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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 5
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Viertes Kapitel
Ein Abend der Gnade

Es regnet, wenn auch nur fein und neblig. Dennoch staut sich die Menge bis tief in die Piazza del Plebiscito hinein. Die Kette der Autos verstopft von allen Seiten die Zufahrtsstraßen, die Via Santa Lucia, die Via Cesare Console und die Chiaja. Es sind langgestreckte Karosserien darunter mit Chauffeuren in Livree und mit Tellermützen wie aus einem Filmmärchen. Das schwankende Meer der Regenschirme, von Warnungssignalen, Autoleibern und Polizisten hin und her gepeitscht, füllt immer wieder das mühsam abgedämmte Spalier aus. Der Lärm eines regellosen Nahkampfes liegt über allem. Jeden Augenblick müßte es Tote geben. Doch es ist nur der blinde Krawall aufgewühlter Neugier und witzbereiten Wohlwollens. Gutmütig lassen sich die eingekeilten Gaffer blockweise verschieben. Die schönen Wagen, die mitten durch sie hindurchfahren und sie anspritzen (ein Prunk-Auto in der Menge wirkt sonst immer aufreizend), entlocken ihnen heute keinen Haßruf. Für eine halbe Stunde scheint alle soziale Bitterkeit vergessen zu sein. Man kritisiert den Glanz der Theaterbesucher ebensowenig wie man sich über den Regen aufhält. Bei Begräbnissen im Spätherbst und bei Eröffnung von San Carlo pflegt es meist zu regnen. Das wissen die Erfahrenen. Der Regen hat sogar seine ästhetischen Vorteile. Wenn die Frauen in ihren Pelzen und Abendmänteln, schmuckblitzend, das nackte Haar mit dem Hauch eines Schleiers bedeckt, sich aus den engen Wagentüren winden und vorsichtig, um die goldenen, silbernen, purpurnen Schuhe nicht zu beschmutzen, ihre reizenden Schritte setzen, wenn zu alldem der nasse Asphalt die luxusumwölkte Gebrechlichkeit der begehrenswerten Erscheinungen spiegelt, dann muß auch das Herz eines unbestechlichen Kommunisten lachen, falls es zur Aufrichtigkeit den Mut und das Vermögen hat. Man wird zwar auch bei dieser Art von Zuschauen nicht satt, aber man wird hungrig davon. Und es ist ein Hunger, der für ein paar Augenblicke erquickt, weil er berauscht. Wer Geld hat, geht ins Theater, wer keines hat, bleibt draußen. Doch auch wer draußen bleibt, nimmt noch ein wenig teil. Die Menge im äußersten Vorhof wird bleich bestrahlt, doch sie spürt gierig die geweihteren Orte, den inneren Hof, das Heilige, ja das Allerheiligste, von dessen verzücktem Licht sie eine Ahnung trifft. Darum rührt sie sich nicht fort und läßt den Regen regnen.

Seit undenklichen Zeiten ist die Eröffnung von San Carlo ein Jahresfest. Man kommt, um Musik zu hören, um sich an Stimmen zu erfreuen. Die Musik aber ist nur das verbindende Element, nicht der Selbstzweck dieser prickelnden Zusammenkunft. Man will ja im Grunde nur eines: Sich spiegeln! Darum, bitte, nichts Ungewohntes, nichts Mühsames! Niemand geht hier ins Theater, um sich von Offenbarungen der Kunst oder der Inszenierung niederwerfen zu lassen. Auch Unterhaltung wäre für den Zweck dieses Beginnens ein falsches Wort. Eine Musik ist gut, wenn man sie wiedererkennt, wenn sie längst schon im eigenen Blutlauf kreist, wenn sie zur Familie gehört. Und fast jeglicher hier in diesem riesigen Haus, der jetzt in der Loge, im Parkett und auf der Galerie seinen Platz einnimmt, wird heute abend die Oper »Gioconda« innerlich mitsingen, sofern er nicht gar Text und Melodie schon voraus weiß. Und allen andern voran der sonst so gestrenge Don Domenico.

Die Familie Pascarella, das heißt die Schwestern und der Vater, hielten zehn Minuten vor Beginn der Aufführung in einem Taxi vor dem Portal San Carlos. Zwischen dem strafenden Richter der Vorwoche und dem beinahe zärtlichen Kavalier dieses Abends gab es wenig Ähnlichkeit. Er sprang als erster aus dem Gefährt, spannte den Regenschirm auf und führte jede seiner Töchter einzeln zum Eingang. In der Vorhalle wurden sie schon von einer älteren Person erwartet. Das war eine entfernte Verwandte, die Domenico Pascarella alljährlich zum Zwecke dieses Opernbesuches ans Licht zog, aus dem sie dann wieder nach Mitternacht für die nächsten zwölf Monate verschwand. Für diese Maßnahme hatte er zwei Gründe. Erstens erschien es ihm unpassend, daß in einer Loge drei junge Damen ohne eine ältere umfangreiche Hirtin sichtbar wurden. Und dann war ja das Los eines Mannes im Hintergrunde einer solchen Loge alles eher als beneidenswert. Er stand sich hinter den thronenden Damen die Beine in den Leib. Er reckte sich den Hals aus, und das Resultat war, daß er sehr wenig hörte und gar nichts sah. Heute aber handelte es sich um »Gioconda« und da verstand Signor Pascarella keinen Spaß. Er wollte sehen und hören, teils um in einem Wohllaut zu schwelgen, der ihm vertraut war wie sein eigener Atem, teils um als gefährlicher Traditionshüter darüber zu wachen, daß sich in der Wiedergabe nichts ereigne, was vom gewohnten Wege abweiche. Zu diesem Zwecke hatte er das Billett seines Parkettsitzes längst in der Tasche. Es war ein Poltrone, ein Eckfauteuil der vordersten Reihen, dicht beim Ausgang. Wie alles im Leben Don Domenicos entsprang die Wahl des Sitzes nicht dem Zufall, sondern einer Eigentümlichkeit. Hier konnte der Ungesellige leicht entfliehen, wenn sich ein zudringliches Gesicht jener feindlichen Welt zeigte, die es mit ihm und seiner Familie so übel meinte. Hier saß er nicht eingezwängt zwischen anderen, hier konnte er sich bis zu einem gewissen Grade gehen lassen, hier brauchte er sein Temperament nicht zu zügeln, wenn die Musik ihm ein Brummen und Summen entlockte, wenn ein hoher Ton ihn zum »bravo« und »brava« hinriß oder gar eine mißlungene Phrase zu dem knirschenden Fluch: »Cani tutti!« Vorerst aber begleitete er seine Töchter in die Loge und nahm mit souveränem Nicken das »Reverenza« und »Eccellenza« des alten Logenschließers entgegen, den er mindestens schon dreißig Jahre kannte. Dann betraten die Pascarellas alle: Nummer drei, links, erster Rang.

Der Badende, der an einem heißen Sommertag ins Meer steigt, erlebt zuerst einen kurzen Augenblick des Schreckens, um dann von einem tieferen Glück begnadet zu werden, denn das andre Element verwandelt sein Lebensgefühl und macht ein neues Wesen aus ihm. Er streckt die Arme vom Leib und überläßt sich andächtig der Wonne. Auch der goldrote Raum, der sich nun um die Schwestern schloß, war flutendes Element. Sie mußten zuerst einen Schrecken überwinden, ehe sie sich zögernd nach und nach an die Brüstung vorwagten. Bald aber fühlten sie in ihrem Haar und auf den bloßen Schultern die angenehmen Schauer dieses Elementes. Das verschwommene Brausen und das verschwommene Strahlen wurde immer klarer, immer differenzierter, und mit ihm auch die Lust der Schwestern.

Domenico Pascarella, der in seinem Frack eine eindrucksvolle Figur machte, umfaßte den Theaterraum mit einem erfahrenen Blick. Er mußte feststellen, daß Krieg und Nachkrieg an diesem Bilde nicht übermäßig viel verändert hatten. Wohl sah man in manchen Logen überquellende Fratzen, aufgedonnerte Gestalten, plumpe Arme und Pfoten. Doch die Haifische, die Pescecani, verschwanden im Kranze der Erbeingesessenen. Ja, sie waren ringsum alle versammelt, die Trecasi, Spagnuoli, Ventignano, de Luca und rechts und links die Pugno-Sarti und Dallorso, alle, zu denen er nicht gehörte und nicht gehören wollte. Doch Don Domenico war heute selbst gegen die Aristokraten Neapels milde gestimmt. Das kam daher, weil er mit seiner Loge zufrieden war, die sich vor keiner anderen verstecken mußte. Das alteingefressene Mißtrauen gegen den Wert seiner Kinder wich für ein paar Stunden. (Vielleicht wäre er heute abend nicht ausfallend böse geworden, hätte ein Fremder eines der Geschwister mit Lob bedacht. Die dunkeln Empörungen über solches Lob entsprangen ja immer nur jenem Mißtrauen.) Drei schöne, frische, reine Mädchen. Selbst er konnte es sich jetzt, da die Welt zum Vergleich stand, ebensowenig verhehlen wie in den sonntäglichen Ausnahmestunden seines väterlichen Behagens. Wohlwollend drängte er Iride in den Vordergrund der Loge.

Die Kleine erlebte das Fest zum erstenmal. Sie machte vor Aufregung ein bestürztes Gesicht, konnte kein Wort herausbringen und langte immer wieder mit ihren fiebrischen Fingern nach der Hand des Vaters, ohne zu wissen, was sie tat. Don Domenico, der von seinen Kindern Furcht und Liebe, doch niemals Zärtlichkeit empfing, wurde durch die ungewohnte Berührung der kleinen Mädchenhand recht gesprächig und begann Iride die Einrichtung der Bühne, das Wesen des Orchesters, die allegorische Malerei des Vorhangs und manches andere eingehend zu erläutern. Dennoch verfuhr er auch dabei, wie er es für seine Pflicht hielt, stark pädagogisch, indem er den Sinn all dieser Zauberei in lehrhafter Form vermittelte und seine Erklärungen wieder abprüfte.

Die italienischen Theater machen vor Beginn des Spiels zumeist einen recht unordentlichen Eindruck. Die Frömmigkeit der Erwartung, die man anderswo noch finden kann, fehlt hier völlig. Der erste Akt dauert eine Stunde, die man still wird aussitzen müssen; darum macht jetzt alles noch Bewegung, solange es Zeit ist. Ganze Sitzreihen klaffen leer. Es sieht so trostlos aus, als würden sie sich niemals füllen können. Dahingegen herrscht in den Logen ein lachendes Kommen und Gehn, und draußen die Vorhalle ist undurchsichtig von dichtem Zigarettenrauch und nicht minder dichtem Geschwätz. Hier stehn die Männer sehr bewegt durcheinander, Hunderte, ohne Rangunterschied, der Gent im Frack neben dem Mozzonaro im Ruderhemd, der sich durch den Ingresso geschwindelt hat. Die Musiker im Orchester stimmen von Minute zu Minute wilder. Jeder scheint seine ganze Seele in die Läufe, Triller, Passagen zu legen, die er mit selbstversunkener Leidenschaft hervorbringt. Das Gefiedel, Gedudel, Geschrille und Geblöke ergibt ein großartiges Klangstück, das wie ein Symbol der einsamen Eitelkeit wirkt, mit der ein Ich neben dem anderen sich seiner Lebenstätigkeit hingibt.

Erst beim zweiten Glockenzeichen begannen die Herren des Parkettpublikums langsam in den Saal zu schlendern und auch Don Domenico verließ seine Loge. Die drei Schwestern blieben nun allein mit der Duenna. Sie nahmen die Plätze an der Brüstung ein, während die Dame auf dem Hochsitz hinter ihnen sich ausbreitete. Papa hatte natürlich nicht bemerkt, daß seine Töchter ihre vorjährigen Kleider trugen, Grazia das blaue und Annunziata das schwarze mit Silberlitzen. Obzwar nach dem Sturmtag von der Festa di ballo kein Wort mehr gesprochen wurde, hatte keine, auch Iride nicht, das Geld für ein neues Kleid verwandt. Die Anschaffung erübrigte sich wirklich, denn sie sahen vortrefflich aus. Grazia vor allem erstrahlte wie noch nie. Beschreibt nicht Homer, daß die unsichtbar schwebenden Götter die Heroen und Heroinen im wichtigen Augenblick mit gesteigerter Kraft und Schönheit begnaden? Solch eine Göttin schien auch Grazias Schönheit in diesem wichtigen Augenblick ihres Lebens gesteigert zu haben. Sie begann im Hause aufzufallen. Erst waren es nur zwei und drei, bald aber ein ganzer Chor von Operngläsern, der sich starr auf die Loge Nummer drei, links, erster Rang richtete. Die Wirkung dieser glotzenden Ovation auf die drei Mädchen war sehr verschieden. Iride, die ihre Bedeutung nicht klar verstand, fing zu zappeln an und auf ihrem Stuhl hin und her zu wetzen. Annunziata senkte angstvoll die Augen auf den Theaterzettel. Das gilt Grazia, wußte sie und betete, daß nur Papa nichts davon bemerke. Grazia jedoch hielt der Fernglas-Salve unbewegt stand und lächelte gleichgültig. Als es aber jäh dunkel wurde, sagte eine kleine Grazia in dem entrücktesten Winkel ihres Selbst: Schade.

 

Nach dem Finale des zweiten Aktes, in dem der Tenor, vom unglücklich liebenden Sopran zur Flucht gedrängt, auf der strahlenden Höhe des Duettes das Schiff, das ihn retten soll, in Brand steckt, – nach diesem effektvollen Musik- und Vorhangfall erschien Don Domenico in der Loge, um die Mädchen abzuholen und ins Foyer zu führen. Auch dies gehörte zum Festprogramm. Pascarella war voll Lob für die Rasa. Niemand verstand es wie sie, eine Phrase zu durchwärmen und die Kadenz einer Melodie rasch und schmerzlich in sich zusammenstürzen zu lassen. Das tragische Aufschluchzen, das sie jeweils am Schluß einer Fermate dem letzten Ton vorausschickte, fuhr dem Publikum in die Glieder, daß es ein dumpf befriedigtes Murren vernehmen ließ wie ein Katzentier, dessen Fell man kraut.

»Ah, questa donna è un dio«, rief Don Domenico und sein Enthusiasmus stand im sonderbaren Widerspruch zu der grausamen Verfolgung, die er gegen Grazias Gesangsstudien ins Werk gesetzt hatte. In seinem Gefühl jedoch trennte er Familie und Welt so restlos, daß es Brücken nicht gab. Seine Kinder gehörten ihm und nicht sich und nicht der Welt. Diese Welt aber nahm heute die seltene Gelegenheit wahr, sich heranzutasten an das, was ihr die übrigen dreihundertundvierundsechzig Tage des Jahres vorenthalten blieb. Hatten sich schon vorhin die vielen den Raum abweidenden Operngläser bei der Pascarella-Loge versammelt, so spannen jetzt die fragenden, fordernden, schmachtenden, trachtenden Blicke ein dichtes Netz um Grazia, die mit den Ihren die Treppe zum Foyer emporschritt. Sie schien nichts davon zu merken, obgleich eine wohlige Genugtuung sie erfüllte.

Die zwei ersten Akte der Gioconda sind lang und die Erschöpfung, die bewußtes Musikhören offenen Ohren bereitet, ist beträchtlich. Aus diesem Grunde hatte Don Domenico seinen Töchtern eine Erfrischung zugedacht. Beim Büfett sollte eine Flasche Champagner getrunken werden. Der Champagner, am selben Ort und bei gleicher Gelegenheit genossen, bildete eine der Erinnerungen Pascarellas an seinen eigenen Vater. Wie alles Alte, Ahnengemäße, war dieser Trunk geheiligt, selbst wenn er gewissermaßen einen Leichtsinn vorstellte. Ritterlich erkämpfte Papa einen Weg für die Mädchen. Es war nicht leicht, die dichten Gruppen der Promenierenden, Schauenden, Plaudernden, die das Büfett umlagerten, zu durchsteuern. Durch Zufall wurde gerade ein Tischchen frei, und zwar glücklicherweise eines an der Wand. Energisch nahm es Don Domenico in Besitz. Sie waren nur vier. Die schüchternen Brüder ließen an solchen Abenden Papa mit den jungen Damen allein und jene bejahrte Hirtin hatte die frostige Einladung, mitzukommen, dankend abgelehnt und war in der Loge verblieben. Nun saß man glücklich. Mit Entzücken belebten sich die Schwestern an dem sagenhaften Wein.

Da gewahrte Signor Pascarella einen schlanken Herrn mit graublondem Haar und knabenhaft rosigen Wangen, der zu ihm herüberlächelte, den Blick nicht abwandte und endlich grüßte wie ein junger Freund. Den Mann mußte er doch kennen, sogar gut kennen. Er strengte sein Hirn an. Sollte das Gedächtnis nachlassen? Es wäre das erste Anzeichen dieser betrüblichen Alterserscheinung. Der Herr wiederholte seinen Gruß. Und es geschah, mochte nun der Champagner, Gioconda, Bruna Rasa, oder einfach die Zufriedenheit der Stunde daran Schuld tragen, es geschah, daß der Verächter der fremden Welt, der Feind jeder überflüssigen Bekanntschaft nicht nur den Gruß erwiderte, sondern die Hand hob zum gemessenen Salut. Daraufhin näherte sich der Herr dem Tisch und reichte dem Patron seine Rechte, der sich umständlich erhob, denn er wußte noch immer nicht, wer der gute Freund sei. Dieser öffnete einen Mund mit weißen schönen Zähnen, lachte wie über einen gelungenen Scherz und erkundigte sich nach englischer Begrüßungssitte:

»Wie geht es Ihnen?«

Pascarellas Erinnerungsvermögen war nun zwar auf den Weg gebracht, kam aber nicht vom Fleck. Da griff der fremde Herr in seine Brusttasche, zog den Paß hervor und hielt ihn dem Inhaber der Wechselstube hin. Der hatte heute wahrlich seinen guten Tag. Nicht einmal die Mahnung an diesen Teil seines Gewerbes konnte ihm die Laune verderben. Im Gegenteil, er lachte nun selbst, kramte noch eifriger in seinem Gedächtnis und fand schließlich triumphierend das Rechte:

»Hotel Bertolini ... Eh? ... Hotel Bertolini?«

Der Engländer stellte sich jetzt förmlich vor:

»Arthur Campbell.«

Er schwieg und rührte sich nicht fort. Ein fünfter Stuhl war frei. Nach einem längeren Zögern konnte Don Domenico doch nicht umhin, auf den herrenlosen Platz zu weisen. Seine metallreiche Stimme klang ein wenig beunruhigt:

»Mister Arthur Campbell aus dem Hotel Bertolini. Meine Töchter Annunziata, Grazia, Iride.«

Der Engländer ließ sich zwischen Annunziata und ihrem Vater nieder, doch mit einer seltsam eingeschüchterten Geste. Nachdem damit diese nicht hinreichend motivierte Annäherung vollzogen war, sah sich das Tischoberhaupt in die Notwendigkeit versetzt, mit seinem Gast eine Unterhaltung zu eröffnen. Kein Thema lag näher als die heutige Oper. Und so erging er sich in fachgemäßen Urteilen über die unvergleichliche Primadonna und die leider nur allzu vergleichlichen übrigen Künstler. Er sprach in seiner kommandierenden Art kurz und schnell. Mr. Campbell hielt sein graues und rosiges Haupt den Erläuterungen Pascarellas hin, als wolle er diese Worte, die er bis auf die Eigennamen der Hauptdarsteller nicht verstand, für ewig in sein Bewußtsein graben. Durch die Namen erriet er aber immerhin so viel, daß er mit einem Blick auf Grazia, der sie eigens um Verzeihung bat, eingestand:

»Ich bin unmusikalisch.«

Und er vervollständigte seine Beichte dadurch, daß er mit hoffnungslosen Fingern die Ohren berührte, was ebensogut heißen konnte, ich bin taub. Don Domenico verdüsterte sich und forschte streng:

»Habt ihr in England keine Musik?«

Arthur Campbell verstand das Wort »Inghilterra«, weiter nichts. Er entschloß sich, in richtiger Kombination, sein Bekenntnis zu erweitern. Jede Silbe kam deutlich aus seinem Mund, als sei sie für taubstumme Kinder berechnet:

»Ich liebe nicht so sehr die Oper wie Kirchenmusik. Die Orgel, ja, mit Chorgesang.«

Das war für Signor Pascarella ein sehr langer englischer Satz, der ganz und gar keine Anhaltspunkte bot. Er sandte daher seinen grausamen Blick mitten in Grazias Herz, womit er etwa sagen wollte: Jetzt zeige, was du kannst! Fünf Jahre lang habe ich das Opfer gebracht, dich in der vortrefflichen Schule der Karmeliterinnen ausbilden zu lassen. Das Sprachenstudium wird doch wohl obligat gewesen sein, hoffe ich. Oder bin ich vielleicht wieder einmal betrogen worden? Ich bitte also, mich womöglich nicht zu blamieren! Grazia verstand diese stumme Rede bis auf die Neige. Aber selbst wenn sie noch weniger gewußt hätte als die bleichen Erinnerungsreste an das unwirkliche Schulenglisch eines dünnen Übungsbuches, sie hätte nicht törichter erröten und verlegener flüstern können:

»Er spricht von Kirchenmusik.«

In den Augen Mr. Arthur Campbells ging etwas Großes vor. Sie füllten sich mit blauer Demut und ersterbender Dankbarkeit, mit Ausdruckswelten, die man diesem humor- und kampfbereiten Herrn gewiß nicht auf den ersten Blick zugetraut hätte. War es Grazias Erröten? Waren es die vier Worte, mit denen sie zur Mittlerin zwischen ihm und ihrem Vater geworden war? Dieser entfaltete nun seine ganze Verachtung für die Gegenwart:

»Was wisset ihr von Kirchenmusik? Vor einem halben Jahrhundert hat man in Rom noch Kirchenmusik erleben können. Aber jetzt?!«

Annunziata wagte zu bemerken, daß die Gottesdienste in der Kathedrale von San Gennaro oft von sehr schöner Musik begleitet würden, besonders zur Osterzeit. Ein Blitz durchbohrte die Kühne, die es trotz ihrem Alter noch immer nicht verlernt hatte, an unrechtem Ort den Mund auf zutun:

»Deine Ostermusik«, höhnte der Vater, »ist eine Dorfbande, nein, eine dieser verfluchten Jazzbanden, wie ihr sie nennt und liebt. Musik aus dem Hotel Bertolini.«

Annunziata verstummte schnell. Der Engländer hatte kein Wort verstanden, jetzt nicht einmal das Wort Bertolini. Er mußte alle Kräfte zusammenhalten, damit ihn seine flehenden Augen nicht verrieten. Er sah immerfort an Grazia in der Tangente vorbei, als sei dies gerade die Mittellinie zwischen heftiger Begier und guter Manier. Doch auch Grazia blieb nicht unverwandelt. Ein Sichersein kam über sie, wie sie es noch nie erlebt hatte. Träumerische Geborgenheit.

Don Domenico schenkte sich den Rest des Champagners ein. Zugleich aber empfand er das Bedürfnis, dem allzu müßigen Beisammensitzen einen strengeren Sinn zu geben. So wandte er sich denn zu seiner Jüngsten:

»Ich werde dich morgen nach allem fragen, was du heute gesehn hast. Also gib gut acht! Wenn der Vorhang jetzt aufgeht, sitzen wir vor dem Saal eines berühmten Palazzo. Es ist die Ca d'Oro in Venedig. Hast du je von der Ca d'Oro gehört?«

»Ja, Papa!«

Grazia drehte sehr langsam ihr Gesicht von der schütter gewordenen Menge Campbell zu, machte aber noch knapp vor dem Ziele halt, denn sie spürte, daß er jetzt völlig in ihr versunken war: Die Engländer sind eine sehr schöne Rasse. Sie sehen ganz anders aus als unsere Italiener hier. Das kommt daher, daß sie von den Normannen abstammen wie Papas Großvater. Sie haben komische rote Wangen.

Iride blinzelte angestrengt, denn Papa hielt weiter Schule:

»Und dann werden wir den Tanz der Stunden sehn. Die Mitternacht trägt ein schwarzes Kostüm. Merk es dir, damit du verstehst, was vorgeht, damit du nicht dumm dasitzen mußt!«

»Ja, Papa!«

Wie alt kann er eigentlich sein?

Dieser Gedanke, der Grazia wider Willen überfiel, erweckte ihren Ärger. Sie stand auf:

»Papa, ich glaube, es ist Zeit.«

Das Foyer war schon fast menschenleer. Die letzten Nachzügler drängten hinaus. Domenico Pascarella erschrak:

»Wie? Aber das ist immer so! In diesem verdammten Raum hört man die Glocke nicht.«

Er hatte nur eine einzige Angst, den Beginn des Aktes zu versäumen. Der Weg bis ins Parkett hinunter war lang. Ungeduldig jagte er seine Herde über die Treppe und verhinderte es nicht, daß Mr. Arthur Campbell sich ihr anschloß und in den Logengang folgte, nachdem er, der Vater, selbst schon abgezweigt war.

Grazia wollte ihren Schwestern durch die kleine Tür nachschlüpfen, als sie ein ungeformter Laut zurückhielt. Der Engländer rang offensichtlich um ein italienisches Wort. Es gelang nicht. Er sah sie erschöpft an, machte aber keine Miene, sich zu verabschieden. Das dauerte recht lange. Endlich begann er englisch:

»Ich bin traurig, daß ich nicht Italienisch sprechen kann. Aber Sie sprechen ein wenig Englisch, Signorina ...«

»Ich spreche kein Wort Englisch!«

Das kam sehr schroff heraus. Sie hielt die Klinke in der Hand, ohne ihn anzusehn. Er aber versuchte das Nichts dieses Augenblicks in die Länge zu ziehn:

»Ihren Vater verstehe ich nicht, aber von Ihnen verstehe ich jedes Wort, Signorina.«

Sie schwieg, immer zur Tür gewandt. Dabei aber spürte sie seine Gestalt, wie man einen Baumschatten spürt. Die Musik im Haus hob mit schimpfenden Schlägen an. Grazia klinkte noch immer nicht auf, im festen Bewußtsein, etwas Verbotenes, ja Unmoralisches zu begehn, das nicht weit von einem heimlichen Rendezvous entfernt war. Um das Gleichgewicht der Sitte herzustellen, setzte sie die abweisendste Miene der Welt auf. Campbell kämpfte gegen die Musik mit armseligen Worten, die jede Sekunde retten wollten:

»Ich kenne Neapel seit vielen Jahren, es ist eine sehr reizende (lovely) Stadt ...«

Er haßte jetzt seine kurzangebundene Muttersprache. So tauglich sie war, Geschäfte schnellstens abzuwickeln, so untauglich erwies sie sich, durch melodisch gedehnte Sätze ein Mädchen festzuhalten. Kaum hatte man begonnen, war man schon fertig. Verzweifelt stammelte er:

»Neapel, ja ... und nun werde ich verreisen ...«

Grazia glaubte zu hören, daß eine ferne Stimme unten auf der Bühne das Wort »Bertolini« singe. Entschlossen drehte sie sich dem fremden Herrn zu:

»Ich muß jetzt gehn.«

Er gab den aussichtslosen Kampf auf. Die feindliche Musik riß sie fort. Trunkene Stimmen überkletterten einander. Dagegen konnte er nicht aufkommen. Eine schwache Armbewegung deutete den Verzicht an:

»O ja, die Oper, ich bitte um Verzeihung, Signorina.«

Er wartete, daß sie ihm die Hand reiche. Es geschah nicht. Doch schaute sie ihm eine Sekunde lang fest und offen ins Gesicht, als wolle sie für die Zukunft etwas von ihm mitnehmen. Die Musik bäumte sich mächtig auf. Die hohen A und B der Singstimmen hetzten in gestreckter Karriere hintereinander her. Das applausumbrauste Wettrennen erstickte Grazias eiliges »Buona sera«.

Er suchte mit geballten Fäusten nach einem italienischen Grußwort. Als er es fand, war es lang schon zu spät. Sein krampfhaft herausgeschleudertes »A rivederci« sank an der geschlossenen Logentür herab.

Grazia war nicht mehr. Auf Wiedersehn? Im Haus schien nun auch die Musik ganz erloschen zu sein.

Nach Schluß der Oper fand Domenico Pascarella wenig Worte für seine Kinder mehr. Nicht einmal Iride wurde durch Prüfungsfragen ausgezeichnet. Wie im Märchen hatte sich der fürsorgliche Kavalier wieder in den unnahbaren Vater zurückverwandelt, der in der Via Concordia zu Häupten der Seinen mit grausamer Gerechtigkeit herrschte. Er schob die Mädchen erbarmungslos in den Regen hinaus. Annunziata erhielt den Befehl, ein Gefährt zu erkämpfen.

Ehe Grazia einstieg, blickte sie sich um. Sie hatte den Schatten des Engländers verspürt.

Campbell jedoch blieb unsichtbar für sie, obgleich er mit aufgestelltem Mantelkragen dicht hinter ihr stand.

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