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Die glücklichen Inseln

Jack London: Die glücklichen Inseln - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJack London
titleDie glücklichen Inseln
publisherSüdwest Verlag
year1971
printrun2. Auflage. 21.- 30. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171113
projectidccd4aa52
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Chun Ah Chun

Es war nichts Auffallendes an dem Äußeren Chuns. Er war – wie Chinesen im allgemeinen etwas untersetzt und hatte schmale Schultern und das spärliche Fleisch des Chinesen. Der Durchschnittstourist, der ihn zufällig auf den Straßen Honolulus gesehen hätte, würde ihn für einen gutmütigen kleinen Chinesen, vermutlich den Besitzer einer gutgehenden Wäscherei oder eines Schneidergeschäfts gehalten haben. Was Gutmütigkeit und Wohlfahrt betraf, so würde das Urteil richtig, wenn auch nicht ganz treffend gewesen sein; denn Chun Ah Chun war ebenso gutmütig wie wohlhabend, aber wie wohlhabend, davon wußte kein Mensch auch nur den zehnten Teil. Es war bekannt, daß er ungeheuer reich war, aber in seinem Fall war das Wort »ungeheuer« nur ein Ausdruck für das Unbekannte.

Ah Chun hatte kluge kleine Augen, wie schwarze Perlen und so winzig, daß sie Bohrlöchern glichen. Aber sie standen weit auseinander und wurden von einer Stirn beschirmt, die deutlich die eines Denkers war. Denn Ah Chun hatte seine Probleme und hatte sie sein ganzes Leben lang gehabt. Nur daß er sich nie damit gequält hatte. In erster Reihe war er Philosoph, und ob er Kuli oder Multimillionär und Herrscher über viele Männer war, so blieb sein seelisches Gleichgewicht doch dasselbe. Er lebte immer in dem erhabenen seelischen Gleichgewicht, das weder Glück noch Unglück erschüttern konnte. Aus allem zog er seinen Vorteil, ob es die Prügel des Aufsehers auf den Zuckerrohrfeldern waren oder ein Fallen der Zuckerpreise, als er selbst Besitzer der Felder war. Und so beherrschte er von dem Felsen seiner sicheren Zufriedenheit aus Probleme, über denen nur wenige Männer, geschweige denn ein chinesischer Bauer, zu grübeln hatten.

Denn das war es eben – ein chinesischer Bauer, dazu geboren, sein Leben lang wie ein Tier auf dem Felde zu arbeiten, aber entschlossen, dem Felde zu entkommen wie ein Prinz im Märchen. Ah Chun konnte sich seines Vaters, eines Kleinbauern in der Gegend von Kanton, nicht erinnern, auch seiner Mutter, die starb, als er sechs Jahre alt war, erinnerte er sich kaum. Aber er gedachte viel seines verehrten Onkels Ah Kow, denn ihm hatte er von seinem sechsten bis zu seinem vierundzwanzigsten Jahre als Sklave gedient. Hiervon befreite er sich dann, indem er sich als Kuli zu dreijähriger Arbeit auf den Zuckerplantagen von Hawaii zu fünfzig Cent täglich verdingte.

Ah Chun beobachtete scharf. Er hatte einen Blick für Kleinigkeiten, die nicht einer von tausend je bemerkte. Drei Jahre arbeitete er auf den Feldern, dann verstand er mehr von Zuckerrohranbau als die Aufseher und selbst der Inspektor, und der Inspektor wäre erstaunt gewesen über die Kenntnisse, die der welke kleine Kuli über den Verarbeitungsprozeß in der Mühle besaß. Aber Ah Chun studierte nicht nur den Gang der Zuckererzeugung. Er versuchte herauszubekommen, wie man Besitzer von Zuckermühlen und Plantagen wurde. Eine Feststellung machte er bald, nämlich, daß man nicht durch die Arbeit seiner eigenen Hände reich wurde. Das wußte er, denn er hatte selbst zwanzig Jahre lang gearbeitet. Leute, die reich wurden, wurden es durch die Arbeit anderer Hände. Der Mann war am reichsten, der die größte Zahl von Mitmenschen für sich arbeiten ließ.

Als sein Kontrakt abgelaufen war, steckte Ah Chun deshalb seinen Spargroschen in ein kleines Importgeschäft und ging mit einem gewissen Ah Yung zusammen. Diese Firma wurde schließlich die große »Ah Chun & Ah Yung«, die Geschäfte mit allem möglichen, von indischen Seidenstoffen und Gewürzen bis zu Guano-Inseln und Arbeiterwerbeschiffen, machte. Vorläufig nahm Ah Chun jedoch eine Stellung als Koch an. Er war ein guter Koch, und nach drei Jahren war er der bestbezahlte Küchenchef in Honolulu. Seine Zukunft war gesichert, und er war ein Esel, daß er die Stellung aufgab, wie sein Chef Dantin ihm sagte; aber Ah Chun wußte, was er wollte, wurde deshalb ein dreifacher Esel genannt und erhielt ein Geschenk von fünfzig Dollar außer dem Lohn, den man ihm schuldig war.

Die Firma Ah Chun & Ah Yung hatte Glück. Ah Chun brauchte nicht mehr als Koch zu arbeiten. Es waren gute Zeiten für Hawaii. Man pflanzte Zucker in großem Maßstabe und brauchte Arbeitskräfte. Ah Chun nahm die Gelegenheit wahr und verlegte sich auf den Import von Arbeitskräften. Er brachte Tausende von Kulis von Kanton nach Hawaii, und sein Reichtum begann zu wachsen. Er legte sein Geld an. Seine schwarzen Perlenaugen sahen gute Geschäfte, wo andere Leute die Pleite sahen. Er kaufte für ein Butterbrot einen Fischteich, der später fünfhundert Prozent ergab und die Quelle wurde, die ihm das Monopol auf den Fischhandel von Honolulu sicherte. Er hielt keine Reden, um bekannt zu werden, gab sich weder mit Politik noch mit revolutionären Spielereien ab, aber er sah den Gang der Ereignisse deutlicher und länger voraus als die Männer, die sie ins Werk setzten. Mit den Augen seiner Seele sah er Honolulu als eine moderne, elektrisch erleuchtete Stadt zu einer Zeit, da sie sich, unordentlich und halb im Sande vergraben, über eine öde Sandbank und auftauchende Korallenriffe erstreckte. Also kaufte er Grundstücke. Er kaufte Grundstücke von Kaufleuten, die Bargeld brauchten, von armen Eingeborenen, von den verkommenen Söhnen von Händlern, von Witwen und Waisen und von den Aussätzigen, die nach Molokai deportiert wurden. Mit den Jahren zeigte es sich, daß man die Grundstücke, die er gekauft hatte, für Speicher, Warenhäuser oder Hotels brauchte. Er vermietete und verpachtete, verkaufte und kaufte und verkaufte wieder.

Aber es gab noch anderes. Er schenkte Parkinson, dem Renegaten und Schiffer, auf den niemand sich verlassen wollte, sein Vertrauen und gab ihm Geld. Und Parkinson unternahm mit der kleinen »Vega« geheimnisvolle Reisen. Ah Chun sorgte für Parkinson, bis er starb, und viele Jahre später erlebte Honolulu eine Überraschung, als durchsickerte, daß die Guano-Inseln Drake und Acorn für dreiviertel Millionen an die Englische Phosphat-Gesellschaft verkauft worden waren. Es kamen die fetten, einträglichen Tage unter König Kalakaua, als Ah Chun dreihunderttausend Dollar für die Opiumkonzession bezahlte. Wenn er aber eine drittel Million für das Monopol auf das Gift bezahlte, war es doch eine gute Geldanlage, denn für den Gewinn kaufte er die Kalalau-Plantage, die ihm wieder siebzehn Jahre lang dreißig Prozent brachte, und die er schließlich für anderthalb Millionen verkaufte.

Es war unter den Kamehamehas, lange ehe er seinem Vaterland als chinesischer Konsul diente – eine Stellung, die ihm nicht das geringste einbrachte –, und zwar unter Kamehameha IV., daß er seine Staatsbürgerschaft wechselte und die von Hawaii annahm, um Stella Allendale heiraten zu können, die selbst Untertanin des braunhäutigen Königs war, obwohl mehr angelsächsisches als polynesisches Blut in ihren Adern floß. In ihr war die verschiedenartige Abstammung tatsächlich so verdünnt, daß man mit Achteln und Sechzehnteln rechnen mußte. Zu einem Sechzehntel hatte sie das Blut ihrer Urgroßmutter Paahao – der Prinzessin Paahao, denn sie gehörte der Königsfamilie an. Der Urgroßvater Stella Allendales war ein gewisser Kapitän Blunt gewesen, ein englischer Abenteurer, der in den Dienst Kamehamehas getreten und selbst Tabu-Häuptling geworden war. Ihr Großvater war ein Walfänger-Kapitän aus New Bedford gewesen, während sie durch ihren eigenen Vater eine entfernte Mischung von italienischem und portugiesischem Blut besaß, die seiner eigenen englischen Rasse eingeimpft worden war. Juristisch war Ah Chuns Ehegattin Hawaiianerin, in Wirklichkeit gehörte sie jeder anderen der drei genannten Nationen mehr an. Und in diese Mischung von Rassen brachte Ah Chun die mongolische. So wurden denn die Kinder, die er mit Frau Ah Chun zeugte, zu einem Zweiunddreißigstel Polynesier, zu einem Sechzehntel Italiener, zu einem Sechzehntel Portugiesen, zur Hälfte Chinesen und zu elf Zweiunddreißigstel Engländer und Amerikaner. Es kann schon sein, daß Ah Chun nicht geheiratet haben würde, hätte er die seltsame Familie voraussehen können, die das wunderbare Ergebnis dieser Verbindung wurde. Sie war in vieler Beziehung wunderbar. Erstens durch ihre Größe. Er hatte fünfzehn Söhne und Töchter, größtenteils Töchter. Die Söhne kamen, drei an der Zahl, zuerst, und dann folgte in unabänderlicher Reihenfolge ein Dutzend Mädchen. Die Rassenmischung war ausgezeichnet. Sie erwies sich nicht nur als fruchtbar, die Nachkommenschaft war auch ausnahmslos gesund und tadellos. Aber das Verblüffendste an der Familie war ihre Schönheit. Alle Mädchen waren schön – zart, ätherisch schön. Die runden Linien von Mama Ah Chun schienen die mageren Kanten Papa Ah Chuns abzuschleifen, und die Töchter wurden schlank, ohne hager, rund, ohne fett zu sein. Jeder Zug eines jeden Gesichts erinnerte immer noch an Asien, aber alle diese Züge waren umgearbeitet und verdeckt von Alt-England, Amerika und Südeuropa. Keiner, der sie sah, hätte ohne näheres Wissen erraten können, wieviel chinesisches Blut in ihren Adern floß, aber andererseits konnte niemand, der sie sah und Bescheid wußte, die chinesischen Merkmale übersehen.

Als Schönheiten waren die Mädchen Ah Chuns etwas Neues. Man hatte nie ihresgleichen gesehen. Sie glichen niemand so sehr, wie sie einander glichen, und doch hatte jede von ihnen ihre besondere Individualität. Man konnte sie nicht miteinander verwechseln. Andererseits erinnerte einen die blauäugige und blonde Maud gleich an Henrietta, eine olivenfarbene Brünette mit großen, schmachtenden dunklen Augen und blauschwarzem Haar. Diese Ähnlichkeit aller untereinander, die jeden Unterschied ausglich, war der Beitrag Ah Chuns. Er hatte den Grund gelegt, auf dem die gemischten Muster der Rasse sich gezeichnet hatten. Von ihm stammte der feingebaute chinesische Rahmen, innerhalb dessen die Feinheit und Eleganz des angelsächsischen, romanischen und polynesischen Fleisches sich aufgebaut hatte.

Frau Ah Chun hatte ihre eigenen Ideen, auf die Ah Chun sein Vertrauen setzte, die er jedoch nie zum Ausdruck kommen ließ, sobald sie in Widerspruch zu seiner eigenen philosophischen Ruhe gerieten. Sie war ihr ganzes Leben gewohnt gewesen, europäisch zu leben. Schön. Ah Chun schenkte ihr ein europäisches Haus. Später, als seine Söhne und Töchter groß genug waren, um ihre Meinung zu äußern, erbaute er eine Villa, ein geräumiges, weitläufiges Gebäude, ebenso bescheiden wie prachtvoll. Nach einiger Zeit erhob sich auch ein Haus auf dem Tantalusberge, wo die Familie hinziehen konnte, wenn der »kranke Wind« vom Süden wehte. Und bei Waikiki baute er sich eine Wohnung am Strande auf einem großen Grundstück, das so gut gewählt war, daß er eine riesige Summe daran verdiente, als die Regierung der Vereinigten Staaten es später zu Festungsanlagen enteignete. In allen Häusern gab es Billards und Fremdenzimmer in großer Zahl, denn die wunderbare Nachkommenschaft Ah Chuns legte Wert auf Geselligkeit. Die Möbel waren extravagant in all ihrer Einfachheit. Lösesummen von Königen wurden ausgegeben, ohne daß es zur Schau gestellt wurde – dank dem gut entwickelten Geschmack der Nachkommenschaft.

Ah Chun hatte bei ihrer Erziehung nicht gespart. »Die Ausgaben spielen keine Rolle«, hatte er in alten Tagen zu Parkinson gesagt, als der gleichgültige Seemann keinen Grund finden konnte, die »Vega« seetüchtig zu machen. »Führen Sie nur den Schoner, ich werde schon die Rechnungen bezahlen.« Und ebenso hatte er es mit seinen Söhnen und Töchtern gemacht. Es war ihre Sache, sich eine gute Bildung anzueignen, und die Ausgaben spielten keine Rolle. Harold, der älteste, hatte Harvard und Oxford besucht; Albert und Charles hatten dieselben Semester in Yale studiert. Und die Töchter, von der ältesten bis zur jüngsten, waren in Mills Seminar in Kalifornien vorbereitet worden und dann nach Vassar, Wellesley oder Bryn Mawr gekommen. Mehrere hatten auf ihren eigenen Wunsch ihre letzte Ausbildung in Europa genossen. Und aus der ganzen Welt kehrten die Söhne und Töchter Ah Chuns zu ihm zurück mit Vorschlägen und Ratschlägen für die stilgerechte und prachtvolle Ausstattung seiner Wohnungen. Ah Chun selbst zog den wollüstigen Glanz orientalischen Prunks vor; aber er war Philosoph und sah ein, daß die Geschmacksrichtung seiner Kinder nach abendländischem Maßstab korrekt war.

Natürlich behielten seine Kinder nicht den Namen Ah Chun. Wie er sich selbst vom Kuli und Arbeiter zum Millionär entwickelt hatte, so hatte sich auch sein Name entwickelt. Mama Ah Chun hatte ihn A'Chun buchstabiert, aber ihre kluge Nachkommenschaft hatte das Apostroph gestrichen und buchstabierte ihn Achun. Ah Chun widersprach nicht. Wie sein Name buchstabiert wurde, das störte in keiner Beziehung seine Bequemlichkeit oder seine philosophische Ruhe. Und außerdem war er nicht stolz. Als seine Kinder sich aber bis zu einem gestärkten Hemd, einem gestärkten Kragen und einem Gehrock für ihn verstiegen, störten sie ihn in seiner Bequemlichkeit und Ruhe. Davon wollte Ah Chun nichts wissen. Er zog die lose flatternden Kittel Chinas vor, und sie konnten ihn weder durch Zureden noch durch Schikanieren zu einer Veränderung in dieser Beziehung bringen. Sie versuchten beides, aber namentlich im Schikanieren hatten sie Pech. Nicht umsonst waren sie in Amerika gewesen. Sie hatten gelernt, welche Wirkung ein Boykott von Seiten organisierter Arbeit tun konnte, und sie boykottierten ihn, ihren Vater, Chun Ah Chun, in ihrem eigenen Haus, mit Hilfe und Unterstützung von Mama Ah Chun. Ah Chun selbst kannte zwar die Bildung des Westens nicht, war aber in den Arbeitsverhältnissen des Westens gründlich zu Hause. Er war selbst ein großer Arbeitgeber und konnte es mit ihrer Taktik aufnehmen. Er erklärte sofort den »Lockout« gegen seine aufrührerische Nachkommenschaft und seine verirrte Ehegenossin. Er verabschiedete seine zahlreiche Dienerschaft, verschloß seine Ställe, verschloß seine Häuser und zog in das Königlich Hawaiische Hotel, dessen größter Aktionär er zufällig war. Die Familie irrte verzweifelt zu Besuch bei Freunden umher, während Ah Chun ruhig seine vielen Geschäfte verwaltete, seine lange Pfeife mit dem kleinen silbernen Kopf rauchte und über dem Problem seiner wundervollen Nachkommenschaft grübelte.

Dies Problem störte seine Ruhe indessen nicht. Er wußte im voraus in seiner philosophischen Seele, daß er es, wenn es reif war, lösen würde. Unterdessen erteilte er seiner Familie die Lektion, daß er, so gut sich auch mit ihm auskommen ließ, doch die absolute Diktatur über ihr Schicksal ausübte. Die Familie hielt es eine Woche aus, kehrte dann aber, zugleich mit Ah Chun und der vielen Dienerschaft wieder zurück, um das Sommerhaus nicht wieder zu verlassen. Und in Zukunft fiel kein Wort mehr, wenn es Ah Chun einfiel, seinen prachtvollen Salon in blauseidenem Gewand mit wattierten Pantoffeln und schwarzer Seidenmütze mit rotem Knopf zu betreten, oder wenn er die dünnrohrige Pfeife mit dem silbernen Kopf unter den Zigaretten und Zigarren rauchenden Offizieren und Zivilisten auf einer der breiten Veranden oder im Rauchzimmer schmauchte.

Ah Chun nahm eine ganz besondere Stellung in Honolulu ein. Obwohl er sich nicht im gesellschaftlichen Leben zeigte, hatte er doch überall Zutritt. Die einzigen aber, die er besuchte, waren die chinesischen Kaufleute der Stadt; aber er hielt offenes Haus und war immer der Mittelpunkt in seinem Heim und an seinem Tisch. Obgleich als chinesischer Bauer geboren, präsidierte er doch in einer Atmosphäre von Bildung und Verfeinerung, die keinem auf den Inseln nachstand. Und auf allen Inseln gab es keinen, der zu stolz war, seine Schwelle zu überschreiten und seine Gastfreundschaft anzunehmen. Vor allem war der Ton in der Villa Achun einwandfrei. Zudem war Ah Chun eine Macht. Und endlich war Ah Chun in moralischer Beziehung mustergültig und ein ehrlicher Geschäftsmann. Obgleich die Geschäftsmoral an sich schon höher als auf dem Festlande stand, übertraf Ah Chun doch alle anderen Geschäftsleute Honolulus in der gewissenhaften Strenge seiner Redlichkeit. Sein Wort galt für ebensogut wie seine Unterschrift. Man brauchte nichts Schriftliches von ihm, um ihn zu binden. Er brach nie sein Wort. Zwanzig Jahre nach dem Tode von Hotchkiss von der Hotchkiss-Morterson-Gesellschaft fand man auf verlegten Papieren eine Anleihe von dreißigtausend Dollar verzeichnet, die Ah Chun erhalten hatte. Er hatte das Geld erhalten, als er Geheimer Rat Kamehamehas II. war. In der Geschäftigkeit und Verwirrung der geldbringenden Wohlstandstage war die Sache Ah Chun aus dem Gedächtnis entschwunden. Es gab keinen Schuldschein, keine juristisch gültige Forderung an ihn, aber er machte die Sache mit den Erben Hotchkiss ab und zahlte freiwillig an Zinsen und Zinseszinsen eine Summe, die das Kapital weit überstieg. Ebenso ging es, als er mündlich für den unseligen Kakiku-Kanalisierungsplan die Bürgschaft zu einer Zeit übernahm, als selbst die Vorsichtigsten sich nicht träumen ließen, daß eine Bürgschaft je notwendig werden sollte. »Er unterschrieb einen Scheck auf zweihunderttausend, ohne daß ihm auch nur die Hand zitterte«, berichtete der Sekretär dieses entschlafenen Unternehmens, als er hingeschickt wurde in der verzweifelten Hoffnung, etwas bei Ah Chun zu erreichen. Man wußte viele ähnliche Beispiele, wie er sein Wort gehalten hatte, und es gab kaum einen unter den bekannteren Leuten auf Hawaii, der nicht bei irgendeiner Gelegenheit von Ah Chun finanziell unterstützt worden war.

 

So kam es, daß Honolulu die wunderbare Familie Ah Chuns zu einem verwirrenden Problem heranwachsen sah, und daß er den Leuten heimlich leid tat, denn sie vermochten sich nicht vorzustellen, was er mit dieser Familie machen wollte. Ah Chun selbst aber sah das Problem deutlicher als alle andern. Keiner wußte so gut wie er selber, in wie hohem Maße er seiner eigenen Familie fremd war. Seine eigene Familie ahnte es nicht. Er sah ein, daß es keinen Platz für ihn unter der wunderbaren Frucht seiner Lenden gab, und er blickte vorwärts auf sein Alter und wußte, daß er ihr immer fremder würde. Er verstand seine Kinder nicht. Ihre Gespräche handelten von Dingen, die ihn nicht interessierten, und von denen er nichts wußte. Die Kultur des Westens war an ihm vorübergegangen. Er war durch und durch Asiate, was wiederum bedeutete, daß er Heide war. Ihr Christentum war für ihn der reine Unsinn. Aber alles das würde er als etwas Fernes und Gleichgültiges ignoriert haben, hätte er nur die jungen Leute selbst verstanden. Sagte Maud ihm zum Beispiel, daß der Haushalt monatlich dreißigtausend kostete, so verstand er das, und er verstand es auch, wenn Albert ihn um fünftausend bat, um die Schonerjacht »Muriel« zu kaufen und Mitglied des Hawaii-Jachtklubs zu werden. Aber ihre weiteren, verwickelteren Wünsche und Geistesprozesse verwirrten ihn. Er entdeckte bald, daß das Denken jedes Sohnes und jeder Tochter ein geheimes Labyrinth war, in dem sich zurechtzufinden er nie hoffen durfte. Stets rannte er mit der Stirn gegen die Mauer an, die Osten von Westen scheidet. Ihre Seelen waren ihm unzugänglich, und daher wußte er auch, daß seine Seele ihnen unzugänglich war.

Außerdem ertappte er sich dabei, wie er mit den Jahren immer mehr in seine eigene Rasse zurückglitt. Die üblen Düfte des chinesischen Viertels waren würziger Wohlgeruch für ihn. Er sog sie mit Wohlbehagen ein, wenn er durch die Straße ging, denn in Gedanken führten sie ihn in die engen, winkligen, von Leben und Bewegung wimmelnden Gassen Kantons zurück. Er bereute, daß er sich in der Verlobungszeit den Zopf abgeschnitten hatte, um Stella Allendale eine Freude zu machen, und erwog ernsthaft, ob es nicht ratsam wäre, sich den Scheitel zu rasieren und einen neuen Zopf wachsen zu lassen. Was sein hochbezahlter Küchenchef ihm vorsetzte, kitzelte seinen Gaumen nicht so wie die schauerlichen, undefinierbaren Gerichte in der schwülen Wirtschaft im Chinesenviertel. Eine halbe Stunde Rauch und Unterhaltung mit ein paar alten chinesischen Kameraden machte ihm viel mehr Freude als der Vorsitz bei den verschwenderischen, eleganten Diners, für die seine Villa berühmt war, und bei denen die Blüte der europäischen und amerikanischen Gesellschaft, Herren und Damen nebeneinander, an den langen Tischen saßen. Die Damen mit ihren Juwelen, die in dem gedämpften Licht auf weißen Hälsen und Armen flammten, die Herren im Frack und alle schwatzend und lachend über Themen und Witze, die ihm zwar nicht direkt unverständlich waren, ihn aber weder interessierten noch unterhielten.

Aber nicht nur sein immer steigender Drang, sich abzusondern und zu seinen chinesischen Fleischtöpfen zurückzukehren, bildete das Problem. Da war auch sein Reichtum. Er hatte vorwärts geschaut auf ein ruhiges Alter. Er hatte schwer gearbeitet. Sein Los hätte Friede und Ruhe sein sollen. Aber er wußte, daß bei seinem riesigen Vermögen Friede und Ruhe unmöglich waren. Es gab schon Anzeichen dafür. Er hatte ähnliche Kämpfe schon früher gesehen. Da war zum Beispiel sein früherer Chef Dantin, dessen Kinder ihm mit Hilfe des Gesetzes die Verfügung über sein Vermögen entrissen und das Recht erhalten hatten, Vormünder zu ernennen, um es zu verwalten. Aber Ah Chun wußte, und er wußte es sehr gut, daß, wäre Dantin ein armer Mann gewesen, das Gericht dahin entschieden hätte, daß er Verstand genug hätte, sein Vermögen zu verwalten. Und der alte Dantin hatte nur drei Kinder und eine halbe Million besessen, wohingegen er, Chun Ah Chun, fünfzehn Kinder und, keiner außer ihm selbst wußte, wie viele Millionen hatte.

»Unsere Töchter sind schön«, sagte er eines Abends zu seiner Frau. »Es gibt viele junge Männer. Das Haus ist immer voll von jungen Männern. Meine Zigarrenrechnungen sind sehr hoch. Warum gibt es keine Hochzeit?«

Mama Achun zuckte die Achseln und schwieg.

»Frauen sind Frauen und Männer sind Männer – es ist merkwürdig, daß es keine Hochzeit gibt. Vielleicht gefallen unsere Töchter den jungen Männern nicht.« »Doch, sie gefallen ihnen schon gut genug«, antwortete Mama Chun. »Aber, weißt du, sie können nicht vergessen, daß du der Vater deiner Töchter bist.« »Aber du vergaßest doch, wer mein Vater war«, sagte Ah Chun ernst. »Alles, was du verlangtest, war, daß ich mir meinen Zopf abschnitt.«

»Die jungen Männer nehmen es vermutlich genauer als ich.«

»Was ist das Größte auf der Welt?« fragte Ah Chun plötzlich, als wollte er von etwas anderem reden. Mama Achun bedachte sich einen Augenblick, dann antwortete sie: »Gott.«

Er nickte. »Es gibt verschiedene Götter. Einige aus Papier, einige aus Holz, einige aus Bronze. Im Kontor habe ich einen kleinen, den ich als Briefbeschwerer benutze. Im Museum sind eine Menge Götter aus Korallenblöcken und Lava.«

»Aber es gibt nur einen Gott«, erklärte sie bestimmt und reckte ihren vollen Körper, als wollte sie den Kampf mit ihm aufnehmen.

Ah Chun sah das Gefahrensignal und wich aus.

»Aber was ist größer als Gott?« fragte er. »Das will ich dir sagen: Geld. In meiner Zeit habe ich Geschäfte mit Juden und Christen, Mohammedanern und Buddhisten und mit kleinen schwarzen Männern von den Salomoninseln und Neu-Guinea gemacht, die ihren Gott in Ölpapier eingepackt bei sich trugen. Sie hatten verschiedene Götter, diese Männer, aber alle beteten sie das Geld an. Da ist zum Beispiel Kapitän Higginson. Henrietta scheint ihm zu gefallen.«

»Er wird sie nie heiraten«, antwortete Mama Achun.

»Er wird Admiral, ehe er stirbt –«

»Konteradmiral«, warf Ah Chun ein. »Jawohl, das weiß ich. Das werden sie, wenn sie ihren Abschied nehmen.«

»Seine Familie ist in den Vereinigten Staaten hochangesehen. Sie würden sich nicht freuen, wenn er – wenn er ein nichtamerikanisches Mädchen heiratete.«

Ah Chun klopfte seine Pfeife aus und stopfte nachdenklich einen kleinen Klumpen Tabak in den Silberkopf. Er steckte sie an und rauchte sie aus, ehe er weitersprach. »Henrietta ist das älteste von den Mädchen. An dem Tage, an dem sie sich verheiratet, gebe ich ihr dreihunderttausend Dollar. Das wird diesem Kapitän Higginson und seiner vornehmen Familie den Mund stopfen. Laß ihm gegenüber ein Wort davon fallen. Das überlasse ich dir.«

Und Ah Chun rauchte weiter, und in den wogenden Rauchwolken sah er, wie das Gesicht und die Gestalt Toy Shueys sich bildete – Toy Shueys, des Mädchens im Hause seines Onkels im Dorfe bei Kanton, deren Arbeit nie fertig wurde, und die für ein ganzes Jahr einen Dollar erhielt. Und er sah sein jugendliches Ich in dem wogenden Rauch aufsteigen, sein jugendliches Ich, das 18 Jahre lang auf dem Felde seines Onkels für nicht viel mehr gearbeitet hatte. Jetzt gab er, Ah Chun, der Bauer, seiner Tochter eine Mitgift von dreihunderttausend Jahren solcher Arbeit. Und sie war nur eine von einem Dutzend Töchter. Er fühlte sich nicht erhoben bei dem Gedanken. Er sah plötzlich, daß es eine komische, launische Welt war, und er kicherte laut und weckte Mama Actum aus einer Träumerei, die sie, wie er wußte, tief in die geheimen Kammern ihres Wesens führte, wohin er nie gedrungen war.

Aber das Wort Ah Chuns ging weiter in einem Flüstern, und Kapitän Higginson vergaß seine Würde als Konteradmiral und seine feine Familie und heiratete die dreimalhunderttausend Dollar und ein verfeinertes, gebildetes Mädchen, das zu einem Zweiunddreißigstel Polynesierin, zu einem Sechzehntel Italienerin, zu einem Sechzehntel Portugiesin, zu elf Zweiunddreißigsteln Engländerin und Amerikanerin und zur Hälfte Chinesin war. Ah Chuns Freigebigkeit tat ihre Wirkung. Seine Töchter wurden plötzlich gute, erstrebenswerte Partien. Klara war die nächste, als aber der Staatssekretär des Territoriums formell um ihre Hand anhielt, ließ Ah Chun ihn wissen, daß er warten müsse, bis er an die Reihe käme, denn Maud sei die älteste und solle zuerst heiraten. Das war kluge Politik. Die ganze Familie hatte ein lebhaftes Interesse daran, Maud an den Mann zu bringen, und das glückte denn auch im Laufe von drei Monaten mit Ned Humphreys, dem Einwanderungskommissar der Vereinigten Staaten. Er wie Maud beklagten sich, denn ihre Mitgift betrug nur zweihunderttausend. Ah Chun erklärte indessen, daß er anfangs so freigebig gewesen war, um das Eis zu brechen, und daß seine Töchter jetzt nur erwarten konnten, billiger wegzugehen.

Auf Maud folgte Klara, und dann gab es zwei Jahre lang eine ununterbrochene Reihe von Hochzeiten in der Villa. Unterdessen hatte Ah Chun nicht müßig zugesehen. Eine nach der andern seiner Geldanlagen wurde gekündigt. Er verkaufte seine Anteile an einer Reihe von Unternehmungen, und Schritt für Schritt, so daß es keinen plötzlichen Preisfall verursachte, trennte er sich von seinem großen Grundbesitz. Zuletzt verursachte er indessen doch einen Preisfall und verkaufte mit Verlust. Der Grund zu dieser Eile waren die Wolken, die er schon am Horizont aufsteigen sah. Als Lucille verheiratet worden war, klang schon der erste Widerhall von Streit und Eifersucht in seinen Ohren. Die Luft war voll von Plänen und Gegenplänen, um seine Gunst zu gewinnen und ihn gegen den einen oder andern seiner Schwiegersöhne oder gegen sie alle bis auf einen einzunehmen. Und das alles trug nicht dazu bei, ihm den Frieden und die Ruhe zu sichern, die er sich für sein Alter gewünscht hatte.

Er beeilte sich. Seit langer Zeit stand er in Briefwechsel mit den größten Banken in Schanghai und Macao. Seit mehreren Jahren hatte jeder abgehende Dampfer Anweisungen eines gewissen Chun Ah Chun auf Depositen in diesen orientalischen Banken mitgenommen. Jetzt wurden die Anweisungen größer. Seine beiden jüngsten Töchter waren noch nicht verheiratet. Er wartete nicht, sondern gab jeder eine Mitgift von hunderttausend, die in der Hawaii-Bank angelegt wurden, Zinsen brachten und auf ihren Hochzeitstag warteten. Albert übernahm die Firma Ah Chun & Ah Yung, nachdem Harold, der Älteste, es vorgezogen hatte, sich mit einer Viertelmillion in England niederzulassen. Charles, der Jüngste, bekam hunderttausend, einen gesetzlichen Vormund und einen Kursus in einem Keeley-Institut. Mama Achun bekam die Villa, das Haus auf dem Tantalusberge und eine neue Wohnung an der See statt derer, die Ah Chun an die Regierung verkauft hatte. Außerdem bekam Mama Achun eine halbe Million in gut angelegten Werten.

Ah Chun war jetzt bereit, die Nuß des Problems zu knacken. Eines schönen Morgens, als die Familie beim Frühstück saß – er hatte dafür gesorgt, daß alle seine Schwiegersöhne und ihre Frauen zugegen waren –, teilte er ihnen mit, daß er im Begriff stände, in sein Vaterland zurückzukehren. In einer hübschen kleinen Predigt erklärte er ihnen, daß er reichlich für seine Familie gesorgt hätte, und entwickelte verschiedene Lehrsätze, die, wie er sagte, sie sicher instand setzen würden, in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Er gab seinen Schwiegersöhnen auch geschäftliche Ratschläge, predigte davon, wie vortrefflich es sei, mäßig zu leben und sein Geld sicher anzulegen, und bereicherte sie aus seiner umfassenden Kenntnis der industriellen und merkantilen Verhältnisse Hawaiis. Dann verlangte er seinen Wagen, fuhr in Begleitung der weinenden Mama Achun zum Postdampfer und ließ die Villa in voller Panik zurück. Kapitän Higginson trat eifrig dafür ein, ihn unter Kuratel zu stellen. Die Töchter vergossen reichliche Tränen. Einer ihrer Männer, ein früherer Richter, bezweifelte Ah Chuns Verstand und eilte zu den maßgebenden Behörden, um ihn untersuchen zu lassen. Er kam indessen zurück mit der Nachricht, daß Ah Chun tags zuvor bei der Gesundheitskommission erschienen, eine Untersuchung verlangt und die Prüfung mit Glanz bestanden hatte. Es war nichts zu machen, deshalb gingen sie hin und verabschiedeten sich von dem kleinen alten Mann, der ihnen vom Promenadendeck aus winkte, während der große Dampfer durch das Korallenriff hindurch auf das offene Meer hinaussteuerte. Aber der kleine alte Mann fuhr nicht nach Kanton. Er kannte sein eigenes Land und die Erpressungen der Mandarinen zu genau, um sich mit dem ansehnlichen Rest seines Reichtums, den er behalten hatte, dorthin zu wagen. Er reiste nach Macao. Nun hatte Ah Chun lange die Macht eines Königs ausgeübt, und er war so herrschsüchtig wie ein König. Als er in Macao an Land ging und sich in das Büro des größten europäischen Hotels begab, um seinen Namen in das Fremdenbuch einzuschreiben, klappte der Portier ihm das Buch vor der Nase zu. Chinesen wurden nicht aufgenommen. Ah Chun ließ den Direktor rufen und wurde mit Hohn behandelt. Er entfernte sich, kam aber zwei Stunden später wieder. Er ließ den Portier und den Direktor rufen, gab ihnen ein Monatsgehalt und ihre Entlassung. Er hatte das Hotel gekauft und ließ sich in der schönsten Zimmerflucht für die vielen Monate nieder, während derer sein prachtvolles Palais am Rande der Stadt gebaut wurde. In der Zwischenzeit erhöhte er mit der unvermeidlichen Tüchtigkeit, die ihm eigen war, den Verdienst seines großen Hotels von drei Prozent auf dreißig.

Die Unannehmlichkeiten, vor denen Ah Chun geflüchtet war, begannen bald. Einige der Schwiegersöhne legten ihr Geld unvorsichtig an, andere brachten die Achunsche Mitgift durch. Als Ah Chun sich zurückgezogen hatte, richteten sie ihre Blicke auf Mama Achun und ihre halbe Million, und unterdessen wurden die gegenseitigen Gefühle nicht gerade liebevoller, Rechtsanwälte wurden dick und fett, während sie den Wortlaut der Depositenscheine untersuchten. Klagen und Widerklagen erfüllten die Gerichte von Hawaii. Auch die Strafkammer ging nicht leer aus. Es gab zornige Zusammenstöße, bei denen harte Worte und noch härtere Schläge fielen. Es geschah, daß Blumentöpfe geworfen wurden, um beschwingten Worten Nachdruck zu verleihen. Und es entstanden Beleidigungsprozesse, die sich durch die Gerichte hinschleppten und ganz Honolulu in Aufregung versetzten.

In seinem Palast raucht Ah Chun, von allen köstlichen Herrlichkeiten des Orients umgeben, ruhig seine Pfeife, während er auf den Lärm jenseits des Meeres lauscht. Mit jedem Postdampfer geht ein Brief in fehlerfreiem Englisch, auf einer amerikanischen Schreibmaschine getippt, von Macao nach Honolulu, und darin gibt Ah Chun in bewundernswerten Worten und Vorschriften seiner Familie den Rat, in Eintracht und Harmonie miteinander zu leben. Was ihn selbst betrifft, so hat er nichts mehr mit alledem zu tun, und er ist froh. Er hat Frieden und Ruhe erlangt. Hin und wieder kichert er und reibt sich die Hände, und seine schiefen Äuglein blinzeln heiter bei dem Gedanken an diese komische Welt. Denn von seinem ganzen Leben und von seiner Philosophie ist ihm das eine geblieben – die Überzeugung, daß dies eine sehr komische Welt ist.

 

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