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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
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22

Die Tage, die auf die Unterredung mit Julian folgten, waren für Marie Fioli sehr glücklich. Das Leben erschien ihr schöner als jemals; die Schule in Cheltenham lag jetzt viele tausend Meilen für sie entfernt. Marie lebte in einem ganz neuen Kreis, mit anderen Menschen. Als sie einmal mit John zusammen war, versuchte er, die Unterhaltung auf Mrs. Carawood zu bringen.

»O ja, sie ist tatsächlich romantisch, aber ich kann es nicht übers Herz bringen, darüber zu lachen. Wissen Sie, John, ich glaube oft, daß Nanny ein großes Vergnügen darin findet, wenn sie Mylady zu mir sagen kann. Und sie ist so praktisch und geschäftstüchtig auf ihre Weise.«

Mrs. Carawood war wirklich eine eigenartige Persönlichkeit. Er hatte noch nie eine solche Frau kennengelernt. Eigentlich führte sie ein Doppelleben. Marie und alles, was zu dem jungen Mädchen gehörte, repräsentierte die eine, die schöne und romantische Seite. Die andere war ihr Geschäft.

»Sie hat mir neulich erzählt, daß sie von Kindheit an diese romantischen Geschichten von Herzoginnen und Prinzen schätzte. Sie liebte Erzählungen, die in großen Marmorpalästen und in fürstlichen Residenzen spielten. Niemals las sie ein Buch, in dem nicht mindestens ein Lord oder eine Baronin vorkam.«

Als sie eines Nachmittags Queens Hall besuchten, erzählte ihm Marie von einem seltsamen Besucher, der am Vormittag in den Laden gekommen war.

»Kennen Sie einen Pater Benito?« fragte sie. »Er sieht wunderbar aus, hat einen langwallenden, grauen Bart und trägt eine richtige Mönchskutte.«

»Ja, ich kenne ihn«, sagte John schnell. »Was wollte er denn?«

»Er wollte Mrs. Carawood sprechen und sagte, daß er ein Kleid für seine Nichte kaufen müsse. Aber ich glaube, das war nur ein Vorwand; sicher kam er aus einem anderen Grund in den Laden.«

»Haben Sie mit ihm gesprochen?« fragte John ängstlich.

Sie nickte.

»Ja, Mrs. Carawood holte mich aus der Wohnung, damit ich ihn begrüßen sollte. Er sagte, er habe von mir gehört. Es ist direkt rührend, wieviel er für die Armen in unserem Stadtteil tut.«

»Was hat er denn sonst noch gesagt?«

»Nichts Wichtiges. Die gute, arme Nanny schien ganz nervös und aufgeregt zu sein, weil uns der Pater besuchte. Als er wegging, atmete sie jedenfalls erleichtert auf.«

John konnte sich wohl denken, aus welchem Grund Pater Benito in den Laden gekommen war. Auch er fühlte sich beruhigt, als er hörte, daß der Besuch so verlaufen war.

*

Daß John beobachtet wurde, konnte er natürlich nicht ahnen.

In diesen Tagen kam der Privatdetektiv Martin zu Julian, wurde aber ziemlich kühl empfangen.

»Haben Sie auch Morlay engagiert, daß er Ihnen Informationen über Mrs. Carawood beschaffen soll?« war die erste Frage, die er Julian stellte. »Wenn Sie es nicht getan haben, dann möchte ich Ihnen nur sagen, daß er auf eigene Faust Erkundigungen einzieht.«

»Wie meinen Sie das?«

Martin war am Morgen in der großen Registratur von Somerset House gewesen und hatte einen der tüchtigsten Leute von Morlay dort getroffen.

»Es ist der beste Mitarbeiter Morlays; soviel ich feststellen konnte, hat er sich auch nach dem Testament der verstorbenen Gräfin Fioli erkundigt.«

»Aber in ganz Somerset House findet sich keine Abschrift und auch kein Hinweis auf dieses Dokument.«

»Ich weiß es. Das wird der Mann auch festgestellt haben.« John Morlay interessierte sich also auch für das Vermögen Maries! Vielleicht brauchte auch er Geld. Julian lächelte im stillen.

*

Mrs. Carawood senkte ihr Buch. Nur das Ticken der Uhr auf dem Kamin war zu hören.

»Ich habe mich schon oft gefragt, wie Ihr Mann wohl gewesen sein mag«, sagte Herman unvermittelt.

»Mein Mann?«

»War er auch so romantisch wie Sie?«

»Nein«, erwiderte sie langsam. »Aber ich glaube, ich bin durch ihn romantisch geworden.«

Sie dachte noch über diese Worte nach, und Herman wagte nicht, sie dabei zu stören.

»Das Leben ist nicht leicht, Herman«, sagte sie nach einiger Zeit.

»Für mich war es auch sehr schwer, bis ich zu Ihnen kam. Aber ich glaube, daß Sie sich sehr einsam gefühlt haben, als Ihr Mann starb.«

Sie lächelte.

»Ja, ich habe ihn vermißt. Es entsteht auf die eine oder andere Weise doch eine Lücke, wenn jemand stirbt, Herman«, fuhr sie fort, aber dann änderte sie das Thema. »Sie sehen heute abend müde aus, Sie müssen früh zu Bett gehen.«

Er schaute sie an wie ein treuer Hund, dann dachte er darüber nach, wie schön es war, daß sich jemand um ihn kümmerte und bemerkte, daß er müde war. Es war seltsam wohltuend, daß Mrs. Carawood auch an ihn dachte.

»Manchmal sind Sie wirklich merkwürdig«, meinte er.

»Wieso bin ich merkwürdig?«

»Sie sind so lieb und gut ... Wissen Sie, ich würde alles für Sie tun.« Es fiel ihm schwer, das zu sagen; es zu denken, war viel leichter.

»Wenn Sie es wollen; springe ich vom Dach herunter; ich würde jemanden ermorden für Sie ...«

»Aber Herman!« Ihre Stimme klang scharf. »Man sollte fast denken, Sie wären betrunken, wenn Sie solchen Unsinn reden! Was fällt Ihnen denn ein, daß Sie jemanden ermorden wollen? Sie haben doch andere, friedlichere Beschäftigungen. Sie sollen meine Regale abstauben und aufpassen, daß Sie kein Geschirr zerbrechen, wenn Sie abspülen. Sie haben es gar nicht nötig, jemanden umzubringen. Aber passen Sie auf, es ist jemand vorn an der Ladentür.«

Es war Mr. Fenner, der feierlich eintrat. Er trug seinen schwarzen Sonntagsanzug und einen Trauerflor um den Ärmel. Die große goldene Uhrkette war sein einziges Schmuckstück. Er setzte sich hin, ohne dazu aufgefordert worden zu sein; alle seine Bewegungen waren würdevoll und gemessen.

»Ich hatte Sie heute abend kaum erwartet, Fenner. Sind Sie schon so bald von der Beerdigung zurückgekommen?«

»Sie wollen wohl ein wenig aufgeheitert werden?« bemerkte Herman.

Mrs. Carawood runzelte die Stirn.

»Herman, seien Sie still.«

Mr. Fenner schaute eine Zeitlang nachdenklich vor sich hin, bevor er den beiden eine erstaunliche Tatsache mitteilte.

»Der alte Mann hat mir sein Geschäft vermacht.«

»Mr. Fenner, ist das wahr?«

Sie konnte sich sehr gut an den etwas rauhen, aber sehr gutherzigen alten Mann erinnern, und sie konnte sich auch das ironische Lächeln vorstellen, mit dem er das Testament unterschrieben haben mochte.

»Ja, er hat es mir hinterlassen. Es ist ein nettes, kleines Geschäft, Mrs. Carawood, und man könnte den Umsatz verdoppeln und verdreifachen, wenn nur jemand etwas Kapital hineinstecken wollte.«

Sie mußte lächeln.

»Was haben Sie denn?« fragte er erstaunt.

»Ich freue mich für Sie! Was werden Sie unternehmen? Der alte Mann hat ja sehr viel gearbeitet ...«

»Das habe ich mir bis jetzt noch nicht überlegt. Wenn man ein eigenes Geschäft hat, bekommt alles ein anderes Aussehen ... Herman, ich möchte einmal allein mit Mrs. Carawood sprechen.« Er sagte das mit soviel Wichtigkeit, daß Herman gehorsam hinausging.

Fenner richtete sich auf.

»Ist dieser fein angezogene Kerl schon wieder hier gewesen?« fragte er vertraulich.

»Nein, Marie hat Mr. Lester in seiner Wohnung besucht.«

»Wenn er noch einmal herkommt, erklärte Fenner wütend, »drehe ich ihm das Genick um!«

Sie sah ihn nachdenklich an, nahm einen Strumpf von Herman und begann, ein Loch darin zu stopfen.

»Ich brauche niemanden, der mich verteidigt, Mr. Fenner. Aber wir werden Sie jetzt wohl nicht mehr so oft sehen, nachdem Sie so viel Geld geerbt haben?«

Das erleichterte ihm den Anfang seiner Rede.

»Deshalb bin ich gerade hergekommen. Ich wollte einmal mit Ihnen sprechen, Mrs. Carawood. Gestatten Sie, daß ich eine Zigarette rauche?« Er zog eine Packung aus der Tasche.

»Das sind echte türkische, die werden von den Damen im Harem des Sultans geraucht, steht vorne drauf. Ich kann diese Türken nicht verstehen. Ich brauche nur eine Frau, wenn ich die rechte bekomme.«

»Das können Sie nie vorher wissen«, warnte sie ihn lächelnd. »Für Sie sieht jetzt alles anders aus, wie Sie eben erwähnten. Früher haben Sie auch nie Zigaretten geraucht. Ich habe es immer so nett gefunden, wenn Sie mir mit Ihrer Pfeife gegenübersaßen. Eines Tages werde ich mich nicht weiter wundern, wenn Sie geheiratet haben. Und dann werden Sie wieder eine andere Frau haben wollen und dann noch eine – nicht wahr?«

Er legte die Zigarette sorgfältig auf den Rand des Aschenbechers und sah sie vorwurfsvoll an.

»Für mich gibt es nur eine Frau auf der Welt, Mrs. Carawood, und wenn sie meinen Antrag annehmen würde, wäre ich der glücklichste Mann auf der Welt.«

»Aber Mr. Fenner, Sie wollen auch immer gleich alles haben. Es ist doch genug, daß Sie nun das nette Geschäft besitzen. Warum wollen Sie noch mehr?«

»Sie wissen ganz genau, was ich will, und ich würde alles darum geben ... Sehen Sie einmal her: Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie so ein hübsches kleines Auto besäßen, mit dem Sie spazierenfahren könnten? Wäre das nicht ein reizender Gedanke?«

»Ich habe einen Wagen, aber ich fahre lieber im Bus!«

Er wußte, daß sie sich über ihn lustig machte, ließ sich aber nicht einschüchtern.

»Nehmen wir einmal an, Sie hätten ein hübsches Auto und eine Villa. Und wie wäre es, wenn wir die Flitterwochen in Paris verbrächten, Mrs. Carawood?«

Sie betrachtete ihn belustigt. Aber dann machte sie sich selbst Vorwürfe, denn sie erinnerte sich daran, daß sie vor einigen Tagen noch gehofft hatte, im schlimmsten Fall bei ihm Zuflucht zu finden.

Einer Antwort wurde sie enthoben, denn Marie kam die Treppe herunter, und vor dem Geschäft hielt ein Auto an. Es sah fast aus, als ob Marie oben auf John Morlays Ankunft gewartet hätte.

Sie begrüßte Fenner, der mit allem Anstand eine türkische Zigarette rauchte und sich beinahe vorkam wie ein Sultan.

»John, ich habe Ihnen schon von Mr. Fenner erzählt.«

»Natürlich! Sie sind doch Schreiner, nicht wahr?«

Fenner räusperte sich.

»Nun, ich bin nicht nur das, ich bin Schreinermeister, wenn ich so sagen darf.«

»Hören Sie doch nur, wie er angibt!« rief Mrs. Carawood.

Sie hielt zärtlich Maries Hand.

»Hast du etwas Angenehmes vor?« fragte sie.

»Ja. Zum Wochenende fahren wir aber doch nach Ascot?«

Mrs. Carawood nickte.

John beobachtete die beiden scharf und hatte den Eindruck, daß Pater Benito recht haben mußte.

Marie fing seinen Blick auf; sie war bereit zu gehen.

»Ich muß jetzt wieder in mein Geschäft, Mrs. Carawood«, sagte Fenner und reichte ihr die Hand. Früher hatte er das nicht getan.

John bot ihm einen Platz in seinem Wagen an, aber das lehnte er ab.

»Nein, das ist nicht nötig, ich kann mir ja ein Taxi nehmen.«

Er sah sich halb um, welchen Eindruck das auf Mrs. Carawood machte, aber sie schien es gar nicht gehört zu haben.

Sie trat auf die Straße hinaus und sah dem Wagen mit Marie und Mr. Morlay nach, dann schloß sie die Ladentür.

»Wir wollen Licht machen«, sagte sie. »Es wird dunkel. Ich fürchte, wir bekommen ein Gewitter.«

»Haben Sie gehört, was Fenner sagte, Mrs. Carawood«, fragte Herman, als er das Licht andrehte. »Wie fein der auf einmal geworden ist. Taxi will er fahren! Aber ich bin wirklich müde heute abend«, gähnte er. »Vorige Nacht war es so heiß wie in einem Ofen, und heute ist es ebenso.«

»Es wird schon kühler werden, wenn das Gewitter vorbei ist. Also, gehen Sie jetzt ins Bett, Herman.«

»Gute Nacht, Mrs. Carawood.«

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