderbteste, der grausamste aller Männer!

– Ach, gnädigste Frau, rief Frau von Kleist, entsetzt über die fieberhafte Aufrichtigkeit und Geläufigkeit, mit welcher die Prinzessin in Gegenwart der Porporina sprach, welchen Gefahren würden Sie sich in diesem Augenblicke aussetzen, wenn Mademoiselle nicht ein Engel an Muth und Treue wäre!

– Es ist wahr … ich bin in einem Zustande! … Ich glaube wohl, ich bin ohne Besinnung. Schließ die Thüren, Kleist, und sieh zuvor, ob Jemand im Vorzimmer ist, der mich hören konnte. Sie aber, fügte die Fürstin auf die Porporina deutend hinzu, sieh sie an und sage mir, ob es möglich ist, an einem Gesichte wie das ihrige zu zweifeln. Nein, nein! ich bin nicht so unbesonnen als ich scheine, liebe Porporina. Glauben Sie nicht, daß ich aus Zerstreuung offenen Herzens zu Ihnen spreche, oder daß es mich reuen wird, wenn ich ruhiger sein werde. Ich habe einen untrüglichen Instinkt, mein Kind, sehen Sie. Mein Blick hat mich noch nie betrogen. Das liegt in der Familie, und mein Bruder, der König, der sich viel darauf zu Gute thut, kommt mir darin nicht gleich. Nein, Sie werden mich nicht täuschen, ich sehe es, ich weiß es! … Sie möchten ein Weib nicht täuschen, das von einer unglücklichen Liebe verzehrt wird und Leiden ertragen hat, von denen kein Mensch sich eine Vorstellung machen kann!

– O, gnädigste Frau, nie! sagte die Porporina, neben ihr niederknieend, als wollte sie Gott zum Zeugen ihres Schwures nehmen: weder Sie, noch Herrn von Trenck, der mir das Leben gerettet hat, noch irgend wen auf der Welt!

– Er hat dir das Leben gerettet? Ach, gewiß, er hat noch Viele gerettet! denn er ist tapfer, gut und schön! Er ist sehr schön, nicht wahr? Aber du mußt ihn nicht genau genug angesehen haben, sonst hättest du dich in ihn verliebt, und das hast du nicht, nicht wahr? Du sollst mir erzählen, wie du ihn kennen gelernt und wie er dir das Leben gerettet hat; aber jetzt nicht. Ich könnte dich nicht hören. Ich muß sprechen, mein Herz fließt über. Schon so lange vertrocknet es in meiner Brust! Ich will sprechen, immer sprechen; laß mich, Kleist. Meine Freude muß einen Ausweg finden, oder ich ersticke. Nur schließ die Thüren, sei auf der Hut, bewache mich, sorge für mich. Habt Mitleid mit mir, Ihr guten Freundinnen, denn ich bin sehr glücklich!

Und die Prinzessin brach in Thränen aus.

– Du mußt wissen, begann sie nach einigen Augenblicken wieder mit einer von Thränen unterbrochenen Stimme, aber mit einer Aufregung, die nichts beruhigen konnte, daß er mir vom ersten Tage an, wo ich ihn sah, gefallen hat. Er war achtzehn Jahr alt, schön wie ein Engel und so unterrichtet, so freimüthig, so kühn! Man wollte mich an den König von Schweden vermählen. Ach ja! Und meine Schwester Ulrike weinte vor Verdruß, daß ich eine Königin werden und sie ledig bleiben sollte!

– »Liebe Schwester,« sagte ich zu ihr, »wir können die Sache recht gut einrichten. Die Großen, welche Schweden beherrschen, verlangen eine katholische Königin; ich will aber meinen Glauben nicht abschwören. Sie verlangen eine hübsche sanfte Königin, die ganz still und ruhig, jeder Politik fremd bleibt; ich aber, wenn ich Königin wäre, möchte herrschen. Ich will mich über diese Punkte in Gegenwart der Gesandten klar aussprechen und du wirst sehen, daß sie schon morgen an ihren Fürsten schreiben werden, du paßtest für Schweden, nicht ich.«

Ich that, wie ich sagte, und meine Schwester wurde Königin von Schweden. Und seit diesem Tage habe ich alle Tage meines Lebens Komödie gespielt! Ach, Porporina, du hältst dich für eine Schauspielerin? Nein, du weißt nicht, was es heißt, sein ganzes Leben lang, am Morgen, während des Tages, am Abend, und oft selbst des Nachts eine Rolle spielen. Denn Alles, was uns umgiebt, denkt nur daran, uns aufzupassen, uns zu verrathen.

Ich war gezwungen, zum Schein sehr betrübt und verdrießlich zu sein, als meine Schwester durch meine Fürsorge mich um den Thron von Schweden betrog. Ich war gezwungen dem Scheine nach, Trenck nicht ausstehen zu können, ihn lächerlich zu finden, mich über ihn lustig zu machen, was weiß ich! Und zwar in der Zeit, wo ich ihn anbetete, wo ich seine Geliebte war, wo ich vor Glück und Freude, wie heute, fast erstickte! … Ach, mehr als heute! Aber Trenck besaß meine Kraft, meine Klugheit nicht. Er war kein geborner Fürst, er wußte nicht zu heucheln, zu lügen, wie ich.

Der König entdeckte Alles und log, nach der Gewohnheit der Könige, er that als sähe er nichts, aber er verfolgte Trenck und dieser schöne Page, sein Liebling, wurde der Gegenstand seines Hasses, seiner Wuth. Er hat ihn mit Demüthigungen und Strenge überhäuft, schickte ihn sieben Tage lang unter achten in Haft, aber am achten war Trenck in meinen Armen, denn nichts erschreckt ihn, vor nichts bebt er zurück. Wie sollte man einen solchen Muth nicht anbeten?

Drauf kam der König zu dem Gedanken, ihm eine Botschaft ins Ausland anzuvertrauen, und als er sie eben so geschickt als schnell beendigt hatte, beging mein Bruder die Schändlichkeit, ihn anzuklagen, er habe seinem Vetter, dem Panduren Trenck, der in Maria Theresia's Diensten steht, die Pläne unserer Festungen und die Geheimnisse des Krieges verrathen. Dadurch entfernte er ihn nicht nur von mir durch eine ewige Gefangenschaft, sondern er entehrte ihn auch und ließ ihn in einem entsetzlichen Kerker vor Kummer, Verzweiflung und Wuth umkommen.

Sieh, ob ich meinen Bruder achten und segnen kann. Er ist ein großer Mann, wie man sagt. Ich behaupte aber, er ist ein Ungeheuer! Ach, hüte dich, ihn zu lieben, denn er zerbricht dich wie einen Zweig! Aber du mußt heucheln, siehst du, immer heucheln! In der Luft, in welcher wir leben, darf man nur im Verborgenen athmen. Ich habe den Schein, meinen Bruder hoch zu verehren. Ich bin seine vielgeliebte Schwester, das weiß alle Welt, oder glaubt es zu wissen … er ist sehr besorgt um mich, pflückt selbst die Kirschen an den Spalieren von Sanssouci und beraubt sich ihrer, er, der nichts Anderes auf Erden liebt, um sie mir zu schicken, und ehe er sie dem Pagen übergiebt, der mir das Körbchen bringt, zählt er sie, damit der Page ja keine unterweges esse. Welche zarte Aufmerksamkeit! welche naive Würde eines Heinrichs IV. und eines Königs René! Aber meinen Geliebten läßt er in einem unterirdischen Kerker verschmachten und sucht ihn in meinen Augen zu entehren, um mich zu bestrafen, geliebt zu haben! Welch ein großes Herz und was für ein zärtlicher Bruder! Aber wie lieben wir uns auch! …

Während die Prinzessin noch sprach, erblaßte sie, ihre Stimme wurde immer schwächer und erlosch, ihre Augen wurden starr und traten fast aus ihren Kreisen heraus; sie blieb unbeweglich, stumm und todtenbleich – sie hatte das Bewußtsein verloren. Die Porporina half Frau von Kleist sie aufschnüren und in ihr Bett bringen, wo sie wieder etwas zur Besinnung kam und fortfuhr, unverständliche Worte zu murmeln.

– Der Zufall wird vorübergehen, dem Himmel sei; Dank! – sagte Frau von Kleist zur Sängerin. Sobald sie sich wieder etwas mehr in ihrer Gewalt hat, will ich ihre Frauen rufen. Sie aber, liebes Kind, müssen durchaus in den Musiksalon treten und den Mauern oder vielmehr den Ohren im Vorzimmer etwas vorsingen. Denn der König wird gewiß erfahren, daß Sie hier gewesen sind, und es darf nicht scheinen, als hätten Sie sich bei der Prinzessin mit etwas Anderem als der Musik beschäftigt. Die Fürstin, wird krank werden und damit kann sie ihre Freude verbergen. Sie darf nicht zu ahnen scheinen, daß Trenck entsprungen ist; auch Sie nicht. Der König weiß es jetzt bereits, das ist sicher. Er wird unwillig sein und furchtbaren Verdacht haben auf alle Welt. Nehmen Sie sich wohl in Acht. Sie sind so gut wie ich verloren, wenn er entdeckt, daß Sie der Fürstin jenen Brief gaben,;und die Frauen kommen in diesem Lande hier so gut auf die Festung wie die Männer, man vergißt sie daselbst mit Absicht, ganz wie die Männer, sie sterben dort wie die Männer. Ich sage Ihnen das voraus; jetzt adieu. Singen Sie und entfernen Sie sich dann ohne Geräusch wie ohne Geheimniß. Wir werden Sie wenigstens acht Tage lang nicht sehen, um jeden Verdacht zu vermeiden. Rechnen Sie übrigens auf die Erkenntlichkeit der Prinzessin. Sie ist sehr freigebig und weiß Treue zu belohnen …

– Ach, gnädige Frau, sagte Porporina traurig, Sie glauben also, es bedürfe bei mir der Drohungen und Versprechungen? Ich beklage Sie, daß Sie einen solchen Gedanken haben!

Fast erschöpft durch die heftigen Gemüthsbewegungen, die sie so eben getheilt hatte, und noch krank von ihrem eigenen Zufall am vorigen Abend, setzte sich die Porporina doch ans Klavier und begann zu singen, als sich hinter ihr eine Thür so leise öffnete, daß sie es nicht bemerkte. Plötzlich sah sie im Spiegel, an welchem das Instrument stand, die Gestalt des Königs neben sich. Sie erbebte und wollte aufstehen; aber der König legte seine dürren Finger auf ihre Achsel und zwang sie, sitzen zu bleiben und fortzuspielen. Sie gehorchte mit großem Widerwillen und Unbehagen. Niemals hatte sie sich weniger zum Singen aufgelegt gefühlt, niemals hatte die Gegenwart Friedrichs ihr kälter und der musikalischen Begeisterung feindlicher geschienen.

– Das nenn' ich köstlich gesungen! sagte der König, als sie ihr Stück vollendet hatte, während welchem sie mit Entsetzen bemerkte, daß er auf den Fußspitzen an die halboffene Thür des Schlafzimmers seiner Schwester gegangen war und gelauscht hatte. Aber ich bemerke mit Kummer, fügte er hinzu, daß diese schöne Stimme diesen Morgen etwas belegt ist. Sie hätten ruhen und nicht der seltsamen Laune der Prinzessin Amalie nachgeben sollen, die Sie zu sich kommen läßt, um Sie nicht zu hören.

– Ihre königliche Hoheit ist plötzlich unwohl geworden, antwortete das junge Mädchen, erschreckt von der düstern, sorgenvollen Miene des Königs, und sie hat mir befohlen, zu ihrer Zerstreuung meinen Gesang fortzusetzen.

– Ich versichere Sie, das ist verlorene Mühe, sie hört Sie gar nicht, erwiederte der König trocken. Jetzt flüstert sie drinnen mit der Frau von Kleist, als wenn Niemand da wäre; und da das so ist, können auch wir hier miteinander flüstern, ohne uns um sie zu bekümmern. Die Krankheit scheint nicht sehr ernst. Ich glaube, Ihr Geschlecht geht in dieser Hinsicht sehr schnell von einem Extrem ins andere. Man hielt Sie gestern Abend für todt; wer hätte glauben können, daß Sie diesen Morgen hier sein würden, um meine Schwester zu pflegen und zu unterhalten? Hätten Sie wohl die Gefälligkeit, mir zu sagen, durch welchen Zufall Sie sich ihr so plötzlich haben vorstellen lassen?

Von dieser Frage betäubt, flehte die Porpora zum Himmel, ihr einen Gedanken einzugeben.

– Sire, antwortete sie, indem sie sich bemühte, ruhig zu erscheinen, ich weiß es selbst nicht recht. Diesen Morgen ließ man von mir diese Partitur verlangen. Ich glaubte, es sei meine Schuldigkeit, sie selbst herzubringen. Ich wollte meine Bücher in dem Vorzimmer abgeben und mich schnell wieder entfernen. Frau von Kleist bemerkte mich. Sie nannte mich Ihrer Hoheit und diese war wahrscheinlich neugierig, mich in der Nähe zu sehen. Man nöthigte mich, einzutreten. Ihre Hoheit ließ sich herab, mich über den Styl verschiedener Musikstücke zu befragen; drauf fühlte sie sich unwohl und befahl mir, ihr dieses vorzusingen, während sie sich ins Bett legte. Und jetzt, glaube ich, wird man die Gnade haben, mich zur Probe gehen zu lassen.

– Dazu ist's noch nicht Zeit, sagte der König: Ich weiß nicht, warum Sie immer auf Kohlen zu stehen scheinen, wenn ich mit Ihnen sprechen will?

– Ich fürchte immer, bei Ew. Majestät nicht an meinem Platze zu sein.

– Sie sind nicht gescheidt, meine Liebe.

– Ein Grund mehr, Sire.

– Bleiben Sie, erwiederte er, sie zwingend, sich wieder an das Piano zu setzen und sich grade vor sie hinstellend, und während er sie mit einem halb väterlichen, halb inquisitorischen Blicke ansah, fügte er hinzu: Ist das Alles wahr, was Sie mir jetzt erzählt haben?

Die Porporina überwand den Abscheu, den sie gegen die Lüge fühlte. Sie hatte sich oft gesagt, daß sie für sich selbst bei diesem entsetzlichen Manne immer aufrichtig sein wolle, aber zu lügen wissen werde, wenn es sich je um das Heil seiner Opfer handeln würde. Unerwartet sah sie sich in dieser Lage, wo das Wohlwollen des Herrn sich in Wuth verwandeln konnte, gern hätte sie sich lieber zum Opfer gebracht, als zur Heuchelei ihre Zuflucht genommen; aber das Schicksals Trenck's und der Prinzessin beruhte auf ihrer Geistesgegenwart und ihrer Klugheit. Sie rief die Kunst der Schauspielerin zu Hülfe und hielt mit einem schalkhaften Lächeln den Adlerblick des Königs aus, der in diesem Augenblick mehr dem eines Geiers glich.

– Nun, sagte der König, warum antworten Sie mir nicht?

– Warum will Ew. Majestät mich erschrecken, indem Sie an dem zu zweifeln scheinen, was ich sage?

– Sie sehen keineswegs erschreckt aus; im Gegentheil, Ihr Blick scheint mir an diesem Morgen sehr kühn.

– Sire, man fürchtet nur, was man haßt. Warum soll ich Sie fürchten?

Friedrich waffnete sich mit seiner Crocodillennatur, um von dieser Antwort, der kokettesten, die er noch von der Porporina erhalten hatte, nicht bewegt zu werden. Er änderte sogleich nach seiner Gewohnheit den Gegenstand des Gesprächs, was eine große Kunst und schwieriger ist, als man glaubt.

– Warum wurden Sie gestern Abend im Theater ohnmächtig?

– Sire, das ist wohl Ihre geringste Sorge, und ein Geheimniß für mich.

– Was haben Sie denn zu Ihrem Frühstück genossen, daß Sie in Ihren Antworten gegen mich diesen Morgen so freimüthig sind?

– Ich habe ein gewisses Flacon gesehen, das mich mit Vertrauen auf die Güte und Gerechtigkeit dessen erfüllt hat, der mir es brachte.

– Ah, Sie haben das für eine Erklärung angesehen! sagte Friedrich mit einem eisigen Tone und unverhüllter Geringschätzung.

– Gott sei Dank, nein! antwortete das junge Mädchen mit einem sehr aufrichtigen Gefühl des Schreckens.

– Warum sagen Sie Gott sei Dank?

– Weil ich weiß, daß Ew. Majestät nur Kriegserklärungen machen, selbst gegen Damen.

– Sie sind weder die Czarin noch Maria Theresia: welchen Krieg könnte ich mit Ihnen führen?

– Den, welchen der Löwe mit der Mücke führen kann.

– Und welche Fliege sticht Sie denn, eine solche Fabel anzuführen? die Mücke brachte den Löwen um durch ihre fortdauernden Angriffe.

– Das war gewiß ein armseliger, jähzorniger, und also schwacher Löwe. An diese Nutzanwendung habe ich also nicht denken können.

– Aber die Mücke war heftig und stachelig. Vielleicht eine Nutzanwendung für Sie.

– Glaubt Ew. Majestät das?

– Ja.

– Sire, Sie reden nicht die Wahrheit.

Friedrich ergriff die Hand des jungen Mädchens und drückte sie so heftig, als wollte er sie zerdrücken. Zorn und Liebe lagen in dieser seltsamen Bewegung. Die Porporina verzog keine Miene, und der König sagte, indem er ihre rothe, geschwollene Hand ansah:

– Sie haben Muth.

– Nein, Sire, aber ich nehme nicht den Schein an, als wenn er mir fehlte, wie alle diejenigen, welche Sie umgeben.

– Was wollen Sie damit sagen?

– Man stellt sich häufig todt, um nicht getödtet zu werden. An Ihrer Stelle würde es mir nicht lieb sein, daß man mich für so fürchterlich hielte.

– In wen sind Sie verliebt? fragte der König, abermals das Gespräch wechselnd.

– In Niemand, Sire.

– Weshalb haben Sie denn Nervenzufälle?

– Das hat keinen Einfluß auf das Schicksal Preußens, und deshalb kümmert es den König wenig, es zu wissen.

– Glauben Sie denn, der König spreche mit Ihnen?

– Ich darf es nicht vergessen.

– Sie müssen sich doch dazu entschließen. Der König wird nie mit Ihnen sprechen. Nicht dem König haben Sie das Leben gerettet, Mademoiselle.

– Aber den Baron Kreutz habe ich hier nicht wiedergefunden.

– Soll das ein Vorwurf sein? Er wäre ungerecht.Der König hat sich gestern nicht nach Ihrer Gesundheit erkundigt, der Capitän Kreutz ist bei Ihnen gewesen.

– Der Unterschied ist zu fein für mich, Herr Capitän.

– Nun, versuchen Sie immer, ihn fest zu halten. Sehen Sie, wenn ich meinen Hut so auf den Kopf setze, etwas nach der linken Seite zu, so bin ich der Capitän, und setze ich ihn so, mehr rechts, dann bin ich der König; und je nach diesen Zeichen sind Sie Consuelo oder Mademoiselle Porporina.

– Ich verstehe Sie, aber mir wäre das unmöglich. Ew. Majestät steht es frei, zwei, drei, ja hundert Personen zu sein; ich kann nur eine einzige sein.

– Das ist nicht wahr! Auf dem Theater, in Gegenwart Ihrer Kameraden würden Sie nicht so zu mir sprechen, wie Sie es jetzt thun.

– Sire, trauen Sie dem nicht!

– Ei, haben Sie denn heute den Teufel im Leibe?

– Der Hut Ew. Majestät steht weder zur Linken, noch zur Rechten, ich weiß daher nicht, mit wem ich spreche.

Der König, von dem Reiz besiegt, den er, besonders in diesem Augenblick, in der Nähe der Porporina empfand, faßte mit der Miene heiterer Gutmüthigkeit nach seinem Hut und rückte ihn mit solcher Uebertreibung auf das linke Ohr, daß sein furchtbares Gesicht komisch wurde. Er wollte den einfachen Sterblichen spielen und so viel als möglich den König vergessen; aber plötzlich erinnerte er sich, daß er nicht gekommen sei, um sich von seinen Sorgen zu zerstreuen, sondern um in die Geheimnisse der Aebtissin von Quedlinburg einzudringen. Mit einer heftigen verdrießlichen Bewegung nahm er seinen Hut ganz ab, das Lächeln erstarb auf seinen Lippen, seine Stirn verdüsterte sich und er stand auf, indem er zu dem jungen Mädchen sagte:

– Bleiben Sie hier, ich werde Sie abholen.

Er trat in das Zimmer der Prinzessin, die ihn zitternd erwartete. Frau von Kleist hatte ihn mit der Porporina sprechen sehen, aber nicht gewagt, das Bett ihrer Gebieterin zu verlassen. Vergeblich hatte sie versucht, das Gespräch zu hören, sie konnte wegen der Größe der Zimmer kein Wort verstehen, und war mehr todt als lebendig.

Auch die Porporina zitterte vor dem, was kommen sollte. Gewöhnlich ernst und voll achtungsvoller Aufrichtigkeit gegen den König, hatte sie sich jetzt Gewalt angethan, ihn durch die Koketterie einer etwas affektirten Freimüthigkeit von dem gefährlichen Verhör abzuziehen, dem er sie zu unterwerfen begann. Sie hatte gehofft, ihn völlig abzuhalten, seine unglückliche Schwester zu quälen. Aber Friedrich war nicht der Mann, seine Pläne aufzugeben, und die Anstrengungen der Armen scheiterten an der Hartnäckigkeit des Despoten.

Sie empfahl die Prinzessin Amalie Gottes Schutz, denn sie begriff sehr wohl, daß der König sie nur zu verweilen nöthigte, um ihre Aussage mit denen zu confrontiren, die er im Nebenzimmer erhalten würde. Sie zweifelte nicht mehr daran, als sie sah, wie sorgfältig der König die Thür hinter sich schloß. Eine Viertelstunde lang blieb sie in einer peinlichen Erwartung, von leichtem Fieberfrost geschüttelt und von der Intrigue erschreckt, in welche sie sich verwickelt sah, unzufrieden mit der Rolle, die sie zu spielen gezwungen war und mit Entsetzen an jene Winke von des Königs möglicher Liebe zu ihr, die ihr von allen Seiten zukamen, und an die seltsame Aufregung denkend, welche der König selbst in dieser Hinsicht in seinem sonderbaren Betragen so eben verrathen hatte.

6.

Aber guter Gott, kann denn die Geschicklichkeit des furchtbarsten Dominikaners, der jemals das Amt eines Großinquisitors übernommen hat, gegen die dreier Frauen siegen, wenn Liebe, Furcht und Freundschaft eine jede in gleichem Sinne begeistert? Friedrich mochte Alles anwenden, schmeichelnde Liebenswürdigkeit, empörende Ironie, unverhoffte Fragen, scheinbare Gleichgültigkeit, heimliche Drohungen, nichts führte zum Ziel. Die Gegenwart der Consuelo in den Gemächern der Prinzessin wurde von Frau von Kleist und der Prinzeß Amalie genau auf dieselbe Weise erklärt, welche die Porporina so glücklich improvisirt hatte. Es war die natürlichste, die wahrscheinlichste. Alles dem Zufall auf die Rechnung zu setzen, ist das beste Mittel. Der Zufall spricht nicht und überführt niemals der Lüge.

Des Kampfes müde, gab der König das Spiel auf oder veränderte vielmehr die Taktik; denn plötzlich rief er:

– Und die Porporina, die ich da drinnen gelassen habe! Liebes Schwesterchen, da Sie sich besser befinden, so lassen Sie sie herein kommen, ihr Gespräch wird Sie erheitern.

– Ich hätte Lust zu schlafen, antwortete die Fürstin, die eine Falle fürchtete.

– Nun, so wünschen Sie ihr einen guten Morgen und verabschieden Sie sie selbst.

Mit diesen Worten ging der König, der Frau von Kleist zuvorkommend, selbst an die Thür und rief die Porporina.

Aber statt sie zu verabschieden, fing er sogleich ein Gespräch über deutsche und italienische Musik an, und als dieser Gegenstand erschöpft war, rief er plötzlich:

– Ach, Signora Porporina, ich habe vergessen, Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die Ihnen gewiß Vergnügen machen wird. Ihr Freund, der Baron von Trenck, ist nicht mehr gefangen.

– Welcher Baron von Trenck, Sire? fragte das junge Mädchen mit trefflich gespielter Unbefangenheit: Ich kenne zweie, und Beide sind im Gefängniß.

– O, Trenck, der Pandure, wird auf dem Spielberg sterben. Der preußische Trenck hat das Weite gesucht.

– Nun, Sire, antwortete die Porporina, was mich betrifft, so danke ich Ihnen sehr. Das ist ein Beweis von der Gerechtigkeit und dem Edelmuthe Eurer Majestät.

– Sehr verbunden für das Compliment, Mademoiselle. Was denken Sie, liebe Schwester?

– Wovon sprechen Sie denn? sagte die Prinzessin. Ich habe nicht zugehört, mein Bruder. Ich fing an einzuschlafen.

– Ich spreche von Ihrem Günstling, dem schönen Trenck, der aus Glatz davongelaufen ist.

– O, er hat's recht gemacht, antwortete Amalie mit großer Ruhe.

– Er hat's schlecht gemacht, antwortete der König trocken. Man wollte eben seine Sache vornehmen und er hätte sich vielleicht gegen die Anklagen rechtfertigen können, die auf seinem Kopfe lasten. Seine Flucht ist ein Eingeständniß seiner Verbrechen.

– Wenn es so ist, so gebe ich ihn auf, sagte Amalie mit der größten Ruhe.

– Aber Mademoiselle Porporina wird fortfahren, ihn zu vertheidigen, das weiß ich gewiß, nahm Friedrich wieder das Wort. Ich sehe es in ihren Augen.

– Weil ich an den Verrath nicht glauben kann, sagte sie.

– Besonders wenn der Verräther ein so hübscher Junge ist? Wissen Sie, liebe Schwester, daß Mademoiselle Porporina mit dem Baron von Trenck sehr liirt ist?

– Wohl bekomm's ihr! antwortete Amalie kalt. Doch wenn es ein ehrloser Mann ist, so rathe ich ihr, ihn zu vergessen. Jetzt wünsche ich Ihnen einen guten Morgen, Mademoiselle, denn ich bin sehr matt. Ich bitte, kommen Sie doch in einigen Tagen wieder, um mir bei dem Durchgehen der Partitur zu helfen; sie scheint mir sehr schön.

– Sie haben also wieder Geschmack an der Musik gefunden? fragte der König. Ich glaubte, Sie hätten sie ganz aufgegeben.

– Ich will versuchen, sie wieder aufzunehmen und hoffe, mein Bruder wird mich gütigst dabei unterstützen. Man sagt, Sie haben große Fortschritte gemacht und geben mir vielleicht einigen Unterricht?

– Wir wollen Beide ihn bei der Signora nehmen. Ich werde sie Ihnen zuführen.

– Thun Sie das. Sie werden mir großes Vergnügen machen.

Frau von Kleist begleitete die Porporina bis in das Vorzimmer, und diese befand sich bald allein in den langen Gallerien, ohne genau zu wissen, wohin sie gehen müsse, um aus dem Palast heraus zu kommen, und ohne sich genau zu erinnern, welchen Weg sie genommen hätte, um hieher zu gelangen.

Der Hofhalt des Königs war mit der genauesten Oeconomie, um nicht mehr zu sagen, eingerichtet, und man traf in dem Innern des Schlosses sehr wenig Lakaien. Die Porporina fand keinen einzigen, der ihr hätte den Weg zeigen können, und begann auf gut Glück in diesem düstern, weitläufigen Gebäude umherzuirren.

Immer noch von dem was sie eben erfahren hatte aufgeregt, von Ermüdung erschöpft, seit dem vorigen Tage nüchtern, fühlte die Porporina ihren Kopf sehr angegriffen, und wie es zuweilen in solchen Fällen geschieht, unterhielt nur eine krampfhafte Aufregung noch ihre physische Kraft. Sie ging auf gut Glück weiter, schneller als sie es in gesundem Zustand gethan hätte; und von einer ganz persönlichen Idee verfolgt, die sie seit dem vorigen Abend seltsam quälte, vergaß sie völlig wo sie war, verirrte sich, ging über Gallerien und Höfe, kehrte wieder zurück, stieg Treppen auf und ab, begegnete mehreren Personen, dachte aber nicht mehr daran, sie nach ihrem Wege zu fragen, und befand sich endlich, wie aus einem Traum erwacht, am Eingange eines ungeheuren Saales voll seltsamer, verschiedenartiger Gegenstände, wo ein ernster, höflicher Mann sie mit großer Achtung begrüßte und einzutreten bat.

Die Porporina erkannte den sehr gelehrten Akademiker Stoß, Conservator des Curiositätenkabinets und der Bibliothek des Königs, Er war mehrmals zu ihr gekommen, um ihr kostbare Manuskripte protestantischer Musik aus den ersten Zeiten der Reformation vorzulegen, calligraphische Kunstwerke, mit denen er die königliche Sammlung bereichert hatte.

Als er hörte, daß sie einen Ausgang aus dem Palast suchte, erbot er sich sogleich, sie in ihre Wohnung zu führen, bat sie aber so inständig, einen Blick auf das seiner Aufsicht anvertraute kostbare Kabinet zu werfen, auf welches er mit Recht stolz war, daß sie sich nicht weigern konnte, auf seinen Arm gestützt, es in Augenschein zu nehmen. Leicht zu zerstreuen, wie alle Künstlernaturen,nahm sie bald größeres Interesse daran, als sie sich anfangs fähig geglaubt hätte, und namentlich wurde ihre Aufmerksamkeit gänzlich von einem Gegenstand angezogen, auf den sie der sehr würdige Professor besonders aufmerksam machte.

– Diese Trommel, sagte er, die auf den ersten Blick nichts Besonderes an sich hat und die ich sogar als ein apokryphes Denkmal halten möchte, genießt doch eines großen Rufes. Gewiß ist es, daß die Haut dieses kriegerischen Instruments eine Menschenhaut ist, wie Sie selbst an den Zeichen der Schwellung der Brüste bemerken können. Dieses von Sr. Majestät im letzten glorreichen Kriege aus Prag entführte Siegeszeichen ist, wie man sagt, die Haut von Johannes Ziska vom Kelche, dem berühmten Führer des großen Hussitenaufstandes im fünfzehnten Jahrhundert. Man behauptet, er habe dieses heilige Vermächtniß seinen Waffenbrüdern hinterlassen und ihnen versprochen, daß da, wo sie wäre, auch der Sieg sein solle. Die Böhmen behaupten, der Ton dieser furchtbaren Trommel treibe ihre Feinde in die Flucht, rufe die Schatten ihrer gestorbenen Häuptlinge auf, um für die heilige Sache zu streiten, und tausend andere Wunder … Aber außerdem, daß in dem glänzenden Jahrhundert der Vernunft, in welchem wir zu leben das Glück haben, solcher Aberglaube nur Verachtung verdient, behauptet auch M. Lensant, Prediger Ihrer Majestät der Königin-Mutter und Verfasser einer recht guten Geschichte der Hussiten, daß Johannes Ziska mit seiner Haut beerdigt worden sei und folglich … Aber es scheint mir, Mademoiselle, Sie werden bleich … wären Sie unwohl? oder sollte der Anblick dieses seltsamen Gegenstandes Ihnen Widerwillen einflößen? Der Ziska war ein großer Bösewicht und wilder Rebell …

– Möglich, mein Herr, antwortete die Porporina, aber ich habe in Böhmen gelebt und dort gehört, daß er ein großer Mann gewesen; sein Andenken ist dort noch so lebendig, wie es das von Ludwig XIV. in Frankreich nur sein kann, und man betrachtet ihn als den Retter seines Vaterlandes.

– Ach, das ist ein sehr schlecht gerettetes Vaterland, antwortete Herr Stoß lächelnd, ich möchte die hellklingende Brust seines Befreiers ertönen lassen, wie ich wollte, ich würde nicht einmal seinen Schatten ausrufen können, der in dem Palast des Siegers seiner Nachkommen schmählich gefangen ist.

Indem Herr Stoß in pedantischem Tone dieses sprach, fuhr er mit seinen Fingern über die Trommel, die einen düstern, dumpfen Ton von sich gab, wie man ihn von diesen Instrumenten bei Trauermärschen hört. Aber der gelehrte Conservator wurde in diesem profanen Vergnügen plötzlich durch einen durchdringenden Schrei der Porporina unterbrochen, die sich in seine Arme warf und ihr Gesicht an seiner Schulter verbarg, wie ein von einem seltsamen Gegenstand erschrecktes Kind.

Der ernste Herr Stoß blickte sich um, um die Ursache dieses plötzlichen Schreckens zu suchen, und sah an der Schwelle des Saales eine Person stehen, deren Anblick ihm nur Geringschätzung einflößte. Er wollte ihr ein Zeichen geben, sich zu entfernen, aber sie war schon vorübergegangen, ehe die Porporina, die sich fest an ihn anklammerte, ihm die Freiheit gelassen hatte, eine Bewegung zu machen.

– In der That, Mademoiselle, sagte er, sie zu einem Stuhle führend, auf den sie erschöpft und zitternd niedersank, ich begreife nicht, was Ihnen zustößt. Ich habe nichts gesehen, was den Schrecken, den Sie zeigen, rechtfertigen könnte.

– Sie haben nichts gesehen? Sie haben Niemand gesehen? fragte die Porporina mit erloschener Stimme und irrem Blick. Dort, an jener Thür … haben Sie keinen Mann stehen sehen, der mich mit entsetzlichen Augen anstarrte?

– Ich habe vollkommen deutlich einen Mann gesehen, der häufig im Schlosse herumirrt und sich vielleicht gern entsetzliche Mienen geben möchte, wie Sie recht gut sagen; doch ich bekenne Ihnen, daß er mich wenig einschüchtert und ich sein Narr nicht bin.

– Sie haben ihn gesehen? Ach, mein Herr, er war also wirklich da? Ich habe es nicht geträumt? Gott, Gott, was soll das bedeuten?

– Das bedeutet, daß er, kraft der besondern Protection einer liebenswürdigen und erhabenen Prinzessin, die sich, wie ich glaube, an seinen Thorheiten mehr ergötzt, als ihnen Glauben beilegt, Eingang in das Schloß gefunden hat und sich nach den Gemächern Ihrer königlichen Hoheit begiebt.

– Aber wer ist er? Wie nennen Sie ihn?

– Sie kennen ihn nicht? Woher kommt es denn, daß Sie Furcht vor ihm haben?

– Um Gotteswillen, mein Herr, sagen Sie mir, wer ist dieser Mann.

– Ei nun, es ist Trismegistus, der Magier der Prinzessin Amalie, einer jener Charlatane, welche aus der Vorherverkündigung der Zukunft, dem Entdecken von verborgenen Schätzen, der Goldmacherei und tausend andern gesellschaftlichen Talenten, die vor der glorreichen Regierung Friedrichs des Großen hier sehr in der Mode waren, ein Gewerbe machen. Sie müssen ja wohl gehört haben, Signora, daß die Frau Aebtissin von Quedlinburg den Geschmack daran …

– Ja, ja, mein Herr, ich weiß, sie studirt die Cabala, wahrscheinlich zum Zeitvertreib …

– Ei natürlich. Wie sollte man denken können, daß eine so aufgeklärte, so unterrichtete Prinzessin sich im Ernst mit dergleichen Thorheiten beschäftige.

– Also, mein Herr, Sie kennen diesen Menschen?

– O, seit langer Zeit; seit vier Jahren sieht man ihn hier wenigstens ein Mal aller sechs bis acht Monate erscheinen. Da er harmlos ist und sich in keine Intrigue mischt, so duldet Se. Majestät, die der geliebten Schwester keine unschuldige Unterhaltung rauben mag, seine Gegenwart in der Stadt und selbst seinen freien Eintritt in den Palast. Er mißbraucht sie nicht und übt seine sogenannte Wissenschaft hier zu Lande nur bei Ihrer Hoheit. Herr von Gelowkin hat ihn in Schutz genommen und bürgt für ihn. Das ist Alles was ich Ihnen sagen kann. Aber wie kann er Sie so lebhaft interessiren, Mademoiselle?

– Er interessirt mich keineswegs, mein Herr, ich versichere Sie; und damit Sie mich nicht für thöricht halten mögen, so muß ich Ihnen sagen, daß dieser Mann, es ist wohl nur eine Täuschung, eine auffallende Aehnlichkeit mit einer Person mir zu haben schien, die mir theuer war und es noch ist; denn der Tod löst ja nicht die Bande der Neigung, nicht wahr, mein Herr?

– Sie sprechen hier eine sehr edle Gesinnung aus, Mademoiselle, und ganz einer Dame Ihres Verdienstes würdig. Aber Sie sind sehr erschüttert worden und ich sehe, daß Sie sich kaum auf den Füßen halten können. Erlauben Sie mir, Sie nach Ihrer Wohnung zu bringen.

Hier angekommen, legte sich die Porporina ins Bett und blieb, vom Fieber und einer außerordentlichen Nervenaufregung gequält, mehrere Tage darin. Nach Verlauf dieser Zeit erhielt sie ein Billet von Frau von Kleist, welche sie aufforderte, um acht Uhr des Abends zu ihr zu kommen, um Musik zu treiben. Das war aber nur ein Vorwand, um z sie heimlich in den Palast zu führen. Durch geheime Gänge kam sie in die Gemächer der Prinzessin, die sie reizend geschmückt fand, obgleich ihr Gemach kaum erleuchtet und alle ihre Dienerinnen unter dem Vorwande eines Unwohlseins für diesen Abend beurlaubt waren. Sie empfing die Sängerin mit tausend Liebkosungen, ergriff vertraulich ihren Arm und führte sie in ein hübsches kleines, rundes Zimmer, von funfzig Wachskerzen erleuchtet, in welchem mit einem geschmackvollen Luxus ein köstliches Souper servirt war.

Das französische Rococo hatte noch keinen Eingang am preußischen Hofe gefunden. Man trug überhaupt zu jener Zeit eine große Verachtung gegen den französischen Hof zur Schau und gefiel sich in einer Nachahmung des Jahrhunderts von Ludwig XIV., für welchen Friedrich, den insgeheim der Gedanke erfüllte, dem großen König nachzuäffen, eine unbegrenzte Bewunderung an den Tag legte.

Doch die Prinzessin Amalie hatte sich nach dem neuesten Geschmack gekleidet, und wenn sie sich auch züchtiger geschmückt hatte, als es die Gewohnheit der Frau von Pompadour war, so war sie nicht weniger glänzend. Auch Frau von Kleist hatte sich auf das Liebenswürdigste gekleidet, und doch befanden sich nur drei Couverts da und kein einziger Diener.

– Sie sind ganz erstaunt über unser kleines Fest, sagte die Fürstin lachend. Ei, Sie werden es noch mehr werden, wenn Sie erfahren, daß wir alle drei soupiren wollen, indem wir uns selbst bedienen, wie wir schon, Frau von Kleist und ich, Alles selbst bereitet haben. Wir Beide haben die Tafel gedeckt und die Kerzen entzündet, und nie habe ich mich besser amüsirt. Ich habe mich zum ersten Male in meinem Leben ganz allein coiffirt und angezogen, und war nie besser gekleidet, wenigstens wie mir es scheint. Kurz, wir wollen uns incognito vergnügen. Der König schläft in Potsdam, die Königin ist in Charlottenburg, meine Schwestern sind bei der Königin Mutter in Montbijou, meine Brüder, ich weiß nicht wo; wir sind allein im Schloß. Man hält mich für krank und ich benutze diese Nacht der Freiheit, um ein wenig Leben zu genießen und mit Euch Beiden (die einzigen Personen auf der Welt, denen ich vertrauen kann) die Flucht meines lieben Trenck zu feiern. Wir wollen also guten Champagner auf seine Gesundheit trinken, und wenn sich Eine von uns betrinkt, so bewahren die Andern ihr das Geheimniß. O, die schönen philosophischen Soupers Friedrich's sollen durch den Glanz und die Heiterkeit des unsern ganz verdunkelt werden!

Man setzte sich an den Tisch und die Prinzessin zeigte sich der Porporina in einem ganz neuen Lichte. Sie war gut, theilnehmend, natürlich, heiter, schön wie ein Engel, kurz, an diesem Tage verehrungswürdig, wie sie es nur in den schönsten Tagen ihrer ersten Jugend gewesen war. Sie schien im Glück zu schwimmen, und es war ein reines, edles, uneigennütziges Glück. Ihr Geliebter floh, weit von ihr entfernt, sie wußte nicht, ob sie ihn je wiedersehen würde; aber er war frei, seine Leiden waren zu Ende und seine von Glück strahlende Geliebte segnete das Geschick.

– Ach, wie fühle ich mich wohl unter Euch Beiden! sagte sie zu ihren Vertrauten, welche mit ihr das schönste Trio bildeten, das eine raffinirte Koketterie jemals den Blicken der Männer entzogen hatte: Ich fühle mich frei, wie es Trenck jetzt ist; ich fühle mich gut, wie er es stets war und wie ich es nicht mehr sein zu können glaubte! Es schien mir, als wenn die Festung Glatz immer auf meinem Herzen lastete; in der Nacht lag sie auf meiner Brust wie ein Alpdruck. Ich fror in meinem Daunenbett, wenn ich bedachte, daß Derjenige, den ich liebe, auf den feuchten Steinen eines finstern Kerkers vor Frost klapperte. Ich lebte nicht mehr, ich konnte mich an nichts mehr freuen.

Ach, liebe Porporina, denke dir das Entsetzen, das man fühlt, wenn man sich sagen muß: Er leidet das Alles meinetwegen! meine unglückliche Liebe stürzt ihn lebend in ein Grab! Dieser Gedanke verwandelte jede Nahrung in Galle, wie der Hauch der Harpyen. Schenk mir Champagner ein, Porporina: ich habe ihn nie gern gehabt, seit zwei Jahren trink ich nur Wasser. Jetzt scheint es mir, als wenn ich Nektar tränke. Der Glanz der Lichter ist erfreuend, diese Blumen duften Wohlgerüche, diese Leckerbissen sind ausgesucht, und besonders Ihr seid schön wie zwei Engel, die Kleist und du.

Ach ja, ich sehe, ich höre, ich athme; ich bin wieder zum Leben erwacht, während ich bisher nur eine Bildsäule, ein Leichnam war. Halt, stoßt mit mir an, zuerst auf das Wohlsein Trenck's und dann auf das des Freundes, der mit ihm entflohen ist; hernach wollen wir seine guten Hüter leben lassen, die ihm die Flucht erlaubten, und dann meinen Bruder Friedrich, der sie nicht hindern konnte. Nein, kein bitterer Gedanke soll dieses Fest trüben. Ich habe gegen Niemand mehr Groll; ich glaube, ich liebe den König. Wohlan, auf das Wohl des Königs, Porporina! Er lebe!

Das Wohlbehagen, welches die Freude dieser armen Prinzessin ihren beiden schönen Gästen mittheilte, wurde noch durch die Anmuth ihres Betragens und die völlige Gleichheit, die sie unter allen Dreien herrschen ließ, erhöht. Wenn die Reihe sie traf, erhob sie sich, wechselte die Teller, zerlegte das Fleisch selbst und bediente ihre Freundinnen mit kindlichem, rührendem Vergnügen.

– Ach, wenn ich auch für das Leben der Gleichheit nicht geboren war, so hat wenigstens die Liebe mir es begreiflich gemacht, sagte sie, und das Unglück meiner Lage hat mir die Thorheit dieser Vorurtheile des Ranges und der Geburt offenbart. Meine Schwestern sind nicht wie ich. Meine Schwester von Anspach würde eher das Haupt auf das Schaffot legen, als eine nichtregierende Fürstin zuerst grüßen. Meine Schwester von Bayreuth, welche mit Herrn Voltaire die Philosophie und den starken Geist spielt, würde einer Herzogin die Augen auskratzen, die sich erlauben wollte, die Schleppe an ihrem Kleide um einen Zoll länger zu machen, als die ihrige.

Sie haben eben nie geliebt! Sie bringen ihr Leben in dieser Luftpumpe zu, die sie die Würde ihres Ranges nennen. Sie sterben, einbalsamirt in ihre Majestät, gleich Mumien; sie haben freilich meine bittern Schmerzen nicht erfahren, aber auch in ihrem ganzen Leben voll Etiquette und Gala nicht eine Viertelstunde der Freiheit, des Vergnügens und des Vertrauens genossen, wie diejenigen, deren ich mich jetzt erfreue! Liebe Kinder, Ihr müßt mein Fest vollkommen machen und mich diesen Abend Du nennen. Ich will für Euch Amalie sein, keine Hoheit, nur schlechtweg Amalie. O, du siehst aus, als wolltest du mir es abschlagen, Kleist? Der Hof hat dich verdorben, liebes Kind; unwillkürlich hast du seine ungesunde Luft eingeathmet: aber du, liebe Porporina, du scheinst, wenn auch Schauspielerin, ein Kind der Natur zu sein, du wirst meinem unschuldigen Wunsche nachgeben.

– Ja, liebe Amalie, ich will es von ganzem Herzen thun, um dir zu gefallen, antwortete die Porporina lachend.

– O Himmel! rief die Prinzessin, wenn du das Gefühl kenntest, das ich empfinde, indem ich mich Du nennen und mich Amalie rufen höre! Amalie! O, wie klang dieser Name köstlich bei ihm! Er schien mir der schönste Name, der sanfteste auf der Erde, den ein Weib je getragen, wenn er ihn aussprach.

Nach und nach trieb die Prinzessin die Lust ihres Herzens so weit, daß sie sich selbst vergaß und sich nur noch mit ihren Freundinnen beschäftigte; und in diesem Streben nach Gleichheit fühlte sie sich so groß, so glücklich und so gut, daß sie unwillkürlich die rauhe Persönlichkeit ablegte, welche Leidenschaft und Schmerz in ihr entwickelt hatten. Sie hörte auf blos von sich zu sprechen, sie dachte nicht mehr daran, sich ein Verdienst daraus zu machen, so liebenswürdig und einfach zu sein; sie fragte Frau von Kleist nach ihrer Familie, ihrer Lage und ihren Gefühlen, was sie nicht gethan hatte, seit ihr eigener Kummer sie völlig eingenommen.

Sie wollte auch das Künstlerleben, die Aufregung des Theaters, die Ideen und Neigungen der Porporina kennen lernen. Sie flößte Vertrauen ein, während sie es selbst empfand, und genoß ein unendliches Vergnügen, in der Seele Anderer zu lesen und endlich in diesen, bisher von ihr verschiedenen Wesen Menschen zu sehen, die in ihrer Wesenheit ihr ähnlich, eben so reich von der Natur begabt, eben so bedeutend für die Welt waren, als sie lange Zeit geglaubt hatte es vorzugsweise vor Andern zu sein. Namentlich erfüllten sie die aufrichtigen Antworten und die Theilnahme und Herzlichkeit der Porporina mit Achtung und süßem Staunen.

– Du scheinst mir ein Engel, sagte sie. Du, ein Mädchen vom Theater! Du sprichst und denkst edler als irgendein gekröntes Haupt, das ich kenne. Sieh, ich habe für dich eine Achtung, die bis zur Leidenschaft geht. Du mußt mir auch die deinige gewähren, schöne Porporina, du mußt mir dein Herz öffnen, von deinem Leben, deiner Geburt, deiner Erziehung, deiner Liebe, deinem Unglück, selbst von deinen Fehlern erzählen, wenn du welche begangen hast. Es können nur edle Fehler sein, wie derjenige, den ich nicht aus dem Gewissen, wie man sagt, sondern in meinem Gewissen, in dem Heiligthum meines Herzens trage.

Es ist elf Uhr, wir haben die ganze Nacht vor uns; unsere kleine Schwelgerei geht zu Ende, denn wir schwatzen nur noch und ich sehe, daß die zweite Champagnerflasche Unrecht haben wird. Willst du mir deine Geschichte erzählen, wie ich sie verlange? Ich denke, die Kenntniß eines Herzens und das Gemälde eines Lebens, wo mir Alles neu und unbekannt ist, wird mich mit den wahren Pflichten dieser Welt mehr bekannt machen als all mein Nachdenken es jemals thun konnte. Ich fühle mich im Stande, dir zuzuhören und dir zu folgen, wie ich nie etwas hören konnte, was meiner Leidenschaft fremd war. Willst du mich befriedigen?

– Ich will es sehr gern thun, gnädigste Frau … antwortete die Porporina.

– Welche Frau? Wo hast du hier eine gnädigste Frau? unterbrach sie heiter die Fürstin.

– Ich will sagen theure Amalie, nahm die Porporina wieder das Wort, ich würde es gern thun, wenn sich in meinem Leben nicht ein wichtiges, fast furchtbares Geheimniß befände, an welches sich Alles anknüpft und welches kein Bedürfniß herzlicher Mittheilung, kein Zug des Herzens mich bewegen darf zu offenbaren.

– O, liebes Kind, ich kenne dein Geheimniß! Und wenn ich nicht gleich vom Anfang an bei diesem Souper davon gesprochen habe, so geschah es aus einem Gefühl der Rücksicht, über welches sich jetzt meine Freundschaft für dich unbedenklich hinwegsehen kann.

– Sie kennen mein Geheimniß? rief die Porporina, starr vor Erstaunen. O, gnädigste Frau, entschuldigen Sie, das scheint mir unmöglich.

Ein Pfand! Du behandelst mich immer noch als Hoheit.

– Verzeihung, Amalie. Aber du kannst mein Geheimniß nicht wissen, wenn du nicht wirklich mit Cagliostro unter einer Decke spielst, wie man es behauptet.

– Ich habe zur Zeit von deinem Abenteuer mit Cagliostro gehört, ich möchte für mein Leben gern die näheren Umstände davon erfahren; doch nicht die Neugier drängt mich diesen Abend, sondern die aufrichtigste Freundschaft, wie ich es gesagt habe. Also, um dir Muth einzuflößen, will ich dir nur sagen, daß ich seit diesem Morgen sehr gut weiß, die Signora Consuelo Porporina könnte, wenn sie es wollte, mit vollem Rechte den Titel einer Gräfin von Rudolstadt annehmen.

– Um Gotteswillen, gnädigste Frau … Amalie … Sagen Sie mir, wer Sie hat unterrichten können …

– Liebe-Rudolstadt, du weißt also nicht, daß meine Schwester, die Markgräfin von Bayreuth hier ist?

– Ich weiß es.

– Und mit ihr ihr Leibarzt Supperville!

– Jetzt verstehe ich. Herr Supperville hat sein Wort, seinen Schwur verletzt. Er hat gesprochen.

– Beruhige dich. Er hat nur mit mir gesprochen und unter dem Siegel des Geheimnisses. Ich sehe übrigens nicht ein, weshalb du so sehr fürchtest, einen Umstand laut werden zu lassen, der für deinen Charakter so ehrenvoll ist und Niemand mehr schaden kann. Die Familie Rudolstadt ist erloschen, mit Ausnahme einer alten Stiftsdame, die ihren Brüdern bald in das Grab nachfolgen muß. Wir haben zwar in Sachsen noch Fürsten von Rudolstadt, die deine nahen Verwandten sind, deine leiblichen Vettern und sehr eitel auf ihren Namen; doch wenn mein Bruder dich unterstützen will, so kannst du diesen Namen führen, ohne daß sie sich dagegen aufzulehnen wagen werden … sobald du nicht deinen Namen Porporina, der eben so ruhmvoll und für das Ohr weit angenehmer ist, vorziehen solltest.

– Das ist wirklich meine Absicht, antwortete die Sängerin, was auch geschehen möge; aber ich möchte wohl gern wissen, weshalb Herr Supperville Ihnen das Alles erzählt hat … Sobald ich es weiß und mein Gewissen seines Eides ledig ist, so verspreche ich Ihnen … dir die nähern Umstände dieser traurigen und sonderbaren Ehe zu erzählen.

– Die Sache verhält sich so, sagte die Fürstin: Da eine meiner Frauen krank war, ließ ich Supperville, der sich, wie man mir sagte, im Schlosse bei meiner Schwester befand, bitten, auf einen Augenblick zu mir zu kommen. Supperville ist ein geistreicher Mann, den ich, während er hier wohnte, kennen lernte und der nie meinen Bruder leiden konnte. Das gab mir Veranlassung, mit ihm vertrauter zu sprechen. Der Zufall brachte das Gespräch auf die Musik, auf die Oper und folglich auch auf dich; ich sprach von dir mit so viel Beifall, daß er, sei es, um mir Vergnügen zu machen, oder aus Ueberzeugung, mich noch in Lobeserhebungen übertraf und dich bis in die Wolken erhob.

Ich hörte ihm gern zu und bemerkte, daß er mit affectirter Verschwiegenheit mir in dir ein Leben voll romanhafter, der Theilnahme würdiger Ereignisse und eine Seelengröße ahnen ließ, die alle mein günstiges Vorurtheil noch übertraf. Ich drang sehr in ihn sich näher zu erklären, ich gestehe es, und er ließ sich auch lange bitten, ich muß es zu seiner Rechtfertigung sagen. Endlich, nachdem er mein Wort verlangt hatte, ihn nicht zu verrathen, erzählte er mir deine Verheirathung mit dem Grafen von Rudolstadt auf seinem Sterbebette, und wie großmüthig du allen deinen Rechten und Vortheilen entsagt hattest. Du siehst, liebes Kind, du kannst mir das Uebrige unbedenklich mittheilen, wenn dich sonst nichts zum Schweigen verbindet.

– Wenn das ist, sagte die Porporina nach einem augenblicklichen Schweigen und etwas bewegt, so will ich, wie sehr auch die Erzählung, besonders seit meinem Aufenthalte in Berlin, peinliche Erinnerungen in mir aufregen muß, der Theilnahme Ihrer Hoheit. ich will sagen meiner guten Amalie, durch mein Vertrauen entsprechen.

7.

Die Abenteuer Consuelo's[Uebersetzt von Dr. Julius, Leipzig bei O. Wigand, 9 Bände, 1843.], welche mehrere Bände bilden, sind vielleicht dem Gedächtnis meiner Leser nicht mehr ganz gegenwärtig. Der Verfasser hat es daher für seine Schuldigkeit gehalten, sie noch einmal in der möglichsten Kürze zu wiederholen. Die Personen, deren Gedächtnis stark genug ist, einen ganzen langen Roman darin festzuhalten, werden diese Wiederholung ermüdend finden, sie werden gebeten, dieses Kapitel zu überschlagen, um ihre Geduld nicht zu sehr auf die Probe zu stellen. – *

– Ich weiß nicht, in welchem Winkel Spaniens, ich weiß auch nicht genau, in welchem Jahre ich geboren bin; aber ich muß jetzt drei und zwanzig oder vier und zwanzig Jahre alt sein. Ich kenne den Namen meines Vaters nicht, und was den meiner Mutter betrifft, so war sie, glaube ich, in Bezug auf ihre Eltern in derselben Ungewißheit, wie ich. Man nannte sie in Venedig la Zingara und mich la Zingarella. Meine Mutter hatte mir zur Schutzpatronin Maria del Consuelo, oder wie man auf deutsch sagen würde, Unsere liebe Frau zum Troste gegeben.

Meine ersten Jahre vergingen elend in einem herumschweifenden Leben. Meine Mutter und ich durchzogen zu Fuße die Welt, von unsern Liedern lebend. Ich erinnere mich nur dunkel, daß wir im Böhmer Walde in einem Schlosse gastfreundlich aufgenommen wurden, und daß ein hübscher Knabe, der Sohn des Schloßherrn und Albert genannt, mich daselbst mit freundlicher Pflege überhäufte und meiner Mutter eine Guitarre gab: Dieses Schloß war die Riesenburg, von der ich eines Tages die Schloßherrin zu werden mich weigern sollte. Der junge Herr war der Graf Albert von Rudolstadt, zu dessen Gattin ich bestimmt war.

Mit zehn Jahren fing ich an in den Straßen zu singen. Eines Tages, wo ich mein kleines Lied auf dem St. Marcusplatze in Venedig vor einem Kaffeehause absang, rief mich Meister Porpora, welcher sich daselbst befand und dem meine Stimme und die natürliche Methode auffiel, die meine Mutter mir überliefert hatte, befragte mich, folgte mir bis in mein Dachstübchen, gab meiner Mutter eine Unterstützung und versprach ihr, mir Eingang in die Scuola dei mendicanti zu verschaffen, eine jener musikalischen Freischulen, welche in Italien sehr häufig sind und aus denen alle bedeutenden Künstler beiderlei Geschlechts hervorgehen; denn die trefflichsten Meister haben ihre Leitung übernommen. Ich machte schnelle Fortschritte und Meister Porpora gewann mich so lieb, daß er bald die Eifersucht und den Neid meiner Kameraden gegen mich aufregte. Ihr ungerechter Zorn und die Verachtung, mit der sie auf meine ärmliche Kleidung herabsahen, gewöhnten mich zeitig an Geduld, Zurückhaltung und Resignation.

Ich erinnere mich nicht des ersten Tages, wo ich ihn sah, aber gewiß ist es, daß ich schon im Alter von sieben oder acht Jahren einen jungen Menschen oder vielmehr ein Kind liebte, das verwaist, verlassen war wie ich, die Musik studirte wie ich, von fremder Milde und fremder Protection auf den Straßen lebte wie ich. Unsere Freundschaft oder unsere Liebe, denn das war dasselbe, war ein keusches, köstliches Gefühl. In unschuldigem Herumschweifen brachten wir die Stunden bei einander zu, die nicht dem Unterricht gewidmet waren. Nachdem meine Mutter vergeblich unsere Neigung bekämpft hatte, heiligte sie sie durch das Versprechen, das sie uns auf ihrem Sterbebette abnahm, uns zu verheiraten, sobald unsere Arbeit uns in den Stand gesetzt hätte, eine Familie zu ernähren.

Mit dem achtzehnten oder neunzehnten Jahre war mein Gesang ziemlich ausgebildet, der Graf Zustiniani, ein vornehmer Venetianer und Eigenthümer des Theaters San Samuel, hörte mich in der Kirche singen und engagirte mich als erste Sängerin an die Stelle der Corilla, einer schönen und kräftigen Virtuosin, deren Liebhaber er gewesen und die ihm untreu war. Dieser Zustiniani war aber auch der Beschützer meines Verlobten Anzoleto. Anzoleto wurde mit mir engagirt, um die ersten Männerrollen zu singen. Unser Debüt fand unter den glänzendsten Aussichten statt. Er besaß eine herrliche Stimme, eine außerordentliche, natürliche Leichtigkeit, ein verführerisches Aeußere: alle schönen Damen protegirten ihn. Aber er war träg und hatte keinen so geschickten und eifrigen Lehrer gehabt als ich. Sein Erfolg war weniger glänzend. Anfangs schmerzte es ihn, dann verdroß es ihn, und endlich wurde er eifersüchtig. Auf diese Weise verlor ich seine Liebe.

– Ist es möglich? sagte die Prinzessin Amalie, einer solchen Ursache wegen? Er war also sehr gemein?

– Ach nein, gnädigste Frau, er war nur eitel und Künstler. Er begab sich unter den Schutz der Corilla, der in Ungnade gefallenen und deshalb wüthenden Sängerin, die mir sein Herz entzog und ihn schnell so weit brachte, das meinige zu beleidigen und zu zerreißen. Eines Abends ließ mich Meister Porpora, der stets unsre Liebe bekämpft hatte, weil er behauptet, ein Weib, das eine große Künstlerin werden wolle, müsse jeder Leidenschaft und jeder Herzensverbindung fremd bleiben, Anzoleto's Verrath mit eignen Augen sehen. Am Abend darauf machte mir der Graf Zustiniani eine Liebeserklärung, die ich nicht im Entferntesten erwartete und mich tief beleidigte. Anzoleto spielte den Eifersüchtigen und that als wenn er mich für verdorben hielte … er wollte mit mir brechen. Ich entfloh während der Nacht aus meiner Wohnung und suchte meinen Lehrer auf, der ein Mann von schnellen Entschlüssen war und mich gewöhnt hatte, schnell in der Ausführung zu sein. Er übergab mir Briefe, eine kleine Summe und eine Reiseroute, brachte mich in eine Gondel, begleitete mich bis auf das Festland und mit Anbruch des Tages reiste ich nach Böhmen ab.

– Nach Böhmen? sagte Frau von Kleist, welche bei dem Muth und der Tugend der Porporina große Augen machte.

– Ja, gnädige Frau, erwiederte das junge Mädchen. In unserer Sprache als abenteuernde Künstler sagen wir oft, wir gingen nach Böhmen ( courir la Bohême), um damit anzuzeigen, daß wir alle Wechselfälle eines armen, mühvollen und oft strafbaren Lebens übernehmen, wie das Leben der Zingari, die man auch Böhmen nennt. Ich reiste zwar nicht nach diesem symbolischen Böhmen, für welches mein Schicksal mich wie so viele Andere zu bestimmen schien, sondern nach dem unglücklichen und ritterlichen Lande der Czechen, nach dem Vaterlande von Huß und Ziska, nach dem Böhmer Wald, mit einem Worte nach der Riesenburg, wo ich von der Familie Rudolstadt freundlich aufgenommen wurde.

– Und warum gingst du denn zu dieser Familie? fragte die Prinzessin, die mit großer Aufmerksamkeit zuhörte. Erinnerte man sich, dich als Kind daselbst gesehen zu haben?

– Keineswegs; ich selbst erinnerte mich dessen nicht, und erst lange nachher und durch Zufall erinnerte sich der Graf Albert an dieses kleine Abenteuer und weckte es in meinem Gedächtniß auf. Mein Meister, der Porpora, war in Deutschland mit dem achtbaren Christian von Rudolstadt, dem Haupt dieser Familie, sehr genau bekannt. Die junge Baronin Amalie, Nichte des Letztern, wünschte eine Gouvernante, das heißt eine Gesellschafterin, welche ihr zum Schein Unterricht in der Musik geben und sie in dem traurigen, strengen Leben zerstreuen könnte, welches man auf Riesenburg führte. Ihre edlen und guten Verwandten nahmen mich wie eine Freundin, fast wie eine Verwandte auf. Ungeachtet meines guten Willens lehrte ich meiner hübschen, aber launenvollen Schülerin nichts, und …

– Und der Graf Albert verliebte sich in dich, wie es nothwendig war.

– Ach, gnädigste Frau, ich wünsche nicht so leichtsinnig von einem so schmerzlichen und ernsten Gegenstand zu sprechen. Denn Graf Albert, den man für wahnsinnig hielt und der mit einer erhabenen Seele und einem außerordentlichen Geiste die sonderbarsten Einfälle und eine ganz unerklärliche Krankheit der Fantasie verband …

– Supperville hat mir das Alles erzählt, ohne daran zu glauben und ohne mir es verständlich zu machen. Man traute diesem jungen Mann übernatürliche Kraft, die Gabe der Weissagung, das zweite Gesicht, die Macht sich unsichtbar zu machen, zu … Seine Familie erzählte davon unglaubliche Dinge … Aber das Alles ist unmöglich, und ich hoffe, du glaubst daran nicht.

– Ersparen Sie mir, gnädigste Frau, den Schmerz und die Verlegenheit, mich über Thatsachen auszusprechen, die über mein Fassungsvermögen gehen. Ich habe unbegreifliche Dinge gesehen und in manchen Augenblicken ist mir Graf Albert wie ein übermenschliches Wesen erschienen. In andern Augenblicken sah ich freilich in ihm nur ein unglückliches Wesen, das durch das Uebermaß selbst seiner Tugend des Lichts der Vernunft beraubt war; aber zu keiner Zeit schien er mir den gewöhnlichen Menschen gleich. In seinen Fieberträumen, wie in den Zeiten der Ruhe, im Enthusiasmus, wie in der Zeit der Ueberspannung, war er immer der beste, gerechteste, der mit dem richtigsten Verstande begabte, oder der dichterisch aufgeregteste unter den Menschen. Kurz, ich kann weder an ihn denken, noch seinen Namen aussprechen ohne ein Gefühl der Achtung, ohne eine tiefe Rührung und ohne eine Art Entsetzen, denn ich bin die unfreiwillige, doch nicht unschuldige Ursache seines Todes.

– Nun, liebe Gräfin, trockne deine schönen Augen, ermuthige dich und fahre fort. Ich höre dich ohne Ironie und ohne profanen Leichtsinn, ich schwöre es dir.

– Er liebte mich Anfangs ohne daß ich es ahnen konnte. Nie sprach er mit mir, er schien mich nicht einmal zu sehen. Ich glaube, er merkte meine Anwesenheit im Schlosse zum ersten Male, als er mich singen hörte. Ich! muß Ihnen sagen, daß er ein ausgezeichneter Musiker ist und die Violine spielt wie Niemand auf der Welt glaubt, daß sie gespielt werden könne. Aber ich bin wohl die Einzige, die ihn jemals auf Riesenburg gehört hat, denn seine Familie hat nie erfahren, daß er dieses unvergleichliche Talent besaß. Seine Liebe entstand also aus musikalische-n Enthusiasmus, aus musikalischer Sympathie. Seine Cousine, die Baronin Amalie, die seit zwei Jahren mit ihm verlobt war und die er nicht liebte, zürnte mir deshalb, obgleich auch sie ihn nicht liebte. Sie zeigte mir das mehr mit Offenheit als Bosheit, denn bei allen ihren Fehlern besaß sie eine gewisse Seelengröße. Sie wurde der Kälte Albert's und des traurigen Lebens auf dem Schlosse müde und verließ uns eines schönen Morgens, indem sie ihren Vater, den Baron Friedrich, den Bruder des Grafen Christian so zu sagen entführte, einen trefflichen, aber beschränkten Mann, der trägen Geistes, einfältigen Herzens, Sklave seiner Tochter und leidenschaftlicher Jäger war.

– Du sprichst ja aber nicht von der Fähigkeit des Grafen Albert, sich unsichtbar zu machen, von seinem Verschwinden auf zwei, drei Wochen lang, worauf er plötzlich wieder erschien und glaubte, oder zu glauben vorgab, daß er das Haus nicht verlassen hätte und nicht sagen konnte oder wollte, was aus ihm geworden sei, während man ihn auf allen Seiten suchte.

– Da Supperville Ihnen diese scheinbar wunderbare Thatsache erzählt hat, so will ich Ihnen die Erklärung davon geben; ich allein kann es thun, denn dieser Punkt ist stets zwischen Albert und mir ein Geheimniß geblieben. Bei der Riesenburg ist ein Berg, Namens Schreckenstein, welcher eine Grotte und mehrere geheimnißvolle Gemächer enthält, deren Errichtung aus der Zeit der Hussiten sich herschreibt. Obgleich Albert eine Reihe sehr kühner philosophischer Ansichten durchlaufen hatte und eine begeisterte Religionsansicht besaß, die fast an Mysticismus streifte, so war er doch in seinem Herzen Hussit, oder richtiger gesagt, Taborit geblieben. Von mütterlicher Seite ein Nachkomme Königs Georg Podiebrad, hatte er bei sich selbst den Glauben an patriotische Unabhängigkeit und evangelische Gleichheit bewahrt und entwickelt, welche die Predigten von Johann Huß und die Siege des Johannes Ziska den Böhmen, so zu sagen, eingepflanzt haben.

– Wie sie von Geschichte und Philosophie spricht! rief die Prinzessin mit einem Blick auf Frau von Kleist. Wer hätte mir jemals sagen sollen, daß ein Mädchen vom Theater diese Dinge eben so gut verstände wie ich, die ich sie mein ganzes Leben lang aus Büchern studirt habe! Wie ich dir sagte, Kleist, es giebt unter diesen Wesen, welche die Meinung des Hofes in den untersten Rang der Gesellschaft stellt, Geister, welche denen, die man in dem höchsten mit so viel Sorgfalt und Kosten erzieht, gleich, wenn nicht überlegen sind.

– Ach, gnädige Frau, erwiederte die Porporina, ich bin sehr unwissend und hatte vor meinem Aufenthalte in Riesenburg nie etwas gelesen. Dort aber hörte ich sehr viel von diesen Dingen sprechen und wurde gezwungen, so sehr nachzudenken, um zu begreifen, was in Albert's Geist vorging, daß ich mir am Ende eine Idee davon gemacht habe.

– Ja, aber du bist selbst mystisch und ein wenig wahnsinnig, liebes Kind. Bewundere die Feldzüge des Johann Ziska und Böhmens republikanischen Geist, ich stimme darin überein, ich denke vielleicht eben so republikanisch, wie du darüber; denn auch mir hat die Liebe eine Wahrheit offenbart, welche der ganz widerspricht, welches meine Pedanten mir über das Recht der Völker und das Verdienst der Einzelnen gelehrt haben; doch theile ich deine Bewunderung für den Fanatismus der Taboriten und ihre eiteln Träume von christlicher Gleichheit nicht. Es ist widersinnig, unmöglich und führt zu wilden Excessen. Man stürze die Throne, ich habe nichts dagegen und … im Nothfall würde ich selbst dazu mitwirken! Man errichte Republiken nach Art der von Sparta, Athen, Rom oder des alten Venedig, das mag ich wohl zugeben. Aber deine blutgierigen und schmutzigen Taboriten gefallen mir eben so wenig als die Waldenser, brennenden Angedenkens, die abscheulichen Wiedertäufer von Münster und die Begharten des alten Deutschlands.

– Ich habe vom Grafen Albert gehört, daß das Alles nicht grade dasselbe sei, erwiederte Consuelo bescheiden; doch wage ich nicht, mit Ihrer Hoheit über Dinge zu streiten, die Sie studirt haben. Sie haben hier Geschichtsforscher und Gelehrte, die sich mit diesen ernsten Gegenständen beschäftigt haben, und können besser als ich über ihre Weisheit und Gerechtigkeit urtheilen. Doch, wenn ich auch das Glück hätte, eine ganze Akademie zu besitzen, um mich zu unterrichten, so glaube ich, meine Sympathien würden sich nicht verändern. Aber ich kehre zu meiner Erzählung zurück.

– Ja, ich habe dich durch pedantische Bemerkungen unterbrochen und bitte dich um Verzeihung. Fahre fort! Begeistert von den Thaten seiner Väter (was sehr begreiflich und verzeihlich), in dich übrigens verliebt, was noch natürlicher und rechtmäßiger ist, wollte Graf Albert nicht zugeben; daß du vor Gott und den Menschen nicht seines Gleichen seiest; er hatte sehr Recht, doch das war kein Grund, das väterliche Haus zu verlassen und seine Familie in Verzweiflung zu stürzen.

– Dahin wollte ich eben kommen, erwiederte Consuelo. Seit langer Zeit ging er in die Hussitengrotte im Schreckenstein, um daselbst seinen Träumen und Gedanken nachzuhängen, und gefiel sich hier um so mehr, als nur er allein und ein armer wahnsinniger Bauer, der ihn auf seinen einsamen Gängen begleitete, von diesen unterirdischen Wohnungen Kenntniß hatte. Er gewöhnte sich daran, sich dahin zurück zu ziehen, sobald ein häuslicher Kummer oder eine heftige Aufregung ihm die Herrschaft über seinen Willen nahm. Er fühlte diese Anfälle voraus, und um seinen Wahnsinn den bestürzten Verwandten zu entziehen, eilte er durch einen unterirdischen Gang, den er entdeckt hatte, und dessen Eingang eine, neben seinem Zimmer in einem Blumengärtchen gelegene Cisterne war, in den Schreckenstein. Befand er sich einmal in seiner Höhle, so vergaß er die Stunden, Tage und Wochen. Von Zdenko, dem poetischen und wahnsinnigen Bauer gepflegt, dessen Exaltation mit der seinigen einige Aehnlichkeit hatte, dachte er nicht mehr daran, das Licht und seine Verwandten wieder aufzusuchen, bis sein Anfall zu verschwinden anfing; und unglücklicher Weise wurden diese Anfälle immer bedeutender und länger anhaltend.

Einmal blieb er so lange abwesend, daß man ihn für todt hielt und ich es übernahm, seinen Aufenthaltsort zu entdecken. Mit vieler Mühe und Gefahren gelang es mir. Ich stieg in die Cisterne hinab, die sich in seinem Garten befand und durch welche ich eines Nachts Zdenko verstohlen hatte hervorkommen sehen. Da ich nicht wußte, wohin ich mich in diesen Tiefen wenden sollte, hätte ich fast das Leben verloren. Endlich fand ich Albert; es gelang mir, die schmerzliche Erstarrung zu lösen, in die er versunken war; ich führte ihn zu seinen Verwandten zurück, und ließ ihn schwören, niemals ohne mich in die unglückliche Höhle zurück zu kehren. Er gab nach, doch sagte er mir vorher, daß er damit sein Todesurtheil ausspräche, und seine Vorherverkündigung ist nur zu sehr in Erfüllung gegangen.

– Wie? das hieß ja im Gegentheil, ihn dem Leben wiedergeben.

– Nein, gnädigste Frau, sobald ich ihn nicht lieben lernte und für ihn keine Ursache des Schmerzes wurde.

– Wie; du liebtest ihn nicht? du stiegst in einen Brunnen hinab, du wagtest dein Leben auf dieser unterirdischen Wanderung …

– Wo der wahnsinnige Zdenko, der meine Absicht nicht faßte und wie ein treuer, aber vernunftloser Hund eifersüchtig auf die Sicherheit seines Herrn war, mich beinahe ermordet hätte. Fast hätte ein Bergstrom mich mit sich fortgerissen. Albert, der mich Anfangs nicht erkannte, hätte mich fast mit seinem Wahnsinn angesteckt, denn Schreck und Aufregung machen die Wahngebilde ansteckend … kurz, er wurde von einem Anfall seines Wahnsinnes ergriffen, führte mich in die unterirdischen Höhlen und war nahe daran, mich darin zu verlassen, indem er den Eingang versperrte … Und dem Allen setzte ich mich aus ohne Albert zu lieben

– Dann hattest du ein Gelübde der Maria del Consuelo gethan, um seine Befreiung zu bewirken?

– Etwas dem Aehnliches, in der That, antwortete die Porporina mit einem trüben Lächeln: ein Gefühl zärtlichen Mitleids für seine Familie, tiefer Theilnahme für ihn, vielleicht ein romantischer Reiz, gewiß die aufrichtigste Freundschaft, aber nicht der geringste Schein von Liebe, wenigstens nichts, was der blinden, begeisternden und süßen Liebe glich, die ich für den undankbaren Anzoleto empfunden hatte und, in welcher, wie ich es wohl glaube, die Kraft meines Herzens frühzeitig erschöpft war! …

Was soll ich Ihnen sagen, gnädige Frau? In Folge dieser furchtbaren Unternehmung bekam ich eine Gehirnentzündung und war dem Tode nahe. Albert, der ein eben so großer Arzt als Musiker ist, rettete mich. Meine langsame Genesung und seine eifrige Pflege führten uns zu einer geschwisterlichen Vertraulichkeit. Seine Vernunft kam vollkommen wieder. Sein Vater segnete mich und behandelte mich wie eine geliebte Tochter. Selbst eine alte, verwachsene Taute, die Stiftsdame Wenceslawa, ein Engel an Zärtlichkeit, aber auch eine Patrizierin voll Vorurtheile, willigte ein, mich als solche anzunehmen.

Albert bat um meine Liebe. Der Graf Christian ging so weit, sich zum Fürsprecher seines Sohnes zu machen und mich für ihn um meine Hand zu bitten. Ich war bewegt, ich war erschreckt, ich liebte Albert, wie man die Tugend, die Wahrheit, das schöne Ideal liebt; doch fürchtete ich ihn noch, ich verschmähte es, Gräfin zu werden und einen Ehebund einzugehen, der den Adel des Landes gegen ihn und seine Familie aufregen und mir den Vorwurf schmutziger Absichten und niedriger Intriguen zuziehen mußte.

Und dann, soll ich es gestehen? Es ist vielleicht mein einziges Verbrechen! Ich sehnte mich nach meinem Beruf, nach meiner Freiheit, nach meinem alten Lehrer, meinem Künstlerleben und jenem aufregenden Kampfplatz des Theaters, wo ich nur einmal erschienen war, um gleich einem Meteor zu glänzen und zu verschwinden; nach jenen glühenden Brettern, wo meine Liebe zerschellt, mein Unglück vollendet worden war, die ich für immer glaubte verachten und verwünschen zu können und auf denen ich doch alle Nächte mich im Traum applaudirt oder ausgepfiffen sah.

Das muß Ihnen seltsam und erbärmlich scheinen; aber wenn man für das Theater erzogen ist, wenn man sein ganzes Leben sich bemüht hat, diese Kämpfe zu führen und diese Siege zu erringen, wenn man den ersten Triumph gefeiert hat, so ist der Gedanke, niemals mehr dahin zurückzukehren, eben so entsetzlich, als es Ihnen sein würde, gnädigste Frau und theuerste Amalie, die Fürstin nur auf jenen Brettern spielen zu dürfen, wo ich jetzt zweimal in der Woche auftrete.

– Du irrst dich, Freundin, du bist auf einem ganz falschen Wege! Könnte ich aus einer Fürstin ein Künstlerin werden, so heirathete ich Trenck und wäre glücklich. Du wolltest aus einer Künstlerin keine Prinzessin werden, um Rudolstadt zu heirathen; ich sehe wohl, du hast ihn nicht geliebt! Doch das ist deine Schuld nicht … man liebt nicht Jeden, den man will!

– Gnädigste Frau, ich wünschte sehr, diesen Gedanken zu dem meinigen machen zu können; mein Gewissen wäre dann in Ruhe. Die Lösung dieses Zweifels habe ich zur Aufgabe meines ganzen Lebens gemacht und bin noch nicht am Ziel.

– Nun, sagte die Prinzessin, das ist ein wichtiger Punkt, und als Aebtissin muß ich es versuchen, über Gewissensfragen ein Urtheil zu fällen. Du zweifelst, ob es uns freisteht zu lieben oder nicht? Du glaubst also, die Liebe könne wählen und die Vernunft um Rath fragen?

– Sie sollte es können. Ein edles Herz sollte seine Neigung, wenn auch nicht der Vernunft dieser Welt, die nur Thorheit und Lüge ist, aber dem edlen Urtheile unterwerfen, welches Geschmack am Schönen und Liebe zur Wahrheit ist. Sie liefern den Beweis zu dem, was ich behaupte, gnädigste Frau, und Ihr Beispiel verurtheilt mich. Geboren um einen Thron einzunehmen, haben Sie die falsche Größe der wahren Leidenschaft, dem Besitz eines Herzens aufgeopfert, das des Ihrigen würdig ist.

Ich aber, auch geboren, eine Königin (auf den Brettern) zu sein, ich hatte nicht den Muth und die Größe des Herzens, freudig den Flitter dieses eitlen Ruhmes dem ruhigen Leben und der erhabenen Neigung zu opfern, die sich mir darbot. Ich war bereit, es aus Ergebung zu thun, doch that ich es nicht ohne Schmerz und ohne Entsetzen; und Albert, der meine Angst sah, wollte meine Treue nicht als Opfer annehmen. Er verlangte Enthusiasmus, theilnehmende Freude, ein von jeder Sehnsucht freies Herz.

Ich durfte ihn nicht täuschen; und kann man denn auch in solchen Dingen täuschen? Ich verlangte also Zeit und man gewährte sie mir. Ich versprach mein Möglichstes zu thun, um diese Liebe der seinigen ähnlich zu machen. Ich war aufrichtig; aber ich fühlte mit Entsetzen, daß ich gewünscht hätte, durch mein Gewissen nicht gezwungen zu sein, diese ernste Verpflichtung zu übernehmen.

– Seltsames Mädchen! ich wollte wetten, du hast den Andern noch immer geliebt.

– Ach Gott, ich glaubte wohl, ihn nicht mehr zu lieben, aber eines Morgens, wo ich auf dem Berge Albert erwartete, um mich mit ihm im Freien zu ergehen, vernahm ich in der Kluft eine Stimme; ich erkannte ein Lied, das ich früher mit Anzoleto erlernt hatte; ich erkannte besonders diese mächtige Stimme, die ich so sehr geliebt, und den venetianischen Dialekt, der meinem Gedächtniß so süß war. Ich beuge mich über den Felsen und sehe einen Reiter vorbeigehen. Er war es, gnädigste Frau, es war Anzoleto!

– Aber um Gotteswillen, was wollte er in Böhmen?

– Ich habe später erfahren, daß er sein Engagement gebrochen hatte und Venedig und dem Zorn des Grafen Zustiniani entfloh. Nachdem er der zänkischen und despotischen Liebe der Corilla, mit welcher er wieder auf dem Theater San Samuel mit Beifall aufgetreten war, sehr schnell müde geworden, hatte er die Gunst einer gewissen Clorinda, der zweiten Sängerin, meiner ehemaligen Schulgefährtin erhalten, welche Zustiniani zu seiner Mätresse gemacht hatte. Als Mann von Welt, das heißt, als frivoler Wüstling, rächte sich der Graf dafür, indem er die Corilla wieder nahm, ohne die Andere von sich zu lassen.

Diese doppelte Intrigue mißfiel Anzoleto, der von seinem Nebenbuhler verhöhnt war, außerordentlich, er gerieth in Zorn und gab in einer schönen Sommernacht der Gondel, in welcher Zustiniani mit der Corilla spazieren fuhr, einen tüchtigen Fußstoß. Sie fielen Beide ins Wasser und kamen mit einem lauen Bade davon. Die Wasser von Venedig sind nicht überall tief. Aber Anzoleto, welcher wohl dachte, daß dieser Scherz ihn in die Bleikammern bringen könnte, ergriff die Flucht und wandte sich nach Prag, wobei er an der Riesenburg vorüber kam.

Er ritt vorbei, und Albert kam zu mir, und ich machte mit ihm eine Wallfahrt in die Grotte des Schreckensteins, die er mit mir wiederzusehen wünschte. Ich war düster und aufgeregt und wurde in dieser Grotte von den peinlichsten Gefühlen bestürmt. Der grabähnliche Ort, die Hussitengebeine, aus denen Albert am Rand einer geheimnißvollen Quelle einen Altar errichtet hatte, der bewundernswürdige und herzzerreißende Ton seiner Violine, ich weiß nicht welches Entsetzen, die Finsterniß, die abergläubischen Ideen, die ihn an diesem Orte wieder ergriffen und vor welchen ihn zu bewahren ich keine Kraft mehr in mir fühlte …

– Sage Alles! Er hielt sich für Johann Ziska, er behauptete, ein ewiges Dasein zu haben und vergangener Jahrhunderte sich zu erinnern, kurz, er hatte die Thorheit des Grafen Saint Germain.

– Nun ja, gnädigste Frau, da Sie es denn wissen, und seine Ueberzeugung in dieser Hinsicht machte auf mich einen so lebhaften Eindruck, daß ich, statt ihn davon zu heilen, fast dahin gelangte, sie zu theilen.

– Wärst du denn trotz deines muthigen Herzens ein schwacher Geist?

– Ich kann mir nicht anmaßen, ein starker Geist zu sein. Wo hätte ich die Kraft dazu hernehmen sollen? Die einzige, ernste Erziehung, die ich erhielt, hat mir Albert gegeben. Wie hätte ich nicht sollen seiner höhern Kraft weichen, seine Täuschungen theilen? In seiner Seele lagen so viele und so hohe Wahrheiten, daß ich den Irrthum von der Gewißheit nicht unterscheiden konnte. Ich fühlte in dieser Grotte, daß meine Vernunft sich verwirrte. Besonders aber erschreckte mich, daß ich Zdenko nicht darin traf, wie ich es erwartete. Seit mehreren Monaten hatte sich Zdenko nicht wieder sehen lassen. Da er in seinem Hasse gegen mich beharrte, so hatte ihn Albert, wahrscheinlich nach einem heftigen Streite, denn er schien Reue deshalb zu fühlen, aus seiner Gegenwart entfernt, verjagt. Vielleicht glaubte er, Zdenko habe sich, nachdem er ihn verlassen, das Leben genommen, wenigstens sprach er von ihm in räthselhaften Ausdrücken und mit so geheimnißvollem Rückhalt, daß ich schauderte. Ich bildete mir ein (Gott verzeih mir diesen Gedanken!), in einem Anfall von Wahnsinn habe Albert ihn selbst getödtet, da er ihn nicht dazu bringen konnte, dem Plane zu entsagen, mir das Leben zu nehmen.

– Und weshalb haßte dich dieser Zdenko auf diese Weise?

– In Folge seines Wahnsinns. Er behauptete geträumt zu haben, ich hätte seinen Herrn getödtet und dann auf seinem Grabe getanzt. O, edle Frau, diese furchtbare Weissagung ist in Erfüllung gegangen. Meine Liebe hat Albert getödtet, und acht Tage darauf debütirte ich hier in einer der heitersten komischen Opern; ich war freilich dazu gezwungen und trug den Tod in meinem Herzen; aber das düstere Geschick Alberts ist genau nach den furchtbaren Prophezeihungen Zdenko's in Erfüllung gegangen.

– Wahrlich, deine Geschichte ist so diabolisch, daß ich selbst nicht mehr weiß, wie ich daran bin und anfange, die Besinnung zu verlieren, indem ich dir zuhöre. Doch fahre fort. Das Alles muß sich ja wohl aufklären.

– Nein, gnädigste Frau, diese phantastische Welt, welche Albert und Zdenko in ihren geheimnißvollen Herzen trugen, ist mir nie enthüllt worden, und Sie müssen sich gleich mir damit begnügen, die Resultate davon kennen zu lernen.

– Nun, Herr von Rudolstadt hatte aber wenigstens seinen armen Narren nicht umgebracht?

– Zdenko war für ihn kein Narr, sondern ein Unglücksgefährte, ein Freund, ein treuer Diener. Er beweinte ihn, doch, dem Himmel sei Dank, er hatte nie den Gedanken gehabt, ihn seiner Liebe für mich zum Opfer zu bringen. Ich jedoch, thöricht und, strafbar, überredete mich, daß dieser Mord vollbracht sei. Ein frisch aufgeworfenes Grab, welches sich in der Grotte befand und von dem Albert mir gestand, es enthielte das Theuerste, was er auf Erden besessen hätte, ehe er mich kennen gelernt, während er sich zu gleicher Zeit, ich weiß nicht, welches Verbrechens anklagte, trieb mir kalten Angstschweiß aus. Ich hielt es für gewiß, daß Zdenko an diesem Orte beerdigt sei und entfloh aus der Grotte, schreiend wie eine Wahnsinnige und weinend wie ein Kind.

– Es war wohl Grund dazu, sagte Frau von Kleist; ich wäre vor Furcht gestorben. Ein Geliebter, wie Ihr Albert hätte nicht im Geringsten für mich gepaßt. Der gute Herr von Kleist glaubte an den Teufel und brachte ihm Opfer. Er hat mich so furchtsam gemacht, wie ich es bin; wenn ich nicht den Entschluß gefaßt hätte, mich von ihm scheiden zu lassen, ich glaube, er hätte mich wahnsinnig gemacht.

– Du hast nicht üble Anlage dazu, sagte die Prinzessin Amalie. Ich glaube, du hast dich etwas zu spät scheiden lassen. Aber unterbrich unsere Gräfin Rudolstadt nicht.

– Als ich und Albert, der mir folgte, ohne daran zu denken, sich gegen meinen Verdacht zu rechtfertigen, in das Schloß zurückkamen, fand ich – rathen Sie wen, gnädigste Frau!

– Anzoleto!

– Er hatte sich für meinen Bruder ausgegeben und erwartete mich. Ich weiß nicht, wie er unterweges erfahren hatte, daß ich daselbst wohne und den Grafen heirathen solle; denn man sprach in der Umgegend davon, noch ehe irgend etwas darüber beschlossen war. War es Verdruß oder ein Rest von Liebe, oder Lust am Bösen, er war eingekehrt mit der plötzlichen Absicht, diese Heirath zu vereiteln und mich dem Grafen zu entführen. Er setzte Alles in Thätigkeit, um sein Ziel zu gewinnen, Bitten, Thränen, Schmeicheleien, Drohungen. Scheinbar war ich unerschütterlich, aber im Grunde meines feigen Herzens fühlte ich mich tief bewegt, und war kaum noch Herr meiner selbst.

Dank der Lüge, mit der er sich eingeführt hatte und der ich nicht zu widersprechen wagte, obgleich ich mit Albert nie von diesem Bruder gesprochen hatte, den ich nie besessen, blieb er den ganzen Tag im Schloß. Am Abend ließ uns der alte Graf venetianische Lieder singen. Diese Gesänge meines zweiten Vaterlandes erweckten alle Erinnerungen an meine Kindheit, an meine reine Liebe, an meine schönen Träume und an mein vergangenes Glück. Ich fühlte, daß ich noch liebte … und zwar nicht den, den ich lieben sollte, wollte und zu lieben versprochen hatte; Anzoleto beschwor mich ganz leise, ihn des Nachts in meinem Zimmer zu empfangen und drohte mir, auf seine und besonders meine Gefahr, wider meinen Willen es durchzusetzen. Ich war ihm nie mehr als eine Schwester gewesen, deshalb schmückte er auch seinen Plan mit den schönsten Absichten aus. Er unterwarf sich meinem Urtheile, er wollte mit Tagesanbruch fortreisen, doch zuvor von mir Abschied nehmen. Ich glaubte, er wolle Lärm, Aufsehen im Schlosse machen, er würde eine heftige Scene herbeiführen und mich durch diesen Skandal mit Schande bedecken.

Da faßte ich einen verzweifelten Entschluß und führte ihn sogleich aus. Um Mitternacht packte ich die nothwendigsten Sachen in ein Packet, schrieb einige Zeilen an Albert, nahm das wenige Geld, das ich besaß, wovon ich aber die Hälfte noch obenein vergaß, verließ mein Zimmer, warf mich auf das Lohnpferd, das Anzoleto hergebracht hatte, bezahlte seinen Führer, um mir bei dieser Flucht behülflich zu sein, eilte über die Zugbrücke und erreichte die nächste Stadt. Es war dies das erste Mal in meinem Leben, wo ich ein Pferd bestieg. Ich legte im Galopp vier Stunden zurück, schickte dann den Führer fort, und gab, unter dem Vorwand Anzoleto aus dem Wege von Prag zu erwarten, diesem Menschen falsche Andeutungen über den Ort, wo mein angeblicher Bruder mich wiederfinden sollte.

Ich schlug die Richtung nach Wien ein und befand mich, mit Anbruch des Tags, allein, zu Fuße, ohne Hülfsmittel, in einem unbekannten Lande, und schritt so schnell als möglich vorwärts, um diesen beiden Liebesverhältnissen zu entgehen, die mir gleich verhängnißvoll erschienen. Doch muß ich sagen, daß, nach Verlauf von einigen Stunden, das Phantom des treulosen Anzoleto aus meinem Herzen verschwand, um nie zurückzukehren, während das reine Bild meines edlen Albert mich wie eine Aegide und eine Verheißung der Zukunft, durch alle Gefahren und Mühsal meiner Wanderung begleitete.

– Und warum gingst du lieber nach Wien als nach Venedig?

– Mein Meister Porpora war dorthin gegangen in Begleitung unsers Gesandten, der sein erschöpftes Vermögen wieder erneuern und seinen ehemaligen Ruhm wieder auffrischen wollte, welcher vor den glänzenden Erfolgen glücklicherer Neuerer erblichen und entmuthigt war. Zu meinem Glück begegnete mir ein trefflicher junger Mensch, ein Musiker, der bedeutende Hoffnungen erregte, und der bei seiner Reise durch den Böhmerwald von mir hatte sprechen hören und die Idee gefaßt hatte, mich aufzusuchen, um meine Fürsprache bei dem Porpora zu erbitten. Wir kamen zusammen nach Wien, zu Fuß, oft sehr ermüdet, immer heiter, immer Freunde und Brüder. Ich schloß mich, um so lieber an ihn an, als er nicht daran dachte, mir den Hof zu machen und ich selbst nicht den Gedanken hatte, daß dies ihm einfallen könnte.

Ich verkleidete mich als Knabe und spielte meine Rolle so gut, daß ich zu tausend anmuthigen Mißverständnissen Anlaß gab. Doch das eine hätte für uns Beide sehr traurig werden können. Ich übergehe die übrigen mit Stillschweigen, um diese Erzählung nicht zu sehr auszudehnen und will nur dieses erwähnen, weil ich weiß, daß Ihre Hoheit ein weit größeres Interesse daran nehmen wird, als an meiner ganzen übrigen Geschichte.

Ende des ersten Theils.

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