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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
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23

Es dauerte einige Zeit, bis sie die Feder aufnahm und Eintragungen in das Geschäftsbuch machte, das vor ihr lag. Sie blätterte um, bis sie an die Stelle kam, wo sie ihre persönlichen Ausgaben einschrieb. Die Aufwendungen für Marie wurden in ein anderes Buch eingetragen.

Sie schaute erst wieder auf, als sie ein schwaches Geräusch hörte, und sah zur Tür, die zum Gang führte. Vermutlich war Herman noch einmal heruntergekommen. Die Tür blieb jedoch geschlossen, und Mrs. Carawood wandte sich wieder ihrem Buch zu.

Es war vollkommen ruhig in dem Zimmer, deshalb schrak sie heftig zusammen, als eine Diele im Gang draußen knarrte.

Einige Sekunden herrschte tiefe Stille, dann wiederholte sich dieses Geräusch. Sie erhob sich zitternd, und ihre Augen wurden größer und größer, als sie sah, daß sich die Tür langsam öffnete.

»Herman!« rief sie scharf. »Machen Sie doch keinen solchen Unsinn und erschrecken Sie mich nicht so!«

Die Tür ging weiter auf, und dann zeigte sich ein Mann mit bleichem, ungesundem Gesicht. Seine Augen flackerten unheimlich, seine Backenknochen traten scharf hervor. Trotz der drückenden Hitze hatte er die Mütze tief ins Gesicht gezogen und den Rock bis oben zugeknöpft.

Sie öffnete den Mund und rang verzweifelt nach Atem.

»Joe!« stieß sie heiser hervor. »Um Himmels willen, Joe!«

Der Mann starrte sie an. Er hatte nicht erwartet, diese Frau hier zu sehen, und auch er schrak im ersten Augenblick zusammen. Aber dann trat er entschlossen ins Zimmer und machte die Tür zu. Wie eine Geistererscheinung stand er vor ihr, ein häßliches Grinsen verzerrte seine Züge.

»Was, du ... verdammt noch mal!«

Sie fühlte ein Würgen in der Kehle und konnte nicht sprechen.

»Du dachtest wohl, ich wäre verreckt? Gehofft hast du natürlich, daß ich nicht mehr aufstehen würde! Warum bist du denn in so zerrissenen Kleidern zu mir gekommen? Wolltest mir wohl weismachen, daß du kein Geld hättest! Also du bist Mrs. Carawood!«

Sie nickte. Leise begann sie zu reden.

»Du hast aber doch regelmäßig von mir Geld erhalten. Ich habe es immer ans Gefängnis nach Broadmoor geschickt und nachher an die andere Adresse. Woher wußtest du, daß ich hier wohne? Ich dachte ...«

Sie zitterte an allen Gliedern und lehnte sich an den Tisch, um nicht umzusinken.

»Ja, ich kenne dich, und ich weiß von früher her, was du denkst! Du glaubst, ich würde dort in dem Haus in Rotherhithe bleiben, bis man mich auf den Kirchhof hinaustrüge! Aber ich sterbe nicht so bald! Jetzt bin ich nach Hause gekommen – jetzt bin ich wieder daheim bei meiner Frau, die mich so liebt!« Seine Stimme klang beißend höhnisch.

Sie starrte ihn an wie vom Schlage gerührt. Vergeblich versuchte sie, sich zu fassen. Plötzlich wurde ihr klar, was das alles zu bedeuten hatte – neunzehn Jahre hatte sie unentwegt gearbeitet, neunzehn Jahre hatte sie träumen dürfen. Sie hatte sich ihr eigenes Glück aufgebaut, die häßliche Vergangenheit begraben, und nun brach alles in einem einzigen kurzen Augenblick zusammen. Ihre Träume vom Glück wurden in den Schmutz gezerrt, und alle ihre Anstrengungen, sich emporzuarbeiten, waren umsonst gewesen!

Sie schluchzte auf, sank auf den Stuhl und bedeckte die Augen mit den Händen, als ob sie ihn nicht sehen wollte.

»Ach, wie schrecklich!« stieß sie mühsam hervor.

»Ach, wie schrecklich!« äffte er ihre Worte nach und drehte sich dann um, als er auf der Straße schwere Schritte hörte. Der Schatten eines Helms fiel von draußen auf den Fenstervorhang. »Einer von der Polente!« zischte er.

Sie sah auf, eine wilde Hoffnung riß sie aus ihrer Gefühllosigkeit. »Joe, du wirst doch nicht von der Polizei gesucht?« rief sie.

In diesem Augenblick hatte sie kein Erbarmen mit ihm, sie dachte nur an all die Schrecken, an all die Erniedrigung, an die Häßlichkeit, die seine Rückkehr wieder in ihr Leben brachte. Wie hatte sie früher, als sie noch mit ihm zusammenlebte, von einer Wohnung zur anderen fliehen müssen! Überall mußte sie sich verbergen, sie war seine Sklavin gewesen, ohne daß er es ihr gedankt hätte. Dann war sie ihm entkommen, weil er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde, und hatte glücklich die Jahre der Freiheit verlebt, die doppelt froh und angenehm waren nach all dem Elend, das sie vorher durchgemacht hatte. Und wenn es das Los der Menschen war, zu leiden, hatte sie nicht genug gelitten? Sie eilte zur Tür.

»Nein, die Polizei ist nicht hinter mir her«, sagte er heiser. »Ich bin aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem ich den letzten Tag und die letzte Stunde meiner Strafe abgesessen habe. Lauf doch hin und schrei hinter dem Schutzmann her, wenn es dir Spaß macht. Meine Papiere sind in Ordnung, ich bin entlassen – ich bin frei wie der Vogel in der Luft!«

Dann lachte er so teuflisch, daß Mrs. Carawood das Blut in den Adern erstarrte, aber sie fühlte, daß er die Wahrheit sprach, und trat von der Tür zurück. In der Ferne verhallten die Schritte des Polizeibeamten.

»Ist er fort?« fragte er spöttisch.

Sie nickte und sank wieder in den Stuhl. In der Ferne grollte der Donner, und sie schauderte zusammen.

»Neunzehn Jahre habe ich Zeit gehabt, darüber nachzudenken«, sagte er, »wie er vor mir am Boden lag und der Mond in sein bleiches, blutiges Gesicht schien.« Seine Finger krampften sich zusammen, obwohl er sich dieser Bluttat rühmte. »Aber ich habe es dem Schwein heimgezahlt! Warum mußte dieser Kerl mich auch stören? Es war doch nicht sein Geld, das ich der Bank klauen wollte. Was ging den blöden Affen das an!«

»Er – er war ein Beamter, und du warst ein Dieb!«

»Ja, deswegen ist er jetzt auch tot, und ich lebe«, entgegnete er brutal.

Sie rang die Hände.

»Man sollte denken, daß es dir Freude macht, dich daran zu erinnern. Sprich doch nicht davon, es wäre möglich, daß jemand es hört, wenn du es sagst, Joe!«

»Na, und wenn sie es hören? Mir kann doch keiner mehr was tun, ich habe die Strafe abgesessen!«

In dem Augenblick wurde der Raum taghell erleuchtet – ein Blitz zerriß das Gewölk. Sie sah sein kreidebleiches Gesicht in dem fahlen Licht; Wahnsinn glühte in seinen Augen.

»Hast du deinen Freunden gesagt, daß du einen so schönen Mann hast?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Sie versuchte immer wieder, ihre Gedanken zu sammeln, aber es gelang ihr nicht.

»Nein, Gott sei Dank, ich habe es überwunden. Ich habe mein eigenes Leben gelebt und mich in die Höhe gearbeitet. Andere Frauen wären wahrscheinlich daran zugrunde gegangen.«

Mit unsicheren Schritten trat er auf sie zu, als ihre Stimme leiser wurde und erstarb. Dann stand er vor ihr und hob wie früher brutal die Faust. »Bring mir was zu essen!«

»Ja, ich werde etwas suchen«, erwiderte sie und schwieg dann plötzlich.

Die Tür öffnete sich, und Herman trat in Hemdsärmeln herein. Die Hosenträger hingen herunter; er schien sich hastig angekleidet zu haben.

Er sah verhältnismäßig harmlos aus, aber Joe war doch eingeschüchtert.

»Wer ist das?« fragte er.

»Der Junge –« begann sie.

Er sagte nichts, sondern starrte Herman nur an. Dann verzerrte sich sein Gesicht plötzlich, und er faßte mit einer Hand an die Kehle, während er mit der anderen nach der Westentasche tastete. Schließlich brachte er ein kleines Fläschchen zum Vorschein, das er hastig an die Lippen führte. Dann atmete er tief auf. Die beiden anderen beobachteten, daß er sich langsam wieder erholte.

»So, jetzt ist es besser. Ich stelle die Medizin hierher, wo ich sie immer sehen kann. Das ist das neue Mittel ... Sie gaben es mir heute morgen im Krankenhaus ... Es ist viel besser als die alte Brühe, die ich im Gefängnis zu schlucken bekam ...!«

Er sah wieder zu Herman hinüber.

»Was ist geschehen, Mrs. Carawood?« fragte der junge Mann atemlos. Fast schien es ihm, als ob sich eine der Kriminalgeschichten, die er so gern hatte, hier vor seinen Augen abspielte.

»Mrs. Carawood!« ahmte Joe seine Stimme nach.

»So heiße ich«, sagte sie, »Laß den Jungen fortgehen, bevor wir uns aussprechen. Herman, gehen Sie zu Bett. Dies ist ein Mann, den ich vor Jahren näher kannte.«

Herman nahm mechanisch die kleine Flasche und stellte sie auf den Kamin.

»Aber er sieht – so sonderbar aus. Ich weiß nicht – soll ich nicht Mr. Fenner rufen?« fragte er leise, als sie nach der Tür wies.

»Nein, nein, es ist schon alles in Ordnung. Er geht gleich wieder!«

»So, ich bin also ein Mann, den du vor Jahren näher kanntest«, lachte er höhnisch, als Herman gegangen war. »Und dabei bin ich dein Mann!«

Wütend schaute er sie an, während der Regen gegen die Fenster peitschte.

»Meinst du, ich wüßte es nicht?« sagte sie bitter.

»Ist das dein Junge – er nannte dich Mrs. Carawood?«

»Nein, er gehört nicht mir. Er war ein armer kleiner Knirps, als ich ihn eines Tages im Polizeigericht sah. Ich nahm ihn zu mir und zog ihn auf. Er ist so dankbar, als ob er mein eigenes Kind wäre.«

»So, um den Bengel hast du dich gekümmert, aber es ist dir nicht ein einziges Mal eingefallen, mich im Gefängnis zu besuchen. Gibst du das zu?«

»Ja. Ich bin nicht zu dir gekommen.«

»Ich weiß schon, was du gedacht hast. Du glaubtest, es wäre mit mir zu Ende, und darüber warst du froh. Aber du hast mich nicht zum letztenmal gesehen. Jetzt nennst du dich Mrs. Carawood. Was hat das zu bedeuten? Hast du wieder geheiratet?«

»Nein, eine Ehe war gerade genug für mich. Aber du hast recht, ich wollte nicht wieder mit dir zusammenleben.«

»Was sagst du da?«

Er erhob sich drohend.

»Ich habe vor Gericht gelogen, um dich zu retten. Ich habe alles für dich getan, weil ich mit dir verheiratet war; ich habe schwere Zeiten bei dir durchgemacht und dir immer geholfen. Stets habe ich zu dir gehalten, und immer war die Polizei hinter uns her, und wir mußten von einer Wohnung zur anderen fliehen. Und wenn ich mir etwas Geld gespart und ein paar Möbel gekauft hatte, dann hast du sie wieder versetzt ... Schließlich war ich froh, als ich nicht mehr mit dir zusammenleben mußte.«

»Du ...«

»Ich habe gebetet, daß sie dich henken sollten!« fuhr sie trotzig fort. »Aber ich habe ihnen nicht geholfen, daß sie dich zum Tode verurteilen konnten – trotz allem habe ich gelogen, um dein Leben zu retten. Und nun kommst du zu mir zurück!« rief sie verzweifelt.

Draußen blitzte es unaufhörlich, der Donner rollte, und ein wolkenbruchartiger Regen ging nieder.

»Jetzt verstehe ich alles«, erwiderte er heiser. »Du wolltest also, daß sie mich henken sollten!« Er packte sie am Arm, und seine scharfen Fingernägel gruben sich in ihr Fleisch, so daß sie stöhnte. »Dafür sollst du mir noch büßen! Morgen fliegt das Firmenschild mit den goldenen Buchstaben herunter, und dann kommt dein richtiger Name hin – Hoad! Und jetzt scher dich fort und hol mir etwas zu essen, oder ...«

Sie dachte an die früheren Zeiten und taumelte, als sie hinausging, um etwas zu essen zu holen. Sie mußte sich anstrengen, um nicht umzusinken. Wenn sie auch eine andere Frau geworden war und sich nicht mehr durch ihn einschüchtern lassen wollte, war sie doch immer noch in seiner Gewalt. Er brauchte nur auf die Straße zu gehen und die Wahrheit hinauszuschreien. Könnte sie doch nur ein paar Stunden ruhig nachdenken – sicher würde sie dann einen Ausweg finden.

»Was ist aus deinem Kind geworden?« fragte er heftig, als sie mit einem Tablett zurückkam. »Du hast doch ein Kind bekommen, nachdem ich ins Gefängnis kam?«

Sie zitterte.

»Ja – es war ein kleiner Junge ...«

»Das hat man mir im Zuchthaus erzählt. Du hast wohl niemals daran gedacht, daß ich als Vater das gern wüßte?«

»Er ist doch gestorben, nachdem er kaum eine Woche alt war. Konntest du etwas anderes erwarten nach all den Sorgen und all dem Kummer, die ich durchgemacht hatte?« fragte sie atemlos.

»Ach, du und dein Kummer!«

Für den Augenblick mußte sie ihn beruhigen, bis sich irgendein Ausweg zeigte.

»Es tut mir leid, ich habe nur Brot und Käse im Haus, Joe, aber ich kann dir Schinken und etwas Fleisch besorgen. Sie lassen mich in der Wirtschaft drüben sicher hinten zur Küche hinein. Ich will etwas holen, wenn du es wünschst.«

»Du wirst das Haus nicht verlassen«, sagte er argwöhnisch. »Erlaube dir bloß keine Tricks!«

Plötzlich lachte er laut auf, als er sich daran erinnerte, daß er ein freier Mann war.

»Butter und Käse genügen mir«, erklärte er und begann mit einem wahren Heißhunger zu essen.

»Ich muß dich etwas fragen –«, begann er.

Aber dann fuhr er zusammen, als draußen eine Autohupe ertönte. Mrs. Carawood kannte den Ton nur zu gut. Sie sprang zur Tür und sah durch die Scheiben, gegen die der Regen mit unverminderter Gewalt schlug.

»Schnell, hinter die Holzwand, Joe!« rief sie ihm zu.

»Wer ist das?« fragte er eigensinnig. »Warum soll ich mich denn verstecken? Ich habe dir doch gesagt, daß ich ein freier Mann bin.«

»Du weißt es nicht. Vielleicht sind deine Papiere doch nicht ganz in Ordnung. Nur für eine Minute ...« Sie sprach unzusammenhängend, und ihre Furcht steckte ihn an. »Joe, um Himmels willen, es ist sicherer.«

Der alte Instinkt, sich immer zu verstecken, überwältigte ihn, und er verschwand.

Mrs. Carawood öffnete die Tür – es war Marie, die vom Theater zurückkehrte.

*

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