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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 8
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Siebentes Kapitel
Aschermittwoch

»Ich halte es in diesem Vehikel nicht länger aus, Lauro.«

»Und ich noch viel weniger. Habe mich nur nicht getraut, dich zu bitten, daß wir aussteigen. Wegen deines Kleides und der Schuhe.«

»Ach, die werde ich ja nie wieder tragen, Kleid und Schuhe ... Laß halten! Los! Bezahl den Chauffeur!«

Grazia und Lauro verließen das Taxi, das sie vom Hotel Bertolini heimbringen sollte, bei der Piazza Amadeo, vielleicht noch eine halbe Stunde Fußwegs von ihrem Hause. Halb sechs Uhr war schon lange vorüber und die ersten gespensterhaften Morgenmenschen zeigten sich auf der Straße. Zerlumpte Greise mit Laternen stocherten im Mist nach Bettlerschätzen. Dann und wann grölte ein Karnevalshaufe vorüber. Schellenbehängte Ziegenherden trabten aus Nebengassen. Hinter ihnen menschenähnliche Wesen, aus deren quetschigen Kehlen Kadenzen der tödlichsten Trauer gurgelten.

Grazia ging beschwingt voraus, als eile sie nicht einem furchtbaren Fatum, sondern freudiger Ruhe entgegen. Lauro blieb etwas zurück. Keine Spur mehr von Übernächtigkeit und Whisky. Er war nüchtern wie frisches Wasser:

»Ich glaube, Papa steht nicht hinter der Tür, sondern auf der Treppe. Das ist übrigens besser so.«

Sie ließ sich in keine Erörterung des Unabwendbaren ein. Ihr war zumute, als koste es nichts, davonzufliegen. Papas Rache wird schrecklich sein. Aber sie konnte sich ja gar nicht auf Papa konzentrieren. Sie genoß den Rhythmus ihres Schrittes. Auch er gehörte nicht mehr ihr. Hab ich nun einen Geliebten? Wo ist er? Wo wird er sein? Lauro aber ließ nicht von Papa:

»Du, Graja, beides ist falsch! Er steht auch nicht auf der Treppe. Jetzt spür ich die Wahrheit ganz genau. Er wartet vor dem Haustor. Ich seh ihn. Er steht ganz allein vor dem Haustor.«

Mein Geliebter schläft nun. Er weiß nichts von mir und ich weiß nichts von ihm. Er weiß nicht, was meiner wartet. Er ahnt nicht, daß Papa mich schlagen wird. Rechts und links ins Gesicht. Mein Geliebter bleibt noch viele Stunden lang in Neapel. Sein Schiff geht erst um neun Uhr abends ab. Ich werde es nicht sehn. Denn Papa sperrt mich ein. Und das ist noch das mindeste. Mein Geliebter und ich werden bis neun Uhr abends in derselben Stadt sein und uns nicht mehr sehn ...

»Kannst du dir vorstellen, Graja, daß uns Papa in zehn Minuten umbringt?«

»Ich kann mir das sehr gut vorstellen, Lauro.«

Selbst diese ihre ruhige Antwort erweckte sie nicht:

Er hat mich nicht umarmt. Wir haben uns nicht geküßt. Und nun trägt ihn das Schiff nach Afrika. Ein niederländisches Schiff. Es heißt »Oranien«. Ich werde mir das ewig merken. Mein Geliebter verschwindet. Wir werden uns nie mehr wiedersehn. Ich bin zwanzig und er ist nicht mehr jung. Aber mir sind doch alle jungen Männer gräßlich.

Lauro holte sie ein:

»Hast du Angst, Graja? Ist das nicht merkwürdig, ich habe gar keine Angst?«

»Ich habe auch keine Angst, Lauro!«

Sie griff ins Täschchen und umklammerte mit heißer Hand Campbells Medaillon. Dabei zog vor ihren vom Wein gereizten Sinnen afrikanisches Getümmel vorüber: Neger, Krokodile, runde Strohhütten, was sie nur wußte, und große unbekannte Vögel.

Noch zehn Schritte und sie waren in der Via Concordia.

Aufatmend blieben sie stehen, wie um Anlauf zu nehmen. Dann zögerten sie mit kurzen Schritten um die Schicksalsecke.

»Dort steht er.«

Ruhig kam das Todesurteil aus Lauros Mund. Er hatte sich nicht getäuscht. In der einsamen Straße, die jetzt von einem widrig-milchigen Frühlicht verpappt war, stand undeutlich, doch genau vor dem Tor des Pascarellahauses ein Mann. Die Geschwister faßten sich bei den Händen und gingen ihm ruhig entgegen. Drei Sekunden später hörte er die Schritte, stutzte und lief in großen Sprüngen auf sie zu.

»Placido«, schrie Lauro und nun begannen auch er und Grazia zu laufen.

Ein Wachsgesicht starrte sie an, von Angst und schlafloser Pein entstellt. Und Placidos Stimme keuchte:

»Papa ist nicht nach Hause gekommen ... die ganze Nacht.«

 

Sie mußten nur Ruggiero und Iride wecken, die beiden Kleinen. Annunziata lag wach und vollkommen angekleidet auf ihrem Bett. Auch sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, hatte aber, da Iride bei dem geringsten Geräusche nervös aus dem Schlaf fuhr, die endlosen Stunden unbewegt mit zuckendem Herzen auf dem Lager ausgeharrt. Freilich war ihr von Zeit zu Zeit minutenweise das Bewußtsein vor Müdigkeit vergangen, doch hatte sie es immer wieder den Schlafanfällen entwunden, um für Lauro und Grazia zu wachen und zu beten, der Himmel möge ihnen helfen, unbemerkt nach Hause zu kommen. Papas Heimkunft glaubte sie in einem Moment des Schlummers überhört zu haben.

Alle sechs Geschwister schlüpften nun in Placidos, des Wächters, kleine Kammer. Auf dem Tisch lagen Bücher und Hefte aufgeschlagen. Trotz allem sah Grazia mit einer ganz seltsamen Befriedigung, daß auf einem Blatt dichte Verse geschrieben standen, die mitten in einer Strophe, nein, in einer Zeile abbrachen. Dabei bot der zerrissene Vers, dessen letzter Buchstabe in einen ausgleitenden Strich (wie ein Schrei) verlief, das Bild der Todesüberraschung, an einen Beilhieb von hinten gemahnend oder an einen Schlaganfall. Die Dämmerung in der einfenstrigen Hofstube war vom Licht noch immer nicht aufgezehrt. Man stand wie in einem Verlies voll schmutzigen Waschküchendampfs. Sechs Menschen starrten sich mit augenumschatteten Beklemmungsgesichtern von Herzkranken an. Ruggieros noch ungekämmter struppiger Knabenkopf schwankte. Seine Lippen waren aufgeworfen, als müsse ihm sogleich übel werden. Irides kleines Gesicht war nichts als aufgerissenes Auge und dieses Auge wiederum war nichts als Grauen und überschwengliche Neugier. Nur Grazia in ihrem Ballkleid mit nackten Armen und jetzt beinahe grellen Schultern wirkte wie ein Marmorbild in einem Moderkeller.

Sie erfuhren das Schreckliche. Placido habe gewartet und gewartet, immer bereit, beim ersten Laut von Papas Schlüssel ins Bett zu kriechen und das Licht auszulöschen. Unheimlich sei es von Anfang an gewesen, daß Giuseppe nicht kam. Doch für das Ausbleiben Giuseppes konnte es, wenn der Herr abwesend war, Gründe genug geben. Bis ein Uhr habe sich Placido keine eingestandene Sorge gemacht. Dann aber sei es mit tödlicher Langsamkeit zwei geworden und drei und vier. Marterstunden, Tropfen für Tropfen. Um fünf Uhr habe ers nicht mehr ausgehalten und vor dem Haustor Posten bezogen, bis er endlich von Grazia und Lauro erlöst worden sei.

In jedem der sechs Herzen ging das gleiche vor. Das Wort »Tod« wuchs mittendrin wie eine Blase, in die erbarmungslos immer mehr Luft gepumpt wird. Schwarz rauschte es ihnen im Ohr, als dringe Ertrinkenden Meerwasser ins Hirn. Keiner zweifelte, Papa ist tot. Papa, schon alt an Jahren, ist gestorben. Der Tod hat ihn erreicht, auf natürliche Weise, oder durch einen Unfall, oder gar durch Mord, denn die Welt ist voll Feindschaft wider die Pascarellas. Niemand sprach diese Gedanken aus, nicht Annunziata, nicht Placido, nicht Ruggiero und Iride und auch Grazia nicht und Lauro. Jedoch in allen erwuchs ein übermächtiges Bedürfnis, sich auf den Boden hinzulegen, mit dem Gesicht nach unten, schweigend für ewig, nicht zu atmen mehr, nicht zu leben. Der einzige, der einen Funken Hoffnung bewahrte, war Ruggiero. Wo blieb Giuseppe? Hätte er nicht alle Kinder aus den Betten gejagt, wenn Papa etwas zugestoßen wäre? Ach, vielleicht bewachte Giuseppe jetzt den Leichnam seines Herrn, ohne sich um die Geschwister zu kümmern.

Placido aber breitete die Arme aus und drängte die ganz und gar Erschlafften zur Tür:

»Kommt! Wir müssen ihn suchen.«

Und Don Domenicos Volk betrat die erwachende Straße, ohne an seine Kleidung zu denken. Irides rechter Strumpf rutschte übers Knie. Ruggieros Schnürsenkel schleiften nach. Lauro trug unter seinem Schülerüberzieher noch immer den strapazierten Frack. Die Hemdbrust war zerknittert und befleckt. Grazia ging in aquamarinblauen Tanzschuhen. Der glockenförmige, spitzenzitternde Unterteil ihres Stilkleides schwebte unwirklich über dem harten Pflaster des Morgens. Im Haar hing ihr noch der Fetzen einer grünen Papierschlange, höhnischer Rest der Festa di ballo, die nun dahin war. Über die Ballpracht hatte sie ihren bescheidenen Alltagsmantel geworfen, ein Bild tragischen Widerspruches. Einige Leute blieben stehn. Und obgleich Karneval noch in der Luft lag, blickten sie diesem sonderbaren Aufzug verwundert nach.

Die Geschwister lenkten, ohne ein Wort der Verabredung, einhellig den Schritt zur Piazza del Municipio. Papas Azienda war ihr erstes Ziel und ihre letzte Hoffnung. Domenico Pascarella, der mit solcher Gewalt seinen Stamm im Gehege des Hauses festhielt, hatte es den Kindern zwar nie verboten, ihn in seiner Azienda aufzusuchen, doch ebensowenig den Besuch je von ihnen gewünscht. Die Berufsstätte lag außerhalb der Bannmeile und ging sie nichts an, wie in vorgeschichtlichen Zeiten etwa das Jagdgebiet des Vater-Ernährers die Sippe in der rauchigen Wohnhöhle nichts anging. Von jeher wußten sie, daß Papa die Vermischung des familiären mit dem geschäftlichen Bereich verabscheue, und immer, wenn sie der Weg an der Azienda vorbeiführte, beschleunigten sie das Tempo mit einem scheuen Seitenblick.

Jetzt aber verlangsamten sie das Tempo. Denn was sollten sie tun, wenn die Rollbalken des Straßenladens herabgelassen waren, wie es nicht anders möglich schien zu dieser Stunde? Welcher Weg stand ihnen nachher noch offen? Dann gab es nur mehr die schwarze Gewißheit und der messerschmale Lichtstreif der Angst verlosch.

Es kam anders. Die Rollbalken an allen Läden ringsum waren herabgelassen und nur die Glastür zu Domenico Pascarellas Azienda stand weit offen. Eines nach dem andern, drängten sich die Geschwister in den Raum. Giuseppe schnarchte so fest auf einem Stuhl im Winkel, daß ihn der Eintritt der sechs Menschen nicht weckte. Erst als ihre Schritte auf der kleinen Wendeltreppe emporpolterten, knurrte er: »Wer da?«

Der Vater stand aufrecht in dem kleinen Studio. Wohl war sein Gesicht grau und die Spitzen des ausgezogenen Schnurrbarts hatten sich gesenkt, doch auch das schärfste Auge hätte an Don Domenico zwar manches Zeichen der Ermüdung, aber keines der Schwäche bemerkt. Der Raum gemahnte an die Stätte eines entdeckten Verbrechens. Das hing nicht nur mit Unordnung, weitgeöffneten Fenstern und der verräterisch klaffenden Eisenkassa zusammen, sondern auch mit unsichtbaren Schreckenszeichen, die aufs Gemüt wirkten. Noch immer unterschied sich der Charakter der beiden Schreibtischhälften streng voneinander, wiewohl Don Domenicos ehrenhafte Seite diesmal mit Briefstößen, Bergen von Buchungsblättern und Geschäftsfolianten beladen war. Renato Battefioris Gebiet hingegen erschien auffallend leer. Nur einige Aschenhäuflein, Zigarettenreste und eine alte Ausgabe des Corriere della Sera erinnerten an die melancholisch zerstreute Lebensform des Eigentümers. Angesichts seiner Kinder reckte sich Domenico Pascarella hoch auf:

»Ich habe gewußt, daß ihr kommen werdet, und habe euch hier erwartet!«

Dann überschlug er mit einem kurzen Blick die Geschwisterfront, ohne an Lauros durchlugendem Frack und an Grazias Kleid hängen zu bleiben. Nicht die leiseste Gebrochenheit bebte in seinen Worten. Sie klangen wie der stolze Armeebefehl eines Feldherrn, der durch Verrat eine Niederlage erlitten hat:

»Über mich und euch ist ein großes Unglück gekommen. Ich habe dreiundzwanzig Jahre lang mit einem Schurken, mit einem gemeinen Verbrecher zusammen gearbeitet, ohne zu wissen, wer er ist. Nun hat mich der Schurke bis auf den letzten Soldo ausgeraubt. Und das ist leider nicht alles.«

Eine Handbewegung zur klaffenden Kassa:

»Ich selbst habe ihm die Gelegenheit zu Verbrechen und Flucht dadurch gegeben, daß ich in der letzten Woche täglich bei der Steuerbehörde zu tun hatte, unregelmäßig ins Geschäft kam und die Bücher nicht durchsehen konnte. Die Polizei ist verständigt, aber ich glaube nicht, daß sie ihn auf dem Meere erwischt.«

Die eintretenden Geschwister hatten vergessen, die Tür hinter sich zu schließen. So entstand jetzt durch die offenen Fenster ein Zugwind, der eine große Anzahl von Briefen und Blättern vom Schreibtisch wehte. Alle sechs rutschten eifrig am Boden, um wenigstens diesen Schaden gutzumachen. Übertrieben sorgsam schichteten sie die Papiere wieder auf. Nur Placido hielt noch zögernd einen Briefbogen in der Hand, ohne ihn wegzulegen. Er hatte unter dem dichten Gekritzel Battefioris Unterschrift gelesen.

Don Domenico nahm von dem Zwischenfall keine Kenntnis:

»Ich arbeite zwar die ganze Nacht, kann aber das Unglück noch nicht vollständig überblicken. Ich wollte mir sofort Klarheit schaffen und bin deshalb nicht nach Hause gekommen. Es ist unmöglich. Ich konnte nicht fertig werden. Mehrere Tage wird es dauern. Der Schurke hat Depots angegriffen, auf den Namen der Firma Wechsel ausgestellt, Bankguthaben belehnt. Er hat geplündert, was nur zu plündern war, selbst das Bargeld.«

Placido hatte Battefioris Brief auf die Tischkante gelegt. Ein kurzer Kampf: Darf ich das tun? Ja, ich muß alles wissen, wenn ich mich auch häßlich benehme. Seine Augen senkten sich unmerklich. Er las, von Lauro gedeckt:

›Domenico Pascarella, Sie waren immer ein geschäftlicher Dummkopf und eingebildeter Pedant. Es ist nicht das erste Mal, daß ich die Dinge zu meinen Gunsten einrichte. Wer um Sie nur herumspeichelte und kroch, konnte Sie betrügen und foppen.‹

Grimmig rollte Don Domenicos Stimme durch das enge Studio:

»Feststeht, daß wir arm sind, bettelarm, viel ärger als bettelarm. Das Leben muß jetzt darnach eingerichtet werden.«

›Nicht um Ihretwillen fällt mir die Tat schwer, sondern um Ihrer Kinder willen, die unschuldig in Leid geraten. Deshalb lege ich eine Aufstellung meiner Transaktionen bei, sowie ein Verzeichnis der Außenbestände, die Ihnen verbleiben.‹

Nach einer abklingenden Pause zog Papa den Schluß:

»Als meine Kinder werdet ihr mit mir darin einig sein, daß es für uns nur eine einzige Lösung gibt, die Ehre des Namens Pascarella zu retten. Ich will niemandem etwas schuldig bleiben. Wie es mir gelingen soll, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich in der Schande nicht weiter leben kann. Und dasselbe erwarte ich von euch!«

›Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie bei Ihrer Einfalt ohne mich längst zugrunde gegangen wären, wenn nicht im Kriege, so später. Durch mein Verdienst allein haben Sie immer ausgezeichnet leben und vor zwei Jahren, ohne mich zu fragen, ein gewisses Kapital der Firma entziehen können. Ich tue jetzt das Entsprechende.‹

Domenico Pascarella schloß mit einer jugendlich raschen Bewegung die Fenster und winkte Ruggiero, an der Wendeltreppe die Wache zu beziehen. Dann senkte er die Stimme:

»Ich habe in den Jahren nach dem Krieg für jedes von euch Mädchen eine Summe erworben und zurückgelegt, auf daß ihr, ob ihr nun heiratet oder nicht heiratet, im Leben nicht mittellos dasteht. Der Gedanke, euch versorgt zu wissen, hat mich beruhigt. Damit ist es nun vorüber. Ich werde auch dieses Geld zur Deckung verwenden.«

Placido hielt die Augen noch immer auf Battefioris eilig hingekritzelten Abschiedsbrief gesenkt:

›Es hätte anders kommen können, wären Sie ein anderer gewesen. Nun habe ich endlich das Wesen gefunden, für das ich –‹

»Geht jetzt nach Hause«, befahl Papa. »Annunziata, sorge dafür, daß ich mittags ein anständiges Essen bekomme. Bereite mir auch ein Bad vor!«

›Es ist ziemlich aussichtslos, wenn Sie mich verfolgen lassen. Man wird weder den Hafen, noch das Schiff entdecken, noch meinen neuen Namen, noch auch mein Ziel. Vielleicht führe ich Sie und die Polizei damit überhaupt nur auf eine falsche Spur.‹

Ruggiero, der Handelsschüler, nahm zaghaft bittend das Wort:

»Können wir dir bei der Arbeit nicht helfen, Papa?«

Er schaute die Geschäftsbücher und Korrespondenzen prüfend an, wie jemand ein Gewicht, das er heben will, in berechnenden Augenschein nimmt. Don Domenico aber war nicht der Mann, sich seine Söhne so nahe kommen zu lassen. Er wies den Antrag kurz ab:

»Nein! Ihr könnt mir nicht helfen. Dazu muß man etwas gelernt haben und sich auskennen. Auch werden die Angestellten gleich hier sein. Ich wünsche, daß man so wenig wie möglich bemerkt. Verstanden? Geht also! Ich werde meine Entschlüsse fassen. Erwartet mich zu Mittag wie immer!«

Fest stand er da. Nicht einen Augenblick lang hatte sein breiter Körper geschwankt, sein Arm eine Stütze gesucht. Wäre nicht ein anderer unter diesem Keulenschlag zusammengebrochen? Er aber hatte nach einer solchen Nacht nichts von seiner straffen Spannung verloren. Es schien ihm im Gegenteil Spaß zu machen, dem furchtbaren Ereignis die Brust nur noch muskulöser entgegen zu wölben. Und dies im Alter von sechsundsechzig Jahren! Gelb und welk und ohne eigenen Halt lehnten die Geschwister an Wand und Schreibtisch. Er allein stand frei. Placido erschauerte tief vor der Kraft seines Vaters.

 

Der Heimweg der Kinder von Papas Azienda bot ein noch weit auffälligeres Bild als ihr Auszug. Es war acht Uhr geworden. Auf Platz und Straßen herrschte eiliges Morgentreiben. Hinter den Geschwistern erscholl Gelächter und manches Witzwort. Als sie sich vor einer Ewigkeit aufgemacht hatten, ihren Vater zu suchen (den jedes von ihnen in seinem stummen Inneren dahingestreckt auf einer Bahre sah), da waren sie als dichtgedrängte Schar durch die noch leere Welt gezogen. Keiner wollte für sich selber sein. Jeder suchte die gute Wärme der Einheit. Jetzt aber gingen sie in einem schwankenden und unordentlichen Gänsemarsch, und es war nicht verwunderlich, daß die meerfarbene Grazia und gar erst der befrackte Lauro für bezechte Spätlinge des Karnevals gehalten wurden, die sich nach Hause trollten.

An der Spitze schritt Placido. Er sah nicht um sich. Mit jenem begeisterten Lächeln der Konzentration, das seinem Gesicht in besonderen Stunden den Ausdruck seherischer Blindheit verlieh, blickte er vorwärts. Nur Annunziata, die nun den Zug beschloß (und nicht Grazia), hatte das blinde Lächeln bemerkt. Da ging ihr die alte Geschichte von den Büffeln im Marigliano-Schutzpark durch den Kopf, so wenig der Augenblick auch für Erinnerungen geeignet schien. Jeder, der die kleine Begebenheit hört, wird meinen, Annunziata verwechsle Placido mit ihrem Lauro. Tiere, Überraschungen, abenteuerliche Wege gehören ohne Zweifel in Lauros Repertoire. Vielleicht hat sich Annunziata Placidos Knabensünde nur deshalb so lebendig gemerkt, weil sie auch Lauro begangen haben könnte. Für das Lebensbild Placidos besitzt sie freilich eine andere Bedeutung.

Es war ein ganz großer Krach damals gewesen, der größte wohl in der Frühgeschichte des Hauses Pascarella. Eines Morgens rückt der neunjährige Placido aus, ohne Erlaubnis, ohne jemandem ein Wort zu sagen. Es wird Mittag, er kommt nicht heim. Papa erscheint zur Colazione und fragt nach seinem Ältesten. Ein Gewitter ohnegleichen geht nieder. Todesschweigen bei Tisch. Nur Mama weint fassungslos. Die Stunden verrinnen. Placido kommt nicht zurück. In der Stanza della Mammina sitzt Annunziata neben der von Angst und Kränkung gebrochenen Mutter. Sie verrät, daß Placido in den letzten Tagen immer von den wilden Büffeln phantasiert habe, die in den weiten Auen des Torrente von Marigliano gehalten werden. Da haben wirs. »Giuseppe, rasch einen Wagen«, brüllt Papa. Halbtot vor Erregung sitzt die zwölfjährige Annunziata auf dieser Fahrt zwischen den Knien ihrer Eltern. Oh, wie weit muß der Bub gelaufen sein! An Ort und Stelle wird eine Jagd veranstaltet, um den Ausreißer zu stellen. Wächter mit Knüppeln und Stangen und zwei Carabinieri in vollem Federschmuck ziehen los. Die Sonne weilt noch am Himmel, aber Wiesen, Bäume und Fluß sind schon goldgetränkt, als man Placido findet. Regungslos steht der nackte Knabe im seichten Torrente. Sein Gesicht ist starr dem anderen Ufer zugewandt. Das gleiche Lächeln begeisterter Konzentration wie heute! Es ruht auf den zottigen Riesenkörpern dreier Tiere, die mit dem unbeweglichen Tiefsinn von harrenden Bergen, die endlose Zeit haben, den Kinderblick erwidern. Nur einer der Büffel hat sich vorgewagt und steht mit gesenkten Hörnern im Wasser, überflüssiges Rufen und Hetzen hebt an. Peitschen knallen, Steine sausen, sogar eine Pistole kracht in die Luft. Papa aber steigt, wie er ist, ins Wasser, reißt den Knaben hoch und trägt ihn ans Ufer. Was dann geschieht, erinnert durchaus nicht an die Geschichte vom verlorenen Sohn. Don Domenico sieht sich nach einem geeigneten Werkzeug um. Da sich nichts findet, entreißt er Mama den Regenschirm, den sie trotz dem strahlenden Frühlingswetter in der Verwirrung mitgenommen hat. Dann packt er Placido beim Genick, schleift ihn an einen passenden Platz und bearbeitet ihn vor den Augen Mamas, Annunziatas, der Wächter und Carabinieri so lange und so inbrünstig mit dem Schirm, daß diese geschmeidige Waffe zerbricht. Placido aber, dessen feuchte Haut sich mit Striemen bedeckt, gibt keinen Laut von sich.

Das ist die Erinnerung an die wilden Büffel von Marigliano und an die einzige Tracht Prügel, die Placido von Papa erhielt. (Die vereinzelten Ohrfeigen später, doch nur bis zu seinem fünfzehnten Jahr, gehörten auf ein anderes Gebiet.) Seit jenem Tage wendete sich Placido von der Entdeckung äußerer Welten ab. Beim Anblick des gleichen Lächelns aber sah Annunziata den nackten Knaben wieder im Fluß. Dann versuchte sie, da ihr doch die Rolle der Hausmutter zugewiesen war, ihren Sinn auf die neugeschaffene Lage der Dinge einzustellen. Wir sind arm, hatte Papa gesagt, bettelarm, ärger als bettelarm. Annunziata überdachte eifrig die einzelnen Posten des Haushaltungsgeldes, das allmonatlich durch ihre Hände ging und gerade dazu ausreichte, die Erfordernisse der Küche zu decken. Zerbrach der stürmische Ruggiero eine Scheibe, waren Lauros Hemdmanschetten ausgefranst, brauchte Iride ein Paar neue Schuhe, so mußte schon ängstlichen Herzens Papas Großmut in Anspruch genommen werden. War Papa geizig? Das läßt sich schwer entscheiden. Feststeht, daß ihn jede finanzielle Forderung Annunziatas erboste und verdüsterte, mochte sie auch noch so gerechtfertigt sein. Das Maß war von ihm bestimmt. Alles andre hielt er für Unordnung und Üppigkeit. Annunziata hatte es nicht leicht, bei Aufrechterhaltung der gewohnten Lebensform mit der knappen Summe zu wirtschaften. Dennoch war ihr keine Entbehrung im entferntesten so furchtbar wie der Gang zu Papa um Geld. Doch mußte sie als einzige auch für die anderen Geschwister diese Foltergänge unternehmen, die im glimpflichsten Fall mit langen Strafpredigten und dem Refrain endeten: Und wenn ich nicht mehr sein werde, was dann? Niemand kann behaupten, daß der Pascarellastamm die Genüsse auch eines nur mäßigen Wohlstandes kennen gelernt hätte. Don Domenico hielt das Leben auf der Linie kleinbürgerlicher Selbstverständlichkeit, über die sich nur der alljährliche Opernbesuch erhob. Dennoch, auch für Annunziata, die jetzt den Entschluß faßte, hinfort nurmehr dem Vater und den Brüdern Fleisch vorzusetzen, auch für sie, die der Sorge am ehesten zugänglich war, blieb vorderhand das Wort »Armut« ein leerer Schall.

Armut ist viel mehr als ein Mangel, ebenso wie Krankheit viel mehr ist als fehlende Gesundheit. Man muß die Armut wie die Krankheit einen umfassenden Zustand nennen, der den Menschen seelisch-körperlich unterwirft, von Speis und Trank angefangen bis zu seinen höchsten Gedanken. Die richtige Armut, die über eine Familie kommt, ist kein bloßes Provisorium, das Entbehrungen verlangt, aber vorübergeht. So bedeutet auch ein gebrochener Arm nur einen bösen Unfall, der eine lange Rekonvaleszenz fordert, während die Tuberkulose eine Eigenschaft des ganzen Menschen ist. Man ist arm wie man Deutscher ist oder Italiener. Armut heißt die heimliche und vielgegliederte Nation aller Armen auf der Welt. Ihr Hauptmerkmal? Der Mensch verliert den Boden, er wird aus der Ordnung abgedrängt, aus dem weitverzweigten System der Sicherungen und Reserven, die das Einzelwesen schützen. Dem wahrhaft Armen versiegt zwangsläufig eine Hilfsquelle nach der andern. Wenn er heute hungert, so weiß er, daß er morgen nackt in Wind und Wetter stehen wird, und dieses Wissen zerstört seinen Geist.

Die Einschränkungspläne, die Annunziata auf dem Heimweg in die Via Concordia so eifrig ersann, erfaßten von der Wahrheit recht wenig. Sie wußte nicht, daß für sie und die andern Geschwister die Sonne oben am Himmel nicht mehr die gleiche Sonne war, Neapel nicht mehr das gleiche Neapel, selbst ihr Leib nicht mehr der gleiche Leib. Immerhin waren ihre Gedanken streng bei der Sache, was sich von Lauro und Grazia, Iride und Ruggiero nicht behaupten läßt. Lauro schwankte wirklich wie ein Betrunkener von einer Seite zur andern. Das Tageslicht entlarvte bösartig den Frack. In seinem dröhnenden Schädel summte nur ein Gedanke: Mein Ring! Wie komme ich wieder zu meinem Ring!? War es nicht wiederum Mamas Ring, der das Unglück herbeigezogen, nachdem er ihn der unsinnigen Begierde geopfert hatte, Grazia auf eine Festa di ballo zu führen und damit Papas Gesetz zu brechen? Seine Nerven erbebten vor magischem Schreck. Welche unausdenkbare Verquickung! O Gott, hätte doch statt dieser Katastrophe, die sie alle vor der Strafe errettete, Papa hinter der Tür ihn geschlagen, verstoßen, erwürgt! Hilfesuchend stieß er Grazia an. Sie merkte es nicht, sie faßte nichts mehr. Ihr Gesicht war gelb und verzogen. Durchs Hirn dröhnte ihr Rausch, Erschöpfung und Entsetzen wie ein Schnellzug im Tunnel. Wenn sie in ihr Täschchen griff, um Campbells Medaillon zu berühren, so erstaunte sie tief, als fasse ihre Hand ein Geschenk, das sie vor undenklichen Zeiten im Traum empfangen.

Nur die beiden Kleinen, die eine unverkürzte Nachtruhe hinter sich hatten, schritten frisch dahin. In Ruggiero regte sich, durch das Unheil aufgewühlt, ein starker Tatendrang und eine sonderbare Abenteuersucht, in Iride hingegen eine ganz und gar verworfene Eitelkeit. Ihr unaufgeräumtes Seelchen spürte das Schicksal, den frühen Gang, die Fülle des Außerordentlichen als eine Art von Auszeichnung, als ein prunkendes Wundmal, das ihr eine unbekannte Wichtigkeit verlieh. Dazu kam, daß Placido knapp vor dem Vaterhaus stehn blieb und die Anordnung traf, daß die Schulpflichtigen heute daheim zu bleiben und sich gemeinsam mit den Erwachsenen in der Sala da pranzo einzufinden hätten, um über die Zukunft zu beraten. Die Geschwister blickten erstaunt zu Papas ältestem Sohn empor. Wie sehr sie ihn auch verehrten, er war für sie alle, selbst für Grazia, bisher immer abseits gestanden, außerhalb des Lebens gleichsam, auf einem einsamen Grenzposten, von wo er liebevoll ihr Tun und Lassen beobachtete, ohne daran teilzunehmen. Jetzt aber riß er mit einem Male die Führung an sich. Es schien, als hätte er sein ganzes Leben lang dieser Stunde entgegengegrübelt. Hell trat er nun aus dem Schatten. Nein, man kann es nicht leugnen, in dem Augenblick, da sich auf Don Domenicos Haupt Finsternis senkte, begann Placido zu leuchten.

 

Priscilla, von den unheilschwangeren Vorgängen des Hauses Pascarella aufgescheucht, erwartete die Kinder mit einem starken Kaffee und reichlichem Gebäck. Befleißigte sich die Kollegin Giuseppes sonst den Geschwistern gegenüber kurzangebundener Überheblichkeit, so benahm sie sich in dieser Stunde scheu und unterwürfig. Ihre Blicke hingen angstvoll an Annunziatas schweigendem Gesicht. Sie wagte keine Frage. Der Kaffee erweckte in den übernächtigen Gemütern der jungen Leute eine gewaltige und entschlossene Nüchternheit. Mit diesem stimulierenden Frühstück zog in das Bewußtsein des Pascarellastammes die neue Lebensepoche ein.

»Ruggiero«, befahl Placido, »sperr die Tür zum Vorzimmer ab! Priscilla soll nicht horchen und Giuseppe gefälligst draußen bleiben, wenn er heimkommt!«

Wiederum blickten alle erstaunt Placido an. Das Zeremoniell des Ein- und Aussperrens gehörte zu den geheiligten Vorrechten des Vaters. Der älteste Sohn aber hatte jetzt ohne jede Anmaßung diese Schutzmaßregel verfügt, die notwendig war, sollte die Beratung geheim bleiben. Ruggiero gehorchte unverzüglich und schloß die Doppeltür der Sala da pranzo sorgsam ab. Nachdem dies geschehen war, wandte sich Placido – nunmehr unwidersprochener Leiter des Geschwister-Senats – an die älteste Schwester:

»Ich bitte vor allem um deine Ansicht, Zia!«

»Wir können mit zwei Dritteln des Hausbrauches auskommen«, stellte Annunziata fest und entwickelte die Ersparungsideen, die ihr auf dem Heimwege von der Azienda eingefallen waren: Fleischnahrung nur mehr für die Männer! Herabsetzung oder völlige Streichung der (ach, so mageren) Taschengeldquote! Keine Hausschneiderin, keine Wäscherin mehr, sondern Erledigung dieser Geschäfte durch die Schwestern selbst.

»Und wozu brauchen wir denn Giuseppe, diesen alten Fresser«, riß Ruggiero wütend das Wort an sich. »Er verschlingt sechs Mahlzeiten täglich, Priscilla muß für ihn immer wieder aufwärmen, und Papa zahlt ihm im Monat dreihundert Lire wie einem herrschaftlichen Kammerdiener.«

»Natürlich«, eiferte nun auch Iride, »Giuseppe ist ganz überflüssig. Priscilla genügt, wenn ich ihr helfe. Tischdecken, Geschirrwaschen und Aufbetten kann ich ganz gut übernehmen.«

Placido hörte all diese Anregungen, wie es schien, mit großem Ernst an:

»Deine Vorschläge, Zia, sind zum Teil sehr annehmbar. Eines aber ist ausgeschlossen. Die Lasten dürfen zwischen euch Mädchen und uns Brüdern nicht ungerecht verteilt werden. Was Giuseppe anbelangt, stimme ich Ruggiero und Iride restlos zu. Er muß gehn und Priscilla bleibt ... Und du, Grazia? Was hast du zu sagen?«

»Ich?« Grazia schrak aus tiefer Geistesabwesenheit auf. Sie lächelte wie eine unaufmerksame Zuhörerin, die beweisen will, daß sie ganz bei der Sache ist:

»Ich? ... Man muß eben an einen Beruf denken ... Nicht wahr?«

Placido machte eine Pause, dann warf er ohne Nachdruck hin: »Maestro Capironi?«

»Nein, nein ... Du weißt ja, Papa ... Und auch ich tauge nicht für solche Dinge ... Dagegen ... Cousine Maria hat die französische Staatsprüfung abgelegt ... Sie gibt jetzt Stunden, die gut bezahlt werden ... Wenn ich ... also zum Beispiel die englische Staatsprüfung ...«

»Die kostet dich drei Jahre hartes Studium, Graja.«

»So ...? Dann muß ich etwas anderes finden ... Ach, verzeih, Placido ... Ich habe große Kopfschmerzen ... Es war ein bißchen zu viel für mich ...«

Auch sie sprach kein Wort von der Karnevalssünde, der doch das Leben der letzten Tage gegolten hatte. Durch das schreckliche Wunder dieses Morgens war das Vergangene in Spuk aufgelöst. Wenn auch die Beratung der Geschwister Pascarella durchaus nicht in lässiger, sondern in beinahe parlamentarischer Form vor sich ging, so wirkte es doch eigen feierlich, als Lauro sich erhob und mit leiser Stimme sein Geheimnis preisgab:

»Graja hat recht, meine Herrschaften! Man muß an einen Beruf denken. Ich nehme an, daß uns auch Placido auf diesen Weg führen will. Es ist natürlich ganz ausgeschlossen, daß wir Söhne Papa länger zur Last fallen. Sechs Kinder im Haus, das geht nicht! Mit heutigem Tag muß unsere Studienzeit zu Ende sein! Ist jemand anderer Ansicht? Nein. Ich für meinen Teil möchte – das heißt nur mit eurem Einverständnis –, also, ich möchte sehr gern, wenn es euch recht ist, in den Minoritenorden eintreten ...«

Um aber ja nicht in den Verdacht einer außergewöhnlichen Seelenverfassung oder gar mystischer Neigungen zu geraten, fügte er in eilfertiger Scham hinzu:

»Ich habe durch einen Zufall schon mit dem Provinzial gesprochen. Morgen besuche ich ihn, wenn ihr einverstanden seid. Es ist weiter nichts dabei. Ein Beruf wie jeder andre. Ich tauge vielleicht dazu. Bitte lacht mich nicht aus! Aber unter diesen Umständen? Und dann wäre die Familie ja von mir befreit. Ich hoffe, Papa wird jetzt keine großen Schwierigkeiten machen.«

»Aber Lauro ...?«

Und Grazia lachte wirklich, ohne es zu wollen. Sie sah Lauro im Festsaal des Bertolini-Hotels, die schiefe Papiermütze auf dem Kopf, Arm in Arm mit Gia-Gia. Annunziata aber umfaßte ihren Bruder mit schwerem Blick, mit Mamas Blick, der aus der Totenwelt geschöpft war.

»Ich verstehe dich, Lauro« – auch Placido erhob sich bei diesen Worten –, »deine Eröffnungen überraschen mich, aber ich kann deinen Lebenswunsch gut verstehen. Du wirst wissen, warum du gerade an eine solche Zukunft denkst. Gut! Doch ich muß dir entgegenhalten, daß deine Absicht, in ein Kloster einzutreten, in unserer jetzigen Situation einen Fluchtentschluß bedeutet. Du willst, wie du sagst, Papa und die Familie von deiner Last befreien, zugleich aber befreist du dich selbst von Papa und von der Familie. Es fällt mir schwer ...«

Lauro ließ ihn nicht weiterreden:

»Schluß! Du hast vollkommen recht, Placido. Ich nehme alles zurück. Sag du, was geschehen soll!«

Er setzte sich hin, während Placido, noch immer stehend, resümierte:

»Wir müssen uns vorerst klar über das Geschehene werden. Papa hat nicht alles gesagt. Er konnte gar nicht alles sagen, weil er selbst die Folgen noch nicht absieht. Ich kenne mich in geschäftlichen Dingen nicht aus. Aber soviel weiß auch ich, daß eine Firma ihren Gläubigern in allen Fällen haftet. Und die Firma, das ist Papa, mag er auch selber unschuldig sein und das Opfer eines Verbrechens. Wir können gar nicht ermessen, wie schrecklich die Dinge für Papa liegen. Wird Battefiori, was ich für ausgeschlossen halte, von der Polizei eingebracht, so entsteht ein Riesenskandal, in dem Papas Name und Geschäft mit untergeht. Geschieht nichts, so erscheint die Sache noch ärger. Denn wenn Papa seine Lage verschleiert, so ist es nicht ausgeschlossen, daß er vor Gericht gestellt und verurteilt wird. Und da sollen wir nur zuschauen oder bestenfalls hungern und mit zerrissenen Schuhen herumlaufen? Wir, die wir bisher von Papas Arbeit gelebt haben und daher mitverantwortlich sind? Das wäre gemein und schäbig. Nein, wir müssen einen Gewaltstreich begehn, damit sich Papa auf uns stützen kann. Wir müssen in kurzer Zeit soweit sein, um ihm helfen zu können. Schließlich sind wir drei Männer.«

Placido beugte sich unter den Tisch und förderte eine Aktentasche zutage, die er vorbereitet hatte. Er stülpte sie um. Ein Strom von Zeitungsausschnitten, bunten Schiffahrtsanzeigen, Annoncen und exotischen Prospekten ergoß sich über den Tisch. Bisher hatte die Versammlung die Sitzordnung der Mahlzeiten streng eingehalten, sogar Papas Platz, Placido gegenüber, war in scheuem Respekt freigelassen worden. Nun aber löste sich das Geschwisterparlament eilig auf, alle, insbesondere die Jüngsten, drängten näher an Placido. Ruggiero kniete auf einem Stuhl und lümmelte seinen breiten Kopf auf Fäusten dicht vor die Prospekte. Iride stieg sogar auf einen Sessel, um über die Köpfe Annunziatas und Lauros hinweg die bunten Bilder besser betrachten zu können.

»Seht ihr, auch ich habe Geheimnisse ...«

Placido bekannte das mit einem spottleichten Schmunzeln zu Lauro:

»Seit langer Zeit schon sammle ich dieses Zeug hier. Wir wollen in den nächsten Tagen alles genau prüfen und durchsprechen. Wenn ihr meine Meinung hören wollt, ich schlage Brasilien vor. Gewiß, auch Argentinien kommt in Betracht, auch in Buenos Aires gibt es eine große italienische Kolonie und viel Arbeitsmöglichkeiten für uns! Aber ich glaube trotzdem, daß Brasilien besser ist. Ich habe einen Kommilitonen, Bombilli heißt er, der vor zwei Jahren als armer Hund nach Rio de Janeiro gegangen ist. Heute verdient er dort als Direktor einer Versicherungsgesellschaft Unmengen von Geld und ist erst zweiundzwanzig alt. Brasilien, ihr müßt es euch richtig vorstellen, das ist kein Land, sondern ein Erdteil, der alle Schätze der Welt besitzt und wenig Menschen. Man braucht dort noch Menschen.«

Placido hatte sich glühend geredet:

»Wißt ihr, daß unsre Bauern und Arbeiter, neapolitanische Arbeiter und Bauern, jährlich zweimal hinüberfahren. Zur Kaffee-Ernte. Sie kommen mit schwerem Geld zurück, so gut wird drüben die gewöhnlichste Arbeit bezahlt. Und die Schiffsreise, Zwischendeck, kostet fast gar nichts.«

»Bravo Brasilien«, schrie Ruggiero und begann in seiner erbitterten Art in der Sala da pranzo umherzutanzen, als wäre das väterliche Gesetz schon aufgehoben:

»Lieber heut als morgen, Placido!«

Sein Bekenntnis übersprudelte sich:

»Ich kann es ja in meiner Klasse nicht mehr aushalten. Keiner spricht mehr ein Wort mit mir, und die Professoren schneiden mich. Das kommt von der schrecklichen Geschichte mit Papa, als ich sagen mußte, daß er mir den Eintritt in die Avanguardia verbietet und den Parteibeitrag für mich nicht zahlt. Ach, ihr wißt ja nicht, was ich ausgestanden habe und noch ausstehe. Ich werde deshalb auch durchfallen. Lauro, bitte sag doch auch du, daß du gequält wirst, weil du nicht Fascist geworden bist.«

»Schweig, Ruggiero, und steh endlich still«, wies Placido den Jungen zurecht, »ich will nicht, daß du unsere Absicht mit unreinen Nebenzwecken verbindest. Wir wollen nach Brasilien hinüber, um Papa zu helfen, und sonst aus keinem anderen Grund.«

Vielleicht war er so empfindlich für opportunistische Nebenzwecke, weil ja sein eigener dumpfer Fluchtplan jetzt in Erfüllung ging. Da fuhr aber die bisher so teilnahmslose Grazia auf:

»Nein! Ich protestiere gegen Brasilien!«

Sie konnte sich kaum beherrschen:

»Sollen wir uns denn trennen? Zu all dem Unglück noch auseinandergehn?«

Grazias innere Bewegung schlug sogleich auf die anderen über. Sie verließen den Tisch, sie scharten sich zusammen, sie bildeten einen schmerzhaft ratlosen Knäuel. Die einzelnen Paare packten einander an. Annunziata und Lauro, Ruggiero und Iride, Placido und Grazia. Es verging eine ewige Minute. Viel fehlte nicht und sie hätten losgeweint. Grazia hielt Placido krampfhaft fest, als müsse sie ihn an einem selbstmörderischen Sprung hindern:

»Du bist zu etwas anderem geboren, Placido! Du bist ein Dichter, Placido!«

Der Bruder wand sich gequält los:

»Sag nicht solche unkontrollierte Dinge, Graja! Wir müssen alle Geduld lernen. Das ist das Schwerste. Ungeduld ist Gemeinheit und Dilettantismus. In dieser Nacht hab ich an Ungeduld gelitten, wie noch kein Mensch wohl. Ich will versuchen, sie loszuwerden. Jetzt dürfen wir nicht an uns denken. Jetzt haben wir nur eine einzige Pflicht, Papa!«

Lauro aber, auf den Annunziata einsprach, ließ sie plötzlich stehn, lief zum Büfett und klopfte mit einem Messer grell an ein Glas:

»Ich habe zwei Anträge zu stellen.«

Der parodistische Ton beruhigte die Erregung und ließ einen Atemzug Heiterkeit ein:

»Erstens: Placidos Antrag bezüglich Brasiliens wird gegen die Stimmen der Schwestern mit männlicher Mehrheit angenommen. Und zweitens: Die Debatte ist hiermit geschlossen! – Zia, geh jetzt in die Küche, damit Papa seine Pasticcia di maccheroni bekommt. Und heute mußt du noch nicht sparen.«

 

Domenico Pascarella kam um halb eins nach Hause. Ehe er zu Tisch ging, nahm er ein Bad, für dessen Temperatur und Wasserstand Annunziata nach alter Vorschrift gesorgt hatte. Dann rasierte er sich und legte ein Hausgewand an. Die Geschwister starrten ihm mit spannungsvollen Augen entgegen. Mußte sich nicht endlich die Verwandlung zeigen? Sie hatten oft von Unternehmern gelesen, die nach dem Zusammenbruch ihrer Firma Selbstmord verübten. Nein, ihr Vater war ein anderer Mann. Was für ein Mann war ihr Vater, dem man noch immer nicht den Schreck, die verlorene Nacht und fast zwanzigstündige Arbeit anmerkte? Es schien ihnen sogar, daß Don Domenicos Gesichtshaut nach der Katastrophe straffer und dunkler geworden war, als hätte er die letzten Stunden nicht im engen Studio verbracht, sondern an einem sonnigen Strand. Auch bei Tische ereignete sich nichts Ungewöhnliches. Es war ganz wie immer. Kaum ein Wort fiel. Nur Giuseppe servierte bei unveränderter Hochmutsmiene vielleicht ein bißchen zittriger als sonst und Papa aß, was noch nie geschehen war, drei Portionen seiner Lieblingsspeise, der Pasticcia di maccheroni, mit einem verblüffenden Riesenhunger. Die Sache selbst wurde mit keiner Silbe berührt. Erst als der Diener abgetragen hatte, kam eine Verfügung aus dem väterlichen Mund:

»Einiges muß jetzt anders werden. Ich bin mit meinem Plan noch nicht ganz im reinen. Sicher aber ist, daß ich den Haushalt zusammenziehen werde. Nun, ihr seid ja alle erwachsen. Die Köchin Priscilla wird gekündigt und ich behalte nur Giuseppe. Annunziata und Grazia werden abwechselnd den Küchendienst übernehmen.«

Ein gewaltiger Strich durch die Rechnung! Das Unheil taugte nicht einmal dazu, den Basilisk loszuwerden. Dafür aber durften die Mädchen sich an der Herdglut Gesicht und Hände verderben. Annunziata und Grazia nahmen Don Domenicos formelle Frage nach ihrem Einverständnis mit dem üblich-demütigen »Ja, Papa« entgegen. Und schon war das Schweigen der Runde wieder vollgetränkt von Gottergebenheit. Nichts würde anders werden. Unmerklich zeigte es sich, daß der Zusammenbruch des Hauses Pascarella in der geheimsten Seele der Kinder die übermütige Hoffnung auf eine neue Welt, auf eine sagenhafte Befreiung ausgelöst hatte. Diese Hoffnung erwies sich nun von Anfang an als trügerisch. Denn die erste Entscheidung Papas befestigte innerhalb der neuen Umstände das Althergebrachte, die Stellung des lästigen Gefangenenwärters Giuseppe. Ohne Zweifel versuchte Domenico Pascarella mit athletischer Anspannung sein Haus abzudämmen, einen Graben zu ziehen zwischen seiner Familie und dem folgenschweren Ereignis. Eine zerschlagene Stimmung löste die lodernden Erregungen des Morgens ab. Und mitten in diese Stimmung fuhr Placidos Wort als ein bisher unerhörtes Wagnis:

»Papa, wir Brüder haben beschlossen ...«

Der Vater wendete seinen runden Katerkopf mit den dichten weißen Stachelhaaren dem Tollkühnen zu: »Wer beschließt?«

Eine verbissene Pause, von erstarrtem Kampf erfüllt wie ein Schlachtgemälde. Placido hält, vielleicht zum erstenmal im Leben, den Vaterblick aus. Sein Gesicht trägt das konzentrierte Lächeln vor sich her wie eine Fahne. Und es ereignet sich, daß er die verwegene Wendung wiederholt:

»Papa, wir Brüder haben beschlossen, daß du diese Sache nicht allein tragen sollst. Es ist völlig überflüssig, daß wir dir mitsamt unserem Studium jetzt auf der Tasche liegen. Wir sind alt genug. Erlaube uns, nach Südamerika, am besten nach Brasilien zu gehn. Wir drei werden rasch eine Stellung finden. Ich habe gute Beispiele. Wir werden dir bald helfen können. Wir werden deine Verbindlichkeiten ...«

Hier unterbricht ihn der Vater. Doch sein Löwenmurren zieht gleichsam die Krallen ein:

»Wer seid ihr? Was wißt ihr vom Leben? Was habt ihr gelernt? Was bildet ihr euch ein?«

Placido sieht intensiv aufs Tischtuch:

»Leider wissen wir noch nicht, wer wir sind, Papa, aber wir wollen es wissen.«

Eine jener unangemessenen »philosophischen« Antworten, die Papa so leicht in Harnisch bringen. Mag er nach Brasilien gehn, denkt er in jähem Grimm, wenn ich ihn nur loswerde. Ein kurzes Aufgrollen der Feindseligkeit:

»Worte, verstiegene, kannst du drechseln, mein Sohn, sonst aber nichts. Und ich bin verantwortlich für euch.«

Don Domenico steht auf und beginnt einen stiefelknarrenden Rundgang in der Sala da pranzo, der volle sieben Minuten dauert. Sein nachgedunkeltes Gesicht mit den breitgemeißelten Backenknochen spiegelt keinen der vielen Gedanken, die ihn bewegen. Und wieder einmal senkt sich wie Dürre und Welken des Vaters Schweigen auf die Geschwister. Zweimal bleibt er stehn und man merkt, daß er etwas sagen möchte. Doch es kommt nicht dazu, und der unterbrochene Gang knarrt weiter. Kann auch er, der Herr und Vater, nicht reden wie er will? Ist auch er durch Unsagbares seinen Kindern gegenüber gebannt, wie seine Kinder ihm gegenüber gebannt sind? Er sieht auf die Uhr und scheint durch die vorgerückte Stunde erlöst zu sein:

»Höchste Zeit! Ich muß fort. Der Advokat Gnolli ist bei mir für vier Uhr angemeldet.«

Er geht, ohne Brasilien ein für allemal abgelehnt zu haben. Das bedeutet schon unerwartet viel. Das erstemal wird ein Plan, mit kühner Offenheit von einem Sohne ausgesprochen, nicht rundweg verhöhnt und verworfen.

Damit enden die Ereignisse dieses schicksalsschweren Fastentages. Gestern um diese Zeit, am Vorabend der Sünde schon, hatten die Geschwister gewußt, mit dem Morgen werde ein vollkommen neues Leben für sie emporsteigen. Und so geschah es, wenn auch ganz anders, als sie gefürchtet hatten. Annunziata mußte immer an ihre Begegnung mit Battefiori in Santa Maria la Stella denken. Ach, warum war sie zu feig gewesen, Papa zu warnen? Selbstvorwürfe glühten in ihr, so eifrig der Verstand ihr auch zuflüsterte, daß Papa diese Warnung nicht angenommen hätte. Die Brüder saßen in Placidos Zimmer und studierten die brasilianischen Prospekte, bis sie die Müdigkeit lähmte. Gegen neun Uhr lag die ganze Familie schon zu Bette und schlief.

Nur Grazia starrte mit offenen Augen in die Finsternis ihres Zimmerchens. Die Wände bauchten sich, traten zurück, kamen wieder. Das Fenster tauchte auf, verschwand, tauchte auf. Ein röchelnder Bodensatz von Jazzmusik pulste in ihrem Gehör. Mit einem Mal war der erweiterte Raum vollgestopft mit Fräcken, Ballkleidern, Uniformen, Kotillonmützen, Masken, die sich vorwärts schoben wie sumpfige Flut oder schwindelerregend um ihre eigene Achse kreiselten. Die Luft roch brandig nach Angst. Grazia konnte sich nicht rühren, denn ihr Körper steckte in einem eisig gipsgesteiften Organtinfutteral wie ein gebrochenes Glied. Und immer Musik! Nein, ein langer, langer Ton. Eine Schiffssirene. Und jetzt, von dem Seil dieses wehrufenden Tones gezogen, begann ihr Bett sich zu bewegen. Langsam zuerst, dann schwankte es ein wenig im Wellentakt nach beiden Seiten, endlich aber glitt es ruhig hinaus in die Nacht. Es darf ja nicht geschehen! Papa, Placido! Grazia griff rechts und links nach der Bettstatt und brachte sie zum Halten. Das Licht auf! Ein ängstlicher Blick auf den Nachttisch. Das Medaillon mit der Londoner Adresse war da. Sie schlug die Decke zurück, sie setzte sich auf den Rand des Bettes. Erstaunt betrachtete sie ihre schlanken Beine. Gehörten sie ihr? Ein träumerisches Mitgefühl mit diesen langen weißen Beinen erfaßte sie, wie mit fremden Wesen. Sie erhob sich und öffnete das Fenster, das auf den Hof ging. Die endlosen Schreie vieler Schiffssirenen durchkreuzten vom Hafen her die Nacht.

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