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Die Glocke von Aragon

Ludwig Tieck: Die Glocke von Aragon - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1837
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Glocke von Aragon
pages73
created20130802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es entstand eine Pause. – Wissen Sie denn auch, sagte die Mutter nach langem Bedenken, daß das eine ganz abscheuliche Geschichte ist, die Sie da ausgearbeitet haben? Eben so unpoetisch wie unmoralisch.

Der große Dichter Lope de Vega, erwiederte der Vorleser, hat nicht so gedacht, weil er aus dieser alten Volkssage ein eignes Schauspiel zusammengesetzt hat. Die spanischen Geschichtschreiber, wie ich schon erwähnt habe, leugnen die Begebenheit und halten sie für unmöglich. Der hohe Adel hat in allen europäischen Reichen den Königen in früheren Zeiten immer viel zu schaffen gemacht und zuweilen half sich der Fürst dann wohl durch so grausame Einschnitte, damit das faule Fleisch nur nicht ganz das gesunde verzehre. Peter der Grausame ging durch seinen Adel schmählich unter, so wie Eduard der Zweite von England und Richard der Zweite. Aehnliches geschah in der ältern französischen Geschichte. Es ist daher zu verwundern, daß neuerdings so oft 409 wiederholt wird, der Adel sei zu allen Zeiten die wahre Stütze und Sicherheitspfeiler der Thronen gewesen.

Die Geschichte, sagte die freundliche Gattin, die nur selten etwas kritisch erörterte, ist sehr in die Sinne fallend, schroff, seltsam und unerwartet ist der Ausgang. Sollte es denn nicht möglich seyn, daß von dieser alten Sage erst späterhin die Glocke von Vilella ihren Ruf erhalten hat? Vielleicht zu einer Zeit, als man jene Begebenheit schon vergessen hatte. Es ist immer wunderlich, daß die beiden Seltsamkeiten einer und derselben Provinz angehören und unter demselben Namen laufen. – Gut aber, daß mein Mann die Romanze oder die Novelle nicht drucken läßt. Ein junger Rezensent hätte es gar zu bequem, wenn er aus dem Gedicht nur abschreiben dürfte, daß man alles Törichte und Alberne »die Glocke von Aragon« nennen möchte.

Jetzt sagte der Professor: Man erlaube mir noch, da wir Zeit haben, eine Kleinigkeit vorzulesen. Nicht etwa ein Blatt von mir, sondern ein mir Eingesendetes, das freilich an ein sehr hübsches kleines Mährchen von Novalis, Rosenblütchen und Hyacinth, erinnert.


Die Rückkehr.

Eine ganz kurze Erzählung.

Ich war auf einem Dorfe nicht weit von der Seeküste geboren. Eine hohe waldige Bergwand trennte uns Landleute von dem Meere und der weiten Aussicht über dasselbe. Oft rannte ich als Knabe fort und ergötzte mich von oben an dem ungeheuern Anblick der unermeßlichen Wasserfläche. Meine Eltern waren sehr unzufrieden mit meiner Art und 410 Weise. Sie wollten mich ruhiger, und daß ich mich ganz in ihre Lebensordnung finden solle.

Als ich größer wurde, entwickelte sich mein Character immer ungestümer. Nichts war mir recht und die Beschäftigung meiner Eltern, so wie der Befreundeten erschien mir unwürdig. Nur das Ferne, ganz Fremde und Weitentlegene war in meiner Phantasie edel. Nur dort war das Wunderbare, Schöne, Große.

Wie ärgerte mich die kleine Kirche mit ihrem Geläute. Die Wiesen umher, der Buchenwald, alle die bewässerten Triften, die fruchtbaren Kornfelder, alles war mir verhaßt.

Störrig, wie ich war, schalt ich auf Frühling und auf Herbst; auch die Atmosphäre nannte ich ungesund. Ich hörte auf keine Ermahnung, jede Zurechtweisung, auch die freundlichste, war mir unerträglich. Wüthend ward ich, wenn man mir zeigen wollte, daß ich selbst nicht wisse, was ich denn verlange.

So verging viele Zeit. Man ward es am Ende an mir gewohnt, so wie ich war, und ließ mich gewähren.

Am meisten hatte von mir eine junge, hübsche Muhme zu leiden. Ich war ihr eigentlich sehr gut, und doch zankte ich mich beständig mit ihr. Sie schien mir nicht ganz abgeneigt, aber freilich wendete sie sich wieder oft von mir ab, weil ich ihr das Leben gar zu sauer machte. Wenn ich den Leuten so recht beschwerlich fiel, kam ich mir selbst am liebenswürdigsten vor, und so bestärkte ich mich recht geflissentlich in meiner Bosheit oder in meiner Thorheit, nenne man es, wie man will.

Als ich mir vollkommen ausgewachsen vorkam und mit vollständiger Klugheit ausgerüstet dünkte, raffte ich alles, was ich mit Recht das Meinige nennen konnte, zusammen und ging in die weite Welt. Ungern zwar, aber doch gaben mir 411 meine Eltern ihren Segen mit. Der Abschied von der Muhme war empfindlich, denn sie wies mich mit Hohn zurück, als ich ihr vorschlug, daß sie mich aufs Ungewisse und in eine unbestimmte Fremde hinein begleiten sollte.

So rannte ich denn fort, schnell, und je weiter von meinem väterlichen Dorfe, je lieber wurde mir die Gegend. Aber immer war mir Welt und Natur noch nicht wunderbar genug. Ich verweilte hie und da, erwarb durch Arbeit, fand Freunde und wohlwollende Menschen, aber nirgend wollte es mir so gefallen, daß ich an einer Stelle meine Heimath hätte gründen mögen. So kam ich an einen Seehafen und schiffte mich ein, um recht weit nach fernen Welttheilen, nach einer ganz neuen Natur zu gelangen. Denn alles hatte mich bisher so unbefriedigt gelassen.

Die Fahrt ging glücklich und schnell. Aber im Schiffe selbst brach eine Krankheit aus. Der Steuermann war das erste Opfer. Wir waren weit entfernt von befreundeten Küsten. Auch der Kapitain starb. Das Schiffsvolk wurde meuterisch. In einem Aufstaude ermordeten sie sich unter einander. Nun war guter Rath theuer. Keiner verstand es, das Schiff zu regieren, und wir wußten gar nicht mehr, wo wir uns befanden. So gerieth das Fahrzeug auf eine Klippe und zerbarst. Die wenige Mannschaft, die noch übrig war, hatte sich so im Wein übernommen, daß sie das Unglück kaum bemerkten und durchaus nicht im Stande waren, vernünftige Anstalten zu ihrer Rettung zu treffen. Indem sie ein Boot losarbeiteten und in die See hinabließen, stürzten sie kopfüber in die Flut und ertranken. Es gelang mir, in das Boot zu springen, und so mußte ich mich dem Winde und den Wellen überlassen.

Lange trieb ich herum. Endlich, als meine Nahrung zu Ende war, sah ich Land und ein hohes Gebirge vor mir. 412 Das Wetter war ganz ruhig, der Himmel hell und klar. Ich stieg aus und erfreute mich der Landschaft, die mir so groß und wunderbar schien, wie ich noch keine bis jetzt gesehen hatte. Ja, sagte ich zu mir selbst, weit hinein in eine unbekannte, fernliegende Welt bin ich doch nun wenigstens gerathen, und so viel Unfälle ich auch erlitten habe, so ist doch mein hauptsächlichster Wunsch mir erfüllt worden. Ja diese Felsenwände, diese Waldgründe hier – wie verschieden von denen meines Vaterlandes!

So dachte ich, indem ich die hohe schöngeformte Bergwand hinaufkletterte. Als ich oben war, eröffnete sich zu meinen Füßen jenseits eine Ebene, so grün, fruchtbar, voll Wald und Hügel, so entzückend, daß ich meinen Taumel kaum bewältigen konnte. Je mehr ich abwärts stieg, je herrlicher erschien mir die Gegend. Freudethränen vergießend, setzte ich mich auf einen kleinen Rasenhügel, von wo ich deutlich alle schönen Theile der Gegend übersehen konnte. Und indem ich den frischen Athem der Natur einsog, da erklang ein abendliches Geläute von der kleinen Dorfkirche unter mir. So etwas hatte ich noch nie vernommen; so rührend, wehmüthig mischten sich die sanften Töne mit dem Waldesgeräusch und dem Murmeln der Bäche und Quellen, die nahe an meinem Ruheplatze munter in das Thal hinabhüpften. Hab' ich nicht einmal gehört oder gelesen, sagte ich zu mir selber, daß eine Glocke in Aragon zuweilen so seltsame zauberhafte Töne von sich giebt, daß die Menschen im Traume des Entzückens sich in Thränen der Wehmuth auflösen möchten? Hier ist alles dies und mehr.

So beseligt, durch und durch erfrischt und von poetischen Träumen wie von goldnen Netzen umsponnen, stieg ich hinab. Schon nahte ich mich den Hütten, – wie vom Instinct getrieben gehe ich durch den Garten – öffne die Thür – 413 und bin im Hause meiner Eltern. – Ich blieb glücklich und zufrieden, alles freute sich, und mein Mühmchen war eines andern, eines würdigen Mannes Gattin.

Diese kleine unbedeutende Geschichte, – sagte der Professor, nachdem er geendigt hatte – erhält nur Bedeutung, vorzüglich für uns, wenn ich Ihnen den Verfasser nenne. Mit einem weitläufigen Briefe hat sie mir unser verwilderter und jetzt bekehrter Florheim zugesendet, der sich schon auf der Rückkehr hieher befindet. Er schreibt mir, daß er in der Fremde erst sein Vaterland habe achten und verstehen lernen. Dort in Paris sei für diejenigen, die Deutschland und dessen Glück verkennen, eigentlich die beste Heilanstalt. Dieses unser deutsches Glück, welches uns ein günstiges Schicksal beschieden, könne man anerkennen und genießen, ohne in fanatischer Uebertreibung die Mängel und Gebrechen, an denen alle Staaten leiden, zu übersehen oder sie gar für Vorzüge auszugeben. Jeder sollte nur für den nächsten Kreis Gutes wirken, so würde sich allgemach die ächte Verbesserung der Zustände finden und die wahre Freiheit, die bei uns noch nie verloren war, mit erhöhtem Glanze herrschen. – Kurz, meine Freunde, der schwärmende Jüngling ist ein verständiger Mann geworden.

Diese unerwartete Nachricht erhöhte die frohe Laune der Gesellschaft und in liebenswürdiger Heiterkeit ward dieser Abend von allen genossen, mit der Aussicht, die trauliche Versammlung bald durch einen Gast, den man schon sonst geliebt hatte, vermehrt zu sehen.

 


 

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