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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Madsdotter und Andersdotter.


Menschengedanken sind mit Augen zu sehn –
Wenn sie, in die Natur gesät,
Groß gewachsen, dem Menschen spät
Aus der Natur dann treu auch auferstehn!

Corfitz war in seine ehemalige Kinderstube gewiesen worden. Er sah zum Fenster hinaus und sahe und dachte: wie Alles so ruhig hinter ihm gestanden hatte! wie die Bäume groß, die Gebäude alt, und Alles wie kleiner oder geringfügiger geworden. Sonst war dieser Gesichtkreis ihm die ganze Welt; jetzt nur ein unbedeutender, unerquicklicher Theil der ganzen Welt, in welcher er nach allen Richtungen hinaus so viel Herrliches und Schönes stehen wußte unter dem blauen Himmel, der hier sich nahe abzuschließen schien. Er fühlte sich davon getrennt und ausgeschlossen, und seufzete; und dann rieb er froh die Hände, daß er wieder im Vaterhause war. So zog er sich langsam zur Abendtafel an, und war eben fertig, als er im Zimmer neben sich ein dumpfes Geräusch, ein Stöhnen, Aechzen und Schelten hörte, und ein Stampfen und Aufschlagen auf die Dielen – wie von Menschenköpfen. Er ging zu sehn. Da eilte ein junges, rasches Mädchen in gemeinen Kleidern auf die Nebenthür zu, öffnete, ging hinein, und ließ sie ihm offen, indem sie sich gleichsam entschuldigte wegen ihrer Fahrlässigkeit; denn in diesen Tagen des Ausräumens und Einräumens sei der Arbeit und des Besorgens bis in die Nacht kein Ende. Er sah, er trat hinein. Ein Weib stand von der Erde auf, schämte sich, kehrte sich um und schwieg. Dann stand auch der Mann auf, stäubte sich ab, kämmte seine langen Haare mit den Fingern in einige Ordnung, fing an zu tanzen und zu singen, und ladete das Weib dazu ein, die ihn unsanft mit dem Ellenbogen von sich wies. Da lachte er unheimlich anregend: Ei Karen, Karen Andersdotter! Du hast Deine Sachen albern gemacht! Gab es einen respectvolleren Ehemann als mich? Ei, daß ich mich hätte wie Urias, mit einem Brief abmarschirend, todt schießen lassen! Der kleine David flößte vor seinem Königthum keinen großen Respect ein. Der Respect ist erst in die Welt gefahren, mit solchen Männern wie wir jetzt haben an unserem Christian. Der lebt und läßt leben! Denn welcher Ehemann hat besser zu essen und mehr zu trinken bekommen als ich? Welcher, so viel Kleider und Geld zu Gelagen und Spielen? Und habe ich, seinem wohlverstandnen Willen gemäß, nicht Alles redlich verspielt als ein getreuer Unterthan! Nur Eins, Eins, Eins war fatal, ist fatal, bleibt fatal! – Wenn ich Nachts zu Hause ging, wenn ich unter Deine noch lichten Fenster schlich, in die Hände klatschte, daß Du aufmachen solltest, wenn ich in den Pallast die Treppe hinauf schlich, und mich die goldenen Diener beim Kragen hinunter zum Tempel hinaus führten, und mich einen verrückt gewordenen armen Eheteufel nannten – das war fatal! War ich nicht Alles zufrieden, was mein König that? Was ein König thut, ist Alles gut, das muß alle Welt annehmen, als die größte Ehre. Nur der Christina, der Munken und Hallunken, die wiederum Dich von dem Ehrenlager vertrieben, der hättest Du sollen die Augen auskratzen! Denn vor Einer, die keine Augen hat, drückt sie selbst ein Bauer zu, und deswegen kratze ich Dir sie noch aus. So hier zu sitzen! – Aber – wandte er sich an Corfitz – wie heiße Ich denn eigentlich in der Weltgeschichte? Wenn Einer den Andern zu Pathen bittet, so heißen sie Gevattern; wenn Zwei zwei Schwestern heirathen, so heißen sie Schwäger. Wie heißt denn aber ein ehrlicher Bürger, der dem König sein Weib gibt – ich bitte Sie, wie heißt der, nämlich Ich! Ich bitte Sie!

Und Corfitz antwortete ihm so hin: ich glaube Con-spons!

Conspons! Conspons! Ja, Conspons! heiße ich in der Weltgeschichte, rief der Mann, sprang und schlug mit der Faust an die Seitenthür, um seine Freude Jemand darin mitzutheilen.

Mein Gott, sagte die junge Wärterin, nun wird er gar die junge Kirsten Madsdotter heraus locken! Aber erschrecken Sie nicht, lieber Herr; sie ist ganz still ...

Was erschrecken! – sprach der Mann der Frau Karen Andersdotter; was sich die blasse Person einbildet! Eine Königin, unsere hochselige Anna Katharina aus Brandenburg, wird daran gestorben sein vor Schande und Gram, daß der allergnädigste König die Kirsten Madsdotter mit einem kleinen Christian Ulrich Gyldenlöwe huldreichst beehrt hat! Der kleine Löwe wird die Königin umgebracht haben! Albern! Albern, daß die Madsdotter nun immer mit den Nägeln an den Dielen kratzt, um die Königin wieder heraus zu scharren – hier! – Sehen Sie nur die Dielen! – da die Höchstselige doch wohlverniethet in Copenhagen liegt! Ich habe damals die Niethen zu ihrem Sarge, als damaliger Schlosser, gemacht, und gute Schrauben mit Muttern!

Da trat das sehr schön gewesene blasse Mädchen, Kirsten Madsdotter, aus der Seitenthür herein, mit niedergesenktem Kopfe, die Hände gefaltet. Sie kniete jetzt wieder hin; aber die Hände versagten ihr den vergeblichen Dienst. So blieb sie lange; dann sah sie sich um, erblickte den Fremden, eilte auf ihn zu und frug ihn drängend: Ihr seid fremd, lieber Herr, Ihr habt gewiß Erbarmen gegen mich, oder seid doch nicht unbarmherzig aus Feindschaft, denn Euch habe ich nie beleidigt; sagt Ihr mir: Ist die Königin noch nicht wieder auferstanden? Noch nicht? Noch nicht? Sie bleibt so lange liegen mir zur Qual! Das ist recht hart von ihr! Wer sollte das den Todten zutrauen! Wenn sie mir nur eine Hand reichte! Nur ein Auge aufschlüge! Ist sie noch nicht auferstanden!

»Lange schon!« antwortete ihr Corfitz. »Die Todten stehen gleich auf.« »Heute sollst Du mir im Paradiese sein.« »Nicht erst in tausend Jahren – Gott läßt kein Saamenkorn so lange schlafen und macht seine Menschen nicht auf Jahrtausende zu Schlafmützen und Faulpelzen.«

O Gott! rief Madsdotter; sie ist also auch keine Schlafmütze!

»Nein, sie ist im Paradiese. Ich komme von Rom; und Rom hat täglichen Verkehr mit der Hölle, mit dem Fegefeuer, dem Paradiese und dem Himmel. Dort war ein Brief mit Gelegenheit an Euch gekommen, und deutlich ist es der Königin Hand.«

Er zog einen Brief heraus, that, als wenn er den schon erbrochnen hier erst erbräche, und bat um Erlaubniß, ihn ihr zu lesen.

Sie kann nicht lesen; sagte eine alte Frau, welche Corfitz an Stimme und Gestalt als seine Amme erkannte. Und so las er ihr Seelentrost vor, und gab ihr zuletzt auch die im Briefe befindliche, hier in der Ferne, jetzt ihm gleichgültige Haarschleife zum Angedenken.

Frau Karen Anders-Dotter flüsterte ihm zu: Sie werden ein guter Weiberadvokat werden! Die Verdorbensten können am sichersten auf ihre Ehrenrettung zählen – aus Verwandtschaft!

Corfitz fühlte sich getroffen, und lachte die Thörin nur an. Sie aber ging mit höhnischer Miene von ihm.

Die von ihrem langen Gram erlösete Madsdotter aber richtete sich groß auf, that einen freien Athemzug, blickte ihn unaussprechlich lieb und unschuldig an, und schenkte ihm zum Dank ihre Kette vom Halse, die sie ihm an einen Knopf hing. Corfitz aber hielt dafür: Geschenke von Weibern muß man nehmen, schon aus Höflichkeit, mehr aus Klugheit. Ehe ein Weib schenkt, braucht es viel; und etwas sind sie immer werth, die Geschenke. Dagegen verbarg Madsdotter die Haarschleife in ihrem Busen, als Zeichen der Vergebung. Die christlichen Ehefrauen, sagte sie dann ihrem Tröster zur Lehre, sind recht hart gegen uns arme Kinder, anstatt gegen ihre Männer! Ehe der Storch der Frau Kanzler Ulfeld Kinder gebracht hatte, hat sie hier unsrer guten alten Pflegemutter – sie wies auf die Amme – viel hundert Ohrfeigen dafür gegeben, daß der Storch ihr als ihrer Kammerjungfer hier das gute Töchterchen – sie wies auf das rasche Mädchen, das sie eingelassen hatte – aus dem Kinderteiche gebracht hat – und dieses Töchterchen ihres Mannes Jacob Ulfeld hat sie auf dem großen Familien-Bilde, auf dem letzten Stuhle sitzend, als einen Hund abmalen lassen, und nennt sie noch heute bloß: die Gemalte!

Corfitz sah seine Halbschwester eigenfreundlich an, und sie sprach zu ihm: der Vater ist gut!

Ihre betagte Mutter aber sagte: Zu viel Ohrfeigen habe ich aber auch nicht erhalten! Die sind einmal hier Mode. Selber der König hat sie bei der Hand, und sie sind besser als herzzerschneidende Stichelreden und stille Verachtung; eine Ohrfeige spricht laut und vernehmlich!

Aber wie der Capitain Munke, der Hand-Schwager des Königs, hat von einer einzigen Ohrfeige sterben können, sagte Frau Karens Mann, daß ist mir ein Räthsel ... als wenn ein König giftig wäre. Was für niedrige Begriffe hat der Mann von Ehre gehabt! Ich, ich hätte mir den Backen noch vier Wochen roth gerieben, um auf Befragung immer die Ehre rühmen zu können: Sr. Majestät! – Huldreichst! – Mit höchsteigener Hand! ––

Dabei blies er den Backen auf. – Gehen Sie an den Hof, lieber Herr, fuhr er fort, sehen Sie ja: etwas zu versehen! Denn auf eine Ohrfeige setzt es huldreichst dann gewöhnlich ein Amt, und auf eine erkleckliche, ein recht erkleckliches! Huldreichst! Auch seine hohe Frau Mutter Amalia im hohen Alter, sitzend als Wittwe auf Schloß Nykioping in Falster, gibt sieben Hofdamen für die Ehre der sieben Ohrfeigen noch obendarein das Gnadenbrot. Huldreichst! Indessen hat meine Frau Karen statt meiner oder ihrer Ohrfeige vom Könige doch unsern Hans Ulrich Gyldenlöwe wegbekommen, der aus dem Schlosse Kronenburg das Licht der Welt erblickt, und er kann wohl mein Sohn sein, denn ich bin Conspons!

Frau Karen ertheilte ihm dafür die erwünschte Ohrfeige. Der Streit ging wieder an, und Corfitz zog sich still zurück. Seine Amme begleitete ihn hinaus. Er hätte sie gern Con-Mutter genannt; und sie, sie hätte ihm gern entdeckt, daß ihr der Herr Kanzler, der ihr oft noch etwas entdecke, auch dießmal entdeckt, »daß sein Corfitz gekommen sei!« Sie hätte ihn gern gebeten, sie und seine Halbschwester, die Gemalte, doch ja gegen seine gestrenge Frau Mutter in Schutz zu nehmen, wenn der Herr Kanzler mit Tode abgehen sollten, was eher geschehen würde, als man vermuthe, da innere Arbeit und Kopfsorge müder mache als äußere Arbeit mit Händen und Füßen, und Kopfsorgen für ein Reich halsbrechende Sorge sein müsse, wie sie an dem silberhaarigen Herrn Kanzler sehe. Gern hätte sie ihm entdeckt, daß, ganz im Geheimen, der dicke Christian, der König, in der Abendstunde angekommen sei, und seine neue künftige Gemahlin, die noch Wibecke heiße. Eins aber mußte sie ihm doch sagen; und sie sagte ihm –: Der junge Hannibal Sehested ist hier, der erste und schönste Cavalier am Hofe; er freit um des Königs Munke-Tochter; und Frau Marswin, die sie mitgebracht, macht ihm dazu hier Gelegenheit. Nehmen Sie sich in Acht!

Aber die Nachricht freute Corfitz, der gern Neider hatte, und durch seine Person und Wesen gern beleidigte, aber selten durch Worte, die immer die feindliche Gesinnung verrathen, so daß ihm bei seiner schweigenden Art zu beleidigen, nöthigenfalls Deutung und Abweis und obendarein noch zu anderer Beschämung stets übrig bleibe.

So kam er in den Saal als Nachzügler, und zum Schein kaum bemerkt. Der König Christian IV. saß mit dem Gesandten auf einem Sofa; die übrige Gesellschaft war, die Leuchter in den Händen, vor dem großen Familienbilde versammelt, das die Generalstaaten dem Kanzler Ulfeld verehrt hatten. In einem großen, offnen, von Säulen getragenen Gartensaal sitzt der Kanzler Jacob Ulfeld mit seiner Frau, Brigitte Brockenhaus, und mit ihren siebenzehn Kindern zu Tische wie bei einer Art Abendmahl. In der Mitte gegenüber die Aeltern; zur Rechten des Vaters die eilf Söhne; zur Linken der Mutter die sechs Töchter; und auf dem letzten Stuhle, der sich an den jüngsten Sohn anschließt, sitzt der Hund. Die Söhne alle baarhaupt, in Spitzenkollern und Mäntelchen, die Töchter gleichfalls in steifen, breiten Halskragen; und auch der Hund hat – sein Halsband. Vor ihnen, auf sauberem Tischtuch, liegen Melonen, Pfirsichen, Aepfel, Weintrauben und andere Früchte. Keines ißt, Keines streckt eine Hand aus .... Man fürchtet sich, wenn sie werden essen wollen, sprach Frau Marswin lachend; denn der Meister hat Teller und Messer vergessen, und sie werden Alle in die großen Melonen beißen müssen – das ist der nächste Augenblick, den Alle selber befürchten! Ihr sechster Sohn da, scheint darüber zu lächeln. Ueberhaupt ist das der hübscheste. Wie heißt er denn, liebe Frau Brigitte?

Brigitte aber schwieg; und der Kanzler antwortete endlich für sie: Corfitz.

Den habe ich nie gesehen! Wo ist der denn? – Gestorben?

So gut ist er nicht gewesen! Er hat uns unnatürliches Herzeleid angethan; sprach die Mutter. Seit wir ihn, zehn Jahre alt, in die Fremde nach Basel geschickt, ist er uns treulos geworden; er hat sollen studiren, – aber hat mit Pferden und Hunden aller Art die Zeit verbracht! Er hat sollen den Hofmeistern folgen – aber hat sie zum Narren gehabt, ja fortgejagt; er hat sollen nach Hause kommen – und ist in die Welt gelaufen. Er ist an dem kleinen Hofe von Oldenburg dann Page geworden, unter falschem Namen, hat die Prinzessin .. oder nur Gräfin Tochter schön gefunden und ist fortgejagt worden. Daraus hat er als gemeiner Soldat in dem dänischen Heere gedient. Aber dienen, folgen, gehorsam sein, hat er nicht gelernt, kann er nicht – und widert ihn an. Er hat bald gesehen, daß er nicht zum Helden geboren ist, und daß es langweilig ist: sein Glück auf Kosten von Hals und Beinen zu machen, wo man es dann nicht genießen kann. Das ist ihm zu gewagt gewesen. So ist er entlaufen, und hat sich wahrscheinlich jetzt auf das Studium des Unglücks gelegt, und verspricht ein vollkommen gerathener ungerathener Sohn zu werden.

Wissen Sie nicht mehr? frug Frau Ellen Marswin, etwas verdrossen; denn wahrscheinlich hatte Corfitz die Zeit wahrgenommen und sich ihr in der Sakristei entdeckt. Und Corfitz, innerlich höchst erzürnt, daß seine Mutter die Schande seiner überstandenen Jahre hier laut verkündigt, frug sie jetzt sehr bescheiden nur: .... Wer ist denn der Hund hier?

Wer? – was meinst Du damit? frug Frau Brigitte dagegen, schon zornroth.

Hatte ihn seine Mutter erkannt, daß sie ihn Du geheißen? Er sah Frau Ellen an. Hannibal Sehested lachte darüber, daß Jemand sagen könne: Wer ein Hund sei? und Frau Brigitte war im Begriff, mit Heftigkeit auszubrechen. Da traten zum Glück der König und der Gesandte hinzu. Und Frau Marswin sagte zu Frau Brigitte: Der Herr Gesandte hat mir gesagt, daß er das Vergnügen gehabt, ihren Herrn Sohn Corfitz in Italien anzutreffen, das er sehr erfahren, sehr geschickt und sehr artig sei – ja daß er sehr, beinahe auf ein Haar, hier seinem Begleiter, ihrem Gaste, ähnlich sehe ....

Alle Augen sahen auf Corfitz, der anfing, sich gern als die Hauptperson dieses Abends zu fühlen.

Ja! so alt mußte er sein! sprach der Kanzler. Eine Mutter, die ihren unglücklichen Sohn nicht wiedersehen will, möchte man der Seltenheit wegen auch – malen lassen.

Als rechtschaffenes, ehrenhaftes, tief, zu tief gekränktes Weib aber, – muß ich bitten; sprach die Mutter, und Thränen traten ihr in die Augen.

Wenigstens sehen möchte ich ihn schon einmal vor, meinem Ende, sprach der alte Vater. Erfahrene und Geprüfte verstehen Lehre und Weisung am besten, und von einem alten Vater hört sich Alles wohl an. In der Fremde wo, ihm unbekannt, möchte ich freundlich zu ihm sprechen: Wer giebt seinen Kindern einen Stein, wenn sie ihn um Brot bitten? Ja, möchte ich dazu setzen, wenn sie auch nicht bitten. Kein Mensch kann je die Pflichten von sich werfen, die ihm die Natur zum Menschsein auferlegt. Erfüllet er sie nicht, so ist er keiner. Er ist so sehr ein Mensch, so sehr er sie erfüllt. Ein Mensch sein, kann dem Menschen doch nie so schwer sein, wenn er's redlich will. So kennet mich mein Weib, und so mein König. Der König, der sich heimlich hinter den Vater gestellt hatte, klopfte ihm dabei leise auf die Achsel; und so sprach er ermuthigt weiter: Nicht alle Kinder werden erzogen; in der alten Welt wie in der neuen haben sich dies besten Männer selbst erzogen. Den eigensten Herzen und den eigensten Köpfen ist eben der allgemeine Weg unbegreiflich, den doch so viel Schafe geduldig wandeln; aus zu reicher Empfindung, aus zu tiefer Ehrfurcht vor Natur und Menschen scheinen sie fast dumm. Sie möchten erst das Gras und die Blumen erforschen, ehe sie den Fuß darauf setzen. Sie kommen langsam vorwärts, sie verirren sich willenlos, willig, ja muthwillig tausendmal, aber immer wissend und hell auf jedem Schritte, und von jedem Abwege kommen sie unbegreiflich klarer und klüger wieder auf den allgemeinen Weg, den man so gemein den rechten nennt, der aber eben der gemeine ist, der ihnen nicht taugt, nicht genügt, und welchen sie wieder, wie von einem Gott genöthigt, aber auch geführt, wieder verlassen, und immer wieder finden, aber immer wieder klarer über die Abgründe, schwindlige Stege, Klüfte, dunklen Wälder voll Schlangen und reißender Thiere. Sie kommen nicht ohne Spuren davon, an ihren Gliedern; sie sind müde, geängstet, geplagt selber, und weinen selber oft genug: daß ihnen die Welt nicht hell aufgeht, das eigene Herz nicht hell, daß sie wüßten, was sie wollen, und was sie sollen, in dieser Ueberfülle von nie gesehenen kostbaren Schätzen, droben und drunten, daneben und überall! Und wie aus einem Walde lauten ihnen der Erde Todtenglocken in den sonnenhellen Tag hinein; und der Herbst, vor dem alles Schöne stirbt, zieht sie zu sich auf die falben Blätter hinab und kämpft mit ihnen; und der neue Frühling über den alten Gräbern bringt sie fast um, und Leichenzüge und Thränen und Schmerz und Tod gaukeln als wahre Schattenbilder an ihnen vorüber, und jeder Irrthum will durchgekämpft sein, jede Thräne getrocknet, jedes Blatt gleichsam richtig an seinen Zweig gehangen, jede Blume richtig hingestellt, die Sonne selber erst recht angesehen ... ehe so ein armes Herz sich daran freuen kann, oder doch ruhig sein in diesem großen Gewirr von Leben und Tod, von Altem und Neuem, von Schönem und Abscheuwürdigen, das man die Welt heißt! Und meist aus Verzweifelung, selten aus großem Siege der Vernunft und der Weisheit wird die Seele ruhig – die sich immer nur in die Natur getaucht, wie eine weiße Möwe in die See, die nie darin ertrunken, nie darin geblieben, sondern unvermuthet schon wieder erquickt droben schwebt in der heitern, blauen Himmelsluft! – Aber mein Gott, was wissen die Weiber davon! Selber eine Mutter kennt nur ihre Liebe und des Sohnes Liebe – aber schon die junge Seele in dem kleinen Kinde nicht! Nicht ein Haar an ihm! Sie kämmt es ihm bloß, wenn es lang genug ist. –

Er hielt erschöpft inne.

Wird denn unser Bruder kommen? frugen die Geschwister, um den Vater gedrängt.

Er umschlang, so viele er umfangen konnte; und über sie emporragend, sprach er weiter: Ich muß auch ein Wort von mir sagen. Was mir Niemand hätte sagen können, ich wüßte noch heute nicht, Wer? – Das habe ich doch gelernt, selber. Ich möchte sagen, ich habe es in aller Welt umher von Wolken und Bäumen, von Wellen und Felsen, von Steinen und Mauern abgelesen. Da stand es! Deutlich, ewig! Denn daß Corfitz nicht studirt hat! Mein Gott, er hat also den Hörtrichter zwei Jahre nicht im Hörsale angesetzt, um einen oder ein Paar Menschen zu hören. Das wenige Wissen, oder die Wissenschaft, die Jeder bedarf, beschafft er sich leicht, wenn er sie braucht. Wissen macht auch nicht ein Haar klüger, noch brauchbar überhaupt. Aber es gibt ein Etwas, einen Geist, der weise macht, der die Erde uns kennen lehrt, und vor Allem die Menschen und unser eigenes Herz. Das ist der Spiegel für Alle, der Quell für Alles! Nur die Kraft ist werth, die das Wissen belebt; die Gesinnung, die es richtet, der Verstand, der es anwendet. Alles Wissen langt nicht dazu: einen tüchtigen Thorschreiber zu machen! Und Kraft, gute Gesinnung und Verstand machen aus einem türkischen Eselstreiber einen Vezier. Ich habe auch nicht auf der Bank studirt, sondern auf Reisen; Entfernen und Ferne, Verlieren und Finden, Einsamkeit und bevölkerte Städte, entvölkerte Lande und blühende Inseln, vergangene Herrlichkeiten und neues Leben, Tempel und Richtplätze, fremder Schmerz und eigene Freude, eigenes Leid und Anderer Jubel, Tage und Nächte, selbst Hoffen und Träume sind meine Lehrer gewesen; meine Augen und Ohren; zuletzt der Ueberdruß, die Verlassenheit und die Sehnsucht! So kam ich wieder lebendig in die mir lebendig gewordene Heimath, und verstand doch so viel von Menschen und ihren Wünschen, daß ich als Kanzler des Reiches mir heut' – einen ehrlichen Abschied verdient.

 

Der König legte ihm beide Hände auf die Schulter.

Also wenn Ihr Sohn Corfitz nun käme?.. frug der Gesandte.

So wär' er willkommen; sprach der alte Vater.

... Und wenn er hier wäre ... wenn es Dieser wäre –

Mein Vater! rief Corfitz, und sank dem Vater zu Füßen.

Der Vater, selber weinend, ließ ihn sich ausweinen, während er ihm seine Hand auf den Kopf gelegt; und der König legte auch eine Hand dazu. Die Geschwister umschwärmten ihren Bruder mit freudeleuchtenden Augen, die Schwestern weinten und drängten sich, von ihm umarmt zu sein, und er gab sich dem Einen nach dem Andern hin. Und in diesem neuen Augenblicke entschuldigt – als wenn Alle seine Schwestern wären, schloß er auch Hannibal's Geliebte, des Königs Munke-Tochter Christiana, an seine Brust, und ehe sie sich von der Überraschung gefaßt, war er schon los und dankte Frau Ellen für ihre Vermittlung. Dann sah er sich nach der Mutter um, aber sie war fort. Und wie er betreten stand, sprach die junge Eleonore, des Königs Liebling, zu ihm in holder Unschuld: Herr Corfitz, ich will auch ihre Schwester sein!

Christian, der allerbürgerlichste König und der väterlichste Vater, winkte seiner Töchter Oberhofmeisterin Frau Karen Sehested; sie winkte also dem glühenden Corfitz, und so schloß er auch das junge Mädchen in seine Arme, daß Frau Ellen wieder laut auflachte. Der Tafeldecker, der fast in jedem Schlosse im Stillen lange ersehnte Freund, lösete auch diese Scene. Die Mutter, die jetzt erst zur Tafel wiedergekommen, war stumm und sah den Sohn doch endlich an, da er Allen gefiel, selbst dem König, nur nicht Hannibal Sehested, der Gift aß und Galle trank, statt Speisen und Wein.

Erst spät, da Corfitz schon auf seinem Zimmer begnügt auf und ab ging, ließ ihm seine Mutter befehlen, vor ihr zu erscheinen. Sie empfing den beklommen Eintretenden sitzend am Kamin, ein Blatt in der Hand, das Gesicht im Düster, vom Licht abgewandt. Sie winkte ihm nicht näher; sie ließ ihn lange stehn, damit er doch wenigstens im Schweigen und Erwartung seine Schuld auf seine Art fühlen sollte, wenn er sich in einer Mutter Herz nicht denken könnte. Endlich sprach sie: Ich schenke Dir 5478 Ohrfeigen, für jede kummervolle Nacht Eine, und für jeden bedrückten Tag noch keine. Wie ich Dich kenne, mit Deinem ungemessenen Stolz, Deinem Geiz, Deiner Habsucht und Rachsucht – und Du wirst Dich nicht verändert haben, nur verklügert und verstellt – kommst Du zu Deinem Elend zurück, hier an diesen Hof, wo Du Dein Glück machen wirst zu Deinem Unglück. Schon hast Du Einen Feind! Du und Hannibal, ihr seid zwar Beide unbedeutend, und werdet es, so Gott will, bleiben. Aber in dieser Verwirrung des Reiches, dessen Verwaltung der Kanzler aus Rechtschaffenheit niederlegt, kann eben der bloß Dummdreiste, Kecke, Hochfahrende sehr hoch fahren, und sich an die Stelle stellen, worauf ein ehrlicher, wohlwollender Freund des gemeinen, armen, unterdrückten Volkes gehörte. Gott sei Dank, morgen ziehen wir weg, nach Nyburg. Du bleibst als Hofkavalier sofort hier bei dem König. –

»– Bei dem König?« frug Corfitz.

Nun ja, der Einäugige Mann, so redlich wie Christian II., der verkannte Freund der Freiheit des Volkes, wie seine Gesetze Kopenhagen, 1684 gedruckt. beweisen – das war der König. Er hat leider fünf Sorten Kinder, zusammen eine Schule voll von 24! als 13 Söhne und 11 Töchter: Königliche Kinder; Madsdotter-Kinder; Karen-Andersdotter-Kinder; Munke-Kinder; und jetzt zuletzt noch hier ein Wibecke-Kind; denn Frau Ellen Marswin, so niederträchtig gefällig, hat ihre eigne, dem Könige angetraute, Tochter Kirsten Munke, nicht geachtet, und ihm gerathen, weil Kirsten zu fett würde, ihre Kammerjungfer Wibecke anzunehmen, hat sie selbst hieher gebracht, und unser Schloß um 100,000 Ortsthaler gekauft; ihre eigene Tochter soll in Schande kommen, damit sich der König scheiden lassen kann und ist mit dem Rheingrafen Otto Ludwig, des Königs eigenem Hofmarschall, von der alten Marswin auf das Schloß Friedrichsburg geschickt, um einen Verdacht zu gründen. So wird der gerechteste, bedächtigste König geleitet, der zwischen jedes Wort, das er schreibt, ein Komma setzt, damit ja Alles klar, wahr und unverstellbar sei. Verwirrung der Großen im Herzen oder im Haupt wirft Verwirrung über Land und Leute, und die Munke wird Rache brüten! Denn sie liebt den König nicht mehr, schon weil er ihr ihren Bruder, den Seecapitain Munke, mit dem Stocke geschlagen, und ihm auf zwei Tage dadurch die Eßlust benommen hat, worauf er vor Kränkung gestorben. Denn Alle sind gestorben, die der König erschlagen und erschlägt. Viele Leute mit gutem Magen aber entschädigt er dann auch königlich. So kommst Du denn recht in Deine Erndte! Eine Königstochter kann Dir nicht fehlen – und ich rathe Dir die junge Eleonore – die schon Deine Schwester sein wollte – denn sie ist des Vaters liebstes Kind; und wer sie hat, kann alles haben, was zu haben ist! Damit Du aber doch von nun an glaubest: Du habest eine Mutter, so lerne hier zu Deiner Strafe das alte Lied auswendig, und wenn Du es kannst, so sagst Du es mir her.

Sie reichte es ihm; und während er las und lernte, packte sie noch die Schriften, Briefe und andere Sachen von ihrem Arbeitstische ein, als letzte Arbeit hier im Schlosse. Und als sich Corfitz räusperte, befahl sie ihm, das Lied ihr vorzutragen. Und nicht ohne Thränen hörte sie aus seinem Munde:

                   

Könnt' ich, so wie ein Wandersmann,
    Heim – in die Jugend gehn,
Klopft' ich an uns'rem Häuschen an,
    Das ich nicht mehr gesehn.

»Bist Du es, mein geliebtes Kind?
    »Wo warst Du denn so lang?
»Tritt ein! Hu! Draußen saust der Wind!
    »War Dir nach uns nicht bang?«

Ach, bange, bang; drum kehr' ich heim
    An eure Feuerstatt.
Die Mutter bringt mir Honigseim,
    »Mein Sohn, nun iß Dich satt!«

Ich schau' in jedes Bett hinein ....
    Da, schläft der Vater fort!
Da ... die Geschwister! lieb und klein!
    Ich schlaf' am alten Ort!

Vergessen ist der lange Schmerz,
    Mir ist so wohl, so wohl!
In Freude schwimmt das Kindesherz –
    Im Schornstein saust es hohl!

»Ach, wäre nur die Nacht vorbei!«
    So seufzt die Mutter still,
»Dann seh' ich ihm in's Auge frei,
    »Und frage, was er will!«

Doch scheint die Sonne früh, – so bald,
    Da ist mein Traum dahin.
Ich lieg' auf falbem Laub im Wald,
    Haus, Alles ist dahin!

Der Rasen deckt die Lieben zu,
    Kein Köhlchen glimmt am Heerd' –
Sie schlafen – tief, in tiefer Ruh';
    Und auf mir liegt die Erd'!

»Ach, wäre nur die Nacht vorbei!«
    Seufz' ich am Tage dann.
Fern gellt der Todtenglocke Schrei,
    Die Sonne sieht mich an!

Erst waren ihm vor Aerger die Augen naß. Dann vor plötzlichem Gefühl der Gegenwart – und der Zukunft, flossen ihm die Thränen – vor Wehmuth. – Er schwieg.

– Die Nacht ist die Welt, sprach sie. Du kannst noch weinen – Du kannst noch glücklich sein. Geh' und schlafe an Deinem alten Ort – der Vater schläft noch neben Dir – die Geschwister schlafen! Erst aber iß hier Honigseim, damit das Lied ganz in Dir wahr wird – mein Sohn! Hat Dein Vater doch Frieden sogar mit dem gehaßten päpstlichen Kaiser geschlossen – der Vater kommt – sei Friede mit uns!


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