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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
created20111027
projectidef30bd7
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12

John Morlay kehrte am Abend in die Stadt zurück. Er war etwas verwirrt und verstand die Zusammenhänge nicht ganz.

Sonnabend und Sonntag waren arbeitsreiche Tage für ihn. Durch den langen Aufenthalt in Ascot war viel liegengeblieben, und er mußte sich beeilen, das Versäumte nachzuholen. Am Montagmorgen saß er schon um acht Uhr an seinem Schreibtisch, als ihm Mrs. Carawood gemeldet wurde.

Er begrüßte sie wie eine alte Freundin und schob sofort den besten Sessel für sie zurecht. Als er jedoch mit ihr über die angenehmen Tage in Ascot sprechen wollte, erkannte er, daß sie nervös und unruhig war.

Plötzlich erhob sie sich wieder, trat an das Fenster und schaute auf den Platz hinaus. Ihre Aufmerksamkeit schien sich zwischen den Vorgängen draußen und im Zimmer zu teilen.

Allem Anschein nach fiel es ihr ziemlich schwer, zu sagen, warum sie gekommen war. John glaubte bestimmt, daß sie ihm etwas ganz Neues mitteilen würde.

»Es handelt sich wie gewöhnlich um Marie«, begann sie schließlich. »Ich mache mir im Augenblick sehr viel Sorgen um sie.«

»Meinen Sie wegen des Einbruchs?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Das war eine dumme Sache, aber es kann jedem anderen ebenso gehen. Mr. Morlay, ich weiß, daß Sie sehr viel zu tun haben.«

»Das stimmt. Im Moment bin ich sehr beschäftigt«, gestand er ohne weiteres und zeigte auf die großen Stöße von Briefen, die er noch beantworten sollte.

»Können Sie – ich meine, kann ich Ihnen so viel Geld zahlen, daß es Ihnen möglich wird, Ihre ganze Zeit für Marie zu verwenden?«

Sekundenlang war er versucht, zu sagen, daß er alle Geschäfte beiseite lassen wollte, wenn er nur ihr helfen und beistehen könnte.

»Ich traue den Menschen nicht«, fuhr sie fort, »denn ich kenne sie gut. Aber auf Sie kann ich mich verlassen, das weiß ich. Sie haben Marie gern.«

Als sie das sagte, sah sie ihn durchdringend an.

»Ja«, entgegnete er ruhig. »Ich schätze sie sehr.«

Es kostete sie ungeheure Anstrengung, die nächste Frage zu stellen.

»Lieben Sie Marie – oder bilden Sie es sich nur ein?«

Er sah ihr offen ins Gesicht.

»Ich liebe sie, und ich bin alt genug, um meine Gefühle richtig beurteilen zu können.«

Sie atmete schnell.

»Sie liebt Sie auch. Ja, ich glaube, daß Marie Sie gern hat ... das wäre auch ganz nach meinem Wunsch ... aber man muß alles mögliche beachten. Ich habe die halbe Nacht nicht schlafen, können und immer wieder darüber nachdenken müssen. Wenn sie nun überhaupt kein Geld hat – ich meine, wenn sie nicht einmal ein paar Pfund besitzt?«

»Das würde für mich keinen Unterschied machen.«

»Bedeutet Ihnen etwa auch der Titel nichts?«

Es lag etwas in dem Ton ihrer Stimme, worüber John Morlay lachen mußte.

»Aber meine liebe Mrs. Carawood, in England gibt es so viele Prinzessinnen und Herzoginnen! Es ist ja sehr schön, daß Marie eine Contessa ist, aber mir bedeutet es wirklich nicht viel. Es wäre mir ebenso lieb, wenn sie nur Miss Jones hieße.«

Sie seufzte schwer. »Ich glaube Ihnen.«

Trotzdem war sie in gewisser Weise enttäuscht, daß er den alten Grafentitel so wenig schätzte.

»Sie sind ein Gentleman, der mit Leuten aus aller Herren Länder zusammenkommt, und deshalb denken Sie anders als ich. Ich bin in der Beziehung vielleicht noch etwas altmodisch. Marie habe ich nicht gesagt, daß ich hierherkommen würde«, fügte sie dann hastig hinzu. »Und ich werde ihr auch nicht erzählen, was ich eben mit Ihnen besprochen habe. Aber wenn Sie derartig denken, und wenn sie damit einverstanden ist, dann habe ich auch nichts dagegen.«

Es kam ihm zum Bewußtsein, wie schwer es ihr fiel, das zu sagen, und er fragte sich, was sie wohl dazu getrieben haben mochte. Es war nicht der Einbruch in der Villa, auch nicht die Rücksicht auf Julian. Noch vor ein paar Tagen hatte sie ihm mit allem Nachdruck erklärt, daß Marie zu jung zum Heiraten sei, und nun wählte sie selbst einen Mann für sie aus.

John war merkwürdig erregt, und als er sprach, zitterte seine Stimme.

»Es wäre wunderbar, wenn Marie ebenso darüber dächte wie Sie. Geld spielt für mich nicht die geringste Rolle; ich habe selbst genug.«

»Ich weiß es, Mr. Morlay. Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen und bin über Ihre Familie unterrichtet. Ich könnte Ihnen genau sagen, wieviel Geld Sie besitzen und wieviel Sie in Aktien angelegt haben. Ich mußte das tun, um sicher zu sein, bevor ich Ihnen etwas sagte, und es gibt ja genug Auskunftsbüros in London. Sobald ich zu dem Entschluß kam, daß Marie bald heiraten müßte ...« Sie hielt plötzlich inne.

»Bis wann soll sie denn heiraten?«

Mrs. Carawood seufzte wieder ungeduldig.

»Das kann ich noch nicht sagen, aber es wird wohl bald sein. Kennen Sie Polizeiinspektor Peas? Er ist ein Kriminalbeamter, der sich mit Verbrechen beschäftigt. Sie wissen schon, wie ich es meine, Mr. Morlay.« Sie war etwas verwirrt. »Er ist ein richtiger Kriminalist.«

»Ich kenne ihn sehr gut.«

»Er ist in mein Geschäft gekommen, hat sich dort nach mir erkundigt und meine Angestellten ausgefragt. Wissen Sie vielleicht, warum er das getan hat?«

John konnte ihr aufrichtig sagen, daß er keinen Grund dafür wüßte.

»Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen deswegen machen, Mrs. Carawood. Die Polizei muß natürlich alle möglichen Nachforschungen anstellen. Die Leute wollen zum Beispiel wissen, warum Sie in letzter Zeit öfter nach Antwerpen reisten ...«

Er hörte einen erschrockenen Laut und schaute auf. Sie stand am Fenster; ihr Gesicht war bleich, und sie atmete aufgeregt. Einen Augenblick glaubte er schon, sie würde ohnmächtig umsinken, und eilte zu ihr, um sie zu stützen. Aber sie machte eine abwehrende Bewegung.

»Was sagten Sie eben?« fragte sie heiser. »Warum ich nach Antwerpen reiste? Nun, das ist sehr einfach. Ich habe dort für mein Geschäft Einkäufe gemacht – das kann ich leicht beweisen. Die Polizei kann ja in mein Büro kommen – ich kann die Frachtbriefe vorlegen.«

»Was kommt es auch darauf an?«

Sie sank in einen Stuhl und sah ihn an. Ihre Hände zitterten. Er ging rasch in eine Ecke des Zimmers, goß ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. Sie trank gierig und lächelte ihn dann dankbar an.

»Es ist wirklich nichts. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich noch ein wenig hier in Ihrem Büro bleibe, um mich zu erholen? Und gibt es einen hinteren Ausgang?«

»Ja«, erwiderte er erstaunt.

»Vielleicht könnte einer Ihrer Angestellten mir ein Taxi besorgen und vor dem hinteren Eingang halten lassen. Ich werde nach Hause fahren, möchte aber nicht die Vordertür benützen. Ich fühle mich noch so schwach, daß ich eventuell ohnmächtig werden könnte, und ich mag nicht die Aufmerksamkeit der Leute auf der Straße erregen. Wenn mir etwas passieren sollte, kann mich wenigstens niemand sehen.«

»Soll ich einen Arzt rufen?« fragte er ängstlich.

»Nein, die Ruhe im Auto ist die beste Arznei für mich.«

John beauftragte eine seiner Stenotypistinnen, ein Taxi zu rufen und die Dame nach Hause zu begleiten. Als er ins Büro zurückkehrte, stand Mrs. Carawood am offenen Fenster und sah auf den Platz hinunter. Allmählich hatte sie wieder etwas Farbe bekommen und fühlte sich offensichtlich wohler.

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen soviel Unannehmlichkeiten mache, Mr. Moday. Gelegentlich bekomme ich solche Schwächeanfälle – wann werden Sie Marie wieder treffen?«

»Vielleicht morgen«, sagte er.

Sie nickte.

»Morgen kommt sie in die Stadt, dann können Sie sie zum Tee abholen. Ich weiß wirklich nicht genau, wie sie über Sie denkt, aber jedenfalls ist ihr Urteil über Sie nicht schlecht – das weiß ich. Sie ist zwar noch jung, hat aber bereits ein sehr selbständiges Urteil. In der Beziehung ist sie viel reifer als ihre Altersgenossinnen. – Wenn Sie Marie heiraten, wird sie Ihren Namen führen. In gewisser Weise tut mir das leid ...«

»Ach, wegen des Titels?« John lächelte. »Nun, deshalb brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Sie wird, wenn sie mich heiratet, in absehbarer Zeit Lady Morlay werden. Ich habe einen Onkel, der nicht verheiratet ist, und bin der nächste Erbe, der nach seinem Tod den Titel eines Baronets führen darf.«

Das war eine Neuigkeit, die Mrs. Carawood von der Auskunftei nicht erfahren hatte. Sie strahlte und fragte ihn, welche gesellschaftliche Stellung die Frau eines Baronets hätte.

Durch diese Mitteilung war er bedeutend in ihrer Achtung gestiegen.

Während sie noch mit ihm sprach, kam einer der Angestellten und meldete, daß der Wagen vor der Tür stehe. Mrs. Carawood ging die Treppe hinunter. John sah ihr nach, als sie abfuhr, dann kehrte er langsam in sein Büro zurück. Er war sehr glücklich.

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