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Die glücklichen Inseln

Jack London: Die glücklichen Inseln - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJack London
titleDie glücklichen Inseln
publisherSüdwest Verlag
year1971
printrun2. Auflage. 21.- 30. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171113
projectidccd4aa52
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Der Sheriff von Kona

Man muß das Klima lieben«, sagte Cudworth als Antwort auf meine Lobrede auf die Konaküste. »Ich war ein junger Bursche, als ich vor achtzehn Jahren geradewegs von der Universität hierherkam. Ich bin nie nach Amerika zurückgekehrt, außer natürlich besuchsweise. Und falls Ihnen irgendein Ort auf Erden teuer ist, so warne ich Sie, zu lange hierzubleiben, denn sonst werden Sie entdecken, daß dieser hier Ihnen noch teurer wird.« Wir waren mit dem Mittagessen fertig, das auf dem großen Lanai angerichtet worden war, der dem Nordwind ausgesetzt ist, wenn auch »ausgesetzt« wirklich ein schlechtpassender Ausdruck für ein so herrliches Klima ist.

Die Kerzen waren ausgelöscht, und ein schlanker weißgekleideter Japaner schlüpfte wie ein Geist durch den silbernen Mondschein, bot uns Zigarren an und verschwand im Dunkel der Villa. Durch einen Schirm von Bananen- und Lehuabäumen und über das Guavagebüsch hinweg sah ich auf das ruhige Meer tausend Fuß unter mir. Die Woche seit meiner Ankunft mit dem kleinen Küstendampfer hatte ich bei Cudworth gewohnt, und in der ganzen Zeit hatte nicht ein Windhauch das Wasser gekräuselt. Zwar hatte es hin und wieder ein Lüftchen gegeben, aber es war der sanfteste Zephier, der je über Sommerinseln strich. Es waren keine Windstöße; es waren Seufzer – lange balsamische Seufzer einer ruhenden Welt.

»Ein Lotusland«, sagte ich.

»Wo ein Tag dem andern gleicht, wo jeder Tag ein Paradies von Tagen ist«, antwortete er. »Es geschieht nie etwas. Es ist nicht zu warm. Es ist nicht zu kalt. Es ist immer gerade wie es sein soll. Haben Sie bemerkt, wie Land und Meer abwechselnd atmen?«

Ich hatte allerdings das herrliche rhythmische Atmen bemerkt. Jeden Morgen hatte ich den Seewind beobachtet, der an der Küste begann, sich langsam seewärts bewegte und den mildesten, sanftesten Ozonhauch in das Land brachte. Er spielte über das Meer und verdunkelte seine Oberfläche schwach, während hier und da und überall lange Streifen stillen Wassers wechselten und sich verzogen, je nach den launischen Küssen der Brise. Und allabendlich hatte ich den Atem der See in himmlischer Ruhe verhauchen sehen und das leise Rauschen des Landwindes durch die Kaffeesträucher und Erdnußbäume gehört.

»Es ist ein Land ewigen Friedens«, sagte ich. »Weht es hier je? Ich meine, wirklicher Wind?«

Cudworth schüttelte den Kopf und zeigte nach Osten.

»Wie kann es wehen, wenn eine solche Schranke jeden Wind abhält?«

Hoch empor stiegen die mächtigen Formen des Mauna Kea und des Mauna Loa und schienen die Hälfte des sternenbesäten Himmels zu verdecken. Zweieinhalb Meilen hoch erhoben sich ihre Gipfel, weiß vom Schnee, den nicht einmal die Tropensonne zu schmelzen vermochte.

»Ich möchte wetten, daß es dreißig Meilen von hier in diesem Augenblick vierzig Meilen die Stunde weht.«

Ich lächelte ungläubig.

Cudworth ging ans Telefon auf dem Lanai. Er rief nacheinander Waimea, Kohala und Hamakua an. Bruchstücke seiner Unterhaltung erzählten mir, wie es wehte:

»Heulend und pfeifend, wie bitte?« ... »Seit wann? ... »Erst seit einer Woche?« ... »Hallo, bist du es, Abe?« ... »Jawohl, jawohl« ... »Ja, wenn du durchaus Kaffee an der Hamakua-Küste pflanzen willst«, ... »der Teufel hol deinen Windbrecher! Du solltest nur meine Bäume sehen.«

»Es stürmt«, sagte er zu mir, als er anhängte. »Ich mache mich immer über Abrahams Kaffeeplantage lustig. Er hat fünfhundert Morgen Land und verrichtet Wunder, indem er Bäume als Windschutz pflanzt, aber wie die Bäume fest stehen können, das ist mir schleierhaft. Weht? Es weht immer an der Hamakua-Küste. Kohala meldet einen Schoner, der vor gerefften Segeln in den Kanal zwischen Hawaii und Maui einsteuert, aber große Mühe damit hat.« »Es ist schwer zu begreifen«, sagte ich matt. »Geschieht es denn nie, daß ein kleiner Hauch sich davon losreißt und hierherkommt?«

»Nie ein Hauch. Unsere Landbrise hat nichts damit zu tun, denn sie entsteht diesseits des Mauna Kea und Mauna Loa. Sehen Sie, das Land strahlt seine Wärme schneller aus als das Meer, und deshalb atmet das Land nachts über das Meer hinaus. Am Tage ist das Land wärmer als das Meer, und deshalb atmet das Meer ins Land hinein ... Hören Sie! Dort kommt der Atem des Landes, der Wind von den Bergen.«

Ich konnte hören, wie er kam, leise in den Kaffeesträuchern raschelte, die Blätter der Erdnußbäume in Bewegung setzte und im Zuckerrohr seufzte. Auf dem Lanai war es noch still. Dann kam es, das erste Gefühl des Bergwindes, schwach balsamisch duftend, würzig und kühl, entzückend kühl, mit einer seidenartigen Kühle, einer weinartigen Kühle, wie nur der Bergwind Konas sein kann.

»Wundern Sie sich, daß ich vor achtzehn Jahren mein Herz an Kona verlor?« fragte er. »Jetzt könnte ich nie mehr von hier fortgehen. Ich glaube, es würde mein Tod sein. Es wäre furchtbar. Es gab noch einen Mann, der es so liebte wie ich. Ich glaube er liebte es noch heißer, denn er war hier an der Kona-Küste geboren. Er war ein großer Mann, mein bester Freund, mir mehr als Bruder. Aber er verließ es und starb doch nicht.«

»Liebe?« forschte ich. »Eine Frau?«

Cudworth schüttelte den Kopf.

»Er wird auch nie wiederkommen, wenn auch sein Herz hier sein wird, bis er stirbt.«

Er schwieg und starrte auf die Strandfeuer von Kailua hinab. Ich rauchte schweigend und wartete. »Er liebte schon ... seine Frau. Er hatte auch drei Kinder, die er liebte. Sie wohnen jetzt in Honolulu. Der Junge soll auf die Universität.«

»Eine unbesonnene Tat?« fragte ich ungeduldig nach einigem Schweigen.

Er schüttelte den Kopf. »Er beging weder ein Verbrechen, noch wurde er eines Verbrechens beschuldigt. Er war Sheriff von Kona.«

»Sie belieben unverständlich zu sein«, sagte ich.

»Es mag wohl so klingen«, räumte er ein, »und das ist gerade das Gräßliche dabei.«

Er betrachtete mich einen Augenblick forschend und hub dann plötzlich zu erzählen an.

»Er war aussätzig. Nein, er war nicht damit geboren – keiner wird damit geboren; es war erworben. Dieser Mann – aber was hat das damit zu tun? Lyte Gregory hieß er. Jeder Kamaina kennt die Geschichte. Er war von rein amerikanischer Abstammung, sah aber aus wie einer der alten Häuptlinge von Hawaii. Er maß sechs Fuß drei Zoll. Er wog nackt zweihundert Pfund, und kein Gramm davon war etwas anderes als Muskel oder Knochen. Er war der stärkste Mensch, den ich je gesehen habe. Er war ein Athlet, ein Riese. Er war ein Gott. Er war mein Freund. Und sein Herz und seine Seele waren ebenso groß und schön wie sein Körper.

Ich möchte sehen, was Sie tun würden, wenn Sie Ihren Freund, Ihren Bruder, am schlüpfrigen Rande eines Abgrundes stehen und gleiten und gleiten sähen und nichts dabei tun könnten. So war es eben, ich konnte nichts dabei tun. Ich sah es kommen, und ich konnte nichts dabei tun. Mein Gott, Mann, was sollte ich tun? Es war da, bösartig und unbekämpfbar, das Zeichen der Krankheit auf seiner Stirn. Kein anderer sah es. Ich glaube wirklich, daß es daher kam, weil ich ihn so heiß liebte, daß ich allein es sah. Ich konnte meinen eigenen Sinnen nicht trauen. Es war zu unglaubhaft entsetzlich. Aber es war da, auf seiner Stirn, an seinen Ohren. Ich hatte es gesehen, das leichte Schwellen der Ohrläppchen – ach, so unbedeutend. Ich beobachtete es monatelang. Und dann, während ich trotz der Hoffnungslosigkeit immer noch hoffte, die Verdunkelung der Haut über beiden Augenbrauen – ach, so schwach, wie der leiseste Hauch von Sonnenbrand. Ich hätte es für Sonnenbrand gehalten, wäre es nicht blank gewesen, von einer fast unsichtbaren Blankheit, wie ein kleines Glanzlicht, das man einen Augenblick sah, und das im nächsten Augenblick verschwunden war. Ich versuchte zu glauben, daß alles Sonnenbrand wäre, aber ich konnte nicht. Ich wußte es besser. Aber keiner außer mir bemerkte es. Kein einziger bemerkte es außer Stephen Kaluna, und das erfuhr ich erst später. Doch ich sah es kommen, mit seinem ganzen verfluchten, unabwendbaren Schrecken; aber ich weigerte mich, an die Zukunft zu denken. Ich konnte es nicht. Und nachts hätte ich schreien können.

Er war mein Freund. Wir fischten zusammen Haie auf Niihau. Wir jagten wildes Vieh auf dem Mauna Kea und dem Mauna Loa. Wir ritten Pferde zu und brandmarkten Stiere auf der Carter Ranch. Wir jagten Ziegen über ganz Haleakala. Er lehrte mich tauchen und in der Brandung reiten, bis ich es fast ebenso gut konnte wie er, und er konnte es besser als die meisten Kanaken. Ich habe ihn in fünfzehn Faden Wasser tauchen sehen, und er konnte zwei Minuten unten bleiben. Er war ein Amphibium und ein Bergbesteiger. Er konnte klettern, wo nur eine Ziege zu klettern wagte. Er fürchtete sich vor nichts. Er war auf der Luga, als sie strandete, und sechsunddreißig Stunden schwamm er dreißig Meilen weit in einem empörten Meere. Er konnte Brecher durchschwimmen, die Sie oder mich erschlagen hätten. Er war ein großer, herrlicher Halbgott. Wir erlebten die Revolution zusammen. Wir waren beide romantische Royalisten. Er wurde zweimal verwundet und zum Tode verurteilt. Er war ein zu großer Mann, als daß die Republikaner ihn hätten töten können. Er lachte sie aus. Später erwiesen sie ihm die Ehre, ihn zum Sheriff von Kona zu machen. Er war ein einfacher Mensch, ein Junge, der nie erwachsen wurde. Sein Gehirn hatte kein verwickeltes Muster. Es gab keine Winkelzüge und Ausflüchte in dem, was in seinem Geiste vorging. Er ging geradewegs auf eine Sache los, und seine Sache war immer leicht zu verstehen.

Und er war Sanguiniker. Nie habe ich einen so zuversichtlichen Menschen und einen so zufriedenen und glücklichen gesehen. Er verlangte nichts vom Leben. Es gab nichts, was er sich noch wünschen konnte. Für ihn hatte das Leben keine Rückstände. Es hatte ihn voll ausbezahlt, bar, und dazu im voraus. Was konnte er sich mehr wünschen als einen prachtvollen Körper, seine eiserne Gesundheit, seine Unempfänglichkeit für jede gewöhnliche Krankheit, seine sanfte gesunde Seele? Körperlich war er vollkommen. Er war nie im Leben krank gewesen. Er wußte nicht, was Kopfschmerzen sind. Hatte ich welche, so sah er mich verwundert an und brachte mich durch seine ungeschickten Versuche, mir sein Mitgefühl zu bezeigen, zum Lachen. So etwas wie Kopfschmerzen verstand er einfach nicht. Er konnte es nicht verstehen. Sanguiniker? Kein Wunder, daß er es war. Wie hätte es anders sein sollen bei seiner ungeheuren Lebenskraft und seiner unglaublichen Gesundheit?

Nur um Ihnen zu zeigen, wie er an seinen Glücksstern glaubte, und wieviel Grund er auch zu diesem Glauben hatte, will ich Ihnen ein Erlebnis erzählen. Er war damals ganz jung – ich hatte ihn gerade kennengelernt –, und es war in Wailuku, wo er sich an einer Pokerpartie beteiligte. Ein großer Deutscher namens Schultz war da, der brutal und herrschsüchtig spielte. Er hatte auch eine Zeitlang Glück gehabt und war ganz unerträglich, als Lyte Gregory hinzukam und mitzuspielen begann. Beim ersten Spiel hatte Schultz die Vorhand. Lyte meldete, so gut wie die anderen, und Schultz überbot sie – alle außer Lyte. Dem gefiel der Ton des Deutschen nicht, und er bot ebenso hoch. Dann bot Schultz wieder, und dann kam Lyte an die Reihe, um Schultz zu überbieten. So ging es weiter, hin und her. Die Einsätze waren hoch. Und wissen Sie, was Lyte in der Hand hatte? Zwei Könige und drei kleine Treffs. Es war kein Poker. Lyte spielte nicht Poker. Er spielte seinen Optimismus. Er wußte nicht, was Schultz in der Hand hatte, aber er bot immer höher, bis Schultz sich nicht mehr halten konnte, und dabei saß Schultz die ganze Zeit mit drei Assen da. Denken Sie nur! Ein Mann mit zwei Königen zwingt einen Mann mit drei Assen zu kaufen.

Nun, Schultz kaufte zwei Karten. Ein anderer Deutscher gab, obendrein ein Freund von Schultz. Jetzt wußte Lyte, daß sein Gegner drei gleiche Karten in der Hand hatte. Aber was tat er? Was würden Sie getan haben? Drei Karten gekauft und die Könige aufgelegt. Das tat Lyte nicht. Er spielte seinen Optimismus. Er warf die Könige fort, behielt die drei kleinen Treffs und kaufte zwei Karten dazu. Er sah sie nicht einmal an. Er sah Schultz an, um ihn aufzufordern, zu bieten, und Schultz bot, und zwar hoch. Da er selbst drei Asse in der Hand hatte, wußte er, daß er Lyte besiegt hatte, denn er spielte darauf, daß Lyte auch drei gleiche Karten hatte, und die mußten ja notgedrungen niedriger sein. Armer Schultz! Von seinen Voraussetzungen aus handelte er ganz richtig. Sein Fehler war nur, daß er glaubte, Lyte spielte Poker. Fünf Minuten lang boten sie hin und her, und dann begann Schultz seine Sicherheit zu verlieren. Und die ganze Zeit hatte Lyte seine beiden Karten noch nicht einmal angesehen, und Schultz wußte das. Ich konnte sehen, wie Schultz nachdachte und Mut schöpfte, bis er mit seinem Bieten wieder drauflosging. Aber der Druck war ihm zu viel.

›Hören Sie auf, Gregory‹, sagte er schließlich. ›Ich habe von Anfang an gewonnen. Ich will Ihnen Ihr Geld nicht abnehmen. Ich habe –‹

›Es ist mir einerlei, was Sie haben‹, unterbrach Lyte ihn. ›Sie wissen ja nicht, was ich habe. Jetzt will ich es mir ansehen.‹

Er sah hin und bot noch hundert Dollar. Dann ging es weiter, hin und her und hin und her, bis Schultz es schließlich müde wurde und seine drei Asse auf den Tisch legte. Lyte saß mit seinen fünf Karten da. Sie waren alle fünf schwarz. Er hatte noch zwei Treffs dazugekauft. Verstehen Sie, er hatte Schultz die Lust zum Pokerspielen genommen. Der spielte nie wieder so kühn. Von diesem Augenblick an schwand sein Selbstvertrauen, und er wurde ein bißchen unsicher.

›Aber wie konntest du nur?‹ fragte ich Lyte gleich hinterher. ›Du wußtest doch, daß er gewonnen hatte, als er die zwei Karten kaufte. Und außerdem sahst du dir ja gar nicht an, was du kauftest.‹ ›Ich brauchte es mir nicht anzusehen‹, lautete Lytes Antwort. ›Ich wußte die ganze Zeit, daß es zwei Treffs waren. Es mußten zwei Treffs sein. Glaubst du, ich wollte mich von dem großen Deutschen schlagen lassen? Es war unmöglich, daß er mich schlagen konnte. Ich mußte gewinnen. Es wäre die größte Überraschung von der Welt für mich gewesen, wenn es nicht lauter Treffs gewesen wären.‹ So war Lyte, und das wird vielleicht dazu beitragen, Ihnen seinen riesigen Optimismus verständlich zu machen. Wie er selbst sagte: Er mußte gewinnen, mußte Glück haben. Und in diesem Vorfall wie in tausend anderen sah er seine Rechtfertigung. Die Sache war eben, daß er Glück gehabt hatte, und daß es ihm gutging. Das war der Grund, daß er sich vor nichts fürchtete. Ihm konnte nie etwas geschehen. Er wußte das, weil ihm nie etwas geschehen war. Als die Luga scheiterte und er dreißig Meilen schwamm, war er zwei ganze Nächte und einen Tag im Wasser. Und in all dieser furchtbaren Zeit verlor er nicht einen einzigen Augenblick die Hoffnung, zweifelte nicht einen Augenblick am Ausfall. Er wußte, daß er das Land erreichen würde. Er sagte es selbst, und ich weiß, daß es stimmte.

Ja, ein solcher Mann war Lyte Gregory. Er war von einer anderen Rasse als gewöhnliche, schwache Sterbliche. Er war ein höheres Wesen, unerreichbar für gewöhnliche Gebrechen und Unfälle. Was er sich auch wünschte, er bekam es. Seine Frau – eine von den Töchtern Caruthers, eine kleine Schönheit – nahm er einem Dutzend Nebenbuhler vor der Nase weg. Und sie wurde ihm die beste Frau von der Welt. Er wünschte sich einen Sohn, und er bekam ihn. Er wünschte sich eine Tochter und noch einen Sohn. Er bekam sie. Und sie waren prächtig, ohne Fehl und Tadel, mit Körpern wie kleine Fässer, und sie hatten seine ganze Kraft und Gesundheit geerbt. Und da geschah es. Das Zeichen des Tieres wurde ihm aufgeprägt. Ich beobachtete es ein Jahr lang. Es brach mir das Herz. Aber er wußte es nicht, und ebensowenig ahnte es ein anderer, außer dem verfluchten Hapa-Haolen Stephen Kaluna. Der wußte es, aber das wußte ich nicht. Und – ja – Dr. Stowbridge wußte es auch. Er war der Kreisarzt der Gegend und hatte seinen Blick für die Kennzeichen des Aussatzes geschärft. Sie verstehen, es gehörte zu seinem Geschäft, Verdächtige zu untersuchen und nach der Aufnahmestation in Honolulu zu schicken. Und Stephen Kaluna hatte auch seinen Blick für Aussatz geschärft. Die Krankheit war in seiner Familie verbreitet, und vier oder fünf von seinen Verwandten befanden sich schon auf Molokai. Die Ursache des Unglücks wurde Stephen Kalunas Schwester. Sie wurde verdächtigt, und ehe Dr. Strowbridge sie zu fassen bekam, schaffte ihr Bruder sie heimlich fort und versteckte sie irgendwo. Lyte war Sheriff von Kona, und es war seine Aufgabe, sie zu finden.

Wir waren alle an diesem Abend in Hilo, bei Ned Austin. Stephen Kaluna war da, als wir kamen, er saß allein, war halb betrunken und streitsüchtig. Lyte lachte über irgendeinen Scherz – lachte das mächtige, glückliche Lachen eines Riesenjungen. Kaluna spie verächtlich auf den Fußboden. Lyte merkte es, und wir alle taten es auch; aber er ignorierte den Burschen. Kaluna suchte Streit. Er betrachtete es als eine persönliche Beleidigung, daß Lyte seine Schwester festnehmen wollte. Er zeigte auf ein halbes Dutzend verschiedenerlei Weise, wie sehr die Gegenwart Lytes ihm mißfiel, aber Lyte ignorierte ihn. Ich redete mir ein, daß er Lyte ein bißchen leid tat, denn das Festnehmen von Aussätzigen war seine schwerste Berufspflicht. Es war nicht angenehm, in das Haus eines Mannes zu gehen, einen Vater, eine Mutter oder ein Kind zu entführen, die nichts Böses getan hatten, und sie in die ewige Verbannung nach Molokai zu schicken. Natürlich ist es notwendig zum Schutz der Gesellschaft, und ich glaube wirklich, daß Lyte der erste gewesen wäre, der seinen eigenen Vater festgenommen hätte, wenn er verdächtig geworden wäre.

Zuletzt platzte Kaluna heraus. ›Sie glauben, Gregory, daß Sie Kalaniweo finden werden, aber das werden Sie nicht.‹

Kalaniweo war seine Schwester. Lyte sah ihn an, als sein Name genannt wurde, antwortete aber nicht. Kaluna war wütend. Er redete sich immer mehr in Zorn hinein.

›Ich will Ihnen etwas sagen!‹ rief er. ›Ehe Sie Kalaniweo nach Molokai bringen, werden Sie selbst dort sein. Ich will Ihnen etwas sagen. Sie haben kein Recht auf die Gesellschaft ehrlicher Männer. Sie haben furchtbar viel von Ihrer Pflicht geredet, nicht wahr? Sie haben eine Menge Aussätzige nach Molokai geschickt und dabei die ganze Zeit gewußt, daß Sie selbst dorthin gehören.‹

Ich habe Lyte mehr als einmal wütend gesehen, aber nie so wie in diesem Augenblick. Mit Aussatz scherzt man hierzulande nicht. Er machte einen Sprung durchs Zimmer, packte Kaluna am Kragen und zog ihn von seinem Stuhl hoch. Er schüttelte ihn wütend hin und her, daß man die Zähne des Mischlings klappern hörte.

›Was meinen Sie damit?‹ fragte Lyte. ›Heraus damit, Mensch, oder ich würge es Ihnen zum Hals heraus!‹

Sie wissen wohl, daß es im Westen Amerikas einen gewissen Satz gibt, den ein Mann nur mit einem Lächeln aussprechen kann. Und auf den Inseln ist es ebenso, aber unser Satz handelt vom Aussatz. Was Kaluna nun auch sein mochte, ein Feigling war er nicht. Sobald Lyte seinen Hals losließ, antwortete er: ›Ich will Ihnen zeigen, was ich meine. Sie sind selbst aussätzig.‹

Lyte warf den Mischling plötzlich seitwärts auf einen Stuhl und ließ ihn besser davonkommen, als er verdient hatte. Dann brach er in ein derbes, herzliches Lachen aus. Aber er lachte allein, und als er das merkte, sah er unsere Gesichter an. Ich war zu ihm getreten und versuchte ihn fortzuziehen, aber er nahm keine Notiz von mir. Er starrte wie gebannt auf Kaluna, der sich nervös und verwirrt den Hals wischte, wie um die Ansteckung von den Fingern, die ihn gepackt hatten, abzuwischen. Die Handbewegung war echt, nicht überlegt. Lyte sah uns an, und seine Augen glitten langsam von Gesicht zu Gesicht.

›Mein Gott, Jungens! Mein Gott!‹ sagte er.

Er sprach diese Worte nicht laut. Es war eher ein heiseres Flüstern von Angst und Schrecken. Es war die Furcht, die in seiner Kehle zitterte, und ich glaube nicht, daß er je zuvor in seinem Leben Furcht gekannt hatte.

Dann aber machte sich sein ungeheurer Optimismus geltend, und er lachte wieder.

›Ein guter Witz – wer ihn auch gemacht hat‹, sagte er. ›Ich muß wohl eine Runde ausgeben, denn ich war einen Augenblick wirklich ganz erschrocken. Aber hört, Jungens, tut das nicht wieder, mit keinem anderen. Es ist zu ernst. Ich will euch sagen, daß ich in diesem Augenblick tausendmal starb. Ich dachte an meine Frau und meine Kinder und ...‹

Er brach ab, und seine Augen fielen auf den Mischling, der sich immer noch den Hals abwischte. Er war verwirrt und unangenehm berührt.

›John‹, sagte er und wandte sich zu mir.

Seine joviale, volle Stimme klang mir in den Ohren. Aber ich konnte ihm nicht antworten. Ich mußte gerade etwas hinunterzuschlucken, und ich wußte außerdem, daß mein Gesicht nicht ganz in Ordnung war.

›John‹, sagte er wieder und trat einen Schritt näher. Er sprach furchtsam, und von allen bösen Träumen des Schreckens war es der fürchterlichste, die Furcht in Lyte Gregorys Stimme zu hören.

›John, John, was heißt das?‹ fuhr er noch furchtsamer fort. ›Es ist doch Scherz, nicht wahr? John, hier ist meine Hand. Wenn ich aussätzig wäre, würde ich dir dann die Hand reichen? Bin ich aussätzig, John?‹

Er streckte mir die Hand hin, und was bei allen Teufeln machte ich mir daraus? Er war ja mein Freund. Ich nahm seine Hand, obwohl es mir ins Herz schnitt, zu sehen, wie sein Gesicht sich aufhellte.

›Es war nur Scherz, Lyte‹, sagte ich. ›Wir hatten uns verabredet, dich zu erschrecken. Aber du hast recht. Es ist zu ernst. Wir dürfen es nicht wieder tun.‹

Diesmal lachte er nicht. Er lächelte wie ein Mann, der aus einem bösen Traum erwacht und sich noch von dem Inhalt des Traumes bedrückt fühlt. ›Also gut‹, sagte er. ›Tut es nur nicht wieder, dann gebe ich eine Runde aus. Ich muß gestehen, Jungens, daß ihr mich einen Augenblick anführtet. Seht, wie ich geschwitzt habe.‹

Er seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, während er an den Schanktisch trat.

›Es ist kein Scherz‹, sagte Kaluna plötzlich.

Ich sah ihn an, als wollte ich ihn ermorden, und ich hatte auch Lust dazu. Aber ich wagte weder zu reden noch zu schlagen. Das hätte die Katastrophe nur beschleunigt, und ich hatte immer noch eine vage Hoffnung, sie abwenden zu können.

›Es ist kein Scherz‹, wiederholte Kaluna. ›Sie sind aussätzig, Lyte Gregory. Und Sie haben nicht das Recht, Ihre Hand auf das Fleisch ehrlicher Männer zu legen. – Auf das reine Fleisch ehrlicher Männer.‹

Da flammte Gregory auf.

›Jetzt geht der Scherz zu weit. Hören Sie auf! Hören Sie auf, Kaluna, hören Sie auf, oder ich gebe Ihnen eine Tracht Hiebe!‹

›Unterwerfen Sie sich einer bakteriologischen Untersuchung‹, antwortete Kaluna, ›dann können Sie mich hinterher prügeln – tot, wenn Sie wollen. Aber Mann, gucken Sie doch in den Spiegel, Sie müssen es doch sehen können. Jeder kann es sehen. Sie kriegen schon ein ›Löwengesicht‹. Sehen Sie, wie Ihre Haut über den Augen dunkel geworden ist.‹

Lyte starrte und starrte, und ich sah, wie seine Hände zitterten.

›Ich kann nichts sehen‹, sagte er schließlich und wandte sich dann zu dem Hapa-Haolen. ›Sie haben ein böses Herz, Kaluna. Und ich schäme mich nicht zu sagen, daß Sie mir einen Schrecken eingejagt haben, wie kein Mensch es einem andern gegenüber darf. Ich nehme Sie beim Wort. Ich will die Sache gleich entschieden haben. Ich gehe sofort zu Dr. Strowbridge. Und wenn ich wiederkomme, dann nehmen Sie sich in acht.‹

Er sah uns andere mit keinem Blick an, sondern schritt zur Tür.

›Bleib hier, John‹, sagte er und hielt mich mit einer Handbewegung zurück, als ich ihm folgen wollte.

Wir standen da wie eine Schar Gespenster.

›Es ist wahr‹, sagte Kaluna. ›Sie konnten es selbst sehen.‹ Die andern sahen mich an, und ich nickte. Harry Burnley führte sein Glas an den Mund setzte es aber, ohne zu trinken, wieder nieder. Er vergoß die Hälfte des Inhalts über den Tisch. Seine Lippen zitterten wie die eines Kindes, das weinen will. Ned Austin machte sich am Eiskasten zu schaffen. Er suchte nichts, ich glaube, er wußte gar nicht, was er tat. Niemand sagte etwas. Harry Burnleys Lippen zitterten ärger als je. Plötzlich gab er mit einem furchtbar erbosten Ausdruck Kaluna einen Faustschlag ins Gesicht. Und dann ging er auf ihn los. Wir machten keinen Versuch, sie zu trennen. Uns war es einerlei, ob er den Mischling tötete. Es war eine furchtbare Tracht Prügel. Aber uns interessierte es nicht. Ich weiß nicht einmal mehr, wann Burnley aufhörte und den armen Teufel laufenließ. Wir waren alle zu betäubt. Dr. Strowbridge erzählte es mir hinterher. Er saß noch spät über einem Bericht, als Lyte sein Sprechzimmer betrat. Lyte hatte schon seinen Optimismus wiedererlangt und trat kühn ein, unweigerlich ein bißchen böse auf Kaluna, aber sehr sicher. ›Was sollte ich machen?‹ fragte der Doktor mich. ›Ich wußte ja, daß er es hatte. Ich hatte es seit Monaten kommen sehen. Ich konnte ihm nichts antworten. Konnte nicht ja sagen. Ich schäme mich nicht, Ihnen zu sagen, daß ich zusammenfiel und in Tränen ausbrach. Er bat um die bakteriologische Probe. ›Schneiden Sie ein Stück heraus, Doktor‹, sagte er immer wieder. ›Schneiden Sie mir ein Stück Haut heraus und machen Sie die Probe.‹

Dr. Strowbridges Tränen müssen ihn überzeugt haben. Am nächsten Morgen fuhr die Claudine nach Honolulu. Wir trafen ihn, wie er gerade an Bord ging. Er wollte nach Honolulu, wissen Sie, um sich der Gesundheitskommission zu übergeben. Wir konnten nichts mit ihm ausrichten. Er hatte zu viele nach Molokai geschickt, um jetzt selbst dableiben zu können. Wir schlugen ihm Japan vor. Aber davon wollte er nichts wissen. ›Ich muß meine Medizin schlucken‹, war alles, was er sagte, aber das wiederholte er immer wieder. Er war wie von dem Gedanken besessen.

Er brachte alle seine Angelegenheiten von der Aufnahmestation in Honolulu aus in Ordnung. Und dann reiste er nach Molokai. Dort ging es ihm nicht gut. Der dort wohnende Arzt schrieb uns, er sei ein Schatten seines früheren Ichs. Er sorgte sich um Frau und Kinder, wissen Sie. Er wußte ja, daß wir uns ihrer annahmen, aber es schmerzte doch. Nach einem halben Jahr oder so fuhr ich nach Molokai. Ich saß auf der einen Seite einer Spiegelglasscheibe und er auf der andern. Wir sahen uns durch das Glas und sprachen miteinander durch ein sogenanntes Sprachrohr. Aber es war hoffnungslos. Er hatte sich entschlossen zu bleiben. Ich redete vier geschlagene Stunden auf ihn ein. Ich war ganz erschöpft, als sie um waren. Und dazu pfiff mein Dampfer zur Abfahrt.

Aber wir konnten es nicht dabei lassen. Drei Monate darauf befrachteten wir den Schoner Eisvogel. Es war ein Opiumschmuggler, der wie der Teufel segelte. Sein Schiffer war ein Holländer, der für Geld alles getan hätte, und wir charterten ihn für teures Geld für eine Fahrt nach China. Er ging von San Franzisko ab, und einige Tage später stachen wir in der Schaluppe von Landhouse für eine Vergnügungsfahrt in See. Es war nur eine Jacht von fünf Tonnen, aber wir fuhren fünfzig Meilen nach Luw direkt in den Nordost-Passat hinein. Ob ich seekrank war? In meinem ganzen Leben habe ich nicht so schrecklich gelitten. Als das Land außer Sicht war, trafen wir den ›Eisvogel‹, und Burnley und ich gingen an Bord.

Wir liefen nach Molokai, wo wir gegen elf Uhr abends ankamen. Der Schoner legte bei, und wir ruderten im Großboot durch die Brandung nach Kalawao – das ist dort, wo Pater Damien starb, wissen Sie. Der Schiffer war ein kühner Kerl. Mit ein paar Revolvern im Gürtel ging er los. Alle drei dringen wir über die Halbinsel nach Kalaupapa, ein Weg von ein paar Meilen. Denken Sie sich, daß Sie mitten in der Nacht einen bestimmten Mann in einer Kolonie von über tausend Aussätzigen suchen sollen. Sie verstehen, wenn Alarm geschlagen worden wäre, würde es mit uns allen aus gewesen sein. Es war ein unbekanntes Gelände und völlig finster. Die Hunde der Aussätzigen kamen heraus und bellten uns an, und wir trotteten drauflos, bis wir nicht weiterwußten.

Der Holländer half uns aus der Verlegenheit. Er führte uns zu dem ersten einsamen Haus, auf das wir stießen. Er öffnete die Tür und zündete Licht an. Sechs Aussätzige waren drinnen. Wir holten sie aus den Betten und sprachen in der Sprache der Eingeborenen mit ihnen. Was ich suchte, war ein Kokua. Ein Kokua ist, wortgetreu übersetzt, ein Helfer, das heißt ein Eingeborener, der nicht an der Krankheit leidet, aber in der Kolonie wohnt und von der Gesundheitskommission bezahlt wird, um die Aussätzigen zu pflegen, ihre Wunden zu verbinden und dergleichen. Wir blieben im Hause, um auf die Bewohner aufzupassen, während der Holländer mit einem von ihnen loszog, um einen Kokua zu finden. Er fand ihn und brachte ihn uns vor der Mündung seines Revolvers. Aber der Kokua war sehr nett. Während der Holländer beim Hause Wache hielt, führte der Kokua Burnley und mich nach Lytes Haus. Er war ganz allein.

›Ich dachte, daß ihr kommen würdet, Jungens‹, sagte Lyte. ›Rühr mich nicht an, John. Wie geht es Ned und Charley und allen andern? Einerlei, das könnt ihr mir später erzählen. Ich bin bereit, gleich mit euch zu gehen. Ich habe neun Monate hinter mir. Wo ist das Boot?‹

Wir gingen wieder nach dem andern Hause, um den Schiffer zu holen. Aber es war Alarm geschlagen worden. In den Häusern zeigte sich Licht, und die Türen öffneten sich. Wir waren uns einig geworden, nicht zu schießen, wenn es nicht durchaus notwendig war, und als wir angehalten wurden, gingen wir mit Fäusten und Revolverkolben drauflos. Ich geriet an einen großen Mann. Ich konnte ihn mir nicht vom Leibe halten, obwohl ich ihm zweimal mit der geballten Faust ins Gesicht schlug. Er faßte mich, und wir fielen um, rollten über den Boden, tasteten nach einander und versuchten, uns zu packen. Er hatte mich schon fast überwältigt, als jemand mit einer Laterne kam. Da sah ich sein Gesicht. Wie diesen entsetzlichen Anblick beschreiben? Es war gar kein Gesicht – nur verfaulte oder faulende Gesichtszüge – lebende Verwesung, ohne Nase, ohne Lippen und mit einem Ohr, das geschwollen und verunstaltet auf seine Schulter herabhing. Ich war toll. In seiner Umarmung preßte er mich so eng an sich, daß das Ohr mir ins Gesicht schlug. Da glaubte ich, den Verstand zu verlieren. Es war zu schrecklich. Ich schlug mit dem Revolver auf ihn los. Wie es kam, weiß ich nicht, aber als ich mich ihm gerade entwinden wollte, packte er mich mit den Zähnen. Die ganze eine Seite meiner Hand war in seinem lippenlosen Mund. Da schlug ich ihm den Revolver gerade zwischen die Augen, und seine Zähne ließen los.«

»Hatten Sie keine Angst?« fragte ich.

»Doch. Ich wartete sieben Jahre. Sie wissen, so lange dauert es, bis es sich zeigt, ob man angesteckt ist. Ich wartete hier in Kona, und es kam nicht. Aber nicht ein Tag und nicht eine Nacht in diesen sieben Jahren verging, ohne daß ich ... alles das ...«, seine Stimme versagte, während er die Augen von dem mondbeschienenen Meer bis zu den schneebedeckten Gipfeln gleiten ließ. »Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, das zu verlieren, Kona nie wiederzusehen. Sieben Jahre! Ich wurde nicht angesteckt. Aber es ist der Grund, daß ich nicht verheiratet bin. Ich war verlobt. Aber ich konnte nicht wagen, zu heiraten, solange ich im Zweifel war. Sie verstand es nicht. Sie ging nach Amerika und heiratete dort. Ich habe sie nie wiedergesehen.

Gerade in dem Augenblick, als ich von dem aussätzigen Schutzmann loskam, ertönten Lärm und das Klappern von Hufschlägen wie ein Kavallerieangriff. Es war der Holländer. Er hatte gefürchtet, daß es Radau geben würde, und hatte die Zeit benutzt, um von den gesegneten Aussätzigen, die er bewachte, vier Pferde satteln zu lassen. Wir waren bereit. Lyte hatte drei Kokuas erledigt, und gemeinsam befreiten wir Burnley von ein paar andern. Jetzt war die ganze Kolonie in Aufruhr geraten, und als wir forteilten, begann einer mit einem Magazingewehr auf uns zu schießen. Es muß Jack McVeigh, der Oberaufseher von Molokai, gewesen sein.

Das war ein Ritt! Aussätzige Pferde, aussätzige Sättel, aussätzige Zügel, pechfinstere Nacht, Kugeln, die uns um die Ohren pfiffen, und ein Weg, der nicht der beste war. Und das Pferd des Holländers war ein Maultier, und er konnte nicht einmal reiten. Als wir aber das Walboot fanden, abstießen und durch die Brandung ruderten, konnten wir den Hügel von Kalaupapa herab Pferde kommen hören.

Sie fahren nach Schanghai. Suchen Sie Lyte Gregory dort auf. Er hat eine Stellung bei einer deutschen Firma. Laden Sie ihn zum Essen ein. Geben Sie ihm Wein. Geben Sie ihm vom Besten, aber lassen Sie ihn nichts bezahlen. Schicken Sie die Rechnung mir. Seine Frau und seine Kinder wohnen in Honolulu, und er braucht sein Geld für sie. Ich weiß es. Er schickt ihnen den größten Teil seines Gehalts und lebt selbst wie ein Einsiedler. Und erzählen Sie ihm von Kona. Denn sein Herz ist hier. Erzählen Sie, soviel Sie können, von Kona.«

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