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Die Gräfin Ulfeld. Erster Band

Leopold Schefer: Die Gräfin Ulfeld. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLeopold Schefer
titleDie Gräfin Ulfeld. Erster Band
publisherVerlag von Veit und Comp
year1834
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180917
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Die katholische Kirche.


Vermag das Weib wohl mehr ein Weib zu hassen?
Vermag die Frau wohl mehr den Mann zu lieben?

Trotz des Regens und Windes fuhren fast alle Carossen von Copenhagen in Eil nach dem Holm am Hafen den 8. August 1663.. Sie waren meist voll vornehmer Damen von Adel, die aus Neugier schon immer links und rechts mit gespannten Augen in die Straßen und auf den Schloßplatz sahen, als hätten sie etwas Einziges versäumt. Die vielen Wagen, die aus allen Theilen der Stadt hieher eilten, reiheten sich zu beiden Seiten des Weges vom Zollamt nach dem blauen Thurme, dem Gefängniß schwerer Verbrecher. Unzählige Frauen und Männer kamen desselben Weges mit hastigen Schritten; anderes Volk, selbst Straßenbuben vermehrten den Gedrang und das Getümmel. Viele, vielleicht die Meisten wußten augenscheinlich nicht, was für ein Wunder hier zu sehen sein, oder was sich hier Sonderbares begeben solle.

»Ein Meerweib soll ausgeschifft werden, ein lebendiges, wunderschönes Meerweib mit langen Haaren!« sprach ein Perückenmacher, der ausgelacht ward von den Jungen, während er erzürnt hinzusetzte: In Dover haben sie es gefangen! Dort im Schiffe steckt’s! Und aller Augen richteten sich nach dem einzigen Schiffe, das in einiger Entfernung im Hafen Anker geworfen.

Das ist Capitain Drejen; Schiff Ugartilock; zehn Canonen; sprach ein Matrose. Ich sollte mit nach Dover. Die Damen in den Carossen lächelten dazu, Andere trockneten sich die Thränen.

»Wenn das unser nicht lang erst höchstseliger König Christian IV. wüßte, hörte, sähe, wen man da bringt – nämlich seine eigene wahre, liebste Herzenstochter Eleonore, um sie vielleicht zu enthaupten – sprach Doctor Otto Sperling der Aeltere zu einigen Freunden – der schlüge mit seinem Spanischen Rohre darein, oder seinem bei Lebzeiten kaum beachteten Sohne Friedrich damit um den Kopf, oder brauchte nach seiner herzhaften kurzen Art, seine Dänische Hand, um seiner Frau Schwiegertochter Sophie Amalie tüchtige Maulschellen zu geben.«

Sprich leise von der Königin, warnte ihn der brave Rechtsgelehrte Vogt. Du weißt: König und Königin sind souverain von uns gemacht, und selber die Königin kann noch König werden.

»Ei was,« sagte Doktor Sperling, »die Souverainität ist erst ganz frisch aus dem Ofen. Welcher Bäcker hat Respect vor seinem Brote! Was haben wir Alle davon? Nichts! Schaden! Schande! Nur der Bischof Swane heißt Erzbischof dafür, so lang er das Elend mit ansieht. Hannibal Sehested, des Reichshofmeisters Grafen Corfitz von Ulfeld Schwager und Todfeind, ist aus seinem Verfall sogar zum Reichsschatzmeister aufgenommen – und des Landes Geldsäcke helfen einem ehrlichen Mann kein Dütgen; Christoph Gabel, vorher Kammerschreiber des Königs und Triebrad der Königin, ist Statthalter von Copenhagen; und Hans Nansen heißt statt Bürgermeister nun Raths-Präsident, und hat schwere Säcke Geld ... und die Frau Raths-Präsidentin, hier die gläserne Feuerspritze ode Staatscarosse sammt Kutscher und Pferden geschenkt bekommen. Herr lehre uns, daß wir sterben müssen!«

Das ist das rechte Wort von einem Doctor! Sperling, sagte Vogt, der des Doctors Todesfurcht kannte, aber siehe, die Frau Präsidentin läßt ihre Carosse einige Schläge weiter rücken – sie hat gehört und weiß, daß Du zwar Leibarzt König Christians IV., aber auch Lehrmeister seiner Tochter Eleonore Gräfin von Schleswig-Holstein gewesen! Lehrer lieben ihre Schüler, wie der Töpfer seinen Topf. Doch Du lebst ja nun frei im freien Hamburg; sei ruhig!

»Nein – sagte Dr. Sperling. – Ich bin nicht ruhig, ich kann nicht ruhig sein! Man soll mich mit einsperren, mit foltern, mit enthaupten! Ich denke jetzt bloß, ich bin ihr Vater Christian IV.! Wenn die Todten über ihr Unglück und ihre Schande im Grabe nicht mehr weinen können, müssen es die lebendigen Freunde thun.«

Sie leidet nicht unverdient, sagte der Freund. Ihr Mann, der Reichshofmeister Graf Corfitz von Ulfeld, freilich Schwiegersohn des Königs, und der reichste, mächtigste, klügste Herr im ganzen Lande und weit umher, er hat sie doch wollen zur Königin machen ....

»– aus Liebe –«

... und sich zum König ...

»– als das Reich eben noch ein Wahlreich war –«

... Sie hat darauf bestanden, daß Dina Schuhmacher, wie ich als ihr Advocat überzeugt bin, unschuldig enthauptet werden mußte – dort auf dem Platze vor uns ...

»– weil Dina sich eines Kindes von ihrem Manne Corfitz gerühmt und gesagt –«

... er hätte den König Friedrich vergiften wollen –

»– Das weiß ich nicht! Hab' ich schon vor Gericht beschworen, stöhnte Doctor Sperling. –«

... Er hat durch die Schweden beinahe Copenhagen und Dänemark aus Rache erobert ...

»– oder um der alten, noch möglichen Pläne willen –«

Er hat in Frankreich um eine Allianz – mit sich, nachgesucht; er hat, als ihm Alles verziehen war, noch den Churfürsten von Brandenburg heimlich aufgefordert, Dänemark für sich zu nehmen, weil weder Adel noch Geistlichkeit noch Bauern bei uns zufrieden wären ...

»– Das weiß Gott! –«

... Eleonore hat sich in Brügge von ihm getrennt, um das Geld in London von König Carl II. wiederzuholen, was er ihm in Holland in äußerster Noth geborgt – denn eines Königs größte Noth ist wohl die Landflüchtigkeit ...

»– Und der König Carl II. hat es wiederbezahlt, wie? – Da sieh, so! Dort kommt sie gefangen im Boote an's Land! –« Und erst nachdem er sich die Augen getrocknet, setzte Doctor Sperling hinzu »– ich weiß Alles aus guter Hand – statt bezahlt zu werden, meine arme schöne Eleonore, hast Du sollen eingekerkert werden, und bist entflohen, Du arme Gläubigerin, und auf unsres guten Gesandten Petkum Begehr in Dover gefangen gesetzt worden, wie er denn auch begehrt, Dich auszuliefern; das hat Carl II. öffentlich abgeschlagen, aber unter der Hand versprochen, gern zufrieden zu sein, daß sie Dich griffen, wenn Du aus der Vestung gingest, und selbst dazu Gelegenheit zu geben. So war seine Schuld bezahlt! Diese That beglaubigt alles Böse von ihm.«

Der Wind hatte sich schon gelegt; wie durch ein Wunder hörte jetzt auch der Regen, wie aus Erbarmen, auf. Eleonore war an's Land gestiegen, aber sie hatte keinen Mantel, und trug selbst ihr Päckchen unter dem Arm.

... Sie weiß, als Frau, als solche kluge, stolze Frau gewiß um ihres Mannes entdeckten Anschlag; das tröstet mich, sprach Vogt.

»– Sieh nur! dort der Obrist Rosenkrantz und der Stadtkommandant Alefeld bemächtigen sich ihrer Papiere; seufzete Sperling. Sie giebt sie hin! Nun getrost in den blauen Thurm! Dort hast Du Deines Vaters Schloß vor Augen, und Deines Landes Hauptstadt unter Dir. Ein zart gewählter Ort! Da steht sie bei dem Anschlag an der Ecke, starrt vor Schaam vom Volke weg auf das Papier und liest: 20,000 Thaler Belohnung, wer den Landesverräther Corfitz Ulfeld lebendig liefert – 10,000 Thaler Belohnung, wer ihn todt liefert, also erst todt macht. Das ist dort ihr voriger Bediente, Langemack, der falsche Schuft, der ihr aus Reue zu Füßen fällt; und Kield, der alte treue Diener, stützt sie, daß sie nicht umsinkt! Solche alte Schwarten, die im Hause stumm wie ein Dutzend Stockfische sein müssen, sind doch am Ende noch die gefühlvollsten Seelen! Ich schäme mich, daß ich nicht nahe bin. Aber siehe, da kommt das wahre Crocodill von Dänemark, der Archivar Schumaker, der an seinen 27 Seiten » Konge Loven« (am Königsgesetze) schreibt, und für die Malerei gern Graf Griffenfeld werden will, und pispert dem Obristen etwas gewiß Teuflisches in's Ohr, denn der Schloßvogt Joachim Waltpurger, der Scharfrichterhauptmann, führt Eleonoren nun zwischen vier Frohnknechten auf uns zu, ab – – nach dem Schlosse! Gott sei Dir gnädig, Eleonore! Aber der König ist gut, und der König ist Dein Bruder!«

... Und Sophien Amaliens Mann, Doctor! ...

»Nun, so ist der liebe Gott ihr Vater! Mehr weiß ich nicht Rath. So! gnädiger Herr Scharfrichtermajor, den Weg! Sie muß ihren Pallast eingerissen, verschwunden sehn, und auf dem Ulfeld-Platz ihres Mannes ganz warme Schandsäule, damit sie die Denkschrift lesen kann: »Dem Verräther Corfitz Ulfeld zur ewigen Schmach und Schande!« Denn eine Königstochter wie sie, muß doch Freude haben, wenn sie ihre Vaterstadt wiedersieht! Eigentlich ist es ein Dankmonument, denn ihr Mann hat – gleichviel wie, mit Willen oder wider Willen, er hat erst den König zum König gemacht. So lege ich mir die Sache sanfter aus. Wohl dem, wer hier verwiesen ist, wie unser Freund, der Magister Simon Henning! Ich war klüglich nur fortgezogen, und kam als guter Narr nur heimlich hieher, um meinen lieben Grafen Corfitz von Ulfeld – Gott sei Dank, nur in lebensgroßer Puppengestalt – enthaupten und viertheilen zu sehen; und habe in seinem Namen gelacht und mich geärgert, als man Kopf, Hand und Rumpf und Glieder zur Zierde an das Rathhaus und an die Basteien genagelt! Jetzt erlebe ich noch, sein treues schönes unglückliches Weib zu sehn, und in der Stunde noch reise ich ab, denn, sang er ingrimmig leise:

                   

Ein Doctor ist ein freier Mann,
Nie legt ihm der Magen wo Ketten an,
Ihm geht es erst wohl, wo Viele sterben,
Doch schlimm, wo Alle lebendig verderben!

Da seht nur, seht, wenn Ihr vor Thränen könnt!«

Jetzt kamen die Frohnknechte, zwei vor, zwei hinter Eleonoren. Sie war noch in ihrem Reitanzuge, wie man sie in England aufgegriffen. Die regennasse Straße glänzte grell wieder vom durchgebrochenen Sonnenschein, und mehr vor der Blendung, als vor dem Volke, bedeckten ihre Augenlieder halb die großen Augen. In ihrem zwei und vierzigsten Jahre schien sie höchstens dreißig, und war noch sehr schön; ihre Gestalt hoch, ihr Leib reizend schlank, ihr Tragen und ihr Gang majestätisch. Sie schien eine geborne Königin, wenn man ohne Frevel die weise Natur auch menschlicher Kriecherei beschuldigen dürfte. Ein kleiner purpurseidner Reithut mit einer weißen Straußfeder geschmückt und einem bescheidenen Kranze von einerlei Blumen umwunden, ließ unter dem schmalen Rande die hohe weiße Stirn sehen. Ueppige schwere Locken reichten ihr nur bis auf die Schulter; zwischen den vollen zartgefärbten Wangen versteckte sich gleichsam der kleine, doch schwellende Mund, und das runde volle Kinn mit einer erst werdenden, fein sich absetzenden Unterkehle, unterstützte das lieblichste Gesicht sehr wohl. Um ihren Hals wand sich eine einfache Schnur sehr großer Perlen, und vor der Brust schimmerte ihr eine vierfache Schnur gleichgroßer Perlen, die am Busen ein kostbarer geschnittener Stein hielt und ein wenig aufhob, und welche zwei große Edelsteine mit sehr großen Birnen-Perlen an jeder Schulter auf den Spitzen des Kragens befestigten; über den einfach sehr licht olivengrünen Rock trug sie einen mit Schleifen besetzten tiefer grünen Reitrock, welchen ein schmaler goldner, mit einer Reihe Perlen besetzter Gürtel mit einem Schlosse von Brillanten um ihren schlanken Leib schloß. Ihre weißen feinen Hände, worein die vollen Arme endigten, trug sie ohne Handschuh, aber auf jedem Finger einen kostbaren Ring. Um nicht ganz leer zu gehn, wie zur Beichte, selbst ohne Buch, hatte sie einem Knaben eine grüne Weidengerte aus der Hand genommen; und so weit auch die vordersten Frohnknechte voraus liefen, wie vor Schaam, ihres vorigen Königs Tochter zu führen, und so sehr die hintersten Knechte sie drängten, ja ihr bisweilen auf die Fersen traten, daß sie vor Schmerz still stehen mußte, so ging sie doch langsam, voll Anstand und bewunderter Haltung. Und wenn das Volk auch vor ihr sich ehrerbietig theilte und wich, so schloß es sich doch unmittelbar hinter ihr, und wogte gehalten nach. Die Frohnknechte sahn todtenblaß aus und blickten vor Furcht keinen Menschen an. Denn wenn der Reichshofmeister Corfitz von Ulfeld, ihr Mann, kein Wahnsinniger gewesen, sondern der klügste, am meisten praktische Staatsmann seiner Zeit, wenn er also nicht allein das Reich umstürzen wollen, wenn also im ganzen Lande und zumeist in der Hauptstadt Copenhagen ein geheimer, überaus mächtiger Anhang, ein breites starkes Fundament für ihn da sein und leben mußte, so war in dieser Stunde, wo sein vom Volke geliebtes Weib gefangen und gedemüthigt, dem äußersten Schicksal entgegen ging – die größte Gefahr eines alles umstürzenden Ausbruchs. Denn ihr Mann lebte noch, er konnte auf Flügeln des Sturmes herbei eilen, und kein Haar fehlte, so wäre er schon vor dem Prinzen Friedrich zum König gewählt worden. Aber, als wenn Nichts zu besorgen stehe – war kein Mann von der Leibwache zu sehen, und diese gewiß ängstliche List wirkte sichtbar. Damen von Adel winkten Eleonoren bloß freundlich zu; Männer von Adel legten nur, wie sie an ihnen vorüberging, einen Augenblick den Finger auf den Mund, um ihr ein Zeichen zum Schweigen zu geben. Viele alte Weiber weinten nur. Mütter hoben bloß ihre Kinder in die Höhe, damit sie einst erzählen könnten, sie hätten sie gesehen. Aus manchem Fenster flog eine Blume. So ging sie still, dankte freundlich den Grüßenden, und grüßte Bekannte und Verwandte selber freundlich. Und ihr Zutrauen beruhigte das Volk noch mehr. Aber sie verlor es plötzlich, denn in der Nähe des Schlosses erblickte sie auf einmal Hannibal Sehestedt, ihren Schwager, der sie einst geliebt und dann aus Haß ihren Mann gestürzt hatte, daß sie hier den traurigen Gang ging. – Er weinte. Das bedeutete ihr das letzte Unglück. – Sie stand und sah ihn ernst und lange an. Die Knechte stießen sie fort zu gehen. Sie fiel; denn die Kniee mochten ihr gewankt haben. Sie stand auf, hoch erröthet. Da lachte es über ihr, wie aus den Wolken. Aber es war nur die Königin Sophie Amalie, die mit höhnischem Gesicht vor ihrem Anblick das Fenster zuwarf.

So wußte sie nicht, wie sie durch die Halle im Schlosse die Treppen hinauf gekommen war. Sie sah sich um, und befand sich ganz allein in dem großen, aus ihrer Kinderzeit ihr wohlbekannten Saale. Sie war todtenmüde von dem kurzen Wege. Aber da war kein Sessel, nur in der Mitte ein Tisch mit Schreibzeug. Ueber den lehnte sie sich mit dem Kopfe und hörte nur wie im Traume, daß mehrere Männer ... leis' ... in den Saal traten.

Endlich hörte sie sprechen: ... »Fräulein!« »Wohlgeborenes Fräulein!« – ( Velborn Froiken) und fuhr erst auf, als sie eine zitternde, wie bange Hand sanft an der Schulter berührte. Sie kannte die Männer. An ihren Gesichtern sah sie wohl, daß es der Kanzler Reetz war, der Graf Ranzau, der Kammerrath Gabel und der Cammerschreiber Otte Krag, die ihr sonst, wie alle andre Herrn und Damen im Schlosse, nur als bunte Staffage, wie auf einen Zug sich verneigendes Spalier, oder seidne Tapeten-Wand mit darauf gemalten Menschengesichtern vorgekommen waren. Jetzt erkannte sie die weltliche, wirkliche, dienstbare und furchtbare Seite dieser Hofmenschen; sie that einen belehrenden Blick in die Welt, und ein leises Rieseln überlief sie, als sie die Worte vernahm: Im Namen des Königs befehlen wir Euch zu sagen:
    Was Euer Mann in Frankreich gethan hat?
    Was Ihr selbst in England gethan habt?
    Ob Ihr noch Briefe bei Euch habt?
  Sie antwortete nicht, wie verwundert, oder wirklich erstaunt. Und ernster gefragt, sprach sie, als wenn ihr Gemahl oder sie keiner Rechtfertigung bedürfte: Auf Alles antwort' ich zugleich: Nichts!

Dabei blieb sie. Die Herren geriethen in Verlegenheit und gingen wieder in die Thür, wie der Garderobe oder der Theaterintendanz, aus der sie gekommen waren. Und so erschien kurz darauf die erste Ehrendame der Königin. Wie man redende Wappen hat, führte sie einen redenden Namen: Frau von Wisch, und war etwa 37 Jahr alt. Sie verneigte sich erröthend und ersuchte sie, zu gestatten, daß das – bisher wie hinter ihr sich verbergende Mädchen sie auskleide.

Liebste Wisch, sprach Eleonore, Sie sind doch wohl noch ...

– »Erste Ehrendame!« – sprach Frau von Wisch.

Von Ehre, hoff ich! fuhr Eleonore fort, finden Sie, Ihrem zeitlebens traurigen Amte nach, denn Alles ehrenhaft, was man Ihnen bietet? Hat kein Weib, kein Mann, keine eigene Ehre mehr? – Sie gewiß, liebe Wisch! Wären Sie alt, so könnten Sie ein Auge zudrücken, wie alle alten Damen und Herrn weniger die Ehre bedenken, weil sie bald beide Augen zudrücken – aber so jung, denkt man noch zart und ehrbar, und Sie gewiß, liebe Wisch! Wie Sie heut' hier ungesehn zu thun vermeinten, so sehn einst Tausende Sie öffentlich, wenn sie von Ihnen und mir lesen –

– »daß ich beschämt wegging!« sprach die wirkliche Ehrendame, Abel Catherina, und ging.

Da flogen die Thüren auf. Die Königin selbst kam voll Hast. Sie zog der arglosen Eleonore zuerst einen Ring von dem Finger, steckte ihn dem Kammermensche an den Finger, gab derselben zugleich mit Eleonorens Gerte einen ermunternden Schlag über den rothen bloßen Arm, daß eine Schwiele auflief und befahl ihr »das Weib« auszukleiden.

Eleonore stand still wie eine Artenis von Marmor, so still, wie ihr Vater, der König Christian IV., aus seinem Bilde zusah, an dessen Gesicht indessen ihre wehmüthigen Augen hingen. Dabei stand sie kerzengrad, und der schöne Nacken und die Schulter ward bloß, daß die Königin sich auf die Lippen biß und wandte. Denn Sophie Amalie war, nur wie von der Sonne gezogen, ein wenig schief, was Niemand in Copenhagen gewußt, als sie sich dem Prinzen Friedrich, dem jetzigen König, vermählt. Nur Corfitz Ulfeld hatte es aus ihrer Heimath aufgespürt, seinem Weibe Eleonore vertraut, diese hatte einst der Königin nach der Schulter gesehen, dadurch gelockt, ja geführt, hatten andere, alle Damen gesehen, und seitdem wußte der ganze Hof und das ganze Land das schwere Geheimniß, daß sie, wie das aufrichtige Volk sagt, etwas bucklig war. Eleonore aber war tadellos schön, und vielleicht schon deswegen unbeschreiblich hold gegen alle Frauen. Das Weib Sophie Amalie fühlte nun unablegliche Rache gegen das Weib Eleonoren. Ihre Rache war keine – königliche, aber sie bewaffnete sich mit aller List, Macht und den heimlichen Waffen einer Königin gegen ihre Nebenbuhlerin selbst im Betreff des Thrones, auf welchen der Schwiegersohn des Königs, Graf Ulfeld, gern sein Weib gesetzt, damit er selber möchte König sein, und seine Kinder: Königliche Kinder.

Alle Papiere, welche das Kammermensch in den ausgezogenen, genau, ja ängstlich durchsuchten Kleidern gefunden hatte, legte sie auf den Tisch. Es waren bloß Wechsel, jedoch auf erstaunende Summen.

Nichts gestohlen! Liebe Schwieger-Schwester! sprach Eleonore zur Königin, ihre Absicht durchschauend.

Alles bloß mein Vermögen.

Du vermagst nichts mehr und sollst nichts mehr vermögen, dafür stehe ich! antwortete ihr Sophie Amalie dürr; nahm die Wechsel, den Gürtel, die vielen Perlen und vielen Juwelen, die das Mädchen besonders auf ihrem Kopfe wie in einem kostbaren Neste gefunden hatte, alle mit stummem Lachen zu sich. Nur ein kleines goldenes Büchschen, das man auch aus ihren Haaren gewickelt, besah sie länger, entdeckte das eingegrabene Wort »Gift« darauf, und als solches schob sie es Eleonoren mit Lachen zurück. Da diese aber auch darauf Verzicht leistete – ohne es jedoch der Königin hinzuschieben, um durchaus keinen Gedanken auszudrücken –, so stellte es ihr die Königin selbst auf den Scheitel, stülpte ihr wieder das Hütchen darauf, (von welchem sie jedoch erst noch die goldne Agraffe mit der Birnenperle gerissen), that mit der flachen Hand einen Schlag darauf, wie man einen Jungen die Mütze derb aufsetzt, und sprach dabei: So! Dann befahl sie noch, ihr über das ihr gelassene einzige Unterkleid einen langen gelbseidenen Schlafrock anzuziehen – den Eleonore in die Höhe halten mußte, um ihn nicht zu schleppen – rief den Generalmajor Alefeld in die Thür und sagte ihm: »In die katholische Kirche!«

Indeß war der König, Friedrich III., in die Thür getreten, durch welche auch die Königin Sophie Amalie gekommen. Er sah still in die Scene, und erkannte wahrscheinlich seine Schwester Eleonore in dem langen gelbseidnen Schlafrock nicht gleich, oder glaubte sich selbst leibhaftig noch einmal stehen zu sehen, und blieb stumm. Eleonore erblickte ihn aber, trat einen Schritt ihm entgegen, streckte die Hand nach ihm aus, und rief aus tiefster Brust, aus Mitleid mit ihm noch mehr, wie mit sich: Bruder! Mein Bruder!

– Schwester! – hörte sie wieder.

Aber die Königin drängte ihn rasch aus der Thür, trat selber hinein, und verschloß nach sich das Schloß ganz leis'.

Die Gräfin Ulfeld hatte ihre Stirn in die Hand gelegt und war mit derselben immer tiefer gesunken. Plötzlich erhob sie sich und befahl dem Generalmajor Alefeld: »In die Kirche«

Jetzt begleiteten sie Soldaten.

Da kam Frau von Wisch ihr athemlos nachgeeilt und stammelte: Ihre majestätische Schwägerin, nein, Ihro Majestät, Ihre gnädige Frau Schwägerin – soll ich sagen – sagten sie, sagte Er, will Sie noch einmal sprechen, wohlgebornes Fräulein.

Sie kehrte zurück, und fand die Königin ganz allein im Saal. Diese schwieg lang. Endlich sprach sie, so fein und sanft sie konnte: Höre! Sage Alles, was Du weißt, was Dein Mann gethan hat, um uns von Thron und Land und Leuten zu stürzen! Wer weiß, wie ich hätte vor Dir stehen müssen, wo ich hinzusitzen käme auf Lebenszeit wenigstens, gewiß, gewiß, wenn Du meine gnädigste Frau Königin geworden wärst! Vielleicht hätte ich gar einen anderen Schlafrock, von Holze etwa, anziehen müssen, wenn Ihro Majestät Eleonore an der bloßen Sophie Amalie ihr Müthchen auslassen könnten. Doch Gott sei Dank, das hat er gewandt! Deines Mannes letzte schwerste Verrätherei ist verrathen – sie ist zur Thorheit gemacht, Du zur Thörin, und Dir ist zu vergeben – da Dein Mann nun todt ist, wie so eben aus Brügge die sichere Nachricht eingegangen; sage uns daher nur Alles, um der Andern willen, die wir noch zu beseitigen und zu beruhigen haben, und mein Gemahl ist Dein gnädigster Bruder. Dein Anruf »Bruder« hat ihn erweicht, was bei seiner fortwährenden Güte kaum erst nöthig war, und der Tod Deines Ulfeld hat ihn bestimmt. Wir wissen, Du hast ihn über alle Maaße geliebt, Alles getragen, verschwiegen, entschuldigt – jetzt in seinem Grabe thust Du dem Todten keinen Schaden mehr, Dir aber schaffst Du Nutzen, Leben, Freiheit und Ehre, wenn Du uns sagst, was Du gewiß doch weißt. Sey nicht verstockt, verstocke uns nicht – er ist todt!

Sie glaubte, die treuste, liebendste Frau würde bei dieser Nachricht von ihres Mannes Tode in Thränen ausbrechen, aber Eleonore brach fast in Lachen aus, doch es spielte bloß sicher und still in den Zügen ihres heiteren Gesichtes. Die weltkluge, vorsichtige Frau war viel zu erfahren, als daß sie einem Vornehmeren ja auch nur ein einziges Wort geglaubt hätte. Jedes ließ sie scheinbar gelten, bis es durch Andre erst wahr ward. Jetzt aber war sie im Drange sich aller Mittel und Kräfte bewußt. Sie bat um Erlaubniß, ein Geheimniß zu entdecken, und hastig erhielt sie aus Neugier Erlaubniß dazu. Während sie nun den gelbseidenem weiten Aermel von ihrem schönen Arme hoch aufstreifte, sprach sie sehr würdevoll: Und wenn auch mein Mann todt wäre ... die Liebe eines Weibes zu ihrem Manne hört nicht auf, wenn sie ihn in's Grab legen; ich meine, dann schürt sie die vielleicht gesunkene Flamme erst recht auf; und des Mannes Ehre ist dem Weibe das theuerste Kleinod, die Ehre, währt über den Tod des Leibes hinaus und ist das schönste Leben des redlichen Mannes. Wenn er also wirklich gefehlt hätte, was ich läugne ... wenn er todt wäre, was ich läugne ... wenn ich um Alles wüßte, was ich läugne ... dann würde ich erst recht schweigen – denn im Herzen des Mannes ist des Weibes Heimath. Sollte ein Weib Vaterland wiegen und Mann, – so sinkt ihr das Vaterland. Hier gilt es das Vaterland nicht. Aber mein lieber Ulfeld lebt. Er ist wohl! So fühle ich jetzt in meinem Wesen! Hier in dem gestochenen Herzen auf meinem rechten Arm ist meines Mannes Blut, und Venusinus Kunst der Sympathie, die er von Tycho Brahe gelernt, ist richtig und wohlbewährt; und so fühlt auch wiederum mein lieber Ulfeld in der Ferne jetzt ... wie mir ist ... wenigstens, daß ich lebe! – –

Die Königin war heimlich erbost, daß ihre List, die vorgebliche Nachricht von dem Tode des Ulfeld, ihr fehlgeschlagen, ja daß sie beschämt und überlistet dastand. Eleonore fügte lächelnd darauf hinzu: Sobald ich aber an mir überzeugt bin, daß mein Gemahl gestorben ist, dann ... dann werde ich es sogleich, und wenn es um Mitternacht ist, meinem Bruder – dem König – zu wissen thun ...

»Das soll mir lieb seyn!« versetzte die Königin.

Dafür bitte ich bloß um die Gnade, mir wissen zu lassen, wo und wie er gestorben, bat Eleonore weich.

»Das soll dir nicht lieb sein!« versetzte die Königin. »Alles soll Dir mitgetheilt werden, sein ganzes Leben, nicht nur sein Tod, auch seine Todesart! Du sollst endlich aufrichtig erfahren, welches Ungeheuer – nicht etwa nur den halben Wolf aus seinem zerbrochenen Wappen – Du zum Manne in Deinen Armen gehabt hast. Wenn Du es gewußt und weißt, so ist Deine frevelhafte Liebe und Dein Unglük unbegreiflich; denn Dein Mann Cornificius zählt mit Widerwillen schon 58 Jahr, das ist bei seinem gelebten Leben schon ein krankes graues Alter, und nichts ist häßlicher, als zerstörte, gleichsam sichtbar verwesende Schönheit; und wenn Du es nicht gewußt und erfährst, so wird Deine thörichte Liebe verlöschen, wie ein Irrlicht, das Dir in den Tod geleuchtet, und Dein Unglück wird unermeßlich sein, wenn auch kurz, wie ich hoffe. Ja ich wünsche recht herzlich, Du habest ihn unaussprechlich lieb – das soll mir lieb sein, Deinetwillen, Du arme, schöne ... grade Frau. Nun fort! Alefeld!«

Eleonore zuckte mit den Achseln, und, vielleicht ohne es zu wollen, mit einer Schulter höher als mit der andern. Ihre Schwägerin verstand das recht oder nur argdenklich und stampfte mit dem Fuße. Alefeld trat ein. »Er wird nicht vergessen, General,« sprach sie, »daß Ulfeld, oder seine Hälfte hier, Eurer lieben Frau arme Mutter, die arme, vorher schon halb vergiftete und ganz zu Tode gekränkte, Wibecke Kruse, die doch König Christians IV. damals noch lebendige Majestät seines vertrauten Umgangs gewürdigt – wie einen Hund hat begraben lassen!«

Alefeld verneigte sich, und sie gingen.

Drunten im Thor fielen sie alle ihre früheren Diener weinend an; die Mädchen: Zidzel, Anna, Annike, Johanne und Magdalene Boyesens fielen ihr zu Füßen; die Diener getrauten sich nicht, ihr eine Hand zu reichen. Sie aber theilte gleichsam beide Hände im Kreise umher aus dem Haustürken Isaak, ihrem Pagen Peiter, dem Stallmeister Peter Holst, an Kield Friis, Isaac Johansen, Claus Nielsen, Jakob Jensen und den Laufer Peter Svendsen, der sich nicht wehren ließ, vor ihr her zu laufen. In dem Schmerze war Trost. Vor dem Schlosse blieb sie stehen und sah nach den Fenstern des Königs, ihres Bruders, hinauf, als sei sie überzeugt, weiter werde er sich an seiner Schwester nicht vergehen. Aber Alles blieb zu und still; nur die Vorhänge regten sich leise und sie sah in sein redliches Herz.

Heut war ein Tag, wo im Cabinet Jedem Alles geboten ward. Die Befehle wurden mit Hast und wenig erwogen ertheilt. Man wußte vor Hast nicht, ob und wer schon etwas befohlen und wem es befohlen worden; so schien es denn, als ob die Personen mit kluger Absicht gewechselt würden, oder verwechselt. Alefeld glaubte jetzt bloß an des Capitain Alefeld Stelle zu fungiren, oder war der Auftrag so groß! Er hatte ein gutes Gemüth; und beglückt durch Wibecke's und des Königs Tochter Elisabeth Sophia, hielt er, schon um sein Herz für sein Glück rein zu bewahren, allen Haß und alle Rache entfernt; ja um sich noch glücklicher durch Wohlthun an früheren Feinden zu fühlen, hatte sein Weib Elisabeth sogar die Schwester des Grafen Ulfeld, Brigitta, in's Haus genommen, welche am meisten über die schlechte Behandlung wahnsinnig geworden war, die sie von ihrem rohen Manne Otto Kruse auf Egholm – der Wibecke Bruder, erdulden müssen; zweimal war sie von ihm nach Holland entflohen, hatte dort als Magd gedient, und war vor Kurzem in so traurigem Zustand zurück gekommen, daß sie zu Allem, selber zu Tod und Sterben, nur lachte. Die Königin hatte befohlen: »Nach der katholischen Kirche!« und so nannten viele alte Leute noch oft die nächste Kirche. Jetzt fiel dem General auch ein, daß eben heut' öffentlich von der Kanzel das Urtheil über den Grafen Ulfeld dem Volke hier, wie überall im Lande, von der Kanzel vorgelesen werden sollte – und eben war Gottesdienst! – Er begriff also einen Sinn zu seinem Befehl und zuckte die Achsel. Er hätte sich aber doch noch vielleicht besonnen, wenn Eleonore nicht vor ein Paar scheuen Pferden die Stufen zur Kirchthür hinauf gesprungen wäre, und ihn mit den Augen nun gebeten: einen Augenblick sich still zu sammeln ... vielleicht auf lange!

Hier nun ward der aus Neugier todtenstillen versammelten Menge – und somit denn auch ihr – mit lauter Stimme hoch von der Kanzel herab – als sei es Gottes Wort – bekannt gemacht, was sich seit der Zeit begeben, daß sie von ihrem Gemahl aus Brügge nach England gereiset war. Das Volk mußte auf die Kniee fallen – und sie auch – und das Volk – und sie – sollte dem Himmel für die Entdeckung der Schandthat des Majestätsverbrechers Corfitz, sonst des Grafen Ulfeld – ihres geliebten Mannes – in einem donnernd abgelesenen Dankgebet zu Gott danken. Sie bebte – aber vor Freuden: daß er lebte! Ihre Liebe hielt alle Worte der zu Gott gebeteten Verdammung nieder, und erstickte den hohlen hallenden Klang, wie Donnerhall und Kanonendonner in einem Schiffe selbst ganz nah an der Fläche abgeschossener Kanonen nicht in die heilige Tiefe der Wasser dringt, und stumm für die sichre ruhige Welt da vertreten ungehört und nichtig ist. Es war ihr aber von höchster Wichtigkeit, zu erfahren, was ihr Gemahl wohl verbrochen haben sollte? Daß man es »dem guten Gott«, der Alles besser wußte, nicht vortragen würde, da man es eigentlich nur dem Volke vortrug, dachte sie wohl; doch die Worte und Wörter verstand sie, als überaus scharfsinniges Weib, sich zu deuten; sie kämpfte also gewaltsam alle ihre Gefühle nieder und hörte ... daß Ulfeld getrachtet, den König und die Königin des Scepters und der Krone zu berauben, und die Erblande und Reiche unter eine fremde Herrschaft und Regierung zu bringen .... daß er behauptet, der Adel, die Geistlichkeit und die Bauern, Alle unzufrieden, wären bereit dazu ... daß aber ein Urtheil über ihn gefället worden – –

– Ja, mein Gott, sprach eine alte Frau dazwischen – es war erbärmlich anzusehen, wie der arme Mensch enthauptet und geviertheilt wurde, wie bei unser Einem ein Stück Rind, nur daß wir es nicht enthaupten. –

Leonore erbleichte, denn sie meinte, die Königin habe ihr das Schlimmste verschwiegen, was sie kaum glauben konnte.

Aber ihre alte Nachbarin, Margarethe Weinhofer, die Mutter der hingerichteten Dina Schumacher, sprach: alberne Frau, das war ja nur eine Puppe! –

Leonore athmete auf.

– Denn, fuhr Margarethe fort, zu was hätten sie denn oben vom Schlosse herunter 20,000 Thaler darauf Belohnung gesetzt, wenn ihn Einer lebendig bringt – und die Herrn Könige helfen einander, das ist Natur; denn jede Art hilft ihrer Art, selber die Pferde stecken vor den Wölfen die Köpfe zusammen und feuern hinten aus; – sie werden ihn schon fangen, und wenn er in Cecilien wäre – und wer ihn todt bringt, nämlich wenn ihn Einer erstochen, erschlagen oder erschossen hat, wozu unser allergroßmächtigster Herr König in aller Welts-Potentaten Landen selber dem Römischen Kaiser und, Gott sei bei uns, dem Papste großgünstigste Erlaubniß gegeben hat, wie jedem Schufte, der kriegt 10,000 Thaler. Wenn ich ihn hätte und Herr würde, das Geld verdiente ich mir mit Freuden! Denn er hat meine arme Tochter Dina lassen enthaupten, bloß weil sie etwas Wahres gesagt hat. Muß man der Wahrheit wegen Menschen enthaupten! He? Und wenn sie eine Lüge gesagt hat, konnten sie ihr nicht die Lügenzunge abschneiden, nur etwa so viel von der Spitze, daß sie nur lallen konnte! Ich hätte sie schon verstanden, wie ich sie verstanden habe, da sie, als kleines Kind, auch nur lallen konnte!

Das hat ja seine Frau durchgesetzt oder unsre allergnädigste Königin, Gevatterin, sprach die Nachbarin; aber horch' Sie nur, was der Bischof betet: – »Und bitten den guten Gott, daß alle diejenigen, so bei dieser Verrätherei interessirt sein können, gleichfalls mögen erkannt und gebührend bestraft werden, damit solche Meineidige lernen können, daß man von Königen nichts Böses denken, vielweniger nach ihrem Leben und Regimente streben müsse.« – Hör' Sie nur weiter!

Ach, ich trachte nach dem Leben keiner Königin, sprach Dina's alte Mutter; ich lebe so besser und kenne das Zuchthaus schon; Gott behüte mich vor solcher Wäsche! Ich bin als simple Waschfrau zufrieden! Aber die Gräfin Ulfeld haben sie schon! Sie haben sie! Wenn ich sie nur hätte! So! Hier meine stumme Enkeltochter will sie nur gern einmal sehen; aber wir hatten es versäumt. Damals, ach damals, Anno 51, war sie nur ein kleines Kind von fünf Jahren und mußte schon vor Gericht und die Mutter mit hinrichten sehen! Jetzt ist sie 17 mit Mühe und Noth. Doch muß ich sagen und den lieben Gott loben, daß alle meine lange Noth auf jene Noth gar keine ist! Aber, ein Kind, das man wie seinen Augapfel bewahrt, so zerhacken und zerfleischen sehen, das will ich sogar dem Papste, ja Gott dem Vater nicht wünschen. Doch er hat das auch ausgestanden und überstanden, hat Thränen, so viel er braucht, und ließ seinen gekreuzigten Sohn wieder auferstehen. So ging das wohl. Das kann ich aber nicht. Meine alten Augen sind trocken, und ich verwinde es nicht. Und daß meine arme Enkeltochter hier ihrer Mutter Dina so ähnlich sieht, als wäre Dina immer bei mir, ja daß sie auch Dina zuvor getauft worden und alle Tage nun Dina heißt, das bekümmert mich, wollt' ich sagen, das ist mein einziger Trost!

Auch der alte Doctor Sperling trat in die Halle, sah, erkannte Leonoren, blieb vor ihr stehen, machte erstaunend und abwehrend vor der Brust seine flachen erhobenen Hände breit, wie die Bildsäule einer Diana von Ephesus, seufzte bloß: »ach, ach,« indem er sie mit weinenden Augen ansah, und zuletzt sie zuschloß. So stand der alte Mann, blaß und wie ohne Gedanken.

Da kam der Archivar Schumaker eilig, drückte dem Generalmajor Alefeld die Hand, und sprach nur halblaut zu ihm: »Aber ... lieber Alefeld, ein Mißverständniß! Ich komme, es Ihnen zu sagen und sage nun wahr und deutlich, mein Gott, die katholische Kirche ist ja ein finstres Armesünderloch! Ein Gefängniß im blauen Thurm, lieber Alefeld!«

Dina's Mutter, jetzt aufmerksam geworden, hatte die Gräfin Ulfeld erblickt und erkannt und über und über roth geworden, ihrer Enkeltochter gesagt: sieh, sieh, das ist die Gräfin Ulfeld! Das Mädchen aber war erblaßt, und wäre vor Wehmuth der Frau, die ihr die Mutter geraubt, beinahe zu Füßen gesunken. Und so stand sie starr vor mir, auch wie eine Diana von Ephesus, während Alefeld die ihr schrecklich-wunderbare Gestalt der Gräfin leis' hinwegführte.

Die Großmutter aber eilte ihr nach, und der Großmutter die Tochter. Und so verfolgte sie der enthaupteten Dina Gestalt, wie ein Rachegeist, um so furchtbarer im hellen Sonnenschein, und so blaß, so voll seelenvollen Mitleids in dem schönen Gesicht; die dumpfen Tritte neben ihr zwangen die Gräfin wider Willen, sie wiederholt anzusehn. An der Thür des blauen Thurmes aber hielt die Tochter der Wibecke, Alefelds Gemahlin, im Wagen und sah sie vorgeneigt aus dem Schlage mit Bedauern an, und die wahnsinnige Brigitta, ihres Ulfelds arme unglückliche Schwester, lachte vor tiefster Wehmuth laut und durchdringend.

Die Gräfin sah sie an, und auf dem traurigen Gange, wo sie Verdientes und Unverdientes, Viel und Schweres gleichsam geerndtet hatte, war dieses Gelächter ihr einziger Trost, denn sie wußte eine Seele sich nah', die es aufrichtig hier mit ihr meinte. Der Dina Großmutter aber machte ihr drei Kreuze nach und sprach: Nun geh' in die katholische Kirche! Meine Dina hat drinnen gesessen und ist bald drinnen von Verstande gekommen! Und wisse: Aus dieser abscheulichen Kirche gehn die Menschen nur unter das Henkerbeil!

Die Gräfin schwieg. Sie ward hinein geführt und übergeben. Sie frug nach ihrem mitausgeschifften Mädchen, und hörte, daß sie beim Schloßvoigt geblieben, und die unter ihren Haaren verborgenen Juwelen ihr abgenommen seien. Vielleicht sende ihr Ihro Majestät ein anderes Mädchen.

Als Spionin! dachte sie. Und hier war zu sehen, daß die Einbildung, vornehm zu sein, auch eigenes Gute gewährt: die Haltung, wo Andere muthlos hingesunken wären; die Fassung, wo andere Augen schon tausend Thränen ausgeschüttet; die Gewöhnung, zu lächeln, selbst zu dem erschrecklichsten Vorgang, als wäre er unbedeutend für eine Seele; das Schweigen über Schmerzen und Leiden des Herzens, die sich ein andres durch Mittheilung der Klagen erleichtert hätte; der Anstand, selbst unter den schwierigsten Umgebungen; so daß dir Gräfin wie ein Wesen höherer Natur, ja wies ein unschuldiges, völlig unwissendes Kind erschien. Aber nur erschien. Denn wenn auch die kindheitfrühe, zeitlebenslange Gewöhnung, das Aeußere immer gleich still zu tragen und immer gleich anständig zu beherrschen, bald oder doch zuletzt auch nach Innen, in die Seele, dringt, und der Zwang und die Herrschaft über sich selbst zur andern Natur wird, so behauptet doch eben dieses Selbst, die erste Natur, ihr Recht, und beweiset, daß im Kerne, im Mittelpunkte des Lebens, doch Alles empfunden werde, wenn auch für Andre nur wenig sichtbar; so wie die heftigsten Bewegungen der langen, rings weit ausgehenden Fäden eines Spinnennetzes seine Mitte mit der Spinne kaum sichtbar erschüttern. Aber die ruhig sitzende Spinne merkt Alles wohl. Das größte Unglück kann sehr still sein, und der stillste Schmerz sehr tief.

Leonore legte sich schlafen in ihrem Kerker. Sie betete nicht sichtbar, sie weinte nicht sichtbar, aber hoffte gewiß, daß es die in ihr aufwachenden Träume gewiß für sie thun würden, und die Engel über sie. Gewiß.

So ließ man sie schlafen. Aus dem Schlaf erwachen die Menschen immer wieder wie aus dem Paradiese, rein, unschuldig, wahr, ohne Arg, ohne Haß, ja wie ohne Kunde der Welt, wie neugeborene Kinder; bis erst die Fluth der Welt ihren Busen wieder anfüllt und umschließt – und sie ein zweites ärmeres Mal erwachen. Aus dem Schlafe plötzlich erweckt, also wollte man sie verhören. Eine Stunde vor Mitternacht schoben sich die Riegel zur eisernen Thür der katholischen Kirche zurück, die Schlösser gingen auf, und mit Licht traten Graf Ranzau, der Kanzler Retz und der Kammerschreiber Krag herein. Dieser stellte den Tisch und die Stühle zu recht, brachte Papier und Schreibzeug in Ordnung, Alle setzten sich, und Krag fing an, ein Sterbelied zu singen. Darüber richtete sich Eleonore auf, das Lied schwieg und das Verhör begann. Aber sie war so sanft, so schön, so träumerisch und rührend, so treugemuth und liebend, daß nichts als Liebe zu ihrem schönen, sie wieder zärtlich liebenden Gemahl, als reine helle heiße Flamme aus ihrer Brust in den weichsten Worten stieg. Sie weinte sanft, hatte eine Hand auf ihr Lager gestützt und sprach: Ich glaube, er hat gewollt, daß er zum König von Dänemark erwählt werde. Doch das war damals kein Verbrechen, sonst theilte es mein Bruder Friedrich selbst; denn Dänemark war damals ein Wahlreich, oder ist noch eins, wenn das große Wort des großen Königs Christian III. eine heilige Wahrheit ist und ewig bleibt: »Das ist kein Recht, was man sich in dem verwirrten Zustand der Reiche angemaßet hat.« – und seit ihren Anfängen bis auf diesen Tag – ja diese Nacht – sind sie alle in ungelöstem Zustand, und was Recht war und ist und dann bleiben wird, werden die Menschen erst in Jahrhunderten wissen, und dann auch deutlich sehen: was Unrecht war. Das Wort war meines Mannes Sprüchwort. Gethan aber hat er Nichts, daß ich weiß; und Ihr wisset nichts; und die Euch senden, wissen nichts, sonst – seht es doch ein, daß ich es durchschaue – sonst wolltet Ihr nicht erst von mir ein Geständniß! Ihr braucht es mir nicht zu gestehen. Ihr vermuthet bloß Verbrechen; nur ausgehört kann mein Gemahl sein, und sein Herz ist voll von alle dem Bittern, was man ihm angethan. Hat er etwas gedacht, so war es aus Liebe zu mir! Aber es konnte nur etwas Gutes, Löbliches sein, denn sonst mußte ich es ja verwerfen, wenn er es an den Tag gebracht und ausgeführt, und ich die von ihm gezeitigte Frucht genießen sollte! Und meinet Ihr, daß ich nur den Geber dabei angesehen haben würde – Ihr irrt – denn wenn ich ihn nicht mehr ehren und lieben konnte, dann liebte und ehrte ja er mich nicht mehr – und das, das ertrug ich nicht, und kein herzlich liebendes Weib! –

In diesem Kreis der Gefühle blieb sie. Die Herren gingen fort. Sie ließen sie schlafen.

Sie kamen eine Stunde nach Mitternacht wieder. – Umsonst.

Sie kamen im Morgengrauen wieder. – Umsonst.

So quälten sie sich und sie neun Tage. Aber nicht umsonst für das treue Weib. Mit den feinsten Wendungen, und von fern her, auf eine im Auge behaltene Antwort gestellte, heimlich immer näher und näher sie umkreisende und umgarnende Rede, erfuhr dagegen sie von den Männern, was ihr noch nicht bekannt war. »Jemand hat also bloß dem Grafen Ulfeld einen Spahn eingehauen!« hatte Krag gesagt. »Das Wort oder der Name Spahn schien ihr eine Anspielung, denn Krag hatte die anderen Herren dabei angesehen. Sie sann, sie verband das Wort mit allen Umständen und Personen, die in der letzten Zeit ihnen bedeutend sein konnten – und sie hatte den rechten Mann getroffen. Bloß mit ihrem Scharfsinn durchdrang sie die Verhältnisse und verband sie fast genau zu einem wahren Bilde der Vorfälle. Mein Mann, sprach sie, sagen Sie, war mit mir und den Kindern in die Bäder von Achen gegangen. Mit mir und den Kindern! Das hieß also Flucht. Denn man wußte selbst am besten, wie sehr man ihn beleidigt und gekränkt hatte, wie sehr es Jenen natürlich schien, daß er sich räche, so natürlich, wie ich jetzt die Rache empfinde! Man stellte ihm nach, verschweigen Sie – und mein Mann ist offen und frei. Die Tugend ist sein Fehler. Span also! sagen Sie. Also Alexander von Span, Generalmajor in Brandenburg. Aber, der Churfürst Friedrich Wilhelm ist ein Ehrenmann, der sich mit nichts bemengen, Niemanden verlocken wird, seine Sachen zu offenbaren, um ihn nachher zu betrügen, wie er zu Anfang geäußert, wo der Mensch immer das Rechte am besten fühlt. Aber Sie sagen doch, er habe diesen genereusen moralischen Beistand geleistet und die einzige ihm angebotene Gelegenheit ausgeschlagen, daß Brandenburg je das Reich der Dänen erhält, obschon Christoph von Baiern König geworden, und der falsche Herzog von Lauenburg leicht zum König Friedrich III. Aber Trolle, der Statthalter von Norwegen, schlecht behandelt und fast in Ungnade, dabei ein Freund von den Holländern, hätte lieber gewollt einen Freistaat aus Dänemark machen. Daher sei moralischer Beistand nöthig gewesen. Sie sagen: mein Mann hätte gesagt, im Fall sein practikabler Vorschlag dem Churfürsten nicht gefallen sollte, dann möge er ihn verschweigen, denn dann wolle er sich selbst stille halten, und das Wenige von seiner Lebenszeit in Ruhe genießen. Doch der Vorschlag hat nicht gefallen und die Sache war aus. Da war freilich Corfitz gefährlich! Und wenn der Span, der allein Alles sagt und Alles allein sich selber bezeugt, aus faulem falschem Holze ist – da ist freilich Alles bewiesen! Denn Sie haben mir sein Urtheil vorgelesen, und ich höre mit Verwunderung über die Ironie des Schicksals – Heinrich Bielke, der Admiral, der mit der Flotte Dänemarks Besitznahme begünstigen wollen, hat meines Mannes Todesurtheil mit unterschrieben! Und Hans Nansen, der Rathspräsident, und Nils Trolle und der Erzbischof Dr. Hans .. wie heißt er doch ... Swane! Sie sagen, Schweden rüstet seine Flotten und seine Heere – darum hat mein Mann große Pakete mit dem General Linden durch Hamburg gewechselt. Sie sagen: die Vornehmsten vom Adel hätten sich bei meinen Verwandten angegeben, und begehrt: »daß mein Gemahl wieder
»in das Reich kommen und ihr Haupt sein
»wolle, und mit ihnen überlege, wie die Sache an-
»zufangen wäre, daß sie nicht ganz möchten zu
»Sklaven gemacht werden, und wie sie das
»Joch, welches der König auf sie gelegt hätte,
»von sich werfen sollten« – hat da mein Mann etwas verbrochen? Ist er gekommen? Ich weiß nur, daß er sagte: Von nun an verlischt Dänemark nach und nach, und schrumpft ein; die alte Fabel wird wahr: Der Riese wirft in der Jugend einen Handschuh weg, und im Alter kommt er eingeschrumpft zum Zwerge heim, kauert am Meeresstrand, blickt sehnsüchtig nach der alten Schiffe Pracht und Flor, und wohnt nun in seinem eigenen alten Handschuh, wie in einer großen prachtigen Höhle. – O mein Vater! Du warst noch ein Riese! Denn Deine Seele war groß, Dein Sinn frei, Dein Herz edel, ohne Rache, und keinem Weibe unterthan. Kurz, meine Herren: Ich bin überzeugt! Und ich sehe es auch: Ich überzeuge Sie! Diese wenigen Worte mußte ich einmal sagen. Einmal für immer, meine Herren.

Gleichsam für alle diese niedergeschriebenen und berichteten Worte erhielt Eleonore nun eine Dienerin, die nicht sarkastischer gewählt sein konnte. Es war dies die Enkelin jener alten Frau, der Margarethe Weinhover, und die Tochter der in Eil aus Haß, Verlegenheit und Rache mehr hingemordeten als hingerichteten Dina Schumacher, deren Gestalt Eleonoren bis in den Kerker verfolgt hatte. Nun trat die wie lebendig und wieder jung gewordene Dina selbst zu ihr ein. Auch hieß sie Dina, so mußte Eleonore sie also rufen. Dina war entweder stumm, oder sprach nicht. Wie zu noch größerer Beschämung war Dina auch freundlich, mild, ja überaus weichgesinnt. So verbrachte Eleonore die Tage und Abende schon sehr bedrückt, die Nächte aber oft schrecklich. Denn Dina schien zu gewissen Zeiten des Nachts eine Besessene, und der Geist, der sie dann besaß, war – ihre eigene Mutter, Dina Schumacher. Dann sprach die junge Dina plötzlich mit rauher scharfer schreiender Stimme. Sie erzählte die Schandthaten, die sie begangen, die sie erlitten durch den Obrist Georg von Walter und durch den Grafen und die Gräfin von Ulfeld. Sie erzählte ihre Hinrichtung, sie klagte über unausstehliches Halsweh, das ihr vom Schwerte nachgeblieben, sie ging zum Bette der Gräfin Ulfeld und verwünschte sie, als spräche wiederum ein Höllengeist aus ihr, der Mutter Stimme aus der Tochter verwünschte die Tochter selbst, daß sie der schrecklichen Frau so hold und freundlich diene, sie suchte dann die Tochter, aus der sie doch sprach, in der finstern katholischen Kirche umher, ging mit der Tochter Füßen, tappte mit deren Händen nach ihr in der Finsterniß – und fand sie nicht, und sprach Drohungen aus, wollte sie ermorden, wie das kleine Kind, das sie von Corfitz gehabt, riß sich die Haare aus, ohne die Tochter finden zu können. Sie war lächerlich-schrecklich, als wenn ein rasender Ritter sein eigenes Pferd suchte, darauf er doch sitzt, und das ihn trägt und ihm suchen hilft. Am Ende schien die Mutter die Tochter zu finden und die heftige Scene endigte mit einer noch heftigern in einer Ecke, worin dann Dina unter lautem Angstgestöhn zusammen sank und wo sie am Morgen noch lag, oder im Bett, woher es sich zuhörte: als ermorde der Moor von Venedig sein betendes, schönes, unschuldiges Weib.

Nach vielen solchen Nächten bot man Eleonoren die Freiheit und alle ihre Millionen werthen Güter, alle ihre verwiesenen und entehrten Söhne und Töchter zurück, und Ehre und Glück vollauf, wenn sie Alles bekenne, was sie wisse.

Eleonore aber schwieg – und blieb.

Darauf geschah ihr noch tiefer Betrübendes. Doctor Otto Sperling, ihr Lehrer und ihres Mannes vertrauter Freund, mit welchem er in verborgenen Charakteren Briefe gewechselt, lebte seit Dina's Enthauptung in Hamburg, und war ein Freund und der Hausarzt des Dänischen Hauptmanns Hagedorn in Altona. Dieser hatte seiner Freundschaft wegen jetzt den Auftrag erhalten, sich des Doctors zu bemächtigen, war die Nacht zu ihm in das allzunahe Hamburg gefahren, als läge seine Frau auf dem Tode, oder der Tod auf ihr, oder sitze ihr schon auf der Zunge; und so war der menschenfreundliche Arzt entführt und nach Copenhagen gebracht worden. Als Arzt aber hatte er die eigene Schwäche, den eigenen Tod über Alles zu fürchten; und da ihm mit dem Tode gedroht worden war, hatte er alles gestanden, was er gewußt. Sein Bekenntniß ward nun Eleonoren in seiner Gegenwart vorgelesen, wozu der im Herzen noch treue gepeinigte Mann bald mit den Augen bat, bald sie zuschloß, bald wie überrascht und neugierig sie groß aufthat; jetzt die Achseln zuckte, dann die Hände rieb; jetzt sich demüthig verneigte, dann sich hochaufrichtete, bald blaß, bald roth aussah und beinahe verging vor Scham und Reue und Todesfurcht, wenn er ein Wort widerriefe – denn er hatte einen Sohn, welchem er aus Liebe die Schande ersparen wollte, daß ihm der Vater hingerichtet werde.

Eleonore, die liebendste Mutter, sollte auch jetzt nur noch bekennen, um alle ihre Kinder wieder zu haben ... selbst den Mann!

Aber sie schwieg, und blieb.

Sie drückte ihrem Lehrer die Hand und dankte ihm, daß er ihr den alten Vers gelehrt: »Stillschweigen ist der Weiber größter Schmuck« und vergab ihm gern, weil die meisten Menschen nicht sowohl dem Regenten ihre Dienste widmen, als dem Regierenden, und das war ihr Mann so lange gewesen als Reichshofmeister, und Gunst und Gaben, Ungunst und Niederhaltung war von ihm ausgegangen. Jetzt war eine Andre die Regierende, und Sperling war alt und schwach geworden. – »Selbst den Mann« wiederholte Sperling todtenblaß.

Man hatte ihm vorgelogen, Corfitz Ulfeld sei todt. Das hatte ihn bestimmt, die Briefe dem König zu entziffern, und den wahren Hergang von Dina's Vergiftungssache des Königs, und alles Andre zu entdecken, worauf ihm das Leben gelassen und dem Obristen Georg von Walther Pardon, Freiheit und Gnade ertheilt worden war. Jetzt hörte Sperling von Eleonoren: daß ihr Gemahl noch lebe, gewiß lebe, und der alte Mann raufte sich die Haare aus und fiel ihr zu Füßen, als wär' er von Holz, und so blieb er liegen. Er mußte nun in der unglücklichen katholischen Kirche, dem Einschluß Wahnsinniger und schwerer Sünder, auf zeitlebens bleiben, und nach einem kurzen Abschied von dem verzweifelten Sperling, ward Eleonore mit Dina in ein andres Gefängniß geführt, darin nur in der Mauer ganz oben unter der Decke ein fensterartiges Loch war, zu welchem zugleich der Rauch des offenen Feuers heraus ziehen mußte – auf der Königin Befehl – und welches man im Winter zwar zulassen konnte, wenn man sich krank husten und ersticken wollte; oder aufmachen konnte, wenn man lieber die Glieder erfror.

Unter so vielen mannigfachen Bestürmungen und Qualen hatte Gräfin Ulfeld sich lange gegen die ihr anhängende Krankheit gestemmt, zumeist aus Scham: daß man aus der Niederlage ihres Leibes nicht schließen sollte, wie kläglich es um ihre Seele stehe, wie haltlos also, wie gehaltlos sie sei, wie ganz ihr jene himmlisch reine Gesundheit des Geistes fehle, der mit seiner Kraft den Leib trägt und führt, wie eine klare tiefe Fluth leicht das schwerste Schiff. Jetzt warf sie sich auf das Krankenlager, weinte in das Stroh, und sprach nach dem ersten Gebet zum ersten Mal halblaut zu sich selbst: »Der Mensch liegt in einem schweren Irrthum, welcher glaubt, unmenschliche Thaten, Unthaten gegen die Menschheit oder ein Verbrechen nur an Einem Menschen in seiner Seele allein zu richten und abzuthun! Für jeden Einzelnen ist ja die ganze Menschheit da zur Theilnahme, zur Hülfe, oder doch zur Linderung. Drückend ist es schon uns, fremder Menschen Verbrechen zu hören und anzuschaun. Drückender ist es, mit selbstbegangenen Freveln fortzuleben; denn der Böse ist in Gesellschaft böser Geister gerathen, die ihn verfolgen und quälen bis zum Tode, und im Sterben erst recht; am drückendsten aber ist das Wissen um böse Thaten eines Geliebten. Denn die Liebe möchte ihn gern rein wissen, fehllos, ja verehrungswerth und anstaunbar, fähig und würdig neben den Göttern zu stehen – und nun soll sie und muß sie ihn unter Dämonen sehn, ja tief unter Wesen von höllischer Art, denn der Mensch ist ein göttliches Wesen! Hier bliebe einer liebenden Seele nun übrig: wieder mit Macht nach dem höchsten, reinsten Wesen zu greifen, und fest und treu bewahrt an der Götterbrust, Jedes und Jeden entschieden und ganz zu verwerfen, der keine Gemeinschaft mit jenem Reinen vor Menschen mehr zu haben scheint. Aber grade und allein die Liebe kann ihn nicht verwerfen – denn eben die Liebe schaut am klarsten in der Welt; und auch den geliebten Verbrecher sieht sie, wie immer, so noch, nicht seinen einzelnen Werken, sondern seinem Wesen, ja seiner wahren Gesinnung nach, tief und unlösbar verbunden mit dem Reinen, Höchsten. Darum entschuldigt sie mit Recht, wie sie mit vollem Rechte liebt. Oder nicht?«

Sie verstummte. Sie dachte vielleicht die Folgereihe der Gedanken aus: »Aber sie verschweigt mit Unrecht! Denn der Mensch ist Jenem und sich und andern Menschen die Wahrheit schuldig zu sagen, als die erste Pflicht, ja als äußerstes Opfer!«

Darum erlag Eleonore dem Zwiespalt im Herzen, das selber edle Gewalten zerrissen, aber die höchste nicht über sich hinaus trug. Denn der aufrichtige wahre furchtlose Mensch stellt sich hoch über alles irdische Wesen, über alle Gebrechen und Thaten, recht mitten unter die Götter; mitten in einen glänzenden Himmel, der rings die eigne selige Götterseele wiederstrahlt. Die Gräfin aber befing die an einem Hofe eingelernte und eingeprägte falsche Ehre und Sucht, vor Menschen zu gelten, und fesselte ihre Zunge. Deswegen aber litt sie, was Andre kaum leiden. Sie litt als Weib; denn ihr Mann war für sie verloren, und Tod und Schande nur stand ihm bevor. Sie litt als Mutter; denn alle ihre 11 Kinder, meist noch klein, waren ihr entrissen, entehrt, verarmt, und mußten sich selbst einen ehrlichen Namen erst wieder erwerben. Sie litt als hohe Frau; denn von der Tochter eines Königs und Gräfin von Schleswig-Holstein war sie unter alle Stände versunken und mit Schmach und Schande bedeckt aus der Gemeinschaft mit jener einzig wahren großen Welt ausgeschlossen, worin jede Tagelöhnerfrau in herzlicher Freude und Freiheit lebt. Sie litt zuletzt aus Starrsinn und Eitelkeit: leiden zu wollen, um ein treues, untadliches, also löbliches Weib zu sein und zu scheinen, und gewissenhaft strenge die Pflicht zu erfüllen, die ein liebendes Herz schon sich selber verspricht, noch eh' es sie vor dem Altare der Gottheit gelobt.

So lag sie 38 Wochen danieder, sorgfältig gepflegt und bewacht, um ja am Leben zu bleiben. – Da erlag sie eine Nacht bald den Leiden. Sie glaubte an sich zu empfinden, daß ihr Gemahl sterbe; sie kämpfte einen schweren Kampf. Sie verfiel in Schlaf. Sie erwachte. Ihr war auf einmal wunderbar wohl. – »Er ist todt!« sprach sie nun sicher und heiter, und befahl, es dem Könige anzuzeigen. Nun war ihr die Last einer Welt vom Herzen: Ihm konnte nichts mehr geschehen, also nun geschah auch Ihr nichts mehr. Nur wie er gestorben, das war noch ihr Kummer. Denn in ihrem Kerker erfuhr sie nichts mehr von der Welt. Er konnte hingerichtet worden sein, selbst ohne daß man ihr vergönnt, ihn noch ein Mal zu sehn ... in der Fremde konnte sich Jemand den Preis auf seinen Kopf verdient haben ... er konnte ausgeliefert, er konnte dem Gram erlegen sein. Nur um Wahrheit bat sie sogar in dieser einzigen Angelegenheit. Dann mochten die Menschen so stumm geworden sein wie die Steine. Auch sie wollte so stumm sein.

So wartete sie lange vergeblich, und ihre Pein schwoll ihr über das Herz und vor Neugier quoll ein Geständniß ihr fast über die Lippen. Da hörte sie endlich bloß, daß sie die Wahrheit richtig geahnt und empfunden habe: Graf Ulfeld sei todt. In dem Korbe mit dem Essen brachte darauf ihr Dina eine Lage Papiere, überschrieben »Die Gräfin Ulfeld. (Anfang).« Sie hätte aber schon gern das Ende gelesen. Aber das Ganze ward ihr nur capitelweis', Woche um Woche, ganz heimlich von unbekannter Hand zugesendet, so daß sie nach in einer Stunde langsam gelesenem Text immer zwei Wochen Zeit hatte, das Leben ihres Mannes und Ihres durchzufühlen und durchzuringen. Denn darauf schien es angelegt. In der ersten Lage befand sich ein mit Bleistift geschriebener Zettel: »Man erschrecke nicht vor der Seeschlange. Man denke dabei – so sah Corfitz in der Seele aus, als er kam. Aus Wahrheiten hat das Volk die Mährchen gemacht – als Bilder und Bildnisse zur Weltgeschichte.«

Eleonore heftete die Lagen und verbarg sie aus mancherlei Gründen; denn dem Hofe, dem Lande, ihr selbst und ihrem Corfitz war darin auf den Grund gesehn. Folgendes ist nun die ganze Handschrift.


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