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Die glücklichen Inseln

Jack London: Die glücklichen Inseln - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleDie glücklichen Inseln
publisherSüdwest Verlag
year1971
printrun2. Auflage. 21.- 30. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171113
projectidccd4aa52
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Koolau, der Aussätzige

Weil wir krank sind, berauben sie uns unserer Freiheit. Wir haben dem Gesetz gehorcht. Wir haben nichts Böses getan. Und doch wollen sie uns ins Gefängnis werfen. Molokai ist ein Gefängnis. Das wissen wir. Niuli, hier – seine Schwester wurde vor sieben Jahren nach Molokai geschickt. Er hat sie nie wiedergesehen. Er wird sie nie wiedersehen. Sie muß dort bleiben bis zu ihrem Tode. Es ist nicht ihr Wille. Es ist nicht Niulis Wille. Es ist der Wille der weißen Männer, die das Land beherrschen. Und wer sind sie, diese weißen Männer?

Wir wissen es. Wir haben es von unsern Vätern und von den Vätern unserer Väter gehört. Sie kamen wie die Lämmer und sprachen sanft. Wohl mochten sie sanft sprechen, denn wir waren viele, und wir waren stark, und alle Inseln gehörten uns. Wie gesagt, sie sprachen sanft. Sie waren von zweierlei Art. Die einen baten uns um Erlaubnis, um unsere gnädige Erlaubnis, uns Gottes Wort zu predigen. Die anderen baten uns um Erlaubnis, um unsere gnädige Erlaubnis, mit uns Handel zu treiben; das war der Anfang. Heute gehören alle Inseln ihnen, aller Boden, alles Vieh – alles gehört ihnen. Die, welche das Wort Gottes predigten, und die, welche das Wort des Rums predigten, haben sich zusammengetan und sind große Häuptlinge geworden. Sie wohnen wie Könige in Häusern mit vielen Zimmern und haben eine Unzahl von Dienern, die für sie sorgen. Die, welche nichts hatten, haben jetzt alles, und wenn ihr oder ich oder irgendein Kanake hungrig ist, so lachen sie höhnisch und sagen: ›Nun, warum arbeitet ihr nicht? Es gibt ja Plantagen.‹« Koolau schwieg. Er hob die eine Hand und schob mit seinen verkrüppelten und verzerrten Fingern den roten Hibiskuskranz zurück, der sein schwarzes Haar krönte. Der Mondschein badete die Szene in Silber. Es war eine Nacht des Friedens, aber die um ihn her saßen und seinen Worten lauschten, sahen aus wie Kriegsinvaliden. Ihre Gesichter waren löwenartig. Hier klaffte ein Loch in einem Gesicht, wo eine Nase hätte sein sollen, dort sah man einen Armstumpf, wo eine Hand abgefault war. Sie waren Männer und Frauen außerhalb der menschlichen Gesellschaft, alle dreißig, denn das Zeichen des Tieres war ihnen aufgeprägt worden.

Mit Blumenkränzen geschmückt, saßen sie in der duftenden, leuchtenden Nacht, von ihren Lippen ertönten seltsame Laute, und ihre Kehlen fauchten der Rede Koolaus Beifall. Sie waren Geschöpfe, die einst Männer und Frauen gewesen. Aber sie waren keine Männer und Frauen mehr. Sie waren Ungeheuer – in Angesicht und Gestalt groteske Karikaturen alles Menschlichen. Sie waren furchtbar verstümmelt und sahen aus wie Geschöpfe, die Jahrtausende in der Hölle gefoltert waren. Ihre Hände – wenn sie Hände hatten – glichen den Krallen von Harpyien. Ihre Gesichter waren mißgeschaffene Verirrungen, zerschmettert und zerquetscht von irgendeinem irrsinnigen Gott, der mit der Maschinerie des Lebens gespielt hatte. Hier und da sah man ein Gesicht, das der irrsinnige Gott ausgelöscht hatte, und eine Frau weinte brennende Tränen aus zwei entsetzlichen Höhlen, wo einst Augen gewesen. Einige hatten Schmerzen in der Brust und stöhnten. Andere husteten, daß es klang, als würde ein Stück Stoff zerrissen. Zwei waren schwachsinnig und glichen großen Mißgeburten, so daß selbst ein Affe ein Engel im Vergleich mit ihnen war. Sie schnitten Grimassen und plauderten im Mondschein unter Kränzen goldener Blumen, die ihnen in die Stirn hingen. Einer, dessen geschwollenes Ohrläppchen wie ein Fächer auf seine Schulter herabhing, ergriff eine riesige orangefarbene und scharlachrote Blüte, und er schmückte damit sein schreckliches Ohr, das bei jeder Bewegung hin und her baumelte. Und König dieser Geschöpfe war Koolau. Und dies war sein Königreich – eine von Blumen strotzende Schlucht mit Klippen und Felsblöcken, von denen das Gemecker wilder Ziegen erscholl. Auf drei Seiten erhoben sich die schroffen Wände, mit phantastischen Draperien tropischen Pflanzenwuchses geschmückt und von Eingängen zu Höhlen – den Felswohnungen der Untertanen Koolaus – durchbohrt. Auf der vierten Seite sank der Boden in einen furchtbaren Schlund hinab, und tief unten konnte man kleinere Zinnen und Blöcke sehen, um deren Fuß die Brandung des Stillen Ozeans schäumte und murrte. Bei gutem Wetter konnte ein Boot am Felsstrand landen, der den Zugang zum Kalalautal bildete, aber es mußte sehr gutes Wetter sein. Und ein kaltblütiger Bergsteiger konnte vom Strande zum Kalalautal hinaufklettern, zu dieser Schlucht zwischen den Zinnen, wo Koolau herrschte; aber ein solcher Bergsteiger mußte sehr kaltblütig sein, und er mußte auch die Pfade der wilden Ziegen kennen. Ein Wunder war es, daß die Menge von menschlichen Wracks, die das Volk Koolaus bildeten, imstande gewesen war, ihr hilfloses Elend auf den schwindelnden Ziegenpfaden bis zu diesem unzugänglichen Orte zu schleppen.

»Brüder«, begann Koolau.

Aber eine der mummelnden, affenartigen Karikaturen stieß einen wilden Wahnsinnsschrei aus, und Koolau wartete, während das schrille Gelächter von den Felswänden hin und her geworfen wurde, um fern in der stillen Nacht zu verhallen.

»Brüder, ist es nicht seltsam? Unser war das Land, und seht, das Land ist nicht mehr unser. Was gaben uns diese Prediger vom Worte Gottes und vom Worte des Rums für das Land? Hat einer von euch einen Dollar, auch nur einen einzigen Dollar für das Land erhalten? Und doch gehört es ihnen, und zum Dank sagen sie uns, daß wir Arbeit im Lande, in ihrem Lande erhalten können, und was wir durch unsere Mühe und Arbeit erzeugen, soll ihnen gehören. Aber in alten Tagen brauchten wir nicht zu arbeiten. Und wenn wir krank sind, rauben sie uns die Freiheit.«

»Wer brachte uns die Krankheit, Koolau?« fragte Kiloliana, ein magerer, sehniger Mann, mit einem Gesicht, das dermaßen dem eines lachenden Fauns glich, daß man beinahe die gespaltenen Hufe an seinen Beinen zu sehen erwartete. Gespalten waren sie zweifellos, aber die Spalten waren große Wunden und bläuliche Fäulnis. Und doch war Kiloliana der kühnste Kletterer von ihnen allen, der Mann, der jeden Ziegenpfad kannte, und der Koolau und sein unglückseliges Gefolge nach der Zuflucht von Kalalau geführt hatte.

»Ja, recht gefragt«, antwortete Koolau. »Weil wir nicht in den Zuckermühlen arbeiten wollten, wo früher unsere Pferde weideten, führten sie chinesische Sklaven von jenseits des Meeres ein. Und mit ihnen kam die chinesische Krankheit, an der wir leiden, und um deretwillen sie uns auf Molokai einsperren möchten. Wir sind auf Kauai geboren. Wir haben auf den andern Inseln gewohnt, einige hier, einige dort, auf Oahu, auf Maui, auf Hawaii, auf Honolulu. Aber stets kehrten wir nach Kauai zurück. Warum kehrten wir zurück? Das muß einen Grund haben. Weil wir Kauai lieben. Wir sind hier geboren. Wir haben hier gelebt. Und hier wollen wir sterben – wenn nicht – wenn nicht – mutlose Herzen unter uns sind. Die können wir nicht gebrauchen. Die passen besser nach Molokai. Und sind welche unter uns, so sollen sie nicht hierbleiben. Morgen landen die Soldaten am Strande. Laßt die mutlosen Herzen zu ihnen gehen. Dann werden sie schnell nach Molokai geschickt. Wir andern aber wollen bleiben und kämpfen. Aber wißt, daß wir nicht sterben wollen. Wir haben Gewehre. Ihr kennt die schmalen Pfade, wo man einer hinter dem andern kriechen muß. Ich, Koolau, der einst Viehhirt auf Niihau war, kann einen solchen Pfad allein gegen tausend Mann halten. Hier sitzt Kapalei, der einst Richter über Männer und ein angesehener Mann war, jetzt aber eine gejagte Ratte ist wie ich und ihr. Hört, was er sagt. Er ist weise.«

Kapalei erhob sich. Einst war er Richter gewesen. Er hatte die Universität in Punahou besucht. Er hatte mit Lords und Häuptlingen und den hohen Repräsentanten fremder Mächte bei Tisch gesessen, die die Interessen der Händler und Missionare behüteten. Das war Kapalei gewesen. Jetzt aber war er, wie Koolau gesagt hatte, eine gejagte Ratte, ein Geschöpf außerhalb des Gesetzes, so tief im Schlamm des menschlichen Schreckens versunken, daß er über dem Gesetze wie unter ihm stand. Sein Gesicht hatte keine Züge mehr außer den klaffenden Löchern und den lidlosen Augen, die unter haarlosen Brauen brannten.

»Wir wollen uns nicht erheben«, begann er. »Wir verlangen nur, in Frieden gelassen zu werden. Lassen sie uns aber nicht in Frieden, dann tragen sie die Schuld am Aufstand und werden bestraft werden. Meine Finger sind fort, wie ihr seht.« Er hielt die Stümpfe seiner Hände hoch, daß alle sie sehen konnten. »Aber ich habe noch ein Glied von einem Daumen, und damit kann ich einen Drücker so sicher bedienen, wie seine verschwundenen Genossen es früher konnten. Wir lieben Kauai. Laßt uns leben oder sterben, aber laßt uns nicht nach Molokai ins Gefängnis gehen. Es ist nicht unsere Krankheit. Wir haben nicht gesündigt. Die Männer, die das Wort Gottes und das Wort des Rums predigen, haben die Krankheit mit den Kulis gebracht, die auf dem gestohlenen Lande arbeiten. Ich bin Richter gewesen. Ich kenne das Gesetz und die Gerechtigkeit, und ich sage euch, daß es ungerecht ist, einem Manne sein Land zu stehlen, ihn mit der chinesischen Krankheit zu behaften und dann für Lebenszeit ins Gefängnis zu werfen.«

»Das Leben ist kurz und der Tag voller Schmerz«, sagte Koolau. »Laßt uns trinken und tanzen und so froh sein, wie wir können.«

Aus einer der Felshöhlen wurden Kalebassen gebracht und herumgereicht. Die Kalebassen waren mit der scharfen Flüssigkeit gefüllt, die aus der Wurzel der Tipflanze destilliert wird; und als das flüssige Feuer ihre Körper durchdrang und in ihre Gehirne stieg, vergaßen sie, daß sie einst Männer und Frauen gewesen, denn sie waren wieder Männer und Frauen. Ihre Gesichter waren tierisch. Die Frau, die heiße Tränen aus ihren leeren Augenhöhlen weinte, war wirklich Weib, wie sie an den Saiten einer Ukulélé zupfte und ihre Stimme zu ihrem barbarischen Liebesruf erhob, so wie er in den dunklen Waldestiefen in der Urwelt geklungen haben mochte. Die Luft erzitterte von ihrem Ruf, der sanft gebieterisch und verführerisch war. Auf einer Matte tanzte Kiloliana nach dem Rhythmus dieses Gesanges. Es war unverkennbar. Die Liebe tanzte in all seinen Bewegungen, und einen Augenblick darauf tanzte neben ihm auf der Matte eine Frau, deren schwere Hüften und voller Busen ihr von der Krankheit verheertes Gesicht Lügen strafte. Es war ein Tanz lebender Leichname, denn in ihrem verwesenden Körper liebte und sehnte sich noch das Leben. Immer noch sang die Frau, deren blinde Augen heiße Tränen weinten, ihren Liebesruf, immer noch tanzten die Liebestänzer in der lauen Nacht, und immer noch gingen die Kalebassen herum, bis in allen Gehirnen die Würmer des Verlangens und der Erinnerung krochen. Und mit der Frau zusammen tanzte auf der Matte ein schlankes junges Mädchen, dessen Gesicht schön und unbeschädigt war, dessen verzerrte Arme aber, die sich hoben und senkten, das Werk der Krankheit zeigten. Und die beiden Idioten tanzten, seltsame Laute murmelnd, grotesk und phantastisch eine Parodie der Liebe, wie das Leben sie selbst zur Parodie gemacht hatte.

Aber der Liebesruf der Frau wurde plötzlich unterbrochen, die Kalebassen sanken zu Boden, und die Tänzer hielten inne, während alle in die Schlucht über dem Meere starrten, wo eine Rakete glühend wie ein blasses Phantom in der mondhellen Luft emporstieg.

»Das sind die Soldaten«, sagte Koolau. »Morgen gibt es Kampf. Es ist das klügste, zu schlafen und vorbereitet zu sein.«

Die Aussätzigen gehorchten und krochen in ihre Felsenhöhlen, und nur Koolau blieb, die Büchse über dem Knie, unbeweglich im Mondschein sitzen und starrte hinab auf die Schiffe, die am Strande anlegten.

Der höchstgelegene Teil des Kalalautals war eine gutgewählte Zuflucht. Mit Ausnahme Kilolianas, der Schleichwege über die steilen Felswände wußte, konnte kein Mensch die Schlucht erreichen, ohne einen messerscharfen Kamm zu überschreiten. Dieser Übergang war hundertfünfzig Schritt lang und höchstens zwölf Zoll breit. Zu beiden Seiten klaffte der Abgrund. Ein Ausgleiten, und jeder stürzte rechts oder links in den Tod. War man aber einmal hinübergelangt, so befand man sich in einem irdischen Paradies. Ein Meer von Vegetation überschwemmte die Landschaft, strömte in grünen Wogen von Wand zu Wand, tropfte in großen Rankenmassen von den Felsen herab und schleuderte ein Gesprüh von Farnen und Luftpflanzen in zahlreiche Spalten. In den vielen Monaten von Koolaus Regierung hatten er und seine Begleiter dieses Pflanzenmeer bekämpft. Die würgende Dschungel mit ihrem Chaos von Blumen war von Bananen, Apfelsinen und wilden Mangos zurückgedrängt. Auf schmalen Rodungen wuchs wilder Salep; auf Steinterrassen, die mit mühsam herbeigeschaffter Erde gefüllt waren; gab es Tarofelder und Melonen; und auf jedem freien Plätzchen, wohin der Sonnenschein drang, standen mit goldenen Früchten beladene Papaiabäume. Koolau war vom unteren Tal am Strande nach diesem Zufluchtsort vertrieben worden. Und wurde er hier wieder vertrieben, so kannte er Schluchten in dem Gewirr von Zinnen im Innern des Landes, wohin er seine Untertanen führen und wo er sich niederlassen konnte. Und jetzt lag er da, die Büchse neben sich, und spähte durch einen zerzausten Laubschirm auf die Soldaten am Ufer hinab. Er bemerkte, daß sie große Kanonen hatten, die wie Spiegel im Sonnenschein schimmerten. Der messerscharfe Kamm lag gerade vor ihm. Er konnte die Menschen wie Pünktchen auf dem Pfade kriechen sehen, der heraufführte. Er wußte, daß es kein Militär war, sondern Polizei. Hatten sie keinen Erfolg, so würden sich die Soldaten in das Spiel mischen.

Er strich zärtlich mit der verstümmelten Hand über den Büchsenlauf und überzeugte sich, daß das Korn sauber war. Er hatte als Jäger auf Niihau schießen gelernt, und dort war seine Fertigkeit in dieser Kunst noch unvergessen. Als die Menschenpunkte sich allmählich näherarbeiteten und größer wurden, berechnete er den Abtrieb, den der Wind verursachte, der im rechten Winkel zur Schußlinie sauste, und veranschlagte die Möglichkeit, zu hoch zu schießen nach einem Ziel, das so tief unter seinem eigenen Standpunkt lag. Aber er schoß nicht. Erst als sie den Anfang des Pfades erreichten, verriet er seine Anwesenheit. Er zeigte sich nicht, sondern rief aus dem Gebüsch.

»Was wollt ihr?« fragte er.

»Wir wollen Koolau, den Aussätzigen holen«, antwortete der Anführer der eingeborenen Polizei, ein blauäugiger Amerikaner.

»Ihr müßt umkehren«, sagte Koolau.

Er kannte den Mann, einen Gendarmen, denn er war es, der ihn von Niihau quer über Kauai nach dem Kalalautal und vom Tal bis in die Schlucht verfolgt hatte.

»Wer bist du?« fragte der Gendarm.

»Ich bin Koolau, der Aussätzige«, lautete die Antwort.

»Dann komm herunter. Wir wollen dich holen. Tot oder lebend ist ein Preis von tausend Dollar auf deinen Kopf gesetzt. Entkommen kannst du nicht.«

Koolau lachte laut in seinem Gebüsch.

»Komm herunter«, befahl der Gendarm, erhielt aber nur Schweigen zur Antwort.

Er beriet sich mit der Polizei, und Koolau sah, daß sie Vorbereitungen zum Sturm trafen.

»Koolau!« rief der Gendarm. »Koolau, jetzt komme ich hinüber, um dich zu fangen.«

»Dann schau dir die Sonne und das Meer und den Himmel noch einmal gut an, denn es ist das letztemal, daß du sie siehst.«

»Schon recht, Koolau«, sagte der Gendarm beruhigend. »Ich weiß, daß du ein sicherer Schütze bist. Aber du wirst mich nicht erschießen, denn ich habe dir nie etwas zuleide getan.«

Koolau brummte etwas in seinem Gebüsch.

»Ich sage, du weißt wohl, daß ich dir nie etwas zuleide getan habe, nicht wahr?« beharrte der Gendarm.

»Du tust mir etwas zuleide, wenn du versuchst, mich ins Gefängnis zu werfen«, lautete die Antwort. »Und du tust mir etwas zuleide, wenn du versuchst, tausend Dollar zu gewinnen, die auf meinen Kopf gesetzt sind. Willst du dein Leben behalten, so bleib, wo du bist.«

»Ich muß dich holen. Es tut mir leid. Aber es ist meine Pflicht.«

»Du stirbst, ehe du herüberkommst.«

Der Gendarm war kein Feigling. Aber er konnte keinen Entschluß fassen. Er starrte in den Abgrund zu beiden Seiten und ließ den Blick den messerscharfen Kamm entlangschweifen, den er überschreiten sollte. Dann entschloß er sich.

»Koolau«, rief er.

Aber das Gebüsch war und blieb stumm.

»Koolau, schieße nicht. Jetzt komme ich.«

Der Gendarm drehte sich um, er erteilte den Polizisten einige Befehle und begab sich dann auf seinen gefährlichen Weg. Langsam kam er näher. Es war, wie wenn er auf einem straffen Seil ginge. Er hatte keine andere Stütze als die Luft. Die Lava zerbröckelte unter seinen Füßen, und auf beiden Seiten fielen die abgerissenen Brocken in die Tiefe. Die Sonne schien auf ihn herab, und sein Gesicht war naß von Schweiß. Immer weiter rückte er vor, bis er die Mitte erreicht hatte.

»Halt!« kommandierte Koolau aus dem Gebüsch. »Noch einen Schritt weiter, und ich schieße!«

Der Gendarm blieb stehen und schwankte, um das Gleichgewicht zu bewahren, während er schwebend über der Leere stand. Sein Gesicht war blaß, aber seine Augen waren entschlossen. Er leckte sich die trockenen Lippen, ehe er sprach:

»Koolau, du wirst mich nicht erschießen. Ich weiß, daß du es nicht tun wirst.«

Er ging weiter. Die Kugel wirbelte ihn halb herum. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck unangenehmer Überraschung an, als er vor dem Fall wankte. Er versuchte sich zu retten, indem er seinen Körper quer über den Felskamm warf; aber im selben Augenblick kam der Tod. Gleich darauf war der schmale Felskamm leer. Dann kam der Sturm, fünf Polizisten liefen im Gänsemarsch in prachtvoller Ruhe über den Kamm. Im selben Augenblick eröffneten die übrigen Polizisten das Feuer auf das Gebüsch. Es war Wahnsinn. Fünfmal drückte Koolau ab, so schnell, daß seine Schüsse wie ein Rattern klangen. Er wechselte die Lage, bückte sich unter den Kugeln, die durch das Gebüsch schnitten und sangen, und sah hinaus. Vier Schutzleute waren dem Gendarmen in die Tiefe gefolgt. Der fünfte lag quer über dem Kamm und lebte noch. Drüben standen die übrigen Polizisten, aber sie schossen nicht mehr.

Auf dem nackten Felsen gab es keine Hoffnung für sie. Ehe sie hinüberkämen, würde Koolau sie bis auf den letzten Mann abschießen. Aber er schoß auch nicht, und nach einer Beratung zog einer von ihnen sein weißes Hemd aus und winkte damit wie mit einer Fahne. Von einem zweiten gefolgt, ging er auf dem scharfen Kamm hinaus zu seinem verwundeten Kameraden. Koolau gab kein Zeichen, sondern sah sie sich langsam zurückziehen und zu Punkten werden, während sie in das untere Tal hinabstiegen.

Zwei Stunden später beobachtete Koolau aus einem andern Gebüsch eine Abteilung Polizei, die den Aufstieg von der entgegengesetzten Seite des Tales aus versuchte. Er sah die wilden Ziegen vor ihnen flüchten, aber sie kletterten immer höher, bis er an seinem eigenen Urteil zweifelte und nach Kiloliana schickte, der zu ihm hinkroch.

»Nein, dort ist kein Weg«, sagte Kiloliana.

»Aber die Ziegen?« fragte Koolau.

»Die kommen vom Nachbartal, aber sie können nicht herüberkommen. Es gibt keinen Weg. Die Männer sind nicht klüger als die Ziegen. Sie werden sich vielleicht zu Tode stürzen. Laß uns sehen.«

»Es sind kühne Männer«, sagte Koolau. »Laß uns sehen.«

Seite an Seite lagen sie im Strahlenglanz des Morgens da, während die gelben Haublüten auf sie herabfielen, und sahen die kleinen Männer, die mühsam emporkletterten, bis das Erwartete geschah und drei von ihnen von einem Felskamm herabglitten, rollten, rutschten, stürzten und fast fünfhundert Fuß tief fielen.

Kiloliana kicherte.

»Jetzt kriegen wir nichts mehr zu tun«, sagte er.

»Sie haben Kanonen«, antwortete Koolau. »Die Soldaten haben noch nicht mitgesprochen.«

An dem schläfrigen Nachmittag lagen die meisten Aussätzigen in ihren Felslöchern und schliefen.

Koolau saß, die Büchse über dem Knie, frisch gewaschen und halb schlafend, aber bereit, im Eingang seiner eigenen Höhle. Das Mädchen mit den entstellten Armen lag tiefer im Gebüsch und bewachte den schmalen Zugang. Plötzlich wurde Koolau durch einen Knall am Strande aufgescheucht. Im nächsten Augenblick war es, als würde die Atmosphäre in unglaublicher Weise zersplittert. Das furchtbare Krachen erschreckte ihn. Es war, als hätten alle Götter den Himmel in ihre Hände genommen und ihn auseinandergezerrt, wie eine Frau ein Stück Baumwollstoff zerreißt. Es war ein ungeheures reißendes Geräusch, und es kam schnell immer näher. Furchtsam sah Koolau empor, als erwartete er, etwas zu sehen. Da explodierte die Granate hoch oben auf dem Felsen über seinem Kopf in einer Wolke von schwachem Rauch. Der Fels wurde gesprengt, und die Splitter fielen am Fuße des Riffs nieder.

Koolau wischte sich mit der Hand über die schweißige Stirn. Er war furchtbar erschüttert. Noch nie hatte er Granatfeuer erlebt, und dies war schrecklicher als alles, was er sich vorgestellt hatte. »Eins«, sagte Kapahei, der plötzlich den Einfall hatte, zu zählen.

Eine zweite und eine dritte Granate flogen heulend über die Felswand hinweg und explodierten außer Sicht. Kapahei zählte sie methodisch. Die Aussätzigen versammelten sich auf dem freien Platz vor den Höhlen. Anfangs waren sie erschrocken, als die Granaten aber immer wieder über ihre Köpfe hinwegflogen, wurden sie ruhiger und begannen das Schauspiel zu bewundern. Die beiden Schwachsinnigen kreischten vor Entzücken und tanzten mit wilden Gebärden, wenn die Granate die Luft über ihnen spaltete. Koolau wurde wieder zuversichtlich. Es wurde kein Schaden angerichtet. Sie konnten offenbar mit großem Geschütz auf so weite Entfernung nicht so genau zielen wie mit einer Büchse.

Bald aber änderte sich die Situation. Die Granaten fielen näher. Eine von ihnen explodierte im Gebüsch bei der schmalen Passage. Koolau fiel das Mädchen ein, das dort Wache hielt, und er lief hinunter, um nach ihr zu sehen.

Der Rauch stieg noch aus den Büschen auf, als er hineinkroch. Er war entsetzt. Die Zweige waren zersplittert und zerbrochen. Wo das Mädchen gelegen hatte, war jetzt ein Loch im Boden. Das Mädchen selbst war völlig zerfetzt. Die Granate war direkt auf ihr explodiert.

Nachdem er zuerst hinausgespäht hatte, um sich zu vergewissern, daß die Soldaten nicht versuchten, den Zugang zu forcieren, lief er nach den Höhlen zurück. Ununterbrochen jammerten, kreischten, heulten die Granaten an ihm vorbei, und das Tal hallte polternd von dem Krachen wider. Als er die Höhlen erblickte, sah er die zwei Schwachsinnigen herumtanzen, wobei sie sich mit den Stümpfen ihrer Finger an den Händen hielten. Noch während Koolau lief, sah er eine schwarze Rauchsäule dicht neben den Schwachsinnigen vom Boden aufsteigen. Sie wurden durch die Explosion auseinandergeschleudert. Der eine blieb unbeweglich liegen, während der andere sich auf den Händen nach der Höhle schleppte. Er zog hilflos die Beine nach, und das Blut troff aus seinem Körper. Er schien in Blut gebadet, und beim Kriechen winselte er wie ein kleiner Hund. Die übrigen Aussätzigen waren mit Ausnahme Kapaheis in die Höhlen geflüchtet.

»Siebzehn«, sagte Kapahei. »Achtzehn«, fügte er hinzu. Die letzte Granate war in eine der Höhlen gedrungen. Die Explosion hatte zur Folge, daß die Höhlen sich leerten, aber aus dieser einen kam niemand heraus. Koolau kroch durch den weißen scharfen Rauch hinein. Vier schrecklich verstümmelte Leichen lagen drinnen, darunter die blinde Frau, deren Tränen jetzt versiegt waren.

Draußen fand Koolau seine Leute in wildem Schrecken und schon im Begriff, den Ziegenpfad hinaufzusteigen, der aus der Schlucht zu einem Gewirr von Höhen und Klippen führte. Der verwundete Schwachsinnige, der leise wimmerte und sich auf den Händen über den Boden schleppte, versuchte ihnen zu folgen. Aber bei der ersten Steigung überwältigte ihn seine Hilflosigkeit, und er blieb liegen.

»Es wäre das beste, ihn totzuschlagen«, sagte Koolau zu Kapahei, der immer noch auf derselben Stelle saß.

»Zweiundzwanzig«, antwortete Kapahei. »Ja, es wäre das beste, ihn totzuschlagen. Dreiundzwanzig – vierundzwanzig.«

Der Schwachsinnige kreischte laut auf, als er die Büchse auf sich gerichtet sah. Koolau zauderte, dann senkte er das Gewehr.

»Es ist hart, das tun zu müssen«; sagte er. »Du bist ein Dummkopf; sechsundzwanzig, siebenundzwanzig«, sagte Kapahei. »Laß mich!«

Er stand auf und näherte sich dem verwundeten Geschöpf mit einem schweren Stein in der Hand. Als er den Arm hob, um zuzuschlagen, explodierte eine Granate gerade vor ihm und befreite ihn von der Notwendigkeit der Tat, während sie gleichzeitig seinem Zählen ein Ende machte. Koolau war allein in der Schlucht. Er sah die letzten seiner Leute ihre verkrüppelten Leiber über den Rand der Anhöhe schleppen und verschwinden. Dann wandte er sich um und ging in das Gebüsch hinab, wo das Mädchen getötet worden war. Das Granatfeuer hielt noch an, aber er blieb, wo er war; denn tief drunten konnte er die Soldaten emporklimmen sehen. Eine Granate explodierte zehn Schritt von ihm, und während er sich flach auf den Boden drückte, hörte er die Sprengstücke über seinen Körper hinwegsausen. Ein Schauer von Haublüten regnete auf ihn herab. Er hob den Kopf, um den Pfad hinabzusehen, und seufzte. Er fürchtete sich sehr. Die Gewehrkugeln hätten ihn nicht gestört, aber dieses Granatfeuer war abscheulich. Jedesmal, wenn eine Granate heulend an ihm vorbeifuhr, schauderte ihn, und er duckte sich; aber jedesmal hob er wieder den Kopf, um den Pfad zu beobachten.

Schließlich hörte das Granatfeuer auf. Das, dachte er, kam wohl daher, daß die Soldaten jetzt in der Nähe waren. Sie krochen im Gänsemarsch den Pfad entlang, und er versuchte sie zu zählen, aber es waren ihrer zu viele. Mindestens hundert waren es – und alle hatten es auf Koolau, den Aussätzigen, abgesehen. Einen Augenblick durchfuhr ihn der Stolz. Mit Kanonen und Gewehren, Polizei und Soldaten jagten sie ihn, und er war nur ein einzelner Mann, und obendrein das verkrüppelte Wrack eines Mannes. Sie boten tausend Dollar für ihn, tot oder lebendig. Sein ganzes Leben hatte er nicht so viel Geld besessen. Dieser Gedanke war bitter. Kapahei hatte recht gehabt. Er, Koolau, hatte keinem etwas getan. Aber weil die Haolen Arbeiter brauchten, um das gestohlene Land zu bebauen, hatten sie die chinesischen Kulis hergebracht, und mit ihnen war die Krankheit gekommen. Und weil die Krankheit ihn angesteckt hatte, war er jetzt tausend Dollar wert aber er hatte nichts davon. Es war sein wertloser, von der Krankheit verfaulter oder durch eine explodierende Granate getöteter Leichnam, der all das Geld wert war.

Als die Soldaten den messerscharfen Kamm erreichten, fühlte er sich versucht, sie zu warnen. Aber sein Blick fiel auf die Leiche des gemordeten Mädchens, und er schwieg. Als sechs sich auf den Kamm hinausgewagt hatten, eröffnete er das Feuer. Und als der Kamm gesäubert war, hielt er nicht inne. Er leerte sein Magazin, füllte und leerte es wieder. Er schoß immer weiter. All das ihm angetane Unrecht flammte in seinem Hirn, und er raste vor Rachgier. Den ganzen Ziegenpfad entlang feuerten die Soldaten, und obwohl sie der Länge nach ausgestreckt dalagen und sich hinter den kleinen Unebenheiten der Erdoberfläche zu decken versuchten, boten sie sich ihm doch wie Scheiben dar. Die Kugeln pfiffen und schlugen gegen den Felsen um ihn her, und hin und wieder sang ein Prellschuß scharf durch die Luft. Eine Kugel pflügte eine Furche durch seine Kopfhaut, und eine andere streifte brennend sein Schulterblatt, ohne ihn zu verwunden.

Es war ein Blutbad, das ein einziger Mann anrichtete. Die Soldaten zogen sich zurück und nahmen ihre Verwundeten mit sich. Während Koolau sie abschoß, spürte er den Geruch verbrannten Fleisches. Er sah sich zuerst um und entdeckte dann, daß es seine eigenen Hände waren. Das Gewehr war heiß geworden. Der Aussatz hatte die meisten Nerven in seinen Händen zerstört. Obwohl sein Fleisch brannte, daß es roch, fühlte er doch nichts.

Er lag im Dickicht und lächelte, bis ihm die Kanonen einfielen. Zweifellos würden sie das Feuer wieder eröffnen und diesmal gerade auf das Gebüsch, wo er ihnen so gefährlich geworden war. Kaum hatte er sich hinter einen kleinen Vorsprung der Felsmauer begeben, wohin, wie er bemerkt hatte, keine Granaten fielen, als das Bombardement auch schon wieder begann. Er zählte die Granaten. Noch sechzig wurden in die Schlucht geschleudert, ehe die Kanonen schwiegen. Das kleine Fleckchen Erde war von den Explosionen ganz zerrissen, und es schien unmöglich, daß ein Geschöpf das überlebt haben könnte. Das meinten auch die Soldaten, denn sie begannen wieder in der glühenden Nachmittagssonne den Ziegensteig zu erklimmen. Und wieder wurde ihnen der schmale Zugang streitig gemacht, und wieder mußten sie sich nach dem Strande zurückziehen.

Noch zwei Tage lang versperrte Koolau ihnen den Weg, und die Soldaten begnügten sich damit, seinen Zufluchtsort mit Granaten zu belegen. Dann erschien Pahau, ein aussätziger Knabe, auf der Felswand hinter der Schlucht und rief ihm zu, daß Kiloliana abgestürzt wäre und den Tod gefunden hätte, als er Ziegen jagte, damit sie etwas zu essen bekämen, und daß die Frauen sich fürchteten und nicht wüßten, was sie tun sollten. Koolau rief den Knaben zu sich und hieß ihn, den Zugang mit einem Gewehr, das er in Reserve hatte, zu bewachen. Koolau fand seine Leute entmutigt. Der größte Teil war zu hilflos, um sich unter schwierigen Umständen selbst Nahrung zu verschaffen, und alle hungerten. Er wählte zwei Frauen und einen Mann, bei denen die Krankheit noch nicht zu weit fortgeschritten war, und schickte sie nach der Schlucht zurück, um Nahrungsmittel und Matten zu holen. Die übrigen ermutigte und tröstete er, bis selbst die Schwächsten halfen, einfache Hütten zu erbauen.

Aber die, welche er ausgeschickt hatte, um Nahrungsmittel zu holen, kamen nicht wieder, und so begab er sich wieder in die Schlucht. Als er auf den Rand der Felswand trat, knallten ein Dutzend Gewehre. Eine Kugel fuhr durch den fleischigen Teil seiner Schulter, und seine Wange wurde von einem Felssplitter verletzt, den eine andere Kugel aus der Wand lossprengte. Im selben Augenblick sprang er zurück, aber er hatte gesehen, daß die Schlucht voll von Soldaten war. Seine eigenen Leute hatten ihn verraten. Das Granatfeuer war zu furchtbar gewesen, und sie hatten das Gefängnis auf Molokai vorgezogen.

Koolau ging zurück und nahm einen seiner schweren Patronengürtel ab. Zwischen den Felsen liegend, wartete er, bis Kopf und Schulter des ersten Soldaten deutlich zum Vorschein kamen, ehe er abdrückte. Das geschah zweimal, und nach einer Pause wurde statt eines Kopfes und einer Schulter eine weiße Fahne über den Rand der Felswand gehoben.

»Was wollt ihr?« fragte er.

»Wenn du Koolau, der Aussätzige, bist, so will ich dich holen«, lautete die Antwort.

Koolau vergaß, wo er war, er vergaß alles, wie er dalag und sich über den seltsamen Eifer dieser Haolen wunderte, die ihren Willen durchsetzen wollten, und wenn der Himmel einstürzte. Ja, sie wollten ihren Willen bei allen Menschen und allen Dingen durchsetzen, und wenn sie sterben mußten. Unwillkürlich mußte er sie ihres Willens wegen bewundern, der stärker als das Leben war und alles zwang, ihrem Gebot zu gehorchen. Er war überzeugt, daß sein Kampf aussichtslos war. Es war unmöglich, gegen den furchtbaren Willen der Haolen anzukämpfen. Und wenn er tausend tötete, so erhoben sie sich wie Sand am Meere und kamen über ihn, immer mehr und mehr. Sie wußten nie, wann sie besiegt waren. Das war ihr Fehler und ihre Tugend. Das war es, was seiner eigenen Rasse fehlte. Er sah jetzt ein, wie es möglich war, daß diese Handvoll Prediger Gottes und des Rums das Land erobert hatten. Es war vorbei –.

»Nun, was hast du zu sagen? Willst du mitkommen?«

Es war die Stimme des unsichtbaren Mannes unter der weißen Fahne. Wie die andern Haolen ging auch er entschlossen direkt auf die Sache los.

»Laß uns miteinander reden«, sagte Koolau.

Kopf und Schulter des Mannes kamen zum Vorschein, darauf sein ganzer Körper. Es war ein blauäugiger junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit einem blassen Gesicht, schlank und fein in seiner Hauptmannsuniform. Er trat vor, bis Koolau Halt gebot, und setzte sich in einer Entfernung von einigen Schritten nieder.

»Sie sind ein tapferer Mann«, sagte Koolau erstaunt. »Ich könnte Sie töten wie eine Fliege.«

»Nein, das könntest du nicht«, lautete darauf die Antwort.

»Warum nicht?«

»Weil du ein Mann bist, Koolau, wenn auch ein schlechter. Ich kenne deine Geschichte. Du tötest nur ehrlich.«

Koolau grunzte, aber heimlich war er zufrieden.

»Was haben Sie mit meinen Leuten gemacht?« fragte er. »Mit dem Jungen, mit den zwei Frauen und dem Mann?«

»Sie haben sich ergeben, und ich fordere dich jetzt auf, dasselbe zu tun.«

Koolau lachte ungläubig.

»Ich bin ein freier Mann«, erklärte er. »Ich habe kein Unrecht getan. Alles, was ich verlange, ist, in Frieden gelassen zu werden. Ich habe frei gelebt, und ich will frei sterben. Ich ergebe mich nie.«

»Dann sind deine Leute klüger als du«, antwortete der junge Hauptmann. »Sieh – dort kommen sie.« Koolau wandte sich um und sah den Rest seiner Schar sich nähern. Stöhnend und jammernd schleppten sie ihr Elend in einem unheimlichen Zuge an ihm vorbei. Koolau bekam noch tiefere Bitternis zu schmecken, denn im Vorbeigehen überschütteten sie ihn mit Flüchen und Hohn; und die stöhnende alte Frau, die den Zug schloß, blieb stehen, und ihre mageren Harpyienkrallen ausstreckend und ihren knurrenden Totenkopf schüttelnd, stieß sie einen Fluch gegen ihn aus. Einer nach dem andern ließ sich über den Kamm gleiten und ergab sich den Soldaten, die in den Verstecken lagen.

»Jetzt können Sie gehen«, sagte Koolau zum Hauptmann. »Ich ergebe mich nie. Dies ist mein letztes Wort. Leben Sie wohl.«

Der Hauptmann ließ sich über den Felsen zu seinen Soldaten gleiten. Im nächsten Augenblick hob er ohne Parlamentärflagge den Hut auf seiner Säbelscheide, und die Kugel Koolaus durchbohrte ihn.

Am selben Nachmittag bombardierten sie ihn vom Strande aus, und als er sich zu den hohen, unzugänglichen Schlupflöchern weiter oben zurückzog, folgten die Soldaten ihm.

Sechs Wochen lang jagten sie ihn von einem Versteck zum andern, auf den Ziegensteigen über die vulkanischen Zinnen. Als er sich in der Lantanadschungel versteckte, bildeten sie Reihen wie auf einer Treibjagd und jagten ihn wie ein Kaninchen durch die Dschungel und den Guavabusch. Aber immer wieder wand er sich hindurch und entkam ihnen. Sie konnten ihn nicht stellen. Kamen sie ihm zu nahe, so hielt seine sichere Büchse sie zurück, und sie mußten ihre Verwundeten auf den Ziegensteigen zum Strande hinabtragen. Zuweilen, wenn sein brauner Körper einen Augenblick zwischen dem Gebüsch zum Vorschein kam, schossen sie auch. Einmal begegneten ihm fünf von ihnen auf einem freien Ziegensteig zwischen den Verstecken. Sie verschossen ihre Gewehre, während er hinkend den schwindelnden Weg emporklomm. Später fanden sie Blutspuren und wußten, daß er verwundet war. Nach sechs Wochen gaben sie es auf, Soldaten und Polizei kehrten nach Honolulu zurück und überließen ihm das Kalalautal zu eigen, und nur Kopfjäger wagten sich von Zeit zu Zeit zu ihrem eigenen Mißgeschick in seine Nähe. Zwei Jahre später kroch Koolau zum letztenmal in ein Gebüsch und legte sich zwischen die Tiblätter und die wilden Ingwerblätter. Frei hatte er gelebt, und frei starb er. Ein leichter Staubregen begann zu fallen, und er zog eine zerlumpte Decke über das verstümmelte Wrack seiner Glieder. Sein Körper war von einem Regenmantel bedeckt. Über seine Brust legte er sein Mausergewehr und zärtlich wischte er die Feuchtigkeit vom Laufe. Die Hand, mit der er das tat, hatte keine Finger mehr.

Er schloß die Augen, denn an der Schwäche in seinem Körper und an dem schläfrigen Durcheinander in seinem Gehirn erkannte er, daß sein Ende nahe war. Wie ein wildes Tier war er in ein Versteck gekrochen, um zu sterben. Nur halbbewußt, ziellos und unklar durchlebte er in Gedanken noch einmal seine Jugend auf Niihau. Während das Leben verrann und das Träufeln der Regentropfen in seinen Ohren undeutlich wurde, kam es ihm vor, als ritte er wieder Pferde zu, während die jungen Stuten stiegen und Kapriolen unter ihm machten, wobei er die Steigbügel unter dem Pferdebauch zusammengebunden hatte, oder die Tiere schossen wie wahnsinnig im Pferch herum, so daß seine helfenden Cowboys über die Einfriedigung springen mußten. Im nächsten Augenblick war er – und es erschien ihm ganz natürlich – im Begriff, die wilden Stiere auf den Weiden des Hochlandes zu verfolgen, sie zu zügeln und in die Täler zu ziehen. Wieder brannten der Schweiß und der Staub des Brandpferchs ihm in den Augen und bissen ihn in der Nase.

Seine ganze kräftige, gesunde Jugend war wieder sein, bis die Schmerzen der bevorstehenden Auflösung ihn in die Wirklichkeit zurückriefen. Er hob seine verstümmelten Hände und starrte sie verwundert an. Aber wie? Warum? Warum mußte die Gesundheit seiner wilden Jugend sich so verändern? Dann erinnerte er sich, und wieder war er für einen Augenblick Koolau, der Aussätzige. Seine Lider sanken müde herab, und er hörte das Träufeln des Regens nicht mehr. Ein lang anhaltendes Zittern durchfuhr seinen Körper. Dann hörte auch das auf. Er hob den Kopf ein wenig, aber der fiel wieder zurück. Dann öffneten sich seine Augen und schlossen sich wieder. Sein letzter Gedanke galt seinem Mausergewehr, und er preßte es mit den gefalteten, fingerlosen Händen an die Brust.

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