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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
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15

Herman ging langsam in den Laden zurück.

»Hallo!« sagte er unfreundlich.

»Guten Morgen, Herman!«

»Ich habe Ihnen nicht die Erlaubnis gegeben, mich Herman zu nennen«, entgegnete der junge Mann und wurde rot. »Wollen Sie etwas kaufen? Dann kann ich Ihnen gleich von vornherein sagen, daß die Verkäuferin nicht hier ist.«

»Aber mein Lieber ...«, begann Mr. Martin.

»Ich will nicht, daß Sie mich ›mein Lieber‹ nennen«, erklärte Herman laut.

Er sah sich um. Fenner war verschwunden.

»Und versuchen Sie nur nicht, mir einen Safe aufzuschwatzen, um mein Geld darin einzuschließen, denn ich habe keins. Und fragen Sie mich auch nicht, ob Mrs. Carawood einen Safe kaufen will. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß sie das nicht tut.«

Martin grinste übers ganze Gesicht.

»Aber gerade sie braucht doch sicher einen sehr guten und sehr starken Safe. Verstehen Sie denn nicht, daß es gefährlich ist, wenn sie ihr ganzes Geld in einem Kasten unter dem Bett aufbewahrt?«

»Davon habe ich nichts gesagt«, erwiderte Herman unwirsch und sah ihn wütend an. Einen Augenblick dachte Martin schon, daß der junge Mann ihn angreifen würde.

»Ich komme doch nur als Geschäftsmann her«, begann er wieder freundlich, um den anderen zu beruhigen und zu entwaffnen. »Ich wollte Mrs. Carawood doch nur einen Safe anbieten, damit sie ihre Wertsachen einschließen kann. Und ich liefere ihn zu außerordentlich günstigen Bedingungen.«

»Und ich sage Ihnen, daß sie keine Schränke zu außerordentlich günstigen Bedingungen braucht!« rief Herman heftig. »Sie verdient ihr Geld auf ehrliche Weise.«

Er ging zur Ladentür und machte sie weit auf.

»Sie kommen nur hierher, um zu spionieren und sich umzusehen. Sie wollen mich dazu bringen, alles auszuplaudern. Sie sind ein ganz gemeiner Schnüffler – so, jetzt habe ich es Ihnen gesagt, und wenn Sie nicht bald gehen, dann rufe ich die Polizei!«

»Ich wollte doch Mrs. Carawood sprechen.«

Herman zeigte majestätisch auf die Straße hinaus.

»Dann können Sie draußen warten.«

Es war erst zwei Tage her, daß der neue, von Mr. Julian Lester engagierte Privatdetektiv den Laden zum erstenmal aufgesucht hatte. Er hatte es so gerissen angestellt, daß sowohl Mrs. Carawood als auch ihre Verkäuferinnen zu der Zeit gerade ausgegangen waren, und durch seine schlauen Kniffe hatte er Herman dazu gebracht, ihm verschiedenes zu erzählen. Auf diese Weise hatte er mancherlei über das Geschäft erfahren. Er wußte, daß Mrs. Carawood ein Bankkonto besaß; er hatte sogar gehört, wie hoch dasselbe war. Und er wußte auch von dem schwarzen Kasten, den sie unter ihrem Bett verwahrte und dessen Schlüssel sie stets bei sich trug. Die letzten zwei Tage hatte sich Herman die größten Vorwürfe gemacht, daß er so viel verraten hatte, aber er hatte nicht gewagt, ihr das mitzuteilen. Er verehrte und liebte sie mehr als sein Leben, und seine Reue verwandelte sich nun in Zorn und Ärger gegen den Privatdetektiv. Herman packte eine Bürste mit langem Handgriff und ging damit auf ihn los; aber Martin wartete nicht, bis es zu Handgreiflichkeiten kam.

Er hatte verschiedene Einzelheiten Julian noch nicht mitgeteilt, aber jetzt brauchte er daraus kein Geheimnis mehr zu machen. Aus der kurzen Unterredung hatte er ersehen, daß er aus dieser Quelle keine weiteren Nachrichten schöpfen konnte. Er eilte deshalb nach Bedford Square, um Julian zu treffen, und er hatte auch Glück.

»Nun, was bringen Sie Neues?«

Etwas umständlich erzählte ihm der Privatdetektiv, was er erfahren hatte und was er vermutete.

»Sie hat nahezu zwanzigtausend Pfund auf der Bank und einen Umsatz von etwa tausend Pfund in der Woche. Ich nehme auch an, daß sie Anteilscheine und Aktien auf der Bank hat. Dokumente und Schriftstücke bewahrt sie bei sich auf.«

»Meinen Sie nicht, daß sie die in einem Tresor auf der Bank deponiert hat?«

»Nein, sie sind in dem schwarzen Holzkasten. Es war nicht leicht, aus diesem Herman etwas herauszubekommen, aber zufällig hat er es mir gegen seinen Willen gesagt. Ich ging als Vertreter in den Laden und wollte einen Geldschrank verkaufen. Dabei kam natürlich verschiedenes zur Sprache. Es ist ein ziemlich großer Kasten. Ich versuchte, ihn zu überreden, daß er ihn mir zeigte, aber so dumm war er nicht. Der Kasten hat zwei Schlösser, und sie trägt die Schlüssel an einer Kette um den Hals. Die Schlafzimmertür ist immer verschlossen, und der Kasten wird nur selten geöffnet, höchstens einmal, wenn die Gräfin in die Stadt kommt.«

»Hat er Ihnen das gesagt?« fragte Julian schnell.

Der Mann zögerte. »Ausdrücklich hat er mir das nicht gesagt. Ich mußte vielmehr seine verschiedenen Äußerungen zusammenstellen und kombinieren. Eines möchte ich noch sagen: Ich glaube nicht, daß es vorteilhaft ist, wenn wir beide zusammen gesehen werden. Als wir gestern auf der Straße miteinander sprachen, sah ich, daß Mr. Morlay vorüberging, und ich bin fest davon überzeugt, daß er uns bemerkt hat.«

»Das halte ich auch für wahrscheinlich«, lächelte Julian. »Aber er weiß sowieso, daß ich Nachforschungen anstelle.«

Mr. Martin war neugierig; das gehörte zu seinem Beruf.

»Entschuldigen Sie, aber Sie haben mir noch wenig über Ihre Absichten mitgeteilt. Was wollen Sie eigentlich herausfinden? Meine Aufgabe würde mir bedeutend leichter fallen, wenn ich wüßte, worauf Sie hinaus wollen ...«

»Sie wünschen, daß ich Sie ganz ins Vertrauen ziehe?«

»Ich weiß nicht, was die Frau Ihrer Meinung nach getan haben soll. Bisher konnte ich nur entdecken, daß sie ihre Wertsachen in einem Holzkasten unter ihrem Bett verwahrt, und das ist doch dem Gesetz nach keine strafbare Handlung.«

»Nein, das nicht. Ich will Ihnen also vertraulich etwas mitteilen, Martin. Ich habe allen Grund zu der Annahme, daß diese Frau wichtige Tatsachen verheimlicht, die eine junge Dame betreffen – ich meine die Gräfin Marie Fioli. Diese junge Dame besitzt vermutlich ein großes Vermögen, weiß aber selbst nichts davon. Es ist jedoch unbedingt notwendig für mich, daß ich genau über ihre finanzielle Lage unterrichtet werde.«

Martin verstand nun.

»Das ist also der Kernpunkt der ganzen Sache. Aus gewissen Gründen kann ich es mir nicht leisten, Nachforschungen auf dem gewöhnlichen, langsamen Weg zu betreiben. Ich muß schnell zu einer Entscheidung kommen ...«

»Ich begreife. Sie wollen wissen, ob sich noch ein anderer um sie bewirbt, dem es nicht darauf ankommt, ob sie Vermögen besitzt oder nicht.«

Diese Bemerkung war an sich eine Taktlosigkeit, aber Julian fühlte sich dadurch nicht beleidigt. Er hatte zwar nicht gern mit Privatdetektiven zu tun, aber die Lage war kritisch, und er war deshalb bereit, für zuverlässige Nachrichten viel Geld auszugeben. Es konnte sich ja hier eine günstige Gelegenheit für ihn ergeben, wie sie sich in seinem ganzen Leben nicht wieder bieten würde. Abgesehen von seinen vielen Verfehlungen war er kein allzu schlechter, aber auch kein besonders guter Charakter.

Er liebte Marie so sehr, als es ihm seiner Veranlagung nach möglich war, und wenn er sie geheiratet hätte, wäre er sicher freundlich und liebevoll zu ihr gewesen und hätte ihre Interessen mit der größten Ehrlichkeit wahrgenommen.

Er schickte Martin fort und gab ihm eine kleine Summe als Anzahlung auf eine spätere Sonderbelohnung. Dann ging er in sein Schlafzimmer, brachte seine Frisur in Ordnung, knüpfte die Krawatte neu und betrachtete sich kritisch in dem großen Spiegel. Marie war in der Stadt, und er mußte vor allem den guten Eindruck, den er auf sie gemacht hatte, aufrechterhalten.

Auf dem Weg nach Pimlico dachte er darüber nach, ob er tatsächlich mit seiner Vermutung recht hatte, daß sich Morlay in das schöne Mädchen verliebt hatte. Er hielt es eigentlich kaum für möglich, daß sich Leute in altmodischer Weise ineinander verlieben konnten, und John war seiner Meinung nach kein Mann, der sich ohne weiteres in ein schönes Gesicht vergaffte. Das Vermögen Marie Fiolis bedeutete nichts für Morlay, davon war Julian fest überzeugt. John war sehr wohlhabend; er hatte ein großes Vermögen von seinem Vater geerbt und bezog außerdem glänzende Einnahmen aus seinem gutgehenden Geschäft.

Julian schob die Möglichkeit ohne weiteres beiseite. Als er den Laden in der Penton Street erreichte, fand er Herman, der noch ganz aufgeregt von der Auseinandersetzung mit Martin war. Aber Julian lächelte er freundlich zu.

»Nein, Mrs. Carawood ist nicht zu Hause.«

»Ist sie nach Ascot gefahren, um die Contessa Fioli abzuholen?«

»Nein, Mr. Morlay ist hingefahren, um Mylady herzubringen. Er ist mit ihr engagiert.«

»Was, er ist mit ihr engagiert? Meinen Sie Mr. John Morlay?«

Herman nickte heftig.

»Ja, ein sehr netter Herr.«

»Aber wie in aller Welt ist das möglich ...«, begann Julian, dann schwieg er.

Sollte der Junge meinen, daß Marie mit Morlay verlobt war? John hatte doch den Eindruck gemacht, als ob er sich für das junge Mädchen überhaupt nicht interessierte! Er hatte von Marie wie von einem Kind gesprochen.

»Wollen Sie damit sagen, daß Mr. Morlay mit der Gräfin verlobt ist und sie heiraten will?«.

Herman lachte.

»Nein, er ist doch engagiert, damit er auf sie aufpassen soll.«

Nun mußte Julian laut auflachen.

Wenn Herman auch nicht über Mrs. Carawood sprechen wollte, so erzählte er doch um so mehr von Contessa Fioli. In diesem Punkt konnte man ihn ausholen.

»Ob ich die Contessa Fioli kenne? Selbstverständlich kenne ich sie! Mrs. Carawood hat sie doch hier in diesem Haus erzogen, als ich noch ein Kind war. Damals war ich hier Laufbursche und mußte die kleinen Aufträge erledigen. Mrs. Carawood hatte in jener Zeit noch nicht all die verschiedenen Läden.«

Julian hätte gern gewußt, welche Pläne für Maries Leben hier in der Stadt bestanden, und fragte danach.

»Contessa Fioli wird eine eigene Wohnung haben, ebenso ein eigenes Mädchen und eigene Dienerschaft. Aber sie wird wohl auch häufig hierherkommen, wenn sie in der Stadt ist.«

»Ist sie eigentlich sehr reich?« fragte Julian gleichgültig.

Herman runzelte die Stirn.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich würde es nicht verstehen, wenn eine Gräfin nicht reich wäre!«

In diesem Augenblick trat Mrs. Carawood in den Laden. Sie sah hübsch und jugendlich aus mit einem neuen Hut und einem dunkelgrünen Mantel, den sie aber sofort ablegte. Hier in dieser Umgebung erschien sie Julian natürlicher als auf dem Landsitz in Ascot. Sie war eine Frau aus dem Volk; um das festzustellen, brauchte er keine großen Nachforschungen vorzunehmen. Das konnte man deutlich erkennen und auch an ihrem Akzent hören. Sie sprach eine ziemlich unverfälschte Londoner Mundart.

»Guten Morgen, Mr. Lester«, sagte sie und sah ihn fragend an. »Sind Sie gekommen, um mit Marie wegen des Rings zu sprechen? Der wurde wieder zurückgeschickt.«

»Das weiß ich schon«, erwiderte Julian. »Ich wollte mit Marie nur so ein wenig plaudern.« Sie sah ihn argwöhnisch von der Seite an.

»Auch mit Ihnen wollte ich mich gern einmal unterhalten über Marie. Ich habe mir die Sache heute morgen überlegt und sagte mir, daß es vielleicht am besten sei, Ihnen mitzuteilen, was ich für Contessa Fioli empfinde. Was wollen Sie nun mit der jungen Dame tun, nachdem sie die Schule verlassen hat?«

Sie sah ihn immer noch halb abweisend, halb zweifelnd an.

»Was ich mit ihr tun werde? Ich kann doch Mylady höchstens einen Rat geben! Sie ist nun erwachsen und kann machen, was sie will. Das sollte Ihnen doch klar sein. Es ist jetzt anders, nachdem sie eine junge Dame ist. Und junge Damen nehmen nicht gern den Rat ihrer alten Erzieherinnen an.«

»Aber wenn sie nun auf Ihren Rat hörte – was würden Sie ihr dann sagen?«

»Ich würde ihr den Rat geben, jemanden zu heiraten, den sie liebt, und nicht jemanden, der auf ihr Vermögen aus ist.«

Sie hatte ihm eine günstige Gelegenheit gegeben, die er nicht ungenützt vorübergehen lassen wollte.

»Aber wie können Leute hinter ihrem Vermögen her sein? Es weiß doch überhaupt niemand, ob sie Geld hat.«

»Ich weiß es.«

»Vielleicht sind es ein paar tausend Pfund«, sagte er aufs Geratewohl. »Aber das würde doch kaum einen Mitgiftjäger reizen.«

»Es ist gleich, ob sie viel oder wenig hat. Sie wird den rechten Mann heiraten«, erklärte Mrs. Carawood kategorisch. »Ich glaube, ich habe Ihnen das auch schon in Ascot gesagt, Mr. Lester. Der rechte Mann, der sie schätzt und liebt, will nicht genau wissen, wieviel Vermögen sie geerbt hat. Und jetzt habe ich keine Zeit mehr. Sie müssen mich entschuldigen ...«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von Julian, der darüber nicht unzufrieden war.

*

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