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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Der Wurf nach der Krone.


Viel Glück im Unglück. Viel Unglück im Glück.
In Beiden viel Geschick.

Corfitz fühlte nun, thörig genug, zwischen sich und den Menschen, Adlichen, Geistlichen, Bürgern und Bauern, eine Scheidewand emporgewachsen, und eine Scheidewand niedergefallen zwischen ihm und – dem Schlosse oder einem unsichtbaren Etwas, als hätte er Armidas Zaubergärten betreten. So geschah ihm zu Anfang immer, wenn Frau Ellen Marswin oder gar der König ihn und seine Eleonore: »meine Kinder« nannte, oder als er mit dem Thronfolger Brüderschaft trank; denn nach damaliger Sitte wurde Leid und Begräbniß, Freude und Hochzeit, Alles nur hauptsächlich getrunken, wie es jetzt mehr gegessen wird. Er glaubte zwar, Alles verdient zu haben und noch Alles auch zu verdienen, aber er sah doch lächelnd, daß hinter seinem Rücken ein hoher, guter Geist oder guter Leib gewirkt habe, rieth auf Frau Ellen und dachte von dem ersten Zusammentreffen her, daß doch Niemand für eine Gunstbezeigung dankbarer sei, als eine passirte Frau gegen einen jungen Mann – und lachte mit Frau Ellens Lache sie selber aus. Indem er sich nicht die Ehrsucht absprach, sah er doch auch zugleich, daß Hannibal Sehested nur der leibhafte Neid, also die Selbstsucht, oder doch die Mißgunst selbst war; denn des Neides wegen hatte er sogar Herz und Liebe und Haß und Rache gewechselt – oder verborgen. Der König hatte über Personen und Verhältnisse entschieden, und so lange von demselben nicht anders entschieden ward, oder Hannibal heimlich und hintertückisch eine andre Entscheidung auf den Weg brachte, so lange – also beständig war nicht sowohl zu fürchten, als vorzubauen durch Selbstmacht und Selbsteinfluß. Sein Schutzgeist schien ihm Eleonore. Und er hatte jetzt seine Noth mit ihr, sie die Liebe zu lehren. Denn das ernstgesinnte, Heiliges heilig betrachtende Mädchen, konnte ohne Schauder sogar das Wort Liebe nicht aussprechen hören. Sie erschrak im Herzen davor; denn ihr volles Gefühl, ihre reine Seele, ihre jugendliche Gluth hatten einen so hohen, inhaltschweren, Alles weit und hoch überragenden Gedanken von der Liebe gefaßt, daß ihr Denken es, wie die Gottheit, nicht erreichen, ihr zarter Sinn es nicht zart genug auffassen, ihr Geist es nicht genug würdigen, ihr Herz es nicht aufnehmen, ihr ganzes Leben es nicht genug darlegen und ausbreiten, ihre ganze Zärtlichkeit es einem Geliebten nicht genug mittheilen, ihn nie genug davon überzeugen, ihr ganzes Wesen die Seligkeit derselben nicht werde ertragen können. In solchen Augenblicken schien das engelschöne Mädchen wirklich ein Engel, eine Dienerin des Herrn, herabgekommen, einem Menschen, einem Manne zu dienen, ihm kleine Engel, wie aus dem blauen Himmelshause herabzubringen, auf seine Arme zu legen, und nun, Mutter geheißen, dem Vater und den herabgebrachten kleinen Engeln Tag und Nacht zu dienen, die Tage alle Freuden zu opfern und die Nächte den Schlaf. Und so stand sie voll Demuth in himmlischer Bescheidenheit vor ihm, dem vom Vater gegebenen Geliebten – und ihre feuchten Augen baten seine um Rath und Trost, und ihre rosigen Lippen stammelten seligen Dank in zaghaften Küssen. Corfitz aber »stellte dagegen ihr viele bewegliche Sachen vor, um sie zu überreden, daß diese Leidenschaft nicht könne aus der Welt ausgerottet werden, man wollte denn dieselbe zu einer vollkommenen Wildniß machen; weil es eine Passion sei, welche eine Vereinigung auch der meist barbarischen Menschen zuwege brächte« – und Eleonore ward über solche Worte nur noch blässer. Und um sie praktischer zu stimmen, ihr gleichsam mehr corps zu geben, lehrte er sie Italienisch aus dem Boccaccio; und da er nun Einfluß auf sie haben durfte, bestellte er ihr den Doctor Otto Sperling zum Lehrer in andern weltlichen Kenntnissen, Einen jener sonderbaren, gefälligen Menschen, die sich mit fast ausschließlichem, unerklärlichem Andrang an eine gleichsam erwählte Familie schließen, wie eine Schlingpflanze an einen schönen, beschützenden, sie tragenden Baum, obgleich die Nähe eines solchen Baumes die Schlingpflanze bedingt, und vielleicht nur auch so dergleichen Menschen. Sittlichkeit, Sitte, Ruhe, eigenes Leben und Wollen schien bei ihm ganz still zu stehn, ja verschwunden, so lange er Corfitz Reden und Wünsche anhörte; und erst, wenn ihm etwas aufgetragen worden, fiel er mit seinem Verstande darüber her, war nur das von einem Menschen, ja von ihm selbst, was er und wie er zu diesem Geschäft sein sollte und was er dazu brauchte, hob jedes eigne Urtheil auf, und setzte Mühe, Fleiß, Gesundheit, ja Leben daran, um es auszurichten, stellte sich dann still wieder an seinen Platz, wie ein treuer Hund sich müde hinlegt, aber auf jeden neuen Wink aufmerksam, ja unermüdlich und fröhlich desselben gewärtig. Das war ganz ein Mann, wie ihn Corfitz bedurfte, und er beförderte ihn alsbald zum Leibarzt des Königs, als der wichtigsten Stelle im Staat, seit Abschaffung des katholischen Beichtvaters, oder des Haus-, Hof- und Staatsjesuiten. Der König bediente sich seiner aber nur – wenn er gesund war. Denn er war ein Menschenkenner, nicht nur so weit ein König es aus Erfahrung wird, sondern voraus, durch glückliches Durchschauen, unbefangenes Erkennen, und in bedenklichen Fällen durch sichernde Vorsicht. So hatte er auch seine Gemahlin, als die geringste Maßnahme gegen sie, von sich entfernt. Er hatte sie und ihre Kinder, auch Eleonoren, aus dem Kirchengebet geschlossen, ihr alle ihre Titel: einer Gräfin zu Schleßwig-Holstein, Frau auf Taasinge, Ellensborg, Lundegaard, Weilegaard, Rosenvold, Lellinge, Tybrond und Thuroe genommen, und sie hieß beim Hofgesinde nur noch Frau Christina zu Boller, von dem Hofe im Stifte Aaarhuns, den er ihr gekauft, wo sie Wache vor die Thüre und eiserne Gitter vor die Fenster bekam, zu denen sie aber dennoch nach wie vor zur Tafel hinaus trompeten ließ. Aber die Sperlinge flogen nur vor dem Lärm davon, und so verscheuchte sie sich noch die letzte Gesellschaft, bis ihr eine kleine Tochter, Dorothea Elisabeth getauft, einsame Gesellschaft leistete, bis sie das Rachekind, die kleine Rheingräfin oder Rheincomtesse zu ihrer Mutter in's Schloß nach Copenhagen dem Könige, ihrem Manne, unter die Augen sandte, als Gegengewicht, Gegenstück und Gegenbild zu der Wibecke kleinem Ulrich Christian Güldenlöwe. Nun war sie zufrieden, wenn auch hinter Mauern und Gittern, wenn auch das Kind dann nach Ellensburg mußte, gleichsam in das Irren- und Irrthumhaus der Liebe. Auch Corfitz war, wie sein Sprichwort hieß, »vor der Hand« zufrieden. Vor der Hand war keine höhere Aussicht für ihn, als Reichshofmeister zu werden, was früher Drost und noch früher Jarl oder Jarler war, eine Würde, die, laut dem 13. bis 16. Capitel der Hirdskräa, neben dem Könige eine Macht wie des Königs Macht in die Hände gab, selber die Macht, den König zu vermahnen, und wenn er sich nicht unterweisen lassen will, seinem Ankläger vor dem Reichsrath und dem Adel nach den Gesetzen Recht zu verschaffen; und wegen – Gebrauches dieser Macht hatten die Könige für dienlich gefunden, keine Jarls oder Droste zu haben. Noch eifersüchtiger und planvoller hatte der König seit lange die vier obersten Aemter des Staats nicht besetzt; da war auch kein Marschall, nur Generäle; kein Admiral, nur Viceadmiräle. Schlau genug hatte er nun auch die über 20,000 Thaler betragenden Einkünfte eines Reichshofmeisters dem Franz Ranzau zwar überlassen; aber der königliche Kanzler Christian Friis durfte behaupten, daß Ranzau nur Hofmeister oder Statthalter von Copenhagen sei, nicht vom ganzen Reiche. Dr. Sperling hatte diese Aeußerung dem Kanzler untergeschoben, dann des Hofmeisters Stolz damit angefacht; der Streit ging an, und Corfitz freute sich, als der König nun Franz Ranzau zum wirklichen Reichshofmeister erklären mußte, um nicht beide Männer zu verlieren; und mit dem Adel Frieden zu haben. Um schadloser auszugehn, gab aber der König nun dem Reichshofmeister seine Munketochter Anna Catharina; aber bei der Hochzeit auf der Rosenburg trank er vor Freuden so viel, daß er, im Mondschein hinaus getaumelt, im Graben ertrank, und seine unberührte Braut vor Kummer darüber ihm sehr bald wenigstens nachstarb.

Von nun an verfolgte das Glück Corfitz. In Zwischenräumen geschah alles, was ihm nur lieb sein konnte. – Sein Vater starb. Und Corfitz trat in der Meinung der Menschen an seine Stelle. Er ward Befehlshaber von Moen, womit die müden Reichshofmeister sonst aufhörten und belohnt wurden. Aus innerem Drang für die Freiheit des Glaubens war der dritte königliche Prinz, Ulrich, in Gustav Adolph's Dienste getreten. Gustav Adolph war von einem Meuchelmörder rücklings erschossen worden; und auch Ulrich, ein ehrenwerther Prinz, der das Buch »Die Striegel der Laster« mit dem Zorn eines reinen Gemüthes geschrieben, der Hoffnung, ja Aussicht gehabt, mit einer polnischen Prinzessin Preußen als Ausstattung zu bekommen; auch er war während des Waffenstillstandes als Gast der österreichischen Generäle, des Grafen Schlick und Piccolomini, beim Heimritt aus einem Graben erschossen worden; Ofwe Schade, sein Begleiter, und Niels Krabbe, sein Kammerjunker, brachten durch Hamburg nach Copenhagen dem alten Vater den todten, den besten Sohn. – Der Prinz von Sachsen, Franz Albert, hielt um seine Eleonore an, und der König und sein Hof hätten beinahe sie ihm zur Gemahlin gegeben. Doch dazu kam der falsche Herzog von Lauenburg, fast gewiß der Mörder Gustav Adolphs, welcher Eleonoren dem Prinz Albert und Corfitz Ulfeld entreißen wollte. Da eilte Hannibal Sehested, als bekehrter Feind oder falscher Freund, der Corfitz in's Verderben locken wollte, zu ihm nach Moen, entdeckte ihm seine Gefahr; Corfitz empfing ihn als Freund, sandte ihn voraus zurück nach Copenhagen mit der Drohung, daß er den Herzog Alles vergelten komme; aber der Herzog ersparte dem herbeigestürmten Corfitz das Erstechen durch heimliche Entweichung. – Dann hielt der Thronfolger Christian V. Beilager mit der sächsischen Prinzessin Magdalena Sibylla, das über 20 Tonnen Goldes kostete und wobei Ulfeld zum Ritter geschlagen ward und als Hofmarschall den französischen Gesandten Grafen Claude d'Aveaux so von sich einzunehmen wußte, daß dieser Allen, und selber dem Könige rühmte, Corfitz Ulfeld, dieser Mensch, den Niemand an Schönheit und angenehmer Aufführung übertreffe, habe so große Gaben des Geistes, daß er ein Königreich spielend regieren und selber ein Kaiserthum leicht beherrschen würde. Denn Ulfeld hatte unter den Leuten des Gesandten, die sich betrunken und furchtbaren Skandal getrieben, Friede gemacht, indem er mit vollen Händen Geld vertheilt und sie des Nachts hatte heimlich aus der Stadt fahren und prächtig tractiren lassen. Den Gesandten selbst aber hatte Ulfeld mit den schönsten und galantesten Damen bekannt gemacht, denen ein Fremder nicht gleich die Tugenden ansehen kann. Dafür war er ihm nun durch Lob dankbar. – Dann hielt Graf Penz Beilager mit des Königs Munketochter Sophia Elisabeth, wobei Gastereien, Ringturniere, Roßturniere und Feste, wie verführerische alte Bier- und Methgötter sich drängend auf die Fersen traten. Trotz des hohen Alters war der König bei Allem, mit seiner großen goldenen Schaale, welche die beherztesten Männer, selber der Thronfolger – bei aller Ehrfurcht – auszuleeren sich fürchteten. Aber der König goß die Schaale aus in neun noch genug große Schaalen. – Das jetzt oft und lange wiederholte Wort: »Beilager«, – so daß in dieser Zeit im ganzen Lande drei Mal so viel Hochzeiten vollzogen wurden als sonst in drei Jahren – die reizenden Zubereitungen dazu, die heitern Freuden darum her, mit dem Fackelzuge bis an die Schwelle der Brautkammer, die Glückwünsche, das Lächeln, und die Reife der Jahre hatten Eleonoren ein reizendes Schmachten gegeben. Sie verging fast in Schweigen und Blässe, sah kaum Jemand, und den Bräutigam, kaum genöthigt, einen holdseligen Augenblick an. Corfitz sah sie, und sagte sich: »Ein Brautstand, der länger dauert als sechs Wochen, stürzt eine Verlobte in's Verderben! Sehnsucht, Zweifel, Wünsche, Harren, Furcht, Hoffnung, Besorgniß, Scham und Schweigen, Geduld und Bangen untergraben die blühendste Gesundheit, und Bräute verwelken oft in einem Jahre, oft unwiederherstellbar, oder erlangen doch nie mehr die vorige Frische und Fülle. Eine Braut ist eine gebrochene Blume – sie muß frisch an die Brust gesteckt werden und da verwelken; – neben ihrem Mutterstocke und ihren Blumengeschwistern eine heiße Sonnenstunde liegen gelassen, verkommt sie nutzlos, freudlos und sündlich.« – Frau Ellen Marswin sah Eleonoren und meinte desgleichen dabei: hat eine Tochter in einem Hause Hochzeit gemacht, dann ist die zweite Schwester drei Mal so leicht zu erwerben, und die Vierte zwanzig Mal so leicht. – Darauf ward denn sein Hochzeittag angesetzt, zu welchem er sich jedoch erst in Paris von dem berühmten französischen Chirurgen P. Judaeo, von einer aus der Fremde mitgebrachten, in Dänemark für unheilbar gehaltenen Krankheit heilen ließ; was dem Corfitz »besondern Ruhm seiner Schamhaftigkeit und seiner großen Estime vor Eleonora« brachte, da er alles, was es auch wäre, lieber von den Aerzten ausstehen und alle Mittel zu Wiedererlangung seiner Gesundheit versuchen wollte. Nach glücklicher Cur war glückliche Hochzeit, welche Frau Lykke, ihrer Tochter Hoffnung wegen, Eleonoren bis selbst beim Anlegen des Brautkleides und Brautschmuckes vergeblich durch deutliche, aber unverstandene Worte ausgeredet hatte. Um in größerer Galla getraut werden zu können, ward er zum Statthalter von Copenhagen ernannt, so wie Graf Penz Statthalter in Holstein geworden. Graf Penz hatte mit seiner Braut drei Zimmer voll kostbarer Sachen und drei Tische voll Gold und Silber erhalten; das war also weg; und vielleicht bloß darum konnte Corfitz nur ein Zimmerchen und noch nicht voll, wie er wünschte, erhalten, so daß ihm jene, dem Tode ähnliche, finstre Gesichter hervorbringende Sorte von Briefen, die Mahnbriefe, bald Muth und Ehre brachen. Mit solchem finstern Gesichte maß er den Juwelengürtel seiner jungen Frau, und wünschte sie so stark wie Mutter und Großmutter zusammen – des dann längeren, werthern, vollern Gürtels wegen. Eleonore verstand ihn so, als solle sie sich einfacher putzen; sie that es; aber das half nicht; die Gesichter des jungen Gemahls, in den Honigmonden sogar, blieben finster, sie wurden noch düstrer sogar – zum Schein – als sie frug. Bis sie zufällig einen mit meisterhafter Grobheit, wie ein Wechsel auf die reiche, hohe Heirath gestellten ... liegen gelassenen ... Mahnbrief gefunden, und nun im Geheimnisse, ihm süß und hold das Geständniß ablockte, wie viel die Summe aus den Gegenstücken zu Liebesbriefen betrüge. Sie erröthete über die Größe der Schuld; aber nur, weil sie annahm, der Gürtel werde nicht langen, sie zu bezahlen. Aber selbst, wenn sie gewußt hätte, welche Freuden und Leiden und Tage und Nächte sie mit den unwissenden reinen Perlen und mit den edeln Steinen bezahlen sollte, würde sie es vielleicht, wie jede junge Frau noch lieber gethan haben, um mit den Schulden nun ihres Gemahles alle seine Schuld von ihm zu nehmen und aus seiner Erinnerung zu vertilgen, damit er, ja jemals noch derselben gedenkend, dabei doch immer zuletzt sein liebevolles, gutes Weib als die rettende Fee erblicke. So verkaufte sie den kostbaren, viel beneideten, schönen Gürtel, ohne Reue, ohne ihn anzublicken. Doctor Sperling machte den angeblich geheimen, Alles vor Corfitz verbergenden Juwelenverkäufer und dafür Mahnbriefaufkäufer; und an dem nächsten Feste erschien Eleonore mit einem einfachen Rosaleibband, und Corfitz wußte sehr wohl, daß er sein hoffnungreiches, himmlisch zufriedenes, junges Weib nun recht finster deswegen ansehen, und ihr Tage lang zürnen mußte – damit sie nun endlich ihn um Verzeihung bat, und die Liebe zu ihm sich bang und süß recht tief in ihr Herz brannte. Für alle diese seine Klage und List ward er vom König, durch sie, zum Reichsschatzmeister ernannt, welches erkleckliches Amt – vor der Hand – ihn heitrer machte. Ein andres Ereigniß aber brach ihr den Muth. Wie ihre Mutter Christina, hatte auch sie das Schicksal herausgefordert, und zwei junge Leute auf der Insel Nordstrand ausgestattet und trauen lassen, um in holdem Aberglauben, etwa wie Jemand an dem Tage der Geburt seines Kindes einen jungen Baum setzt, an diesem Paare zu sehn: wie ihr Eheglück gedeihen werde, als Zeichen und sichtbares Bild für sie selbst ... oder welches Paar, ob sie und Corfitz, oder der Fischer und die Fischerin glücklicher sein würden? Nun hatte eine heftige Sturmfluth die Meereswogen Tage lang aufgethürmt, die Seeüberströmung hatte die höchsten Seedämme überstiegen, durchbrochen, die Marschköge unter Wasser gesetzt, Alles umgestürzt, umgewühlt, Aecker und Wohnungen schäumend hinaus in das Meer geschwemmt, als wolle ein Meergott sich ein Menschendorf rauben und anlegen in fernem Reiche, und hatte aus Muthwillen die ihm unbrauchbaren, ihm fabelhaften Kirchen eingerissen und selber die Mauern zerbrochen, aber dabei auch 6000 Männer und Weiber und Kinder ersäuft und am gegenüber liegenden Ufer wie eine ertrunkene Heerde auf den Strand gespült. Das glückliche Paar von Eleonorens Mutter, das Häuschen, die Bäume, die Kinder, selber der kleine Bettelmann, der der Großmutter das Brot fortgetragen, und der Mutter heim – und nun selbst Eleonorens Paar, wodurch sie das Schicksal gefragt und geprüft, – Alles war hin in das grause Element, dem nichts von Allem nutzte, und sie hatte des Schicksals Antwort in den ruhigen, blassen Todten am Strande liegen, und stand dabei, und sah selbst und frug sich selbst: ob das Schicksal meine, daß sogar diese Todten glücklicher wären, als sie sein würde? Und in banger Bestürzung, ja Furcht, beschenkte sie die 1500 lebendigen, großen und alten Brotbettelleute, die auf dem wie Wellen gezeichneten Sande saßen, aus voller Hand, und gab doch eigentlich Alles nur dem Einen, kleinen, lieben, ertrunkenen Bettelmännchen, ihrer Mutter, und ihrem Schicksal als Opfer der Sühne. Und so hatte auch dieses Land- und Seetrauerspiel für Corfitz die ihm liebe Wirkung, daß Eleonore ihrem Mann, als ihr Schicksal, Alles lassen oder thun ließ, was und wie er wollte, und daß sie voll Furcht vor ihm war; und Furcht ist die unreine Quelle alles Gehorsams, selbst in den bösesten Dingen; wie Liebe die reine Quelle des frohen, guten Gehorsams, aber die Vernunft die einzige Quelle des sichern, glücklichen Gehorsams beim Frauenvolke und dem Volke. Es gelang ihm, sich Furcht im Hause zu erregen, dessen Stimmung sich durch seine Leute nach und nach in der Stadt verbreitete. Es gelang ihm, von Vielen einzeln, eine sogenannte ungeheure Summe zusammen zu borgen, die von Einem nirgend nicht zu erlangen gewesen, und wozu ihm Keiner geliehen haben würde, wenn Jeder vermuthet hätte, daß er von so Vielen so Vieles borgte. Das Geld sollte, als bloß von den Höchsten und Einflußreichsten geborgt, gleichsam die ihm gegebene Bürgschaft sein, daß sie ihn befördern, Gutes von ihm reden, ihn halten müßten, um jemals ihr Geld wieder zu erhalten, das ihm Keiner abschlagen mögen, selbst der alte Günther nicht, der ihm seiner lieben Tochter Jolessa fast ganzes Muttererbe vertraut, freilich als noch möglicher Schwiegervater. Doch wie Günther, waren nun alle andern – Narrenhäuser klug und zum Schein nicht beleidigt, ja Manche versöhnt, da Corfitz ja des Königs Tochter, versteht sich am vernünftigsten, geheirathet hatte. Dabei schämte er sich »vor der Hand« keiner Schmeichelei, keiner Erniedrigung – was er aus Hochmuth so nannte, – denn Stolz besaß er nicht, als ein inneres Gut und Glück der starken Seelen – und seine Ueberredungsgabe war groß, ohne jedoch mehr zu sein als das fast ängstliche Bewußtsein aller seiner Wünsche, in der Gegenwart aufgeglüht, oder als ein Sack voll Katzen gegen einen ruhigen Sperling losgelassen; denn die meisten Menschen, weil sie nichts recht, nichts recht beständig wollen, also ziellos, ja oft hohl mit den Tagen leben, und zufrieden mit dem sind, was diese bringen, gleichen ruhig brütenden Vögeln. Wer ihm borgte, war ihm kein Nebenbuhler, sondern ein Faulthier oder ein Affe auf dem Lebensbaume, eine Motte im Gewande des Himmels, kaum ein Hamster. Und so erforschte und verkettete er sich außer vielen Andern, besonders Damen, Oluf Parsbierg, Ebbe Gyldenstierne, Tyge Sandbierg, Idde Lindenow, Christian Friis, Hans Friis, Jurg Kruse, Lars Ulfeld (seinen eigenen Bruder, der, als ihm zu vernünftig, das größte Vertrauen des Königs besaß, und als Liebling desselben zu vielen lustigen Geschichten Anlaß gab), Jörgen Seefeld, Axel Urup, Hans Lindenau, Peter Retz, Friderich Parsbierg, Catharina Christoph Goes junge Wittwe, Henrich Bielke, Henrich Lindenow, Owe Thott, Holger Wind, Erich Quitzov, Hans Körbitz, Flemming Ulfeld, Lauge Beck, Nikol Krabbe, Kield Krag, Henrich Podebusch, Erich Kaas, Christopher Steensen, auch den Bürgermeister und Rath von Copenhagen. Durch dieß Geld war er mächtig in allen Fällen, selbst in dem bevorstehenden Kriege gegen Schweden, und allen Einzelnen weit überlegen. Sein Sperling, Leib- und Schloßdoctor, und deßwegen auch Hausarzt in reichen Häusern, besorgte gewandt ihm das Meiste auf wiederum Seines Corfitz Hoffnung hin. Es gelang ihm darauf als Reichsrath, seinen gelehrten Bruder Lars, der ihn durchsah, übersah, und der, weil ihn Corfitz aus Eifersucht an jedem Glücke bei Hofe hinderte, durch Witzworte alle Maskenkleider, fast auch die Gesichtsmaske abnahm, so daß Corfitz als bloßer, wahrer Corfitz desto lächerlicher einher stolzierte – dafür als Gesandten nach England zu schaffen; und Hannibal Sehested nach Spanien, wo dieser bei Abschluß des Zollvertrags Gelegenheit haben sollte, sich ein großes Geschenk und ein heimliches Jahrgeld von doch 10,000 spanischen Thalern auf Kosten des Landes zu verdienen; denn von den Summen, um welche Völker betrogen werden, ist nur höchstens ein Thaler vom Tausend an die Mäkler üblich. So belohnte Corfitz ihm zugleich die Maske der Freundschaft. Es gelang ihm, als Sohne des alten ehrwürdigen Kanzlers und Schwiegersohne des Königs – bei einer Verschickung nach Wien im Nutzen des Prinzen-Erzbischofs Friedrich, und nach Regensburg, des Friedens in Deutschland wegen – Reichsgraf zu werden, wobei ihm nur die Anordnung des Wappens, das rothe Ungeheuer darin, der rothe gekrönte Löwe mit dem doppelten Schwanze, die Krone, die statt der Helme auf das Schild willkürlich aufzusetzen sein sollte, und der noch unverdiente Generalsstab die größte Mühe und Schwierigkeit machte; nicht der Neid und der Spott des alten dänischen Adels, der ihn der unnöthigen Eitelkeit und des Ueberhebens über Andre beschuldigte. Es gelang ihm, seine Schwester Dorothea, die sich in ihn verliebt hatte, eh' sie ihn als Bruder kannte und als Verderber, in sein neuerbautes, großes Haus zu nehmen, wo sie, als Schwester, ganz nahe an seinen, zu Allem wohlausgedacht gelegenen und eingerichteten Zimmern wohnte. Und es glückte ihm, daß sie nach einem halben Jahre, ganz verwandelt vor Angst und Bestürzung, starb, ohne daß sie einen andern Arzt gehabt noch gemocht, als Doctor Sperling; und wenn Eleonore die arme Kranke bedauert, hatte Dorothea nur Eleonoren bedauert und ihr die Hand gedrückt. Dafür sollte sie prachtvoll begraben werden, und Corfitz besah sie lange im Sarge, hatte aber dabei die Augen zu. – Da kommt seine und der todten Schwester Mutter, Frau Brigitta Brokkenhuus leis', hat heimlich gehört, sieht hier offenbar mit scharfen Mutteraugen, faßt Corfitz an den Schultern plötzlich, schüttelt ihn, wie eine Rasende, während er stumm sie anglotzt; sie schreit dann laut, daß der Saal erzittert, sie zittert und bebt und verläßt auf immer das Haus und flieht auf ihren Wittwensitz zurück, woher sie gekommen, ihre Tochter noch ein Mal zu sehen. Wie die Nachtigallen und die andern Singvögel einige Zeit wie verrathen und schreckbefangen in Dumpfheit schweigen, wenn im Thale ein Schuß gefallen, so schwiegen Eleonore und Alle im Hause einige Tage, und Corfitz sagte ihr ein Mal nur »... Dorothea hatte ein zu weiches Herz ... und zu viel Ehrgefühl. Das paßt sich nicht zusammen. Innere Härte, und äußere Ehre. Oder umgekehrt. Das! –« Dann war nicht mehr die Rede von ihr, denn nun ließ Eleonore ein Kind taufen, wobei König und Hof in der Schloßkirche Pathen stand. Er machte so oft Kindtaufen, wie möglich, denn sein Weib hatte durch diese Beschwerung: Freude, Sorge für das Kind und die Kinder, Sorge für Gesundheit und Leben, und er viel Pathen und reiches Pathengeld, das oft mehrere tausend Unzen gearbeitetes Silber und gemünztes Gold eintrug. Denn dem Reichen und Begierigen will Niemand wenig geben, weil er sich in seinem Namen schämt; und Corfitz war so geizig, daß er seinen öftern Gästen und auf Besuch kommenden Herren, selbst den schönsten Damen, nicht gern drei Gläser Madeira oder Champagner umsonst gab, ohne auf irgend eine Weise seinem Schaden beizukommen. Dabei rechnete er nicht immer etwa im Spiel gewonnenes Geld, und bei Tisch abgeredete Vortheile – da er auch so sinnlich war, daß er Jeden beneidete, der etwa schon durch drei Mal Niesen seine Nerven so angenehm erschüttert fühlte. – Als ein bequemer Feind von Jungfrauen, sah er dagegen mit stillem Vergnügen sein Weib die Blüthen der schönsten Frauen um sich versammeln, deren Königin er sie nannte, still unter der Heerde umherging, ohne Eine anscheinend zu beachten, sogar mehr nur wie, um sich selber bewundern oder doch betrachten zu lassen; aber im Stillen merkte er sich sehr wohl diejenigen Augen nebst Zubehör, die ernst und still auf seiner Gestalt verweilt, und deren Besitzerinnen darauf viel lachten. – Denn Lachen, meinte er, soll Falschheit bedecken; und Augen für Andre sind Falschheit der Frauen am Manne, und falsche Frauen, verlorene Frauen! und verlorene Frauen haben drei Untugenden weniger als die andern, oder gar als die albernen Jungfrauen: die natürliche Schamhaftigkeit, die Verschämtheit und die Scham vor Schande. So meinte und lebte er ganz im Stillen, und nur Sperling, den er deßhalb seinen passer und Aufpasser nannte, sah da hell, wo Eleonorens sichere Treue nicht Augen des Unglücks hatte, wozu Sperling in seiner Liederweise zuweilen das Verschen sang:

                   

Die eigne Noth
Macht fremde todt;
Bei einem Faß
Gönnt man ein Glas.

Dabei trank Corfitz niemals viel Wein, schien deßwegen in Dänemark ein Weltwunder, indeß er schon vor Männern den Vortheil hatte, mit seinem nüchternen Verstande alle betrunkene Weisheit zu überbieten und alle Thorheit zu benutzen, und aus Rom her hatte er sich das Sprüchwort besonders gemerkt: Uomo degiuno, e Donna ubriaca, wodurch er hinter die nüchtern bewahrtesten Geheimnisse der Frauen kam, und stets zutraulich und wie höchst theilnehmend, bei jeder Mutter zuerst nach »ihren lieben Kindern« frug. Ein Nebensatz zur Lebensweisheit, von welchem er behauptete, für jedes deßhalb gesprochene Wort hundert baare Rosenobles gewonnen zu haben. Es gelang ihm, die verwittwete Königin von Schweden, Maria Eleonora, welche ihr Bruder, der Churfürst von Brandenburg, zu sich zu nehmen sich nicht getraute, zu sich auf Eines seiner vielen erkauften Schlösser, nach Ipstrup, zu holen, sie dort auf königliche Kosten zu bewirthen, und der unglücklichen Frau alle Staatsgeheimnisse Schwedens abzuschmeicheln, indem er ihre Rache und ihr Rechtsgefühl dadurch rege machte und empörte, daß er ihr zart vorwarf, daß sie aus der so schönen Stellung »einer Königin Mutter« und heimlich aus dem Reiche geflohen. Dabei erfuhr er vieles, was Höfe gewöhnlich einige Jahre zu ihrer Marter geheim und allein wissen, bis die Töpfe zerfallen, die das aufbewahrte Gift bewahrt haben. – Auch um den wahrscheinlichen Mörder Gustav Adolph's wußte die arme Frau. Und so hatte Ulfeld um so mehr Anlaß, den Herzog von Lauenburg in des Königs Christian Gegenwart anscheinend bloß dafür, daß er ihm Eleonoren bloß entern und kapern wollen, wie sich der freche Herzog ausgedrückt, so schmählig mit den giftigsten Reden und Anspielungen zu martern und zu bestrafen, daß der König Frieden stiften mußte, und bald darauf seinen Schwiegersohn Ulfeld, mehr auf Bitte seiner Frau, als zur Belohnung für die verfehlte Gesandtschaft nach England an König Carl – wo ihm Corfitz Geld geliehen, welches Christian IV. nicht gehabt – auf die oberste Stufe der Aemtertreppe erhob, und ihn zum erwünschten Reichshofmeister machte. Denn Ulfeld hatte, außer der Befriedigung seiner Rachsucht durch diesen, von Sperlings Stimme mit Fleiß recht veröffentlichten Streit mit dem Herzog noch die Absicht gehabt, seiner Gemahlin von recht vielen Damen hören zu lassen, wie sehr er sie noch liebe, da er gar nicht vergessen könne: daß Jemand jemals sie ihm entziehen gewollt. Und List that ihm Noth. »Das leichteste Mittel, wenigstens bei Frauen, aus aller Schuld zu kommen, ist die Gegenbeschuldigung; denn ihr Herz hat dann genug mit sich zu thun« – dachte er. Elisabeth, seiner Gemahlin Schwester, hatte ihr Vieles im Vertrauen aus Schwesterliebe erzählt und gesagt: eine ehrbare Schwester hält auf die Ehre der andern, hat keine Freude an ihrer Schande und ihrem Unglück, und am wenigsten sucht sie, sie selbst darein zu verwickeln, lieber daraus loszuwickeln, und sie zu bewahren bei Ehre und Glück. Wenn Eleonore nun aber noch sagen könne: daß sie ihren Mann liebe und ehre, so heuchelte sie nur vor ihm. Darauf hatte ihr Eleonore – mit Thränen aber, die ihre warmen Gefühle verriethen – gesagt: »Es ist Alles schändliche, boshafte Erdichtung! Denn ich bin mit meinem Manne wohlvergnügt und halte dafür, eine honette Dame muß nicht heimlich auf das lauern, was ihr Mann verrichtet; und diejenigen Weiber scheinen mir unersättlich zu sein, die eifersüchtig sind und nicht leiden können, daß ihre Männer mit andern Frauenzimmern umgehen, ob sie schon ihre Hausfrau genugsam lieben. Unsere Liebe ist mehr als ordinär.« –

– Ja, ja! Da hast Du es getroffen, Eleonore: Mehr als ordinär! »Ordinär« ist nicht genug, hatte Elisabeth beleidigt erwiedert; worauf ihr Eleonore zum Schlußwort gesagt: Das ist eine Sache, die Dich nichts angeht.

Aber Dich! und so lange Du meine Schwester bist, auch mich! – hatte Elisabeth hoch erröthet versetzt. – Corfitz's Schwester Anna aber, lebte auch als Wittwe in seinem Hause. Ihr Mann war schwedischer Obrister und ein Liebling Gustav Adolph's gewesen, aber, bei einer Verschickung nach Paris, von Räubern erschlagen worden. Anna hatte ihre arme, gestorbene Schwester Catharina ausgewartet und sagte eines Tages mit schlauer List zu ihrem Bruder Corfitz: Vermuthest Du vor Allen Klugen denn gar nicht, daß Eleonore wegen Catharina's Thränenkrankheit – wie Dr. Sperling ihr »die Seele aus den Augen weinen« mit Recht genannt – und wegen eines freiern Umgangs, als Dir gebühre, Dich auch mit andern Frauenzimmern in Verdacht hat? Räche ... oder gieb vor, Dich wegen ihres Mißtrauens in der Liebe an ihr zu rächen, wozu ich Dir Anleitung geben will. –

Darauf führte sie ihn in ihren Saal, wo sie die schönsten Frauenzimmer der Stadt zu sich versammelt hatte, um Eleonoren die Berichte, welche derselben von ihres Gemahles ungerechten Liebeshändeln beigebracht wurden, vor sichtlichen Augen ganz klar zu bestärken. Nachdem die Damen fortgegangen, kam dieß Mal Eleonore unter einem Vorwand wirklich herbei, aber Corfitz ging ihr entgegen, lachte sie aus und erzählte ihr seiner gütigen Schwester Anna Anstiften in ihrer Gegenwart. Heimlich aber war er schwer über Anna erzürnt und besuchte sie kaum, wenn sie sein' bedurfte, und sie bedurfte sein'; und Eleonore war ihr, wie sonst, nicht mehr heimliche Helferin in Wittwennöthen. Jetzt also schien die Beschuldigung Eleonorens ihm an der Zeit. Der Zaar Michael Feodorowitsch Romanoff hatte einen Gesandten an Christian IV. geschickt, der, weil er den König im Bett gefunden, ebenfalls ein Bett neben demselben aufzustellen verlangt, um seines Autokraten würdig, gleichfalls auf dem Paradebett liegend, mit dem König sprechen zu können. Der König war aber lieber gesund worden, und ein anderer Gesandte hatte dann um des Königs Sohn Waldemar, Eleonorens Bruder, zum Thronfolger für Rußland, als Gemahl der moskowitischen ältesten Prinzessin Irene gefreit. Der Zaar hatte aber bloß durch eine solche Verheirathung seiner Prinzessin die Bojaren von der Verfolgung seines Kronprinzen Alexei Michailowitsch abwenden wollen; Waldemar, Reichsgraf und Graf von Schleswig-Holstein, welchem sein Vater die Insel Oesel als Mitgabe abtreten wollen, war also nach Moskau gereiset, ohne daß er jedoch die Prinzessin Irene nur zu sehen bekommen. Bei erneuerter Gefahr aber hatte eine neue Gesandtschaft öffentlich um den Grafen angehalten, und dieß Mal war er in Moscau zum Fürsten von Jaroslav und Susdal ernannt und ihm angeboten worden, evangelisch zu bleiben. Weil aber Waldemar ein Mal den Scepter des Zaars geküßt, also dadurch ein Moscowiter geworden, forderte der aus den Coulissen auf das Hoftheater geschobene Patriarch: daß Fürst Waldemar auch innerlich ein Moskowiter werde durch Annahme der griechischen Religion, und hatte die Bürgschaft seiner Seligkeit dabei übernommen. Bei dem von Luther geborgten Lichte, das nun Waldemar wie eigne Verstandesblitze leuchten ließ, hatte er zugleich auch gedonnert, und der Patriarch gab vor, daß er durch Schmähungen auf die moscowitischen Heiligen Gott gelästert habe, verhing über ihn den Bann, außer er wolle seine Kinder altgläubig werden lassen, wenn er auch selbst ein Verdammter bleiben und werden wolle; doch auf erfolgte Abfertigung des Patriarchen konnte die Einkerkerung des in den Bann Verfallenen selbst nicht von der Frau Zaarin abgewendet werden. Waldemar ward auf der, von seinem Begleiter Ranzau gerathenen, Flucht eingeholt, hatte sich aber bei der Gefangennehmung tapfer mit dem
schönen Bülow gewehrt, mehrere Moscowiter niedergehauen, dann drei Jahre in schwerem Kerker gesessen, anstatt auf weicherm Lager neben der Prinzessin geruht, und keine Vorstellungen von außen, nur erst der Tod des Zaars hatte ihn erlöst, und der von den Bojaren errettete Alexei hatte ihn, reich beschenkt, als abgetragene, nun unbrauchbare Maske – entlassen. Corfitz sah jetzt sehr gern, daß der sehr schöne Bülow oft zu ihm in das Haus kam ... Bülow und Ranzau aber waren Feinde, und Ranzau hatte Bülow beschuldigt, daß er Waldemaren nicht treu genug gewesen, und immer mehr »seinen eigenen Respect« behauptet. Fürst Waldemar sagte das dem Bülow, der die Sache läugnete, und wiederum Ranzau darum ansprach, der aber das Wort überhaupt läugnete. Da nun dem schönen Bülow bei einem Kampfe ein Leid geschehen konnte, bat Eleonore aus Weiblichkeit ihren Bruder Waldemar, die beiden Edelleute zu versöhnen. Waldemar sah sie aber groß an; Corfitz sah finster dazu aus. Darauf nun antwortete ihr Waldemar, der sich mit Corfitz verstand, daß Bülow recht thäte, den Ranzau als den lüderlichsten Schelm zu behandeln. Und Bülow that nun so, und ward von Ranzau dafür gefordert, wozu ihm Waldemar, ihm scheinbar günstig, seinen Degen gab. Aber Bülow ward nicht ermordet, sondern, was genug war – ein Mörder; denn er erstach den Ranzau, und als Eleonore, die nichts davon wußte, auf Waldemarsslot (Waldemars-Schloß) kam, erzählte ihr der Bruder mit Lachen, daß Bülow den Ranzau entleibet habe. Sie erröthete für den Mörder, und bedauerte ihn mit den entschuldigenden Worten: Ranzau ist in der That von Dir, der Du den Streit angeblasen, und nicht von Bülow – der seine Ehre verantwortet hat, entleibet worden. – Und Waldemar sagte ihr erzürnt: ein Mörder sieht ja noch schön aus wie vor, und ein Schöner kann immer noch Jemanden so lieb sein – wie vor. Und als Corfitz, wie aus Menschlichkeit, den Gefallenen bedauerte, sagte ihm Waldemar keck, er solle lieber den Gefallenden, oder noch glücklicher: sich bedauern, da Eleonore mit Bülow eine ungeziemende Liebe gepflogen hätte, wenn das nachher noch ein Bedauern werth sei. Ulfeld gab ihm darauf eine harte Antwort, und vertheidigte seine theure Eleonore mit Eifer nun so: Sie wird angeklagt ... und ist unschuldig wie die Sonne am Himmel! Nun wird sie fühlen, daß auch ein Anderer schwer und oft angeklagt werden und immer unschuldig sein kann ... oder unschuldig ist, wie sie.

Eleonore hörte das Alles mit größtem Kaltsinn an. Sie schien einer Schutzrede bedurft zu haben, und wogegen? – Wogegen! – Dagegen, daß sie mit menschlichem Herzen, mit Gott gegebenem Verstande, mit mütterlicher Würde, mit Gestalt und Adel des Weibes, mit allen diesen Gaben also zehntausend Mal schlechter als eine Hündin sei, nicht einmal eines Affen treue Frau, oder eine Hirschkuh, ein Reh im Walde! – Sie ward blaß wie der Tod. Sie verging vor Scham, vor allen Männern, vor der ihr erscheinenden Gestalt ihres Vaters, selbst vor dem blauen Himmel; und wünschte in stille Luft aufgelöst zu sein, ... sie verging vor der Sonne; und wünschte dort oben, wo sie so fern, so hoch, so unerreicht und unbefleckbar von Menschen da zu stehen, und immer dort gestanden zu haben; ja, da es ihr, als einem Weibe der Menschen, gleichgültig war: die Sonne zu sein, so wünschte sie auch, als Sonne, nie dort oben gestanden, also nie gewesen zu sein. Sie war vergangen. Sie war nicht mehr das, sie empfand sich nicht mehr als das, was sie sich bisher gefühlt, was sie gewesen: ein liebendes Weib, das geliebt wird. Und, meinte sie, könne ihr Mann sie noch lieben? Er werde es nur scheinen ... oder sie wirklich lieben ... noch schlimmer für sie – denn dann war seine Liebe nicht Liebe des Menschen zum Menschen, sondern nur wie etwa Liebe zu einem schönen Hunde, an welchem man nicht den ganzen Hund, sondern nur das liebt, was ihn dem Menschen werth macht, nicht daß der Mensch alle Kraft seines Herzens, alle Gewalt seiner Seele aufbieten müßte, ihn genug zu lieben – wie ein Weib, und genug zu ehren, wie eine Mutter. Sie furchte sich also bang vor der reinen Gesinnung, dem himmlischen Verstande, dem götterhaften Willen ihres Gemahls; verzagte fast, blieb Tage und Nächte lang für sich allein, selbst ohne nach einem ihrer Kinder zu begehren – begehrte dann als Mutter doch ein Kind, die Kinder alle, drückte sie alle an ihr Herz, und trat dann so bescheiden, so weich und dienstbar, so kleinlaut, sanft und gehorsam unter die Augen ihres Mannes, daß er sie wunderbar befremdet lange ansah, aber schwieg; denn er verwunderte bloß sich erst über sie; da aber die himmlische Gestalt auch so mild zu ihm sprach: »Bist Du mir noch gut?« ... Da sie eine glühende, weiße Hand auf seine schöne, kalte Hand legte und frug: »Darf ich Dich noch lieben?« – »Oder doch die Kinder?« ... Da sie wehmüthig lächelte, leicht ihre Augen vor ihm schloß, und von ihm noch nie geahnete Gefühle sichtbar in ihren Lippen zuckten, und eine Bewegung, eine heilige Bewegung durch das ganze, ihm heut' erst wie fremde, und doch heut' erst ihm sich entschleiernde Wesen des Weibes vor ihm, rieselte; ein Zittern aus ihr in ihn überging, und ihn ein himmlischer Hauch anhauchte: – da bewunderte er sie auch. – Er beschloß, sie zu lieben, denn er konnte sich nicht erwehren, sie zu achten; es ward ihm klar, daß er sogar Unrecht thue, sie nicht zu achten, da es unmöglich sei, sie zu verachten. So mußte er den bösen Geist in sich mit immer mächtigern unabweisbaren Sprüchen beschwichtigen, mildern, bannen zum Stillstehn, zum Anhören, zum Zuschauen. Und einen Augenblick geschah es, daß ihm das Weib und die Mutter als bloße, aber unläugbar wahre, vorhandene und leibhafte Erscheinung der Natur als heilige Natur selbst hervor glänzte und da stand. Aber die Ehrfurcht war ihm fatal. Denn dann hätte er sich selbst wenigstens ehren müssen. Dazu aber saß er zu tief und zu fest im Gespinnst seines Lebens, das er, schuldiger wie die Kreuzspinne – aus seinem Herzen gesponnen hatte. Und vor Scham ward wenigstens sein Blut roth, wie das eines Fisches, wenn es auch noch kalt blieb, wie das Blut eines Haifisches. »Es ist mir nicht gegeben!« sprach er, und schlug vor Bedauern mit der Hand auf seine Lende. Und sein Weib verstand die Worte nicht ... und frug nicht.

Sie frug auch nicht, wie er mit ihrem Vater stehe, ob sie gleich wußte, daß ihr Mann so schlimm wie in Ungnade gefallen war, und schwere Untersuchung über ihm hing, da er als Reichshofmeister im Kriege auch Alles zu vertreten gehabt, und der Krieg im Kriege zwar Alles bedeckt und entschuldigt, der Friede aber nachher desto genauer und ängstlicher und ärmer in Muße voll Unmuth nach Allem fragt, so daß oft der Unbescholtenste bescholten wird, und schuldig oder träg, oder blind, oder doch sorglos und gewiß immer als ein machtloser, also alberner Mensch erscheint, der nicht alle Fische hat ersäufen können. zum so viel mehr bedurfte Ulfeld seiner Eleonore Vermittelung.

Darum und alles Andern wegen stand denn eines Tages, als er mit ihr aus dem Fenster sah, ein prachtvoll geschirrtes arabisches Pferd da, welches ein mährchenhaft schöner, reizend gebräunter arabischer Knabe von 14 Jahren, von seinem gleichfalls arabischen Pferde herab, am Zügel hielt. Und in der That, als die schönen Thiere wieherten, als die großen, weißen, mit großen, dunkelbraunen Sternen rollenden Augen des schönen Knaben Isaak zu ihr, als ihrer Herrin, empor blitzten, durchflogen sie Gedanken ohne ihren Willen, Gedanken: daß die Welt voll Schönes sei, daß die Welt groß und reich, und das Herz klein und arm, und das Weiberherz oft kindisch sei, und daß es außer dem Glück für das Herz eine Menge Glück gebe für den, der einen Magen dafür habe, und seinen ganzen Leib zu einem langen Magen erweitern könne, wie eine Boaschlange für verschlungene wilde Thiere aller Art; oder wie ein Polyp, aus einem Kopfe aber aus acht langen Schlangen voll Ansäugemäuler daran bestehend, mit jeder Schlange eine andere Beute halten, ja mit jedem Munde etwas Anderes genießen kann. Denn ihr geliebter Mann entschuldigte ihr ein solches menschliches Wesen. Sie empfand einen Augenblick den Neid der andern armen oder reichen Weiber: auch als eine besondere Art weiblichen Glücks der Beneideten, welches die Meisten mit Hintansetzung, ja mit Verachtung alles andern unsichtbaren Glückes allein zu erwerben trachten, ja oft durch die schlimmsten, verderblichsten Mittel sogar; und doch ohne lebenslange Reue, wenn sie nur kurze Zeit vor den Augen der Menschen glücklich geschienen. Die eigene Schönheit kam ihr als ein mit Nichts zu vertauschendes Gut vor; und die Gnüge: einen schönen Mann zum Manne zu haben, als die das Herz der Weiber am meisten erquickende Gnüge, obgleich keine einzige andere Frau den schönen Mann sich selber wünschen würde, wenn sie ihn kennte, etwa als einen Kopf mit acht Schlangen, und jede Frau sich gleich von ihm scheiden lassen würde, sobald sie sein Bittres erfahren, wenn die Schande nicht wäre, und die Lächerlichkeit des Betrogenseins; ... wenn nicht andre herzliche Bande das in Wahrheit zerrissene Eheband nicht nöthig machten ... wenn es im Leben nicht immer unmöglich wäre: das Leben auszubrennen wie ein Asbestkleid, und vor dem Grabe ein neues anzulegen ... wenn nicht Millionen auch nicht ganz Glückliche, einen Unglücklichen in dem großen Gewirr des Lebenstages mit fortrissen, wie ein Heer im Marsche zur Schlacht einen Weichling oder eine Soldatenfrau, welche der Schuh drückt, und die sich doch schämt, am Wege sich hinzusetzen, und ihrem Manne nicht bis in den Tod zu folgen; .... wenn ein abscheulicher, schöner Mann, nur im Ganzen abscheulich und unausstehlich, nicht an einzelnen Tagen und Theilen und in einzelnen Werken und Dingen doch so leidlich ausstehlich wäre ... ja so liebenswürdig, wie jetzt, da sie sich umsah, und im Zimmer auf dem Tische auch ein kostbarer Reitanzug für sie da lag! Schon der kleine, mit Brillanten besetzte, allerliebste Pantoffel, der vom Damensattel hing und sich schaukelte, war doch eines Danks werth; und ihr langer, magerer Mann stand so aufrecht, hoch vor ihr mit dem weißen Zifferblatt seines großen Gehäuses, daß sie auf die Zehen trat, und daß er die erhobene, schöne, schwebende Frau umarmte und schwebend hielt, und sie, an seine Brust gedrückt, ihn schwebend küßte. Als sie darauf, vom ersten Ausritt durch die Stadt, glühend noch schöner nach Hause kam, mußte sie alle genossene Bewunderung ihm doch vergelten, und er ihr wieder ihre Vergeltung durch Lob. Denn von allen männlichen Tugenden vergaß er die Eine nicht: zeitlebens bei jeder glaubhaften Gelegenheit sein Weib zu loben, oft auf eine fortwährende Art. – Denn er hatte auch einen niederländischen Maler kommen lassen, und bald prangte Eleonore lebensgroß, und lebensschön und bildschön zugleich, auf ihrem Rosse; und eine Frau, die gemalt ist, hält sich für gerettet und aufgehoben, ihre Jugend, und die Wahrheit zu sagen, Manche auch ihre Tugend und ihr Glück; sie mag sich verwandeln, das Leben um sie mag sich verwandeln, sie stützt sich im Innern getrost auf ihr Bild. Und war das Bild auch geschmeichelt und schämt sie sich bescheiden, und wird ihr die sprechende Aehnlichkeit eingelobt, so gleicht sie die geistigen Mängel des Lobenden mit ihren leiblichen Mängeln aus, und läßt ihn gut sein, wie sich – schön. Um ihr aber auch jedenfalls sichtbar zu machen, daß jeder lebendige Mann immer noch tausend Mal besser sei, als ein todter Mann, hatte sich Corfitz, freilich sehr schön und wunderbar, todt malen lassen: wie er auf seinem Lager liegt, seine und ihre Kinder um ihn knieen. Noch mehr aber als des Weibes Herz durch dies Bild, rührte er Eleonorens Tochterherz durch die gefährliche Mühe, ihre Mutter aus Boller zu erlösen. Die Mühe war gefährlich, weil der König schon ein Mal seine Gemahlin wieder zu sich genommen und sie durch ihr Betragen selbst Schuld gewesen, daß die Wibecke es durchgesetzt, sie wieder in ihr Kerkerschloß zu verbannen. Die Mühe war jetzt nothwendig; denn Corfitz wollte ... wie er seiner Frau vertraute ... sich nur noch erst rechtfertigen, und dann seine Reichshofmeisterei niederlegen, und Niemand erlöste ihre Mutter dann. Der König war ganz alt und besonders verdrüßlich geworden, weil in der Seeschlacht bei Femeen die von einer schwedischen Kanonenkugel losgeschleuderten Splitter ihm selbst das rechte Auge aus-, das linke Ohr weggerissen und die Vorderzähne eingeschlagen hatten, und dann noch dem Bruder des Corfitz, dem Oberschenken Kund Ulfeld, Grafen von Hermanitz und Baron von Grolitz, die Beine zerschmettert. Aber der König selbst war so tapfer gewesen, daß er, obgleich für todt hingefallen und mit Blut überströmt, zur Bemuthigung der um ihn Wehklagenden aufgesprungen, über den Kopf eine Mütze gezogen und unter der Mütze hervor noch die Schlacht gewonnen. Der Oberschenk Ulfeld nun hatte – weil sein Bruder Franz Ulfeld eine liebenswürdige Braut, Dorothea Daa, des Reichsadmirals Tochter, den Lebendigen verlassen müssen – sogar auf dem Sterbebett Hochzeit mit seiner Braut Anna Lützow gehalten, war gern und begnügt an der Hochzeit gestorben, der König war mit ihm zu Grabe gegangen und hatte die zwei vaterlosen Knaben, welche die einige Tage vermählte Frau als Wittwe dann geboren, an Kindes Statt angenommen. Dagegen hatte er die bloße Unachtsamkeit des alten tapfern Admirals Peder Galthe, daß er die schwedischen Schiffe aus dem Kieler Meerbusen entkommen lassen, in seinem Verdrusse so hart bestraft, daß er den 70 Jahr alten Mann zu enthaupten befohlen, obgleich er schon so hinfällig gewesen, daß er aus Altersschwäche beim Hinknieen vor dem Blocke umgefallen. Hannibal Sehested, der aus Vorsorge auf alle Fälle ein starkes Heer in Norwegen sich angeschafft hatte, in dem nach ihm genannten Hannibalskriege Wunder der Tapferkeit gethan, aus bloßer Begierde, durch glückliche und große Unternehmungen den Sieg – über seinen Schwager, den Reichshofmeister Ulfeld, zu erhalten, und nebenbei nur über die Schweden. Ja, er hatte dem Könige zum Kriegführen 36,000 Thaler geschickt und geschenkt, bloß weil der Reichshofmeister Ulfeld von seinen 3 Millionen baarem Gelde dem Könige keinen Blaffert nicht ein Mal borgen wollen. Hannibal war schon mehrere Jahre mit der Königstochter Christiana, einer kinderlosen Zwillingsschwester der Hedwig, verheirathet, und ihre verschwiegene, oft nur aus halben Worten errathbare Gunst für Corfitz, bewog ihren Mann, nur noch eiliger und ingrimmiger ihn zu stürzen und den Gefallenen völlig zu verstümmeln und todt zu treten. Jetzt also hatte der alte Günther durch ihn erfahren, daß Corfitz zu Anfang des Krieges keinen Vorrath, gradezu Nichts besorgt .. weil er an den Krieg nicht geglaubt, so daß man bei der ersten Schlacht noch auf das erste Pulver aus Polen warten müssen, und die erste Verwirrung zu Anfang einer Sache verwirrt sie bis zu Ende ... daß Corfitz 500 der kernigsten Seesoldaten vor dem Seezuge abgedankt, .... ja, daß Corfitz die Matrosengelder und sogar ihre Löhnung unterschlagen ... daß die Flotte durch seinen Geiz Mangel gelitten, ... daß im Arsenal kein Vorrath von Lebensmitteln, kein Schiffsgeräth zu finden sei, wohl aber das ganze Land voll falschen Gelds, das Corfitz aus Habsucht und Betrug, aber aus Schicksal auch mit den Worten » Justus judex« – ein gerechter Richter – schlagen lassen. Der alte, aufrichtige Günther von werkthätiger, nie müßig rastender Tugend hatte Alles aufrichtig dem Könige gesagt; doch Ulfeld hatte selbst am besten und ersten gewußt, ja Hannibal Sehested hatte es ihm heimlichst, freundschaftlichst und brüderlichst gesteckt, was wider ihn ernstlich im Werke sei, und warum er seiner Amtsverrichtungen zum Theil entsetzt worden. Corfitz hatte daher »die Ersparung« an dem viel zu leichten Kriegsgelde – damit es nicht außer Landes geführt werde – der Münze zu gut gerechnet; hatte sich mit Zeugnissen versehen: daß die Seesoldaten unbrauchbar gewesen; hatte das Arsenal in der Stille gespickt; und als jetzt der König selber schweigend mit ihm und Günthern dahin ging, und überrascht Alles in gutem Stande sah, sprach er weiter kein Wort, als: »Was hast Du denn, ewiger Günther!« Auf dieses Wort verlangte Corfitz dann höflichst seine Entlassung, und die Erlaubniß, ganz aus dem Lande zu gehn.

Der König sah ihn mit dem einen Auge an, und schwieg lange. In seinem Alter war der arme Mann in der peinlichsten Verlegenheit. Er hatte dem Volke helfen wollen, dem Volke alle Rechte geben, welche und wie sie nur der Adel allein zu unermeßlichen Schaden des Landes besaß; denn der edle, menschenfreundliche Herr lebte der Ueberzeugung, daß das, was jetzt nur Einige für sich erworben und erstritten, für Alle auf die Bahn gebracht, erworben und erstritten sei, und von einem gerechten, nur billigen, ja nur nicht höchst ungerechten König allen ihm auf die Seele gelegten Menschen zu Theil gegeben werden müsse, wenn sie es nicht mit Sünde und Schande entbehren, oder mit Unrecht und Schaden sich nehmen sollten. Er hatte mit dem Adel unterhandelt, dem Volke zu Liebe Unterthänigkeit und Frohnen und andere Plagen und Martern aufzuheben; er war, wie ein Blitz, von Schlachtrossen auf Schlachtschiffe, von Festland zu Insel, von einem Orte der Noth zum andern, von Gericht zu Gericht geeilt, war in 50 Jahren seiner solchen Wirksamkeit noch nicht müde und hatte nun erst den entschlossensten Willen recht; aber er hatte sich die Reichen und Mächtigen zu Feinden gemacht, und nichts, was er wollte, gelang; sie hatten im Kriege nichts gethan; jetzt wollten sie zu den großen Kriegsschulden, ihren Rechten nach, nur ein Trinkgeld beisteuern. Der König hatte sich eine engere Mauer durch seine Schwiegersöhne um sich her ziehen wollen, aber diese waren eben erst seine größten Feinde und die verderblichsten Widersacher unter einander selbst. Die königlichen zwei Kinder verachteten seine vielen Munkekinder, die Munkekinder die königlichen und die Wibeckekinder, und die verachtete Wibecke und ihre Kinder, als die Nächsten jetzt um den Königvater, boten noch Allen den größten Trotz. Corfitz Ulfeld aber hielt Alle ruhig durch seine Uebergewalt und Kunst. Außer Corfitz war nur noch der redliche, freigesinnte Joachim von Gersdorf, ein Sachse, aus Gröditz in der goldenen Aue der Oberlausitz stammend, zum Reichshofmeister tüchtig und über Corfitz gewissenhaft und brauchbar; aber weil er ein Ausländer war, durfte ihn der König jetzt kaum die Stelle geben, des Adels wegen; obgleich der Adel insgesammt den Corfitz Ulfeld auf's Bitterste haßte. Mit jeder Erhöhung war sein Stolz und seine Herrsucht gewachsen, ja angeschwollen, und zur Befriedigung seines unmäßigen Ehrgeizes waren auch sein Eigennutz, sein Geiz, seine Ungerechtigkeit wie Dämonen hinzugekommen; sein unbändiger Jähzorn und die unbezwingliche Rachbegierde machten ihn seinen Feinden fürchterlich, und selbst seinen Freunden gefährlich. Als Reichshofmeister vollends über Alle erhoben, hatte er gegen Alle seines Standes ein gebieterisches Wesen angenommen, und ein sehr gefälliges und freundliches Betragen gegen Geringere. Seine großen, ungeheuern, zusammengehäuften Reichthümer erwarben ihm den Neid und den Haß des Adels; seine vielen Neuerungen, seine Rückschritte, die alten, schon halb verloschenen Unbilden des Adels wieder aufzufrischen, sein Friedensschluß zu Bremsebroe mit Schweden, sein hoher, drückend und grausam ausgeführter Oeresunder Zoll, der den Krieg veranlaßt, und sein falsches Geld, wodurch er im allgemeinen Elend sich selbst bereichert, – erwarben ihm den Haß auch des Volkes.

»Ich oder Günther!« wiederholte Ulfeld, vor dem König sich tief verneigend, und zeigte dann auf sein Schiff im Hafen, das schon bereit liege, ihn fortzuführen mit seiner Frau. –

Diese war des Königs Tochter, und er ließ ihm sein Kind nicht allein in der Fremde, so lange er lebte. Er gedachte der Verlobungsrede, die er ihm gehalten; er gedachte an die Fürbitte, welche sie jetzt kurz zuvor mit inbrünstigen Worten für ihn gethan. Er wog den Adel; er wog seine Feinde; er maß die Spanne seiner übrigen Jahre; er erinnerte sich, was Ulfeld auch genutzt, und daß bloß durch den hohen Zoll Geld zu erlangen war; er bedachte, was er als Fremder, als Feind, Alles schaden könnte und würde; er sah mit einem Auge, wie er sich immer zu helfen wußte, denn das Arsenal war gefüllt –. Er zeigte es Günthern, der Erläuterung darüber zu geben versprach – und der König erließ sie ihm. Dazu meinte Günther: Ich und die Wahrheit verschweigen, das paßt nicht, das geht nicht; wo er die Wahrheit nicht sagen soll, da ist der Staatsdiener abgesetzt, todt! Der Staat ist todt! Da bin ich schlechter als ein Fisch, der nicht reden kann: ein Liebediener, kein Königsdiener, oder, wenn ich der zugleich bleiben soll ... zugleich ein falscher Angeber, ein dänischer Halunke, den es nicht geben kann ... der den Strick verdient ... den es nicht kosten kann! Oder meinetwegen!

Und der König entließ den treuesten Diener, der darauf vor Treue und Schmerz mit seinem Stocke stampfte ... und der beleidigte König faßte ihn mit zwei Fingern an kaum sieben Haaren des alten Mannes und führte ihn hastig zum Thore des Arsenals hinaus, so daß Günther sein Hütchen unter dem Arme verlor, das der Reichshofmeister lächelnd aufhob und ihm es verbindlichst nachtrug.

»Mein Kind, mein armes Kind! daß Du mich nun bald begraben sollst, und Thränen um Deinen Vater vergießen! Mein himmlischer Vater, vergieb mir das Wort!« sprach der gute, alte Mann, und schritt, wie sonst, gravitätisch mit seinem Stocke dahin, daß ja die Leute, oder gar seine im Fenster auf ihn wartende Tochter nichts an ihm merken sollten ... aber er wankte und schwankte doch vom Lebensweine und Hoftractamente satt.

Der König sah ihm nach.

Corfitz sah ihm nach; denn er dachte, daß er zu seiner Tochter Jolessa ... wanke. »Ich oder Günther«, dachte er stumm. Freilich. Aber sogenannte Großmuth ist mir nicht gegeben! Himmlischer Vater, vergieb mir oder Dir auch dieses mein Wort! Soll ich für ihn bitten? Einen Fußfall thun? Ja, wenn es mir Etwas hülfe – aber ich bleibe ich, und Jolessa bleibt Jolessa. Ja, es ist auch eine Freude die Schadenfreude. Aber nein, die fühl' ich nicht ... ich fühle nicht Leid, nicht Mitleid um sie .... sie leidet, sie stirbt um ihren Vater, oder doch mit ihm, doch nach ihm gleich .... und ich habe sie gedemüthigt; das hat sie empfunden; sie hat mich mächtig, über sich mächtig in der Welt empfunden, und ihre himmlische Schönheit, ihre göttliche Güte sind ihr einen Augenblick nichts ... sie sind nichts ... und wenn sie zurückkommen zum Herzen mit ihrem Blute, wenn sie sie warm und heilig ergreifen, wie nie zuvor, dann habe ich sie so hoch zum Engel erhoben. Und ich sehe sie im Sarge ... und ich kann ahnen, und vielleicht auch begreifen, wie unaussprechlich erhaben sie ist in dieser Ruhe, wie unaussprechlich rührend die vor den Augen versinkende Schönheit ist ... ich schaue: wie hoch sie über mir steht, also wie hoch sie steht; und was ich auch jemals gethan habe. – Nichts Seligers hab' ich mir jemals gethan .. als diese Göttliche stumm in das Grab getreten. Oder überlebt sie den stummen, vielleicht unbegriffenen Tod des Vaters, und sie käme als Bettlerin zu mir, und ich könnte ihr den Blaffert – verweigern, ich machte ihr ein Kreuz in die schöne, feine, dargereichte Hand, und dann seh' ich sie blaß und weinend von mir gehen, und sehe ihr nach, und sinke hin! Oder ich bin König, und sie wird meine Königin! ... Aber, mein Gott, dort führt sie sich den alten Vater herein und trägt ihm den Stock! ... O Welt, o Welt! Ist das Menschenherz nur ein blutrother Edelstein aus deinem unermeßlich reicheren Schatzhaus, dann behüte mich Gott vor dem Sterben; – denn welcher Mensch erträgt die über ihn herein brechende Seligkeit! Es gehört ein Gott zum Sterben! Ein Mensch stirbt nur lumpig als Lump, und lebt als Lump, als lumpiger Bettler. Und also lebe Du weiter, Corfitz! –

 

Der König nahm zwar dies Mal seinen Schwiegersohn unter den Arm, und ließ sich von ihm nach Hause führen, damit er jedes Gerücht von Ungnade im Keim erstickte, aber fand doch gut, und sagte seinem Schwiegersohne, daß er sogleich nach Holland und Frankreich als Gesandter ginge, um etwas Wichtiges auszurichten, welches ihn »bei dem Könige« und dem Volke wieder »in die alte Achtung« setzen könnte.

Als aber seine Tochter Eleonore zur Mitreise sich bei ihm beurlauben kam, sagte er ihr nur: Meine liebe Tochter, Du weißt nicht, wie viel man um seiner Kinder willen erträgt und thut!

Sie aber entgegnete erröthend und leis', als einzige Klage: ... Ich weiß!

Du weißt? Nun wohl. Dann weißt Du auch, daß Ruhigsein, äußerliches Nichtthun die größten, schwersten Thaten der Seele sind, und daß der immer Versöhnliche und gegen Alle – »Keinen ausgenommen« – immer Milde der tapferste Held ist, der eine Krone oder sonst etwas dergleichen Schönes verdient.

Eleonore erröthete wieder. Denn ihr Vater gab ihr ihren kostbaren Diamantengürtel lächelnd zurück, und ein Pergament, worin »dem nachfolgenden König« verwehrt war, von ihrem Gemahl Corfitz Ulfeld Rechnung, Vertretung oder Verantwortung zu verlangen. Dies Pergament sollte sie aber geheim bei sich bewahren. Das Andre befahl die Freilassung ihrer geliebten Mutter, Christina Munke zu Boller. Das sollte sie dem Corfitz geben, der es ausgewirkt. – So verwies er sie still zu Dank und Liebe gegen ihren Gemahl.

»Dem nachfolgenden König«? ... stammelte fragend Eleonore mit vor Zärtlichkeit schmelzenden, bangfeuchten Augen

Nun, mein Kind, sprach er, kehre Du mir gesund zurück, daß ich die Freude habe, Dich wieder zu sehn!

»Der Vater meint ... ich soll ihn gesund wieder finden ... ich soll die Freude haben! O, mein Gott, gib sie ihm! Gib sie mir! ...« betete Eleonore still bei sich; und aus Furcht vor dem greisenhaften Aussehn ihres Vaters und aus Furcht vor seinen grauen Haaren, fiel sie vor ihm auf ein Knie; aber er hob sie nicht auf, sondern er legte nur die Hand auf ihre vollen Haare, und sprach in erhabener Haltung: Fürchte das Alter nicht; es sieht nur schrecklich aus an geliebten Menschen; dem Alten selber bedeutet und bringt es auch die Ruhe – auch Dir dereinst. Merke Dir diese Worte, mein Kind. Man muß also bloß die Geliebten bloß recht lieb haben, recht lieb behalten, um ihnen die Ruhe zu gönnen. Dann sind sie glücklich – dann sind es ja wir. Ich spreche nur so, als wenn Du alt wärst, furchtbar und furchterregend alt .... und ich könnte Dich noch lieben! –

Eleonore war außer sich. Denn dann war ihr Vater ja hin. Sie war schnell von ihm gegangen, hatte Schmuck und Pergamente vergessen, und der König kam am Abend selbst, brachte sie ihr, brachte allen ihren Kindern reiche und erfreuende Geschenke, ließ die Knaben auf seinem Knie reiten, und putzte die kleinen Mädchen selbst mit den Geschenken an. Und nur ein Mal sagte er noch ein Wort in tieferm Sinne zu der glücklichen Mutter: Verstehst Du jetzt den Vers aus der Bibel: »Wohl dem, der Freude an seinen Kindern hat!« Wenn in jedem Verse der Bibel eine solche überirdische Seligkeit liegt, so leben wir Menschen ja eigentlich gar nicht auf Erden.

Und die Nacht dann weinte sie zum ersten Mal unentschiedene Thränen vor Fülle des Herzens; denn ihr war wie einem Kinde, das im Winter den frierenden Fluß rauchen sieht und glaubt, er brennt; oder wie Jemandem, der im Nebel steht, und nicht weiß, ob er fallen wird und funkelnder Thau sein und den Himmel blau zeigen; oder steigen, und den Himmel verhüllen und regnen, lange Tage.

Darauf reiseten sie mit Doctor Sperling und Waldemar nach Holland und Frankreich. Selber ein Blinder will nicht gern eine garstige Frau haben – denn er stellt sich erst rechte Wunderdinge unter dem Worte vor –, ein Sehender gar nicht; und alle Mädchen werden nur darum verthan, weil Jeder eine Andere, das heißt die Seine, hübsch findet und doch wohl ein Mal im Leben sie einen Engel nennt. Ein Mann, der selber überzeugt wäre: deine Frau ist grundhäßlich, von Allen anerkannt grundhäßlich, der würde wenigstens Lust empfinden, sich scheiden zu lassen. Ulfeld hatte nun gern eine solche schöne Frau, welche zu sehn, Tausende, Männer und Frauen, zusammen liefen. Zumal in Paris. Er bereitete sich selbst dieses Fest gern, er bereitete es so lieblich und oft als möglich auch gern seinem Weibe, zu erquickendem Ersatz für vergangene Leiden, und zu herzstärkender Labung in geheimnißvoller Zukunft. Und in der That gab sie durch sich selbst ein reizendes, himmlisches Fest, und sah und empfand und genoß, was sie war, aus vielen, schönen, schmachtenden Augen – dem liebsten Spiegel der Weiber; die Schönen lächelten sie an, die Armen staunten sie an, und die Häßlichen machten vor ihr ihr barbarisches, finstres Gesicht, um sich nicht merken zu lassen: sie reize die Schönheit, während verborgen ihr Herz still blutete; und sie grüßte die Garstigsten immer am holdseligsten, daß Einige vor Grimm oder Hohn oder Spott über sich selbst und die Welt helle-laut auflachten. Selber der König Ludwig XIV., der damals noch ein bloßer Junge war, schrieb ihr vielleicht seinen ersten Liebesbrief, welchen Eleonore, von vielen andern begleitet, und als schön gebundenes Buch in Quarto, ihrem Gemahl zu seinem Geburtstag gab. So sie rein im Herzen, auch rein vor ihm. Er aber hatte auch immer gewünscht, vor seiner Frau ganz offen und ehrlich zu leben, sie um jedes kleine oder große, widrige oder liebe Unternehmen oder Unterfangen wissen zu lassen, ja sie sogar bei Allem zu seiner Rathgeberin und Freundin zu machen – aus seiner Frau. Ihre Liebe sollte die vollständigste Entsagung, die vollkommenste Einseitigkeit sein. So übermenschlich hoch schlug er sich an, aus unübertrefflicher Eitelkeit und Einbildung. So untermenschlich, so unterweiblich schlug er sie an, aus dem leeren Gefühl seines Alleinwerths. Aber sie war ganz und voll seine Frau. Er war nicht ganz und rein ihr Mann. Er mußte sich selbst für sich behalten, und hatte eine Ahnung, daß der Mann, der schlecht seiner Frau Schlechtes vertraut und vertrauen darf und soll, keine Frau hat, sondern etwa nur einen Kleiderhaken, der von Eisen oder Bronze, sich ruhig Nachtmützen, Schlafröcke, Hosen und allen häßlichen Plunder gefühllos anhängen läßt, und gefühllos trägt – bis er bricht. Und ein Kleiderhaken hat auch keinen Mann. Eleonore hatte aber doch ihres Mannes Bild, sein Spiegelbild aus der Welt, das reizende Seegesicht desselben, hoch und still und wunderbar in dem, mit unsichtbaren, ja farbigen Dünsten erfüllten Himmel ihrer Seele. Sie war so glücklich, um unglücklich werden zu können; denn Millionen gelingt es nicht ein Mal, unglücklich zu werden – was bei Menschen so heißt – weil ein Gott ihnen nur das allgemeine, schöne, selige Leben der Menschheit gegönnt, und sie weder durch Schönheit noch Gaben ausgezeichnet – wie Lämmer zur Schlachtbank. Denn Ulfeld selbst, voll Menschenkenntniß aus Selbstkenntniß, führte oft das Wort im Munde: Die meisten Schönen, Reichen und Hochbegabten sind Selbstmörder; viel weniger schonen sie Andre.

Corfitz hatte auch zu viel Belege dazu gesehen, wie schändlich manche, besonders hübsche, junge, selbst verheirathete Doctoren die ihnen mit den kranken Frauen zugestandene Vertraulichkeit, dann an den Geheilten, Gesunden mißbrauchen, wie Beichtväter des Leibes, da sie den Leidenden und Hoffenden, halb aus Unwissenheit, halb aus Verzweiflung als tröstende, rettende Engel erschienen sind, und den Nimbus dann noch um den Doctorhut behalten – wie Corfitz sagte. Aber mit Doctor Sperling ließ er seine Eleonore allein nach England reisen, ob Sperling gleichwohl sie liebte, ja in seine Schülerin verliebt war, wie in die eigene, großgewachsene Weisheit. Dieser ehrliche Doctor aber war theils zu redlich von selbst – obgleich seine eigene Frau sich aus Eifersucht schon das Leben genommen, weil sie gegen eine gewisse, verdächtige, kleine Hofdame den Mund vor Wuth nicht öffnen können, oder aus Respect vor sich selbst, den Besen nicht brauchen mögen, – theils fühlte er gegen seinen Beschützer, Wohlthäter und Gönner zu viel Dankbarkeit und Neigung, die eigentlich Freundschaft war, als daß er nicht eher andere Feinde von Corfitz's Haupt und Krone – der schönen Eleonore – wild weggescheucht hätte, als selbst – wenn ihr die Möglichkeit abzusehen gewesen, sein schändlichster Feind zu werden. Auch hatte Sperling einen kleinen Sohn; und vor Schmerz über seines verlornen Weibes Schmerz war er sonderbarer Weise dessen Mutter geworden und lebte außer dem Hause im Geiste, und im Hause auch leiblich so sehr als sein Weib, daß er sogar oft die Kleider seiner Frau anzog, den kleinen, armen Sperling auf dem Arme trug und bitterlich weinte, wenn das Kind ihn Mutter hieß und die Haube zerzausete, daß er nicht weinen sollte.

Ulfeld blieb indeß selber dem Könige ungehorsam in Holland, der ihn indessen von seinem Hofamte absetzte, was Corfitz Alles gut sein ließ; denn er dachte nun weiter; denn das Glück verschwur sich zu seinem Unglück; er stellte Netze, in die er dann selbst fiel, und bereitete dem Herrscher von Dänemark Glück und Freiheit, die dann ein Andrer genoß. Während er für auszutheilende Orden große Präsente eingestrichen, und seinem in Haag geborenen Sohne Leo von den Generalstaaten eine lebenslängliche jährliche Rente von 1000 Carolin zu Wege gebracht, und große Geschenke dänisches Geld an die einflußreichsten Männer ausgetheilt, um sie für Dänemark zu gewinnen, indem er sie dadurch zugleich für sich gewann und zu gewinnen gewußt, und für Abschließung des Sundzolltractats heimlich sehr große und öffentlich mäßige Geschenke empfangen – waren Briefe an ihn unter Sperlings Adresse, von seinem vertrauten Beichtvater, dem Magister Simon, eingegangen, deren Inhalt er seiner Gemahlin auf der Rückreise zur See verschwieg. Denn er selbst glaubte gut zu sein, war aufrichtig und dachte redlich, also vor Allem auch gegen sein Weib, nur daß seine Güte wie seine Redlichkeit die Farbe seines Charakters, seiner Sitten und seiner Gewöhnungen trug, welchen zu Folge er lieber als Jünger dem Epikurus oder dem Alcibiades nach gewandelt wäre, als etwa selber dem Judas Ischarioth vor, da dieser doch das Edle und Gute geschaut hatte, sonst hätt' er sich nicht gehangen. So versprach sich denn Ulfeld die größte Freude seiner königlichen Frau durch die Mittheilung seines fast unfehlbaren, lange bereiteten Planes. Endlich mußte sie wissen, was sie geahnet; sie mußte dazu sprechen, wozu sie geschwiegen, und eine Menge neuer Gedanken, neuen Rathes und neuen Lebens mußte ihm aus ihrer erweckten Seele zugehen wie Jemandem, dem eine lange, wie todt abgestorbene Hälfte, die linke Seite des Herzens wieder reg, warm und lebendig geworden. Da sie so lange an ihn gewöhnt war, selbst an die Angst um ihn, an die Furcht vor ihm, an Erschreckendes von ihm, konnten ihre Gedanken und Gefühle denn jetzt nur Wahrheit werden ... also etwas Sicherers, Geringerers, Beschwichtigenderers als ihre Phantasien ... und da sie ihm liebte, mußte sie ihm helfen, Dem in ihm helfen, was sie an ihm liebte, und dieses beschützen, damit es mit dem Uebrigen ihr nicht zugleich untergehe; wenn es ihr mißfiel, wenn es sein Unglück ward, konnte sie nur leiden – aber das Leid war gut zu machen durch Liebe, ja wenn sie ihn als Frau auch gehaßt hätte, so mußte die Mutter der Kinder doch schweigen. So schien er sie zu kennen, ja er vermuthete selbst ihre Freude; denn sie war eine Königstochter, an Höfen erzogen, die großen Spiele aller Art gewohnt; und jetzt kam sie erregt und durch und durch noch glühend mit ihm aus der großen Welt. Und einen Vorzug hat ein Mann, der wie von seinem Leben überzeugt ist, das er unfehlbar das rächen wird, was ein Andrer ihm anthut, ja sogar das, was er Anderen anthut, und was nicht gelingt; ein solcher Mann fühlt sich sicher und ruhig, und singt wie ein Mann im feurigen Ofen; und auch Corfitz und Sperling sangen jetzt auf dem Schiffe im Anblick der Stadt Copenhagen. Denn je schlimmer und schwerer etwas Bevorstehendes oder selbst Gegenwärtiges war, desto leichter, ja lächerlicher machte er es Andern – aus Seelenstärke und kühler, beherrschender Ansicht, was ihn aber oft als unverstanden von denen, die es bedrückte, Haß zuzog.

Sie standen auf dem Verdeck. Alle Glocken von allen Thürmen von Copenhagen und von den Dörfern umher hallten. Die Menschen – in die steinernen Spitzen verborgen – gossen ihrer Herzen Trauer unsichtbar in die sichtbare Natur aus; mit demselben Recht, wie etwa ein heißer Berg raucht und Dampf verbreitet, den eben so der Wind annimmt und verweht, wie hier jetzt den Trauerhall.

»Mein Vater ist todt!« sprach Eleonore, mit einem hastigen Schritt zu Ulfeld.

Der König lebt, entgegnete dieser; aber er muß binnen kurzer Frist auch sterben, wie der kundige Sperling behauptet. Da Dein Vater also das Frühjahr gewiß nicht erleben wird ... deswegen habe ich ihm gerathen, die Stände des Reichs zur Wahl eines andern Thronfolgers zu dem fast immer gebrauchten, bekannten 17. April künftigen Jahres einzuberufen.

Also mein Bruder ist todt: Christian V.! seufzte Eleonore, und weinte redlich um ihn.

Aber Dein Bruder Friedrich ist noch da – und Ich komme; König wird jetzt, wer das Glück hat, Eleonore! Mein Weib! – Und als er sie geküßt hatte, fuhr er fort: Dein Christian ist nur in Körbitz bei Dresden gestorben, und heut' bringen sie seine Leiche, seinen Magen und seine Kehle, an denen er gestorben ist – die Zunge nicht zu vergessen; zu Tode gelebt aber hat er sich hier ...

... Und Du hast ihm so viele, und was für Gastmäler, gegeben! Die Trinkgelage erst recht in Gang und Zug gebracht, Corfitz! sprach Eleonore, ihm drohend.

Er aber entgegnete ihr lächelnd: Sind nicht sogar Viere vor Kurzem an Einem Gastmal gestorben, wobei man den Kaiser schwächen wollte: Otto von Holstein-Schaumburg, und Banner, der Herzog Georg von Braunschweig und der Prinz von Hessen!

Aber mein armer Bruder Friedrich! Nein, Du bist entsetzlich! Wie muß meine Liebe zu ihm nur lauter Verrath erscheinen! Die Stifter hat er verloren; die Krone bekommt er nicht; denn als zu rechtschaffen und einfach und peinlich-ehrlich ist ihm kaum Jemand gut.

Er soll gute Tage haben, um die bösen Tage des Königseins gern zu vergessen. Und, hast Du vergessen, Eleonore, hat er vor unserer Reise mich wollen zum Pathen bei seinem kleinen Christian haben, weil ich, ich – damals in Untersuchung – das Kind ihm verwahrlosen könnte, wenn ich meine »untreuen Finger« auf das unschuldige Köpfchen legte! Denn, hat er gesagt: Wer schlechte Pathen zu seinem Kinde bittet, ist selber schon so verwahrloset, daß ihm ehrliche und unehrliche Leute, Ehebrecher und Ehehalter einerlei sind, selbst zu den heiligsten Dingen! Wer also schlechte Pathen bittet, wird also auch sein Kind schlecht auferziehen, dazu braucht es keinen Tycho Brahe! Verdient der Herr Friedrich nicht, daß er ... nicht Herr wird, und nicht Herr über mich und Dich! Gott, wenn Du Deine Fahnen alle, die blauseidne, die carmoisine, die Lyoner-Spitzenfahne, die perlenbesetzte Fahne – ich meine Deine Kleider – alle vor seiner Frau Sophie Amalie streichen, und sammt den Schleppen auf der Erde vor ihr, das heißt hinter ihr herum wischen solltest, wie sollten mir da schon die Fahnen leid thun, geschweige die Frau Herumwischerin – meine Frau! – Himmel! Du! – Teufel! Und weiß ich nicht jedes seiner Worte von unserem Diener Langemack, den ich gern in Dienste genommen, da ihm Sophie Amalie aus dem Hause gejagt, weil er eine schöne, kostbare Schale am Kindtaufen zerschlagen, und Dir das Kleid begossen.

Es ist wahr. Es ist Alles wahr; sagte Eleonore getäuscht. Selber Ulfeld wußte aber nicht, daß dem Langemack befohlen gewesen, an Eleonoren so zu thun, um ihn mit offenbarer, glaubhafter Ursache wegjagen zu können; weil ihn Ulfeld als beleidigten, also redseligen Diener gewiß aus Schlauheit aufnehmen würde; und jetzt bei Ulfeld erhielt er doppelten Gehalt von der Prinzessin Sophie Amalie, als ihr Aufpasser und Aufhörer in Ulfeld's Hause; und sogar jetzt stand er nicht fern von dem Paare.

Und auch mein armer Bruder Waldemar, seufzte Eleonore, der sich ganz auf Dich verläßt, dem Du Hoffnung gemacht ...

Waldemar wäre freilich ein lumen mundi, wenn er ein Esel wäre; versetzte Corfitz. Willst Du wirklich mit diesem als König die Dänen bestraft sehn? Lache nicht erst sichtbar, denn heimlich lachst Du ja doch! – Er soll nur Deines Bruders Friedrich Anhang mit unterdrücken. Was ein Mensch für sich thut oder zu thun glaubt, das thut er am eifrigsten; diese wahrste Eigenheit ist der Hauptgrund, daß selber das Hornvieh so gern Gras frißt, und die Gänse sich nudeln lassen; ich meine das Volk, selber den Adel, der schon wegen Galthe's Enthauptung und tausend Beeinträchtigungen, besonders darum auf Deinen Vater höchst empört ist, weil er eine Verordnung gegen die Müssiggänger erlassen, die der König ohne Unterschied der Personen mit Gewalt ausgeführt haben wollte ... und welche am Adel natürlich scheitern mußte, wie Dein ganzer Vater! Doch ist er nun bald im Hafen. Mußte er nicht zur Beruhigung der Gemüther erlauben, daß der Adel auch Heringe fangen dürfe? und daß ein Bürgerlicher, der einen Adlichen im Zweikampf erstochen, nicht in christliches Erdreich begraben werden durfte ... also bloß ein göttliches! Laß mich nur machen! Ich will sie Alle! Mein Nachfolger soll es gut haben ... wie viel hast Du Söhne, liebe Eleonore?

Ach, seufzte sie, denke auch an ein Wort meines Vaters: »Der Teufel durfte unser'm Erlöser und Seligmacher die ganze Welt – also auch Dänemark, Norwegen und Schweden – weisen und versprechen, da er ihn anbeten wollte: warum sollte er es nicht einem Menschen anpräsentiren dürfen?« Dabei wies sie ihm mit der Hand in den blauen Himmel, als zeige ihm ein guter Engel andere Herrlichkeit, und sank, auf eine nicht auffällige Weise, auf ein Knie vor ihm nieder, während sie vor Andern nur nach Etwas zu sehen schien, aber ihre Augen standen voll Thränen. Corfitz lachte das weg. Sie lächelte über sein Lachen und sprach: Denke an Frau Wallenstein!

Er mußte über den Titel »Frau Wallenstein« lachen und sprach: Wallenstein hatte noch dummen Respect und Furcht. Ich kenne Keines! Er konnte die Bedientenseele nicht ausziehn. Ich habe sie nie angehabt! Ich gehe den Weg Rechtens, und Du weißt nicht und die Welt glaubt nicht, wie vieles himmelschreiende Unrecht Richter und Inhaber von Richtern verüben, und Andern, als denen, die über sie die Hände winden und weinen, die freundlichsten, redlichsten Leute scheinen, und nur von ohnmächtigen, dummen Teufeln verflucht werden, ohne daß sie je ihre Sünden gut machen können. Ich kann, ich will sie gut machen, denn ich begehe keine, – Dänemark ist ein Wahlreich. Amen! Cromwell hat unseres alten Christian's Schwestersohn (Carl I.) jetzt hinrichten lassen; die Nachricht bringst Du brühwarm aus England, und ein Mann, wie Cromwell, fällt nicht. Nun Amen, Amen!

Jetzt begann für den König, gleichsam zum irdischen, schlechten Lohne seines langen, sauern, unerfreulichen Amtes eines Königs, noch gar sein unruhvolles Sterbelager. So wie es durch Sperling bekannt war: »der König kommt nicht mehr auf«, so starrten die Menschen eine Zeit in den blauen Himmel, und suchten alles Irdische daran und darin zu schauen, und es verging davor, wie Rauch, und die Eitelsten verderben sich ihre weltlichen Augen an der wieder einmal ihnen wunderbar erscheinenden Himmelsveste. Dann wollte der Unbelohnte noch seine Belohnung; der Bestrafte Vergebung; unausgefertigte Gnaden und Ungnaden sollte der müde Mensch, der noch König hieß, mit zitternder Hand ausfertigen, und nicht über das elende, eitle, erbärmliche Menschenvolk lachen, sondern ihm freundlich den letzten Unsinn verzeihen: noch aus den honiglosen, leeren Zellen eines gestorbenen, öden Bienenstockes wenigstens Wachs zu pressen. Selber Corfitz, der sich aller Gewalt bemächtigt, und als Herr im Pallaste umherschritt und befahl, abwehrte und zuließ, rieth und widerrieth und des Königs männliche Amme war, selber Corfitz sprach zu sich: wie beneidenswürdig, ruhig und selig stirbt ein Bettelmann gegen einen König .... vielleicht lebt auch ein Bettelmann beneidenswürdig ruhiger, ja seliger! Wenn der König die Klingelschnur wiederholt nach den Dienern, den Aerzten, den Geistlichen zieht, ist der Pallast nicht wie eine Mühle! – und das Getreide im Kasten über den Mahlsteinen ist abgelaufen, und der leere Kasten klingelt mit der Glocke ängstlich nach dem Müller oder nach dem Bescheider: »Schütte frisch Korn auf! Schütte frisch Korn auf!« Hu! Mir grauset! Das will viel sagen: Mir! grauset! Das will mir viel sagen: Mir!

Desto entschiedener wies er des Königs einzigen königlichen Sohn Friedrich, den von demselben gewünschten Thronfolger zurück, und der Vater mußte sterben, ohne sein Kind noch ein Mal gesehen zu haben. Gleichwohl frug der Vater oft nach ihm, warum er nicht ein Mal komme? nicht ein Mal nach ihm frage, wie doch wohl ein Bauersohn thun würde, glaube er zur Ehre der Bauern, die doch Menschen wären und er doch ein Vater! Und der bescheidene Prinz fiel nur ein Mal Ulfeld zu Füßen: ihm seinen Vater, bloß seinen Vater noch ein Mal lebendig sehen zu lassen; als es aber umsonst war, kam die gute Seele wohl immer mit ihren Menschenbeinen wieder, ging aber bescheiden mit ihren Menschenbeinen wieder fort, wenn ihm Corfitz wieder gesagt: Ein Wort wie tausend! Dann weinte die gute Seele aus den Augen des Sohnes, der sie zu sein glaubte und der Natur nach war. So ließ Ulfeld auch des Königs Wibecke nicht mehr vor ihn, weil sie seiner Schwiegermutter Freilassung hintertrieben und überhaupt sie gestützt hatte. Dagegen durfte eine alte Hexe, Catharina Regenhold, noch ein Mal vor ihn, die der König früher hatte verhören lassen, weil sie angebracht, die Wibecke wäre von Einem behext worden, der den König vergeben, und Land und Leute verrathen wollte. Sie brachte die Hälfte eines Hemdes der Wibecke wieder aus Malmoë, wovon sie die andere Hälfte vergraben hatte, und nun die bloße Behexung derselben bestätigte; da doch kein Zweifel war, daß Jemand die Wibecke vergiftet hatte, woran sie gesiecht, bis sie bald nach dem Könige versiechte, aber sterbenskrank nach Rosenburg abgeführt wurde auf Ulfeld's Befehl, und dort vom Scharfrichter begraben, allen Feinden von Ulfeld's Frau, seiner Schwiegermutter, und allen Feinden von ihm zum erschreckenden Zeichen! Wibecke machte jedoch durch ihren Tod Ulfeld's Rache unmöglich, sie so lange schmachten zu lassen, als sie seiner Eleonore Mutter, Frau Kirsten Munke zu Boller hatte schmachten und trompeten lassen. Als aber Frau Kirsten Munke den König todt im Sarge sah, sprach sie: Wer hätte geglaubt, daß ich um König Christian Thränen vergießen würde! – Sie hatte vorher ihn nie geliebt. Wer aber die Frauen kränkt, den fangen sie an zu lieben – denn er muß sie geliebt haben. Und das rührt sie.

Ulfeld war nun Zwischenkönig, und brauchte alle seine Gewalt und Kraft. Er ließ ausfertigen, daß seine Frau eine eheliche Tochter des jetzt höchstseligen Königs sei, als er noch nicht höchst selig gewesen; ließ Norwegen aufreizen, zu erklären, daß es nicht erblich, sondern auch ein Wahlreich sei. Aber endlich mußte er doch mit dem Wort heraus: Ich will König sein. Nun war auch Waldemar sein Feind, den Sperling nicht todt beißen konnte, und der Magister Simon konnte den Haß und die Verachtung eines so geizigen, betrügerischen Königs, wie Ulfeld, nicht aus dem Volke predigen lassen, und Ulfeld's Freunde den Neid und die Furcht aus dem Adel nicht bannen. Vorzüglich hatte er mit dem Bischof von Seeland, Dr. Brochmann, über die Reichsinsignien gestritten und sich dieselben leiblich schon angemaßt, als wenn sie nicht bloße Zeichen wären; und der Bischof hatte ihm die leibliche Krone und den leiblichen Scepter gelassen, aber die wirkliche Krone, die eine Geisterkrone und eine Willensmacht ist, unsichtbar in den Händen zu Wasser gemacht. Alle wählten also am Wahltage lieber den ungeliebten Prinzen Friedrich, als den verhaßten, bekannten Ulfeld zum König, der demselben aber eine solche Capitulation zum Unterschreiben und Beschwören aufsetzte und vorlegte, die Ulfeld unannehmbar schien, und welche Friedrich aber – beinahe, um nur Brot zu haben, das heißt: Schloß, Holz, Wagen, Pferde, Braten, Salat, Wein und Ehre – zu Ulfeld's und Aller Ueberraschung und Erstaunen doch unterschrieb; und Ulfeld hatte die Ehre, den Prinzen als König zu begrüßen, und Eleonore die Prinzessin als Königin. Diese Ehre kostete ihm aber bald das Leben. Doch – vor der Hand – ließ er nur die schöne Ehrenpforte auf dem Amagerplatze, durch welche die Königin auch fahren sollte – nach Ulfeld's vor Aerger beißendem Worte »wie Kunstbereiter ein geputztes Pferdchen zur Belustigung des Volkes durch einen Reifen springen lassen« – die Nacht zuvor wegreißen; und Eleonore, die zum Kunst-Kasper, – einem in Chemie, Münzwesen und Goldarbeit berühmten Sachsen, Namens Kaspar Herberg, – nach Lyngbye gefahren war, mußte sich wenigstens dort ihre prachtvolle Krone ein Mal auf das Haupt setzen, sie wenigstens auf die Erde fallen lassen und zerbrechen. Denn auch wenigstens ihr Muth war gebrochen, ferner glücklich mit ihrem empörten Manne zu leben, wenn sie ihn auch nun erst recht lieben wollte und die armen Kinder an ihre Brust drückte und aus eitel und darum nun traurig gemachter Mutterliebe zu ihrem ältesten Sohne sprach: »Du armes Kind!« und ihm die bloßen Haare streichelte. Ulfeld aber, der sich Nichts fühlte mit allen seinen Titeln und Würden und Orden und Schätzen, als Reichsgraf, Herr von Egesku, Urup, Ellensburg, Saltoe, Jepstrup, Bavelse, Beltingen, als Ritter des größten, vierfüßigen Thieres in der Welt – des Elephanten, als Reichshofmeister, Reichsrath von Dänemark, Richter von Moën, Monkelev und dem St. Hanskloster, ja, dem seine schöne Königstochter nun eine bitterliche Frau war, und die vielen, schönen, ihm wie einem Löwen sklavisch unterthänigen Kinder nur verdrießliche Dinger ... Ulfeld präsentirte die Krone im Namen des Reichsrathes dem Könige, trug sie ihm holdseligst bei der Krönung noch vor, und ging als wüthender Gesandte nach Holland mit alle den Seinen, und beging somit den äußersten Fehler. Denn kaum der ehrlichste, treuste, geschickteste Beamte kann weggehen, ohne daß ihm Lügen nachgesagt und Undurchschautes als Fehler nachgeworfen werden von jenem blinden Riesen Polyphem – dem Vielredner, oder dem Volk. Ulfeld hatte aber einem, jetzt am meisten durch ihn schnell gewachsenen Riesen das Auge ausbrennen wollen, und so blökten ihm denn die Schafe und Widder nach, denen er allen mit dem Fuße, den er in's Schiff gesetzt, die Zunge gelöst; die Hunde bollen, Felsstücke flogen ihm nach, über ihn, und spülten endlich sogar sein Schiffchen wieder an's Land, nach Copenhagen, zu den indeß verwandelten Menschen. Denn als seine Gemahlin Eleonore nach ihrem alten Recht und Gebrauch unangemeldet nach Hofe zur Königin auffuhr, ließ die Königin ihr – vor der Hand – wie Ulfeld sagte – die Auffahrt verbieten. Eleonore weinte vor Verdruß der Schande, und hielt darauf trauriges Kindtaufen und traurige »6 Wochen«; und ihr Mann lag ihr gegenüber im Bett und, schwere Rache brütend, hielt er sogar traurige »6 Monat«. Während eines großen Unglücks, das die Gedanken des Menschen einnimmt, – wie eine Gewitterwolke den ganzen Himmel, ziehen Unglücksfälle, welche die Gefühle erheischen, weit leichter als sonst vorüber. Denn es starben den Eltern jetzt 3 Kinder, der kleine Jakob, der kleine Leo und der kleine Mogens, und dennoch bedauerte der Vater mehr seinen ältesten Sohn Christian, der ihm leben blieb, als von seiner Hoffnung abgesetzter Erbprinz; auch der Mutter that er leid, weil er so gut war, und sie leise öfter nur frug, wie er den Vater gesund und zufrieden machen könnte; selber sterben wolle er gern darum. Der Vater, dem es die Mutter zum Troste gesagt, drückte ihn an sein Herz und versprach dem gerührten, kindlich gehorsamen Knaben: ihn einst zu seinem Rächer zu machen und schenkte ihm einen Dolch. Der Mutter schauderte.


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