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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
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projectidef30bd7
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16

Es war nicht leicht, mit Mrs. Carawood zu verhandeln. Sie nahm keine Geschenke oder Gefälligkeiten an; sie führte ihr Geschäft rücksichtslos und stand bei den Grossisten Londons in dem Ruf, gute kaufmännische Begabung zu besitzen.

»Ist Mr. Fenner gegangen?« fragte sie, als Julian verschwunden war.

»Nein, der ist noch unten im Hof und arbeitet an der Tür.«

»Um Gottes willen! Er hat ja soviel Zeit dazu gebraucht, daß er inzwischen ein Haus hätte bauen können!« erklärte Mrs. Carawood.

Nachdem Herman ihn gerufen hatte, erschien Mr. Fenner selbst auf der Bildfläche.

»Haben Sie die Tür repariert?«

»Jawohl, Mrs. Carawood, ich bin eben damit fertig geworden und habe sie wieder eingehängt.«

»Das ist gut.« Sie schloß eine Schublade ihres Schreibtisches auf und nahm eine kleine Kassette heraus. »Wieviel habe ich Ihnen für Ihre Mühe zu zahlen? Was berechnen Sie mir dafür?«

Mr. Fenner schloß die Augen.

»Sie meinen dafür, daß ich die Tür repariert habe?« fragte er beleidigt. »Ich habe doch nur sozusagen mit dem Pinsel ein wenig Politur nachgestrichen.«

»Aber Fenner, seien Sie doch vernünftig. Wenn Sie es nicht gemacht hätten, dann hätte ich doch einem andern den Auftrag geben und ihn bezahlen müssen. Und ich will meine Freunde nicht ausnützen. Sagen Sie es schnell, damit wir die Sache erledigt haben. Contessa Fioli kann jeden Augenblick kommen.«

»Wozu hat man denn Freunde?« deklamierte Mr. Fenner mit dem Pathos eines Volksredners. »Doch nur dazu, daß sie einem helfen sollen, wenn man in Not ist.«

Er zeigte mit der Hand auf die hölzerne Zwischenwand, hinter der Mrs. Carawood gewöhnlich saß.

»Halten Sie es nicht für besser, daß ich dort hinten einen kleinen Raum einrichte statt dieser halbhohen Trennungswand?«

Sie legte mit einem Seufzer die Feder beiseite.

»Fenner, glauben Sie denn, daß ich Sie umsonst für mich arbeiten lassen würde? Herman!«

Der junge Mann trat in den Laden.

»Mrs. Carawood hat Sie gerufen«, erklärte Fenner hilfsbereit.

»Mylady kommt heute zurück, Mr. Fenner«, entgegnete Herman nach einem Blick auf seine Chefin.

»Ach, ich wünschte, sie wäre nicht adlig. Diese schrecklichen Klassenunterschiede!« Als ihn ein mißbilligender Blick von Mrs. Carawood traf, fuhr er fort: »Die Menschen sind doch alle gleich geboren. War etwa Adam ein Lord oder Eva eine Herzogin?«

Nun wurde es Mrs. Carawood zuviel, und sie unterbrach ihn.

»Wenn Sie weiter solchen Unsinn reden, werfe ich Ihnen noch etwas an den Kopf, Fenner! Warum sollte denn die Gräfin Fioli ihren Titel aufgeben? Sie wurde doch damit geboren! Das wäre genauso, als ob ich von Ihnen verlangen würde, Sie sollten Ihre Zunge nicht mehr gebrauchen. Auf jeden Fall ist Ihre Anwesenheit hier im Laden überflüssig, wenn Mylady herkommt.«

Fenner ließ sich dadurch nicht beeindrucken und gab Herman ein Zeichen. Der junge Mann verließ den Laden, weil er den Eindruck hatte, daß Mr. Fenner über Geldangelegenheiten reden wollte.

»Was fällt Ihnen ein, daß Sie Herman hinausschicken?«

»Es handelt sich um eine rein persönliche Angelegenheit«, sagt Fenner heiser und setzte sich. »Mrs. Carawood, schon seit zehn Jahren kenne ich Sie –«

Sie hob warnend die Hand, aber er sprach trotzdem weiter.

»Ich muß es einmal sagen. Zehn Jahre kenne ich Sie nun, und während dieser ganzen langen Zeit bin ich nicht ein einziges Mal betrunken gewesen. Habe ich mich nicht tadellos aufgeführt? Ich bin immer zuverlässig und treu gewesen. Ihr Geld will ich nicht. Geld widert mich an ... Übrigens habe ich auch selbst eine schöne Summe gespart.«

Sie erhob sich langsam und lächelte nachsichtig.

»Fenner, Sie sind kein schlechter Mensch, obwohl Sie viel zuviel reden. Aber beruhigen Sie sich, ich heirate nicht mehr.«

»Wenn ich das sagen darf – Sie sind doch noch jung, Mrs. Carawood, und Sie haben auch weiter keinen Anhang und keine Familie.«

»Ich will aber nicht. Es hat keinen Zweck. Ich habe Sie ganz gern, Sie sind ein aufrechter, anständiger Mann, aber heiraten nein.«

Er nahm verlegen ein Buch vom Schreibtisch und blätterte es durch. »Was ist dies hier?«

Sie wandte sich um und nahm ihm den Band schnell ab.

»Lassen Sie Dinge liegen, die Sie nichts angehen«, sagte sie scharf.

Aber Mr. Fenner hatte schon den Titel gelesen.

»Nur ein Ladenmädchen. Eine rührende Geschichte von Liebe und Opfermut. Sie lieben also diese Art Romane, Mrs. Carawood?«

»Die habe ich schon seit meiner frühen Jugend gelesen«, antwortete sie gereizt.

»Ich gebe ja zu, daß sie ganz nett geschrieben sind«, erwiderte er großzügig. »Aber sehen Sie, ich habe verschiedene Werke von Herbert Spencer und John Stuart Mill gelesen – das ist Philosophie! Sie sollten auch einmal diese großen und klaren Gedanken in sich aufnehmen. Aber so etwas lesen Sie ja für gewöhnlich nicht.«

»Nein. Und ich lese auch diese Romane nicht alle selbst. Herman hat sie so gern.«

Mr. Fenner war empört.

»Es ist etwas Entsetzliches, wenn man keine Erziehung hat! – Wie steht's denn mit dieser jungen Dame, die war doch wohl auf einem College?«

»Ja.«

Kühn nahm er wieder ein Buch vom Tisch.

»›Die Versuchung der Herzogin.‹ Mrs. Carawood, Sie sind immer romantisch gewesen.«

Aber damit hatte er eine sehr empfindliche Stelle bei ihr getroffen.

»Ja, ich bin romantisch, und wenn man sich auch mit Geschäften abgeben muß, ist es doch eine Freude, sich in der Phantasie Marmorhallen und Paläste vorzustellen.«

»Ich verstehe«, sagte Fenner. »Deshalb gehen die Leute auch soviel ins Kino.«

Sie nahm ihn an den Schultern und schob ihn in die Mitte des Zimmers.

»Fenner, ich sehe Sie ja von Zeit zu Zeit gern, aber haben Sie denn überhaupt nichts zu arbeiten? Sie verschwenden hier Ihre Zeit, und ich hasse es, wenn jemand das tut.«

Und nun gab er eine gewundene Erklärung ab. Sein Chef war krank. Mrs. Carawood kannte den alten Mann; er hatte eine Tischlerwerkstatt in der Penton Street und war ein etwas griesgrämiger Herr mit einer scharfen Zunge.

»Ich habe die ganzen sechzehn Jahre bei ihm gearbeitet, und es kommt mir so einsam und trostlos vor, wenn ich in die Werkstatt gehen soll und er nicht dort ist ...«

Sie hörte nicht mehr auf ihn, denn Marie kam gerade zur Tür herein.

*

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