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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Der Weiberheld.


Sein Leben wohl zu leiten,
    Ist aller Künste Kunst;
Was Männer schwer erstreiten,
    Schafft leicht der Weiber Gunst.

Auch wohl gute, junge Leute, etwa solche, die so eben heirathen wollen, oder denen große Ehre und großer Reichthum nahe bevorsteht, haben Zustände, einem tiefen, glücklichen Traum ähnlich, in welchem sie sogar ihren alten Vater oder ihre gute Großmutter begraben lassen, ohne einige Meilen zu ihrem Begräbniß zu reisen; und sie weinen oft Jahre nachher über sie, und ihre damalige Verfinsterung. Um so viel ruhiger ließ Corfitz Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, auch die durch ihn schuldlos betrübte Schwester Dorothea nach dem nahen Nyburg abreisen, sah ihnen freundlich nach, wandte sich rasch, und stellte sich dann zum Dienste des Königs. Dem Könige dienen war ihm aber nur, wie Vielen, wenn nicht Allen: den eigenen Wünschen dienen. Er sah den großen, langen Mann, mit langem, vollem Gesicht und seinen funkelnden Augen, der gebogenen Habichtsnase und dem Knebelbart, den Herrn über so viele ihm wunderlich unterthane Schätze, so wie eine Art Hexenmeister an, der ihm in günstiger Stunde und Zeit Gold auf die Tische zaubern konnte, goldene Ketten mit allerhand fabelhaften Thieren umhängen, Schlösser und Gärten und ganze Landstriche wie aus dem Wasser auf einmal hervorheben und ihm schenken, ja sein eignes Töchterchen am Herzen größer wachsen lassen – und dann vom Herzen weg ihm schenken konnte, und mit des Kindes Herzen – alle Macht über den alten, guten, ehrlichen Hexenmeister selbst. Die junge Schöne, ja Schönste, war aber nicht allein des Vaters Herrin des Herzens, sondern Corfitz sah in ihr, durch sie, und mit ihr die Erfüllung aller seiner offensten und verborgensten Wünsche, die in jedem Menschen ein furchtbar liebliches Heer ausmachen, das wie ein künftiger Bienenschwarm als Brut in den Zellen warm hinter den Honigscheiben schläft und im Schlafe wächset und schwillt und reif und flügge wird; aber der Frühling jedes Menschen vergönnt nur Einigen auszufliegen und von den Blumen zu kosten; die Meisten müssen verkümmern und still im Schlafe sterben. Ihm aber sollte das volle Heer lebendig und feurig schwärmen. Nur durch die junge Eleonore war das möglich und dann auch ihr so große Freude wie ihm selbst, wenn sie sein Weib, sein halbes Leben war, und ihn liebte, wie er als Kenner der Weiber hoffte, ja nicht zweifelte aus männlicher, oft ihm bestätigter Eitelkeit. Wenn er ihr allen Dank für alle Fülle des Lebens schuldig wäre, dann glaubte auch Er, sie zu lieben, wenigstens so gut und so sehr wie jede andre so Schöne, so Reizende und ihn so Liebende, und mehr noch, ja vielleicht ausschließend und einzig – doch das wußte er noch nicht. Und er vergab sich diese Ungewißheit aus dem natürlichen Grunde, die junge Eleonore sei ja nur erst noch eine knospende Jungfrau, und nur die vollendete Jungfrau kann der Mann vollendet lieben, aber bei der nur schön und vollkommen geahneten Jungfrau auch nur die eigene Liebe ahnen, für möglich oder wahrscheinlich halten; wie ein Schnitter sich schon auf die Ernte freut, wenn er am Maisonntag an dem wogenden, blühenden Saatfeld liegt, während singende Lerchen verstummend wie vom Himmel fallen, in dem grünen Meere begraben scheinen, aber göttlich vergnügt im Nest bei liebem Weib und lieben Kleinen ruhen. So ging denn Eleonore ganz in sein Wesen über, und bemächtigte sich seiner mit allen seinen eigenen Kräften; wie ein stilles Hirtenfeuer einen Wald entzündet, der dann in so mächtigem Feuer loht, so stark und hoch seine Bäume sind. Es war ihm wunderlich geschehen; er war nicht mehr sein; seine schweifenden Gedanken und Leidenschaften hatten ein Ziel, das sie an sich zog und bannte. Aber er mußte sich auch dieses Schatzes versichern. Dazu schien ihm nichts sicherer, als eine ergebene Freundin seines Hauses zur Hofmeisterin der jungen Königstochter machen zu lassen, welche die Neigung derselben ihm zu-, oder feindlich gesinnt, durch allerhand Mittel doch nicht ableitete, wie von der Sehested zu erwarten stand. Auf Spaziergängen mit derselben suchte er also ihre Fehler und Mängel zu entdecken, was ihm allmälig gelang. Denn sie war als vornehmes Hofgesinde ziemlich offen gegen den neuen Günstling, da sie voraussetzte, daß sie nun Beide Eines Glaubens wären, nämlich des Schloßglaubens Slots-lovene, eigentlich Schloßgesetze., der in jedem Schlosse eine besondere Religion Auf Katholisch heißt jeder andere Orden eine andere Religion, für »Religion« haben die Italiener kein Wort, als bloß »Glauben« ( fede). oder Confession ausmacht. Dabei erfuhr er, indem er das letzte Mal erröthete, daß seine Eleonore, so jung sie sei, schon ein Mal fast vor Liebe gestorben wäre. Dieser Jugendliebe wegen sei sie zumeist jetzt wieder zum Vater aus Leuvarden in Friesland zurück gebracht worden, wohin er sie während des Krieges gegeben, um bei des Königs Nichte, Sophie Hedwig, im Hause des Prinzen Ernst Casimir von Nassau, in Gesellschaft ihrer Schwester Sophie Elisabeth und ihres Bruders Waldemar Christian erzogen zu werden. Der dreizehn Jahr junge Prinz Moritz von Nassau habe sich fest eingebildet und vorgesetzt, Eleonoren zu ihrer Zeit zu heirathen. Eleonore aber habe die Blattern bekommen, und als sie der junge Prinz gesehen, sei er, gerührt von ihrem Zustand, krank umgefallen und wenige Tage darauf gar gestorben. Nun habe sie ihren jungen Geliebten sehen wollen. Man habe ihr nicht gesagt, daß er todt sei, sondern bloß, daß er schlafe, und sie zu dem mit Rosmarinzweigen bedeckten Knaben geführt. Sie habe das Wunder angestaunt, sei ohnmächtig geworden, und jetzt sei ihr bloß der Geruch des Rosmarin's unerträglich und brustbeklemmend.

Auf diese Erzählung hoffte Corfitz auch keine Liebe mehr von Eleonoren, denn die eine und einzige jedes Herzens, hatte ein Todter von ihr. Aber so durfte auch er keine Liebe ihr bringen, und er fühlte sich quitt mit ihr. Wie er aber seinen Diener verabschiedet hatte, der von Reisen her um alle seine Tage und Werke wußte, und zu seiner jetzigen angenommenen Hoheit und Sprache und dem ernsten, wichtigen Schein nur lächelte und nur folgte, so wie er sonst dem Cameraden Corfitz gefolgt, so suchte er auch Catherine Sehested von Eleonoren zu bringen und Frau von Blixen, eine schöne Gesellschafterin der Ellen Marswin, an ihre Stelle. Aber, bedachte er, nur kein Weib sich zum Feinde machen! lieber zehn Männer. Die Männer sind wenigstens tausend Mal besser als die Weiber; ein Mann ist versöhnlich, durch Vernunft wieder zu gewinnen, durch Begeisterung zu höhern Dingen wieder mit fortzureißen und fühlt sich nie so beleidigt, weil er ein Mann ist, und nur leidet, was er will. Ein Weib glaubt alles leiden zu müssen, was ihr gethan wird; und die Stolze ist die Rachsüchtige, und ihrer jahrelangen, lebenslangen, heimlichen Rache entgeht kein Mann, weil ein Weib das Gift, das ihn tödten soll, in die Luft geblasen hat, in die Ohren Andrer. Befördern aber heißt das feine Wort für verabschieden; loben, heißt Jemandem die Grube graben, und hier dieser königliche Fürst rechnet die Gnade nicht auf den Pfennig aus, und wiegt nicht die Belohnung auf der Goldwage ab, und vergiftet seine Gabe nicht zugleich mit herzzerreißenden Worten, welche aus allen so Belohnten entweder verstockte herzlose Menschen, oder innere ingrimmige Feinde machen müssen. Der König ist mein Mann – weil seine Tochter meine Frau werden soll, und wie Jener dort ein Conspons, so ich eine Art Con-rex!« – Ulfeld hatte also, wie er meinte, die Weiber kennen gelernt; aber es sprach nur das Bewußtsein aus ihm: wie Er sie angesehn und Er sie behandelt hatte. Frau Ellen Marswin hatte Eleonorens Erziehung von Kindesbeinen an übernommen. Dieser also empfahl er sich jetzt, und gab ihr wunderliche, schön ausgemalte Pläne an: seines Vaters Schloß eigentlich zu verderben; denn sie wollte es erweitern, umbauen und Ellensburg nennen. Als Frau Ellen, scheinbar aufmerksam hörend, neben ihm stand, dachte sie lächelnd: Mein guter Corfitz! Grade so einen jungen Thoren, wie Du bist, brauche ich, meine Tochter, ja der König selbst und das Land. Welcher erfahrene Hofmann würde mir beistehn und gegen den König seiner Gemahlin gerechte, geschweige meiner Tochter nicht ganz ungerechte Sache führen. Denn Jeder glaubt: gegen den König zählt Nichts; ein König ist ein Bienenstock; er macht Brut, Wachs, Drohnen, ja eine Königin, wann und so oft es ihm Noth thut oder scheint. Aber so Einer, wie Du, der aus der weiten, freien Fremde kommt, wo er keinen Herrn gehabt, als seine Lüste, der geht in die Falle, der ist kühn; und Kühnheit imponirt jedem Friedrich, Karl oder Christian; und wovon sie denken: »das glaubt die Welt, das glauben sie mit und müssen sie glauben. Das ist der Schloßglaube.« Darauf drückte sie ihm die Hand, und nach einigen Uebergängen, daß sie bald, gleich morgen nach der Stadt (Copenhagen) müßten, daß der König, so lange der Krieg gedauert, sich nicht um den Krieg in seinem Hause gekümmert, daß aber der Kummer jetzt für ihn, für sie und ihre Tochter, der Gemahlin des Königs, welche er jetzt verstoßen wolle, erst recht anhebe, zog sie mit Worten einen Schleier nach dem andern von den Verhältnissen weg, und er sah in diesem Familienbild aus seiner Erinnerung von Rom, hier eine Art » Disputa del Sacramento,« aber über das Sacrament der Ehe, sich vor seinen Augen färben; eine Art Zauberwerk, einen Hexentisch, an welchem die sonderbarsten Personen aus allen Zeiten saßen. Und wie er jenes Urbild, in den Stanzen zwar schön gemalt, aber doch eigentlich etwas lächerlich gefunden – denn selber Raphael's Verklärung war ihm mehr wie der barocke Ansatz zu einer Himmelfahrt in weißes, wirbelndes Schneegewölk vorgekommen – so stieß ihn auch hier im Herzen ein Lachen an. Noch nicht geübt genug, wollte er nur sehr aufmerksam scheinen, aber seine Augen lauerten und sein Wesen schien gespannt, aber es schien nur. Denn sie vertraute ihm etwas für ihn Lächerliches, daß ein Weib von einem Weibe sei betrogen worden, nämlich Frau Ellen selbst von der Wibecke. Frau Ellen habe gemerkt, daß dem Könige seine Gemahlin, ihre Tochter Christine Munke, nicht mehr so gefallen habe, als da sie achtzehn Jahre gewesen; sie habe gesehn, daß der König die Treue gegen sein Weib nicht bis zum Opfer seiner Lust treiben mögen; sie habe die Achseln zucken müssen, den König nicht aus den Händen lassen, ihre Tochter nicht verstoßen lassen wollen, und dem König habe ihrer Tochter Kammerjungfer Wibecke gefallen. Diese aber habe darauf bald eigenen Sinn und Kopf bekommen, sich für manches frühere harte Wort sich nun hart gerächt. Jetzt aber sei die Wibecke neugierig oder zufällig hier im Schlosse in die sonderbare Gesellschaft der Madsdotter und Karen Andersdotter und ihres Mannes gerathen, und habe sogleich bei dem Könige fort aus dem Hause nach Ipstrup verlangt, aber in welcher Kleidung? – in Roth und Schwarz, der Schandkleidung verführter Mädchen. Die Kleidung habe sie sich hingelegt gefunden! Nun begehrt sie Ehrenrettung von Christian, und diese kann ihr nicht werden, als dadurch, daß der König die Munke verstößt, und statt ihrer sie zur Gemahlin nimmt. »Um ihrem Willen Gewicht zu geben, und ihm die Schmach als schon im Volke bekannt zu zeigen, welche ihm meine Tochter angethan haben soll, sehn Sie nur, lieber Corfitz« – sprach Frau Ellen Marswin – »hat wahrscheinlich die Wibecke selbst, dort den Männern heimlich befohlen, dem König das große goldene Horn zu bringen, das man gefunden hat. Wer Unrecht gethan, hat fortwährend Verdacht, daß ihm Unrecht geschieht – und das Horn ist meiner Tochter Unglück!«

Corfitz blickte mit schwer verbissenem Lachen hin und sah dann sehr zornig wirklich auf den Stufen zur Schloßthür zwei Männer und ein Mädchen sitzen, das ein schimmerndes, goldenes Horn auf dem Schooße hatte. Er erbot sich, den Leuten von Seiten des Königs eine Belohnung zu geben, und sie in zehn Jahren wieder zu bestellen; aber sie sprach: »Die Sache ist so weit, daß sie ausgefochten werden muß, und deßhalb werde ich Sie mit meiner Tochter bekannt machen. Morgen reisen wir. Studiren Sie nur unterdessen – den König!«

Die Reise im Frühling durch die blühenden Inseln war köstlich. Die schöne, offene Welt sprach so laut und herzlich zu Corfitz, daß er es für etwas Kleines, Menschlich-Geringes hielt, als der König am ersten Ort, wo sie verweilten, Gericht unter freiem Himmel hielt. Kurzes, mündliches, gerechtes Gericht, wie ein Patriarch der jüdischen Fabelwelt! Jahrelange Verwirrungen löste er mit wahrhaft menschlichem Sinne leicht; lebenslange Feinde versöhnte er durch sein herzliches Wort; den Ungerechten schickte er beschämt nach Hause; Arme, Wittwen und Waisen kamen glücklich aus Noth zu Besitz und Glück. Auf jedem Spruch lag die Kraft des königlichen Ansehns, und seine Liebe hing wie ein Siegel daran. Alle waren begnügt, so Viele ihn nur erreichen konnten; und die Andern waren zufrieden, weil sie doch Recht erhalten, doch glücklich sein würden, wenn sie ihn erreichen könnten, wenn seine Tage tausendfach wären, seine Gestalt tausendfach unter dem Volke wandelte. Corfitz sah hier, was ein König sein kann in voller Blüthe und Pracht und Macht. Er sah aber auch, daß die meisten Beschwerden über Druck des Adels, der Reichen und Vornehmen aller Art geschahen, und daß der Adel und selbst die Geistlichkeit dem Volke kaum alte, wohlbegründete Rechte, geschweige Gerechtigkeit oder wohl gar Billigkeit in den geringsten Sachen, geschweige in den größten wollten angedeihen lassen. Der König hätte nur winken gedurft, und die Bauern hätten die Schlösser gestürmt, den Adel ermordet, den König frei gemacht und die ihn fesselnde Capitulation zerrissen und verbrannt, damit das Volk nur Einen guten, großen Herrn gehabt, statt tausend schlechter, kleiner Herren; statt tausend offner und heimlicher Feinde: nur Einen Vater und Freund, den besten König.

Dem muß man vorbauen, unterbauen! seufzte Corfitz; aber wenn er fast überall gesehen, wie plump und doch wie leicht das tausendköpfige Volk betrogen worden, wenn er an die böhmische Reformation dachte, durch wie feine, grobe, grausame und schändliche, aber sichre Mittel – Aemter, Ehre und Geld – man dort aus vernünftigen, frei gekämpften Menschen dennoch wieder gläubische oder vorerst noch heuchlerische, aber doch immer Schafe – bis Weiteres selbst Gott zum Trotze gemacht hatte, so lächelte er wieder sehr ruhig. Er sah, der König war jetzt sehr gereizt, stets heftig, ja leicht erzürnt; was er für Deutschland nicht hatte durchsetzen können, weil ihn die evangelischen Fürsten verlassen, da sie noch nicht in größter Noth zu sein glaubten, und den Lein erwachsen lassen, bis Stricke daraus geworden, das und alles Gute wollte er doch bei sich im Lande einführen und festhalten. Aber er, der hochherzige Held für Glaubensfreiheit, mußte ein Freund des Papstes und des Kaisers scheinen, ob er gleich Feuer und Flamme sprühte, und den dreißigjährigen Krieg ein kaiserliches, weißes Leichentuch nannte, das in Rom nur heilig schwarz gefärbt sei. Der tapfere Holk kam unterweges aus Stralsund, das er als Schutzgeist vertheidiget hatte, zum König zurück, und dieser lobte den braven Mann, der die Ostsee vor kaiserlicher Flagge und Herrschaft gerettet habe. Er segnete im Herzen den König Gustav Adolph, der nun den Harnisch anthun wollte, den man ihm selber so schlecht befestigt, und das Schwert ziehen, das er einstecken müssen; aber er furchte auch dann die Macht der Schweden. Denn wenn sie Deutschland evangelisch gemacht, konnten sie es auch behalten und Dänemark dazu, aber Deutschland hatte einen evangelischen Kaiser, und das Glück war unberechenbar herrlich. Corfitz sah, daß der König nur von Rechtthun leben wollte, aber nur vom Rechtwollen leben sollte, was ihm bitter einging. An seiner Gemahlin aber hatte offenbar der König unrecht gethan, zuerst unrecht. Gegen den braven Mann also ließ sich auftreten, schneidend, scharf unterscheidend, und aus dem Ge. fühl seines Unrechts ließ sich hoffen, daß er das Unrecht Andrer – seiner Gemahlin verzieh und ihren Anwalt sogar belohnte, oder doch ehrte. Ein Landfriede ist nicht so schwer herzustellen, als ein Hausfriede im kleinsten Hause; er fühlte die Schwierigkeit des Postens, einen Schloßfrieden herzustellen; aber er fühlte sich lächelnd als den Mann dazu, und rieb schon die Hände.

Denn im Schlosse von Copenhagen fand er die größte Verwirrung, Alles in Unruhe und Bewegung, bis auf Mauern und Steine, aber selbst Thüren und Treppen litten. Die Gemahlin des Königs war in des Königs Abwesenheit unumwunden »wegen Ehebruchs« in Ungnade erklärt, weil sich das Anzüglichste, Bitterste, Gehässigste, also eigentlich das Verachtungswürdigste leichter in der Ferne schreiben und senden läßt; der Gegenwärtige vor Gegenwärtigen aber immer noch etwas von jener uralten Ehrfurcht vor Menschen fühlt, aus Menschenaugen angeblickt wird, und der Lasterhafteste, Verdorbenste selbst noch einigermaßen eines Menschen würdig spricht. Also der Schlag war geschehen, wie der Blitz aus hohem Himmel fällt und auch das Kind nicht sieht, das er mit der Mutter an der Mutterbrust ermordet. So war Eleonoren um ihre Mutter geschehn. Corfitz lernte nun einen nach dem andern der Staats-, Hof- und Hausdiener, der abhängigen, andrängenden, Ehre-, Amt- oder Geldbegierigen Herren sowohl wie Frauen, Alle in einer Art Wuth, in heftiger Parteisucht, in giftigem Lob und in holdseligem Tadel kennen. Es war, als wenn ihm der Teufel die Personen in einer Art prachtvollen Hölle – dem Schlosse – vorüberführte. Selbst der Thronfolger, Prinz Christian, sonst nur lebenslustig, tafelfreundschaftlich, becherliebend und Zecher, war immer erhitzt und roth, verlegen, voll heimlicher Furcht und voll lautern Hohns, denn der des Ehebruchs, also eines Majestätsverbrechens beschuldigte Rheingraf Otto Ludwig hatte ihn zum Zweikampf herausgefordert. Auf den Fall, daß er mit Hoheit und Autorität den unwillkommenen Gang und vielleicht Tod ja nicht abweisen könnte, hatte er schon ein aller Welt wohlgesinntes Testament gemacht, und trug es schon immer unter der französischen, langen, gestickten Weste auf der Brust; aber damit ja kein Buchstabe durch Kugel oder Stich darin undeutlich werde, befand es sich in einer Kapsel von starkem Goldblech. Denn in der Meinung, daß der Rheingraf meinen könnte, er werde sich ihm nicht stellen, war er auf jeden Tritt und Schritt besorgt, daß er vorwärts oder rückwärts erstochen oder erschossen werden könnte, ja würde; denn der Rheingraf war zu seiner Vertheidigung von Friedrichsburg schon vor der Gemahlin des Königs in die Stadt gekommen, und Prinz Christian hatte es für seine echte Sohnespflicht gehalten, seinen wahren Vater vor seiner Handstiefmutter, der Handgemahlin des Königs, zu warnen. Und was ein Prinz thun will, wissen wenigstens zehn Menschen zwanzig Tage voraus; nachher aber weiß es Niemand, als hier der Rheingraf, dem es an Ehre, Glück und Leben ging, der also diese drei Güter vertheidigte, von welchen das Leben beinahe das einzige war, und gewiß nicht das beste. Corfitz begegnete mit Verwunderung seinem verabschiedeten Diener Elsasser, der sich ihm freundlich und froh in seinen mit Gold besetzten Kleidern als Kammerdiener des Kronprinzen vorstellte und vor ihm umdrehte; und die ehrliche, gute Seele bedankte sich sogar bei ihm für seinen gnädigen Abschied und gute Empfehlung. Das kam ihm recht, und noch mehr die Einladung zum Kronprinzen, der schon Christian V. hieß, weil er zum Nachfolger des Königs von den Ständen erwählt war. Corfitz sollte, als ein berühmter Fechter, der eine ganze Ohren- und Nasensammlung habe, wie Elsasser zu Gunsten seines lieben, alten Herrn gelogen, nöthigenfalls Sekundant sein, lieber aber als ein alter Bekannter – »guter Freund« hatte der schlaue Kammerdiener nicht gesagt – vom Rheingrafen demselben rathen: zu fliehn, um nicht eingekerkert zu werden. Corfitz ließ sich dem künftigen König auf das Angelegentlichste als treugehorsamst, zu allen Diensten willigst empfehlen, denn wem konnte er sich lieber verbinden! Er entwarf mit Hast einen Brief an den Rheingrafen, lernte ihn fast auswendig und ging dann zum Kronprinzen, der ihn nach freundlicher Begrüßung in den drängenden Umständen bald das Nöthige sagte und ihn bat, da er vor Zorn vielleicht selbst nicht die Ausdrücke wägen oder nicht scharf genug schreiben möchte, ihm einen Brief zu entwerfen, den er abschreiben wolle. Corfitz wußte, daß die Großen, gewiß nur aus Bequemlichkeit, meist alle Briefe nur unterschreiben, höchstens abschreiben, und war bald mit folgendem deutschen Briefe fertig, der als ein Meisterstück bewundert ward:

»Wir Christian, Prinz zu Dänemark, Nor-
»wegen, der Wenden und Gothen. Gelangen
»in Erfahrung, und haben gnügigen Beweis-
»tum, welchermaßen du Otto Ludewig, der du
»dich schreibest Rheingrafen, dich deines Stan-
»des leichtsinnig vergessen, und unbesonnener,
»frevelmüthiger Weise verkühnet haben sollst,
»von Unserer prinzlichen Person dermaßen schänd-
»liche Afterreden zu führen, die mit allem dero-
»selben von Gottes Gnaden habenden hohen
»Dignation und Würde, besondern auch dem
»von Jugend auf nachgestrebten Ehren und
»redlichen Namen gröblich zuwider laufen. Son-
»derlich aber sollst du ausgeworfen haben, ob
»hättest du von einem dir von Uns zugebrach-
»ten Trunk dich übel befunden, und hieltest
»dafür, Wir hätten dir darin Gift bei- und
»anbringen lassen. Ob Wir Uns nun wohl
»versehen gehabt, du würdest deinem profitirten
»Kavalierstande (welcher auf kein bös Maul
»gewidmet, besondern in tapfern Thaten beste-
»het) solche unehrliche Vermächtigung nicht an-
»gethan haben, und wohl versichert wissen, es
»werde die ganze ehrbare Welt von Uns ein
»anders, und zwar Unsere tragende Hoheit
»wohlgemäßige Achtung führen, auch kein red-
»licher Kavalier solchen von deinen vergälten
»Herzen ausgestürzten verleumderischen Lügen-
»dichtungen einigen Glauben zulegen. Ueber
»dis auch die Mittel von dem Allerhöchsten mit
»schuldiger Dankbarkeit erkennen, dadurch wir ei-
»nige von dir empfangene Offerts in andere ge-
»nugsame Wege abzufinden und zu wiedervergel-
»ten; derhalben auch wohl bedacht gewesen, der-
»zeit uns zu befehlen, und dich mit heroischem Ge-
»müte wie einen anbellenden Hund zu despectiren.
»Jedennoch, damit du in sothaner deiner Bosheit
»nicht stolz werdest, und dir dabey eine stete Sicher-
»heit vermessentlich zusagest: so lassen Wir dich hier-
»mit sonders wohlbefugtem Ernste wissen, daß
»wir sodann dein unverschämtes, boshaftes Lä-
»stermaul zu seiner Zeit der Gebühr nach ab-
»zustrafen, und bis dahin dich mit deinem ver-
»logenen Schand- und Schmähherzen so viel
»und lang für einen heimtückischen Giftbereiter
»und unredlichen Meuchelmörder achten und
»halten, auch gegen alle redliche Cavaliers schel-
»ten und tituliren wollen, bis du das geringste
»deiner bübischen ausgegossenen Schmähungen,
»das dir dein Lebetag wohl mangeln und feh-
»len sol, über Uns zeugbar und wahr machen
»kannst! Urkundlich unter Unserem hierunter
»gesezten Handzeichen und nebengedruckten prinz-
»lichen Sekret.«

Der Prinz befahl aber das Schreiben von Malmör zu datiren, weil er dahin abzugehen väterliche Ordre habe, setzte sein Handzeichen darunter und das prinzliche Sekret.

Dieser Brief aber hatte erst die Wirkung, daß der Rheingraf wiederholt und heftig auf den Zweikampf bestand, wie Corfitz gewünscht. Denn außer diesem Christian V. hatte der König nur noch zwei königliche Prinzen, den kleinen sehr einfachen, stillen für schwach gehaltnen Prinzen Friedrich, der deshalb zum Erzbischof von Bremen bestimmt war und den beim Tode des Königs gewiß schon umgekommenen zu verwogenen Prinzen Ulrich. Da also Vorsicht über Leidenschaft siegte, wie Corfitz sehen mußte, schlug er vor: selbst dem Rheingrafen zur Flucht nach Schweden zu rathen, empfing eine große Summe Geld für den armen Teufel zur Reise, schüchterte diesen – aus bloßer Freundschaft ein, gab ihm die halbe Summe des Geldes, wie aus seinen eigenen Mitteln und aus seiner heimlichen Freundeshand, auf Borg, und setzte dann für den Thronfolger ein Schreiben an den König Gustav Adolph auf, um den Rheingrafen in Schweden vor Gericht zu stellen und zu bestrafen.

So war er einen gefährlichen Freund los und hatte dem Kronprinzen einen der Dienste geleistet, die nicht vergessen werden. Wer die Besten verdrängt und unterdrückt, der scheint dann der Beste selbst, und sei er noch so arg. Auch war ein Zeuge für den König bei dem bereiteten großen Gerichtstag, entfernt; also ein Zeuge gegen seine Gemahlin, denn aus Rache an dem König oder aus Eitelkeit war dem Rheingrafen die Wahrheit, sogar die Lüge zuzumuthen. Und so durfte er sich gegen Frau Ellen rühmen, daß Er den Landgrafen gerettet und in Sicherheit gebracht, und »Wohlthätigkeit ist den Frauen immer lieb«, sprach sie. Zugleich lud sie ihn auf Morgen zur Tafel bei ihrer Tochter.

Das zur Tafelgehen ist ein saurer Gang! Gefährlich vielleicht Anderen, aber mir nicht! dachte Corfitz. Denn es schien, als ob in dem Flügel, wo des Königs Gemahlin Christina wohnte, die Pest wüthe, oder gewüthet. Kein Mensch ging bei Tage dahin, aus Furcht, gesehen zu werden. Alle Damen, alle Herren waren für sie wie verschwunden, selbst ihre Diener gingen und sprachen kleinlaut und führten sich jetzt musterhaft auf. Nichts aber erschien märchenhafter, ja lächerlicher, als wenn Mittags im offenen Fenster der bunte Trompeter erschien, und schmetternd zur Tafel bließ, zu der doch Niemand ging, als nur Corfitz.

Aber als er ihr von Frau Ellen vorgestellt ward, sah er an des Königs Gemahlin ein Weib, wie er sich jemal Eins gewünscht. Nicht sie selbst; denn ihrer großen Schönheit war die Frische entgangen, aber schöner konnte Niemand gewesen sein. Was ihn aber jetzt noch eben reizte, war ihr Charakter. Anstatt eine demüthige, niedergeschlagene, kranke oder sich krank stellende Frau zu finden, die sich durch Entziehung der Ehrenbezeigungen für entehrt gehalten, war sie in der Ungnade selber stolz und ungnädig, wie kaum ein Weib; und wenn die Weiber wüßten, wie Stolz und Adel die Männer hinreißt zu Bewunderung und Liebe, dachte Corfitz, sie würden Adel und Stolz annehmen, oder so geschwind nicht ablegen; aber Ehrfurcht scheint nicht das, was Weiber haben wollen. Die Schlimmen sind mit dem Schein, selbst von der Liebe zufrieden; die Bessern mit Aufrichtigkeit, und eine Gute, eine der Besten – sah ich zum ersten Mal hier. Er fand Eleonore bei ihrer Mutter und einen Doctor, Otto Sperling.

Es ist ziemlich seltsam, sprach Frau Christina, daß ich mich nun auf einen jungen Mann, wie Sie, stützen soll. So will meine Mutter. Sie hat mich beredet, daß ich um meiner Kinder willen nicht wünsche, geschieden zu werden. Ich selbst habe den Christian nie haben mögen. Ich selbst habe des Königs Schwestern, die Churfürstin von Sachsen und die Herzogin von Braunschweig, damals hieher eingeladen, um unsere Ehe zu hintertreiben, weil ich den Mann voraus durchschaut, dem ich bloß gehören sollte. Eine Bauerfrau, die einen Bauer hat, hat wirklich einen ganzen Bauer. Aber hier meine Mutter wünschte gern ihren Mann, meinen Vater Ludwig von Munk auf Nierlund, Lehnsmann in Drontheim, wieder zu Ehren, da er auf des Königs Befehl, von Arild Hvitfeld und Jürgen Früs bei einer Untersuchung abgesetzt worden, und auf seinem Gute in Jütland starb. Nun, sage ich Ihnen bloß: ich liebte meinen Vater, und das heißt also: ich konnte den König nicht lieben, denn was eines Königs Diener Fälschliches und Ungerechtes thun, fällt alles auf den König, und ich war ein Kind und hatte ein kindliches Herz. Aber ... mein Vater kam wieder zu Ehren, glaubte ich, weil der König nun wieder seine Ehrwürdigkeit erklären würde; Sie sehen also, ich war noch ein albernes Mädchen, als ich ihn nahm. Doch Er nur hat den Fehler gemacht: daß er mich zum Weibe genommen; denn so Gott will, habe ich keine Sünde begangen, als ich glaubte, er solle und werde mein Mann sein. Das ist der göttliche Vorzug gemeiner Mädchen, daß sie so irren dürfen, mein' ich. Ich ward auf dem Bischofshofe in Lund in solcher Eile getraut, daß Niemand etwas davon wußte, als Mads Jensen, der Prediger aus Copenhagen; aber der König mußte durch zwei Briefe wenigstens, und dem Reichsrath bekannt machen, daß ich seine Gemahlin sei; denn ich hatte vorher Madsdotter und Karen Andersdotter das Glück gehabt zu sehn! Um nun zu sehen, welches Paar glücklicher sein würde, verheirathete ich eine Bauertochter mit einem Bauer, gab ihnen bloß ein Haus mit den unentbehrlichsten Dingen, nebst Stall und Kühen und Ochsen, und Garten und Feld. Ich habe, ich habe die Glücklichen jetzt wiedergesehn! Ihr Haus steht fest, ihre Felder grünen, ihre gepflanzten jungen Obstbäume sind älter geworden, aber die guten Eheleute nicht alt, und Frieden und Freude aneinander lag auf ihrem sonnegebräunten Gesicht; ihre Töchter und Söhne waren verheirathet an die Nachbarn, und eine kleine Schule Enkel saß vor der Großeltern Hausthür, und ein Knäbchen machte den Bettelmann, klopfte an die Stubenthür, betete mit verstellter Stimme einen Spruch, und die noch junge Großmutter gab dem Kleinen im Hemdchen ein ganzes neubackenes Brot, und es lief damit fort, lachte die Großmutter wonniglich aus, trug das Brot der Mutter heim – und ich weinte bitterlich. Meine Kinder möchte in's Paradies wünschen! Nur mein noch einziger Sohn Waldemar sagt: Mutter, ich heirathe doch eine moskovitische Prinzessin! Und wirklich, zu der ist Hoffnung. Mit den Mädchen thäte der Vater wohl, sich gute Freunde unter »den Jungen von Adel« im Lande zu machen. Doch halten Sie mich für keine Närrin; ein Mensch ist ein Mensch, und wer sich nichts einbildet, besonders nicht, daß er etwas Anderes ist, als ein Mensch, der kann immer und überall glücklich sein. Auch kommt meine Schmach nicht aus meinem Ehestande, sondern von meinem Ehegemahl. Sollen alle Frauen auf den Tod gekränkt werden, wenn sie nicht jung sterben? oder davon laufen, wenn sie nicht immer zwanzig Jahre bleiben? Das hat Gott nicht gewollt und kann es nicht wollen, aber wohl mein Gemahl hat es gethan. Ich habe seine Wibecke gesehn ... und in welchen hoffnungsvollen Umständen! Sie mögen mir also glauben, daß ich wenigstens des Königs Bild an die Wand geworfen; daß ich dem Könige alle Nächte »Gute Nacht« gesagt, und allein in mein wohlverschlossenes Zimmer gegangen; daß ich meine Sachen habe öffentlich nach Schweden führen lassen, ohne zu fragen; daß ich, als man mir gedroht, und mir Vorwürfe gemacht, den König habe vergiften wollen, da ich mich weder mit ihm zu hauen noch zu schießen verstehe; daß ich mit dem Rheingrafen.....

Die Mutter Ellen hielt ihr den Mund zu, und lachte.

Frau Christina lachte auch, aber würdevoll erzürnt, und sprach: Wenn von den zehntausend jährlich betrogenen Frauen nur zehn so thäten, wie ich, man sollte bald wissen, daß die gehörnte Siegfriedin oder Frau Chriemhilde die keuscheste, größte Frauengestalt in aller Welt ist, und kein Mährchen, wie Sie sehen, hoff' ich! – Hier haben Sie den Inhalt zu meiner Vertheidigung! Wenn Sie aber den König schonen, so sind Sie verloren! Ich, ich bleibe, wer ich bin, ein ehrbar' Weib! Die Enkelin des Munke, die Christian II. den Absagebrief zustellte, jenem Christian, den man grausam heißt, der aber nur roh und gewaltthätig mit Dingen umging, jedoch, was er liebte, hoch ehrend über alle Welt durch tausend Feinde trug. Grausam kann nur der Mensch sein, weil er lieben kann, und nur grausam gegen das, was er liebt. Nennen Sie getrost den König grausam gegen mich, denn er liebte mich, und begehrte mich, als wenn ich ein aus allen Kronen der Erde gegossener, schöner, seligmachender Engel sei. Und zum Beweise ... sandte er meinen mir leider und schändlicher Weise noch unvermählten geborenen Sohn, meinen armen verlornen Don George Ulrich, in alle Welt – und meinen Bruder Munke durch Stockschläge in den Himmel! Aber mein Bruder war nur ein Narr, daß er daran starb, worüber ein Hund nicht gewinselt hätte. Ja, mich hat mein Mann selig gemacht bei lebendigem Leibe, und will es jetzt erst recht, und der Mann ist Dein Vater, meine liebe, liebe Tochter! Meine kleine Mutter Ellen! ...

Eleonore warf sich an die Brust der Mutter, verbarg daran schamvoll ihr Gesicht, als wäre ihr Gesicht das Gesicht des Vaters, fühlte tausend Aengste, daß ihre liebe, liebe Mutter von ihm, und ihr lieber Vater von ihr geschieden werden sollte, und mit den Augen voll Mutterliebe sah sie dann Ulfeld an, aus dieser nur ward er ihr werth und einzig theuer; und wie ihre Mutter den König aus Vaterliebe zum Manne genommen, so gelobte sie sich: ihm aus Mutterliebe die Hand zu reichen, wenn er die Mutter rettete. So sagten ihre Augen Corfitz verständlich genug. Und hier, jetzt war der Augenblick, wo sie sich im Voraus von Hannibal Sehested schied, und den tapfern Mann nie erhielt, der sie einzig und über Alles liebte, dem sie Todfeindin ward um ihres Mannes willen, und der sein Todfeind ward, und ihr Unglück zugleich, statt ihr Glück. So verfehlte ein gutes Kind sein Leben höchst mitleidswürdig. Diese Worte waren vielleicht im ganzen Manuscripte der bitterste Stich durch Eleonorens Herz, denn sie machten ihre Liebe zur Täuschung.

Jetzt bließ der lächerliche Trompeter zur Tafel, daß die leeren Räume dröhnten, die Thüren zu dem großen, vergoldeten Speisesaal wurden aufgethan, des Königs Gemahlin winkte Ulfeld: Eleonoren zu führen, hing sich an seine linke Hand – wie sie bemerkte, und Doctor Sperling führte Frau Ellen Marswin an die Tafel mit 50 gedeckten Couverts, mit dampfenden Speisen in silbernen Schüsseln, aber zugleich nur mit leeren Stühlen besetzt. Frau Ellen lachte laut in ihrer Weise und wies – den abwesenden Herren und Damen, die sie mit Namen nannte und mit Titeln beehrte, ihre Plätze an; und so aßen die 4 Menschen von 40 Dienern bedient, an der Spitze der langen Tafel still; wie ein Paar Mäuschen in einer Ecke des Kellers an der Spitze eines langen, langen Christbrotes knispern, oder wie nur noch Pfarrer und Küster in einer großen Kirche allein stehen und nicht recht wissen, ob sie fort fungiren, singen und respondiren sollen, wenn Feuerlärm in die Kirche geschollen, und das Volk die weiten Räume geflohen und leer gelassen. Die geführten »Tischreden über Tischfreunde«, über »Gnade und Ungnade« verdienen, als Hohen und Niedern dienlich, besonders gedruckt zu erscheinen. Doctor Sperling schloß nur mit der Erzählung der eben vor Kurzem erlebten nunmehrigen Anekdote: Daß der König seinen unersetzlichen Rath in Ungnade fallen lassen, und einen Kerl genannt, aber ihm immer noch die wichtigsten Arbeiten in's Haus schicken müssen; daß er dann an demselben vorbeigeritten und mit Erstaunen gesehen, daß ein Barbier nebst Scheersack und Messer auf einer langen Leiter gestanden und den Rath, der den Kopf zum Fenster heraus gesteckt, barbiert habe; und auf die Frage, was das bedeuten solle, habe der eingeseifte Rath ihm lächelnd geantwortet: Sein Barbier sei bei ihm in Ungnade gefallen, aber er könne den Kerl nicht entbehren. Darauf war der Rath wieder zu Gnaden angenommen worden. Und eine Frau ist doch unentbehrlicher und wichtiger, als jeder Rath und Rasant! meinte Frau Ellen voll Hoffnung und lachte gewaltig; Eleonore lachte und selbst Frau Christina Munk lächelte ein wenig.

Getroster that darauf Eleonore einen Fußfall vor ihrem Vater, daß er sich nicht von ihrer Mutter scheiden möge. Der König aber war unerbittlich, versprach seiner lieben Tochter aber, daß er auch hierin Recht gegen sich ergehen lassen wolle, wie immer von jedem Bauer im Lande, wenn ihre Mutter im Reichsrath Recht erhielte. Das war viel gewonnen. Sie erzählte ihm dann die Barbier-Ungnade; der König ward heiterer; sie bat ihn, zu erlauben, daß Corfitz Ulfeld die Mutter vertheidigte; und der König ging an seinen Schrank und gab ihr sogar die Anklagerede gegen sie, welche Hannibal Sehested als Kläger des Königs ausgearbeitet hatte. Denn: sprach er: Es ist billig und recht, daß der Beklagte, wie sein Vertheidiger, alles weiß, wessen er beschuldigt wird, um auch sein Recht zu verlangen, damit auch aus dieser Ehe von Recht und Unrecht – von Mann und Frau – ein Drittes entstehe ... das Keinem recht lieb ist, und doch das Beste.

Sie gab dieses Papier an Ulfeld. Hierbei aber geschah ihr, daß sie alle weitere Hinterlist und Falschheit, später als Ulfelds Gemahlin, still gut hieß, wie diese Erste, um welche sie wußte, und die ihr nützlich war. Denn Ulfeld besaß schon eine Abschrift der Anklage, vielleicht durch den Kammerdiener. Er besaß aber auch eine Andre, aus Sehested's Zimmer, wobei ihm aber der vielleicht entdeckte Diener eine durchaus falsche und irrmachende für ein schweres Geld hatte zustellen müssen. Denn erst, seit Sehested wußte, daß Ulfeld Frau Christina vertheidigen wollte, hatte er sich gedrängt, den König zu vertheidigen, wobei er hoffen durfte, Ulfeld verhaßt zu machen und auf immer niederzuschlagen, vielleicht zu entfernen. Sehested hatte gewünscht, bald des Königs Eidam zu werden, ja, da er ein Männerheld, kein Weiberheld war, auch bald zu heirathen. Des Königs Tochter Christiana war aber nicht nur verlobbar (und Verlobungen geschahen in Dänemark fast unter Kindern), sondern sie war auch heirathbar, und auch Heirathen geschahen in sehr jungen Jahren. Aber Christina's Benehmen gegen Ulfeld, ja ihre stille Billigung seiner Person und seines angeblichen Irrthums bei ihrer Umarmung, noch mehr aber Ulfeld's Neigung zu Eleonoren, hatten ihn aus Neid, Haß, Liebe und Rache desgleichen zu Eleonorens Bewerber gemacht. Denn durch die Oberhofmeisterin Sehested wußte er um manches Geheime oder doch um sichere Vermuthungen. Sein jetzt zu hoffender Sieg war also ein vielfacher, kostbarer.

Zum Glück für Ulfeld kam sein Vater, der Kanzler, zur Stadt. Die Richter waren ernannt und bekannt ... wenn also nur Einer über die Hälfte derselben gewonnen ward! Sein Vater lag mit seinem Ansehn gleichsam wie eine Kriegsflotte vor dem Hafen, und so gelang es Corfitz, wie einem einzelnen von der ganzen Flotte beschützten Schiffchen, vor den ruhigen Batterien im Uebermuth das Dreisteste, Verwogenste zu wagen. Sein Vater mußte Besuche abstatten, wohin Corfitz »den Alten« beredete. Mit den unverheiratheten »Bedurften« – und in jedem Staate gibt es nicht nur Bedürftige immer, sondern auch, wenigstens zu gewissen Zeiten und zu gewissen Dingen Bedurfte – wurden Heirathsvorschläge mit Corfitz's Schwestern auf die Bahn gebracht; oder mit den Schwestern der Bedurften Heirathen mit Corfitz's Brüdern und mächtigen Verwandten. Ja er selbst galt als ein höchst wünschenswerther Heirathscandidat, und er fühlte ganz seiner Stellung und Verstellung Werth und Einfluß; denn er wußte, daß alle Mütter und durch diese alle Väter und Söhne, ja alle Verwandte eines Hauses, einen jungen Mann gleich mild und wie einen alten Freund behandeln, wenn er ein neuer Freund werden und eine Tochter zum Weibe zu nehmen das Ansehn hat; am liebsten aber wußte er, daß auch die besten Töchter am leichtesten zu bethören sind, wenn Freundinnen, indem er in's Zimmer tritt, der Errötheten zuflüstern: »Dein Bräutigam!« Diese auf die Natur gegründete und auf die schönste Hoffnung und die göttlichsten Ansprüche der Jungfrauen berechnete und vollends ihrer Sicherheit wegen verderblichste und um ihrer äußern Ehrbarkeit willen allerschändlichste Art zu betrügen, brauchte er schändlich; aber so fein, daß sie ihm in vielen Häusern – die er deßwegen nur Narrenhäuser nannte – oft über Erwartung gelang. Selbst die neue Hofmeisterin seiner Eleonore, Anne Lyke, hatte eine überaus schöne, gute Tochter; und selbst vor den Augen der redlichen Mutter verstand er so zu sprechen und sich zu bezeigen, daß sie sich gewisse Hoffnung machte. Ulfeld brauchte aber gar sehr auch den Secretair des Königs, Friedrich Günther, der gleichsam Staatssecretair war; denn was der König ohne des Reichsraths Befragen that, geschah Alles durch ihn; und der König, der sehr gern eigenwillig herrschte, ließ den Reichsrath zum größten Theil unvollzählig und schwach in jeder Art besetzt, und frug ihn noch selten, dazu nur in Bagatellsachen, um Rath, um demselben das Rathen nach und nach abzugewöhnen, worüber die Reichsräthe so sehr verdrossen waren, als eben so viel unbefragte Weiber; und um auch diesen ihren Verdruß nach und nach zu vertreiben, that der König fast nie, was gerathen war. Günther aber redete frei und dreist mit dem König, war zufrieden, daß er das außen unsichtbare Triebrad war, und der König das wasserumwühlte, rauschende Gehrad. Für allen Lohn ging der kleine Mann mit kurzem Rücken, wenigen Haaren, schlechtem, ledernem Koller, in Schuhen mit Hefteln, in der linken Hand eine Rolle Papier, in der Rechten einen Stock, bedachtsam, leutselig in den Gassen der Stadt umher, sah mit seinen blauen Augen unter das Volk, hörte fleißig, was es wollte, ging zu den ärmsten und geringsten Leuten in's Haus, wie zu den Vornehmsten und sann im Stillen etwas Gutes aus. Das war sein Lohn. Zu Hause hatte er aber eine Freude an seiner Tochter, Jolessa, wie kaum ein anderer Vater. Ob er gleich durch seine gestorbene Frau einer der allerreichsten Männer im Lande war, ging dennoch sein liebes Kind in freilich sehr niedlichen, lieblichen Bürgerkleidern ihm zu Liebe, sehnte sich nach keinem Menschen als nach ihm, und holte sich ihn am Abend schon von Weitem heim, und geleitete ihn früh die Treppe hinab, diente ihm wie ein Engel mit kindlicher Ehrfurcht, und war mit krank vor Schreck, als der Vater ihr jetzt krank geworden war. In seiner Abwesenheit hatte Corfitz an ihn zu besorgen; das arme Mädchen geleitete ihn auf den Saal, weinte, war gerührt, war betrübt, und so gewann Corfitz ihre Freundschaft; denn er erinnerte sich aus der Bibel doch wenigstens noch einer gewissen Delila. Jemand muß ein Alter haben, um mit ihm zu schwatzen, gegen Jemanden will der Mensch aufrichtig sein, und dieser alte Vater hatte Niemand als seine Tochter – und durch sie ging der Weg wieder rückwärts zum Vater, zum König, in's ganze Land. Corfitz hielt selbst die durchdringenden Augen des Königs aus, aber vor diesen reinen Jungfrauenaugen ward er zu nichte, fühlte sich vernichtet, und endlich einmal liebend und verzweifelnd zugleich und wüthend gegen sich und schamvoll gegen die heilige Natur. Denn das sah er: nie würde ihn dieses Mädchen lieben. Ihre klaren Himmelsaugen sahen ihn so ruhig an, aber tief dahinter schien tiefe Verachtung zu liegen; denn so schön sein Gesicht den Unverständigen vorkam, so spielte doch in seinen Zügen seine Seele, seine Gesinnung, sein falsches Wesen durch, und Jolessa hatte ihn durch und durch gesehn, und war ein Weib mit natürlicher Tugend, an der keine Lehre der Welt, keine Angewöhnung des reinsten Denkens und Lebens das Geringste gethan zu haben schien, und wirklich kaum gethan hatte. Ihr Empfinden war so sicher, ihr Fühlen so rein, ihre Seele so himmelstreu, daß kein Wunsch, kein Verlangen sie nur von Weitem anfocht, keine Schmeichelei ihr nur ein Lächeln hervorlockte, keine Heuchelei sie täuschte, und ihr reines Gefühl der Sitte Alles entscheiden durfte, und sie mit diesem Ausspruch ihres wahrsten, ganzen Wesens vollkommen zufrieden und immer höchst glücklich war. Wahrlich, sagte sich Corfitz, was kann ein Weib sein! Giebt es wirklich ein Weib? Hat es schon so Eins gegeben und nicht blos Millionen so leidliche Fleischabgüsse von einer zusammengedachten und wieder verloren gegangenen Göttin und die weltberühmte Liebe zu einem Weibe ist kein niegelebtes Mährchen? – Jetzt that ihm sein Leben leid, sein vergangenes und sein künftiges. Was ein Arger erlangt, ist alles Nichts, stöhnte er, höchstens Teufelsqual! Alle Freude Verdammtenrausch. Man sagte mir: die Liebe soll erwecken – ich bin erwacht! Sie mit Gewalt zu erlangen, sie zu entführen, und an Verzweiflungsschmerzen des höchst geachteten Wesens Wonne zu haben, verboten ihm seine Aussichten, seine Pläne. Sein gutes Leben war hin – er beschloß, sein Schlechtes mit Kraft zu leben. Und wer das Regellose mit Regel thut, das Lasterhafte mit Eintheilung, das viele Lüsterne mit Auseinanderhaltung, das Schädliche mit Maaß, und Alles mit Plan und Selbstbeherrschung, vorzüglich aber mit reuelosem Gewissen ohne Wunsch von innerem Glück und Werth, der kann lange gesund und fröhlich leben und obendarein auch tugendhaft scheinen und ein beneidenswerther Mann – sagte Corfitz zum Troste sich selbst. Der Frau Ellen Marswin Rosenoblekästchen stand ihm jetzt offen. Er gab der Cavaliergarde von 200 lauter gereiseten üppigen »Jungen von Adel«, Bankete, und gewann besonders ihren wohlgestalteten, geistreichen Hauptmann Otto Scheel, der ihm den Professor Christoph Dibvadius empfahl, als den kräftigsten, geschicktesten Juristen. Er suchte ihn auf. Dibvadius aber war auf Zeitlebens eingekerkert, weil er ein Buch gegen den Adel geschrieben »Gelehrte sind besser in Staatssachen anzuwenden, als bloße Adliche mit Titel und Stolz.« Corfitz ging in den blauen Thurm in die katholische Kirche – denn die Gelehrsamkeit Anderer schien ihm ein nützlicher Strom, um darauf seine eigene Lustfahrt durch's Leben zu machen. Dibvadius versprach ihm eine Vertheidigungsschrift der Gemahlin des Königs. Als Corfitz aber wieder kam, da lag ein Mädchen wie Eleonore über einen todten, rothen, bloßen, herkulischen Mann .. Dibvadius war im Rauche der katholischen Kirche erstickt. Er langte nur nach der fertigen Schrift mit einem Schritt quer über den Todten, und sah an dieser drei Ellen langen Rache des Adels, wie viel man mit Geschick ungestraft thun kann, gelobte sich, so bald als möglich, Graf des heiligen römischen Reiches zu werden, um noch höher gestellt, noch erhabener über Verdacht und Strafe zu sein, und zog sich zum Schlusse von dem Todten die Lehre ab, daß auch des Königs Gemahlin Eine vom alten Adel sei, daß der König also wohl thun werde, ihn nicht durch ihre Beschimpfung zu beschimpfen, – und schrieb diese Warnung für den König mit Bleistift an Dibvadius Vertheidigung. »Vor den Gesetzen keine Furcht. Denn die grausamsten wie die besten Gesetze sind grade zu Nichts und nur lächerlich, wo die Richter zu unmenschlich, zu menschlich, zu dumm oder zu klug sind, sie zu gebrauchen –« dachte er dabei.

Endlich, nach langer Zeit, war das Gericht in dem Rosenburger Garten, eins, desgleichen seit dem wüthenden Streit des ganzen römischen Senats über des Kaisers Domitian Fischbrühe nicht vorgekommen war. Der König, alle Mitglieder des königlichen Hauses, selbst alle Kinder des Königs, Frau Ellen Marswin und die beschuldigte Gemahlin Christina, und Eleonore waren zugegen. Hannibal Sehested mißbrauchte den königlichen Schutz bei genauer Aufzählung aller Vergehen Christina's so keck, ja frech, daß Alle vor Scham, Zorn und Furcht schwiegen und die Schuldige für verloren hielten, Corfitz aber bewies erstens, daß Frau Christinen Nichts zu beweisen sei; warf dann noch verwogner die Schuld aller strafwürdigen Fehler auf den König, bewies durch dessen eigenhändige Briefe, daß Er sein Weib mit dem Rheingrafen auf ein und dasselbe Schloß gesandt, und bewies zuletzt triumphirend durch den hoch empor gehaltenen Taufschein einer so eben geborenen Tochter des Königs von der Wibecke, daß Er sie zu Allem gereizt, ja getrieben durch Vernachlässigung, Verachtung, Untreue und Schande .... und der König verlangte keinen Richterspruch. Hannibal wollte ihn seiner Ehre wegen aus den Richtern erzwingen und zog den Degen. Da faßte ihn Corfitz, stieß den Wüthenden vor sich her die Treppe hinunter bis auf den Platz, und als er sich ihm stellen wollte, rannte er gegen ihn, um ihm den Degen durch den Leib zu stoßen – was ihm Alles heut mit durchging – und Hannibal floh.

Am Abend wollte sie der König versöhnen, wozu Hannibal gleich bereit war; denn unversöhnlich, umwandelbar im Herzen, wand er sich listig und fein durch jeden Augenblick, ließ ihn gelten, zog seinen Vortheil aus ihm, um er selbst zu bleiben und später er selbst erst recht sein zu können; außerdem hatte der König ihm so eben seine Zwillingstochter Christiana verlobt. Aber Corfitz wollte ihm nicht vergeben – um vom Könige seinen Vortheil einzuhandeln. Der König fügte mit Ernst ihre Hände zusammen, wie ein Priester die Hände eines zur Ehe gezwungenen Paares, belohnte Hannibal mit der Stelle eines Statthalters von Norwegen, dahin er künftig – in die Verbannung, dachte Corfitz – abgehen sollte: und als er sich darauf beurlaubt, ließ der König Ulfeld allein, führte dann seine reizend und prachtvoll geschmückte Tochter Eleonore in's Zimmer und gab sie ihm zur Verlobten. Und der alte redliche Vater sprach mit feierlichem Ernst unter Thränen dazu: »Mann, Mensch! Hier ist Dein Weib! Es ist meine liebste Tochter, mein Kind – und, guter Freund, noch Jemandes Kind! Das, bitte ich, als ein armer Mensch auf Erden, zu sehn, zu fühlen und stets zu bedenken. Und wolltest Du teuflisch, mein Sohn, nicht Gottes Kind in meinem Kinde ehren; wolltest Du unadlich, mein Sohn, nicht des Königs Kind in diesem Mädchen schätzen; so liebe, was vielleicht besser ist, nur das gute, schöne Weib in ihr; und wolltest Du auch das noch nicht, Mann, so denke bei ihr stets, sie ist eines vielgeprüften alten armen Vaters liebe Tochter – und wenn Nichts Dich rührt, wenn ich hin bin nach Roskild und unter der Erde weiter und weit und fern, und ich keinen Finger in dem Sarge mehr gegen Dich erheben kann, mein vermorschter Arm das verrostete Schwert nicht mehr aus der zerfallenen Scheide zu ziehen vermag, und das Kind keine Zuflucht an meiner zu Staube gefallenen Brust mehr findet, dann, Mann, Mensch, Vater .. mein Sohn, dem ich mein Liebstes auf der Erde gebe, zu freiem, ganzem, ewigem Eigenthum, in Deine Gewalt gebe, wie der Mensch nichts Andres auf Erden in eines andern Menschen Gewalt geben kann, und gibt – dann denke noch: sie ist ein armes Kind der Erde! In ihrer Brust schlägt ein Herz; in ihren Augen liegt ein Quell der Thränen; ihre Gestalt kann den Bast von ihren Händen winden, ihre Hände können die Haare ihres Hauptes ausraufen, ihr Haupt kann vor Gram bleich werden, ihr Mund kann klagen, und was entsetzlich ist – ihre Zunge kann verschweigen ... und ihr schönes Gebild kann inwendig vergehn und zu Staube fallen, und auswendig noch schön und lebendig scheinen ... und Du kannst ihr Mörder sein, mit Worten, wie siedendes Blei in die Ohren gegossen; und vom Anblick Deines Unrechts und Deines Unglücks können die Augen ihrer Seele blind werden – mein Sohn! Mann! Mensch! Nur ein Mensch sei! Das ford're ich von Dir, das bitt' ich vor Gott, von Gott, – Du aber, mein Kind, sei treu! Behalte den Vater lieb, wenn Du nun Deinen Mann liebst. Sei ein gutes Weib, mehr kannst Du nicht werden; und glücklicher kannst Du nicht werden, als – sei eine gute Mutter; das rührt und bezwingt und beherrscht den Mann, so sehr er ein Mensch ist – und bringe mir Deine Kinder! Eins! Drei, Sechs, Zehn! Und ich will sie Alle lieben wie Dich, denn sie sind Dein! Und sie sind Dein und mein, und dessen, der Dein Glück und ihr Glück ist. Seid glücklich ... und vergesset mich nicht ... vergesset nicht Gott!

Er fügte ihre Hände zusammen, segnete sie, vergoß niedergebeugt Thränen auf das Haupt seiner Tochter, lächelte dann, blickte hinaus in das Himmelsblau, und wie sie Beide so im Anglanz der Sonne standen, sprach er noch: »Aber das wissen wir vier nur vorerst allein, die Sonne, ich, Du und Corfitz. Erst muß ich ihn die Aemtertreppe herauf führen und der Himmel Dich die Treppe oder nur die Paar Stufen der Jahre; doch Ihr werdet bald oben sein, bald, rasch, ehe ich drunten.«

So erschüttert, und wie ein Geist in ehrwürdiger Erscheinung, bebend von himmlischem Glück und von irdischem Glück, mit Wangen, auf denen das Jugendroth zu guter Stunde wieder einmal aufgetaucht war, und mit Thränen noch an den Wimpern, stand der alte Mann, sah sich satt und zufrieden, lächelte, ging langsam von ihnen und ließ sie allein.


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