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Die Gräfin von Ascot

Edgar Wallace: Die Gräfin von Ascot - Kapitel 11
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pfad/wallacee/grascot/grascot.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Gräfin von Ascot
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442010713
year1982
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10

Bevor sie am Abend zur Stadt zurückkehrten, nahm Mrs. Carawood John beiseite und fragte ihn ein wenig ängstlich, was er an der Feier auszusetzen gehabt hätte, doch selbst wenn er keine Rücksicht auf sie nahm, konnte er eigentlich nur wenig beanstanden. Er sagte aber ganz offen, daß der Diener in der grauen Livree mit den Silberverschnürungen etwas zu aufdringlich gewirkt hätte. Sie selbst gab das auch sofort zu.

Morlay ließ Julian nur widerstrebend in Ascot zurück. Er war sehr ungehalten über das Telegramm aus New York, das ihn zwang, nach London zurückzukehren. Er hatte zwar versprochen, am Sonntagmorgen wiederzukommen, aber die Arbeit, die er in seinem Büro vorfand, beschäftigte ihn bis zum Nachmittag, und als er damit fertig war, glaubte er, es wäre zu spät, um noch aufs Land zu fahren.

Einen Sonntag allein in London zu verbringen ist eine traurige Angelegenheit. Er rief daher Inspektor Peas an, der Dienst in Scotland Yard hatte, und auf dessen Aufforderung hin fuhr er zum Polizeipräsidium am Themseufer. Als er in das Büro trat, fand er den Inspektor in Hemdsärmeln an einem Tisch, auf dem viele Fotos ausgebreitet lagen. Die meisten stellten Männer dar, und jedes war mit einer großen Nummer versehen. Die Gesichtszüge der abgebildeten Leute wirkten abstoßend, auch waren sie in wenig günstigen Stellungen aufgenommen.

»Eine Galerie von Schönheiten, finden Sie nicht auch? Sämtliche Herrschaften sind Einbrecher, die mindestens schon einmal bestraft worden sind, manche aber viel öfter. Sehen Sie zum Beispiel den hier? Der ist direkt eine Berühmtheit – sechsmal wegen Einbruchs verurteilt, zur Zeit noch im Gefängnis.«

»Sie suchen wohl immer noch nach Ihrer ›Einsamen Hand‹?« Peas nickte.

»Ich halte natürlich die Augen offen. Einmal schaue ich nach dem Verbrecher aus, andererseits aber auch nach dem Hehler. Die Leute, die diesen Schmuck zu Geld machen wollen, müssen schon ziemlich viel Erfahrung darin haben, denn je kostbarer die Stücke sind, die sie stehlen, desto schwieriger ist es, sie unterzubringen.«

»Es müßte aber doch leicht für Sie sein, alle Hehler in London zu kennen.«

»Jeder große Hehler ist der Kriminalpolizei in Scotland Yard auch bekannt. Wir haben aber in allen Fällen zu wenig Beweismaterial, um die Leute zur Verurteilung zu bringen. Außerdem hat es auch einen gewissen Vorteil, wenn wir sie in Freiheit lassen. Einige von ihnen wissen sogar genau, daß wir über ihre wahre Tätigkeit informiert sind, aber sie halten sich für so schlau, daß sie glauben, wir könnten sie nicht fassen. Das ist natürlich ein Irrtum.« John Morlay wußte wenig von der Art und Weise, wie die Polizei mit Verbrechern umging.

»Welche Leute kaufen denn gestohlene Schmucksachen auf? Sind es Händler?«

»Ein paar Juweliere sind darunter, einige haben sogar große Läden und einen ziemlich hohen Umsatz in ihrem offiziellen Geschäft. Ich kenne auch zwei Altkleiderhändler –«

John lachte laut auf.

»Mrs. Carawood ist also auch eine Hehlerin – ich meine, in Ihren Augen?«

»Nein, an die dachte ich im Augenblick nicht. Übrigens haben wir ihren letzten Besuch in Antwerpen genau untersucht. Sie fährt tatsächlich dorthin, um Kleider einzukaufen, hauptsächlich billige Seidenware. Wir haben eine Bestätigung vom Zollamt.«

Er schob die Fotos zusammen und machte ein Gummiband darum.

»Sie haben sie also nicht länger in Verdacht?«

»Doch, sie ist immer noch verdächtig. Und was das Wichtigste ist, ich bearbeite ihre Personalakten. Das ist ziemlich gefährlich für sie. Im Vertrauen kann ich Ihnen ja sagen, daß sie uns einiges zu raten aufgibt.«

Er sah auf die Uhr und drückte dann auf einen Klingelknopf.

»In zehn Minuten ist mein Dienst zu Ende. Wollen Sie einmal sehen, wie ein wirklicher Kriminalbeamter arbeitet? Wenn ich von einem wirklichen Kriminalbeamten spreche, meine ich natürlich einen Meister seines Fachs.«

»Mit anderen Worten – Sie meinen sich selbst.«

»Wen sonst?«

Bald darauf erschien ein Beamter und holte die Fotos, die Peas in einen Umschlag gesteckt hatte. Dann telefonierte der Inspektor noch mit einem gewissen Arty, der ihn ablösen sollte. Nachdem das alles erledigt war, zog Peas sein Jackett an und griff nach seinem Hut. Dann gingen die beiden in die warme Abendluft hinaus.

»Merkwürdig, daß Sie vorhin gerade von dieser Mrs. Carawood gesprochen haben«, sagte der Inspektor, als sie nach Westen wanderten. »Ich habe mich nämlich fest entschlossen, heute abend dieses kleine Geheimnis zu lüften. Ich glaube, der junge Mann in ihrem Laden kann mir einigen Aufschluß geben. Er scheint ehrlich zu sein. Auch dieser Fenner, der sehr oft hinkommt, ist wohl ein ganz brauchbarer, anständiger Mensch. Es ist doch merkwürdig, daß eine Frau, der eine junge Aristokratin nahesteht, keine Freunde in besseren Kreisen besitzt.«

»Wohin gehen Sie denn jetzt?« fragte John argwöhnisch.

»Zur Penton Street. Ich möchte mich mit Herman unterhalten.«

John schüttelte den Kopf.

»Ich werde Sie bis zur Tür des Ladens begleiten, aber ich will nicht Zeuge sein, wie ein richtiger Kriminalbeamter arbeitet. Wahrscheinlich könnte ich es nicht schweigend mitanhören, wenn Sie diesen Herman ausfragen. Er ist schließlich ein Angestellter meiner Auftraggeberin.«

»Viel werde ich wohl sowieso nicht aus ihm herausbringen. Aber vielleicht bekomme ich durch eine Unterredung mit ihm eine Anregung. Vielleicht macht er irgendeine brauchbare Andeutung. Er weiß natürlich bedeutend mehr über Mrs. Carawood, als er mir gesagt hat.«

»Haben Sie schon vorher mit ihm gesprochen?«

»Ja, mindestens ein halb dutzendmal.«

John Morlay war es ganz neu, daß Mrs. Carawood die Beamten von Scotland Yard derartig interessierte. Ab und zu hatte er ja einen Einblick in die Methoden der Polizei gehabt. Er wußte auch, daß es in Scotland Yard nichts Neues war, wenn sich die Beamten lange Zeit mit den Verhältnissen irgendwelcher Personen beschäftigten und alle möglichen Nachforschungen anstellten, die im Grunde auf nichts hinausliefen und keine greifbaren Resultate zeitigten, wenn sich herausstellte, daß die verdächtige Person vollkommen unschuldig war.

Die Dunkelheit brach herein, als sie zur Penton Street kamen. Die Straßen und Gassen lagen zu dieser späten Stunde vollkommen verlassen. Sie hielten dem Laden gegenüber an.

»Ich halte es für das beste, daß ich Sie allein lasse, wenn Sie Ihre Nachforschungen anstellen. Von Herman werden Sie ja wohl kaum irgendwelche Verbrechen erfahren. Im Gegenteil, es wird sich herausstellen, daß Mrs. Carawood vollkommen ehrlich ist.«

Peas war gerade im Begriff, zum Laden hinüberzugehen, als ein kleines Auto in die Straße einbog und vor der Seitentür des Geschäfts hielt. Mrs. Carawood stieg aus; John Morlay erkannte sie sofort. Allem Anschein nach war sie allein.

Als sie auf die Tür zuging, öffnete sich diese sofort und blieb eine Weile offenstehen. Nach einiger Zeit kam Herman heraus, schloß sie sorgfältig, stieg in den Wagen und fuhr fort.

»Heute abend können Sie sich also nicht mit Herman unterhalten«, sagte John.

Er war erstaunt über das plötzliche Auftauchen von Mrs. Carawood, denn er hatte sie doch in Ascot zurückgelassen, und soviel er wußte, hatte sie durchaus nicht die Absicht gehabt, zur Stadt zu fahren. Es war ihm außerdem vollkommen neu, daß sie selbst ein Auto besaß und fahren konnte. Vielleicht hatte sie den Wagen irgendwo in einer Garage in Ascot untergestellt. Nicht einmal Marie wußte davon.

»Ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, warum sie von Ascot nach London gekommen ist«, meinte der Inspektor nachdenklich.

»Es ist doch nichts Außergewöhnliches daran, wenn sie am Sonntagabend in die Stadt fährt«, erwiderte John.

Der Kriminalbeamte schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts mehr darüber, sondern sprach von anderen Dingen, besonders über die Häuser in der Umgebung. Bevor verschiedene Hausinhaber hier Mietwohnungen eingerichtet hatten, war dies einmal eine vornehme Straße gewesen. Peas wußte sehr gut in Pimlico Bescheid.

Es hatte nicht den Anschein, als ob Herman bald zurückkehren würde. Peas machte gerade eine Bemerkung darüber, als sie sahen, daß sich die Seitentür des Ladens wieder öffnete und eine Frau vorsichtig auf die Straße trat. Sie schaute sich ängstlich nach rechts und nach links um. Wahrscheinlich hatte sie die beiden Männer nicht bemerkt. Es war Vollmond; die Seite der Straße, an der der Laden lag, war hell erleuchtet, aber die andere lag in tiefem Schatten.

John sah verblüfft zu der Frau hinüber. Mrs. Carawood war gut gekleidet gewesen, als sie aus dem Auto stieg und den Laden betrat, aber jetzt glich sie nahezu einer Vogelscheuche. Selbst bei Mondlicht konnte er erkennen, daß sie in Lumpen gehüllt war. Sie trug einen altmodischen, abgetragenen Hut und ein ärmliches Kleid und verschwand bald mit raschen Schritten in einer Seitenstraße.

»Was halten Sie davon?« fragte Inspektor Peas düster. »Die ist ja die reinste Lumpenliese!«

John nickte.

»Sind Sie neugierig und wollen Sie mich begleiten? Oder soll ich allein gehen?«

»Ich komme mit!« sagte John und folgte dem Inspektor schnell über die Straße.

Sie konnten die Frau bald wieder vor sich sehen und holten allmählich auf. So vergingen etwa zehn Minuten. Als sie dann wieder in die Hauptstraße einbog, rief sie ein Taxi an. Die Tür schlug hinter ihr zu. Das Auto fuhr ab und war schon außer Sicht, als es Inspektor Peas endlich gelang, ein zweites Taxi aufzutreiben. Aber nach einiger Zeit hatten sie das Glück, den ersten Wagen wieder zu erreichen. Die Fahrt ging durch Piccadilly, durch die verlassene Innenstadt, dann über die Tower-Brücke in der Richtung nach Rotherhithe. Dort stieg Mrs. Carawood aus. Die beiden fuhren an ihrem Wagen vorbei, um kein Aufsehen zu erregen, und als Inspektor Peas durch das hintere Fenster schaute, sah er, daß sie in eine enge Gasse einbog. Er ließ sofort den Wagen halten, sprang heraus und folgte ihr. Gerade als sie an der Straßenbiegung ankamen, konnten sie noch sehen, daß sie in einem kleinen Haus verschwand.

Es war keine verkommene, aber doch eine ziemlich ärmliche Gegend. Die Häuser waren klein, und Morlay schloß daraus, daß hier viele Arbeiter wohnten. Als sie die Straße weiter hinaufgingen, stellten sie fest, daß die Frau in Haus Nr. 17 gegangen war.

Sie kehrten zur Hauptstraße zurück. Das Auto, in dem Mrs. Carawood angekommen war, hatte inzwischen gewendet und wartete nun in einiger Entfernung auf der anderen Seite der Straße. Dicht dahinter stand eine große, elegante Limousine, ein ungewöhnlicher Anblick in dieser Gegend. Peas ging darauf zu und betrachtete den Wagen.

»Wem gehört der Wagen?« fragte er.

»Sir George Horbin«, entgegnete der Chauffeur.

Das war der Name eines berühmten und bekannten Spezialarztes aus der Harley Street.

»Was macht Sir Horbin denn in dieser Gegend?«

»Er ist zu einem schweren Fall gerufen worden«, erwiderte der Chauffeur gleichgültig.

Einen Augenblick später warf er seine Zigarette fort und öffnete die Tür. Ein untersetzter Mann näherte sich dem Wagen und stieg eilig ein.

»Nach Hause!« sagte er kurz, und der Chauffeur fuhr ab.

»Die Leute hier in Rotherhithe müssen ja viel Geld haben«, meinte Peas. Er sah sich um und dachte darüber nach, ob hier in der Nähe ein Hospital oder ein Krankenhaus lag. Aber das war nicht der Fall.

Als die beiden wieder auf die andere Seite der Straße gingen und an der Ecke der kleinen Gasse vorüberkamen, sahen sie, daß Mrs. Carawood das Haus Nr. 17 verließ. Sie blieb einen Augenblick stehen und sprach noch mit einem Mann, dann eilte sie zur Hauptstraße zurück. Die beiden folgten ihr wieder bis zur Penton Street und warteten, bis sie ins Haus gegangen war.

Zehn Minuten später erschien das kleine Auto wieder vor der Seitentür. Herman stieg aus, öffnete die Tür mit einem Schlüssel, und kurz darauf trat Mrs. Carawood, elegant gekleidet, aus dem Haus.

»Die Garage muß hier in der Nähe liegen«, sagte Peas. »Herman hat nur so lange dort gewartet, bis sie ihn anrief. Ich glaube kaum, daß er etwas von dieser Verkleidung weiß.«

Mrs. Carawood stieg wieder ein, und sie schauten dem Wagen nach, bis das rote Schlußlicht außer Sicht kam.

»Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß ich heute abend noch mit Herman spreche«, meinte der Inspektor. »Aber eines kann ich Ihnen sagen – wenn ich dieses Geheimnis nicht aufklären kann, reiche ich meine Kündigung ein und fange an, Kriminalromane zu schreiben.«

*

Am Dienstagmorgen fuhr John nach Ascot, wo er zur Frühstückszeit ankam. An diesem Tag wurden die Rennen eröffnet, und John Morlay trug einen eleganten Cut und Zylinder, da Mrs. Carawood eine Loge auf den Tribünen gemietet hatte. John hielt sich für sehr gut angezogen, bis er die kleine Villa erreichte und dort Julian sah. Dann wußte er, daß er seinen Meister gefunden hatte.

»Sieht er nicht fabelhaft aus?« fragte Marie. »Ich habe ihn schon den ganzen Morgen bewundern können. Warum er sich bereits vor dem Frühstück angezogen hat, mag der Himmel wissen. Wir haben doch noch viel Zeit bis zum Beginn des Rennens.«

»Glänzend«, gab John zu, seine Stimme klang aber etwas ironisch.

Mr. Julian Lester fühlte sich jedoch dadurch in keiner Weise angegriffen oder verlegen.

Als die beiden allein waren, erzählte er John, wie herrlich es am Sonntag noch gewesen sei. Den vorigen Abend hatte er mit Marie zugebracht, und er glaubte, daß er sich mit ihr verständigt hätte.

»Verstehen Sie unter Verständigung etwa Verlobung?« fragte John, dem bei diesem Gedanken schwach wurde.

»Das gerade nicht. Ich wollte damit nur sagen, daß Marie und ich nahezu dieselbe Lebensauffassung haben.«

»Das kann ich aber durchaus nicht glauben.« John erinnerte sich plötzlich an das nächtliche Abenteuer. »Ist Mrs. Carawood in die Stadt gefahren?«

»Nein, sie hat nur ein paar Freunde in der Nachbarschaft besucht. Ich habe sie nicht danach gefragt, wie die Leute heißen. Ich habe immer den Eindruck, daß man sie besser in Ruhe läßt. Es wäre ja möglich, daß sie – geschäftlich zu tun hätte –«

Julian nahm John beim Arm und ging mit ihm quer über den gutgepflegten Rasenplatz.

»Ganz offen gesagt, John, die Situation mit Marie ist ein wenig heikel. Wissen Sie auch, daß das arme Kind nicht die geringste Ahnung davon hat, wie ihr Geld angelegt ist oder ob sie überhaupt ein Vermögen besitzt? Sie sagte mir sogar, sie hätte das Gefühl, daß sie nicht einen einzigen Shilling besäße und ganz von der Güte von Mrs. Carawood abhängig wäre.«

»Warum sind Sie eigentlich so scharf darauf, etwas über das Vermögen der Contessa Fioli zu erfahren?« fragte John geradezu. »Sie sind doch selbst reich.«

Julian Lester wandte sich ihm schnell zu.

»Wie kommen Sie denn darauf, daß ich reich sein soll? Wer hat Ihnen das gesagt? Ich bin nicht reich – im Gegenteil, ich möchte sagen, verhältnismäßig arm! Alle Leute, die glauben, daß ich Geld habe, irren sich.«

Seine Stimme klang vorwurfsvoll. Es schien fast, als ob er den Gedanken, Geld zu haben, als eine persönliche Beleidigung auffaßte.

»Sie sind ein sonderbarer Kerl«, erwiderte John. »Aber mir kann es ja gleich sein, ob Sie ein Millionär oder ein Bettler sind. Also, inwiefern hat Marie die gleiche Lebensauffassung wie Sie?«

»Sie müssen mich nicht derartig ausfragen, alter Junge. Wir haben jedenfalls in mancher Beziehung denselben Geschmack. Es ist direkt Seelenverwandtschaft.«

John lachte laut.

»Dabei gibt's doch nichts zu lachen!«

»Einmal reden Sie von Seelenverwandtschaft, und dann wollen Sie unter allen Umständen wissen, wie groß das Vermögen von Marie Fioli ist. Das reimt sich nicht zusammen. Wenn Ihnen die Sache aber so ernst ist, dann gehen Sie doch direkt zu Mrs. Carawood und fragen sie, wie sie das Vermögen ihrer Pflegebefohlenen verwaltet. Bei der Gelegenheit können Sie auch gleich erfahren, wieviel es ist, und sich dann ein Urteil darüber bilden, ob es sich lohnt, Ihren Plan weiterzuverfolgen.«

Julian seufzte.

»Das ist mehr oder weniger vulgär. Ich dachte immer, Sie wären ein Mann von Welt und würden mir in einer solchen Krise helfen.«

*

Für John wurde die Woche, die so gut begonnen hatte, ziemlich langweilig. Die Rennen in Ascot verliefen in diesem Jahr glänzend, die festlich gekleidete Menge bot ein anregendes Bild, und die Rennen selbst waren spannend, aber John wurde alles vergällt durch die Anwesenheit Lesters. Julian hatte Zutritt zur Königlichen Loge; er war der einzige von den vieren, der dieses Privileg genoß. Er kannte fast alle Leute, die irgendeine Rolle in der Gesellschaft spielten, und zeigte Marie die Berühmtheiten. Schließlich gelang es ihm sogar noch, auch für sie eine Einlaßkarte zur Königlichen Loge zu bekommen.

John Morlay selbst kannte kein Minderwertigkeitsgefühl. Dem gesellschaftlichen Leben hatte er bis jetzt kein Interesse abgewonnen, und es war ihm ziemlich gleichgültig, ob er die Rennen von der Tribüne aus sah, wo der Platz sechs Shilling kostete, oder von der reservierten Loge des Königlichen Rennklubs. Hätte er sich Mühe gegeben und darum nachgesucht, so hätte auch er Zutritt dort haben können. Er war während des Krieges zweimal dekoriert worden, und man hätte ihm sicher keine Schwierigkeiten gemacht. Julian hatte eine gewisse Routine darin, andere Leute fühlen zu lassen, daß sie nicht zur Gesellschaft gehörten. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, in der Unterhaltung über vornehme Bekanntschaften zu sprechen, ja, er hatte sogar einmal die Dreistigkeit, anzudeuten, daß John ein Privatdetektiv sei, der zum Schutz Marie Fiolis engagiert worden sei.

Julian war ein dauerndes Problem für John. Er hatte viele Bekannte und verkehrte in Industriekreisen genauso wie unter Parlamentsmitgliedern. In allen Sätteln war er gerecht und konnte fließend über Fragen der Wirtschaft und der Politik sprechen. John bekam geradezu Achtung vor ihm. Wenn der Mann ein Abenteurer war, setzte er sich jedenfalls mit großem Erfolg in Szene. Von einem gemeinsamen Bekannten wußte John, daß Julian ohne die geringsten Mittel begonnen hatte. Das Einkommen aus der Erbschaft seines Vaters war nur eine fromme Legende.

Julians Geldgier war seinen Freunden bekannt. Er träumte von Millionen und war so geizig, daß er sich scheute, selbst Bruchteile eines Schillings auszugeben.

Jede Beschäftigung, die viel Geld einbrachte, interessierte ihn. Er hatte versucht, zum Film zu gehen, aber er genügte den Anforderungen nicht. Dann hatte er ein Drehbuch geschrieben, aber niemand wollte es drehen.

»Ein merkwürdiger Kerl!« sagten seine Bekannten.

Maries Reichtum beeindruckte ihn offenbar so stark, daß es auf ihre Persönlichkeit gar nicht anzukommen schien. John amüsierte sich über die augenfällige Art, mit der er ihr den Hof machte. Am Donnerstagabend äußerte auch Marie ihre Meinung über Julian, die vollständig mit der Johns übereinstimmte.

»Julian ist nach London gefahren. Er hat mir ein Geschenk gemacht, aber ich soll es nicht vor morgen früh betrachten – wir tun nämlich so, als ob ich jetzt Geburtstag hätte.«

»Ein Geschenk? Ach, Sie meinen den Siegelring mit dem geschliffenen Granit?«

»Sie sollen sich nicht lustig darüber machen. Ich bin sicher, daß es ein schöner Ring ist – Julian, hat einen ausgezeichneten Geschmack. Mrs. Carawood wünscht allerdings, daß ich ihn nicht annehme. Wenn ich ihn ins Feuer werfen würde, täte ich ihr sicher den größten Gefallen. Aber Julian ist wirklich erstaunlich. Er ist geizig, und er schämt sich kein bißchen deshalb. Dazu kommt, daß er sich so unheimlich für mein Vermögen interessiert. Er hat dauernd mit mir darüber gesprochen, bis mir schließlich die Sache zuviel wurde und ich drohte, zu Nanny zu gehen und eine genaue Aufstellung von ihr zu verlangen. Es muß schön sein, wenn man nur um seiner selbst willen geliebt wird.«

Sie mußten beide über die Äußerung lachen.

»Glauben Sie, daß er überhaupt imstande ist, einen anderen Menschen aufrichtig zu lieben?« fragte John.

»Ich bin sicher, wenn man mit ihm verheiratet wäre, würde er immer sehr nett und liebenswürdig sein. Er würde gute Dinners und hübsche Einladungen veranstalten; für gutes Essen und Trinken hat er viel übrig. Er würde auch sehr zuvorkommend sein und niemals davonlaufen, höchstens wenn er eine Dame findet, die doppelt soviel Geld hat. Und wenn ich tatsächlich so reich bin, wie er hofft, dann ist es ganz unmöglich, eine solche Dame zu finden.«

»Schätzen Sie ihn – haben Sie ihn gern?« fragte John unsicher.

»Julian? Ich muß sagen, in gewisser Weise bewundere ich ihn. Ich habe tatsächlich den Ring gesehen, den er mir schenken will. Er zeigte ihn mir, als wir die Bond Street entlanggingen und vor einem Schaufenster stehenblieben. Es ist ein Rubin mit schöner Goldfassung. Morgen darf ich das Geschenk erst auspacken. Wie ist es übrigens – haben die Juweliere viel durch den Einbruch verloren, von dem Sie mir erzählten?«

»Es waren nur ein paar auserlesene Stücke darunter – zum Beispiel ein länglicher Saphir, der von vier Diamantklammern gehalten wurde. Ich weiß es so genau, weil der Inhaber des Geschäfts zu meinen Kunden gehört.«

»Ach, sagen Sie mir doch, wie fühlt man sich eigentlich so als Detektiv?« fragte sie interessiert.

Er lachte.

»Sie würden sich langweilen, wenn Sie wüßten, wie monoton und ruhig mein Beruf ist. Ich muß Sie eines Tages einmal Inspektor Peas vorstellen, das ist ein richtiger! Der beste Mann, den es in Scotland Yard gibt – wenigstens hält er sich dafür.«

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