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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
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14

Die Uhren draußen schlugen eins, als Julian in das Haus trat. Er stieg die nur spärlich beleuchtete Treppe hinauf, blieb auf dem zweiten Podest stehen, nahm seinen Schlüssel heraus und öffnete die Wohnungstür. Er bewegte sich fast lautlos; nur als die Tür aufging, gab es ein leises Geräusch.

Aber dieses schwache Knarren genügte, um jemand zu warnen. Als Julian die Tür weit aufmachte, sah er für den Bruchteil einer Sekunde einen Lichtschimmer durch die halboffene Tür seines Schlafzimmers. Es war nur ein kurzer Augenblick, dann war es wieder vollständig dunkel.

Julian Lester hatte viele Fehler, aber Mangel an Mut konnte man ihm nicht vorwerfen. Er schloß die Wohnungstür leise und riegelte sie von innen ab. Dann wandte er sich nach links, trat in sein Arbeitszimmer und schaltete dort das Licht ein. Aus einer Schublade nahm er eine Browning, ging in die Diele zurück und drehte dort das Licht an. Die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen, aber er wußte ganz genau, daß sie vorher offengestanden hatte. Kurz entschlossen riß er sie auf und schaltete auch hier das Licht ein.

»Hände hoch, mein Freund!«

Der Mann mit dem bleichen, ungesunden Gesicht taumelte zur Wand zurück. Er war geblendet durch das helle Licht; außerdem sah er, daß Julian die Schußwaffe gegen ihn hob. Aber er machte keinen Versuch, die Hände zu bewegen.

»Ich kann die Arme nicht hochheben«, sagte er heiser. »Ich habe einen bösen Herzfehler ...«

Er sah alt, schrecklich alt aus und hatte von vielen Falten durchfurchte Züge, tiefliegende Augen, buschige, überhängende Brauen und graue Haare. Sein Gesicht zuckte nervös, als er in die Mündung der Waffe sah.

»Ich bin geschlagen! Ich werde mich ruhig verhalten. Wollen Sie mir nicht eine Chance geben? Ich bin nach einer Gefängnisstrafe auf Lebenszeit eben aus Dartmoor entlassen worden. Sie wollen doch einen alten Mann nicht wieder ins Zuchthaus zurückschicken?«

Seine Stimme klang weinerlich und bittend. Julian sah ihn verächtlich an. Die Kleider des Einbrechers waren abgetragen, die Schuhe schäbig. Alles an ihm stieß Julian ab.

»Wie sind Sie denn hier hereingekommen?« fragte er.

Das offene Fenster ließ diese Frage überflüssig erscheinen.

Der Mann hatte sofort eine Erklärung und Entschuldigung zur Hand, aber auf Julian machte das keinen großen Eindruck. Er hörte ihm mit eisiger Ruhe zu. Als erstklassiger Berufseinbrecher verachtete er diese Fehler eines Amateurs. Schließlich ließ er den Mann vor sich hergehen und brachte ihn in sein Arbeitszimmer. Als er die Wohnung oberflächlich durchsuchte; sah er, daß nichts fehlte. Wahrscheinlich waren sie beide zugleich in der Wohnung angekommen: der Einbrecher durch das Fenster, er selbst durch die Tür.

»Ich bin am Verhungern.«

»Wie heißen Sie? Es ist allerdings lächerlich, einen Mann wie Sie nach seinem Namen zu fragen.«

»Smith«, erwiderte der Mann und grinste.

Zuerst wollte Julian nach der Polizei schicken, aber er hatte noch nie eine solche Situation erlebt, und sie machte ihm eine gewisse Freude. Er ließ also den Mann in die kleine Küche gehen. Seine Aufwartefrau hatte ihm hier ein einfaches Abendbrot zurechtgemacht, und da Julian im Klub gegessen hatte, brauchte er es nicht.

»Setzen Sie sich und essen Sie!« sagte er.

Nach anfänglichem Zögern setzte sich der Mann hin. Am Verhungern schien er nicht gewesen zu sein, denn er aß sehr wenig, und Julian schloß daraus mit Recht, daß der Einbrecher gewohnheitsmäßig log.

Julian überlegte sich, was Morlay unter diesen Umständen wohl getan hätte. Natürlich hätte er sofort die Polizei benachrichtigt und den armen Teufel verhaften lassen. Julian hätte das jetzt auch noch tun können, aber dann fiel ihm etwas anderes ein.

»So, Sie sind also zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt worden? Das bedeutet in England zwanzig Jahre.«

Smith nickte.

»Welches Verbrechen haben Sie denn begangen?«

Der Mann warf Julian einen prüfenden Blick zu.

»Mord!« sagte er dann mit kaltblütiger Ruhe, so daß selbst Julian ein Schauer überlief. »Ich war gerade bei einem Einbruch und habe dabei einen Polizisten niedergeknallt. Das heißt, das war ein Zufall«, setzte er schnell hinzu, als er sah, welchen schlechten Eindruck das auf den anderen machte. »Dann hat eine Menge von gemeinen Lügnern gegen mich ausgesagt. Man hätte mich auch gehenkt, aber jemand hat eine Petition für mich eingereicht.«

»Das war es also«, erwiderte Julian. Er hatte nun einen Entschluß gefaßt.

»Kommen Sie mit, wenn Sie mit dem Essen fertig sind«, sagte er kurz.

Smith atmete erleichtert auf und sprang so schnell und behende auf, wie man es ihm bei seinem Alter kaum zugetraut hätte.

»Ich ...«, begann er, dann sah Julian plötzlich, daß sich die Züge des Mannes schmerzlich verzerrten. Seine ungesunde, bleiche Gesichtsfarbe wurde dunkelrot und ging an manchen Stellen in ein sonderbares Blau über. Nervös suchte er in seinen Taschen und holte schließlich eine kleine Medizinflasche hervor. Mit zitternden Händen entfernte er den Korken, setzte sie an die Lippen und trank, bevor er kraftlos in einem Stuhl zusammenbrach. Julian sah den Mann bestürzt, fast furchtsam an und atmete auf, als Smith allmählich wieder zu sich kam.

»Es ist das Herz«, sagte Smith schnell. »Solche Anfälle habe ich zuweilen. Ich muß immer die Medizin bei mir tragen, sonst kratze ich ab.«

Er verschloß die Flasche wieder und steckte sie in die Westentasche.

»Ich möchte etwas für Sie tun«, sagte er dann. »Sie sind der erste, der freundlich zu mir gewesen ist.«

Julian wußte, daß das die gewöhnliche Redensart der alten Sträflinge war, mit der sie andere Leute freundlich zu stimmen hofften. Aber er war durch den Anfall so abgelenkt, daß er sich täuschen ließ und diese Versicherung mit Zufriedenheit hinnahm.

»Wenn Sie sich bekehren ließen und von jetzt ab ein anständiges Leben führten, gäbe es viele Leute, die Ihnen gern helfen würden.«

»Das sagen Sie so, aber es ist nicht der Fall. Hinter einem Sträfling sind immer alle her. Wenn Sie mir eine anständige, ruhige Arbeit geben könnten –«

Er sprach weiter, aber Julian hörte nicht zu. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Dieser Mann konnte ihm bei gewissen Gelegenheiten nützliche Dienste leisten und im schlimmsten Fall für ihn selbst als Sündenbock gelten.

»Wo wohnen Sie denn? Wie kann ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen?«

Smith sagte ihm das gern, und Julian schrieb die Adresse auf die Rückseite einer seiner Visitenkarten.

»Hier sind zehn Shilling«, erklärte er dann und gab dem Mann das Geld. »Vielleicht habe ich einmal etwas für Sie zu tun. Besuchen Sie mich von Zeit zu Zeit hier – nein, es ist besser, ich schicke nach Ihnen, wenn ich Sie brauche.«

Er brachte den Mann zur Haustür und begleitete ihn auf die Straße.

Julian war mit sich und seinem Erfolg zufrieden. Er hatte ein gutes Werk getan; es hatte ihn nur zehn Shilling gekostet und ein wenig Essen. Als er sich zu Bett legte, fühlte er eine gewisse Unruhe, so daß er schließlich aufstand und die Schubladen im Arbeitszimmer genau untersuchte. Aber er konnte nur feststellen, daß der Einbrecher nichts genommen hatte. Zufrieden legte er sich wieder hin.

Am nächsten Vormittag hatte Julian mit Komiteesitzungen in einem wohltätigen Verein zu tun, und später ging er mit dem Sekretär der Gesellschaft zu Tisch.

Um drei Uhr hatte er eine Verabredung am Belford Square. Ein kleiner Herr mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen ging vor Julians Haus auf und ab und wartete auf ihn. Lester begrüßte ihn mit einem Kopfnicken und führte ihn dann in seine Wohnung.

»Jawohl«, erwiderte der Mann und zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche. »Ich war in dem Laden und habe mich mit dem jungen Herman angefreundet.«

Er berichtete über einige Einzelheiten, die jedoch keinen großen Wert hatten. Julian überließ nichts dem Zufall, er wollte unter allen Umständen sichergehen. Dieser Agent war bei einer guten Detektei angestellt, an die sich Julian gewandt hatte, nachdem John Morlay seinen Auftrag abgelehnt hatte.

»Das ist sehr gut. Halten Sie sich an den Jungen und sehen Sie, was Sie aus ihm herausbekommen können. Sie wissen, daß ich soviel wie möglich über Mrs. Carawood erfahren möchte. Wie sie ihr Geschäft angefangen hat, woher sie ihr Geld hat und so weiter. Abgesehen von dem Geld, das ich Ihrer Firma bezahle, werde ich Ihnen eine recht schöne Belohnung aussetzen, wenn Sie alles wunschgemäß herausbringen.«

»Sie können sich auf mich verlassen«, erwiderte Martin optimistisch. »Bevor eine Woche um ist, kann ich den Jungen um die Finger wickeln.«

»Das hoffe ich auch«, entgegnete Julian trocken. Er hatte seine eigenen Ansichten über Herman und wußte, daß dieser nicht so leicht zu behandeln war.

Dieser Martin konnte ebenso nützlich sein wie John, und nachdem Julian es sich genauer überlegte, kam er zu der Entscheidung, daß es schließlich für ihn gut war, wenn die Firma Morlay den Fall nicht weiter bearbeitete.

*

Es war elf Uhr morgens, als Mrs. Carawood einen Rundgang bei ihren Geschäften begann. Aus einiger Entfernung hinter dem Laden in der Penton Street kam vom Hof eine Stimme, die ein einfaches Lied sang, und auch das nicht einmal ganz richtig. Der Mann sägte, und zum Takt der Säge sang er. Von Zeit zu Zeit kam Herman auf den Hof und schüttelte den Kopf, aber der Gesang verstummte nicht.

»Warum machen Sie denn solchen Spektakel?« rief der junge Mann schließlich. »Die Säge knirscht doch schon genügend!«

»Ich bin erstaunt, daß Sie meinen Gesang nicht leiden können«, erwiderte Mr. Fenner freundlich, aber vorwurfsvoll.

Er machte eine Pause und wischte die Hände an der Schürze ab. »Ist Mrs. Carawood ausgegangen?«

Seine Stimme klang etwas betrübt. Er hatte an diesem Tag extra Urlaub von seiner Firma genommen, um im Laden Mrs. Carawoods eine Anzahl kleiner Reparaturen vorzunehmen, die meistens nicht notwendig waren.

»Sie ist zu den anderen Läden gegangen, um einmal nachzusehen, wie es dort steht«, entgegnete Herman und machte sich wieder eifrig daran, Schuhe zu putzen. »Sind Sie jetzt mit der Tür fertig?«

Fenner nickte.

»So ziemlich. Ich muß noch ein wenig nachputzen und dann die hellen Stellen mit Politur überstreichen.«

Er schaute nachdenklich auf Herman.

»Hören Sie mal zu, Freund.«

Herman drehte sich nach ihm um.

»Gibt es hier noch etwas anderes für mich zu tun? Ich habe den ganzen Tag frei, und ich möchte mich gern nützlich machen. Und wenn ich Mrs. Carawood frage, sagt sie immer, es gäbe nichts für mich zu tun.«

»Wenn Mrs. Carawood das sagt, wird es wahrscheinlich auch so sein. Wollen Sie sich eigentlich ganz bei uns einquartieren?«

»Werden Sie nicht ausfallend«, warnte ihn Fenner. »Kommen Sie mal her und sehen Sie sich die Tür an.«

Herman warf einen Blick in den Laden. Die Verkäuferin war zum Mittagessen fortgegangen.

»Ich kann den Laden nicht alleinlassen.«

»Es ist doch eine Klingel an der Tür.«

Mr. Fenner ließ sich nicht so leicht abweisen. Er brauchte vor allem eine Bestätigung seiner Tätigkeit. Und jetzt wollte er möglichst noch eine Tür aushängen und daran herumbasteln. Er mußte irgendeinen Vorwand haben, sich hier im Haus aufzuhalten, denn er fühlte sich nur hier wohl, in der Nähe der Frau mit dem dunklen Gesicht, die er seit langem verehrte.

Während Herman noch überlegte, ob er der Aufforderung Folge leisten sollte, öffnete sich die Tür, und ein Herr trat in den Laden.

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