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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
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21

»Kann ich Sie möglichst bald treffen?«

Marie war am Apparat. John Morlay war vom Frühstückstisch aufgestanden und wunderte sich, wer ihn schon morgens um halb acht anrief.

»Aber um Himmels willen, schlafen Sie denn überhaupt nicht?«

»Ich möchte mit Julian sprechen«, erklärte sie.

»Sie sind aber wohl die einzige, die einen solchen Wunsch hegt. Warum zerbrechen Sie sich Ihr Köpfchen deswegen?«

»Nanny hat eine furchtbare Nacht gehabt«, sagte sie mit zitternder Stimme.

Morlay vermutete richtig, daß dann auch Marie kaum geschlafen hatte.

»Aber Julian wird Ihnen doch auch nicht helfen können. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich zu Ihnen.«

»Nein, ich muß Julian sprechen«, erklärte sie hartnäckig. »Ich werde dafür sorgen, daß diese infamen Verdächtigungen Nannys aufhören.«

Er zögerte mit der Antwort, bis sie schließlich ungeduldig fragte, ob er noch am Apparat sei.

»Ja. Ich werde es so einrichten, daß Sie mit Julian sprechen können. Ich darf Sie aber doch begleiten?«

»Sie dürfen nur bis zu seiner Wohnung mitkommen. Ich will ihn allein sprechen«, entgegnete sie zu seiner größten Überraschung.

Sie trafen sich auf der Penton Street. Mrs. Carawood hatte sich hingelegt, um etwas zu ruhen, wie ihm Marie erzählte, und er bemerkte, daß auch sie ziemlich übernächtigt aussah. Schwere Schatten lagen unter ihren Augen. Er gab ihr den Rat, noch etwas zu schlafen.

»Nein, das werde ich nicht tun. Dazu bin ich zu unruhig. Ich habe mich furchtbar über Julian geärgert«, sagte sie müde. »Ich hätte ihm eigentlich eine Ohrfeige geben sollen, aber dazu war ich im Augenblick nicht imstande.«

»Es war auch besser so«, beruhigte er sie.

John Morlay war erstaunt, daß sie nicht entrüsteter über den Mann war, der Mrs. Carawood derartig beschimpft hatte. Im Gegenteil, sie sprach ruhig und vollkommen leidenschaftslos.

»In gewisser Weise tut er mir sogar leid. Aber ich muß ihm ein für allemal klarmachen, daß er sich nicht mehr für mich und mein Vermögen interessieren soll.«

»Das wird Ihnen bei Julian sehr schwer gelingen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht«, sagte sie so selbstbewußt und zuversichtlich, daß er sie erstaunt ansah.

Während sie neben ihm im Auto saß, stellte er eine Frage. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, er hat mir keinen Antrag gemacht. In gewisser Weise ist er sogar sehr nett und liebenswürdig. Er hat sich sogar nicht einmal die Mühe gegeben, sein Interesse an mir zu verheimlichen, dabei hat er mir aber nicht die Hand gedrückt oder versucht, mich zu küssen oder sonst etwas zu unternehmen, wogegen Sie in Ihrer Eigenschaft als Schutzengel protestieren könnten.«

Sie verabredeten, daß John draußen auf dem Treppenabsatz vor Julians Wohnung warten sollte, während sie hineinging, um mit ihm zu sprechen. Aber Julian brachte diese Pläne zum Scheitern. Als er in seinem bunten Morgenrock an der Wohnungstür erschien, gab er sich nicht damit zufrieden, sondern nötigte sie beide, näher zu treten. John war über diese Taktlosigkeit sehr betreten.

»Ich weiß wohl, ich habe mich schrecklich benommen. Es war entsetzlich von mir, aber das wollen wir jetzt vergessen. Bitte, kommen Sie doch herein. Ich werde versuchen, mein Unrecht wieder gutzumachen, soweit mir das möglich ist –«

Dann schloß er die Tür hinter ihnen.

»Wenn Sie eine Entschuldigung von mir verlangen, dann ist Ihre Forderung schon im voraus gewährt. Es war nicht richtig von mir, daß ich nach der Höhe des Vermögens fragte, aber offengestanden hat mich diese Frage um Ihretwillen sehr bewegt, und ich weiß auch jetzt noch nicht, ob Sie tatsächlich eine reiche Erbin oder das bedauerliche Opfer der Intrigen einer schlechten Frau sind.«

»Das hört sich ja beinahe so an, als ob Sie hier auf der Bühne stünden und irgendeine Rolle spielten«, sagte John, der trotz alledem die Kaltblütigkeit des Mannes bewunderte.

Julian führte die beiden in das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer, wo er am Abend vorher Mr. Smith empfangen hatte. Die Fenster standen auf, und das Sonnenlicht fiel herein.

»Sie sind ja in merkwürdig guter Stimmung«, meinte John.

Auch Marie machte eine derartige Bemerkung. Im stillen dachte sie aber, daß ihm nach der Unterredung mit ihr schon anders zumute sein würde.

»Warum soll ich denn nicht vergnügt sein? Das Leben liegt doch noch vor mir! Können Sie mir übrigens sagen, John, ob in Ihrem Bürohaus irgendwelche Räume leerstehen?«

Diese Frage überraschte Morlay.

»Wollen Sie denn ein Geschäft aufmachen?«

»Ich möchte einen ruhigen Platz mieten, wo ich mein Buch fertigschreiben kann«, erklärte Julian.

»Vor ein paar Monaten hätten Sie noch Büroräume in der zweiten Etage haben können. Das Büro wurde von einer Gesellschaft gemietet, die meines Wissens jetzt bankrott gegangen ist. Die Leute haben sie weitervermietet –«

»Kann ich Sie einmal allein sprechen, Julian?« unterbrach Marie diese lebhafte geschäftliche Unterhaltung.

»Aber gewiß«, erwiderte Julian und öffnete die Tür des kleinen Speisezimmers. »Morlay, Sie werden sicher ein paar Bücher finden, die Sie interessieren. Außerdem ist die Tür ja nicht zugeschlossen. Wenn Sie Hilfeschreie hören, können Sie also schnell ins Zimmer stürzen und Gräfin Marie wie ein Held retten.«

»Es tut mir unendlich leid, Marie«, sagte er, als die beiden allein waren. »Ich habe einen großen Fehler gemacht, und ich verspreche Ihnen, daß es nicht wieder vorkommen soll. Ich werde mich bessern. Aber wenn ich meine Behauptungen beweisen kann, wenn Sie tatsächlich um Ihr Vermögen gebracht worden sind –«

»Sie werden sich um diese Sache nicht mehr kümmern. Und wenn Sie noch dabei sind, Nachforschungen anzustellen, so wird das sofort aufhören«, erklärte sie ruhig.

Julian lächelte.

»Ich habe doch aber Ihre Interessen wahrzunehmen –«

»Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten.«

Sie nahm ein kleines rotes Lederetui aus ihrer Handtasche und reichte es ihm.

Er runzelte die Stirn, betrachtete es und öffnete es dann.

»Das ist ja der Ring, den ich Ihnen geschenkt habe. Wollen Sie ihn mir zurückgeben?«

Sie nickte.

»Das ist aber sehr unfreundlich. Vermutlich hat das alte Weib –«

»Ich dulde nicht, daß Sie Mrs. Carawood ein altes Weib nennen. Sie werden sehr höflich sein, was sie betrifft. Auf keinen Fall bekommen Sie sie wieder zu sehen, und Ihre Detektive werden keine weiteren Nachforschungen anstellen. Mich werden Sie auch nicht wiedersehen, und wenn Sie meinem Rat folgen, verlassen Sie in allernächster Zukunft das Land.«

Er betrachtete sie durch halbgeschlossene Augenlider, denn er hatte den drohenden Unterton ihrer Stimme wohl gehört.

»Warum sagen Sie mir das alles?«

»Als Sie mir den Ring gaben, sagten Sie doch, ich sollte ihn erst am Morgen betrachten. Ich war aber neugierig, öffnete das Kästchen schon am Abend und – fand einen anderen Ring darin. Es war nicht der, den ich Ihnen zurückgegeben habe.«

Das Reden fiel ihr im Augenblick schwer. Sie erwartete, daß er heftig protestieren würde, aber er schwieg.

»Der Ring, den ich an dem Abend sah, hatte einen langen, rechteckigen Saphir, der von vier Brillantklauen gehalten wurde. Nach der Beschreibung habe ich sofort gesehen, daß es sich um den Ring handelte, der ein paar Tage vorher aus dem Juweliergeschäft von Cratcher gestohlen worden war. Sie haben einen bösen Fehler gemacht und mir das falsche Etui überreicht. Die Kästchen haben dieselbe Größe und sind auch beide mit rotem Maroquinleder bezogen. Als Sie dann in die Stadt zurückfuhren, entdeckten Sie Ihren Irrtum und kehrten deshalb nach Ascot zurück. Sie nahmen nachts den Saphirring von meinem Frisiertisch und schickten mir am nächsten Tag per Post den Ring mit dem Rubin zu, den Sie vorher für mich bestimmt hatten.«

Julian sprach nicht, sein Gesicht glich einer Maske. Er errötete nicht einmal, sondern preßte nur die Lippen etwas mehr als sonst zusammen.

»Deshalb sage ich, Sie müssen England verlassen. Es ist vielleicht nicht recht, was ich tue; ich müßte wahrscheinlich zur Polizei gehen und der Behörde mitteilen, was ich herausgefunden habe!«

»Werden Sie das tun?« Seine Worte klangen hart wie Stahl.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß Sie ein solches Doppelleben führen, aber es ist nicht meine Sache, Sie zu verurteilen.«

»Weiß Morlay davon?«

»Natürlich weiß er das nicht«, entgegnete sie zornig. »Er würde nicht so ruhig bleiben, wie ich es jetzt bin.«

Julian holte tief Atem.

»Ich danke Ihnen«, sagte er schlicht. »Ich werde alles tun, was Sie gesagt haben, aber es dauert wahrscheinlich noch ein oder zwei Wochen, bis ich alles soweit abgewickelt habe, daß ich abreisen kann. Ich muß eine ganze Menge von Geschäften liquidieren.«

Sie reichte ihm die Hand, und er drückte sie.

»Es wäre möglich, daß ich Sie noch einmal sehen muß. Seien Sie nicht ungehalten, wenn ich noch einmal einen Besuch machen sollte. Aber ich verspreche Ihnen im voraus, daß ich Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten werde – ebensowenig Mrs. Carawood.«

Als die beiden gegangen waren, fiel ihm plötzlich ein, daß er Mr. Smith einen Auftrag gegeben hatte, der in offensichtlichem Widerspruch zu seinem Versprechen stand.

Den ganzen Tag versuchte er, mit Smith in Verbindung zu kommen. Dann kam ihm plötzlich der Gedanke, daß er schließlich doch seinen Plan ausführen könnte. Er war zu neugierig, was der Inhalt des schwarzen Kastens sein mochte.

In der Zwischenzeit hatte er sehr viel zu tun. Er stellte die Büroräume fest, die Harry, der Kammerdiener, gemietet hatte, und fuhr nach Balham, um den früheren Inhaber zu sprechen. Es war ein armer Erfinder, der mit großen Hoffnungen eine Firma gegründet hatte, im Laufe der Monate aber einsehen mußte, daß er die Räume nicht halten konnte. Schließlich hatte er sie einem liebenswürdigen Amerikaner zur Verfügung gestellt, der nicht nur die Büros, sondern auch die Einrichtung mietete.

»Ich habe die Möbel nicht verkauft, weil ich immer noch hoffte, von neuem beginnen zu können, aber jetzt sind so traurige Verhältnisse eingetreten, daß ich dazu gezwungen werde.«

»Deswegen bin ich gerade hergekommen. Ich bin bereit, Ihnen die Möbel abzukaufen.«

Nach einigem Hin und Her holte der Erfinder ein Aktenstück und alle Rechnungen und Quittungen über seine Anschaffungen. Darunter befand sich auch der Lieferschein für den Rexor-Safe. Die Nummer des Schrankes war auf dem Schriftstück vermerkt; Julian notierte sie auf seiner Manschette.

Am Nachmittag reiste er nach Sheffield und hatte dort eine Besprechung mit dem Geschäftsführer der Rexor-Company, der ein alter Freund von ihm war. Julian hatte sich schon oft mit ihm über Schlösser und Geldschränke unterhalten, ja, er hatte ihm damals sogar zugesagt, einen Artikel über seinen Besuch in der Fabrik in einer Zeitung erscheinen zu lassen, aber das hatte er natürlich später vergessen.

»Merkwürdigerweise«, erklärte Julian, bevor er das Büro verließ, »habe ich neulich einen Ihrer Schränke gekauft, aber leider nur einen Schlüssel erhalten.«

»Wissen Sie zufällig die Nummer?«

Als Julian Lester nach London zurückfuhr, hatte er einen Duplikatschlüssel in Besitz.

Am nächsten Tag besuchte er das Haus, um sich persönlich zu orientieren. Die beiden Leute, die das Büro gemietet hatten, kamen morgens um neun. Sie sahen sehr respektabel aus und trugen große Hornbrillen. Auch erschienen sie nicht zusammen, sondern tauchten aus verschiedenen Richtungen auf. In dem Haus erzählte man sich, daß sie im Begriff wären, mehrere Konfitürengeschäfte zu gründen. Große Mengen von Süßigkeiten wurden abgeliefert und in ihrem Büro verstaut.

In der Hinterstraße lag ein Nebengebäude, das man leicht von einem Balkon aus erreichen konnte ... Ein weit vorstehendes Geländer erleichterte die Absicht ... Nach allem, was er sah, mußte es nicht schwer sein. Nur schade, daß die Nächte so kurz waren.

Julian mietete sich eine Garage in derselben Hinterstraße. Der Eigentümer verlangte eine hohe Anzahlung, aber Mr. Lester machte nicht die geringsten Schwierigkeiten, zahlte gern, kam kurz darauf mit einem eleganten Sportwagen zurück und abonnierte bei der nahen Tankstelle, daß der Wagen regelmäßig dort gereinigt werden sollte.

Er sah die beiden Leute, als sie am Abend das Büro verließen, und fragte sich, wer von beiden wohl Harry der Kammerdiener sein mochte. Soweit er sich besinnen konnte, gab es diesen Spitznamen schon seit langem in der Unterwelt, und darüber wunderte er sich. Wahrscheinlich gab es einen wirklichen Harry, der ein verflucht scharfer Junge sein mußte; einer dieser Leute hier bediente sich wahrscheinlich des Namens nur aus reiner Eitelkeit.

Die Zeitungen schrieben sehr viel über den Einbruch in der Westkanadischen Bank. Zwei verdächtige Leute wurden in Southampton verhaftet. Julian wünschte, daß die Polizei weiterhin solche Fehler machte. Die Beute, die den Räubern in die Hände gefallen war, betrug etwa hundertachtzigtausend Pfund. Privat hatte er sich davon überzeugt, daß in den Bekanntmachungen der Polizei die Nummern der Banknoten nicht aufgeführt worden waren. Man hatte sich darauf beschränkt, die Anzahl und Höhe der gestohlenen Werte anzugeben. Aus den Zeitungen ersah er, daß Inspektor Peas die Bearbeitung des Falles in Händen hatte; er gab sich die allergrößte Mühe, das Verbrechen aufzuklären. John traf ihn zufällig und erfuhr, wie die Sache vor sich gegangen war. Ein Nachtwächter war in Verdacht geraten, der seit dem Diebstahl verschwunden war.

»Es müssen amerikanische Verbrecher gewesen sein, und wenn ich mich nicht sehr täusche, ist Harry der Kammerdiener daran beteiligt«, sagte Peas. »Zur Zeit ist er nicht in Frankreich – seine Bekannten erklären hartnäckig, er sei nach Berlin gefahren. Das heißt so viel, daß er sich in London aufhält. Wenn diese Galgenvögel mit dem Geld entkommen, habe ich meinen Beruf verfehlt und reiche meine Kündigung ein. Ich glaube, wenn die gewußt hätten, daß ich den Fall untersuche, wäre es nicht zu dem Einbruch gekommen. Wie geht es eigentlich Mrs. Carawood? War sie vor kurzem in Rotherhithe? Und wie geht es denn dem armen Mr. Hoad?«

»Wer, zum Teufel, ist denn Hoad?«

»Er nennt sich zur Zeit nicht Mr. Hoad, sondern manchmal Smith, manchmal Salter. Er hatte einen Anfall von Herzschwäche an dem Abend, als wir nach Rotherhithe gingen. Und jemand hat so viel Geld gehabt, den teuersten Spezialisten für ihn zu bezahlen.«

»Meinen Sie Mrs. Carawood?«

Peas nickte.

»Ja! Wahrscheinlich ist er mit ihr verwandt, aber sie wollte nicht haben, daß er erfährt, wie gut es ihr geht. Deshalb hat sie sich damals diese Lumpen angezogen. Solche Geheimnisse sind sehr bald enthüllt, wenn sich ein erstklassiger Beamter damit beschäftigt.«

»Wie steht es dann mit dem Einbruch in der Westkanadischen Bank?« fragte John boshaft.

»Das ist auch kein Geheimnis«, entgegnete Peas ruhig. »Das ist einfach ein Einbruch unter Anwendung von Gewalt.«

*

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