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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Der verlaufene Sohn.


Die Todten sind noch nicht ganz todt, so lange
Man ihrer denkt; bedauernswürdig aber
Und hülflos ist ihr sonderbares Volk,
Das nicht mehr lebend und noch nicht gestorben,
Fühllos gekränkt und freudelos gepriesen,
Das enge Grab selbst sicher nicht besitzt.

Die Ufer im großen Belt schimmerten frühlingsgrün, goldendämmernde Wolken ruhten wie Gestalten alter Götter am Himmel, und schienen hüben und drüben sich senkend wieder auf die Erde herabzusteigen in ihre alten seligen Inseln. Aber es war nur der neue Frühling. Stimmen schwirrten in den zerreißenden Nebeln über der glänzenden Fläche der See dahin und und verklangen freudig und bang. Aber es waren nur wiederkehrende Störche und wilde Gänse.

Nah an der Küste des schönsten Eilandes von Dänemark, an Fühnen hin, schwamm leise rudernd eine graue fabelhaft große – gleichsam eine Götter-Ente. Aber ein Streiflicht aus den brechenden Wolken versilberte die Nebeldüfte, zauberte Silberglanz auf die See, und entzauberte das mährchenhaft schwimmende Götterthier – und es war ein wettergraues Boot, und die beiden röthlichen Füße rechts und links waren erlene Ruder, und der bunte Hals waren grünliche Mäntel, und der Kopf waren zwei Köpfe von zwei Männern, die in der Spitze des Bootes standen und in die schönen Inseln im schönen Frühling hineinschauten. Der jüngere Mann, von hoher Gestalt und schönen Zügen, schien von innerer Gluth bewegt, ja erhitzt, mehr roth als gewöhnlich, und in seinem Blick lag Besorgniß und Bedenklichkeit; aber auch feines Lächeln schwebte um seinen vor Schlauheit geschlossenen Mund, und vor Hast oder Muth wäre er gern umhergegangen in weiten Schritten, wenn ihn das Boot nicht beschränkt hätte. Der ältere Mann war kleiner, sah sehr wohlwollend und ruhig aus, schien aber eine ernste Angelegenheit nochmals im Sinne zu überfliegen, aber sicher und beruhigt, und er räusperte sich schon, als wolle er eine Anrede halten.

Das Boot fuhr am Hafen von Nyborg vorüber, und nicht weit davon erschien erst ein Thurm, eine Kirche, dann ein Schloß und ein reizend gelegenes Dorf.

– Das ist Windingen mit Ulfeldsholm, Herr Gesandte, sprach der jüngere Herr. –

Sie sind also zu Hause, im Vaterlande, lieber Corfitz! Und in dieser Stunde noch bei Vater und Mutter und sechszehn Geschwistern! Welch ein Wiedersehn nach so langen Jahren.

»Ja wohl!« versetzte Corfitz von Ulfeld. »Wer sein Vaterland nicht liebt, und sei er noch so groß und berühmt, der ist ein verruchter Hund – und wer kein Vaterland hat, der ist ein armer türkischer Hund! Also bedauern Sie mich: ich habe kein Vaterland!«

Daß Ihr Herz pocht, daß tausend Gedanken und Gefühle Sie jetzt ein wenig bedrängen, lieber Ulfeld, das glaube ich gern, weil Sie Ihren Vater lange Jahre nicht gesehen – aus Ungehorsam, weil Sie ihn aufgegeben; weil er zweifeln konnte an eines Sohnes Herzen. Aber der Sohn kommt ja! Wie sind auf der Bühne, wir müssen gleich hinaus in die Scene! Sammeln Sie sich unter Ihrer Maske eines Soldaten, wenn Sie in Ihr Vaterhaus treten, wenn Sie den altgewordenen Vater sehen, die betagte, lebensmüdere Mutter und die sechszehn Geschwister, die alle mit den Augen an dem so eigen fremden Bekannten betteln werden, sich zu entdecken, Ihre beklommene Brust zu befreien, die Thränen hinter den Augen zu lösen, und Freude über Sie hervorzurufen und Jubel: »Der Bruder – der liebste Bruder ist da! Jetzt dürfen wir wieder seinen Namen nennen: Corfitz ist da!« Und dann langen sechs und dreißig Hände nach Ihnen. Welch ein Wiedersehn! Jeder Halbgeliebte, ja selbst jeder Ganzgeliebte sollte sich aus Klugheit in Zwischenräumen auf einige Zeit von den Seinen trennen, um in das Brachfeld der Zwischenzeit die Liebe gleichsam neu auszusäen! Selbst der Gute thäte wohl – zum Schein – einige Fehler zu begehen, daß ihm seine Lieben viel, recht viel zu verzeihen hätten! – Ich möchte Sie beneiden, junger Mann! Doch damit Sie nicht glauben, ich rede bloß wie ein kaiserlicher Gesandte, der ich bin, will ich auch die Wahrheit reden als Ihr Freund, der ich auch bin, und wozu Sie mich gemacht haben. Sie wissen, ich habe eine höchst wichtige Mission vom Kaiser an Ihren Hof, und Ihr Herr Vater ist Reichskanzler. Ich würde mir also mein Geschäft bei ihm verderben, wenn ich ihm durch Ihre Nachhauseführung einen Possen spielte. Aber ich glaube, ihm einen großen, sehr großen Gefallen dadurch zu erzeigen und er soll meinen, Dänemark rettenden Auftrag – nicht dankbar, nicht günstig, sondern nur unbefangen betrachten, weil ich ihn bringe, der ihm Sie gebracht. Und wenn Sie wieder der Sohn sind, haben Sie Einfluß auf sein Herz, und werden nicht so undankbar sein, mich durch eine bei ihm unglückliche Mission unglücklich zu machen. Ist das aufrichtig? Und so aufrichtig ist auch das: Mit Ihnen, wie Sie geworden sind, und wie Sie jetzt sind: vielgewandt, wohlgebildet, lebenserfahren, land- und leutekundig, großdenkend, hochstrebend – nur etwas zu hoch – der Liebe und des Hasses fähig – nur etwas zu rachsüchtig, woran Sie untergehen könnten, selbst wenn Sie ein König wären – denn Ein König ist nicht alle Könige, und gilt, wie seine Münze, nicht gern eine Stunde über die Grenze hinaus ... mit allen diesen Sie gewiß hochbringenden Eigenschaften – wenn sie nicht zu hoch fahren – müssen Sie Ihrem Herrn Vater und Ihrem Vaterlande willkommen sein!

Jetzt weht der Wind Glockengeläut weit von dem Thurm von Windingen ab in das Land und auf die See hinaus und der traurige Hall goß Menschenschmerz in den stillschönen göttlichen Frühling.

»Dem sei so!« entgegnete Corfitz von Ulfeld. »Aber so meint' ich mein Wort nicht. Das schöne Dänemark ist mein und meines Vaters Vaterland nicht. Und darum ist es nur ein Land, und wenn Sie mir einige Millionen Rosenobles gäben, so verkaufte ich es Ihnen oder einem Andern. Und warum nicht? Es ist uns nur ein Lehn! Wir sind nur hineingeliehen, hineingeboren, wie Kukuke in Grasemückennester, und kümmern uns eigentlich den Kukuk um die Dänischen Krähen, die hier auf den Inseln ihre bekannten Versammlungen halten; doch die Dänischen Krähen möchten uns wieder die Augen aushacken: allen Paßbergern, Poisäkern, Schrammen, Bildern, Lindenauen, Brockenhunsern, Walkendorffen und Ulfeldern, die bloß aus Eigennutz, um sich ein erkleckliches Schicksal zu machen, ihr Vaterland Baiern an den Nagel gehangen haben als eine bloße Erinnerungskarte, und mit dem frommen Christoph von Baiern nach Dänemark sich verwiesen haben. Ein König muß seines Volkes sein, wie das Haupt auf einen Menschen gewachsen sein muß; und ein Weisel muß im Bienenstocke jung geworden, nicht eine fremde Wespe oder gar eine Hornisse sein. So hat das glückliche Böhmen seinen eigenen König, einen Böhmaken, der Böhmisch fühlt und denkt; und das glückliche Polen hat seinen eigenen Polaken zum König; aber die fremden Könige, auf Regentschaft gesandt sind ungeliebt, verhaßt, von kurzer Dauer und werden nicht glücklich und machen nicht glücklich; denn die Völker haben ein Herz, und jedes sein eignes. Weil er nicht einmal für Brot sorgte und das Volk Baumrinde essen mußte, hieß er, der fremde König aus Baiern, nur der Borkenkönig. Um sich Freunde zu machen, gab der fromme Christoph die schönsten Güter an unsre Baierschen Familien – und machte sich tausend Feinde. Er sammelte einen Schatz; und man glaubte, er werde damit fliehen, wie ein in der Türkei reichgewordener Kaufmann. Denn Schätze sammeln macht verdächtig. Der beste Schatz ist des Volkes Liebe und Zutrauen. Nun kam gar die evangelische oder die vernünftige Religion nach Dänemark, – wir änderten; denn seit dem Ecebolius, der wie ein Ecce diabolus mit jedem Kaiser in Konstantinopel dessen Religion annahm, richten sich alle »Gefälligen um den Thron« nach dem musterhaften Manne, – und nun können wir sogar unser altes Vaterland Baiern nur bemitleiden, wo der Fürst das Haupt der katholischen Ligue ist. Darum wäre uns das Aeußerste zu verzeihen; und wenn Sie von mir selbst einst das Wunderlichste hörten, so wäre es Ihnen erklärt. Jeder ist nur in seinem Vaterlande wahrhaft gehorsam. In der Fremde treibt es Jeder schlau, so hoch er kann. Ich habe 36,000 Thaler Schulden und bedarf meines Vaters Erbschaft gar sehr, und des Kanzlers Hülfe, um mich neu zu bestocken. Darum will ich meiner guten Mutter die Freude machen, mir zu verzeihen, daß sie so lange nur sechszehn Kinder gehabt.«

Das war auch aufrichtig! sprach der Gesandte. In dem Augenblicke fuhr ein Boot vorüber, darauf ein Sarg mit schwarzen Tüchern bedeckt erschien.

»Wohin?« schrie Corfitz von Ulfeld hinüber.

Nach Querndrup. Scholl es zur Antwort.

Querndrup war seines Vaters liebster Aufenthalt; und bestürzt frug er den mit frischem Winde Segelnden nach: »Wen fahrt ihr dahin?«

Den alten Jakob von Ulfeld; scholl es wieder; und Corfitz hörte in seiner plötzlichen Verwirrung noch das Wort: Es kommen noch mehr; noch achtzehn! – Nehmt Euch vor der Seeschlange in Acht! – –

Der Gesandte und Er schwiegen; jeder auf seine Weise niedergeschlagen und sahen sich dann an.

»Jakob heißt mein Vater, der Kanzler;« sprach Corfitz leiser. »Aber achtzehn kommen noch! Der schwarze Tod hat ja vor sieben Jahren hier gewüthet – und Wallenstein sengt und brennt und mordet ja vor Stralsund. Aber wie kommen diese beiden schwarzen erbärmlichen Schufte von Todten – verzeihen Sie, Herr Gesandte, – jetzt hieher? Ich bin in verlegener Stimmung.«

Da kämen Sie recht als alleiniger Erbe! versetzte der Gesandte, der Corfitz unkaiserliche Gesinnung nicht unbemerkt lassen wollte.

Sie eilten jetzt an das Land, stiegen an der Anfuhrt aus, die Diener beluden sich mit den Sachen. Und als sie aus den blühenden Bäumen, welche die Einsicht in das Land verdeckten, hindurch gelangt, traten sie auf einen freien grünen Hügel der aufsteigenden Küste, bis wohin schon mehrere Menschen aus dem Dorfe den ersten Todten begleitet hatten, und noch einer nachfolgenden Reihe von Särgen entgegen sahen. Andere blickten scheu nach der See.

Der Gesandte stand in großer Spannung. Corfitz von Ulfeld aber stieß ihn sanft an und sprach: »Sehen Sie einmal dort die schlankgewachsenen Mädchen – schön! schön! herrliches Blut! Besonders die Eine, die sich jetzt grade vor jungfräulicher Scham hinter der Andern verbirgt, und doch heimlich nach uns herüber blickt! Kann man was Lieberes sehen?«

Der Gesandte aber, der nunmehr nach dem Tode des dahin gefahrnen Kanzlers Jakob Ulfeld von seinem Schützling sich wenig mehr zu versprechen hatte, sagte zum Sohne voll Erstaunen über seinen Charakter, der so leicht gefaßt, gleich die schönen Mädchen im Auge hatte: Alles hat seine Zeit: sehen – und nicht sehen. Ihr Herr Vater wird schon noch einige Wochen wenigstens todt bleiben! Bei ihrem unrührbaren Gemüth und ihrem stets über Allem frei von allem Menschlichen erhaltenen Blick können Sie es hoch bringen. Ich beneide Sie billig. Denn ich bin, wie Sie sehen, ein alter weicher Narr, der um einen alten Kanzler weint. Verzeihen Sie mir!

Corfitz ging aber auf die Mädchen zu und frug die Gemeinte freundlich: »Wie heißest denn Du, mein schönes Kind.«

... Dina! Ihnen zu dienen, mein junger Herr, antwortete sie mit leuchtenden Augen. Haben Sie die Seeschlange nicht gesehen? Ihretwegen stehen wir hier – auf dem Sprunge! ...

»Für jetzt sage mir nur, liebe Dina, was geht denn hier vor?«

Sie spielen Kämmerchenvermiethen. Alle todten Ulfelds ziehen aus, und alle todten Marsschvine ziehen ein. Die Ellen Marsschvin, unseres gnädigen Königs Christian des Vierten Frau Schwiegermutter, hat Ulfeldsholm gekauft. Sie ist sehr wirthschaftlich und ordnet Alles gern recht hübsch an. Selber; sonst steht nichts recht. So bringt sie in der Kirchengruft jetzt eben die ankommenden Gäste in ihr Kämmerchen. Aber wenn Sie etwa hingehen, nehmen Sie sich in Acht! Es ist etwas da, woran wir uns gar nicht haben satt sehen können, zwei Königstöchter, Munke-Kinder, eine schöner als die andre; die Kirsten, die schon heirathen kann, und die Eleonora, die erst einmal hübsch ist, so jung sie ist. In drei Jahren ist sie erst ein Kind, oder zehn Jahr, aber wie klug! Gehn Sie zu Kanzlers? Sie schlafen heute zum letzten Male hier, und ziehen morgen nach Querndrup.

Corfitz legte jedes Wort in seinem Sinne zurecht. Ein lebender Kanzler zum Vater, oder der Vater zum Kanzler schien ihm doch nützlicher, als ein todtes Fäßchen Erbegeld. Er gab also dem redseligen eitlen Mädchen, das gern recht lange vor den andern mit einem so hübschen vornehmen jungen Herrn reden wollte, eine Belohnung für die herzbefreiende Nachricht, daß der Kanzler lebe, und drückte ihr 6 Blafferte (ohngefähr 6 Kreuzer) mit dem freundlichsten Blick in das Händchen. Dina fühlte bekanntes Kupfergeld in ihrer Hand, erröthete, küßte ihm aber die Hand, um den umstehenden Mädchen weiß zu machen, es wären Rosenobles.

So trat er lachend zum Gesandten. Und während sie nun dem Zuge entgegen nach der Kirche zu gingen, sagt er ihm: »Der Jacob, der über die See fuhr, wie das wunderlichste Gespenst, war nur mein Herr Großvater, der Gesandte an den Zaar. Ein braver Mann! Denn was er seinem König Friedrich II. nicht in's Gesicht sagen konnte: alles Unrecht, und alle Undankbarkeit, – das hat er laut beim Begräbniß desselben im Saale zu Roskild ausgeschrien. Denn Unrecht und Undank leidet keine männliche Seele, wie die See keinen Todten!«

»Aber sehen Sie nur, Herr Gesandte,« fuhr er fort, »die Heerde des Todes ist nummerirt, und man hat ihnen Zettel mit ihrem Namen angesteckt, wie die ausgelassenen Kinder zuweilen selbst an alten Männern thun, die mit einem Rausche nach Hause steuernd ihnen eben nicht so ehrwürdig wie sonst erscheinen. – Der hier kommt, ist Mogens Ulfeld, welcher hier in dem Lande, das bei Menschen Dänemark heißt, ein Admiral hieß! Und dieser hier: – Hennekke Ulfeld, Bischof von Fühnen, der den Adel richtete; und da bescheint die dänische Sonne einmal wieder dem Stammvater Torkil Ulfeld den Sarg, die ihn in dem hellen Baiern auf die Wiege geschienen. Bei den schweren Silberschildern und massiven Handhaben der alten vorbeiziehenden Särge äußerte er aber dem Gesandten: Hat jetzt oder einmal ein Haupt der Familie nicht ein Recht auf den unnützen Staat? Auf die vielen Centner Kupfer und Zinn? Gewiß auch goldene Tressen und Ketten und Ringe und Edelsteine!«

Der Gesandte überhob seiner menschlichen Seele die Antwort auf diese die Ehre der Todten bedrohende Frage durch Abfertigung eines Dieners, der sie auf dem Schlosse des Kanzlers melden sollte, und zwar den Corfitz als des Gesandten Neffen – kaiserlichen Fahnjunker.

»Hauptmann!« rief Corfitz dem Diener nach, und sagte entschuldigend zu seinem Gönner: »Hauptmann stellt gleich eine Art haupt Mann vor Augen ... besonders den Weibern. Für einen Fahnjunker binden sie kaum eine weiße Schürze um, geschweige sonst etwas.«


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