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Die glücklichen Inseln

Jack London: Die glücklichen Inseln - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleDie glücklichen Inseln
publisherSüdwest Verlag
year1971
printrun2. Auflage. 21.- 30. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171113
projectidccd4aa52
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Leb wohl Jack!

Hawaii ist ein merkwürdiges Land. In sozialer Beziehung ist alles gewissermaßen auf den Kopf gestellt. Nicht daß die Dinge nicht korrekt wären. Aber dennoch sind sie auf irgendeine Art auf den Kopf gestellt. Die Allerexklusivsten sind die Missionare. Es überrascht einen, wenn man hört, daß in Hawaii der demütige, martyriumsuchende Missionar zuoberst am Tisch der Geldaristokratie sitzt. Aber so ist es. Die einfachen Neuengländer, die im dritten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts hierherkamen, hatten das erhabene Ziel vor Augen, den Kanaken die wahre Religion, die Anbetung des einen, einzigen, echten und unleugbaren Gottes zu lehren. Und so viel Erfolg hatten sie hierin sowie darin, dem Kanaken die Zivilisation beizubringen, daß er nach einer oder zwei Generationen praktisch ausgestorben war. Während dies die Frucht von der Saat des Evangelismus war, wurde die Frucht von der Saat der Missionare (den Söhnen und Enkeln), daß sie selbst von den Inseln – von dem Land, den Häfen, den Städten und den Zuckerplantagen – Besitz ergriffen. Der Missionar, der gekommen war, um das Brot des Lebens auszuteilen, blieb und fraß den ganzen heidnischen Schmaus.

Man kann nicht von Hawaii erzählen, ohne die Missionare zu erwähnen.

So will ich zum Beispiel jetzt von Jack Kersdale erzählen. Er stammte aus einer Missionarfamilie, das heißt von seiten seiner Großmutter. Sein Großvater war der alte Benjamin Kersdale, ein Yankeehändler, der in den alten Tagen seine erste Million durch den Verkauf billigen Whiskys und Genevers in viereckigen Flaschen verdiente. Und es ist noch etwas Seltsames dabei. Die alten Missionare und die alten Händler waren Todfeinde. Ihre Interessen waren ja entgegengesetzt. Aber ihre Kinder versöhnten sich, heirateten einander und teilten die Inseln unter sich. Das Leben in Hawaii ist ein Lied. Wie Stoddard es in seinem »Hawaii Nei« sagt:

»Dein Leben ist Musik – das Schicksal mach' es lang,
Jed' Insel eine Strophe, das Ganze ein Gesang.«

Und er hat recht. Fleisch ist golden dort. Die eingeborenen Frauen sind sonnenreife Junos und die eingeborenen Männer Bronzeappollos. Sie singen und tanzen und sind mit Blumen geschmückt und bekränzt. Die weißen Männer, die nicht zu den gestrengen Missionaren gehören, geben Klima und Sonne nach, und soviel sie auch zu tun haben, sind sie doch stets geneigt, zu tanzen und zu singen und Blumen hinter den Ohren und im Haar zu tragen. Jack Kersdale war einer von ihnen. Er war einer der beschäftigsten Menschen, die ich je getroffen habe. Er war mehrfacher Millionär. Er war Zuckerkönig, Kaffeepflanzer, Gummipionier, Viehzüchter und Mitbegründer von drei Vierteln der neuen Unternehmungen, die auf den Inseln in Angriff genommen waren. Er war ein guter Gesellschafter, Klubmann, Segelsportler, Junggeselle, und alles in allem ein so schöner Mann, wie ihn die Mütter heiratsfähiger Töchter je angebetet haben. Er hatte, nebenbei bemerkt, an der Yale-Universität studiert, und sein Kopf war mit wichtiger Statistik und gelehrtem Wissen über Hawaii Nei mehr angefüllt als der irgendeines andern Mannes, den ich je auf den Inseln getroffen habe. Er hatte eine ungeheure Arbeitskraft, und er sang und tanzte und steckte sich Blumen ins Haar, so eifrig wie nur irgend ein Tagedieb. Er war tapfer und hatte sich zweimal duelliert – beide Male aus politischen Gründen –, als er kaum mehr als ein unreifer Jüngling war, der seinen ersten Schritt auf der Laufbahn der Politik machte. Er spielte tatsächlich eine höchst ehrenvolle und mutige Rolle bei der letzten Revolution, als das eingeborene Herrscherhaus gestürzt wurde, und er war damals nicht älter als sechzehn Jahre. Ich betone ausdrücklich, daß er kein Feigling war, damit der Leser besser verstehen kann, was ihm später zustieß. Ich habe ihn auf der Reitbahn des Haleakalahofes eine vierjährige Bestie besiegen sehen, die zwei Jahre lang den besten Bereitern von Tempsky getrotzt hatte. Und noch etwas muß ich erzählen. Es geschah unten in Kona – oder vielmehr oben, denn die Leute in Kona lassen sich nicht dazu herab, in weniger als tausend Fuß Höhe zu wohnen. Wir befanden uns alle auf dem Lanai bei Dr. Goodhues Villa. Ich unterhielt mich gerade mit Dottie Fairchild, als es geschah. Ein großer Tausendfuß – er war sieben Zoll lang, denn wir maßen ihn später – fiel von den Deckenbalken gerade auf ihr Haar. Ich muß gestehen, daß die Häßlichkeit des Tieres mich lähmte. Ich konnte mich nicht rühren. Meine Gedanken versagten. Nicht einen Schritt von mir wand sich der giftige Teufel in ihrem Haar. Jeden Augenblick konnte er auf ihre bloße Schulter fallen – wir kamen gerade vom Mittagessen.

»Was gibt es?« fragte sie und wollte sich mit der Hand an den Kopf fassen.

»Lassen Sie!« rief ich. »Lassen Sie!«

»Aber was ist denn?« wiederholte sie und erschrak über den Schrecken, den sie in meinen Augen und auf meinen stammelnden Lippen sah.

Mein Ruf zog sich die Aufmerksamkeit Kersdales zu. Er warf einen gleichgültigen Blick auf uns, aber mit diesem einen Blick erfaßte er alles. Er trat zu uns, ohne sich jedoch besonders zu beeilen.

»Bewegen Sie sich nicht, Dottie«, sagte er ruhig.

Er zögerte nicht, übereilte sich aber auch nicht und tat nichts Falsches. »Gestatten Sie«, sagte er.

Und mit der einen Hand ergriff er ihren Schal und zog ihn ihr dicht um die Schultern, so daß der Tausendfuß nicht in den Ausschnitt ihres Kleides fallen konnte. Mit der andern Hand – der rechten – griff er in ihr Haar, packte das widerwärtige Tier, so gut er konnte, und hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, während er es aus ihrem Haar zog. Es war ein so furchtbarer und heldenmütiger Anblick, wie ihn ein Mensch sich nur wünschen kann. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Der Tausendfuß, sieben Zoll krabbelnder Beine, wand und drehte und schlängelte sich um seine Hand, während sich der Körper um seine Finger bog und die Beine sich bei den Befreiungsversuchen des Tieres unter seine Haut gruben und ihn kratzten. Es biß ihn zweimal – ich sah es –, obwohl er den Damen versicherte, daß ihm nichts geschehen war, als er es zu Boden warf und zertrat.

Fünf Minuten darauf sah ich ihn im Sprechzimmer, wo Dr. Goodhue die Wunden ätzte und eine Einspritzung von übermangansaurem Kali machte. Am nächsten Morgen war Kersdales Arm so dick wie ein Faß, und es dauerte drei Wochen, bis die Geschwulst verschwunden war.

Dies alles hat nichts mit der Geschichte zu tun, aber ich muß es erzählen, um zu zeigen, daß Jack Kersdale alles eher als ein Feigling war. Es war der schönste Beweis von Mut, den ich je gesehen habe. Er zeigte keine Spur von Unruhe. Nicht einmal das Lächeln wich von seinen Lippen. Er steckte Daumen und Zeigefinger so vergnügt in Dottie Fairchilds Haar, als wäre es eine Konfektdose. Und doch sollte ich diesen Mann sehen, von einem Schrecken gepackt, der tausendmal entsetzlicher war als meine Furcht, als ich das ekelhafte Tier sich in Dottie Fairchields Haar krümmen und über ihren Augen und der Fallgrube ihres ausgeschnittenen Kleides hängen sah.

Ich interessierte mich für Aussatz, und hierüber wie über alle andern die Insel betreffenden Fragen besaß Kersdale umfassende Kenntnisse. Aussatz war geradezu eines seiner Steckenpferde. Er war ein glühender Verteidiger der Kolonie auf Molokai, wo alle Aussätzigen der Inseln isoliert wurden. Unter den von Demagogen aufgehetzten Eingeborenen wurde viel über die Grausamkeiten auf Molokai geredet, wo Männer und Frauen gezwungen wurden, nicht nur von Verwandten und Freunden verbannt, sondern auch in ständiger Gefangenschaft bis zu ihrem Tode zu leben. Es gab keine Begnadigung, keine Milderung des Urteils. »Lasset alle Hoffnung fahren«, stand über dem Tor von Molokai geschrieben.

»Ich sage Ihnen, sie sind dort glücklich«, behauptete Kersdale. »Und es geht ihnen unendlich viel besser als ihren Freunden und Verwandten anderswo, denen nichts fehlt. Die ›Schrecken von Molokai‹ sind törichtes Gerede. Ich kann Sie durch irgendein beliebiges Armenviertel in jeder großen Weltstadt führen und Ihnen Schrecken zeigen, die tausendmal schlimmer sind. Der lebende Tod! Die Geschöpfe, die einst Menschen waren! Unsinn! Sie sollten diese lebenden Toten ihr Pferderennen am vierten Juli abhalten sehen; einige von ihnen haben Boote. Einer hat eine Motorjolle. Sie haben nichts anderes zu tun, als sich zu amüsieren. Nahrung, Unterkunft, Kleidung, ärztliche Hilfe, alles bekommen sie. Sie sind Schützlinge des Staates. Das Klima ist viel besser als in Honolulu, und die Landschaft ist prachtvoll. Ich hätte wahrhaftig nichts dagegen, den Rest meiner Tage dort zu verbringen. Es ist ein herrlicher Ort.«

So sprach Kersdale von den frohen Aussätzigen. Er fürchtete sich nicht vor Aussatz. Das sagte er selber und fügte hinzu, daß die Chance, angesteckt zu werden, für ihn und jeden andern weißen Mann eins zu einer Million wäre, wenn er auch hinterher einräumte, daß einer seiner Schulkameraden, Alfred Starter, die Krankheit bekommen hatte, nach Molokai geschickt worden und dort gestorben sei.

»Wissen Sie, in alten Tagen«, erklärte Kersdale, »gab es keine sichere Nachprüfung der Aussatzdiagnose. Irgend etwas Ungewöhnliches oder Anormales an einem Menschen genügte, um ihn nach Molokai zu schicken. Die Folge war, daß Dutzende von Leuten hingeschickt wurden, die nicht aussätziger waren als Sie und ich. Aber solche Irrtümer werden nicht mehr begangen. Die Probe der Gesundheitskommission ist unfehlbar. Das Komische ist, daß sie, als die Probe erfunden wurde, gleich nach Molokai fuhren und sie anstellten und dabei eine Anzahl Patienten fanden, die nicht aussätzig waren. Die wurden gleich von der Insel weggeschickt. Ob sie sich darüber freuten? Sie jammerten noch schlimmer, daß sie die Kolonie verlassen sollten, als sie getan hatten, als sie von Honolulu dorthin geschickt wurden. Einige weigerten sich zu gehen, und man mußte direkt Zwang gegen sie anwenden. Einer von ihnen heiratete sogar eine Aussätzige im letzten Stadium der Krankheit, schrieb rührende Briefe an die Gesundheitskommission und protestierte dagegen, fortgejagt zu werden, indem er behauptete, daß niemand so gut wie er seine arme, alte Frau pflegen könnte.«

»Was ist denn das für eine unfehlbare Probe?« fragte ich.

»Die bakteriologische. Sie ist unangreifbar. Doktor Hervey – einer unserer Sachverständigen, wissen Sie – war der erste, der sie hier anwandte. Er ist der reine Zauberkünstler. Er versteht von Aussatz mehr als irgendein lebender Mensch, und findet man je ein Heilmittel, so wird er es sein, der es findet. Die Probe selbst ist ganz einfach. Es ist ihnen geglückt, den Leprabazillus in Reinkultur zu züchten und zu studieren. Jetzt erkennen sie ihn, sobald sie ihn sehen. Sie brauchen nichts zu tun, als dem Verdächtigen ein Stück Haut abzuschneiden und es der bakteriologischen Probe zu unterziehen. Ein Mensch ohne sichtbare Symptome kann voll von Leprabazillen sein.«

»Dann können vielleicht auch Sie oder ich in diesem Augenblick voll davon sein«, meinte ich.

Kersdale zuckte die Achseln und lachte.

»Wer kann das sagen? Die Inkubationszeit beträgt sieben Jahre. Haben Sie Angst, dann gehen Sie zu Dr. Hervey. Er schneidet Ihnen nur ein Stückchen Haut ab und sagt Ihnen sofort Bescheid.«

Später stellte er mich Dr. Hervey vor, der mich mit den Berichten und Broschüren der Gesundheitskommission über den Gegenstand belud und mich mit nach Kalihi, der Aufnahmestation von Honolulu, nahm, wo Verdächtige untersucht und erwiesene Aussätzige für die Überführung nach Molokai zurückgehalten wurden. Diese Überführungen fanden einmal monatlich statt, der letzte Abschied wurde genommen, die Aussätzigen wurden an Bord des Dampfers gebracht und nach der Kolonie geschickt.

Als ich eines Nachmittags im Klub saß und Briefe schrieb, trat Jack Kersdale zu mir.

»Ich habe Sie gerade gesucht«, lautete sein Gruß.

»Jetzt will ich Ihnen das traurigste Bild von der ganzen Geschichte zeigen – den Jammer der Aussätzigen, wenn sie nach Molokai fahren. Die ›Noeau‹ wird sie in wenigen Minuten an Bord nehmen. Aber ich warne Sie, sich von Ihren Gefühlen übermannen zu lassen. So echt ihr Kummer auch ist, würden sie doch in einem Jahr bedeutend schlimmer jammern, falls die Gesundheitskommission sie dann wieder von Molokai wegbringen wollte. Wir haben gerade noch Zeit für einen Whisky-Soda. Ich habe einen Wagen draußen. Wir brauchen nur fünf Minuten, um nach dem Kai zu fahren.«

Und nach dem Kai fuhren wir. Einige vierzig traurige Geschöpfe saßen mit ihren Matten, Decken und allerlei Reiseausrüstung auf der Treppe. Die ›Noeau‹ war gerade angekommen und legte an einem Leichter an, der zwischen ihr und dem Kai lag. Ein Herr McVeigh, der Inspektor der Kolonie, beaufsichtigte das Einschiffen, und ihm wurde ich vorgestellt, wie auch Dr. Georges, einem der Ärzte der Gesundheitskommission, den ich schon in Kalihi gesehen hatte. Die Aussätzigen waren eine klägliche Schar. Die Gesichter der meisten waren gräßlich – zu furchtbar, als daß ich sie beschreiben könnte. Aber hier und da bemerkte ich ganz gut aussehende Menschen ohne sichtbare Zeichen der verhängnisvollen Krankheit. Ich sah ein kleines weißes Mädchen von nicht mehr als zwölf Jahren mit blauen Augen und goldenem Haar. Die eine Wange zeigte indessen eine Leprabeule. Als ich eine Bemerkung machte, wie traurig fremd sie sich unter den braunen Kranken fühlen müßte, antwortete Dr. Georges: »Ach, das weiß ich nicht. Es ist ein glücklicher Tag in ihrem Leben. Sie kommt von Kauai. Ihr Vater ist eine Bestie. Und jetzt, da die Krankheit bei ihr zum Ausbruch gekommen ist, soll sie zu ihrer Mutter in die Kolonie. Ihre Mutter wurde vor drei Jahren hingeschickt – ein sehr schlimmer Fall.«

»Man kann nicht immer nach dem Aussehen urteilen«, erklärte Herr McVeigh. »Der Mann dort, der große Bursche, der aussieht, als ginge es ihm vorzüglich und fehlte ihm nicht das geringste – von dem weiß ich zufällig, daß er eine offene Wunde an einem Fuß und noch eine am Schulterblatt hat. Und da sind andere – sehen Sie zum Beispiel die Hand des jungen Mädchens, die, welche eine Zigarette raucht. Sehen Sie ihre verzerrten Finger. Das ist die empfindungslose Form der Krankheit. Sie greift die Nerven an. Man könnte ihr die Finger mit einem stumpfen Messer abschneiden oder mit einem Reibeisen abfeilen, ohne daß sie das geringste fühlte.« »Aber die entzückende Frau dort«, fuhr ich fort. »Ihr kann doch unmöglich etwas fehlen. Sie ist zu schön und prächtig.«

»Ein trauriger Fall«, antwortete Herr McVeigh über die Schulter hinweg. Er hatte sich schon abgewandt, um mit Kersdale zusammen auf den Kai zu gehen.

Sie war eine schöne Frau von rein polynesischer Rasse. Nach meiner geringen Kenntnis von der Rasse und ihren Typen konnte ich nur schließen, daß sie von einem alten Häuptlingsgeschlecht abstammte. Sie konnte nicht älter als drei- bis vierundzwanzig Jahre sein. Die Linien und Formen ihrer Gestalt waren prachtvoll, und sie begann gerade die Fülle aufzuweisen, die den Frauen ihres Volkes eigen ist.

»Es war ein Schlag für uns alle«, erzählte Dr. Georges. »Sie kam freiwillig. Niemand hatte eine Ahnung davon. Aber sie ist irgendwie von der Krankheit angesteckt worden. Wir waren alle außer uns, das versichere ich Ihnen. Wir haben indessen dafür gesorgt, daß es nicht in die Presse kommt. Keiner als wir und ihre Familie weiß, was aus ihr geworden ist. Würden Sie irgendeinen beliebigen Menschen in Honolulu fragen, so würde er Ihnen antworten, er glaube, daß sie irgendwo in Europa sei. Auf ihre eigene Bitte haben wir die Sache so geheimgehalten. Armes Mädel, sie hat ihren Stolz.«

»Aber wer ist sie?« fragte ich. »Danach zu urteilen, wie Sie von ihr sprechen, muß sie ja eine bekannte Persönlichkeit sein.«

»Haben Sie je von Lucy Mokunui gehört?« fragte er.

»Lucy Mokunui?« wiederholte ich, und der Name kam mir bekannt vor. Dann schüttelte ich den Kopf. »Mir scheint, ich habe den Namen gehört, aber ich weiß nicht mehr.«

»Nie von Lucy Mokunui gehört! Von der Nachtigall Hawaiis! Ach, Verzeihung, Sie sind ja ein Malahini (Neuling), man kann also nicht erwarten, daß Sie sie kennen sollten. Ja, sehen Sie, Lucy Mokunui war der beliebteste Mensch in Honolulu – auf ganz Hawaii übrigens.«

»Sie sagen: Sie war?« unterbrach ich ihn.

»Und das meine ich auch. Sie ist erledigt.« Er zuckte mitleidig die Achseln. »Ein Dutzend Haolen – Verzeihung, ich meine weiße Männer – haben zu verschiedenen Zeiten ihr Herz an sie verloren. Und ich zähle sie nicht so en bloc. Das Dutzend Männer, das ich meine, waren hervorragende Haolen in guten Stellungen.

Sie hätte den Sohn des Oberrichters bekommen können, wenn sie gewollt hätte. Sie finden sie schön, nicht wahr? Aber Sie hätten sie nur singen hören sollen. Die herrlichste eingeborene Sängerin in Hawaii Nei. Hat eine Kehle aus purem Silber und gesponnenem Sonnenschein. Wir beteten sie an. Sie ging auf eine Tournee nach Amerika mit der Königlichen Hauskapelle. Später hat sie zwei Tourneen auf eigene Faust unternommen – Konzerte gegeben.«

»Ach!« rief ich. »Jetzt erinnere ich mich. Ich hörte sie vor zwei Jahren in einem Symphoniekonzert in Boston. Ach, das ist sie. Jetzt erkenne ich sie.«

Eine schwere Traurigkeit wollte mich zu Boden drücken. Das Leben war bestenfalls so leer. Zwei kurze Jahre, und dieses prachtvolle Geschöpf, das erst vor kurzem auf dem Gipfel ihres herrlichen Erfolges gestanden, war jetzt eine von der Schar der Aussätzigen, die nach Molokai verbannt wurden. Mir kamen die Verse Henleys in den Sinn:

»Der alte Vagabund kennt seine alten Leiden;
Das Leben, es ist dumm und eine Schande.«

Mich schauderte vor meiner eigenen Zukunft. Wenn dieses furchtbare Schicksal Lucy Mokunui treffen konnte, was konnte dann mein Los sein? – Oder das eines jeden beliebigen Menschen? Ich wußte wohl, daß wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind – aber so vom lebenden Tod umgeben, tot und doch nicht tot zu sein, zu einer Schar von Geschöpfen zu gehören, die einst Männer waren, ja, und Frauen wie Lucy Mokunui, der Inbegriff aller polynesischen Anmut, eine Künstlerin obendrein und von Männern geliebt! – Ich fürchte, ich verriet meine Verwirrung, denn Dr. Georges beeilte sich, mir zu versichern, daß sie es drüben in der Kolonie sehr gut hätten. Alles das war zu unbegreiflich, unheimlich. Ich konnte ihren Anblick nicht ertragen. Ein Stückchen weiter hin, vor einem ausgespannten Tau, das von einem Polizisten bewacht wurde, standen die Verwandten und Freunde der Aussätzigen. Sie durften nicht näher kommen. Es gab keine letzten Umarmungen, keine Abschiedsküsse. Sie riefen nur – letzte Botschaften, letzte Liebesworte, letzte Ermahnungen. Und die hinter dem Tau starrten unabgewandt. Es war das letztemal, daß sie die Gesichter ihrer Lieben sahen, denn sie waren lebende Tote, deren Begräbnisschiff sie nach dem Kirchhof von Molokai entführte.

Dr. Georges gab einen Befehl, und die Unglücklichen kamen auf die Beine und wankten unter der Last ihres Gepäcks über den Leichter an Bord des Dampfers. Es war ein Leichenzug. Auf einmal begann das Jammern hinter dem Tau. Es ließ einem das Blut gerinnen, es war herzzerreißend. Nie habe ich eine solche Qual verspürt, und nie wieder hoffe ich etwas Ähnliches zu hören. Kersdale und McVeigh standen immer noch an der andern Seite des Kais und sprachen ernst miteinander – natürlich über Politik, denn das war etwas, was sie beide sehr beschäftigte. Als Lucy Mokunui an mir vorbeiging, warf ich einen verstohlenen Blick auf sie. Sie war unbestreitbar schön. Schön sogar nach unserem Maßstab. – Eine der seltenen Blumen, wie sie nur einmal in vielen Geschlechtern blühen können. Und von allen Frauen war gerade sie dazu verurteilt, nach Molokai zu gehen. Sie schritt wie eine Königin über den Leichter, stieg an Bord und begab sich geradewegs nach achtern auf das freie Deck, wo die Aussätzigen sich an der Reling scharten und jetzt ihren Lieben an Land zujammerten.

Die Leinen wurden losgeworfen, und die »Noeau« stieß vom Bollwerk ab. Der Jammer stieg. Welcher Kummer, welche Verzweiflung! Ich hatte gerade den Beschluß gefaßt, nie mehr der Abfahrt der »Noeau« beiwohnen zu wollen, als McVeigh und Kersdale wiederkamen. Die Augen des letzteren strahlten, und seine Lippen konnten sein freudiges Lächeln kaum verbergen. Die politische Unterhaltung hatte ihn offenbar befriedigt. Das Tau war gefallen, und die trauernden Verwandten drängten sich jetzt zu beiden Seiten von uns.

»Das ist ihre Mutter«, flüsterte Dr. Georges und zeigte auf eine alte Frau ganz in meiner Nähe, die wankend, mit tränengeblendeten Augen auf die Reling des Dampfers starrte. Ich bemerkte, daß Lucy Mokunui auch weinte. Plötzlich hörte sie auf und starrte Kersdale an. Dann streckte sie die Arme aus in der bewundernswerten, bezaubernden Art wie Olga Nethersole, wenn sie tut, als wolle sie ihr Publikum umarmen. Und mit ausgestreckten Armen rief sie:

»Leb wohl, Jack! Leb wohl!«

Er hörte den Ruf und sah auf. Nie ward ein Mann von einem vernichtenderen Schrecken getroffen. Er wankte auf dem Kai, sein Gesicht wurde weiß bis zu den Haarwurzeln, und er schien zusammenzuschrumpfen und in seinen Kleidern zu welken. Er hob die Hände und stöhnte: »Mein Gott! Mein Gott!« Dann nahm er sich mit einer gewaltigen Anstrengung zusammen.

»Leb wohl, Lucy! Leb wohl!« rief er.

Und er blieb auf dem Kai stehen und winkte mit den Händen, bis die »Noeau« ein Stück fort war und die Gesichter an der Achterreling verschwommen und undeutlich wurden.

»Ich glaubte, Sie wüßten es«, sagte McVeigh, der ihn neugierig betrachtet hatte. »Sie hätten es doch vor allem wissen müssen. Ich glaubte, daß Sie deshalb gekommen wären.«

»Jetzt weiß ich es«, antwortete Kersdale mit ungeheurem Ernst. »Wo ist mein Wagen?«

Er ging schnell – lief beinahe – zu ihm hin. Ich mußte selber fast laufen, um Schritt mit ihm zu halten. »Zu Dr. Hervey«, sagte er zu dem Kutscher. »So schnell du kannst.«

Stöhnend und atemlos sank er auf den Sitz. Sein Gesicht war noch blasser geworden. Seine Lippen waren zusammengepreßt, und der Schweiß brach ihm aus Stirn und Oberlippe. Er schien furchtbare Qualen zu leiden.

»Um Gottes willen, Martin, laß die Pferde laufen!« rief er plötzlich. »Peitsch auf sie los! – Hörst du? – Peitsch auf sie los!«

»Sie stürzen, Herr«, wandte der Kutscher ein.

»Laß sie stürzen!« antwortete Kersdale. »Ich werde die Strafe für dich bezahlen und die Sache mit der Polizei abmachen. Hau los auf sie. Das war recht. Schneller! Schneller!«

»Und ich wußte es nicht, ich wußte es nicht«, murmelte er, auf den Sitz zurücksinkend und sich mit zitternden Händen den Schweiß abwischend.

Der Wagen rumpelte dahin, schwankte und bog um die Ecken mit so wahnsinniger Schnelligkeit, daß eine Unterhaltung unmöglich war. Außerdem war nichts zu sagen. Aber ich hörte ihn ununterbrochen murmeln: »Und ich wußte es nicht. Ich wußte es nicht.«

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