Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
Schließen

Navigation:

25

»Das junge Mädchen, das eben hier war, ist meine Tochter.«

Joe Hoad schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten. Er war derselbe wie früher; sie erkannte ihn an diesem unglaublichen Jähzorn.

»Das ist unser Kind, und ich werde mit ihr reden. Du hast sie in Luxus erzogen, während ihr Vater im Zuchthaus saß! Und dann noch dieser junge Kerl, der hier im Laden herumtanzte! Ich könnte dir alle Knochen im Leib erschlagen, wenn ich daran denke, wieviel Geld du für das Mädchen verschwendet hast, während du mich hättest unterstützen sollen. Für mich hast du kaum ein Pfund die Woche übrig gehabt!«

Er stürmte zur Tür, aber sie eilte ihm nach und hielt ihn am Ärmel fest. Trotz allem fühlte sie Mitleid, als sie sah, daß sein Arm fast nur aus Haut und Knochen bestand. Er mußte schwer krank sein. Vielleicht gelang es ihr, ihn zu beruhigen; vielleicht würde er freundlicher werden, wenn sie ihm zeigte, daß sie sich um ihn sorgte, und wenn sie ihn pflegte. Früher hatte er das nie verstanden und hatte es auch nie gewollt. Er war überrascht, als sie plötzlich in freundlichem Ton zu ihm sprach.

»Joe, wenn ich es nun zugebe – was dann?«

»Was dann, was dann?« fragte er brutal. »Ist gar nicht nötig, daß du das zugibst. Ich wußte es gleich, als ich ihr Lachen hörte. Laß mich los, du alte Hexe! Ich werde mich jetzt meiner Tochter vorstellen!«

»Sie sind doch schon fort!« schrie sie und taumelte zurück. »Ich will dir alles sagen, Joe, du sollst alles wissen, was du willst.«

»Das mußt du wohl auch, du Kanaille«, brummte er.

»Joe, versuche doch einmal, mich zu verstehen. Ja, es ist unser Kind. Ich habe niemals einen Jungen gehabt, nur die kleine Marie! Und als ich wußte, daß ich niederkommen sollte, fürchtete ich mich vor dem Kind – ich wollte es nicht haben. Ich dachte daran, welch schreckliches Leben ihm bevorstand. Ich hatte mich immer verstecken und fliehen müssen, immer hatten wir schwere Sorgen, nirgends waren wir sicher. Sollte das so weitergehen?«

Er brummte, aber sie erkannte, daß sein Interesse geweckt war, obwohl er sie argwöhnisch betrachtete und jedes ihrer Worte prüfte, ob sie ihn auch nicht belog.

»Ich haßte in Gedanken das Kind, bevor ich es sah – und als es dann schrie und mich ansah und so klein war, schämte ich mich, daß ich mich so gefürchtet hatte, und ich liebte es ebenso heiß, wie ich es vorher gehaßt hatte. Aber ich gab mir das Versprechen, es anders zu erziehen. Es sollte nichts mit uns beiden zu tun haben.«

»Und mit welchem Recht hast du das Kind dem Vater vorenthalten?«

Unheimliche Lichter flackerten in seinen Augen, und sie schrak wieder vor ihm zurück.

»Ich dachte an die Zeit, als wir heirateten und du versuchtest, ehrlich zu bleiben. Damals sagtest du mir, daß das unmöglich wäre. Erinnerst du dich noch daran? Es zog dich wieder dazu, zu stehlen und einzubrechen. Du kämpftest vergeblich dagegen, weil es dir im Blut lag. Dein Vater war im Gefängnis gestorben, und es blieb dir keine Hoffnung. Aber Joe, jetzt glaubte ich nicht mehr daran. Hättest du nie etwas von deinem Vater gewußt, dann hättest du ein ehrlicher Mensch bleiben können. Ich komme mir so seltsam vor, wenn ich daran denke, aber wir waren die ersten Wochen in unserer Ehe glücklich, als wir noch auf dem Lande lebten und du arbeitetest. Erinnerst du dich nicht mehr an das kleine Haus in Chean, wo du die schönen Blumen den Weg entlang pflanztest, der zu unserem Haus führte?«

Er schwieg. Ihre Worte hatten ihn herausgerissen aus der furchtbaren Gegenwart, und plötzlich wachte in ihm etwas auf, was verschüttet und vergessen schien.

»Aber dann kam dein Vater aus dem Gefängnis und zog dich wieder mit sich. Und trotzdem habe ich dich geliebt ... lange Zeit ...«

Sie glaubte, daß sie ihn gerührt hatte. Vielleicht tat es ihm leid, daß sie ein so trauriges, hoffnungsloses Leben hatte führen müssen, aber der Eindruck dauerte nicht lange.

»Als du fort warst, hatte ich nur noch das Kind, das ich lieben konnte. Du weißt, welch harte Jugend ich im Findelhaus durchlebte. Ich habe nichts von Schönheit und Liebe kennengelernt, und ich war hungrig nach ein wenig Glück, nach ein wenig Romantik –«

»Ja, Romantik, das war ja immer deine Verrücktheit. Du hast immer nur geträumt, statt etwas Ordentliches zu tun.«

»Glaubst du?« fragte sie und hob stolz den Kopf.

Hier in diesem Laden hatte sie sich bewährt; hier hatte sie gezeigt, daß sie nicht nur träumte und romantischen Ideen nachhing. Und hatte sie nicht Marie erzogen? War das nicht der beste Beweis für ihre Tatkraft und Energie?

Er musterte sie von Kopf bis Fuß. Eine ganz andere Frau stand plötzlich vor ihm. Die Jahre hatten sie verändert.

»Ich entschloß mich, sie anders zu erziehen. Wenn ich sie bei mir behalten hätte, wäre es doch eines Tages herausgekommen. Es wären Fragen aufgetaucht. Entweder mußte ich dann sagen, daß sie ein uneheliches Kind war oder daß du der Vater seist. Und ich hätte ihr alles erzählen müssen. Sie hätte versucht, ein fehlerloses Leben zu führen, aber jedesmal, wenn diese kleinen Versuchungen an sie herangetreten wären, denen wir ja alle mehr oder weniger ausgesetzt sind, hätte sie gesagt: ›Welchen Zweck hat es? Ich bin ja doch dazu geboren – mein Vater sitzt im Zuchthaus.‹ Und so hätte sie nicht einmal versucht, zu kämpfen –«

»Jedenfalls hast du es nicht geschickt genug angestellt. Du konntest mir nicht entgehen«, knurrte er.

Verzweifelt erkannte sie, daß es ihr nicht gelungen war, ihn umzustimmen.

»Vorher hatte ich nie mit gebildeten Leuten verkehrt«, fuhr sie fort, »obwohl ich im Waisenhaus eine gute Erziehung erhalten hatte. Erst als ich bei der Gräfin Fioli eine Stelle annahm, lernte ich das Leben dieser Leute kennen. Die Schönheit zog mich an, die freundliche Art, wie sie sprachen, aßen und sich bewegten – das alles machte großen Eindruck auf mich. Sie waren ja gut zu uns im Waisenhaus, aber niemals liebevoll. Und wenn ich dann an dich dachte, erinnerte ich mich, daß du niemals zärtlich und freundlich zu mir warst.«

Ihre Worte klangen bitter und resigniert. Sie hatte damals im Waisenhaus vom Leben geträumt, das vor ihr lag, und als sie dann später in Stellung war, hatte sie angefangen, billige Romane zu lesen, die ihr eine schöne Welt eröffneten. Sie hatte davon geträumt, daß auch sie einmal einen Grafen oder einen Prinzen heiraten würde, und dann heiratete sie Joe Hoad, den Sohn eines Verbrechers.

»Verstehst du denn nicht, daß ich für mein Kind sorgte? Ich wollte es nicht nur von uns und unserem Unglück befreien. Ein Kind schlägt seinen Eltern nach. Wenn es sie vor sich sieht, ahmt es sie nach. Ich habe es doch hier in unserer Gegend zur Genüge gesehen. Gute Eltern haben gute Kinder. Schlechte Eltern haben schwache Kinder, die schließlich doch auf die schiefe Ebene kommen, wie zum Beispiel Herman. Aber sie bleiben auf dem rechten Pfad, wenn man sie von allem Bösen und Schlechten fortnimmt. Ach, und ich wünschte, du hättest einmal die Gräfin Fioli kennengelernt! Wenn du gesehen hättest, wie liebevoll sie zu mir war...«

Sie hielt inne, aber er starrte sie nur verständnislos an.

»Marie war sieben Monate alt, als ich zu der Gräfin Marie Fioli nach Bournemouth kam. Ich hatte die Kleine in Pflege gegeben, und später erzählte ich der Gräfin von ihr. Ihr eigenes Kind war gestorben, und sie grämte sich deshalb. Nach einiger Zeit erlaubte sie, daß ich Marie für einen Monat zu mir nehmen konnte. Damals lieh sie mir ihren großen, prachtvollen Kinderwagen, mit rotem Glacéleder ausgeschlagen und goldenen Kronen darauf. Ich fuhr das Kind vor dem Haus auf und ab, denn sie war gut zu mir und schickte mich an die frische Luft, obwohl sie doch selbst so krank war. Sie war erst kurze Zeit von Italien fort und kannte in England nur wenig Leute. Man redete viel über sie. Die meisten glaubten, daß die kleine Marie ihr Kind wäre. Die anderen Kindermädchen waren fest davon überzeugt; sie hätten es auch nicht verstehen können, daß eine Frau so gutherzig war, zu gestatten, daß ein Mädchen ihr eigenes Kind bei sich hatte. Dann starb sie. Sie war nicht reich, wie die Leute sagen. Sie hinterließ mir etwa hundert Pfund für die Dienste, die ich ihr geleistet hatte. Dann hatte sie noch ein Legat für die Schule in Rom ausgesetzt, in der sie erzogen worden war. Das war alles. In Bournemouth redeten die Leute damals unheimlich viel. Sie sagten, daß sie ihrem kleinen Kind ein ungeheuer großes Vermögen hinterlassen hatte. Wir zogen dann fort – Marie und ich. Und von da ab hieß das Kind – ›Mylady‹.«

*

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.