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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Glocke von Aragon

Ludwig Tieck: Die Glocke von Aragon - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Fünfundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1837
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Glocke von Aragon
pages73
created20130802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Glocke von Aragon.

1.
Don Pedros Sieg.

              Vor Huesca stand Don Sancho,
Starker Held und mächt'ger König,
Er das Schrecken aller Mauren,
Die dem falschen Glauben fröhnten.

Viele Schlacht war schon geschlagen,
Hundert Siege schon bekrönten
Held Don Sancho, Christ und Ritter,
Aragoniens starken König.

Zu den Thürmen von Huesca
Ritt der Held, ob er erspähe,
Wo die Mauern zu erstürmen,
Wo die Ritter möchten kämpfen.

Da flog her von einem Bogen
Schnell ein Pfeil, von ungefähr nur,
Und es sank der große Ritter
Rasselnd von dem Roß; im Herzen

Stak das Eisen. Kurze Zeit nur
Lebt der Held; im Todesröcheln
Floh sein Geist, nur wenig sprach er,
Man vernahm andächtig Beten.

Und das Heer, die Großen, Helden,
Alle lähmt der Todesschrecken,
Nur der eine hält sich aufrecht,
Pedro, seiner Söhne ält'ster.

Er bestattet fromm den Vater,
Zur Versammlung nachher redet
Kurz sein Mund; sein Flammeneifer
Wie ein Sturmwind all' erreget. 354

Muthig stehn sie ihm zur Seite,
Seine Krieger, seine Helden,
Und er sieht die Schaaren wachsen,
Kriegesmuth die Wangen röthen.

Alle dringen, flehen, fordern
Schlacht und Kampf, dem Feind entgegen
Strebt die Jugend, wie das Alter,
Siegen! ruft man, oder sterben!

Da die Sonne schon gesunken
Und die Nacht das Dunkel breitet,
Mahnt der Held sie all, zu ruhen,
Morgen soll sich Kampf erheben.

Einsam sitzt im Zelt Don Pedro,
Er erwägt die Macht des Feindes,
Rund umschlossen ist sein Lager
Von den Mauren. Jedem Streiter

Stehn zehn Feinde gegenüber,
Und die Stadt ist fest, bewehret
Noch von tausend, tausend Kriegern,
Alle trotzig, kampfgerüstet.

Sollen wir denn hier erliegen?
Klagt der Held, und diese Felder
Unsre Leichen rings bedecken
Und der Ruhm der Spanier sterben?

Dies Huesca, diese Veste,
Nannte schon im Heldenmuthe
Sein mein Vater, und er träumte
Saragossa zu erkämpfen.

Da erglänzt vom heitern Lichte,
Blendend fast des Königs Auge.
Rings das Zelt, und recht im Schimmer
Steht das Bildniß eines Helden. 355

Goldne Rüstung, Schild und Speer
Dräut in seinen kräft'gen Händen,
Majestätisch blickt sein Auge,
Und Don Pedro kniet in Andacht.

Muth, mein Sohn! ruft die Erscheinung,
Morgen werd' ich mit Dir kämpfen,
Und die Christen werden siegen,
Ruhm soll Dir die Kränze flechten.

Und entzückt noch starrt der König,
Als das Wunder längst entschwunden,
Und er läßt die Feldherrn rufen,
Daß sie wissen, was er sah.

Sie verkünden's den Getreuen,
Jeder Krieger ungeduldig
Ruft nach Kampf, und noch im Dunkeln
Reiht das Heer sich, schon geordnet.

Mit dem Morgenroth, als alle
Flehend auf die Händ' erheben,
Steht im Glanz der Ritter wieder,
Und: Sanct Jago! rufen alle.

In die Feinde dringt die Schaar,
Lauten Rufs, die Banner fliegen
Und man sieht die goldne Rüstung
Und den Glanz des heil'gen Kriegers.

Und ein Schreck, ein Graun befällt
Rings die Schaar der wilden Horden,
Laut Geheul, Geschrei, Getümmel,
Flucht und Angst und gräßlich Morden.

Leichen auf der Wahlstatt liegen,
Durcheinander Feldherrn, Krieger,
Und der Spanier jauchzt im Siegen,
Und der Feind heult, überwunden.356

Weiber, Männer, Greise, Kinder,
Stehn auf Mauern, Wällen, Thürmen,
Ganz Huesca klagt, verzweifelt,
Händeringend, hüftenschlagend.

Denn sie sehn die Väter, Brüder
Blutend da im Staube liegen,
Und wie Schrecken alle Schaaren
Treibt und jagt zum eil'gen Fliehen.

Kaum noch schützt die feige Wache
Jene fest verschloss'nen Thore,
Krachend öffnen sich die Flügel
Und Huesca liegt besieget.

Heil Don Pedro! ruft der Krieger,
Tausend Heil dem tapfern König!
Ja, spricht dieser, nur Sanct Jago,
Er half uns die Feinde schlagen.

Wer denn war der tapf're Krieger,
Fragt entwaffnet jetzt der König,
Der voran stets unermüdlich
In den dichtsten Schaaren kämpfte?

Kaum zu glauben ist das Wunder,
Spricht Don Sancho, Glut im Auge,
Als er sein Visir gelüftet,
Sah' ich deutlich Haupt und Antlitz;

Denn mein Oheim war's, Moncada,
Er der Tapferste der Tapfern, –
Wie? so ruft entsetzt der König,
Welche Wunder zeigt der Herr uns!

Er, der hohe, ries'ge Krieger,
Der vor allen Rittern ragte,
Kämpft zur Stund' in Palästina,
Um Jerus'lem zu erstreiten. 357

Und der Herr vergönnt, daß dieser
Auch hier kräftig mit uns kämpfe,
Um der Mohren Stolz zu dämpfen,
Und Huesca zu erobern?

Alle preisen nun im Tempel
Dankbar und mit hoher Inbrunst,
Wie der Herr für sie gestritten,
Welche Wunder er gesendet.

Und mit neu gestärkten Schwingen,
Wie der Adler nach dem Bade,
Hebt die Hoffnung sich empor,
Saragossa zu gewinnen.

2.
Des Königs Tod.

          Aber schon war es beschlossen
In dem hohen Rathe Gottes,
Daß der Sieger von Huesca
Nicht die große Stadt erringe.

Saragossa mächtig, groß,
Diente noch dem Mauren-König
Und der Moslem, stolz und prächtig,
Lachte nur des kecken Wunsches.

War doch auch der Cid gestorben,
Er, deß Name bis nach Persien
Den Ungläubigen Angst und Schrecken,
Trost und Kraft den Freunden gab;

Cid, der nur vor wenig Jahren
Sich Valencia erobert,
Das, so wie er starb, den Mohren
Nun von neuem dienstbar wurde. 358

Und in Aragoniens Fluren
Weht die schwarze Trauerfahne,
Daß der edle König hinsank,
Auf die Leichen seiner Kinder.

Gram war seines Herzens Meister,
Daß die blüh'nde schöne Tochter,
Daß sein Sohn ihm, der Infant,
Beide jung entrissen wurden.

Und Alonso rief er zu sich,
Ihn, den tapfern, mächt'gen Bruder,
Reicht' ihm sterbend seine Hand
Und das Scepter Aragons.

Alle sehn, erstarkt und hoffend,
Auf die Kraft des neuen Königs,
Der beschwört, das zu vollenden,
Was sein Bruder kühn begonnen.

3.
König Don Alonso.

            Und so war es. Neuer Muth,
Kampfeslust, Eroberungsgier
Stachelt auf die span'schen Helden,
Rachsucht brennt in allen Kriegern.

Weit und breit nur Kriegsgeschrei,
Und wie Sturmwind fährt das Heer
Durch die Felder, Dörfer, Städte,
Und der Feind entmuthigt, flieht.

Wo man nur Alonso ruft,
Zittert schon der Mohr erblaßt
Und, der Cid, der Cid erstanden!
Schreit das Volk im Freudentaumel. 359

Also steht Alonso jetzt,
Mit dem Heer vor Saragossa,
Und die stolze, thurmbewehrte
Beugt sich vor dem Ruhm des Helden.

Auf thun sich die Thor' ihm alle
Und die Stadt empfängt ihn jauchzend,
Alle Mohren sind entflohen,
Adel, Priester, Bürger huld'gen.

Abgerissen von Moscheen
Sinkt der Mond, nicht fürder glänzend,
Und die prangenden Gebäude
Weiht die Klerisei zu Tempeln.

In Castilien stirbt der König,
Und Alonso, groß im Stolze,
Nimmt die Wittib sich zum Weibe
Und nennt sich von Spanien Kaiser.

Doch die Kirchen wie die Klöster
Klagen, daß der wilde Krieger
Nicht die Heiligthümer ehrte
Und sie ihres Schmucks beraubet.

4.
Don Ramiro.

          Don Ramiro, jüng'rer Bruder,
Weilet in der Klosterzelle,
Nur der Büßung, nur der Andacht
Lebend im begränzten Raume.

Sein Erquicken, wenn die Andacht,
Das Gebet, die Bußübung,
Ihn ermüdt, sind die Blumen
Seines kleinen Klostergartens. 360

Diese pflegt er, tränkt die durst'gen,
Freut sich, wie sie sich entfalten,
Wie sie dann in Blüthe gehen
Und in Farben dankbar leuchten.

Leonardo, Freund und Lehrer,
Mahnt ihn an zu allen Stunden,
Und der Fürst beugt sich gehorsam
Jedem Wort des greisen Mönches.

Leonardo wandelt sinnend,
Tritt jetzt in das Refectorium.
Und er sieht den Fürsten dort
Mit dem Besen alles säubern.

Tisch und Bank, Fußboden, Mauer,
Eifrig, daß der Schweiß ihm trieft
Von der hohen edeln Stirne.
Und er schon ermüdet scheint.

Laßt! mein Bruder, ruft der Mönch,
Derlei will sich nicht geziemen,
Daß ein Fürst von hoher Abkunft
Also sich erniedern soll.

Inne hält der Mönch Ramiro
Und erwiedert drauf mit Sinnen:
Ist die Demuth nicht, mein Vater,
Wurzel aller Christentugend?

Sind wir selbst nicht Staub und Asche,
Wie wir uns auch stolz gebärden?
Und die Zeit, der große Rein'ger
Fegt uns all' einst ins Vergessen.

Wozu Denkstein, Monumente,
Säulen doch und goldne Inschrift?
Wer kann sagen, wo sich Samsons,
Cyrus, ja Nebucadnezars 361

Leichnam erst in Staub gewandelt?
Unkenntlich, vermischt mit Bettlern,
Mit Verbrechern und mit Heil'gen
Liegen sie als trüber Kehricht.

Jetzt ist noch der wackre Stiel
Hell umspielt vom Birkenlaube,
Und die grüne Bürste duftet
Frühlinsgkühl und sanft erquicklich;

Schon löst sich durch den Gebrauch
Hie und da ein Blatt des Busches,
Und verflattert und vertrocknet,
Bald bleibt dürrer Strauch nur übrig:

Der auch schrumpft nachher zusammen,
Und verliert die Kraft und Stärke,
Und so nutzt der Reiniger
Ab sich zum unreinen Kehricht,

Den ein neuer Besen wegfegt,
Stolz und grausam dem Verwandten,
Seine Zukunft nicht erkennend,
Wenn er neugrün prangt und duftet.

Wenn nun alles ist vergänglich,
Und nur da ist ein Verschwinden,
Was ist noch in Weltgeschäften
Hohes, Niedres aufzufinden?

Nur in Demuth ist Befried'gung,
Krank und rasend ist der Stolze,
Unerbittlich steht die Zeit
Hinter ihm und lacht des Wahnsinns.

Nicht so grübeln, frommer Bruder,
Also sprach zu ihm Lenardo,
Treibt Ihr gern die niedre Arbeit,
Thut sie still hin ohne Denken. 362

Er geht fort und Don Ramiro
Trocknet von der Stirn den Schweiß,
Stellt, da alles ist vollendet,
An die Wand den grünen Besen.

Er ist matt vom Beten, Fasten,
Auch gewacht hat er die Nächte,
Und des Sommers heißer Athem
Saugt hinweg des Mannes Kräfte.

Vor das Krucifix hinknieend,
Säuselt Schlaf um die Gebete,
Was er noch als Andacht wähnet,
Ist schon Schlummer, süß betäubend.

Leonardo kommt zurücke,
Seinen jungen Freund zu suchen.
Findet ihn zusammgesunken,
Keuchend, bleich, in schweren Träumen.

Auf nun fährt der junge Fürst,
Und erschrickt fast vor dem Greise;
Dieser hebt ihn tief bekümmert
Auf vom Boden, setzt ihn nieder.

Ruht, mein junger Freund, so spricht er,
Was ist Euch jetzt widerfahren,
Daß Ihr geisterbleich und zitternd
Noch nach Euern Träumen greift?

Vater, spricht Ramiro, Vater,
Ach verzeiht dem schwachen Sünder,
Wohl war diese Zeit dem Schlaf nicht,
Dem Gebete nur geweihet.

Doch mich nahm der Geist gefangen,
Der den Menschen nächtlich fesselt,
So vergaß ich meine Pflichten,
Ganz entrückt der jetzigen Stunde. 363

Und da ward ich überschattet
Plötzlich von Gestalt und Wunder,
Und mein Fühlen und mein Denken
War in Fremdes mir verwandelt.

Denn vom hohen Chor der Kirche
Schritten Fürsten, Granden, Krieger,
Alle neigten sich voll Ehrfurcht,
Viele küßten das Gewand mir.

Nun erscholl ein Jubeltönen,
Auf dem Boden knieten Alle,
Und einstimmig klang ihr Jauchzen,
Heil dem König Aragoniens!

Ich entwand mich ihren Händen,
Wollte flieh'n, doch Erzbischöfe,
Geistliche, die Ritter alle,
Sie beschworen mich mit Thränen.

Und ein Engel, licht gekleidet,
Schwebte aus der Wölbung nieder,
Setzte selbst die goldne Krone
Mir auf das gesalbte Haupt.

König war ich, und Hosannah
Klang im Tempel, Weihrauchwolken
Stiegen kräuselnd zum Gewölbe,
Und das Volk war hochbeglückt. –

Ist dies Demuth? rief der Priester,
Nicht von Gott sind solche Träume,
Nein, es sendet sie des Hochmuths
Dämon in das sünd'ge Herz.

Und Ramiro beugt dem Alten
Tieferschüttert Haupt und Kniee,
Und mit Thränen und mit Schluchzen
Duldet er die Kirchenstrafe. 364

Fastet wieder, wacht die Nächte,
Geißelt stündlich seinen Rücken,
Bis der greise Leonardo
Ihn der Bußen losgesprochen.

5.
Besuch des Königs im Kloster.

            Früh am Morgen, als die Sonne
Durch die dichte Waldung flimmert,
Und des kleinen Klostergartens
Blumenfelder licht beglänzte,

Trabt ein stolzer Zug durchs Blachfeld,
Ihm voran der schöne König,
Und die Ritter stehn geordnet
Draußen vor der Klosterpforte.

Angemeldet dort dem Abte,
Geht dem Fürsten der entgegen,
Und Lenardo folgt den Priestern,
Doch Ramir weilt in der Zelle;

Aengstlich vor dem Waffenschmucke
Zagend vor dem Kriegerglanze,
Birgt er sich in enger Klause
Und verriegelt seine Thüre.

Doch Alonso will ihn sprechen,
Sehn den vielgeliebten Bruder,
Ihn nach langer Zeit umarmen,
Und gerührt ans Herz sich drücken.

Auf thut sich dem strengen Worte
Des Lenardo schnell die Zelle,
Und der König, tief beweget,
Weint am Halse seines Bruders. 365

Sei willkommen! großer König,
Spricht Ramiro, Siegesfürst,
Du Erob'rer Saragossa's,
Du, der selbst sich Kaiser nennet.

Darf ein armer Mönch und Bruder
Warnend zu dem Mächt'gen sprechen,
O so wahr' Dein Herz, das schwache,
Vor zwei sündhaft schweren Dingen.

Laß nicht Hochmuth Dich berauschen,
Denn Du bist ein Mensch wie andre,
Nicht'ger Staub in Glanz und Größe,
Und ein Sklave nur des Todes.

Warum sollen Dich die Völker
Mit dem Titel Kaiser schelten?
Kaiser kann nur einer leben,
Der des heil'gen röm'schen Reiches.

Dann hab' ich mit Gram vernommen,
Wie Du gern die Priester schmähest,
Heil'ge Tempel selbst entweihest
Roß und Krieger ein dort stallest:

Raubst die heiligen Gefäße,
Deine Knechte zu besolden,
Bischofsitz', Abteien plünderst,
Daß die rohen Haufen schwelgen.

Brünstig betend vor dem Altar,
Lag ich Nächt' und lange Tage,
Unheil von Dir abzuwenden,
Daß der Blitz Dich nicht erschlüge,

Dich die Erde nicht verschlänge.
Pest die Heerschaar nicht verzehrte,
Oder Wahnsinn Dich ergriffe,
Denn der Herr ist streng und zornig. 366

Demuth sei fortan Dein Scepter,
Süß' Bereuen Deine Krone,
Einfalt mag als Fürstenmantel
Sich um Deine Glieder schmiegen.

Dann wird Gott sich zu Dir neigen,
Seegen sprießt da, wo Du schreitest,
Denn der größte Sieg bleibt immer:
Selber sich besiegen können.

Darum ist mein Preis und Glücke,
Daß ich einsam hier, vergessen,
Nur als schwacher Mönch darf führen
Solch ein stilles, ruh'ges Leben.

Und Alonso drauf spricht also:
Freund und Bruder, frommer Priester,
Darauf muß ich Dir erwiedern
Wenig, wie mein Herz es heischet.

Denn Du sprichst von fremden Dingen,
Die Dein Sinn niemals begriffen.
Wer dem Himmel lebt und stirbet,
Dem sind fremd die Weltgeschäfte.

Wer zum Herrschen ward geboren,
Den treibt stets sein Genius höher,
Nenn' es Schicksal, sei's Begeist'rung,
Nur nicht Stolz und leerer Hochmuth.

Thron und Herrschermacht und Scepter,
Majestät, der hehre Name,
Eint sich nicht mit stillem Wirken
Eines häuslich frommen Mannes.

Will ein solcher dem entsagen,
Was das Volk als Stolz mag schelten,
Reißt er selbst die Schwingen aus,
Die ihn auf zur Sonne tragen. 367

Wird doch auch kein Papst als Herrscher,
Erzbischof und Bischof, Abt,
Je sein Regiment beschränken,
Seine Würde sich verkümmern,

Sei er sonst auch sanft, gefällig,
Und in Demuth eingekleidet,
Wie er sich lebt in der Zelle,
Ziemt nicht auf dem Fürstenstuhle.

Wen'ger noch dem König; handfest
Trägt ihn nur der kräft'ge Wille;
Seinen Völkern zu genügen,
Wird der Einz'le oft beschädigt.

Soll der hohe Wald gedeihen,
Kränkeln niedrige Gesträuche;
Was den Wassersturz berechtigt,
Darf sich nicht der Bach erlauben.

Wenn ein Heer, ermattet, krank,
Das den Sieg errang, und Hitze,
Frost und Hunger lang erduldet,
In der Nacht im Feld gelagert,

Endlich naht den Freundesschlössern,
Jenen Klöstern und Abteien,
Die der blut'ge Sieg gerettet,
Und von allen reichen Priestern

Keiner der Verwundeten,
Keiner denkt der Kleiderlosen,
Die vor Durst und Hunger schmachten,
Und sie all' die Pforten schließen,

Als ein hochgeweihtes Heilthum,
Dessen Rechte zu verletzen,
Todessünd' ist und Verbrechen:
O mein Bruder, da ergrimmet 368

Auch die Brust des frommsten Kriegers,
Und man zieht in ihre Säle,
Die geweihten Tempelhallen
Werden Lager, Hospital;

Denn den Sterbenden zu pflegen,
Den Verwundeten zu heilen
Und den Hungrigen zu sätt'gen,
Ist auch eben Christenpflicht.

Will nun jeder Priester nehmen
Und kein Abt und Bischof geben,
Ja, so steht in des Soldaten
Herz die Raubsucht auf und Bosheit.

Mehr dann nimmt er wohl als nöthig,
Künft'gen Mangel jetzt ersetzend,
Und er lacht, wenn jene klagen,
Und er jubelt, wenn sie seufzen.

Aber dann geht er zur Kirche,
Fromm in Reu' zur Beichte wieder,
Und der Pfaff muß absolviren,
Mag er auch im Stillen fluchen.

Niemals muß der Herrscher dulden,
Daß der Priester ihn beschränke;
Denn die Hand einmal geboten,
Kommt der ganze Arm in Knechtschaft.

Hat denn dies nicht zum Entsetzen
Jüngst Italien wahrgenommen,
Als dort in Canossa's Hofe
Vor dem Papst demüthig kniete

Jener kühne vierte Heinrich,
Der in Schlachten glorreich siegte,
Dort im Sünderhemdchen frierend,
Zitternd, flehend gleich dem Bettler? 369

Nein, mein Bruder, also zähmlich
Wirst Du niemals mich erblicken,
Freunden Freund, dem Trotzer trotzig,
Will ich König seyn und bleiben.

Sei Du stiller Mönch und Priester,
Bete Du für meine Waffen,
Das ist Dein Beruf, nicht Rathen,
Kloster kennt sich nicht mit Feldschlacht.

Und von neuem sich umarmend,
Trennen sich verstimmt die Brüder,
Jeder allzu ungleich jenem,
Nur ihr Herz kann sie vereinen.

Don Ramiro wirft sich trauernd
In der Zelle betend nieder,
Nicht kann er die Welt begreifen,
Ihn Alonso nicht verstehen.

6.
Don Ramiro's Gebet.

          O mein Vater, Du Allweiser,
Ist es denn Dein heil'ger Wille,
Daß Dein Mensch nur Kampf und Streiten,
Mordsucht hegt in seinem Herzen?

Nein, der Böse hat den Menschen
Hinterlistig umgeschaffen,
Er nur schürt die Glut der Bosheit,
Er nur schärft das blanke Eisen.

Sonst ja wär' es Dir ein Leichtes,
Statt des Fleisches, das verletzbar,
Ihn mit Panzern zu umgürten
Wie den Krebs, die Armadille, 370

Daß er wandl' in seinem Schilde
Unzerstörbar wie die Kröte,
Daß sein Fell so hart und steinern
Wie Rhinoceros ihn hülle.

Doch die Liebe, die allgüt'ge,
Nahm ihm scharfe Klau'n, die Kräfte
Des Gezahns des Löwen, Tigers,
Und des Elephanten Schwere.

Aber jener Geist, der ew'ge,
Der in Liebe sollte walten,
Ihn erkennen, der ihn schuf,
Und in Andacht zu ihm beten,

Der ersinnt die Eisenrüstung,
Die das zarte Fleisch umschließet,
Der wetzt Schwerter, schnitzt die Bogen,
Giebt dem Pfeile Todesschnelle.

In das Erz kriecht Haß und Bosheit,
Blutdurst treibt den armen Menschen,
Und er mordet seine Brüder,
Wähnt sich nun als Held begeistert.

Und so würgt, viel grimmiger,
Als es Leu vermag und Tiger,
Mensch den Menschen, Arm und Bein,
Brust und Rücken nur zum Tödten

Ganz ein einz'ger fester Harnisch,
Fremd und mißgestalt verwandelt,
Daß der Schöpfer selber nicht mehr
Sein Geschöpf erkennen möchte.

Vater, Heiland, o Maria,
Ach bewahret für und für mich,
Daß durch mich kein Tropfen Blutes
Oder um mich sei vergossen. 371

Mir erstarrt das Herz, es weinet
Des Entsetzens Flut mein Auge,
Wenn ich so das Ebenbild
Meines Gottes seh verstümmelt.

Nimm in Deinen heil'gen Schutz mich,
Daß ich wie des Feldes Blume,
Wie die Pflanze auf mich ranke
Zu dem süßen Himmelslichte.

Eine Rebe laß mich werden,
Die hinauf zur Ulme strebet,
Und von Sommerluft gewieget,
Von dem klaren Licht umfangen,

Aus sich selbst in stiller Wonne
Traubensüße ausgebieret,
Freud' und Trost den armen Menschen,
Und von Priesterhand geweihet

Siegeszeichen, Blut des Heilands,
Inbegriff des brünst'gen Glaubens,
Herz und Kern des Christenthums. –
Also betete Ramiro.

7.
Alonso's Tod.

        Kriegesaufruhr in Castilien,
Kriegsgetös' in Aragonien,
Blut'ge Fehd' in aller Landschaft,
Siegesbotschaft, Trauerkunde.

Und Alonso stürmt voran,
Immer schwebt der Sieg weit glänzend
Um die Banner seiner Schaaren,
Und sein Herz lacht der Gefahren. 372

O du Sicherheit, du stolze,
Die mit Uebermuth die Herzen
Panzerst und die dichten Nebel
Um das Licht der Augen webest!

Nicht mehr hört er Rath und Warnung,
Lacht der Vorsicht, nennt sie Feigheit.
Sucht im tollkühnen Vermessen
Die Gefahr, die Wurfgeschosse.

Als wenn unverwüstbar Erz,
Und nicht zartes Fleischgewebe
Sei der Leib, den Luft und Wärme
Oft in Fieberglut zerstören.

Plötzlich regt sich's auf den Bergen,
Und die Felsen sind lebendig,
Und aus Wäldern stürmen Schaaren,
Aus den Thälern hebt sich's dräuend.

Rings umzingelt von Ungläub'gen,
Hergesandt vom klugen Feinde
Aus der fernsten Gegend, sieht er
Von dem Waffenglanz der Moslem

Sich umlagert wie von Mauern,
Rings umstarrt vom Dräu'n der Lanzen:
Alle Christenschaaren bangen,
Nur Alonso höhnt die Schrecken,

Jauchzend, wuthentbrannt, mit Heulen
Stürzt die Menge zahllos, wimmelnd,
Immer neue Haufen drängend
Auf der Christen wankend Kriegsheer.

Und wie Hagelschau'r im Kornfeld
Prasselnd niederschlägt die Halme,
So fällt blind Entsetzen, Grauen,
Schauder in das Heer der Christen. 373

Flucht nach allen Seiten, doch sie
Rennen gegen andern Feind nur,
Statt der Rettung spießen flüchtend
Sie sich in die Todesstachel.

Und inmitten der Verwirrung
Steht der Held Alonso aufrecht,
Kühn und dräuend, unerschrocken,
Und dem Anblick bebt der Sieger.

Todt liegt da sein gutes Schlachtroß,
Und er kämpft zu Fuß, und rufend
Will er seine Freunde ein'gen,
Will er hemmen die Verzweiflung.

Auch sein Schild ist ihm zerschlagen,
Und der Helm vom Schwert gespalten,
Neben ihm steht noch sein Knappe,
Der den König strebt zu schirmen.

Doch der Arme giebt verloren
Seinen Herrn, und wuthentzündet
Kämpft er blind und will den Einen
Nur noch retten, doch unmöglich. –

Plötzlich, wer kann fassen, sagen,
Wie es nur geschah das Wunder – ? –
Ist der König ihm entschwunden,
Auf klafft unter ihm der Boden,

Und die Erde schließt sich wieder,
Keine Spur auf ihr noch Spalte,
Todtverwundet sinkt der Knappe,
Weit umher nur Christenleichen.

Todte, Sterbende, nur Wunden,
Aechzen, Jammer sieht und hört man;
Wie man sucht, nicht aufgefunden
Wird der König Don Alonso. 374

8.
Die Königswahl.

              Nun Verwirrung, Frage, Zweifel,
Alle Krieger nun landflüchtig,
Alle Mächt'gen nun in Sorgen,
Und das Volk in Todesängsten.

Wer soll helfen? rufen alle,
Jetzt, da unser Stern erloschen,
Alle Hoffnung uns entschwunden,
Da der starke Held verloren?

Wer kann das Zerstreute sammeln,
Wer das Aufgelöste binden?
Untergehn muß Reich und Adel,
Und das Volk als Sclaven betteln.

Nur der Eine kann uns retten,
Der vom Königsstamm entsprossen
Aus Navarra, er der Kühne,
Pedro heißt er von Atares.

Also redeten die Bürger,
Also rief der mächt'ge Adel,
Und zum hohen starken Manne
Sah der Bauer auf getröstet.

Und ein andrer Pedro rief laut,
Pedro Tizon, selbst ein mächt'ger
Rico hombre, dem unzählbar
Weit umher Vasallen dienten:

Laßt uns ihn zum König wählen,
Er wird die Verwirrung schlichten.
Klug ist er, geehrt von allen,
Und ein Held in allen Schlachten. 375

Ja Atares! riefen alle,
Und ein Zug mächt'ger Vasallen
Wandert zum Palast Don Pedro's,
Ihn zum König auszurufen.

Doch verschlossen sind die innern
Räume, und die Diener bitten,
Daß man noch verweilen möge,
Denn ihr Herr sei nicht zu sprechen.

Pedro Tizon frägt: was treibt er? –
Er sitzt jetzt im warmen Bade,
Nach dem Waschen schläft er gerne,
Dann darf keiner ihn verstören. –

Doch die Männer lachen laut auf!
Eine Krone zu gewinnen,
Bricht man einmal sich den Schlaf ab,
Sagt man doch, daß Glück im Schlaf kommt. –

Vorwärts schreiten sie, die Tritte
Dröhnen laut vom steinern Boden,
Und sie pochen an die Thüren
Ungestüm der Badekammer.

Auf! mein König, ruft der Stärkste,
Deiner harren die Vasallen,
Tritt als Fürst in unsre Mitte,
Daß wir Dir in Demuth huld'gen.

Und es donnern nun die Fäuste
An die erzbeschlagne Thüre;
Aufgemacht, Pedro Atares!
Nicht ist länger Zeit zum Schlafen! –

Da hört man den Riegel klirren,
Und die Thür wird aufgerissen,
Und hervor tritt nackt und glänzend
Pedro's großer Heldenkörper. 376

König soll ich werden, spricht er,
Zürnend runzelnd Wang' und Stirne,
Und ihr schreit mich auf vom Lager,
Wie man Sclaven weckt zur Arbeit?

Wollt ihr mir Vasallen werden,
Meinem Willen unterthänig,
O so lernt zuerst gehorchen
Des Gehorsams strengen Pflichten.

Jagt man Kön'ge auf wie Wildpret,
Mit Geschrei und wildem Lärmen?
Achtet meine ruh'gen Stunden
Nichts, und nichts des Herrschers Launen?

Wartet dort in meiner Halle,
Schweigend, ernst und ehrerbietig
Eures Königs, eures Fürsten,
Bald erschein' ich reich und festlich,

In dem sammtnen Mantel, glänzend
Von viel goldgestickten Blumen,
In dem Hauptschmuck mit Demanten,
Wie es großen Kön'gen ziemet.

Sei euch dann verziehn die Unart,
Und dies widerspenst'ge Wesen,
Denn ihr seht, ich bin ein andrer,
Als ihr wohl vordem gewähnet. –

Ohn' auf Antwort noch zu harren,
Schlug er wieder zu die eichne
Große Thür, die erzgeschmückte,
Und schob innen vor den Riegel.

Thürenschlag und Riegelklirren
Tönten wie die letzten Silben
Seiner kräft'gen Königsrede,
Und die Herren standen sinnend, 377

Sahen starr und wie verlegen
Einer in des Andern Auge,
Alle Augen weit geöffnet,
Mancher Mund zum Zorn verzogen.

Manche Lippen zuckten lächelnd,
Und der eine sagte fröhlich:
Löwen aus dem Schlummer wecken
Ist nicht heilsam für den Jäger. –

Sind wir seine Hund' und Knechte,
Rief ein andrer zorningrimmig,
Der Tyrann, hat er vergessen,
Wer wir sind, wir Reichsvasallen?

Nackt und roh stellt er sich vor uns,
Schilt uns lästernd, wie man Dienern
Thut, die wegen Mißverhalten
Man fortjagt aus seinen Diensten.

Und sie alle gingen murrend:
Herrscht er so uns an, so gröblich,
Da er unsrer noch bedürftig,
Wie als Herr würd' er gebahren?

9.
Andres Beginnen.

          Früh am Morgen, als die Sonne
Durch die dichte Waldung flimmert,
Und des kleinen Klostergartens
Blumenfelder licht beglänzte,

Trabt ein stolzer Zug durchs Blachfeld,
Glänzend, hochgemuth, die Reiter
Steigen von geschmückten Rossen,
Stehn jetzt vor der Klosterpforte. 378

Leonardo tritt entgegen,
Fragt in Demuth ihr Begehren,
Und vernimmt, daß all' einmüthig
Don Ramiro, letzten Sprößling

Ihres Königes, erwählten,
Um das Reich jetzt zu beherrschen,
Und daß alle Kronvasallen
Kommen, ihn zum Thron zu führen.

Deß erschrak der Mönch Lenardo,
Denn er sah den Ernst der Herren,
Zittern fiel auf seine Glieder,
Bebend sucht' er auf Ramiro. –

Wieder kam er, bleich und stotternd,
Meldete den Kriegeshelden,
Daß die Zelle sei verschlossen,
Keine Antwort zu vernehmen.

Und sie alle, zweifelnd, zürnen,
Dringen in des Klosters Stille,
Und sie brechen auf die Thür dann,
Suchen, forschen, spähen, nirgend

Finden sie den frommen Prinzen.
Ist er wohl in Angst entwichen?
Schweift er wohl im Klostergarten?
Hat er sich im Wald verborgen?

Augustin, ein muntrer Jagdmann,
Eilt hinab mit seinem Spürhund,
Der durchstöbert rings den Garten,
Der schaut auf zu allen Bäumen.

Recht, Gesell! ruft ihm der Herr zu,
Heute gilt's ein hohes Jagen,
Mehr als Hirsch und Reh und Reiher,
Nach dem König wird gewittert. 379

Wohl ist Noth in Aragonien,
Daß man jetzt die ganze Landschaft
Gern aufböte, daß die Treibjagd
Unsern König nur aufstöbre.

Nun zu Wald, mein treuer Hugo!
Denn im Garten ist er nirgend,
Hinterm Buschwerk, wie der Hase,
Sitzt gekauert wohl der Fromme.

Klug schaut auf den Herrn der Bracke,
Und sie gehn in Eil zu Walde,
Hugo spürt, die Schnauz am Boden,
Augustin rollt schnell das Auge

Rechts und links, dann aufwärts, seitwärts,
Nirgend Spur, in aller Richtung
Läuft das kluge Thier und schnuppert,
Findet keine Königs Witt'rung.

Und sie gehn vom Walde heimwärts:
Tritt im Klostergarten zürnend
Auf sie zu Bermudez, sprechend:
Nirgend ist er zu entdecken.

Alle klagen wie verzweifelnd,
Wo ist Rath, wo Hülfe irgend,
Wie nach unterird'schen Schätzen
Suchen wir nach unserm König.

Noth wär' uns fast ein Beschwörer,
Der den Zauberbann auslegte,
Daß er sich im mag'schen Netze
Selbst gefangen müßte geben.

Giebt's doch keine Wünschelruthen,
Die auf Fürsten, die versteckt sind,
Schlagen können, und vergeblich
Ritten wir den schlimmen Bergweg. 380

All' in Mißmuth gehn die Beiden
Zu der stillen Klosterzelle,
Und der kluge Hund begleitet
Ungefragt den Jägermeister.

Mit den Augen spürt er, wittert,
Sucht umher ringsum am Boden.
Kriecht dann mühsam unters Bette,
Springt hervor und stellt sich aufrecht,

Bellt und lärmt, und unermüdlich
Strebt er nun empor zu klimmen.
Durch die offne Thür gehn viele,
Aller Blick' empor gerichtet.

Einen Menschenfuß erspähn sie,
Oberhalb der hohen Bettstatt;
Wo ein Dach das Lager schirmet,
Liegt verborgen Don Ramiro.

Auf der Leiter klimmt empor jetzt
Bermudez, und niedersteigen
Muß beschämt jetzt Don Ramiro.
Und des Landes Adel sinket

In die Kniee, den Herrn verehrend,
Den das Schicksal und die Wahl jetzt
Ihnen gab mit seinem Erbrecht,
Als rechtmäß'gen wahren König.

Don Ramiro weint und bittet,
Andern Herrn zum Thron zu rufen,
Er unfähig, nur geübt
In Gebet und Horasingen.

Doch Lenardo selbst, der greise,
Räth ihm ernst, so mächtigen
Ruf des Schicksals und des Himmels
In Gehorsam anzunehmen. 381

Jubelnd mit Trompetenschalle
Kehrt der frohe Zug zurücke,
Auf dem Thron sitzt Don Ramiro
Und ihm huld'gen die Vasallen.

10.
Ramiro als Krieger.

                        Alle Städte sind in Freuden,
Denn gekrönt ist jetzt der König,
Und die Priesterschaft singt Psalmen,
Denn ein Mönch war Don Ramiro.

Doch die Folge zu bestät'gen,
Muß der König sich vermählen,
Und der Papst schickt die Dispense,
Und die schöne Braut erscheint bald.

Freud' und Wonn' im ganzen Lande,
Ein Infant wird nach neun Monden
Den entzückten beiden Eltern.
Und der Friede weht und stärket

Mit dem Blumenfittig ringsum
Die Gewerbe und den Landbau.
Nur ein solcher Fürst ist heilsam,
Der kein Held ist, kein Erobrer.

Also ruft der Stadtbewohner
Wie der Bauer hinterm Pfluge,
Sicher sind weithin die Straßen,
Die das Lastthier ruhig wandelt.

Nur die Mächtigsten des Landes
Murren leis und bald auch lauter,
Freundlich allen Unterthanen,
Fühlen sie von ihm gekränkt sich, 382

Der den Bürger auch vernehmen,
Auch den Bauer will beglücken,
Der den Geistlichen verehret,
Mehr als alle Ricos hombres.

Friede macht die Rüstung unnütz,
Wohlstand Bürger übermüthig,
Selbst der Bauer darf es wagen,
Rittern ins Gesicht zu schauen.

Ist ein solches Thun erträglich,
Darf solch Freveln unbescholten,
Ungestraft das Land verwirren,
Alle Privilegien stürzen?

Graf und Ritter sind laut jubelnd,
Da der Muselmann den Frieden
Wieder bricht und wilde Schaaren
Raubend übers Land hinstürmen.

Aufgeregt vom Castilianer
Fahren sie im Kriegesmuthe,
Und die Großen Aragoniens
Schaaren sich um ihren König.

Don Ramiro naht verlegen
All' dem Glanz' der Helm' und Harnisch',
Nie hat er ein Roß bestiegen,
Nie die Lanze noch geschwungen.

Und er ruft den großen Ritter
Don Antonio zu sich her.
Zeige mir, Du treuer Mann,
Wie ich mich zum Krieg gehabe.

Nichts ist leichter, spricht der Muth'ge;
Angeboren ist dem Adel
Schwertschlag, Lanzenschwung, Roßtummeln,
Frisch steigt in den Bügel, hebt Euch. 383

Auf dem Schlachtroß sitzt der König. –
Nehmt nun in der Linken zierlich
Diesen Schild, rechts tragt die Lanze.
Und der König thut's, da fällt ihm

Aus der linken Hand der Zügel.
Weh! mein Freund! womit regier' ich
Nun das Roß, das wild schon stampfet?
 

Und der Uebermüth'ge ruft laut:
Nun nehmt in den Mund den Zügel,
So gehorcht Euch wohl der Rappe,
Kluges Wort regiert die Welt ja!

Und der fromme König schaut nun
Rings die fröhlichen Gesichter,
Er erröthet, denn nie sah er
Reiter, die dem Rosse ähnlich

In dem Mund den Zügel trugen.
Tief beschämt nimmt mit der Linken
Unterm Schild er jetzt den Leitzaum,
Und das treue Pferd gehorcht ihm.

Antonio der Uebermüth'ge
Schlägt dem Blick sein Auge nieder,
Der vom König ihm begegnet.
Doch die andern Ritter alle

Lachen laut, als sich der Zug nun
Durch das Feld, die Wälder hinwälzt.
Ist Ramiro auch kein Ritter,
Sind die Feinde doch geschlagen.

Und im Land erzählt man jubelnd,
Wie den Zaum im Mund der König
Kühn vorangesprengt den Schaaren,
Schwert rechts, links die Tartsche schwingend. 384

Dem noch nie gesehnen Anblick
Sei der Feind entmuthigt worden,
Vor der Wuth des Zähneknirschers
Sei der Tapferste geflohen.

11.
Der Gerichtstag.

        Pater Leonard besuchte
Seinen nun gekrönten Zögling
In Huesca, wo die Großen
Seines Reichs um ihn versammelt.

Pedro Atares der mächt'ge,
Lope auch de Luna mit ihm;
Auch Garcia da Vidaure,
Und noch viele Ricos hombres.

Nieder wirft sich Don Ramiro,
Bittet um Lenardo's Segen,
Der gerührt, erschreckt, erhebt ihn
Und erfleht ihm Glück vom Himmel.

Selbst den Sessel stellt Ramiro
Für den hochverehrten Vater,
Während alle Thronvasallen
Herrn und Ritter stehn und warten.

Und den Priester fragt der König
Nahgebückt, vertraulich sprechend,
Nach dem Klostergarten, nach den
Bienen, wie die Frucht gediehen.

Legt die Hand ihm auf die Schultern,
Liebkost ihn, den Vielverehrten,
Und die Herren sehn mit Staunen
Ihren Rang und Stand mißachtet. 385

Welch ein König! raunt Don Pedro
In das Ohr der Mißvergnügten;
Nur den alten Priester ehrt er,
Der da sitzt, wir stehn vernichtet!

Er war Mönch und ist's geblieben,
Spricht Garcia, jene Sonne,
Die den Herrscher muß umstrahlen,
Jener Kranz von Scheu und Ehrfurcht,

Der die Majestät und Hoheit
Schmückt, dem Unterthanen zittern,
Den mit Furcht nur sieht der Ritter,
Alles mangelt unserm Fürsten.

Mit den Bauern, Priestern, Bürgern,
Ist ihm immerdar am wohlsten,
Waffenrüstung, Kriegsruhm, Stolz,
Der dem Adel ziemt, verächtlich

Dünkt ihm dies, was er nur weltlich,
Eitel und vergänglich nennet;
Kann ein solcher uns gebieten,
Der sich vor dem Mönch erniedrigt?

Auf steht jetzt der fromme König:
Ist nicht heut Gerichtstag eben?
Und der Schreiber Sanchez meldet:
Draußen warten die Parteien.

Laßt sie vor! gebeut der König;
Und Ihr, Sanchez, mein Vertrauter,
Faßt das Urtheil, das ich spreche,
Sorgt, daß man es gleich erfülle.

Und ein junger Mann, gekräuselt,
Aufgeschmückt in bunten Farben,
Tritt herein, ihm folgt bescheiden
Dann ein Diener, still demüthig. 386

In der Mohrenschlacht von neulich,
So beginnt des Throns Geheimrath
Sanchez, ward des Jünglings Vater
Von dem Feind getödtet, doch

Kam sein edles Roß, der Schimmel,
Wohlbehalten aus dem Schlachtfeld,
Und das Thier, die Heimath kennend,
Kommt voll Trauer hin zum Stalle;

Findet dort das Thor verschlossen,
Und da's nicht gelernt mit Händen,
Wie es ziemlich, anzupochen,
Rennt es mit der Stirn dagegen.

Dem Gedonner wacht alsbald auf,
Beides, so der Herr wie Diener,
Und der junge Edelmann hier
Kommt hinab mit seinem Stecken:

Wie? du Unart! ruft er zürnend;
Ohne meinen Vater kommst du?
Wagst vor Augen mir zu treten?
Renegat, du feig' Meineid'ger!

Wer's vermag in Tod und Leben
Treulos seinen Herrn zu lassen,
Ist ein Böswicht und Verräther,
Unwerth, je ins Haus zu treten.

Und er geißelt ohn' Erbarmen,
Schlag auf Schlag den edlen Schimmel.
Der weiß nicht, wie ihm gescheh'n sei,
Schaut mit Zweifelblick den Herrn an.

Doch da der noch nicht ermüdet,
Bis der Stecken ihm zerbrochen,
Flüchtet er ins Feld, zu Walde,
Rückwärts oft die Blicke werfend. 387

Weinend sieht der Knab' hier alles,
Spricht: O gnäd'ger Herr, nicht also,
Dies das Lieblingsroß des Vaters,
Wissen wir doch nicht, wie traurig,

Wie im Gram der Schimmel seyn mag,
Weinen kann solch' armes Thier nicht,
Sprechen mit Vernunft viel wen'ger.
Daß er mit dem edlen Haupte

So an unser Stallthor pochte,
War wohl Heimweh, Herzensgram,
Daß sein edler Herr getödtet;
Daß er einsam wiederkehrte.

Stoßt Ihr ihn nun in die Wildniß,
Muß das edle Thier verschmachten,
Wenn nicht Wölfe es zerreißen,
Oder daß ein Bauersmann

Ein sich fängt das hohe Streitroß,
Daß es ihm muß tagelöhnern,
Seinen Pflug ihm knechtisch ziehen,
Daß zum Klepper es verwildert.

So verliert's den Stolz, wird schwach und
Niederträchtig, daß kein Ritter
Das entartet arme Wesen
Künftig zu besteigen würdigt:

Darum, Gnäd'ger, seid barmherzig,
Nehmt Ihr an die große Erbschaft,
Schlösser, Wälder, Eures Vaters,
Rechnet noch hinzu den Schimmel.

Doch der junge Ritter, eifernd,
Zürnend ob dem Widerspruche.
Nahm den Stumpf des starken Stockes
Und zerbläu'te Rücken, Lenden 388

Des weichherz'gen, mitleidvollen
Dieners, bis er niederstürzte,
Und der Stab auch selbst zerbrochen;
Da erst war der Ritter fröhlich.

Einsam lag im Stalle klagend,
Weinend nun der Knabe, ächzend
Um den eignen Leib, so wie um
Den verjagten schönen Schimmel.

Euch, Herr König, ist nunmehr
Diese Klagschrift übergeben,
Drum entscheidet den Prozeß jetzt
Zwischen Roß, Stallbub' und Ritter. –

Wohl bemerkte Don Ramiro
Des Geheimschreibers Gespötte,
Und der Granden feines Lächeln;
Doch er sprach mit Ernst und Würde:

Edel und fast menschlich zeigte
Sich das Roß, die Heimath suchend,
Deshalb sei es eingefangen
Und auf sieben Monat' nehm' es

Sein Quartier dort in den Stuben,
Die der Vater sonst bewohnte,
Speis' am Tisch des todten Ritters,
Schlaf' in seinen weichen Betten.

Wenn das Thier sich menschlich zeigte,
Und der Mensch zum Thier geworden,
Darf man wohl die Rollen tauschen,
Um Verirrte zu erziehen.

D'rum befehl' ich, an die Krippe
Soll man dort den Jüngling binden,
Auf dem Stroh im Stall sein Lager,
Brot und Wasser seine Nahrung, 389

Bis die sieben Mond' entschwunden,
Halt' ihn also jener Diener,
Auch des Rosses soll er pflegen,
Und des Kämmrers Lohn empfangen.

Strenge sprach das Wort der König.
Mochten sie sich auch verwundern,
War doch keiner dreist genug,
Offen ihm zu widersprechen.

Kläger wie Verklagter gingen
Aus dem Saal, herein nun traten
Mit Verdruß im Angesichte
Zwei bejahrte ernste Männer.

Dieser Bauer, spricht der Schreiber,
Ist Besitzer eines Weinbergs,
Den er pflegt mit Schweiß und Mühe,
Seine Kinder zu ernähren.

Da betrifft er in den Reben
Einen fremden Hund, der alles,
Was er fassen kann, verwüstet,
Ausrauft Kraut, Blum' und Gemüse.

So ergreift er denn den fremden
Eindringling, und ohne weitres
Als ein Beispiel, abzuschrecken,
Hängt er auf den Uebelthäter.

Dieser zappelt sich zu Tode:
Nun kommt hier der Herr des Jagdhunds,
Sagt, daß ohne Recht und Urtheil
Man den Unterthan getödtet.

Er ist Pfarrer der Gemeinde,
Und verlangt Ersatz des Schadens,
Mind'stens funfzig baare Thaler,
Wo nicht mehr noch von dem Mörder. 390

Denn das Hündchen sei zum Jagen
Mühsam abgerichtet worden,
Und er fing dem Pfarrer jährlich
Viele Hasen, wie Kaninchen.

Ei, wie thöricht! ruft der König:
Was macht auf der Jagd der Priester?
Die Gemeinde soll sein Wild seyn,
Das er für den Himmel einfängt.

Deshalb soll er nichts erhalten,
Weder wenig, weder vieles,
Nebenher sei ihm verboten
Alle Jagd auf Thier und Vogel.

Ob mit Recht und ob mit Unrecht
Jener Hund sei hingerichtet,
Bleibt wohl unentschieden, wenn nicht
Die Verwandten des Verbrechers

Klag' erheben ob der Blutschuld,
Bis dahin sei abgewiesen
Alles, was den Bauer kränke
Und sein Eigenthum verletze.

D'rauf trat ein ein dicker Pächter,
Den ein Mohr verklagen wollte,
Und der Schreiber las die Klage:
Neulich hat es sich begeben,

Daß ein Stier des Pächters, ohne
Anzufragen, in des Mohren
Hof gestiegen, so ergab sich,
Daß aus dieser Anmaßung

Jenes Mohren Kuh geworfen
Hat ein Kalb, stark, gut gewachsen,
Und der Christ verlangt nun eben
Von dem Kalb als sein die Hälfte. 391

Will die Kuh es ihm gewähren,
Sprach der König, mag er's nehmen,
Denn ihr Mutterrecht entscheidet,
Sonst soll nichts der Christ erhalten.

Sonderlich ist der Gerichtstag,
Nur von Pferd und Kalb und Hund wird
Heut verhandelt, man muß denken,
Wir sind in der Arche Noäh.

Auf nun stand König Ramiro
Halb mit Lachen, halb mit Zürnen,
Ungewiß die Granden alle,
Ob er thöricht sprach, ob weise.

Aber seine Freunde zürnten,
Und er selbst begriff es deutlich,
Daß, sein spottend, man dem Volke
Ihn verächtlich machen wolle.

12.
Ramiro's Brief.

      An dem Hofe war ein Zwerglein,
Von den Großen wohl gelitten,
Gern geseh'n an ihren Tischen,
Mit dem Spaß das Mahl bezahlend.

Auch der fromme, gute König
Hörte lächelnd seine Scherze.
Oft den tiefen Sinn bewundernd,
Den der Zwerg im Blödsinn aussprach.

Denn wer immer spricht und schwatzet,
Ohne Rücksicht, Scheu und Schäme.
Ohne Furcht auch zu beleid'gen,
Der stößt oft auf Witz und Tiefsinn. 392

Nahe liegt im Menschengeiste
Weisheit an der Thorheit, stündlich
Schlägt ein Funke aus dem Dunkel,
Und erleuchtet hell das Wirrsal.

Und im Lachen und Verspotten
Dünkt der Thor uns ein Orakel,
Weil solch Geistesspielen Unsinn
Mit der Weisheit Farbe stempelt.

Oftmal gab der Geist des Königs
Erst den Sinn dem Wort des Narren.
Scheint doch auch im Waldesrauschen,
Quellenmurmeln Spruch zu wandeln.

Eingeladen war das Närrchen
Nach dem Schloß von einem Großen,
Der nicht weit vom Kloster hauste,
Wo der Mönch Lenardo wohnte.

Diesem unverdächt'gen, kleinen,
Stillpossierlich dummen Zwerge
Gab der König einen Brief mit,
Welcher also sprach: Mein Trauter,

Da ich Mönch hieß, war ich glücklich,
Seit ich König, bin ich elend,
O was frommt mir Hoheit, Würde,
Mein Gemahl, mein Sohn, mein Erbe?

Von der Welt entfernt, unkundig
Aller Händel, nur beflissen
Meiner Seele Heil zu fördern,
Den zu kennen, ihn zu lieben,

Der vom ew'gen Tod uns löste,
Der der Inbegriff der Liebe,
Dessen Glanz sich hüllt in Schönheit.
Seine Weisheit schlichte Einfalt. 393

O im Herzensbrand wie selig,
Wenn ich flehte, ihn erschauend,
Wenn ich selbst mir selbst entrückt ward,
Und mein Geist zur Liebe wurde.

Ja noch grünt und blüht uns Eden,
Wenn wir selbst uns selbst ertödten,
Und in ihm nur sind und wirken,
Der uns schuf zum Ebenbilde.

O mein Freund, mein theurer Vater,
Tief betrübt ist meine Seele,
Wie in einem dunkeln Kerker
Sitzt sie trauernd und gefesselt.

Ihr saht selbst, geliebter Vater,
Wie man meiner jüngst gespottet,
Und so ist mir Kraft und Freiheit,
Selbstvertrauen ganz zernichtet.

Zag' ich doch, ein Wort zu sprechen,
Schäme mich, zu fragen, zittre,
Spott nur, groben Hohn zu hören,
Oder nur Verweis in Bosheit.

So wird Majestät geschändet,
Dessen, den ich soll vertreten,
Dessen Bild mit Kron' und Scepter
Ich im Purpurmantel seyn soll.

Alle, die ich reich begabte,
Zeigen sich als Undankbare.
Wer was zu erringen denket,
Ist noch höflich und ergeben.

Nach dem Kriege, den ich führte,
Freut' ich mich, sie zu belohnen,
Was ich mir aneignen durfte,
Was ich noch besaß als eigen, 394

Gab ich gern, frei, ohne Sorgen,
Rückhalt, Argwohn, und sie alle
Priesen meine Königs-Großmuth,
Meinen hohen Sinn, so edel.

Nun ich wieder Hülfe ford're,
Rings bedrängt von Christenfeinden,
Zeigt sich keiner frei, großmüthig,
Selbst die nächste Pflicht verweigernd.

Jener Grande sagt mir deutlich,
Mit den großen Ländereien,
Die ich ihm zum Lohn geschenket,
Hab' er auch ein höh'res Vorrecht,

Mir die Hülfe zu verweigern,
Denn er dürfe nicht mit Leichtsinn
Hohe Privilegien, die ich
Mit dem Land ihm gab, verletzen.

Alle diese Ricos Hombres,
Diese großen Kronvasallen,
Diese nächsten meinem Throne,
Feindlich sind sie, fast Rebellen.

Viel konnt' ich mir vom besiegten
Feinde damals selber eignen,
Ihrer Fügsamkeit und Eifer,
Mir zu dienen, gab ich alles.

Armuth, Ohnmacht und Verhöhnung
Ist die Ernte, die ich mühsam
Eingesammelt meinen Scheuern,
Undank ist mein stärkstes Einkomm'.

Was nun thun? Erfahrner Alter,
Rathe mir mit treustem Sinne,
So nicht kann ich mehr regieren,
Ja nicht fürder also leben. 395

Mein klein Zwerglein giebt Dir dieses,
Er ist unverdächtig, harmlos
Achten ihn so Groß, wie Niedrig,
Man wird nicht in ihm den Boten

Eines Königes vermuthen,
Ihm nicht Taschen untersuchen:
Denn sie kränken mich nach allem
Noch mit unverdientem Argwohn:

Klagen, daß ich sie beschäd'ge,
Land und Leut' ihnen nicht gönne,
Ihre Rechte will verletzen,
Ford're, was mir nicht geziemet.

Ja, noch mehr! sich nicht entblödend,
Schelten sie mich gar Tyrannen,
Meinen, daß dem Land ein andrer
Fürst und Herrscher sei von Nöthen.

Schon im Volk geht um ein Murmeln,
Blind Gerücht von schimpflicher
Absetzung und daß ein milder
Herr, der frei das Wohlthun übe,

Gerne schenke, Dienst belohne,
Der die Privilegien achte,
Der nicht geizig, nicht habsüchtig,
Alles selber zu sich eigne;

Dieser soll den Thron besteigen,
Um mein Geizen zu vergüten: – –
Wohl in unentdeckten Landen
Müssen sie den König finden.

Durch den Blödsinn, der dies reichet,
Sollst Du Weisheit übersenden,
Denn wenn einer mir kann rathen,
So bist Du's in meinem Reiche. 396

Du, der keinen Lohn empfangen,
Der noch lebt in vor'ger Armuth,
Der von mir nie was gefordert,
Dem ich Gold nicht schenkt' und Würde,

Der in selber Zelle wohnet,
Wo er mich belehrt, erbauet
Und gestrafet, der noch täglich
Selbst im Gärtchen gräbt und schaufelt.

O Du Aermster, Gottergebner,
Wie so reich bist Du und frei
Deinem König gegenüber,
Wie so glücklich und gesegnet:

Denn Dich lieben alle Brüder,
Ehren Dich als ihren Aelt'sten,
Sind gehorsam Dir in Demuth,
Folgen Deinem Rath und Willen.

Also müßt' ich, wenn die Rechte
Herrschten, stehn in meiner Würde,
Achten müßten die Vasallen
Mich nicht minder, dankbar treu

Meinem Wort gehorchen, scheuen,
Irgend meine hohe Würde
Zu verletzen, sie wie Kinder,
Ich ihr hochverehrter Vater.

Doch die Liebe, Wahrheit, Treue,
Kindlicher Gehorsam, Frommheit,
Sind zum Himmel all' entwichen,
Angst nur blieb uns zur Gesellin.

Bete mit mir, treuster Vater,
Daß der Herr vom hohen Himmel
Diese Wächter aller Thronen
Uns zurücke sende gnädig. 397

13.
Wiederkehr des Boten.

        Früh am Morgen, als der König
Noch im Beten war und eifrig
Zum Erlöser seine Worte,
Daß er helfen möge, sandte:

Stand der kleine Zwerg, possierlich,
Bückte sich nach allen Seiten,
Stammelte und lachte seltsam.
Und der König war ihm freundlich.

Sprich, mein Bote, sahst ihn selber?
Hast mein Schreiben übergeben?
Bringst Du Antwort mir nun schriftlich?
Hat kein Unglück Dich betroffen? –

O mein König, da der Alte
In der finstern stillen Klause
Ist mit seiner frommen Weisheit
Mehr ein Narr noch als ich selber.

Denn, mein gnäd'ger Herr, versichert
Seid nur, sagt es dreist mir nach,
Daß mehr Dummheit in der Welt ist,
Als wir beide glauben mögen.

Wie ich ankam, will der Pförtner
Mir den Einlaß gar verwehren,
Sagt, daß es sich nimmer schicke,
Weil ich klein bin, einzutreten.

Dummer Mensch! sag' ich erboßt ihm,
Wär' ich riesengroß, so dick auch,
Daß ich eure Mauer sprengte,
Weil das Thor zu niedrig wäre: 398

Dann hätt's meinen Beifall, daß ihr
Mir die Thür schlößt vor der Nase.
Aber da ich leicht und winzig,
Durch die Bein' euch schlüpf, ist's Unsinn!

Zwischen seine Kniee wutscht' ich
Nun hindurch, wie Wiesel schlüpfen,
Und so kam ich in den Kreuzgang,
Wo sie neue Noth mir brachten.

Meine bunte Schellenkappe
Sei alldort was Niegeseh'nes,
Die sollt' ich nur draußen lassen,
Um die Andacht nicht zu stören.

Schaut's, ihr Herren! rief ich zornig,
Das sind nun von euren Streichen,
Aberglauben oben, unten,
Nirgend philosoph'sche Einsicht.

Habt ihr selber doch auch Guggeln,
Die ihr über Ohren ziehet,
Zwar sind sie nur braun, nicht fleckig,
Aber doch zu selbem Dienste.

Haltet diese meine Kappe
Nur in Ehren, denn sie diente
Mir zur Sicherheit und Schutze
Fast so wie ein Heroldsmantel.

Laßt den Narren, der so harmlos,
Doch nur wandern, riefen alle,
Wenn die Wächter mich befragten,
Oder fest mich nehmen wollten.

Was mich so beschirmt, wie fast nur
Heilige Reliquie konnte,
Lass' ich mir nicht nehmen oder
Dies mein Wappen je beschimpfen. 399

Und nun lachten die Einfält'gen,
Als wenn ich der Dumme wäre,
Brachten dann mit Spott und Necken
So mich zu dem Greis Lenardo.

Der besah mich auch vom Kopf bis
Zu den Füßen, wollte lachen,
Und verbiß sich das zum Lächeln,
Weil er würdig scheinen wollte.

Habt mich nicht zum Narren, sagt' ich,
Denn ich bin des Königs Bote,
Der läßt freundlich Euch begrüßen,
Eurer Freundschaft auch gewärtig. –

D'rauf der Alte: Sonderbarlich!
Hat der König keine Fürsten,
Keinen würd'gen Abt und Bischof,
Und muß mir 'nen Narren senden? –

Daraus sah ich, daß der Alte
Mehr ein Narr sei, als ich selber,
Und ich sprach ergrimmt: kein Edler
Hätte wohl den Brief getragen:

Oder that er's, wurd' er kläglich
Von den List'gen weggefangen,
Weil ich Narr war und beliebt auch,
Ließen mich die großen Narren.

Griesgram wurde nunmehr freundlich,
Ließ ein Frühstück geben, Honig,
Weißes Brot und süßen Wein auch,
Was mir nach dem Wandern wohlthat.

Nun, wo sind denn Deine Briefe? –
Da löst' ich das Band des Schuhes.
Tölpel! rief der Priester, denn er
War ein Narr mehr, als ich selber. 400

Meint Ihr, schrie ich, daß ich solches
Darum thu', nur Euch zu ärgern,
Mich als gröblichen Gesellen
Ohne Lebensart zu zeigen?

Dreimal hielten sie mich feste,
Suchten in der Reisetasche,
Selber in dem Brotkorb emsig,
Ob sie was erwischen möchten.

Davon hatt' ich früh ein Einseh'n,
Denn ein Bote muß verstehen
Sein Gewerbe, und so stand ich
Mit Verstand die ganze Reise

Auf dem Brief, her lief ich emsig.
Und das ist auch kein Vergehen,
Weil ich nur durch solch' Verständniß
Für Euch so den Brief gerettet.

Und er las ihn und war traurig,
Sah bald mich an und das Briefchen,
Schüttelte das Haupt und seufzte,
Fing zuletzt an gar zu weinen. –

Und wo ist die Antwort, die Du
Mir von ihm sollst überbringen? –
Habe kein', und darum ist er
Größ'rer Narr noch als ich selber. –

Schreibt was, sagt' ich; stumm blieb jener,
Schüttelt wieder und ich glaube,
Daß er nicht versteht zu schreiben,
Daß er dumm ist, ohne Wissen.

Den um Rath zu fragen, wahrlich,
War höchst überflüssig, traurig,
Wenn die Einfalt bei der Narrheit,
Thor bei Dummheit Rath will holen. – 401

Und kein mündlich Wort zum Abschied?
Nichts, Herr König, als wenn plötzlich
Er vom Lesen stumm geworden,
Schwieg fortan das alte Herrlein.

Aber daß er Narr und Dummer,
Hat er noch zuletzt bewiesen,
Denn er ging mit mir zum Garten,
Wo Gemüse stehn und Blumen,

Grüne Kräuter aller Arten,
Krausemünz und Rosmarin,
Und verworrnes Zeugs mitsammen,
Mir schien manches selbst nur Unkraut.

Wie wir so stillschweigend wandeln,
Nimmt der alte Narr sein Stäbchen,
Worauf er sich wankend stützte,
Denn er ist recht schwach geworden;

Und haut um sich in die Lilien,
Die so stolz und herrlich standen,
Rother Mohn erhob die Häupter,
Alle die schlug er zu Boden,

Daß die weißen Lilienblumen,
Und vom Mohn der volle Purpur,
Zwischen Unkraut und den Gräsern
So wie Mond und Sterne lagen. –

Das ist, was wir mal gelesen,
Dorten im latein'schen Buche.
Also spricht der fromme König
Und sitzt nieder zur Betrachtung.

Winkt dem Zwerg, der geht nach Hause
Und empfängt den Beutel Goldes;
Still ist's im Gemach des Fürsten,
Nur sein lautes Seufzen hört man. 402

14.
Die Glocke.

        Jetzt versammeln sich die Großen
Oftmals und auf vielen Schlössern;
Ihren König zu vernichten,
Ist ihr Rath und eifrig Streben.

Ungewiß nur, wer dann herrsche,
Streiten sie, denn jeder Stolze
Will der Erste seyn von allen,
Keiner dem Gesetz gehorchen.

Pedro ruft: Ich sprach Ramiro,
Unsern schwachen, blödgesinnten
Priester, und des wen'gen Geistes
Ist er nunmehr ganz beraubet.

Wie geht's meinem König? fragt' ich;
Er erwiedert: Gut und leidlich,
Nur bin ich jetzt Tag und Nacht
Auf ein großes Werk beflissen.

Eine Glocke will ich bilden,
Deren Klang man weit vernehme,
Solch' ein Werk, daß es als Denkmal
Unsern späten Enkeln bleibe.

Alle lachen und verspotten
Schlimm wetteifernd ihren König,
Und Bermudez eilt zu Rosse
In die Stadt hin zu Ramiro.

Ist es wahr, mein hoher Herrscher,
Was die Freunde mir gemeldet,
Daß Eu'r Hoheit eigenhändig
Eine mächt'ge Glocke gießet? – 403

Ja, mein Guter, und ich hoffe,
Daß sie bald vollendet werde. –
Wie ist's möglich, da Ihr niemals
Dort im Kloster dies gelernet? –

Noth wohl ist der beste Meister,
Und oft sind in uns die Gaben,
Die wir später nur erkannten,
Wenn Gebrauch sie von uns fordert. –

Doch wie habt Ihr denn so heimlich
Euer Gießhaus eingerichtet?
Wo das Handwerkzeug, die Erze?
Sind Gehülfen bei dem Werke?

Alles dies wird bald sich kund thun,
Wen'ge Tage seid geduldig:
Schon zu euern Freunden sandt' ich.
Wenn sie all' versammelt, zeig' ich

Euch das Kunststück, zum Erstaunen
Aller Welt ist es formiret,
Und da es so weit gediehen,
Sollt ihr alle daran helfen. –

Wie? Nein wir sind nicht Gewerker,
Nicht zur Handarbeit gewöhnet,
Lüstet's Euch, als Tagelöhner
Euch zu müh'n, will ich's nicht hindern.

Und wozu das ganze Werk denn?
Was soll's frommen, wozu nützen?
Sind doch Glocken g'nug in Städten
Und in Dörfern oft zu viele.

Daß man vor Gebimmel, Bummel
Oft das Ohr sich möchte stopfen,
Und bei großen Kirchenfesten
Werd' ich schwindlig und betäubet. – 404

Aber diese meine Glocke
Wird, glaubt mir, viel weiter klingen,
Als je eine noch so mächtig
Ihre Klänge ließ ertönen:

Denn sie soll mit lautem Rufen
Ueber Aragon erschallen,
Daß sie hört ringsum die Landschaft,
Und auch selbst die Nachbarländer:

Und wie ihr auch jetzt euch weigert,
Weiß ich doch, auf dringlich Bitten
Seid ihr mir zum Werk behülflich,
Ist's vollendet, habt ihr Ruhe. –

Zu den Freunden eilt Bermudez,
Die zur Jagd sich schon versammelt:
Unser König ras't! so ruft er,
Reif geworden ist sein Wahnsinn.

Sancho und Antonio, Pedro,
Andres, Jago, Luis, Alberto,
Friedrich, alle Großen eilen
Uebermüthig hin zu Walde.

Sie beschließen schon im Geiste,
Den Irrsinn'gen zu verwahren,
Doch ihn erst noch seine Tollheit,
Seine Glocke fert'gen lassen,

Daß er so wie der Erwachs'nen,
Auch der Spott der Kinder werde,
Daß es einst ein Sprichwort gelte,
Albern-Thörichtes bezeichnend,

Immerdar alsdann hohnlachend
Dieses Rasen, jenen Unsinn
Und das Dumme zu bezeichnen.
Das ist Aragoniens Glocke. 405

15.
Erfüllung.

          Arbeitsam und fleißig weilte
Don Ramiro im Palaste,
Und die Granden und die Ritter
Waren an den Hof beschieden.

Drin im Stillen sich berathend,
Ließ er einen nach dem andern
Durch den Pförtner zu sich kommen,
Feierlich, geheimnißvoll.

Nun wird endlich sich doch zeigen,
Was das Wunderwerk bedeutet,
Sprach Don Pedro, er der Letzte,
Den berufen ließ der König. –

Dann, es war die eilfte Stunde,
Und zum Mittag schritt die Sonne,
Ließ er rufen Vetter, Söhne,
Enkel jener reichen Männer.

Um sich schaart er alle Freunde,
Die ihm bieder treu geblieben,
Ihre Zahl nicht groß, doch willig,
Selbst mit Blut den Herrn zu schützen.

Aufgethan sind alle Thore,
Und die Schaar der Männer, Kinder,
Jünglinge, wie auch des Volkes
Dringt hinein zum großen Saale.

Was erschau'n sie? – Zum Entsetzen!
Eine große ausgespannte
Glocke, ganz von schwarzem Tuche,
Unten ist der Reif von Eisen. 406

Und am runden Reife hängen
Blutend noch die Häupter Friedrichs,
Und Alfonso's, Luis, Sanchez,
Aller jener hohen Ritter,

Die dem König höhnend trotzten,
Die ihn zum Gespött' entwürdigt;
Und als Klöppel schwankt das große
Mächt'ge Haupt des starken Pedro.

Furcht und Wehgeschrei und Aengsten,
Staunen, Schreck im bleichen Antlitz,
Zittern aller und Entsetzen,
Stehn Gespenster dort im Saale.

Auf erhab'ner blut'ger Bühne
Liegen der Entseelten Leichen,
Und in scharlachfarbnen Kleidern
Neben ihnen Henkersknechte. –

Seht die Glocke! ruft Ramiro,
Die ich meinem Land versprochen:
Tönt sie nicht gewalt'gen Schalles?
Schreit nicht schneidend durch die Herzen?

Wie Geläut des Thurm's die Gläub'gen
Zum Gebet ruft und zur Andacht,
Zur Verehrung heil'ger Tempel
Und zur Gegenwart des Gottes,

Vor dem wir in Liebe knieen
Und auch zitternd ihn verehren:
So daß Läst'rung wird, wer Priester,
Tempeldienst verlachen wollte:

Also schallt von diesen Häuptern,
Stärker als von Menschenstimmen,
Daß ihr sollt den König ehren.
Und des Herrn Gesalbten fürchten. 407

Liebend sollt ihr ihm gehorchen,
Ehrfurcht soll ihm Rath ertheilen,
Auch der Tadel naht in Demuth
Und der König wird auch Mensch seyn,

Freundlich gern den Freund vernehmen.
Aber Gottes Abbild schänden,
So wie diese höhnend thaten,
Ist am Heil'gen Hochverrath nur.

Schaut, ihr Söhn' und Enkel, dorthin,
Prägt dies tief in Herz und Sinn,
Daß ihr lernt, wie man gehorche,
Lernt, was euer und des Königs. –

Ehrfurchtsvoll verstummen alle,
Draußen jubelt laut die Menge,
Nicht mehr fürchtend die Tyrannen,
Die sie sonst in Staub getreten.

Und die Enkel, Söhne, Vettern
Jener hingewürgten Edlen,
Fürchten nun des Königs Ansehn.
Folgen willig den Befehlen.

Viele weggeschenkte Güter,
Reiche Schlösser nimmt Ramiro
Wieder, als ihm heimgefallen,
Und erkräftigt sein Besitzthum.

Nun gehorchen sie mit Liebe,
Der wird wohl geliebt vor allen,
Der viel Gut besitzt zum schenken,
Mehr wirkt Hoffnung als Gesetze.

Und im Krieg auch siegt der Herrscher
Lernt das Schwert, die Lanze führen,
Und das Volk ist reich und glücklich,
Mild regiert Ramiro's Scepter. 408

Und der Adel kraftvoll, mächtig,
Fühlt sich stärker durch den König,
Treu bewahrt er ihre Rechte,
Treu erfüllen sie die Pflichten.

So kann er das Reich beruhigt
Seinem Sohn dann übergeben,
Und er geht zurück ins Kloster,
Einsam seinem Gott zu dienen.

Aber lange, lange klang noch
Laut hin über seine Länder
Diese Glocke Aragons,
Die der König selbst gegossen.


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