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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 6
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Fünftes Kapitel
Zufällige Begegnungen

Es gibt nur sehr wenig Leute, die in ihrem Leben einen Rest von Dunkelheit nicht eifersüchtig hüten, etwas, das allen andern und selbst den Nächsten verborgen bleiben soll. Diese ureigene, abgewandte Dunkelheit, vom Trieb genährt, von der Scham verwaltet, ist der Abgrund unsres Schicksals, der Sitz dessen, was wir Gut und Böse nennen. Da gibt es einen wackeren Mitbürger, braven Ehmann und Vater, dessen Lebensführung vorbildlich zu sein scheint. Eines Tages aber erwarten ihn die Kriminalbeamten im Hausflur, und er gesteht auf dem Wege zur Polizei, daß er und kein anderer die drei Morde an minderjährigen Mädchen verübt habe, die seit Wochen eine Stadt in Schrecken halten. Da gibt es nicht weniger einen alten abgerissenen Bettler, der nächtlicherweile im Obdachlosenheim sich erhebt, den elenden Schläfern der Reihe nach Geld auf die Pritsche legt und, ehe noch jemand erwacht, im Tagesgrauen in sein Palais heimkehrt. Was wäre das Leben, wenn es nicht auch ein Doppelleben sein könnte?

Gerade gegen diesen eingeborenen Trieb zum Doppelleben, gegen diesen Hang zu geheimen Gängen, gegen diese Sucht nach dem Besitz vergrabener Schätze richtete sich Papas Gesetz am schärfsten. Das Leben seiner Kinder sollte klar am Tage liegen, vom Erwachen bis zum Schlafengehn, ja bis in den Traum hinein. Jede Minute ihres Daseins sollte geheiligt sein durch eine Klarheit, die keiner Beichte bedurfte und die immer zur Rechenschaft bereit war. In früheren Jahren hatte Don Domenico nachts manchmal einen Inspektionsgang durch die Kammern seiner schlummernden Geschöpfe unternommen. Wenn er dann im Lichtkreis seiner Taschenlampe alle zwölf Arme keusch auf der Bettdecke liegen sah, erschien ihm dies als Gewähr, daß sich zwischen ihn und die Kinder nichts Trübes einschleichen könne.

So aufrichtig die Geschwister auch der Erfüllung des väterlichen Gesetzes nachstrebten, in einem Punkte waren sie ihm nicht völlig gewachsen. Selbst Annunziata, die Säule von Don Domenicos Sittenbau, unternahm fast täglich geheime Gänge. Sie führten sie freilich an keinen gefährlicheren Ort als in eine unbedeutende Kirche, die »Santa Maria la Stella« hieß. Weder ungewöhnliche Frömmigkeit, und weit weniger noch Bigotterie waren der ursprüngliche Beweggrund dieses häufigen Kirchgangs. Dem Augenschein nach spielte die Religion in der Familie Pascarella nur eine förmliche Rolle. Man ging allsonntäglich um elf Uhr vormittags zur Messe in die Santa Trinità. So hatte es Papa seit undenklichen Zeiten eingesetzt. Es war ein unumstößlicher Brauch wie der Opernbesuch bei Eröffnung San Carlos. Für Don Domenico, der aus dem liberalen Zeitalter stammte und dementsprechend Gott gegenüber der Gleichgültigkeit huldigte, war die regelmäßige Erfüllung religiöser Pflichten ein Standesprivilegium, das seinem alten, wenn auch namenlosen Geschlechte nicht weniger gebührte als den diversen Dallorso, Ventignano, Spagnuoli und Trecasi. Annunziata aber konnte sich damit nicht begnügen. Hatte sie an Priscillas Seite (väterliches Gebot) auf dem Gemüsemarkt, im Kramladen und bei den Fischbänken die Morgeneinkäufe besorgt, so zog und lockte sie mit großer Dringlichkeit Santa Maria la Stella. Die Schulerziehung durch geistliche Schwestern hatte gewiß auch ihren Anteil an dieser Lockung.

Dort im kahlen Seitenschiff, vor dem düstersten Altar, ließ sie sich auf die Knie fallen. Doch es wäre ein großer Irrtum, zu meinen, daß sie nun dem Gebote oblag, ja auch nur ihren Sinn auf heilige Gegenstände richtete. Schattenhaft und ungeordnet zogen ihr Gedanken an Vater und Geschwister durch den Kopf: Ob Giuseppe Papas schwarzen Rock wohl gebügelt habe ...? Ob Irides Schuhe schon von der Reparatur gekommen seien ...? Ob sich Ruggiero, der unverbesserliche Fußballspieler, nicht wieder einen neuen Straßenfrevel zuschulden kommen lassen werde ...? Warum sich in Lauros Seele so tief der Sündenwunsch eingefressen habe, mit Grazia die Festa di ballo im Hotel Bertolini zu besuchen ...? Um Lauro kreisten ihre Gedankenbilder am dichtesten. Sie erinnerte sich der Zeit, wo sie als heranreifendes Mädchen den kleinen Jungen in der nächstgelegenen Parkanlage spazieren führen mußte. Sie gedachte der Stunden, wo sie und Lauro in Mamas Zimmer gesessen. Ja, Mama lebte und rief sie beide, Annunziata und Lauro, ganz allein zu sich. Der Kleine liebte es, an Mamas Schulter einzuschlafen, während sie, Annunziata, sich frauenhaft verständigen Gespräches befliß. Wie trug sie noch ihrer Mutter Stimme im Ohr: ›Schau, er hat eine ganz feuchte Stirn ... Und die Lippen sind sehr warm ... Hol das Thermometer, Nunzia ... Daß es nur keine Kinderkrankheit ist ..! Mama litt an einer unerklärlichen Angst um Lauro. Und dabei waren doch Placido und später Iride weit schwächlichere Kinder. Doch einzig Lauro fesselte alle Schreckensbilder ihrer mütterlichen Sorge an sich. Als es mit ihr zu Ende ging und das Bewußtsein schon trübe wurde, keuchte sie aus ihrem letzten Traum: ›Lauro soll draußen nicht barfuß herumlaufen ... Auf der Straße ist es kalt ... Gebt ihm doch Strümpfe ... Ein Tuch um den Hals.‹ Den heiser lallenden Ton dieser Worte vergaß Annunziata nie. Je länger sie in Santa Maria la Stella kniete, um so deutlicher entrang sich die Stimme dem Nichts, wenn sie auch nur zur Hauswirtschaft und zur Gesundheitspflege der Kinder Pascarella das Wort ergriff. Doch nicht nur die Stimme, auch andere Wesenheiten der Toten kehrten machtvoll in die älteste Tochter ein. Da war zum Beispiel der schwarze Kostümmantel mit dem kleinen Astrachankragen. Und es regnete. Der durchnäßte Stoff verströmte einen eigenen Geruch. Das war für Annunziata immerdar der traurige Duft der Ewigkeit. Oder der sechsjährige Lauro sprang jubelnd herbei. In den Armen hielt er eine winzige aber ganz und gar räudige Katze. Die entsetzte Mama entriß ihm, scheltend, das widerwärtige Tierchen. Das Gedränge solcher Szenen war unerschöpflich.

Dann aber kam der Augenblick, da nicht nur die Bilder des Alltags von Annunziata wichen, sondern auch Mamas Stimme und nichts mehr übrig blieb, als eine ganz sonderbare Erstarrung, etwas, das sie selbst »il torpore« nannte. Dieser Zustand aber war gerade das Rechte, sie suchte ihn, um seinetwillen kam sie hierher. Sie rührte sich nicht, aufrecht kniete sie wie eine Skulptur, nein, nicht nur aufrecht, sondern angespannt und krampfhaft. Alle Muskeln und Sehnen begannen ihr immer qualvoller wehe zu tun. Die Knie brannten schon wie Feuer. Schmerzet nur, ihr Glieder, brennet wie Feuer, ihr Knie! Zu wenig noch schmerzet ihr, zu wenig noch brennet ihr. Annunziata versenkte sich erbarmungslos in das Leiden ihres Körpers und suchte es durch verstockte Regungslosigkeit noch zu steigern. Endlich kam es wie Betäubung über sie. Ihre Hände und Füße wurden steinkalt, und es war ihr, als spräche sie triumphierend zu sich selbst: Ich trockne aus, ich trockne ganz aus. Dieses Gefühl des schmerzhaften Versteinerns aber erfüllte sie mit einer besonderen, mit einer bittersüßen Genugtuung, als entziehe sie auf diese Weise der Welt ein lieblich anschmiegsames Gut. Und der Welt geschah recht.

Annunziata hatte es im Ertragen des Schmerzes durch Übung schon so weit gebracht, daß sie es fast eine Stunde lang auf den Knien aushalten konnte. Dann freilich, da die wachsende Betäubung Leib und Seele in ihren Fängen hielt, vermochte sie sich lange nicht zurückzufinden und nur taumelnd zu erheben, immer einer Ohnmacht nahe. Heute zumal war das Erwachen höchst peinvoll, denn sie spürte schon eine ganze Weile, daß sich jemand hinter ihr im Gestühl niedergelassen hatte und sie scharf beobachtete. Sie versuchte, den Zustand der Versteinerung abzuschütteln und sich leicht aufzurichten. Kaum stand sie aber auf den Füßen, als ein schwärzlich kreiselnder Schwindel und eine große Schwäche sie niederzudrehen drohten. Eine Hand half ihr. Doch ihre verlorenen Augen brauchten lange, um Signor Renato Battefiori zu erkennen. Sie hatten übrigens das demütig lauernde Gesichtchen von Papas Geschäftsteilhaber selten genug gesehen. Battefiori zog das Fräulein Pascarella auf eine Bank nieder:

»Ihnen ist nicht gut, mein armes Kind. Setzen Sie sich hierher, so! Welch ein Zufall! Ich nenne ihn richtiger ein Glück für mich. Atmen Sie nur tief! Lehnen Sie sich zurück! Welch ein Zufall! Ist Ihnen jetzt besser?«

Annunziata konnte sich zwar noch nicht erheben, stellte aber fast unmutig fest:

»Danke vielmals, Signor Battefiori, mir war aber gar nicht schlecht.«

Der kleine Herr gab einen summenden Insektenlaut der Entzückung von sich:

»Ich sage es ja immer. Dieser Don Domenico weiß nicht, was für Kinder er besitzt. Nichts weiß er! Ah, eine schöne junge Dame! Mein Gott und in unserer Zeit! Schreiben wir nicht das Jahr 1924? Und Sie, Signorina Annunziata? Sie gehen um die gottverlassene Mittagsstunde in eine kleine Kirche, um zu beten. Rührende Frömmigkeit! Und heutzutage, ich bitte, heutzutage!«

Annunziata machte mit der rechten Hand unwillkürlich eine bittende Bewegung gegen Battefioris Mund hin. Dieser kannte seinen Kompagnon genau genug, um die Geste nicht falsch zu deuten:

»Seien Sie ruhig, liebes Kind! Von mir erfährt Ihr Herr Vater nichts über unsre Begegnung. Wie blaß Sie noch immer aussehen! Darf ich Ihnen in der Bar gegenüber eine Erfrischung reichen lassen?«

Annunziata lehnte erschrocken ab:

»Aber das geht doch nicht.«

Battefiori war auch diesbezüglich im Bilde:

»Schön, ich verstehe. Bleiben wir also hier in dieser kalten Kirche sitzen! Sie müssen sich mit mir nicht öffentlich zeigen, obgleich ich ein einsamer und sehr alter Mann bin. Welch ein Zufall!«

Seine dicken Brillengläser, hinter denen keine Augen, sondern graue Schatten lagen, wandten sich voll dem Mädchen zu:

»Es ist gar kein Zufall! Um aufrichtig zu sein, Signorina Annunziata, ich habe Sie schon gestern gesehen, wie Sie hier aus der Kirche traten. Denken Sie nur, gestern bekam ich während unsrer Geschäftszeit plötzlich Lust, meine Sünden zu beichten. Lächerlich, was? Und zwar eine Sünde, die ich noch gar nicht begangen habe. Es war aber kein Geistlicher aufzutreiben. Braucht man einmal einen von diesen überflüssigen Pfaffen, ist er nicht zu finden. Da wundern Sie sich, wie? Ja, auch unsereins hat hie und da Anwandlungen ...«

Annunziata war nun so weit, um aufstehen zu können. Battefiori aber hielt sie fest:

»Nein, mein liebes Kind, bleiben Sie! Ich habe mit Ihnen zu reden. Vielleicht wird einmal unser Gespräch für Sie nicht unwichtiger sein, als jetzt für mich.«

Annunziata setzte sich zurecht, um zu hören. Es war ihr aber peinlich, daß Battefiori seine Stimme so stark erhob, daß sie unangemessen durch den Kirchenraum hallte:

»Ich will eine Frage an Sie richten, Signorina Annunziata ...«

Er wartete, bis sich das Echo dieser allzulauten Worte, die ihn nun selbst erschreckten, in den Ecken und Winkeln verlaufen hatte. Dann verfiel er in ein rasches Flüstern:

»Eine andere Frage zuerst, mein Kind! Wissen Sie, wie lange ich schon mit Ihrem Herrn Vater gemeinsam arbeite? Ein Vierteljahrhundert ist es bald, meine Liebe. Ich kann ruhig sagen, ihr alle seid nicht schlecht gefahren mit mir. Ich trage gern jede Last, ich beklage mich nicht. Domenico Pascarella ist, sagen wir, ein großer Staatsbeamter, ein Minister, ein Präfekt, ein Prokurator. Für einen kleinen Bankier ist er tatsächlich ein allzu großer Mann. Er liebt seine kleinen Weinbauern mit ihren altmodischen Fässern und seine spuckenden Fischer mit ihren geflickten Barken. Schön und gut! Aber ist das eine Kundschaft? Es fällt mir nicht ein, das Bild des Herrn Vaters in Ihrer Seele entehren zu wollen. Ich spreche mit Ihnen, Signorina Annunziata, weil Sie die Älteste und die Weiseste unter Ihren Geschwistern sind. Ich wollte fragen, aber Sie sitzen auf eine Art und Weise da, daß ich aus dem Ersten ins Tausendste komme. Können Sie mir erklären, warum mich Ihr Herr Vater in all diesen dreiundzwanzig Jahren nicht ein einziges Mal in sein Haus, nicht ein einziges Mal an seinen Tisch geladen hat?«

Ohne einen Augenblick nachzudenken oder eine konventionelle Begründung zu suchen, gab Annunziata der Wahrheit die Ehre:

»Es ist nie jemand bei uns.«

Diese Antwort schien Battefiori ungemein zu erbosen. Seine auch sonst sehr geläufige Redeweise überstürzte sich. Es war ein Strom von Bitterkeit, der aus seinem Herzen brach:

»Wie, mein liebes Kind? Ihr seht niemals jemand bei euch? Ist der Mann, der Tag für Tag den Arbeitsraum Ihres Herrn Papa teilt, der dieselbe Luft atmet, der am Gedeihen der Familie einen erklecklichen Anteil hat, wenn nicht mehr, ist dieser Mann, ich bitte, nur ein Jemand, also ein Niemand? Ich bin heute, wie Sie sehn, eine Ruine. Aber Ihr Papa, der aufrecht dasteht wie ein Baum, Gott sei Dank, ist älter als ich, viel älter. Wäre es nicht die Schuldigkeit des Älteren gewesen, sich ein bißchen um den Jüngeren zu kümmern, um einen Verlassenen noch dazu, um einen Einsamen und Liebeleeren? Aber nein, ganz und gar nicht! Man bespricht nur das Geschäftliche. Der Mensch existiert nicht. In früherer Zeit, als noch Ihre arme gütige Frau Mama lebte, habe ich jährlich zweimal in der Via Concordia Visite gemacht, am Neujahrstag und am Ostersonntag. Vergeblich! Sie haben keine Ahnung, wie ich mich gesehnt habe, unter euch zu sein, an eurem Tisch zu sitzen, wenn auch nur zwei- oder dreimal im Winter. Nicht wie ein eigener Hund wollte ich einen Brocken abbekommen, sondern wie ein fremder Hund nur am Geruch eures Familienlebens teilnehmen. Das verstehn Sie nicht, mein Kind, wie? Das können Sie auch gar nicht verstehn. Das liegt tief. Denken Sie an einen Verirrten und an ein verschlossenes Haustor! Ihr Herr Papa hat mir nicht aufgetan.«

In Annunziata sprach keine weiche Regung für Battefiori, der seine Seele so leidenschaftlich aufriß. Nicht nur entweihte dieses säuerliche Gejammer ihre Kirche, es schien ihr auch ungehörig, kritische Angriffe gegen ihren Vater hinnehmen zu müssen. Die Klage klang zwar echt und erlebt. Aber ein innerer Sinn in Annunziata mißtraute ihr. Verbarg sich hinter dem erregten Wortgefuchtel dieser Wahrheit nicht noch eine andre Wahrheit? Sie wollte beide nicht hören. Leise rückte sie ans Ende der Bank. Battefiori rückte ihr nach:

»Sie sind eine reife Jungfrau, Signorina Annunziata, deshalb kann ich offen mit Ihnen reden. Der Familienanschluß, nach dem ich mich so unsinnig gesehnt habe, hätte vielleicht einen anderen Menschen aus mir gemacht. Die Einsamkeit hat gräßliche Folgen. Glauben Sie ja nicht der blöden Ansicht, daß uns das Alter von den bösen Trieben und Lastern befreit. Im Gegenteil! Der Mensch ist in der Jugend unglücklich, weil er jung ist ohne Freiheit, und im Alter ist er unglücklich, weil er alt ist mit Freiheit. Man gerät an ... Aber schweigen wir davon! Denn ich klage Ihren Herrn Papa noch einer schwereren Schuld gegen mich an. Er hat mich zum ekelhaften Schmeichler gemacht.«

Annunziatas Geduld war zu Ende. Sie glitt aus der Bank.

Battefiori aber zog sie zurück:

»Nein, nein, laufen Sie mir nicht fort! Haben Sie den Mut, mich anzuhören, mein liebes Kind! Ihr Herr Papa hat midi zum Schmeichler gemacht. Vielleicht weiß er nichts davon. Aber sein greuliches, stupides Selbstbewußtsein hat immer wieder die Kraft, mich zu beugen. Wie oft bin ich gewillt, ihm ins Gesicht zu schreien, was ich mir über ihn denke! Aber dann sitzt er da und ich tue schön, rede ihm nach dem Mund und schmeichle, schmeichle ...«

Battefiori hielt inne und schlug sich übertrieben auf die Backe:

»Was rede ich da? Verzeihen Sie, Signorina Annunziata, es war nicht für Ihre Ohren bestimmt. Sie müssen aus all dem nur eines hören, wie sehr ich den Herrn Papa wertschätze und wie ich mich nach seiner Wertschätzung sehne. O Gott, ich bin ein unheilbarer Buffone und bespritze mit meinem Gift ein reines junges Mädchen, das soeben seine Seele im Gebet reingewaschen hat. Und dabei wollte ich ja gar nicht von mir reden, sondern einzig und allein von Ihnen.«

Er bot den Anblick redlicher Verzweiflung. Sein mürbes Gesichtchen litt zu Annunziata empor, die sich endgültig erhoben hatte und nun gehen wollte. Das merkwürdige Angebot traf schon von hinten ihr verletztes Ohr:

»Wenn Sie oder Ihre Geschwister etwas brauchen sollten, ich stehe immer zu Diensten. Immer ist natürlich zu viel gesagt. Vielleicht nur mehr eine Woche ...«

Sie blieb stehn und fragte hell:

»Was sollen wir denn brauchen?«

Ohne sich um die heilige Akustik der Kirche zu kümmern, schrie Battefiori fast tobsüchtig:

»Was seid ihr für Leute? In welcher Zeit lebt ihr? Mir scheint, im finsteren Mittelalter. Was ihr brauchen könnt!? Geld, Geld, Geld, mein liebes gutes Kind, Geld, Geld!!«

Krähend stieß er das Wort Geld wie ein beflecktes schartiges Messer immer wieder in den weihrauchigen Raum, als wolle er sich an Santa Maria la Stella für die schmählichen Erfordernisse des Lebens rächen. Annunziatas innerer Sinn, in Abscheu und Schrecken versetzt, wollte vergeblich den Irrgeist dieser Reden erfassen. Sie sah jetzt hilflos den kleinen Mann an, der sich nur allmählich von der Besessenheit befreien konnte, die seiner Herr geworden war. Langsam kehrte in die verzerrte Fratze das wehleidig gute Gesichtchen wieder:

»Überlegen Sie sich genau, was ich Ihnen vorschlage. Ich meine es ernst. Nur keinen Hochmut, mein liebes gutes Kind! Man kann nie wissen, wie das Leben sich entwickelt. Heute ist es zu früh und morgen zu spät. Nehmen Sie zur Kenntnis, daß ich Sie schon seit Tagen suche. Keine zufällige Begegnung! Denken Sie in der Nacht nach, wenn Sie allein sind! Ich bin bereit, ich stehe Ihnen zur Verfügung und das im weitesten Maße, solange es Zeit ist. Ein erwachsener Mensch will doch hie und da unabhängig von den Eltern sein. Überschlafen Sie meine Worte als ein klardenkendes Mädchen! Ich verlange von Ihnen gar nichts. Sie brauchen den Herrn Papa durchaus nicht anzuflehn, daß er mich einlädt. Das ist vorbei, ein für allemal. Anschluß habe ich gefunden. Ich will von Ihnen nur eines, daß Sie meine Dienste in Anspruch nehmen. Schieben Sie es nicht zu lange hinaus! Es wäre schade.«

Diesem betäubenden Überfall begegnete Annunziata mit den Worten:

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Signor Battefiori.«

»Ich will eine alte Enttäuschung ins reine bringen«, weissagte der Sozius Papas und verwirrte damit die Fassungskraft der Tochter bis auf den Grund. Noch einmal drängte er:

»Sie müssen mir nur schreiben, dies und jenes werde ich brauchen. Kleider, Schmuck, Vergnügungen, was weiß ich. Für die Brüder soundso viel, für die Schwestern soundso viel. Ich kenne euch alle, seitdem ihr auf der Welt seid. Ist es denn etwas Böses, daß ein sehr alter Mann ohne Anhang euch ein Geschenk machen will? Verstehn Sie mich, Signorina Annunziata! Ein Mensch in Bedrängnis spricht zu Ihnen! Merken Sie sich meine Adresse!«

Annunziata hörte mehrmals eine Straße und eine Hausnummer nennen. Als sich ihr Auge draußen vor dem Kirchentor ans Licht gewöhnt hatte, sah sie Battefiori, der gehetzt über den Platz eilte und in einer Bar verschwand.

Wie schade, daß ihr Santa Maria la Stella für immer verleidet und verloren war! Der Gedanke aber, der sie am meisten bedrückte, galt nicht den verworrenen Bekenntnissen Battefioris und seinem Antrag, sondern ihrem Vater. Mußte Papa von der sonderbaren Szene mit seinem Berufsgefährten unterrichtet werden? War sie gezwungen, um hysterischen oder gar angetrunkenen Geredes willen das Geheimnis ihres Kirchgangs preiszugeben und damit ein Gewitter heraufzubeschwören? Doch vielleicht verbarg sich hinter all dem Schwulst ein ernster Hinweis? Wie peinlich sie auch Für und Wider erwog, sie kam zu keinem Schluß.

 

Während Annunziata in der Kirche kniete, befand sich auch Lauro auf einem geheimen Gang, von dem niemand etwas ahnte, nicht einmal sie, die Vertrauteste unter den Geschwistern. Die neuen Seestürme, die Don Domenico seinem Sohn nachzusenden versprochen hatte, hinderten den Gymnasiasten nicht, daß er dank dem schönen Wetter nun immer häufiger die Schule schwänzte. Auf diesen seinen Fahrten kreuzte er oft in der Nähe des berühmten Minoritenklosters von Camaldoli, das außerhalb der Stadt auf einer beherrschenden Anhöhe liegt. Dieses Ziel, wo er vor Giuseppes Häscherinstinkt sicher war, erreichte er schon zu früher Stunde mit jener Linie der Straßenbahn, die über Porta San Martino und Cangiani hinausführt.

Er pflegte dann lange unter dem Eukalyptusbaum im Vorhof des Konvents zu sitzen. Einmal hatte er Mut gefaßt und den Glockenstrang am Tor der Certosa gezogen. Ein gleichgültiger Mönch war nach einer Weile erschienen und hatte ihn eingelassen in eine Welt unbegreiflicher Ruhe. Seither wagte es Lauro nicht mehr, zu läuten, aus Angst vor dieser beseligenden Ruhe, die ihn elementar anlockte.

Bemerkenswerte Übereinstimmung des Geschwisterpaares: Annunziata kniete in Santa Maria la Stella und Lauro saß im Vorhof der Kartause von Camaldoli, beide ohne Frömmigkeit, ohne gottgefällige Gedanken, fern der Religion, von einer Macht angezogen, die in ihnen selbst lauerte. (Soll man an Mama denken, deren Wesenskinder beide waren?) Suchte die Schwester, ohne es zu wissen, den Weg der Kasteiung, so tastete der Bruder sich ebenso zu einer dunkelgrünen Flut der Ruhe hin, die Ich und Du nicht mehr unterschied. Sein Blick lag unablässig auf der Tür, die ihm den wuchernden Certosagarten verschloß, die Kreuzgänge und das ganze regelmäßig atmende Labyrinth des Friedens. In seinem Ohr klang ein Dantevers der Schullektüre:

»Come gli frati minor vanno per via.«

Im Geiste sah er sie hintereinander des Weges gehn, jugendlich magere Figuren wie er selbst, jedweder ein Narzissus und Franziskus in einer Person, mit gesenkten Augen, die gekreuzten Arme in der Kutte verborgen. Platonische Träume, daran zweifelte er nicht. Papa duldete keine Götter neben sich selbst! Das mönchische Leben als Berufswahl hätte seine Verachtung und ein angewidertes Veto hervorgerufen.

Damit durch obiges Dante-Zitat kein Mißverständnis entstehe, muß schnell berichtet werden, daß Lauro nur sehr selten ein Buch las und im großen und ganzen ein ungebildeter Junge war. Hierin unterschied er sich auffällig von Placido, der beinahe seine ganze freie Zeit auf der Universitätsbibliothek verbrachte. Er besaß eine andre Gabe, wenn man vom Musikalischen als einem selbstverständlichen Erbgut aller Pascarellas absieht. In Lauros Schreibtischlade lagen immer einige Klumpen von Modellierton. Er formte aus diesem Lehm mit traumbegabten Fingern allerlei dämonische Tiere, die es nicht gab: Enten mit Krokodilköpfen, Katzen mit Storchschnäbeln, um nur einige verworfene Mischungen zu nennen, die selbst der tropischen Natur nicht eingefallen waren. Mit solchen abscheulichen, doch immer kunstlebendigen Ausgeburten jagte er seinen Schwestern manchen Schreck ein.

Auch jetzt spielten seine Finger, da er die Tür des Klosters anstarrte. Sie ging unversehens auf. Ein Koloß von Mönch wälzte sich heraus, von einigen Fratres gefolgt, die unterwürfig lächelten und sich kleiner machten als sie waren. Bei jedem Schritt, den der Riese in seinen klobigen Sandalen tat, wehte der Faltenwurf der Kutte, alles wehte an ihm, selbst der lange unordentliche Bart. Der gewaltige Mann schien schreitenden Sturm zu erzeugen. Eine große Persönlichkeit zweifellos. Der Guardian von Camaldoli, schätzte Lauro. Doch er hatte zu niedrig gegriffen. Es war der Franziskanerprovinzial höchstselbst, der jetzt, ungeheuer atmend, vor dem jungen Menschen stehnblieb:

»Habt Ihr wen hier, Giovanotto? Sucht Ihr jemand?«

Lauro sprang auf, und ehe er noch wußte, wie es kam, war der tiefe Wunsch, bisher kaum in Gedanken gewagt, zu kühnem Wort geworden:

»Ich möchte ins Kloster eintreten.«

Der Koloß dröhnte überrascht:

»Eh? Wie heißt Ihr, Giovanotto?«

Lauro nannte seinen Namen. Der Riese wiederholte ihn mehrmals:

»Pascarella? Es gibt viele Pascarellas ... Wie alt?«

»Neunzehn.«

»Und sonst? Welche Schule? Weltliche oder geistliche Lehrer?«

»Weltliches Gymnasium.«

»Neunzehn«, erwog der Koloß, »das ist schon zu spät und noch zu früh!«

Und dann posaunte er:

»Ich sehe es gern, wenn die Leute zuerst ihren Militärdienst absolviert haben.«

Er wandte sich belehrend an die demütig zwinkernde Gefolgschaft, als wolle er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, auf wichtige Punkte hinzuweisen:

»Soldaten lassen sich immer gut verwenden.«

Kurze durchdringende Musterung Lauros. Günstiger Befund:

»Besuchet mich in der Stadt, Giovanotto, in meinem Amt! Aber nicht ohne telephonische Anmeldung.«

Der Koloß schnaufte davon. Draußen stopfte er sich mühsam in ein Auto, das seiner Last nicht völlig entsprach. Lauro jagte davon. Sein Gesicht strahlte, als wäre ihm eine große wohlerwogene Tat geglückt. Mit der Straßenbahn fuhr er bis zum Monte di Pietà, zum Versatzamt Neapels. Es schlug halb elf Uhr.

Auf den Ring (alte Fassung mit einem mäßig großen aber klaren Saphir) erhielt Lauro hundertzwanzig Lire geliehen. Eher hätten die Geschwister vermutet, Lauro werde sich die Hand abhacken als diesen Ring versetzen. Mama hatte ihn immer am Finger getragen. Aber nicht genug damit, daß er ein geheiligtes Erbstück war, Lauro besaß in ihm ein Amulett von unüberwindlicher Kraft. Der Ring schützte ihn vor allem Bösen. Einmal hatte er ihn nach der Morgenwaschung in der Seifenschale liegen lassen. An diesem Tage war er nicht nur in der Schule bestraft worden, nicht nur Giuseppe zweimal zu verbotener Stunde in die Arme gelaufen, sondern noch unter die Räder eines Autos geraten und unverletzt aber mit zerrissenen Kleidern nach Hause gekommen. Seither stand die zauberkräftige Artung von Mamas Ring für ihn fest. Und doch ging er heute hin und versetzte ihn, um sich hundertundzwanzig Lire zu verschaffen.

Was bedeutet das? Will er mit diesem Gelde etwas unternehmen, was des Opfers würdig ist? Will er auf und davon? Will er verschwinden? Haben ihn die Worte des Provinzials ermutigt? Glaubt er so rasch und hinter dem Rücken Papas in dem Orden Aufnahme finden zu können? Was wird er tun? Wohin wendet er sich?

Er fährt bis vor den Palazzo des Duca Dallorso in der Via della Sapienza. Dort läßt er sich bei dem jungen Herzog melden, der das Haupt jenes Komitees ist, das den Ball im Hotel Bertolini veranstaltet. Lauro muß mindestens eine halbe Stunde lang antichambrieren. Dann erscheint ein schüchtern hochmütiges Männchen von dreiunddreißig Jahren, das neunundneunzigjährig wirkt. Unter Freunden wird die Erscheinung Gia-Gia genannt und genau so sieht sie aus. Lauro bittet für seine Schwester Grazia und sich um eine Einladung zu dem Karnevalsball. Die uralten Augen eines heimwehkranken Äffchens ruhen lange auf dem schönen Jüngling. Sehr naiv! Einladungen und ähnliches sind nicht seine Sache. Aber wenn die Schwester nur halb so hübsch ist. Warum nicht? Bitte schön! Gia-Gia lächelt angegriffen und klingelt. Man holt wappengekröntes Briefpapier. Der englische Stylograph gehorcht nicht recht. Gia-Gia bringt aber doch zweimal seinen Namenszug zustande:

»Am besten, Sie füllen das übrige selbst aus, mein Freund.«

Der Naive erfährt noch, daß er auf dieses Autogramm hin die Eintrittskarte im Hotel Bertolini lösen kann.

Er macht sich wieder auf den Weg. Was geht in ihm vor? Es ist kaum eine Stunde her, daß er dem Oberen der Minoriten seinen Wunsch kundgetan, ins Kloster einzutreten. Und gleich darauf versetzt er, nein opfert er Mamas Ring, das Amulett seines Lebens und irdischen Wohlergehns. Und wofür opfert er es? Für eine Festa di ballo, für ein paar dumme Stunden, deren Vergnügen er nicht kennt und nicht begehrt. Er tut es nicht für sich, sondern für Grazia. (Und dabei ist sie nicht einmal die ihm nächste Schwester. Fast begeht er eine Untreue an Annunziata damit.) Von Grazia aus erscheint ihm der Ball unendlich wichtig und nicht nur wegen der Begründung, auf die er sich mit Placido geeinigt hat, es müsse endlich etwas für das junge Mädchen geschehen. Dabei handelt er völlig eigenmächtig. Abgesehen davon, daß Grazia noch gar nicht eingewilligt hat, steht ja Papa im Wege wie ein Gebirge. Wie es zu überwinden sei, hat Lauro vorderhand keine Ahnung. Offenes Spiel, das heißt eine am Abend beim Pranzo vorgetragene Bitte, würde unweigerlich zu einem lang nachwirkenden Erdbeben führen. Also gilt es, Papa zu betrügen. (Liegt nicht in diesem furchtbaren, noch nie gewagten Versuch schon magnetische Anziehung?) Und zwar genügt es nicht, daß er selbst die Last des Betruges allein trägt. Alle anderen Geschwister müssen an der Verschwörung und somit auch an der Sünde gegen Papa teilnehmen. Das erstemal im Leben. Ungereimtes Zeug. Lauro jedoch ist davon so sonderbar erfüllt, daß er vorerst gar nicht an die unüberwindlichen Schwierigkeiten denkt. In ihm lebt nur der eine Gedanke: Grazia geht auf die Festa di ballo und ich begleite und schütze sie. Alles andere später. Die schwere Strafe. Und dann das Kloster vielleicht. Jetzt beschäftigt er sich nachtwandlerisch nur mit der Sache. Und das Fest gewinnt eine Bedeutung, die es gar nicht hat, als hinge von ihm die Zukunft des Pascarella-Stammes ab. Wer kennt die jähen, oft krankhaften Begierden nicht, von denen der Mensch zuweilen erfaßt wird? Da bildet man sich ein, man müsse, um selig zu werden, diesen Gegenstand besitzen oder an jenem Ort gewesen sein. Hemmnisse steigern die Begehrlichkeit zur widersinnigen Passion. Deshalb leiden an ihr am heftigsten gefesselte Menschen.

Von den hundertundzwanzig Lire legt Lauro hundert für die beiden Eintrittskarten hin. Ein kurzer Schreck peitscht ihn doch. Es ist, als schnelle der Ring erst jetzt an einem Gummi elasticum von seinem Finger schmerzhaft zum Himmel auf. Er tastet nach dem Versatzzettel und birgt ihn ängstlich in seiner Brieftasche. Es ist sehr spät geworden mittlerweile. Lauro jagt nach Hause, wo er zum Glück fünf Minuten vor dem Vater ankommt. Alle sind schon versammelt bis auf Grazia.

Es kann restlos klargestellt werden, warum Grazia noch nicht zu Hause war und sich so das Unerhörte ereignete, daß eines der Geschwister Pascarella erst zu Tische kam, da Don Domenico schon seine Spaghetti um die Gabel drehte.

Beim heutigen Morgenkauf war Annunziata unaufmerksam gewesen und hatte die Einholung der Früchte versäumt. Darüber erhob Priscilla in der Küche laute Klagen. Grazia erbot sich, den Fehler der Schwester gutzumachen und frisches Obst zu besorgen. Während Annunziata nach altgewohnter Weise für diese Bedürfnisse stets einen Krämer in nächster Nähe bevorzugte, dachte Grazia an ein prächtiges Viktualiengeschäft einige Straßen weiter, das in seinem Schaufenster ganz andere Früchte feilbot als Annunziatas runzlige Alltags-Orangen. Hierin lag ein beachtenswerter Charakterunterschied der Schwestern. Während die Ältere mehr auf Billigkeit als auf Glanz der Waren bedacht war, läßt sich bei Grazia ein ausgesprochener Hang für luxuriöse Kaufläden schwer verleugnen. Im Gegensatz zu Annunziata pflegte sie ferner lange vor dem Spiegel zu stehn, ehe sie ausging. So auch heute.

Als Grazia wenige Minuten später um die erste Ecke bog, zog jemand den Hut sehr tief.

Ihre größte Überraschung beim Anblick Mr. Arthur Campbells war, daß sie sich selbst so wenig überrascht fand. Die unerwartete Begegnung glich dem Schlußpunkt einer langen Erwartung. Der Engländer tauchte vor ihr auf wie ein Ton in einer Melodie, der so und nicht anders kommen muß. Es war auch ein ähnlich befriedigendes Gefühl. Erst als Arthur Campbell seinen Mund mit der schönen starken Zahnreihe öffnete und zu reden versuchte, kam Verwirrung über Grazia. Sie war aber nicht tückisch genug, diese Verwirrung, um einen triumphierenden Gedanken zu ersticken, der sich immer strahlender durchdrängte: Giuseppe ist nicht in Neapel. Papas Spion kann mich nicht auskundschaften. Der alte Diener hatte Urlaub genommen, um irgendwo auf dem Lande seinen einzigen Bruder zu begraben und die restlichen Familienverhältnisse zu ordnen. (Merkwürdig genug, daß dieser Basilisk außer dem von ihm so erbarmungslos betreuten Hause Pascarella auch noch eigene Angehörige besaß.) Doch wäre Giuseppe mit seinen witternden Sbirrenaugen ihr jetzt entgegengekommen, sie hätte nicht davon abgelassen, neben Mr. Arthur Campbell einherzugehn. Es war ein unbekanntes Erlebnis für sie, neben einem fremden Herrn auszuschreiten. Ihr eigener Körper erschien ihr jetzt wie ein Kleid, besser, wie ein Schuh, nein noch besser, wie ein Handschuh von feinstem schmiegsamstem Leder, in dem ihr Schritt, ihr Atem, ihr ganzes Wesen straff und bequem spielte. Sie konnte nicht umhin, es selber kostbar zu finden, was in der elastischen Hülle sich dehnte und zusammenzog. Keine Eitelkeit, o nein! In diesen Minuten erlebte Grazia sich selbst zum erstenmal in ihrem weiblichen Wert, und dies im wandelnden Spiegel ihres Begleiters, den sie natürlich nicht ansah. Das neue Gefühl aber brachte sie keineswegs um den Verstand, es machte sie nicht dumpf und blind, sondern steigerte im Gegenteil alle ihre Instinkte. Wie die Brieftaube unbewußt stets den richtigen Weg fliegt, so übernahm Grazia die Führung, indem sie praktischerweise die volkreicheren Straßen vermied, die ihr gefährlich werden konnten. Dabei hatte sie Klarheit genug, um ihr Gewissen durch folgende einfache aber selbstbetrügerische Überlegung zu beruhigen: Ich kann meine Früchte auch in der Delikatessenhandlung von Delfino besorgen.

Indessen suchte ihr Arthur Campbell etwas deutlich zu machen, was sie ganz und gar nicht erfassen konnte. Er rundete den Mund und stieß, mühsam Silbe für Silbe, ein paar Worte hervor, die er unermüdlich wiederholte. War das Englisch? Oder sollte es gar Italienisch sein? Es dauerte geraume Zeit, bis sich Grazia aus der absonderlichen Lautverzerrung zwei Worte fangen konnte: »Per caso«. Er wollte ihr versichern, daß er nur »durch Zufall« das Glück gehabt habe, ihr zu begegnen. Da lachte sie hell auf. Das Lachen galt in erster Linie der komischen Aussprache Mr. Campbells. Doch sogleich empfand sie den unwillkürlichen Doppelsinn ihrer Erheiterung. Blitzschnell wußte sie alles. Eines war ins andere geschachtelt. Der Engländer mußte sie vor ihrem Hause abgepaßt haben. Wie käme denn sonst ein Fremder durch Zufall in diese uninteressante Gegend? Vielleicht hat er schon den ganzen Morgen gewartet, vielleicht schon gestern und vorgestern. Und dann, woher nimmt er auf einmal die italienischen Worte? Ah, ein rotes Buch guckt aus seiner Tasche. Ein Wörterbuch! Er hat den Zufallssatz zusammengestoppelt aus Scham für sich und aus Scham für sie. Sie verstand alles in einem jähen Augenblick, den ihr Lachen überdauerte. Nun aber verstummte sie. Hatte sie sich ungezogen benommen durch ihre Fröhlichkeit? Das Gesicht Mr. Campbells war ganz verwandelt. Die blauen Augen saßen auf einmal in braunen Spinngeweben von Runzeln. Das knabenhaft aufgerauhte Rot der Wangen bekam einen Stich ins Violette. Das Schläfenhaar unter dem kleinen weichen Hut erschimmerte weiß! Eine Art unsichtbaren Nebelschwadens der Traurigkeit entrückte den ganzen Kopf. Grazia erschrak. Hatte sie sich gegen diesen Herrn, dem unweigerlich Respekt gebührte, unziemlich vergangen? Ihr dummes Lachen schien ihn sehr verletzt zu haben. Der Rhythmus des Nebeneinandergehns war nun gebrochen. Heimlich machte sie ein Wechselschrittchen, um ihn wieder in Ordnung zu bringen. Doch war sie froh, als der Laden von Delfino in Sicht kam. Sie überlegte: Am besten wäre es, hier Abschied zu nehmen. Zögernd lächelte sie ihn an:

»Ich habe Einkäufe zu machen.«

Er verstand nicht. Da ging sie in den Laden, den er eifersüchtig bewachte, ohne sich von der Tür fortzurühren. Mit großer Langsamkeit verrichtete sie ihren Einkauf, schrieb umständlich die Adresse auf, wohin das Obst zu senden sei (sie wollte sich natürlich nicht durch ein banales Paket verhäßlichen), und zahlte gewissenhaft. Während dieser langgedehnten Tätigkeit fand sie es eher genußreich als kompromittierend, von den Augen des Wartenden verschlungen zu werden. Sie faßte den Entschluß: Mag er mich bis zur zweiten Straßenecke, bis zur Via Trinità degli Spagnuoli begleiten.

Sie gingen schweigend den Weg zurück. Doch gerade durch diese zwangsläufige Stummheit gewann ihre Bekanntschaft, die nur nach den wenigen Minuten zweier kurzer Begegnungen zählte, etwas sehr Altes, längst Vertrautes. Keine Redensart, kein überflüssiges Wort verwässerte sie. Da der Mund schwieg, sprach die reine Gegenwart doppelt eindringlich. Grazia ertappte sich dabei, wie sie Campbells dunkelgrauen Ulster betrachtete als ein altgewohntes Ding, in dem ihr kein Faden und keine Falte fremd war. Und wenn ihr Blick vorsichtig höher glitt und das nun wieder vollkommen frische Gesicht streifte, da kannte sie auch diese Züge schon jahrelang, solange, wie ihre Erinnerung reichte. (Placido, der vor Grazia gerne seine philosophischen Ansichten entwickelte, hatte vorgestern behauptet, es gebe in Wirklichkeit keine Zeit, sondern diese sei nur ein Hilfsmittel, damit wir uns alles einteilen können. Nun, da haben wir den Beweis.) Komisch, ging es ihr immer wieder durch den Kopf, obgleich sie gar nichts Komisches an all dem fand. Als die vorbestimmte Straßenkreuzung erreicht war, reichte sie Arthur Campbell die Hand. Nun wird auch dies im Nichts untergehn und war doch ganz ungewöhnlich. Glaubte sie wirklich, er werde ihre Hand loslassen? Sie wußte nicht warum, aber Placido fiel ihr immer wieder ein, der sie nicht ohne Vorwurf ansah. Die Hand ließ sie nicht los. Da kam dem Mann ein Ereignis zu Hilfe.

Dort der Tumult rauschte näher. In einer lachenden und applaudierenden Menschenmenge schaukelte, von zwei aufgedonnerten Pompefunebre-Mähren gezogen, eine altertümliche Karosse. Rechts und links vom Fahrweg bildeten die Passanten sogleich ein angeregtes Spalier. Manche zogen sogar die Hüte. In der Karosse selbst saß eine vulgäre Person in wackelnder Krinoline, mit einem verschobenen Theaterdiadem auf dem Kopf. Neben ihr thronte ein schwerer kropfiger Kleinbürger im Staatsfrack, der mit unantastbarem Selbstbewußtsein die Huldigung des Publikums in Empfang nahm und nur manchmal mit eckiger Armbewegung – wie etwa ein Ringkämpfer seine Muskeln zeigt – für die Ovationen dankte.

»Oh, was ist das?« staunte Mr. Campbell.

Grazia versuchte ein paar englische Worte hervorzuholen, um ihm den Vorgang zu erklären. Vergeblich! Er bat:

»Italienisch, Signorina! Ich verstehe Sie.«

Sie fing zu reden an, ungehemmt wie ein Kind, dem plötzlich zu laufen und zu springen erlaubt wird. Und wie ein Kind, das, sich stolz übersprudelnd, sein Wissen auspackt, berichtete sie, ohne im geringsten auf die klägliche Sprachengabe des Engländers Rücksicht zu nehmen: Es sei ein ganz alter Brauch. Alljährlich wähle der Stadtteil Santa Lucia ein Königspaar. Irgend einen Mitbürger und eine Mitbürgerin, die dem Volke sympathisch seien. Die Frau müsse überdies für schön gelten. Das Paar werde in die Tracht der letzten Bourbonenherrscher gekleidet, in die Prachtequipage dieser längst vertriebenen Herrscherfamilie gesetzt und durch die Straßen gefahren. Die Dame trage genau das gleiche Kostüm wie die letzte Königin Maria Cristina auf ihren Bildern.

»O ja, ich verstehe«, behauptete Arthur Campbell, sah aber schon lange nicht mehr der bewegten Straßenszene zu, sondern nur der Sprecherin, die ihre Schilderung begeistert fortsetzte:

»Und das ist nicht alles. Von hier fahren sie durch die Via Santa Lucia zum Meer. Am kleinen Molo wartet eine vergoldete Barke mit Thron und Baldachin. Auf ihr nehmen die beiden Platz. Oh, was für lächerliche Gesichter! Aber das tut ja nichts. Die Leute freuen sich doch. Man rudert sie ein Stück hinaus. Und wenn es schön und warm ist, springen die Buben ins Wasser und schwimmen um sie herum. Ein altes Fest! Wir haben hier viele solche Feste.«

»O ja, ich verstehe«, behauptete der Engländer zum drittenmal und schien nicht allzusehr zu lügen, wie der Nachsatz bewies:

»Es ist heute ... una festa ...«

Der Königspomp verhallte mittlerweile. Grazia hatte gänzlich den Begriff verloren, wie spät es sein könnte. Waren es Stunden, waren es nur Minuten, die sie schon in Campbells Gesellschaft verbrachte? Papas Gestalt stieg drohend auf. Es hieß; schnell Abschied nehmen und in wilder Eile nach Hause stürzen. Aber gerade in dem Moment, da sie sich losreißen wollte, zog er das rote Wörterbuch aus der Tasche und begann verzweifelt zu blättern. Jetzt konnte sie natürlich nicht fort. Es dauerte recht lange und sie mußte sich seine phantastische Aussprache erst übersetzen:

»Am nächsten Dienstag ... martedi prossimo ... ist ballo im Hotel Bertolini ... Prego ... di cuore ... Venire auf diesen ballo, Signorina ...«

Ihr Gesicht wurde ganz starr. Keine Antwort. Er verfiel wieder ins Englische:

»Heißen Sie wirklich Grazia?«

»Ja, Grazia.«

»Ich bitte vom Herzen ... Kommen Sie auf diesen Ball, Signorina Grazia ...«

Sie stand auf einem Balkon mit ganz niedriger Balustrade. Jemand stieß sie von hinten gegen den Rand. Wars Placido am Ende? Sie sah in die Tiefe und hielt sich an etwas Schwankendem fest, an einer Pflanze wohl. Antwort gab sie nicht. Campbells wildes Blättern wiederum. Der Druck des Wörterbuchs war teuflisch klein. Er mußte es hoch halten, um ein mageres Korn herauszupicken. Endlich. Stoßweise:

»Versprechen ... Promessa ... Prego di cuore ... Promessa, Grazia, venire martedi prossimo ... auf den ballo, Grazia, venire Hotel Bertolini ...«

Sie hörte Papas Schlüssel knirschen. Ruggiero und Iride küßten mit erbittertem Eifer seine Hand. Papas Blick suchte sie. Doch selbst dieser Blick jagte sie nicht vom Ort. Sie stand in schwerer Bannung und hörte Campbells Flehen:

»Promessa, Grazia, prego, promessa, promessa.«

Der Hauch eines »Si« stieg in ihr von unten nach oben. Wie eine winzige Wasserblase, die an der Oberfläche zerplatzt. Vielleicht hörte diesen Laut nur sie allein. Es war ein Ja, das die Einwilligung ebensogut bedeuten konnte wie etwas anderes. Ein unbestimmtes Traum-Ja.

 

Einige Minuten später trat Grazia zum väterlichen Tisch, um den die Familie schon beim Mahle versammelt saß. Sie harrte totenbleich der Strafe. Die Geschwister sahen sie entgeistert an, voll Erbarmen und doch auch leicht vorwurfsvoll. Don Domenico drehte kunstreich die langen Nudeln an seiner Gabel empor und sagte kein Wort. Er schien Grazias Verspätung gar nicht zu bemerken. War er so gut gelaunt, daß er das schwere Vergehn seiner Tochter nicht zur Kenntnis nehmen wollte, war er so streng gestimmt, daß er durch sein Schweigen ihre Anwesenheit völlig zu vernichten suchte? Grazia setzte sich so leise nieder, als fürchte sie der Luft wehe zu tun. Annunziata aber hantierte mit nervöser Fürsorge. Sie reichte dem Vater zum zweitenmal die Schüssel, ehe noch sein Teller ganz geleert war. Sie schob ihm hastig das Gefäß mit dem geriebenen Käse hin und trachtete, all seinen Wünschen zuvorzukommen. Er aß ruhig und finster wie immer. In Annunziatas aufgestörtem Hirn kreiselten die Reden Battefioris. Sie konnte sich nicht helfen, doch sie brachte sie mit Papas rätselhafter Versunkenheit in irgendeinen Zusammenhang. Beim Nachtisch war sie entschlossen, dem Vater ihre zufällige Begegnung noch heute zu gestehen. Leider konnte sie den Entschluß nicht verwirklichen. Denn so nachsichtig sich auch Papa gegen Grazias Vergehn gezeigt hatte, es kam noch am selben Tag zu einem furchtbaren Auftritt zwischen ihm und Placido.

Don Domenico, eben im Begriff das Haus zu verlassen, ging gegen drei Uhr durch Placidos Kammer. Er sah auf dem Schreibtisch seines Ältesten einen dicken Band liegen. Verbotenes ahnend, drehte er sich in der Tür um: »Was ist das?«

Placido, der sich beim Eintritt Papas steif erhoben hatte, gab Auskunft:

»Das ist Giovanni Battista Vico, Papa. Die Principii di una Scienza Nuova.«

Don Domenico steckte die Hände in die Tasche und näherte sich dem Schreibtisch. Er wußte nichts von Vico und nichts von Scienza Nuova. Und deshalb gerade hatte ihn die genaue Auskunft und die Stimme seines Sohnes ungemein gereizt:

»Gehört das zu deinem Studium?«

»Nein, das heißt, nicht direkt, Papa. Der Vico hat zwar auch über Rechtsfragen geschrieben. Aber er ist in erster Linie Philosoph, ein alter Philosoph ...«

Das war eine sehr unglückliche Antwort. In Don Domenicos Brust begann der Vulkan seine gewohnte Tätigkeit. Was war das für ein naseweiser Ton? Wollte ihn der überhebliche Bursche belehren? Machte er sich über die väterliche Autorität lustig? Pascarella bezwang noch den Ausbruch. Doch warf er einen Blick voll solchen Ekels auf den Wälzer, als vermute er Pornographie darin:

»Überflüssiger Unfug also! Und woher beziehst du deine Philosophen, mein Sohn?«

Die unabwendbare Katastrophe schnürte Placido die Kehle zu:

»Ich habe das Buch aus der Universitätsbibliothek entliehen.«

»Was hast du? Entliehen hast du?«

Don Domenico stampfte donnernd auf:

»Wer entleiht? Wer borgt? Wer macht Schulden? Ein Pascarella macht keine Schulden!«

Placido legte beschwörend die Hand aufs Herz:

»Das sind keine Schulden, Papa. Alle Professoren und Studenten müssen gewisse Werke bei der Bibliothek entleihen. Das ist der Brauch.«

Nun aber war es um ihn geschehen. Der Vater keuchte:

»Was? Du willst mir von Bräuchen erzählen?! Was Brauch und Sitte ist, weiß ich selbst. Da kommst du zu spät. Anstatt zu studieren, vergnügst du dich mit alberner Lektüre! Betrüger! Mit deinen Prahlereien wirst du mich nicht zum Narren halten.«

Und er ergriff das schwere Buch, riß mit Raserei den Deckel herunter und schleuderte es krachend an die Wand.

Das war selbst für den weisen Placido zu viel. Nachdem Papa gegangen war, stürzte er weinend aus dem Haus.

Grazia aber verwendete ihre Zeit darauf, den schwer verwundeten Gianbattista Vico zu heilen. Sie klebte die zerrissenen Seiten und leistete vortreffliche Buchbinderarbeit. Als Placido am drittnächsten Tag das Buch zurückstellte, fand der Bibliothekar nichts daran auszusetzen.

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