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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Frau Ellen Marswin.


Auf dem Kirchhofe, der vom ganz nahen Seehauch herrlich frisch begrünt war, sahen sie eine in Lilasammet gekleidete Frau, die betrübt und mit gefalteten Händen sinnend in das breitoffene Thor des Kirchthurms ging, dessen Gewölbe die Halle zur Kirche bildete.

»Das ist meine Mutter – Brigitte Brockenhaus!« sagte Corfitz leise. »Sie hat sich noch einmal ihre kleinen Kinder besehen, die man so eben in ihren Zellen wieder bedeckt. Wer die Todten nicht vergißt, wird die Lebendigen nicht vergessen haben; und wer das Sterben verzeiht, wird das Leben verzeihen! Aber wie sie noch hübsch ist, noch frisch; ja wenn man sie in der Fremde träfe, man könnte sie noch schön finden, wohl gar liebenswürdig. Da in der Halle sitzt ein Schreiber, der, wie ein Zöllner, Aus- und Eingang gehörig verzeichnet hat, der wird uns sagen, ob wir auch hinein dürfen. – Und auf die Antwort desselben: »Heut' ist wie offene Tafel«, gingen sie in die Kirche. Und unter den sechs Paar Säulen hin, dem Taufstein und der Kanzel nahend, gewahrte Corfitz vor dem Altar bei der offenen Gruft an der Seite der Sakristei, wie er meinte, die zwei Töchter des Königs, eine wachsende Jungfrau und eine erwachsene. Aber die Erwachsene war seine eigene Schwester Dorothea, und er ahnete nicht, daß aus dieser Verkennung einst sein ganzes Unglück kommen werde; denn er erforschte so eben mit weltkundigen Augen Gestalt und Wesen der Regentin des alten Königs, der Frau Ellen Marswin, und dachte bei sich, da er ihr schwarzes Baret mit Straußfeder, ihr rothsammtnes mit Gold besetztes Kleid, und ihre etwas übermüthige Haltung sah: »Sie ist zu Schanden geehrt, wie zu Schanden geputzt! Wem soll aber wohl sein auf Erden, wenn nicht einem Weibe, das vom Vorwerk weg ihre Tochter dem König verheirathet, nun Ehren und Würden verschenkt, wie früher kaum Eier und Käse, und auf den gleichsam geschmolzenen Schätzen des Reichs – auf dem silbernen Meere schwimmt, wie eine goldene Ente, die rechts und links hin mit dem Kopfe nickt, – und Menschen fallen vor lauter erwiesener Gnade um und in die Ohnmacht der Erbärmlichkeit! Aber übel ist sie nicht und nimmt gewiß von Männern nichts übel.« – Zum Gesandten aber sprach er: »Erschrecken Sie nicht! Man fängt auch die feinsten Weiber mit den gröbsten Schmeicheleien, und dieselben Weiber sogar immer wieder mit derselben abgedroschenen List. Es ist, als wenn sie nichts von andern je gesehn und gehört hätten. Es sind Nachtigallen!«

Darauf ließ er sich vor Frau Ellen – als sei diese des Königs Handgemahlin, und als sei eine Handgemahlin eine Königin – auf ein Knie nieder und blieb so; worauf Frau Ellen, nach ihrer fröhlichen Weise, in ein, wie lang verhaltenes, gesammeltes Lachen ausbrach. –»»Ich bin nicht meine Tochter! – sagte sie dann, sehr gnädig darüber, daß man diese so hoch ehren wolle, und sie selbst für so jung halte. »»Sie sind Fremde. Sie kommen zur See ... ist Ihnen die Seeschlange nicht erschienen? Die kleinere oder die große? Tygge Brahe ist von seiner Himmelsburg auf der Insel Hyen eigentlich ihretwegen fortgezogen, sagt unser Hof-Andreas, der Astronom Lomborg, Tygge's gelehrtester Schüler, also mit einem Kopfe voll Fabeln und Riesen wie eine Edda! Denn er sagt auch, mit der Seeschlange würde das Reich in großen Schrecken und große Verwirrung gerathen. Die Hofastrologen sind auch eine Art Hofnarren, ohne Kappe und Schelle.««

Darauf lachte sie wieder unmäßig; bemerkte dann, daß sie leider nur ein paar Ahnen hier beizusetzen gehabt, obgleich sie so viel Väter und Mütter gehabt – nur nicht aufgeschriebene –, wie der älteste Adlige, der doch auch einmal eines Bauern Sohn gewesen sei, und wollte die Herrn nun zum Handkuß lassen. Aber der Handschuh war am Oberarm verknötert, und sie hielt den rechten Arm wohl fünf Minuten mit Anstand hin, bis die Bändchen von den beiden Mädchen unter verbissenem Lachen aufgeknüpft waren, die Hülle herabgezogen ward, und ein derber rother Arm erschien. Corfitz hatte indeß keine Miene verzogen, und küßte jetzt die Hand mit dem größten Anstand, worauf Frau Ellen, die bisher nur so gewöhnlich ihn angeblickt hatte, ihn jetzt mit einem solchen brennenden Seelenerguß ansah, als hätten sich ihre Augen jetzt erst wie Feuerbrunnen geöffnet. Dann schlossen sie sich gleichsam wieder zu, indem sie doch offen blieben, und blickten so gewöhnlich wie zuvor. Und dann erzählte sie: »»Vor mehrern Jahren ist in Oeresund, unfern von Malmoe, ein nie gesehen großer Fisch von wunderlicher Gestalt gefangen worden, mit einem Kopf wie einen Menschen, auf dem Scheitel eine Krone, eine Mönchskrone; mit einem Rocke von Schuppen, offenbar wie eine Mönchskappe, und da grade damals die Vernünftigen angefangen, die Pfaffen zu verjagen und die Klöster zu etwas Menschlichem auszuräumen, so hat man geglaubt: die Pfaffen wollten sich unter den Schonischen Heringen einnisten, unter welchen man den Mönchfisch gefangen hat. Aber Sie, meine Herren, tragen kaiserliche oder bairische Röcke – – – da bin ich schön angekommen! –«« Und nun platzten ihre Lippen gleichsam von dem heitern Gelächter. In der offenen Sakristei standen auf einem Schemmel eine Flasche Wein und ein angetrunkenes Glas auf silbernem Teller; des Königs junge Tochter Eleonore aber war indessen leise in die Nähe des schönen jungen Mannes – des Corfitz – getreten, etwa wie zu einem neuen wundervollen Gebilde der Erde, wie sie noch keines gesehen. Und allerdings war er ihr aus einer Ferne und Tiefe der Natur erschienen, von welchen der gebildetste Verstand keine Ahnung hat. In reinster Unschuld blickte sie ihn an mit ihren großen Augen, nicht wie ein Wunder ... denn er war da! nicht schüchtern, sondern mit himmlischer Unbefangenheit. Nicht allein ihre zart geschlossenen Lippen schwiegen, sondern ihr ruhevolles Antlitz auch, selbst ihre ganze Gestalt schwieg reglos in heiliger Stille. Sie sah sich nicht satt, nicht müde, nicht bang, nicht vergnügt; und doch schwebte ein seliges Lächeln um sie; sie war bezaubert, sie war recht mitten im Herzen der herrlichen Welt. Sie hielt den Athem an; und erst als ihre erwachsene Begleiterin Dorothea, des jungen Corfitz Ulfeld's Schwester, sie wehmütig ansah, und mit einer Blume ihr über die weißen Wangen streifte, erröthete das junge Mädchen, die zarte Brust seufzete, und ihr kleiner Mund frug wie eine erwachende Rose: Was thu' ich Dir denn?

Dieser Schwester Dorothea war aber fast eben so im Herzen geschehen, wie der jungen Eleonore; nur war ihre Empfindung gleichsam mehr der Duft einer in volle Blüthe tretenden Blume gewesen, stärker, sinnbefangender und entzückender – und als ihr Alles so auch wie in einem heiligen Schlafe geschehen war, wußte sie aber klarer in ihrer Brust, was sie gesehen und was sie gefühlt. Nur wußte sie nicht: Wen. Und auch ihr Herz schlug noch im vorigen Busen; aber sie fühlte ihr Blut wie zu Silber geworden, und ihre Augen kamen ihr vor, wie zwei unschätzbare, große Diamanten. Denn sie hatten ein Bild empfangen, nicht wie ein kühler Quell das Sonnenbild, sondern wie ein Frühlingskeim die segnende Wärme des ganzen Frühlingshimmels.

Das wird gut werden, dachte Corfitz. Er lächelte die erwachsene Schöne, die vermeinte Tochter des Königs nicht an, weil ein Lächeln, wie er auch wußte, oft ein gütiges Ablehnen bedeuten kann; sondern er zeigte ihr sein Gefühl nur in einem ruhig bewundernden Anschaun. Die junge Tochter Eleonore ließ er – noch jung sein.

Frau Brigitte Brockenhaus, die indessen still – übergebeugt in das Taufbecken gesehen, gleichsam um ihrer Kinder späteres Geschick, das sie nun kannte, wieder an die kleinen, damals neugebornen, unschuldigen Wesen zu knüpfen, und es ihnen zu erzählen, was ihnen Alles geschehen würde, sah jetzt auf. Denn ihr Gemahl, der alte Kanzler Ulfeld, trat in die Halle, wohlgeschmückt, in aschgrauseidenem Staatskleid, sein Hütchen unter dem Arm, und das unbedeckte würdige Haupt schimmerte mit seinen reichen weißen Haaren im Glanz der herein leuchtenden Sonne. Sie hätten ihn nicht so ruhig kommen gesehn, wenn sie den fernen verworrenen Lärm verstanden hätten, der jetzt sich erhob und allmälig näher und immer näher erscholl. Wahrscheinlich von einem ihres Geschlechtes, vielleicht von ihrem eigenen unbekannten Vater verfolgt, war, um der gewissen Gefahr zu entrinnen, die Seeschlange gelandet, und immer in großen Bogen, wie ein Joch von einer wandelnden Brücke, auf grünem Rasen landeinwärts gerollt. Die Allerkühnsten, die sie erblickt hatten, waren nach Hause geflohn, um Gewehre und Waffen zu holen; die Dreisten verfolgten sie nur mit den Augen; und die Furchtsamen und doch Neugierigen waren die Leitern hinauf bis auf die Forste der Strohdächer gestiegen. Einige sagten: das ist der Papst, der wieder in unser Land will! Andre hielten sie für den Vorläufer von Wallenstein, oder für den Tilly selbst, der gewiß erschlagen worden, und nun als Gespenst doch das Land sehen und schrecken wolle. Noch Andre hielten sie für einen der alten Drachen, die sonst das Land hier oft besucht, wie die Chroniken sagten. Indeß nahm die Seeschlange – deren Größe in der Chronik nicht angegeben ist – selbst von Niemanden verfolgt, und Niemanden verfolgend, ihren Weg wie der Tod über die alte Kirchmauer und nach dem großen, offenen, dunkeln Thurmthor zu, wie nach einer dunkeln Felsengrotte. Der Schreiber in der Halle an seinem Tischchen, heut' mehr an den Tod als das Leben denkend, fuhr auf, lehnte sich starr an die Wand, faltete vor ihrem Anblick die Hände, öffnete vor Erstaunen den Mund und schloß die Augen fest. Doch sie rauschte vorüber und folgte gleichsam wie die Fleisch gewordene Staatsklugheit dem ehrwürdig vor ihr herschreitenden Kanzler nach, und der Schreiber warf die Glasthüren, die aus der Thurmhalle in die Kirche führten, schnell hinter ihr zu, daß die Scheiben zerklirrten. Der Sicherheit wegen waren heut' die obendrein mit allerlei Geräth inwendig verräumten Seitenthüren verschlossen und die Schlüssel abgezogen worden, und lagen beim Schreiber; so wollte denn der redliche Mann die Hauptthüre wieder aufmachen und sich auf die Thurmtreppe retten. Er sah aber: die Seeschlange blieb mitten in dem mit Quadersteinen gepflasterten Gange liegen wie ein schmaler Bach stockender Lava. Der Kanzler hatte sich umgesehn und blieb muthvoll stehen, wie zum Schutze von Frau und Kind. Ihr gutes Glück bewahrte sie: nicht in die offene Gruft hinab zu fliehen, denn sie hätten die schwere Thür nicht von innen über sich decken können, und Corfitz hatte nicht Lust, der Letzte draußen oben allein zu bleiben. Die zwei Mädchen flüchteten stumm in den großen hohlen Taufstein. Frau Marswin hatte im Schrecken die Hand des Corfitz ergriffen; sie wollte ihn mit hinab in die Gruft reißen, aber er zog sie in die Sakristei, wo sie auf den Ruhesitz des Geistlichen sank, und die Thür schlug zu, daß der Schlüssel inwendig heraus fiel. Und als das Ungeheuer sich jetzt aufbäumte, ließ der Kanzler sein Hütlein fallen, ergriff sein Weib und den Gesandten mit ausgestreckten Händen und zog sie die Treppe am Pfeiler hinauf auf die Kanzel, und sein hinter ihm gefolgter alter Diener bat um Erlaubniß, mit eintreten zu dürfen – um die Thüre mit Macht zuzuhalten. In der von vier starken Menschen gestopft vollen Kanzel fand nun die seltenste Vorstellung eines Gesandten und Kanzlers statt, unter Angst und leisen Ausrufungen. Denn die seltene Kirchgängerin schüttelte sich, putzte und leckte sich, versuchte ihre Rollen und Ringe und Windungen durch, sah sich in der wunderlichen Menschenhöhle um, wand sich um den gegenüber stehenden hohen, mächtigen Pfeiler langsam höher und höher, ruhte dann, ließ einen langen Hals überhängen und leuchtete gleichsam mit ihrem Kopf, in welchem zwei große schwarze Augenräder rollten, wie mit einer langgefaßten Zauberlaterne, im leeren Raum umher. Sie war nicht nur müde, sie war verwundet, und das schwarze, strotzende, wie mit schwarzen Kirschen besetzte Fell, lang aufgerissen, und ihre Augen drückten die rührendste Wehmuth aus, und zwar groß und fürchterlich durch ihre Gestalt, schien sie nur ein gutes, unschuldiges Kind – des Teufels oder eines andern verborgnen Dämonen.

– Meinen Großvater hat sie verschlungen, gewiß diese; sprach der alte Diener – mit gedämpfter Stimme, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, damit sie Alle ihr auch für bemalte Stein- oder Holzbilder gelten möchten – gewiß ist Er ihr im Blute; denn wie kläglich sieht sie mich an, oder Er, mit ihren Augen! Ein solches Unthier, Herr Kanzler, haben wir auf unseren zwölfjährigen Reisen in Asien, Afrika, Jerusalem, Batavia, Italien, Türkei, Aegypten und Java nicht gesehn! Also zu Hause kann man das Wunderbarste erleben! Soll ich hinüber schießen? Grad in ein Auge! Die Haut hängt dann hier an der Decke zu meinem Angedenken, und groß und lang steht mein Name: »Peter Rosenhan« darauf. Herr! Ich schieße!

Sie wehrten ihm aber mit dem bloßen Anfang von inne behaltnen Geberden und halb gezognen Gesichtern. Die Mutter wußte die Kinder geborgen; und der Vater frug leise um Ellen Marswin bekümmert, wer der junge Fremde gewesen, den er einen Augenblick gesehn.

Der Gesandte, nicht überzeugt, daß sie das Leben aus der Kirche davon trügen, sagte ihm also die Wahrheit: Ihr Sohn! Ihr Sohn Corfitz!

– Wenn Sie die Schlange da drüben meinten, so glaubte ich Ihnen! – flüsterte der Vater. – Aber der wohlgebildete, gemachte, junge Mann – –

Ich freue mich, ihn getroffen, erkannt, und Ihnen zugeführt zu haben.

– Das ist noch nicht geschehen! Sagen Sie ihm nichts, daß ich ihn kenne. –

Jetzt fiel ein Schuß durch die zerschlagene Glasthür herein. Er donnerte schrecklich in dem Gewölbe umher. Und die Seeschlange fuhr, wie ein riesengroßer Zachäus, an der Säule hinab und hinein in die Höhle, die Gruft. Männer kamen nachgesprungen und warfen die Gruftthür zu, daß es hallte, wie ein zweiter Schuß. Die vier leisen Prediger stiegen von der Kanzel; die Mutter that den Taufstein auf; Corfitz die Thür der Sakristei, und Frau Marswin lachte aus Angewohnheit, und der Vater sah den welterfahrnen, schlau blickenden Sohn an und sah Frau Marswin an, und betete vor dem Altar ein stilles Vaterunser. Alle standen still. Dann gingen sie nach dem Schlosse.

Als aber lange Zeit darauf die Männer eine Schießscharte in die Gruftthür gehauen, und hinunter spähten, als sie endlich sogar aufthaten – war die Schlange verschwunden. Und von draußen kam der Schreiber, der sie vom Thurm nach der See rollen gesehen, also zu dem großen, langen, heut' offenen Fenster der Gruft hinaus.


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