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Die glücklichen Inseln

Jack London: Die glücklichen Inseln - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleDie glücklichen Inseln
publisherSüdwest Verlag
year1971
printrun2. Auflage. 21.- 30. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171113
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Auf der Makaloa-Matte

Im Gegensatz zu den Frauen der meisten südländischen Rassen altern die Hawaiianerinnen langsam und halten sich schön. Der Frau, die unter dem Haubaum saß, würde ein guter Beobachter, selbst wenn er nicht an Schminke oder sonst ein geschicktes Verbergen der Alterserscheinungen gedacht hätte, überall in der Welt außer in Hawaii ihre fünfzig Jahre zugestanden haben. Aber ihre Kinder und Kindeskinder sowie Roscoe Scandwell, der seit vierzig Jahren ihr Gatte war, wußten, daß sie vierundsechzig zählte und am zweiundzwanzigsten Juni fünfundsechzig wurde. Sie sah jedoch nicht danach aus, wenn sie sich auch zum Lesen ihres Magazins eine Brille aufsetzte, die sie wieder abnahm, sobald sie ihre Blicke über das halbe Dutzend Kinder, das auf dem Rasen spielte, schweifen lassen wollte.

Es war ein prächtiger Anblick – prächtig wie der uralte Haubaum, in dessen weitem Schatten sie so bequem wie in einem Hause saß, prächtig wie der Rasen, dessen samtene Fläche, die einen Schätzwert von zweihundert Dollar für jeden Fußbreit Straßenfront hatte, sich landeinwärts bis zu dem ebenso würdevollen, stattlichen und prächtigen Hause erstreckte. Drunten gewährte ein Saum von hundert Fuß hohen Kokospalmen einen flüchtigen Durchblick auf das Meer, hinter dem Riff von tiefblauer Farbe, die nach dem Horizont zu indigoblau wurde, innerhalb des Riffs die ganze silberne Stufenleiter von Jade über Smaragd zum Turmalin aufweisend. Und dies war nun ein Haus von dem halben Dutzend, das Martha Scandwell gehörte. Ihr wenige Meilen von Honolulu am Nuuanuwege zwischen dem ersten und zweiten »Schauer« gelegenes Stadthaus war ein Palast. Ein Schwarm von Gästen hatte die Behaglichkeit und Fröhlichkeit ihres Berghauses auf dem Tantalus, ihres Vulkanhauses, ihres Maukahauses und ihres Makaihauses auf der großen Hawaii-Insel kennengelernt. Das Waikikihaus stand hinter den andern nicht an Schönheit, Würde und verschwenderischer Lebensführung zurück. Zwei japanische Gartenarbeiter stutzten die Hibiskusbüsche, während ein dritter sich sachgemäß mit der langen Cereushecke beschäftigte, die in kurzem ihre geheimnisvollen nächtlichen Blüten entfalten sollte. Ein japanischer Hausdiener in fleckenlosen weißen Hosen brachte die Teetassen heraus, gefolgt von einem japanischen Mädchen, das, hübsch wie ein Falter und, in dem eigentümlichen Gewand seiner Heimat, wie ein Schmetterling herausgeflattert kam, um ihre Herrin zu bedienen. Ein zweites japanisches Mädchen schritt, eine Anzahl türkischer Handtücher über dem Arm, über den Rasen nach rechts zu den Badehäusern, aus denen gerade die Kinder in Badeanzügen herauskamen. Dazu warteten unter den Palmen am Strande zwei chinesische Kinderwärterinnen in der hübschen Tracht ihrer Heimat weißen Yeeshons und geradegeschnittenen Hosen mit schwarzen Zöpfen, die ihnen über den Rücken herabfielen, jede mit einem kleinen Kind im Kinderwagen.

Und all diese Diener, Mädchen und Enkelkinder gehörten Martha Scandwell. Wie die ihre, war auch die Haut der Enkelkinder – von der unverkennbaren hawaiischen Tönung – tadellos gleichmäßig von der Sonne Hawaiis gefärbt. Zu einem Achtel und einem Sechzehntel waren sie Hawaiianer, das heißt, daß schon sechs Achtel und ein Sechzehntel weißes Blut unter dieser Haut pulste, ohne doch den Goldhauch Polynesiens auslöschen zu können. Aber nur ein gewiegter Kenner hätte wiederum bemerken können, daß diese fröhlichen Kinder sich irgendwie von reinblütigen Weißen unterschieden. Roscoe Scandwell, der Großvater, war ganz weiß; Martha war es zu drei Vierteln und ihre vielen Söhne und Töchter zu sieben Achteln. Bei den Enkelkindern, in den Fällen, in denen ihre Sieben-Achtel-Väter wieder Sieben-Achtel-Mütter geheiratet hatten, waren sie selbst zu vierzehn Sechzehnteln oder sieben Achteln weiß. Von beiden Seiten war das Blut gut, Roscoe stammte in gerader Linie von den Puritanern Neuenglands, Martha in ebenso gerader Linie von dem Königsgeschlecht Hawaiis ab, dessen Genealogie schon ein Jahrtausend vor Kenntnis des geschriebenen Wortes in »Meles« besungen worden war.

In einiger Entfernung hielt ein Auto an; eine Frau stieg aus, deren Alter man auf höchstens sechzig hätte schätzen mögen, und die wie eine jugendliche Vierzigerin über den Rasen schritt, in Wirklichkeit aber achtundsechzig Jahre alt war. Martha erhob sich von ihrem Sitz, um sie in der herzlichen hawaiischen Art mit Umarmung, Lippe auf Lippe, mit beredtem Gesicht und nicht minder beredtem Körper voller Aufrichtigkeit und Überschwang zu begrüßen. Und »Schwester Bella« und »Schwester Martha« flog es hin und her und dazwischen unzusammenhängende Frage nach Onkeln, Brüdern und Tanten, bis sie, nachdem sich die erste Erregung gelegt hatte, mit vor Zärtlichkeit und Liebe feuchten Augen dasaßen und sich über ihre Teetassen hinweg anblickten. Es war, als hätten sie sich jahrelang weder gesehen noch umarmt. Tatsächlich aber hatte ihre Trennung nur zwei Monate gedauert. Und die eine war vierundsechzig, die andere achtundsechzig Jahre alt. Aber zum vollen Verständnis muß man wissen, daß in beiden zu einem Viertel das sonnenwarme, liebeswarme Herz von Hawaii pochte.

Die Kinder umdrängten Tante Bella wie eine steigende Flut, sie wurden freigebig umarmt und geküßt, ehe sie mit ihren Wärterinnen zum Badestrand gingen.

»Ich wollte für einige Tage an die See gehen, jetzt, da der Passat nicht mehr weht«, erklärte Martha.

»Du bist doch schon seit vierzehn Tagen hier«, lächelte Bella ihre Schwester zärtlich an. »Bruder Edward erzählte es mir. Ich traf ihn auf dem Dampfer, und er bestand darauf, zuerst mit mir hinzufahren, um nach Louise und Dorothy und seinem ersten Enkelchen zu sehen. Er ist ganz toll vor Freude.«

»Wirklich!« rief Martha. »Zwei Wochen! Ich hätte nicht gedacht, daß es schon so lange her ist.«

»Wo ist Annie? Und wo Margaret?« fragte Bella.

Martha zuckte die umfangreichen Achseln mit umfassender, nachsichtiger Liebe für ihre launischen großen Töchter, die ihre Kinder den ganzen Vormittag der Obhut der Großmutter überlassen hatten.

»Margaret ist zu einer Sitzung des Freiluft-Vereins. Sie wollen die ganze Kalakaua-Avenue entlang Bäume und Hibiskusbüsche pflanzen«, sagte sie. »Und Annie gibt einen Tee, der sie achtzig Dollar kostet, um fünfundsiebzig Dollar für das Britische Rote Kreuz zu sammeln – es ist ihr Ausgehtag, mußt du wissen.«

»Roscoe muß doch stolz sein«, meinte Bella und bemerkte den strahlenden Schimmer des Stolzes in den Augen ihrer Schwester. »Ich erhielt in San Franzisko die Nachricht von der ersten Dividende von Ho-o-la-a. Weißt du noch, wie ich, als sie fünfundsiebzig Cent standen, tausend Dollar für die Kinder der armen Abbie zeichnete und sagte, daß ich verkaufen würde, wenn sie auf zehn Dollar gestiegen wären?«

»Und alle lachten dich und jeden andern aus, der etwas zeichnete«, nickte Martha. »Aber Roscoe wußte, was er tat. Heute stehen sie vierundzwanzig.«

»Ich habe meine vom Dampfer aus durch Funkspruch verkauft – zu zwanzig«, fuhr Bella fort. »Und jetzt wirft Abbie sich ganz wild auf Damenschneiderei. Sie fährt mit May und Tootsie nach Paris.«

»Und Karl?« fragte Martha.

»Oh, der wird Yale ganz durchmachen –«

»Was er auf jeden Fall getan hätte, und das weißt du auch selbst recht gut«, sagte Martha mit leisem Tadel. Bella gab schuldbewußt ihre Absicht zu, für den Sohn ihrer Freundin das Studium zu bezahlen, und fügte zufrieden hinzu:

»Aber hübsch ist es doch, die Ho-o-la-a das bezahlen zu lassen. Eigentlich ist es ja Roscoe, der es bezahlt, denn auf seinen Rat legte ich das Geld dort an.« Sie ließ den Blick langsam umherschweifen, ihre Augen sogen nicht nur die Schönheit, Behaglichkeit und Ruhe aller Dinge ein, auf die sie sich hefteten, sondern gleichzeitig die Unendlichkeit von Schönheit, Behaglichkeit und Ruhe von allem, das diese Dinge, in ähnlichen Oasen über das ganze Inselland verstreut, repräsentierten. Sie seufzte ganz zufrieden und meinte: »Unsere Männer haben alle gut verwaltet, was wir ihnen brachten.«

»Und mit Glück ...«, stimmte Martha ihr bei, unterbrach sich aber mit verdächtiger Schnelligkeit.

»Und mit Glück ... für uns alle, außer Schwester Bella«, vollendete Bella den Gedanken milde für sie.

»Deine Heirat taugte nichts«, murmelte Martha, ganz Sanftmut und Mitgefühl. »Du warst noch so jung. Onkel Robert hätte dich nie dazu veranlassen sollen.«

»Ich war erst neunzehn«, nickte Bella. »Aber George Castner war nicht schuld daran. Sieh nur, was er, noch aus dem Grabe heraus, für mich getan hat. Onkel Robert war klug. Er wußte, daß George den Weitblick, die Energie und Hartnäckigkeit des Vorausschauenden hatte. Er sah selber schon damals – und das ist fünfzig Jahre her – den Wert der Wasserrechte von Nahala, was kein anderer tat. Sie dachten, daß er die Absicht hätte, die Viehweiden zu kaufen, während er in Wirklichkeit die Zukunft der Wasserkräfte vor Augen hatte – und welchen Erfolg er hatte, das weißt du. Ich schäme mich manchmal, wenn ich an mein Einkommen denke. Nein, was es auch immer war, George hatte nicht schuld an unserer unglücklichen Ehe. Ich weiß, daß ich glücklich mit ihm hätte leben können, bis auf den heutigen Tag, wenn er noch gelebt hätte.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein, seine Schuld war es nicht; weder seine, noch die eines andern. Nicht einmal meine. Wenn überhaupt jemand schuld daran war –«, ihr gütiges Lächeln nahm dem, was sie sagen wollte, den Stachel, »– wenn überhaupt jemand schuld daran war, dann war es Onkel John.«

»Onkel John!« rief Martha sehr erstaunt. »Wenn es schon einer sein sollte, so würde ich gesagt haben: Onkel Robert. Aber Onkel John!«

Bella lächelte leise, aber bestimmt.

»Aber es war doch Onkel Robert, der dich veranlaßte, George Castner zu heiraten«, drängte die Schwester.

»Das ist wahr«, nickte Bella bestätigend. »Aber es handelte sich nicht um den Mann, sondern um ein Pferd. Ich wollte mir ein Pferd von Onkel John leihen, und er sagte ja. So ist alles gekommen.«

Für einen Augenblick durchschnitt tiefes Schweigen den Raum, dann erklangen die Stimmen der Kinder und die sanften Ermahnungen der Wärterinnen näher am Strande, und plötzlich fühlte Martha Scandwell zitternd, wie sie von Wagemut durchbebt wurde. Sie winkte den Kindern, sich zu entfernen.

»Lauft, Lieblinge, lauft. Oma und Tante Bella wollen plaudern.«

Und während der süße helle Klang der Kinderstimmen über dem Rasenplatz verhallte, beobachtete Martha mit der Scharfsicht des liebenden Herzens die Linien der Traurigkeit, die der geheime Schmerz eines halben Jahrhunderts in die Züge ihrer Schwester eingegraben hatte. Seit fast fünfzig Jahren kannte sie diese Linien. Sie stählte all die rührende hawaiische Sanftmut in sich, um das Schweigen eines halben Jahrhunderts zu brechen.

»Bella«, sagte sie. »Wir wissen nichts. Du hast nie gesprochen. Aber wir haben im stillen darüber gegrübelt, ach, immer wieder –«

»Und habt nie gefragt«, murmelte Bella dankbar. »Aber jetzt endlich frage ich dich. Unser Abend ist angebrochen. Hör die Kinder! Manchmal erschrecke ich bei dem Gedanken, daß es Enkel sind, meine Enkel – während es mir scheint, als sei es kaum Tage her, daß ich das sorgloseste Mädel mit dem freiesten Herzen war, das je ein Pferd bestieg, in der großen Brandung schwamm, bei Ebbe Opihis sammelte oder ein Dutzend Verehrer verlachte. Und jetzt, im Zwielicht unseres Abends, laß uns alles vergessen, außer daß ich deine liebe Schwester bin, wie du die meine bist.«

Beide hatten feuchte Augen. Bella zitterte offenbar vor der Aussprache.

»Wir dachten, es sei George Castner«, fuhr Martha fort, »und glaubten die Einzelheiten zu erraten. Er war ein kühler Mann. Du warst eine heißblütige Hawaiianerin. Er muß grausam gewesen sein. Bruder Walcott behauptete stets, er müsse dich geschlagen haben.«

»Nein! Nein!« unterbrach Bella sie. »George Castner war nie brutal, nie roh. Oft hätte ich fast gewünscht, er wäre es. Nie hat er Hand an mich gelegt. Nie – oh, du kannst mir glauben. Bitte, Schwester, glaub es mir –, nie ist ein heftiges, ein böses Wort zwischen uns gefallen. Aber sein Haus, unser Haus in Nahala war grau. Es war grau von Farbe und kühl und frostig, während ich von allen Farben der Sonne, der Erde, des Blutes und der Geburt leuchtete. Es war sehr kalt, grau und kalt, mit diesem meinem grauen kalten Gatten in Nahala. Du weißt, daß er grau war, Martha. Grau wie die Porträts von Emerson, die sie uns in der Schule zeigten. Seine Haut war grau. Sonne und Wetter und ein Leben von früh bis spät im Sattel konnten ihn nicht bräunen. Und innen war er ebenso grau wie außen.

Und ich war neunzehn, als Onkel Robert die Heirat beschloß. Was wußte ich? Onkel Robert sprach mit mir. Er zeigte mir, wie der Reichtum und der Besitz auf Hawaii in die Hände der Haolen überzugehen begann. Die hawaiischen Prinzessinnen, die Haolen geheiratet hatten, sahen ihren Besitz unter der Verwaltung ihrer Gatten glücklich anwachsen. Er wies auf unsern Großvater Roger Wilton hin, der die armseligen Maukaländereien unserer Großmutter vermehrt und die Kilohana-Ranch auf ihnen erbaut hatte –«

»Selbst dann noch kam sie erst an zweiter Stelle nach der Parker-Ranch«, unterbrach Martha sie stolz.

»Und dann sagte er mir, wenn unser Vater vor seinem Tode nur halb so weitschauend wie Großvater gewesen wäre, so würde er die Hälfte von dem damaligen Besitz Parkers zu Kilohana hinzugefügt haben, und Kilohana wäre die erste gewesen. Und er sagte, daß Rindfleisch nie im Leben im Preise steigen würde, und daß die Zukunft Hawaiis im Zucker läge. Das ist fünfzig Jahre her, und er hat recht behalten. Und er sagte, daß der junge Haole George Castner Weitblick und Energie besäße, daß es viele Mädchen gäbe, und daß meine Zukunft glänzend gesichert wäre, wenn ich George heiratete.

Ich war erst neunzehn, hatte gerade die Königliche Schule durchgemacht – damals wurden unsere Töchter noch nicht zur Erziehung nach den Vereinigten Staaten geschickt. Du, Schwester Martha, warst eine der ersten, die auf dem Festland erzogen wurden. Und was wußte ich von Liebe und von Liebenden, was gar von Heirat? Alle Frauen heirateten – das war ihr Beruf hier im Leben. Mutter und Großmutter – alle, soweit ich zurückdenken konnte, hatten geheiratet. Mein Beruf im Leben war es, George Castner zu heiraten. Das sagte Onkel Robert, und ich wußte, daß er sehr klug war. Und ich ging, um mit meinem Gatten in dem grauen Hause zu Nahala zu leben. Du weißt noch: Kein Baum, nur die wogende Grassteppe, dahinter die hohen Berge, drunten Meer und Wind! Der Waimea- und der Nahala-Wind, beide kamen sie zu uns, und der Kona-Wind auch. Aber daraus machte ich mir wenig, nicht mehr als ich mir in Kilohana daraus gemacht hatte, oder als sie sich in Mana daraus machten, wäre Nahala selbst nicht so grau gewesen, und wäre mein Gatte George nicht so grau gewesen. Wir waren allein. Er verwaltete Nahala für die Glenns, die nach Schottland zurückgegangen waren. Er bekam achtzehnhundert jährlich, dazu Fleisch, Pferde, Bedienungen und Wohnung.«

»Das war ein hohes Gehalt damals«, sagte Martha.

»Aber für George Castner und das, was er leistete, war es sehr wenig«, verteidigte Bella ihn. »Ich lebte drei Jahre lang mit ihm zusammen. Kein Morgen fand ihn nach halb fünf noch im Bett. Er war von Eifer für seine Brotgeber beseelt. Bis auf den Pfennig ehrlich in seinen Abrechnungen, gab er ihnen seine Zeit und seine Kraft in vollstem Maße. Vielleicht war es auch das, was unser Leben so grau machte. Aber höre, Schwester Martha! Von seinen achtzehnhundert legte er jedes Jahr sechzehnhundert beiseite. Stell dir das vor: Wir beide lebten von zweihundert jährlich. Glücklicherweise trank er nicht und rauchte nicht. Kleiden taten wir uns auch davon. Ich nähte mir meine Kleider selbst. Du kannst dir vorstellen, wie sie aussahen. Die Cowboys hackten Holz, alle übrige Hausarbeit verrichtete ich. Ich kochte und buk und schrubbte –«

»Und dabei hattest du von deiner Geburt an nie selbst eine Hand gerührt«, sagte Martha mitleidig. »Immer war ein ganzes Regiment Diener in Kilohana!«

»Oh, aber das Schlimmste war die nackte, quälende Knappheit!« rief Bella. »Wie ich ein Pfund Kaffee strecken mußte! Wie ein Besen verbraucht werden sollte, ehe ein neuer angeschafft wurde! Und dieses Rindfleisch! Frisches Rindfleisch morgens, mittags und abends! Und Haferflocken! Nie habe ich seither Haferflocken oder ähnliches essen können!«

Sie stand plötzlich auf und entfernte sich ein Dutzend Schritte, um mit leeren Blicken in die in verschwenderischer Farbenpracht prangende Tiefe zu starren und Zeit zu gewinnen, sich zu fassen. Dann kam sie zurück, hochbrüstig und den edlen Kopf erhoben, in der prachtvollen, sicheren, anmutigen Haltung, die nichts der Hawaiianerin zu rauben vermag. Sehr haolisch war Bella Castner, zarthäutig, feingliedrig. Als sie aber jetzt, hocherhobenen Hauptes, den Blick ihrer länglichen Augen von den königlichen Bogen der Brauen beschattet und mit den sanft geschwungenen Linien ihres kleinen Mundes, der noch heute, mit achtundsechzig Jahren in seiner Schönheit von der Süße von Küssen erzählte, als sie jetzt angeschritten kam, war sie in allem das echte Bild einer Königin von altem Hawaiistamme, der durch den Überschuß ihres Haolenblutes hindurchbrach. Größer war sie als ihre Schwester Martha und, wenn möglich, noch königlicher.

»Wir waren wegen unseres knappen Essens bekannt, weißt du!« Bella lachte leise. »Es waren viele Meilen von Nahala bis zur nächsten Behausung. Reisende, die sich verspätet hatten oder vom Sturm überrascht wurden, übernachteten gelegentlich bei uns. Und du weißt, welche Verschwendung damals auf den großen Gehöften getrieben wurde und noch getrieben wird. Wir wurden eine Zielscheibe des Spottes. ›Was kümmert das uns!‹ pflegte George zu sagen. ›Sie leben heute, aber in zwanzig Jahren wird die Reihe an uns sein, Bella. Dann werden sie sein, wo wir jetzt sind, und werden uns aus der Hand fressen. Wir werden sie füttern müssen, und wir werden sie gut füttern; denn wir werden reich sein, Bella, so reich, daß ich mich fürchte, es dir zu sagen. Aber ich weiß, was ich weiß, und du mußt Vertrauen zu mir haben.‹

George hatte recht. Zwanzig Jahre später hatte ich ein Einkommen von tausend Dollar monatlich, wenn er es auch nicht mehr erlebte. Du meine Güte! Wieviel es heute ist, weiß ich nicht. Aber ich war erst neunzehn, und ich sagte immer zu George: ›Jetzt! Jetzt! Wir leben jetzt. In zwanzig Jahren leben wir vielleicht gar nicht mehr. Ich brauche einen neuen Besen. Und es gibt einen Kaffee, eine mäßige Kaffeesorte, die nur zwei Cent das Pfund mehr kostet als das furchtbare Zeugs, das wir jetzt trinken. Warum darf ich jetzt nicht Eier in Butter braten? Ich möchte doch so gern ein neues Tischtuch haben. Unsere Wäsche! Ich schäme mich, einen Gast auf die Bettlaken zu legen, wenn auch, weiß Gott, selten genug einer zu kommen wagt.‹

›Hab nur Geduld, Bella‹, pflegte er zu antworten. ›Bald, in wenigen Jahren, werden die, die sich jetzt über uns aufhalten, an unserm Tisch sitzen, auf unsern Bettlaken schlafen und stolz sein, wenn wir sie einladen – soweit sie nicht gestorben sind. Du weißt doch noch, wie Stevens voriges Jahr auszog – leichtlebig und aller Welt Freund, nur sein eigener nicht. Die Leute in Kogala mußten ihn dann begraben, denn er hinterließ nichts als Schulden. Achte nur darauf: die andern gehen den gleichen Weg. Dein Bruder Hal zum Beispiel. Bei dem Leben, das er führt, dauert es keine fünf Jahre mehr mit ihm, und es wird seinem Onkel das Herz brechen. Oder Prinz Lilolilo. Galoppiert an mir vorbei mit einer Kavalkade von fünfzig Kanaken, die besser täten, tüchtig zu arbeiten und an ihre Zukunft zu denken, denn er wird nie König von Hawaii werden. Das wird er nicht erleben.‹

George hatte recht. Bruder Hal starb, und Prinz Lilolilo auch. Aber ganz recht hatte George doch nicht. Er, der weder rauchte noch trank, der nie eine unnötige Bewegung auf eine Umarmung verschwendete, seine Lippen nie eine Sekunde länger als zu den oberflächlichen Gewohnheitsküssen benutzte, er, der unabänderlich vor dem ersten Hahnenschrei auf war und schlief, ehe die Petroleumlampe sich ein Zehntel geleert hatte, er, der nie ans Sterben gedacht hatte, starb noch schneller als Onkel Hal und Prinz Lilolilo.

›Hab Geduld, Bella‹, pflegte Onkel Robert zu mir zu sagen. ›George Castner ist der kommende Mann. Ich habe gut für dich gewählt. Dein Ungemach ist nur der steinige Weg ins gelobte Land. Nicht immer werden die Hawaiianer in Hawaii herrschen. Wie sie sich ihren Reichtum aus den Händen entgleiten lassen, so wird ihnen auch die Herrschaft entgleiten. Politische Macht und Landbesitz gehen stets Hand in Hand. Große Änderungen werden kommen, Revolutionen, keiner weiß, welche und wie viele, nur daß am Ende die Haolen das Land und die Herrschaft besitzen werden. Und dann wirst du vielleicht die erste Frau Hawaiis sein, denn sicher wird George Castner Regent der Inseln sein. So ist es stets, wo die Haolen mit den leichtblütigeren Rassen kämpfen. Ich, dein Onkel Robert, ein halber Hawaiianer und ein halber Haole, ich weiß, was ich sage. Hab Geduld, Bella, hab Geduld!‹

›Liebe Bella‹, pflegte Onkel John zu sagen, und ich wußte, daß sein Herz zärtlich für mich schlug. Gott sei Dank ermahnte er mich nie zur Geduld. Er wußte Bescheid. Er war sehr weise. Er war arm und menschlich und darum klüger als Onkel Robert und George Castner, die nur den Gegenstand suchten und nicht den Geist, denen die Zahlen des Hauptbuches wichtiger waren als die Schläge des Herzens, und die über langen Rechnungen Umarmungen und Liebkosungen vergaßen. ›Liebe Bella‹, pflegte Onkel John zu sagen. Und er wußte Bescheid. Du hast wohl gehört, daß er der Geliebte der Prinzessin Naomi war. Er war ein treuer Liebhaber. Er hat nie wieder geliebt. Nach ihrem Tode sagten sie, daß er überspannt sei. Er war der Liebhaber, einmal und immer. Erinnerst du dich an das Tabuzimmer in Kilohana, das wir erst nach seinem Tode betraten, und das ihr Reliquienschrein war? ›Liebe Bella.‹ Mehr sagte er nicht, aber ich wußte, daß er verstand. Und ich war neunzehn und eine sonnenwarme Hawaiianerin, trotz den drei Vierteln Haolenblut in meinen Adern, und ich kannte nichts außer der Pracht meiner Mädchenzeit zu Kilohana und meiner Erziehung in der Königlichen Schule in Honolulu, meinem grauen Gatten in Nahala mit seinen grauen Predigten und Vorträgen über Nüchternheit und Sparsamkeit und den beiden kinderlosen Onkeln der eine mit seinen fernen, kalten Visionen, der andere mit dem gebrochenen Herzen des ewig träumenden Liebhabers einer toten Prinzessin.

Denk an das graue Haus! Und ich hatte das leichte Leben, die Freuden und das ewige Lachen von Kilohana, von den Parkers auf Alt-Mana und von Puuwaawaa gekannt! Du erinnerst dich! Wir lebten damals wie die Fürsten. Willst du, kannst du mir glauben, Martha: Die einzige Nähmaschine, die ich in Nahala hatte, war eine, die die früheren Missionare herübergebracht hatten, ein kleines, verrücktes Ding, das mit einer Handkurbel bedient werden mußte!

Robert und John hatten meinem Gatten bei meiner Heirat jeder fünftausend Dollar gegeben. Aber George bat, es geheimzuhalten. Nur wir vier wußten davon. Und während ich auf dieser verrückten kleinen Maschine meine billigen Holokus nähte, kaufte er für mein Geld Grundbesitz – die oberen Nahalaländereien, weißt du –, immer nur wenig auf einmal, jeder Kauf ein hartnäckiger Handel, wobei sein Gesicht lauter Armut ausdrückte. Heute bringt mir der Nahalagraben allein vierzigtausend jährlich. Aber war es das wert? Ich hungerte. Wenn er mich nur ein einziges Mal toll in seine Arme gepreßt hätte! Wenn er nur ein einziges Mal fünf Minuten von seinen Geschäften oder seiner Treue gegen seine Brotgeber gestohlen und mir geschenkt hätte! Manchmal hätte ich schreien, ihm die ewige Schüssel Haferflocken ins Gesicht schütten oder die Nähmaschine auf den Boden schmettern und eine Hula darüber tanzen können, nur um ihn aufzubringen, daß er seine Ruhe verlöre und Mensch würde, ein brutaler Mensch, ein Mann statt des gefrorenen Halbgottes.«

Der traurige Ausdruck Bellas schwand, und sie lachte aus vollem Halse in der reinen Echtheit froher Erinnerungen. »Aber wenn ich in solcher Stimmung war, pflegte er mich mit seinen Blicken zu mustern, fühlte mir feierlich den Puls, besah meine Zunge, gab mir Rizinusöl, steckte mich früh mit einer Wärmflasche ins Bett und versicherte mir, daß ich mich am nächsten Tag besser fühlen werde. Früh ins Bett! Für uns war es eine Ausschweifung, wenn wir bis neun Uhr aufsaßen! Unsere gewohnte Schlafenszeit war acht. Er sparte Petroleum. Wir kannten kein Mittagessen in Nahala – erinnerst du dich der großen Tafel in Kilohana, an der wir aßen? Aber George und ich aßen Abendbrot. Und danach pflegte er am Tisch dicht vor der Lampe zu sitzen und eine Stunde in alten, entliehenen Magazinen zu lesen, während ich ihm gegenüber saß und Strümpfe und Unterwäsche stopfte. Er trug immer billige, schlechte Stoffe. Und sobald er zu Bett ging, mußte auch ich zu Bett gehen. Kein Petroleum durfte verschwendet werden. Und zu Bett ging er immer auf dieselbe Weise; er zog die Uhr auf, notierte das Wetter des betreffenden Tages in seinem Tagebuch, zog sich die Schuhe aus, unabänderlich zuerst den rechten und dann den linken, und stellte sie ebenso Seite an Seite am Fußende des Bettes neben sich auf den Fußboden.

Er war der sauberste Mann, den ich je gekannt habe. Nie trug er dasselbe Unterzeug zweimal. Ich selbst mußte die Wäsche besorgen. Er war so sauber, daß es weh tat. Er rasierte sich zweimal täglich und verbrauchte für seinen Körper mehr Wasser als ein Kanake. Er leistete die Arbeit von zwei Haolen. Und ich sah, welche Zukunft das Wasser von Nahala hatte.«

»Er machte dich reich, aber er machte dich nicht glücklich«, meinte Martha.

Bella seufzte und nickte.

»Was ist Reichtum am Ende, Schwester Martha? Meinen neuen Wagen habe ich auf dem Dampfer mitgebracht; es ist mein dritter in zwei Jahren. Aber was sind alle Automobile, was ist aller Reichtum gegen einen Liebenden? – Gegen den einen Liebenden, den einen Kameraden, an dessen Seite man arbeitet, leidet, glücklich ist – den Gatten ...«

Ihre Stimme verklang, und die Schwestern saßen ein Weilchen schweigend da; eine alte Frau, eingeschrumpft und gekrümmt von einem hundertjährigen Leben, kam über den Rasen zu ihnen gehumpelt. Ihre verwitterten Augen, kaum mehr als Gucklöcher, waren scharf wie die eines Mungos. Zu Bellas Füßen sank sie nieder, murmelte und sang mit ihrem zahnlosen Munde in reinem Hawaiisch einen Mele über Bella und ihre Vorfahren und fügte aus dem Stegreif einen Willkommensgruß zu ihrer Rückkehr von der weiten Reise über das große Meer nach Kalifornien und zurück nach Hawaii hinzu. Und während sie ihren Mele sang, machten die dürren Finger der alten Frau bei ihr Lomi, das heißt, sie massierten die seidenbestrumpften Beine Bellas vom Knöchel bis zur Wade, zum Knie und zum Schenkel.

Die Augen Bellas und Marthas schimmerten feucht, als die alte Vasallin Lomi und Mele bei Martha wiederholte, und als sie mit ihr in der alten Sprache redeten und die unsterblichen Fragen nach ihrer Gesundheit, ihrem Alter und ihren Urenkeln an sie stellten, die schon Lomi an ihnen gemacht hatte, als sie noch kleine Kinder in dem großen Hause zu Kilohana gewesen waren, wie die Vorfahren der Alten an den Vorfahren Bellas und Marthas undenkliche Generationen zurück Lomi gemacht hatten. Als die Alte ihre Pflicht getan hatte, erhob sich Martha, begleitete sie nach dem Hause, steckte ihr Geld in die Hand und befahl dem stolzen, schönen japanischen Hausmädchen, der gebrechlichen Ureinwohnerin des Landes mit dem aus den Wurzeln der Wasserlilie bereiteten Poi, mit Iamaka – rohem Fisch –, mit zerstoßener Kukuinuß und mit Limu, der leichtverdaulichen, schmackhaften, aus Seegras bereiteten Speise für Zahnlose, aufzuwarten. Es waren die alten Bande, die Treue des Volkes gegen seinen Herrscher, die Fürsorge des Häuptlings für seine Untertanen. Und Martha, deren Blut zu drei Vierteln das angelsächsische des Neuengländers war, wurde zur Vollblut-Hawaiianerin in der Erinnerung an die alten Sitten und Zeiten und ihre Wiederbelebung.

Als sie jetzt über den Rasen zum Haubaum zurückschritt, sahen Bellas Augen, wie echt ihre Bewegungen und ihr Blut waren, und sie umarmte sie voller Liebe. Kleiner als Bella war Martha, um ein winziges kleiner, und auch um ein winziges weniger königlich in ihrer Erscheinung; aber ihre Gestalt war schön und edel, die Jahre hatten ihre Schönheit nur gereift, und wie eine polynesische Fürstin schritt sie jetzt unter den wallenden Linien eines prächtigen, schwarzseidenen, mit schwarzer Spitze besetzten Holokus daher, das kostbarer als eine Pariser Modeschöpfung war.

Und als die beiden Schwestern jetzt ihr Gespräch fortsetzten, würde jeder Beobachter die schlagende Ähnlichkeit ihrer reinen, geraden Profile, ihrer breiten Backenknochen und ihrer breiten, hohen Stirnen, der Fülle ihres eisgrauen Haares und der süßen Lippen ihres von jahrzehntelangem, sicherem Stolz gezeichneten Mundes und der schmalen lieblichen Brauen über den ebenso lieblichen länglichen braunen Augen bemerkt haben. Die Hände beider hatte das Alter kaum verändert oder gar zerstört, sie waren wundervoll mit ihren schlanken Fingern, die alte Hawaiianerinnen, gleich der, welche jetzt Poi, Iamaka und Limu im Hause aß, ihnen von klein auf massiert hatten.

»So ging es ein Jahr«, nahm Bella ihre Erzählung wieder auf, »und da, weißt du, begann alles sich einzurenken. Ich fühlte mich schon zu meinem Gatten George hingezogen, Frauen sind einmal so, und ich war ja eine Frau. Denn im Grunde war er gut. Er war gerecht. Ich begann, mich zu ihm hingezogen zu fühlen, ihn zu schätzen, ja, fast möchte ich sagen, zu lieben. Und hätte Onkel John mir nicht das Pferd geliehen, so würde ich, das weiß ich, ihn wirklich geliebt und glücklich mit ihm gelebt haben – ein ruhiges Glück natürlich.

Ich wußte eben nichts sonst, nichts anderes, nichts Besseres von den Männern. Es kam so weit, daß ich ihn fröhlich über den Tisch ansah, wenn er in der kurzen Stunde zwischen Abendbrot und Schlafengehen las, und daß ich fröhlich auf das Getrappel der Pferdehufe lauschte, wenn er nachts von seinen endlosen Ritten über die Ranch heimkam. Und sein spärliches Lob war wirklich Lob für mich, das mich glücklich prickelte – ja, Schwester Martha, ich wußte, was es hieß, unter seinem pedantisch-gerechten Lob zu erröten, wenn ich etwas recht gemacht hatte.

Und alles wäre gutgegangen bis ans Ende der uns gemeinsam beschiedenen Tage, wäre er nicht mit dem Dampfer nach Honolulu gefahren. Er wollte vierzehn Tage oder länger fortbleiben, zuerst geschäftliche Fragen für die Glenns regeln, um dann im eigenen Interesse noch weiteres Gelände in Ober-Nahala zu kaufen. Weißt du, er kaufte eine Menge von dem unaufgeschlossenen Hügelland, das nichts bietet außer Wasser, eben das Herz der Wasserscheide, für den niedrigen Preis von fünfzehn Cent den Morgen. Und da meinte er, daß mir eine Abwechslung gut täte. Ich wollte ihn nicht nach Honolulu begleiten. Aber mit Rücksicht auf die Ausgaben bestimmte er, daß ich nach Kilohana gehen sollte. Nicht nur, daß der Besuch in meinem alten Heim ihn nichts kostete, er sparte auch noch die Kosten für das bißchen Essen. Wäre ich allein in Nahala geblieben, so hätte ich essen müssen, und für das Geld konnte er noch mehr Grund und Boden kaufen. Und in Kilohana willigte Onkel John ein und lieh mir das Pferd.

Ach, die ersten Tage nach meiner Heimkehr fühlte ich mich wie im Himmel. Zuerst wurde es mir schwer zu glauben, daß es so viel zu essen in der Welt gab. Die ungeheure Verschwendung der Küche erschreckte mich. So gut war ich durch meinen Gatten George erzogen, daß ich in allem Verschwendung sah. Mein Gott, in den Gesindestuben aßen die alten Verwandten der Dienerschaft und Schmarotzer besser, als George und ich je gegessen hatten. Du erinnerst dich, wie wir in Kilohana lebten, ebenso wie bei den Parkers, wo zu jeder Mahlzeit ein Ochse geschlachtet wurde und Läufer aus den Teichen von Waipie und Kiholo frische Fische holten, immer das Beste und Seltenste, was es gab ... Und die Liebe in unserer Familie! Du weißt, wie Onkel John war. Und Bruder Walcott war da und Bruder Edward und alle jüngeren Schwestern – nur du und Sally, ihr wart in der Schule. Und Tante Elisabeth und Tante Janet mit ihrem Mann und ihren Kindern waren zu Besuch da. Es gab nichts als Umarmungen und Zärtlichkeiten, und alles das hatte ich die zwölf langen Monate entbehrt. Ich dürstete danach. Ich war wie ein Überlebender aus offenem Boot, der auf dem Strande niedersinkt und aus dem sprudelnden Quell an den Wurzeln der Palme schlürft.

Und da kam sie, kam von Kawaihae heraufgeritten, wo sie die königliche Jacht verlassen hatte, die ganze prächtige Kavalkade, immer zu zweien, mit Blumen geschmückt, dreißig junge, glückliche und heitere Menschen, auf den Pferden der Parker-Ranch, dazu hundert Cowboys von der Parker-Ranch und ein ebenso großes eigenes Gefolge, ein königlicher Zug. Es war Prinzessin Lihue, von der wir alle wußten, daß sie an der schrecklichen Schwindsucht dahinsiechte; aber sie war in Begleitung ihres Neffen, des Prinzen Lilolilo, dem man überall als dem künftigen König zujubelte, und seiner Brüder, der Prinzen Kahekili und Kamalau. Und mit der Prinzessin kam Ella Higginsworth, die durch ihre Abstammung von Kauai höhere Ansprüche auf den Thron hätte geltend machen können als die königliche Familie selbst, und Dora Niles und Emily Lowcroft und ... doch warum sie alle aufzählen! Ella Higginsworth und ich waren Stubenkameradinnen in der Königlichen Schule gewesen. Und für eine Stunde hielten sie Rast – es gab kein Luau, denn das Luau erwartete sie bei den Parkers, aber Bier und kräftigere Getränke für die Männer und Limonade, Orangen und erfrischende Wassermelonen für die Frauen. Und Ella Higginsworth und die Prinzessin, die sich meiner erinnerte, und alle andern Frauen und Mädchen umarmten mich, und Ella sprach mit der Prinzessin, und die Prinzessin lud mich selbst ein, sie zu begleiten, ich sollte in Mana zu ihnen stoßen, von wo sie zwei Tage später aufbrechen wollten. Und ich war wie von Sinnen – ich, die ich einer Gefangenschaft von zwölf Monaten im grauen Nahala entronnen war. Und ich war erst neunzehn, eben in dieser Woche sollte ich zwanzig werden. Und ich bat Onkel John, mir ein Pferd zu leihen, was natürlich drei bedeutete – ein Cowboy zu Pferde und ein Saumpferd mußten mich begleiten. Damals gab es noch keine Eisenbahnen und keine Automobile. Und das Pferd, das Onkel John mir gab! Es war Hilo. Du wirst dich nicht erinnern. Du warst damals auf der Schule, und als du im nächsten Jahr heimkamst, hatte er beim Einfangen von wildem Vieh auf den Hängen des Mauna Kea sich das Rückgrat und seinem Reiter das Genick gebrochen. Du hast wohl davon gehört – von diesem jungen amerikanischen Seeoffizier.«

»Leutnant Bowsfield«, nickte Martha.

»Hilo aber – ich war die erste Frau, die je auf seinem Rücken saß. Er war drei, beinahe vier Jahre alt und eben zugeritten. So schwarz und schimmernd war sein Fell, daß die hellen Lichter darauf wie Silber glänzten. Er war das größte Reitpferd auf der Ranch, stammte von Sparklingdow ab, der dem König gehörte, seine Mutter war von gleicher Klasse, und noch vor vierzehn Tagen hatte er wild an seinem Strick gezerrt. Nie hatte ich ein so schönes Pferd gesehen. Er hatte die tiefe Brust und die prachtvollen Proportionen des idealen Gebirgsponys, und Kopf und Hals verrieten die reine Abstammung. Er war schlank und doch voll, mit reizenden beweglichen Ohren, nicht zu klein, aber auch nicht zu groß wie die eines störrischen Maulesels. Und auch seine Beine und Füße waren tadellos, sicher und fest, mit langen elastischen Fesseln, die ihn unter dem Sattel zu einem Wunder von Leichtigkeit machen.«

»Ich entsinne mich, gehört zu haben, wie Prinz Lilolilo zu Onkel John sagte, daß du die beste Reiterin in ganz Hawaii seiest«, unterbrach Martha sie. »Das war zwei Jahre später, als ich die Schule verlassen hatte, ihr aber noch in Nahala lebtet.«

»Das sagte Lilolilo!« rief Bella. Ihre braunen Augen leuchteten beinahe wie in einem Erröten, als sie jetzt die Jahre überbrückte und ihres Geliebten gedachte, der fast ein halbes Jahrhundert tot und Staub war. Mit der bescheidenen Sanftmut der Hawaiianerin verbarg sie die unwillkürliche Preisgabe ihres Herzens hinter einem gesteigerten Loblied auf Hilo.

»Ach, wenn er die langen Rasenhänge mit mir hinauf- und hinablief, so war es wie in einem Traum, denn er sprang wie ein Reh, ein Kaninchen, ein Terrier über das Gras hinweg – du kennst das. Und wenn er Kapriolen machte und sich bäumte! Er war ein Pferd für einen General, für einen Napoleon oder einen Kitchener! Und sein Blick war nie böse, sondern schalkhaft, wie wenn er sich über einen Witz freute und lachen wollte. Und ich bat Onkel John, mir Hilo zu leihen. Und Onkel John sah mich an, und ich sah ihn an; und wenn er es auch nicht aussprach, so fühlte ich doch, daß er im Geiste ›liebe Bella‹ sagte, und ich wußte, daß er stets, wenn er mit mir sprach, an Prinzessin Naomi dachte. Und Onkel John sagte ja. Und so geschah es.

Aber er bestand darauf, daß ich einen Versuch mit Hilo machte – ich persönlich, ganz für mich. Er war schwer zu bändigen, herrlich schwer. Aber böse oder gar tückisch war er nicht. Immer wieder verlor ich ihn aus der Hand, aber ich ließ es ihn nicht merken. Ich hatte keine Furcht, und das half mir, ihm das Gefühl beizubringen, daß meine Gedanken ihm immer einen Sprung voraus waren. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob Onkel John sich wohl träumen ließ, was geschehen konnte. So viel weiß ich, daß ich selbst nicht daran dachte an dem Tage, als ich fortritt, um mich der Prinzessin in Mana anzuschließen. Noch nie waren solche Feste dort gefeiert worden. Du kennst die großzügige Gastfreundschaft der Parker. Die Jagd auf Wildschweine und wildes Vieh, das Zureiten und Brennen der Pferde. Die Dienerschaftswohnungen waren überfüllt. Von allen Seiten waren die Cowboys der Parker herbeigeströmt. Und alle Mädchen von Waimea waren gekommen, und die Mädchen von Waipio und Honokaa und Paauilo – ich kann sie noch vor mir sehen, wie sie in langen Reihen auf den steinernen Einfriedigungen saßen und ›Leis‹ (Blumengirlanden) für ihre Liebhaber unter den Cowboys wanden. Und diese Nächte, die duftenden Nächte, das Singen der Meies und das Tanzen der Hulas und die weiten Managründe, wo die Liebenden sich paarweise unter den Bäumen ergingen.

Und der Prinz ...« Bella schwieg, und während einer langen Minute bohrten sich ihre feinen kleinen Zähne tief in die Unterlippe, während sie sich mit Mühe beherrschte und den verschleierten Blick über den fernen blauen Horizont schweifen ließ. Dann sah sie mit einem Seufzer wieder auf ihre Schwester.

»Er war ein Prinz, Martha. Du hast ihn in Kilohana gesehen, bevor ... nein, als du vom Seminar heimkamst. Er war eine Augenweide für jede Frau, und für jeden Mann auch. Er war fünfundzwanzig Jahre alt und stand in der ganzen Pracht männlicher Reife, groß und königlich an Körper, wie er groß und königlich an Geist war. So ausgelassen auch das Vergnügen, so wild der Sport war, er schien nie zu vergessen, daß er von königlichem Geblüt war, und daß all seine Vorfahren hohe Häuptlinge gewesen waren bis hinauf zu dem ersten, von dem sie in den Stammesliedern sangen, und der mit seinen Doppelkanus bis nach Tahiti und Raiatea gefahren war. Er war anmutig, lieb, freundlich, kameradschaftlich und freundschaftlich – und er konnte streng und hart sein, wenn er gekränkt wurde. Ich kann es schwer ausdrücken. Er war ein Mann, ein Mann durch und durch, und ganz Prinz mit einem Anflug von knabenhafter Fröhlichkeit, und das Rückgrat, das er besaß, würde ihn zu einem guten und starken König gemacht haben, wenn er auf den Thron von Hawaii gelangt wäre.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie ich ihn an jenem ersten Tage sah, als ich seine Hand berührte und mit ihm sprach ... wenige Worte nur und scheu, wie eben eine Frau spricht, die mit einem grauen Haolen im grauen Nahala verheiratet ist. Um ein halbes Jahrhundert liegt sie zurück, diese Begegnung – du erinnerst dich, wie unsere Jünglinge damals gekleidet gingen: weiße Schuhe und Beinkleider, weißseidene Hemden, und um den Leib die farbenprächtige Schärpe – und ein halbes Jahrhundert lang ist dieses Bild nicht aus meinem Herzen gewichen. Er stand inmitten einer Gruppe auf dem Rasen. Und Ella Higginsworth wollte mich gerade vorstellen. Prinzessin Lihue hatte ihr irgendeine Neckerei zugerufen, und um zu antworten, blieb sie stehen. So standen wir beide gerade vor ihr.

Sein Blick fiel zufällig auf mich, wie ich allein und verwirrt dastand. Ach, wie ich ihn vor mir sehe! den Kopf leicht zurückgeworfen, in seiner prachtvollen, königlich sorglosen Haltung. Er neigte den Kopf oder richtete seinen Blick auf mich – ich weiß nicht, was geschah. Befahl er? Gehorchte ich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich gut anzuschauen war, wie ich dastand, mit zartem Maile bekränzt in dem wundervollen Holoku der Prinzessin Naomi, das Onkel John mir aus seinem Taburaum geliehen hatte; und ich weiß, daß ich ganz allein über den Rasen auf ihn zuschritt, und daß er sich aus der Gruppe löste und auf mich zukam, um mir auf halbem Wege zu begegnen. Über den Rasen hinweg gingen wir, alles vergessend, aufeinander zu, wie wenn wir quer durch unser Leben schritten.

War ich sehr schön, Schwester Martha, als ich jung war? Ich weiß es nicht. Aber in diesem Augenblick, als er in seiner Schönheit und seiner wahrhaft königlichen Männlichkeit auf mich zuschritt und in mein Herz eindrang, wurde ich mir plötzlich meiner eigenen Schönheit bewußt – wie soll ich es ausdrücken? – Wie wenn er seine eigene Vollkommenheit ausstrahlte und in mir zum Leben erweckte.

Kein Wort fiel. Aber, ach, ich weiß, daß mein Antlitz sich zu offener Antwort auf den Drommetenklang der unausgesprochenen Botschaft erhob, und daß, hätte in diesem einzigen Augenblick und diesem einzigen Nu der Tod gelegen, ich mich nicht hätte zurückhalten können, mich ihm zu schenken in dem, was mein Gesicht und meine Augen, ja selbst mein tief atmender Körper ausdrückten.

War ich schön, sehr schön, Martha, als ich neunzehn war und gerade zwanzig werden sollte?«

Und Martha, die Vierundsechzigjährige, sah Bella, die Achtundsechzigjährige, an und nickte bestätigend, und zu ihr selber sprach, was sie in diesem Augenblick sah – Bellas noch voller, schöngeformter Hals, länger als der der Hawaiianerin im allgemeinen, und von ihm gestützt, das königliche Haupt mit dem vollen, hochstirnigen Antlitz; Bellas hochgestecktes, dichtes Haar, das, leuchtend vom Silber der Jahre und immer noch lockig, einen starken Kontrast zu ihren feingezeichneten schwarzen Brauen und ihren tiefbraunen Augen bildete. Und Martha ließ, ihre Scheu besiegend, ihren Blick über die prachtvolle Brust und die edlen Linien der Gestalt Bellas bis zu den in hohen seidenen Stöckelschuhen steckenden kleinen, kräftigen Füßen gleiten, die mit fast spanischer Grandezza dahinzuschreiten verstanden.

»Wenn man jung ist, in der einzigen Zeit der Jugend!« lachte Bella. »Lilolilo war Prinz. Ich sollte jeden seiner Züge in jeder Phase kennenlernen ... später, in unsern Wintertagen und -nächten an den singenden Wassern, an der einschläfernden Brandung und auf den Bergpfaden. Ich kannte seine schönen, mutigen Augen mit den geraden schwarzen Brauen, mit der Nase, die sicher die Nase Kamehamehas war, und die letzte, feinste geliebte Schwingung seines Mundes. Es gibt keinen schöneren Mund, Martha, als den hawaiischen. Und sein Körper! Er war ein fürstlicher Athlet, von seinem lockeren, störrischen Haar bis zu seinen Knöcheln aus Stahlbronze. Gerade neulich hörte ich, wie man von einem Enkel von Wilder als dem ›Prinzen von Haward‹ sprach. Lieber Gott, wenn sie Lilolilo gekannt hätten! Was war dieser junge Wilder, was war ganz Havard gegen ihn!«

Bella schwieg tief atmend, während sie ihre feine, kleine Hand in den Schoß ihres weiten, seidenen Gewandes sinken ließ. Aber sie errötete leicht, und ihre Augen wurden warm, als sie jetzt ihre Prinzentage wiedererlebte.

»Nun – du hast es erraten?« sagte Bella, zuckte herausfordernd die Achseln und sah ihrer Schwester gerade in die Augen. »Wir ritten vom heiteren Mana fort und setzten die heitere Reise fort – auf den Lavawegen hinab nach Kiholo, um zu schwimmen, zu fischen, Feste zu feiern und im warmen Sande unter den Palmen zu schlafen; und hinauf nach Puuwaawaa, um Schweine zu jagen und Wildschafe im oberen Weideland zu treiben; und weiter durch Kona, das jetzt Mauka (Bergan) heißt, abwärts nach dem Königspalast zu Kailua und zum Schwimmen nach Keauhau und nach der Pealakekua-Bucht und nach Nepoopoo und Honaunau. Und überall strömte das Volk herbei, in den Händen Blumen, Früchte, Fische und Schweine, und in den Herzen Liebe und Gesang, die Häupter neigten sich vor den königlichen Herrschaften, und von ihren Lippen ertönten Ausbrüche höchsten Erstaunens oder Meles aus alten, unvergeßlichen Zeiten.

Was soll ich mehr erzählen, Schwester Martha? Du weißt, wie wir Hawaiianer sind. Du weißt, wie wir vor einem halben Jahrhundert waren. Lilolilo war herrlich. Ich war leichtsinnig. Lilolilo war der Mann, jede Frau leichtsinnig zu machen. Ich aber war doppelt leichtsinnig, denn das kalte, graue Nahala stand hinter mir. Ich wußte Bescheid, kannte keinen Zweifel, keine Hoffnung. Ehescheidungen waren damals unmöglich, selbst im Traum. Die Frau George Castners konnte nie Königin von Hawaii werden, selbst wenn die von Onkel Robert prophezeiten Revolutionen nicht kamen und Lilolilo König wurde. Aber ich dachte gar nicht an den Thron. Was ich wünschte, war, Königin in Lilolilos Leben, seine Genossin zu sein. Ich beging keinen Irrtum; was unmöglich war, war unmöglich, und ich träumte keine törichten Träume. Es war eine Atmosphäre der Liebe. Und Lilolilo liebte. Immer bekränzte er mich mit Leis, ließ sie mir durch seine Läufer den weiten Weg von den Rosengärten von Mana bringen: fünfzig Meilen weit über Lava und weite Strecken, taufrisch wie in dem Augenblick, da sie gepflückt worden waren, in ihren Schmuckkästchen aus Bananenrinde. Ellenlang waren sie, diese Schnüre aus winzigen rosa Blüten wie aufgereihte neapolitanische Korallen. Und bei den Luaus (Festen), den ewigen, nie endenden Festen mußte ich auf Lilolilos Matte, der prinzlichen Matte sitzen, die für jeden geringeren Sterblichen ein Tabu war, das nur seine Leutseligkeit und sein Wunsch lösen konnte. Und ich mußte meine Finger in seine eigene Pa Wai Holoi (Fingerschale) tauchen, in deren lauem Wasser duftende Blütenblätter schwammen. Ja, und unbesorgt, ob alle andern die mir gewährte Gunst sahen, mußte ich mir meine Prisen aus rotem Salz und Limu, Kukuinuß und Chilipfeffer aus seinem Pa Paakai nehmen und mit ihm aus seinem Ipu Kai aus Kouholz essen, aus dem der große Kamehameha selbst auf vielen ähnlichen Reisen gegessen hatte. Und ebenso war es mit den Gerichten, die nur für Lilolilo und die Prinzessin allein bereitet wurden – Nelu, Ake, Palu und Alaala. Und seine Kahilis wurden über mir geschwungen, und seine Diener waren die meinen, und er war mein; und von meinem blumengeschmückten Haar bis hinab zu meinen glücklichen Füßen war ich ein geliebtes Weib.«

Wieder preßten sich Bellas kleine Zähne in ihre Unterlippe, während sie ihren verschleierten Blick über das Meer schweifen ließ und um Selbstbeherrschung rang.

»Durch ganz Koana und Kau ging es, von Hoopulola und Kapua nach Honuapo und Punaluu, eine ganze Welt voll Erlebens in den Zeitraum von zwei kurzen Wochen eingepreßt. Eine Blume blüht nur einmal. Dies war meine Blütezeit. – Lilolilo neben mir, ich selbst auf meinem prächtigen Hilo, Königin, nicht von Hawaii, aber Lilolilos und der Liebe. Er nannte mich eine Seifenblase von Farbe und Schönheit auf dem schwarzen Rücken des Leviathans, einen zarten Tautropfen auf dem rauchenden Schaum der Lavaflut, einen auf einer Gewitterwolke reitenden Regenbogen ...«

Bella schwieg einen Augenblick.

»Ich will dir nicht mehr von dem erzählen, was er sagte«, erklärte sie ernst. »Nur daß in dem, was er sagte, das Feuer der Liebe und der Inbegriff der Schönheit war, und daß er mir Hulas schrieb und sie mir vor allen andern vorsang, in den Sternennächten, wenn wir bei den Festen auf unsern Matten lagen – ich auf der Matte Lilolilos.

Und weiter ging es nach Kilauea – so nahe war der Traum seinem Ende. Und natürlich warfen wir dort, wo sich die Lava ins Meer ergießt, unsere Opfer für die Feuergottheit, Leis, Fische und harten Poi, in feuchte Blätter gewickelt, in den Abgrund. Und wir setzten unsere Reise durch Alt-Puna fort und feierten Feste und tanzten und sangen in Kohoualea und Kamaili und Opihikao und schwammen in den klaren Teichen von Kapana. Und schließlich kamen wir nach Hilo am Meere.

Das war das Ende. Nie hatten wir darüber gesprochen, aber wir wußten doch, daß es das Ende war.

Die Jacht wartete. Wir hatten uns um mehrere Tage verspätet, Honolulu rief, und wir erfuhren, daß der König einem sonderbaren Pupule (Wahnsinn) verfallen war, daß die katholischen und die protestantischen Missionare sich verschworen hatten, und daß Verwicklungen mit Frankreich drohten. Wie sie zwei Wochen zuvor in Kawaihae gelandet waren, mit Gelächter, Blumen und Gesang, so brachen sie jetzt von Hilo auf. Es war ein fröhlicher Aufbruch voll Scherz und Lustigkeit und tausend letzten Botschaften, Ermahnungen und Scherzen. Der Anker wurde zu einem Abschiedslied der Singknaben Lilolilos auf dem Achterdeck gelichtet, während wir in den großen Kanus und Booten saßen, wie der erste Hauch die Segel des Fahrzeugs blähte und die Entfernung langsam wuchs. Und in all dem Gewirr und der Aufregung, im Hin und Her der Abschiedsgrüße und Scherze, stand Lilolilo an der Reling und blickte zu mir herab. Auf dem Kopfe trug er meine Ilima Lei, die ich für ihn gewunden und ihm aufgesetzt hatte. Und alle auf der Jacht begannen ihren Lieben in den Kanus ihre vielen Leis zuzuwerfen. Ich hatte kein Anrecht, darauf zu hoffen ... Und doch hoffte ich, schweigend und ohne daß mein Gesicht, das so fröhlich wie das aller andern war, es verriet. Aber Lilolilo tat, was er, wie ich von der ersten Sekunde an gewußt hatte, tun mußte. Mir offen und ehrlich ins Auge blickend, nahm er meine schöne Ilima Lei vom Kopfe und zerriß sie. Ich sah, wie seine Lippen sich wölbten zu dem einzigen Wort ›Pau‹ (Ende), es aber nicht aussprachen. Die Stücke des Leis nochmals zerreißend, warf er sie herab, nicht mir zu, sondern in das immer mehr sich verbreiternde Wasser. Pau. Es war vorbei ...«

Lange weilte der leere Blick Bellas auf dem Horizont über dem Meer. Martha wagte dem Mitgefühl, das ihre Augen netzte, keine Worte zu verleihen.

»Und ich ritt an diesem Tage auf dem schlechten alten Pfade die Hamakuaküste entlang«, berichtete Bella mit einer Stimme, die anfangs seltsam rauh und trocken war. »Dieser erste Tag war nicht so schwer. Ich war wie benommen. Ich war zu voll von all dem Wunderbaren, das ich vergessen mußte, um zu wissen, daß ich es vergessen mußte. Die Nacht verbrachte ich in Laupahoehoe. Weißt du, ich hatte eine schlaflose Nacht erwartet; statt dessen schlief ich, müde vom Reiten und immer noch benommen, die ganze Nacht wie eine Tote.

Aber der nächste Tag, bei Wind und Regen! Wie es wehte und goß! Der Weg war unpassierbar, immer wieder stolperten unsere Pferde. Der Cowboy, den Onkel John mit den Pferden geliehen hatte, protestierte zuerst, dann folgte er mir durch dick und dünn, indem er den Kopf schüttelte und immer wieder murmelte, daß ich pupule sei. Das Saumroß ließen wir in Kukuihaele zurück. Nach Mud Lane hinauf schwammen wir beinahe gegen einen Strom von Schlamm. In Waimea mußte der Cowboy das Pferd wechseln. Aber Hilo hielt durch. Von Tagesanbruch bis Mitternacht war ich im Sattel, bis Onkel John mich in Kilohana vom Pferd hob und in seinen Armen hineintrug, die Frauen aus ihren Betten aufscheuchte, damit sie mir Lomi machten und mir heißen Palmwein einflößten, daß Schlaf und Vergessen mich betäubten. Ich weiß, daß ich erzählt und phantasiert und daß Onkel John alles erraten haben muß. Aber keinem, selbst mir nicht, hat er je mit dem leisesten Hauch etwas davon gesagt. Was er auch erraten haben mochte, er verschloß es im Taburaum der Naomi.

Ich habe verschwommene Erinnerungen an diesen Tag, an die Raserei meines gebrochenen Herzens gegen das Schicksal – an mein aufgelöstes, vom Sturm und Regen gepeitschtes nasses Haar, an endlose Tränen, die sich mit der Sintflut um mich her mischten, an leidenschaftliche Ausbrüche und Groll gegen eine böse Welt, die ich nicht verstand. Erinnerungen daran, daß ich mit den Händen auf den Sattelknauf trommelte, daß ich meinen Cowboy anschrie und meinem armen prächtigen Hilo die Sporen in die Rippen stieß, in der Hoffnung, daß er sich bäumen, mich unter sich begraben und meine Schönheit vernichten oder mit mir in den Abgrund stürzen sollte, daß Pau käme, das Ende, das die Lippen Lilolilos nicht ausgesprochen hatten, als er meine Ilima Lei zerriß und ins Meer warf.

Mein Gatte George war in Honolulu aufgehalten worden. Als er nach Nahala zurückkehrte, erwartete ich ihn. Er umarmte mich feierlich, küßte gewohnheitsmäßig meine Lippen, besah ernst meine Zunge, bekrittelte mein Aussehen und meinen Gesundheitszustand und schickte mich mit einer Wärmflasche und einer Dosis Rizinusöl ins Bett. Als wäre ich ein Teil eines Uhrwerks, eines seiner Zähne oder ein Rad, das sich unvermeidlich und unbarmherzig drehte, so kehrte ich wieder in das graue Leben von Nahala zurück. Jeden Morgen um halb fünf stand George auf, und um fünf Uhr saß er zu Pferde. Ewig gab es Haferflocken, den entsetzlichen billigen Kaffee und das frische Rindfleisch. Ich kochte, buk und schrubbte. Ich drehte die verrückte kleine Nähmaschine und verfertigte meine billigen Holokus. Abend für Abend, zwei Jahre lang, die mir wie endlose Jahrhunderte erschienen, saß ich bis acht Uhr am Tisch ihm gegenüber und stopfte seine billigen Socken und sein zerlumptes Unterzeug, während er in alten geliehenen Magazinen las, auf die selbst zu abonnieren er zu geizig war. Und dann war Schlafenszeit – wir mußten Petroleum sparen –, und er zog seine Uhr auf, notierte das Wetter in seinem Tagebuch, zog sich die Schuhe aus, den rechten zuerst, und stellte sie nebeneinander an sein Bettende.

Aber mich zog nichts mehr hin zu meinem Gatten George, wie es geschienen hatte, ehe Prinzessin Lihue mich zu der Reise eingeladen und Onkel John mir das Pferd geliehen hatte. Du siehst, Schwester Martha, es wäre nichts geschehen, hätte Onkel John mir das Pferd nicht gegeben. Aber ich hatte Lilolilo, ich hatte die Liebe kennengelernt. Und welche Möglichkeit hatte George jetzt noch, mein Herz aus Achtung oder aus Leidenschaft zu gewinnen? Und zwei Jahre lang war ich in Nahala eine Tote, die irgendwie ging und sprach und buk und schrubbte und Strümpfe stopfte und Petroleum sparte. Und dann sagten die Ärzte, daß das schlechte Unterzeug schuld war, in dem er in den winterlichen Regenstürmen immer in den Bergen nach dem Wasser von Nahala sah.

Als er starb, war ich nicht traurig. Ich war schon zu lange traurig gewesen. Aber glücklich war ich auch nicht. Mein Glück war in Hilo gestorben, als Lilolilo meine Ilima Lei ins Meer geworfen hatte, und nie mehr sollte ich das Glück kennenlernen. Lilolilo starb, ehe ein Monat nach dem Tode meines Gatten George vergangen war. Nach der Abreise von Hilo sollte ich ihn nicht wiedersehen. O ja, Verehrer hatte ich genug. Aber ich war wie Onkel John. Ich konnte nur einmal lieben. Onkel John hatte sein Naomi-Zimmer in Kilohana. Mein Lilolilo-Raum war fünfzig Jahre lang in meinem Herzen. Du bist die erste, Schwester Martha, der ich Zutritt zu diesem Raum gewährt habe ...«

Ein Automobil bog vom Wege herein, hielt, und über den Rasen kam Marthas Gatte geschritten. Aufrecht, schlank, grauhaarig, mit straffer militärischer Haltung, so war Roscoe Scandwell, einer der »Großen Fünf«, deren Interessengemeinschaft das Schicksal Hawaiis bestimmte. Er selbst war ein reinblütiger, in Neuengland geborener Haole.

Er küßte zuerst Bella, indem er sie herzlich nach hawaiischer Art umarmte. Sein schneller Blick sagte ihm, daß die beiden Frauen sich gerade ausgesprochen hatten, und daß trotz ihrer offensichtlichen Erregung dank der Weisheit ihrer Jahre alles gut ausgeklungen sei.

»Elsie und die Kleinen kommen – ich habe gerade ein Funktelegramm vom Dampfer bekommen«, erzählte er, nachdem er seine Frau geküßt hatte. »Sie werden einige Tage bei uns bleiben, ehe sie nach Maui weiterreisen.«

»Ich wollte dich eigentlich im Rosenzimmer unterbringen, Schwester Bella«, dachte Martha laut. »Es eignet sich aber besser für sie und die Kinder mit ihren Wärterinnen. Du sollst daher das Zimmer der Königin Emma haben.«

»Das hatte ich auch letztes Mal, und es ist mir lieber«, sagte Bella.

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