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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 18
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Siebzehntes Kapitel
Aufrichtung und Verzicht

Die Landung des Colleoni in Neapel war für den fünften Januar des neuen Jahres angekündigt. Wie man sieht, hatte der Zufall den Brüdern dasselbe Schiff zur Heimkehr bestimmt wie zur Ausreise. Von Gibraltar sandten sie eine Depesche nach Hause, die ihre pünktliche Ankunft für elf Uhr vormittags des Fünften in Aussicht stellte.

Seit einer Woche etwa war die Wohnung in der Via Concordia eine Stätte grausamer Umwälzungen. Annunziata und Grazia hatten ohne Rücksicht auf den Neujahrstag eine gründliche Säuberung ins Werk gesetzt. Obgleich auf Arthur Campbells Betreiben eine neue Dienstmagd in Priscillas Kammer eingezogen war, obgleich auch Giuseppe mit rüstiger Trägheit wie früher die Arbeit im Hause kritisch musterte, obgleich selbst Iride sich nicht abhalten ließ, mit Hand anzulegen, so lastete doch die Hauptmühe der Räumungs- und Reinigungstätigkeit auf den beiden großen Schwestern. Dem raschen Fortschritt dieses Getriebes stand Papas Unmut hemmend im Wege. Er schimpfte von früh bis abends über die Wirtschaft. Vielleicht wird jetzt mancher auflachen und mit seinem inneren Auge in dem scheltenden Vater den ehemaligen und nicht den gewandelten Don Domenico erkennen. Damit aber ist es eigen bestellt. Der gewandelte Vater wollte sich nie und durch nichts ertappen lassen. Fast muß man es bedauern, daß, um der Wahrheit der Geschehnisse willen, ein rührender Abschluß, der doch so nahe liegt, nicht eingeschmuggelt werden darf. Papa zeigte sich nicht viel weicher als jemals, sein Schlüssel knirschte nicht weniger energisch im Schloß als früher, und auch die gesundende Iride bekam selten genug einen flüchtigen Kuß aufs Haar. Nur seine Gestalt war sehr viel älter und die Furcht seiner Kinder vor ihm sehr viel kleiner geworden. Dies die einzigen äußeren Zeichen des inneren Wandels.

Zu Arthur Campbell unterhielt Don Domenico eine korrekte und streng sachliche Beziehung. Nach seiner Rehabilitierung waren ihm aus der ganzen Stadt, aus der feindlichen Welt also, die wärmsten Sympathiebeweise zugeflogen. Seine Azienda schien großartiger dazustehn als je. Die Kunde von der Teilhaberschaft eines steinreichen Engländers hatte sich rasch verbreitet. Don Domenico aber war anders gesonnen, als die Welt es vermeinte. Er hatte es satt. Er wollte für seine Person liquidieren und nur eine günstige Sachlage abwarten, um die Azienda dem Bräutigam Grazias in einem ausgewogenen Zustand zu übergeben, und zwar dergestalt, daß der Engländer sein großes Kapitalopfer in einigen Jahren durch hohe Verzinsung amortisieren konnte. Durch die Übergabe des Geschäftes an den Retter glaubte Pascarella seine Dankesschuld restlos begleichen zu können. Der unverbesserliche alte Mann schien noch immer nicht klug genug zu sein, um einzusehn, daß seine Firma wie er selbst ausgewerkelt und erledigt war. Er bot Arthur Campbell die Schreibtischseite Battefioris und Gnollis wie einen Ministersessel an, wobei der so fürstlich Ausgezeichnete die Empfindung haben mußte, der Gnadenspender fürchte, damit seiner eigenen Würde zu nahe getreten zu sein. Campbell ging mit keiner geringeren Grandezza auf das Spiel ein. Es bedeutete für ihn ja Grazias endgültigen Besitz. Wenngleich fast sein ganzes Geld in Don Domenicos Geschäft steckte – er war ja niemals reich gewesen –, so hütete er sich doch, von Battefioris Platz allzu ausgiebigen Gebrauch zu machen. Auch in dem neuen freundlicheren Zusammenklang des Vaterwesens meinte er grollende Nebentöne zu hören, die unversöhnt geblieben waren. Deshalb ließ er alles laufen, wie es lief, zeigte sich nur dreimal wöchentlich in der Azienda und vertraute der Zeit. Seit den tragischen Vorgängen im November waren ja keine zwei Monate vergangen, es galt also, behutsam zu sein. Grazia und er hatten beschlossen, die Hälfte des Trauerjahres um Lauro vorübergehen zu lassen und erst im Mai zu heiraten. Sie wohnte wieder daheim. Erschien Arthur nur unregelmäßig in der Azienda, so nahm er um so regelmäßiger an den Mahlzeiten im Hause Pascarella teil. Wie unglaubwürdig diese Tatsache auch klingen mag, sie hatte sich unmerklich seit jenem Pranzo eingebürgert, zu dem Don Domenico nach langer gemeinschaftlicher Arbeit seinen künftigen Schwiegersohn mitgenommen hatte. Dies war mehr als alles andre der Beweis für die Umgestaltung, die sich an Papas Seele vollzog. Zwei weitere, noch bedeutsamere Vorfälle durchzuckten Grazia mit einem unerwarteten Freudenschreck. Es war eines Abends zur Weihnachtszeit. Campbell hatte sich bei Grazia entschuldigt, daß er wegen einer geschäftlichen Konferenz nicht zu Tische kommen könne. Don Domenico, der nichts davon wußte, blickte erstaunt umher und fragte wirklich und wahrhaftig:

»Was ist geschehn? Wo bleibt Arturo?«

Angesichts dieser Frage jedoch und des staubigen Umsturzes ringsum dürfte der zweite, noch denkwürdigere Vorfall nicht gebührend wundernehmen. Am vierten Januar nämlich, dem Vorabend der Brüderheimkehr, wagte es Arthur Campbell mit unerschrockener Verwegenheit, Domenico Pascarella zum Pranzo ins Hotel Bertolini einzuladen. Ein Augenblick atemloser Spannung folgte diesem Vorstoß des Engländers. Papa betrachtete stumm seine Töchter, die mit Kopftüchern und Schürzen zur Entscheidungsschlacht gerüstet waren. Dann nahm er die Einladung mit dem trockenen Bemerken an, daß er heute weiß Gott was lieber schlucke als den häuslichen Staub. Und es geschah, daß Don Domenico am selben Abend das Hotel Bertolini betrat, das im Leben seiner Familie eine gesetzlos wichtige Rolle gespielt hatte und in seinen Augen allezeit ein Hauptquartier der feindlichen Welt gewesen war. Und er, der seit mehr als einem Menschenalter höchstens einmal auf Reisen in eine dörfliche Osteria einzukehren pflegte, saß nun mitten unter dieser Feindschaft im Nobelrestaurant des Bertolini vor erlesenen Speisen und nippte am Kelchglas. Ihm gegenüber aber saß der Mann, der ihm sein Kind geraubt hatte. Don Domenico musterte blinzelnd die herrlichen Gestalten der reichen und genießenden Frauen in der Runde, und sein Sinn schien sich nicht zu empören, als Arthur mit feindseligen Blicken schwor:

»Grazia ist schöner und edler als diese alle.«

Auch die kläffende und winselnde Modemusik ertrug der alte Mann mit Großmut. Und als bei der Zigarre Campbell die Gelegenheit ergriff und dem Oberhaupte der Pascarella die Idee von einem neu zu errichtenden Reisebüro entwickelte, da nahm Don Domenico auch dies mit Geduld und Schweigen hin. Was aber im Herzen des geschlagenen Vaters wirklich vorging, das wußte weder der glänzende Saal noch der glückliche Engländer.

Der vierte Januar war überdies noch in einer anderen Hinsicht denkwürdig. Don Domenico verteilte nicht nur einen angemessenen Geldbetrag unter seine Töchter, damit sie erstens für ein feiertägiges Mahl sorgen und zweitens Geschenke für die Heimkehrer einkaufen könnten – er selbst machte sich auf den Weg, um für den Empfang seiner Söhne Gaben der Liebe auszusuchen. Was Ruggiero anbetrifft, war die Sache mehr als leicht. Signor Pascarella betrat zum erstenmal im Leben einen Sportausrüstungsladen und erstand ein Paar mächtiger gelbfunkelnder Treter, eine haltbare Dreß, nach seiner eigenen Gestalt bemessen, und einen englischen Fußball, prall und rund wie eine tropische Frucht. Nach diesem Einkauf betrat er – ob das erstemal im Leben, sei dahingestellt – eine große Buchhandlung auf der Via Roma. Dort forderte er mit mürrischer Schamhaftigkeit:

»Etwas für einen jungen Philosophen!«

Der Gehilfe legte ihm eine Ausgabe des Gianbattista Vico und das neueste Buch von Benedetto Croce vor, beides Werke neapolitanischer Denker, wovon der erstere den Zorn Domenico Pascarellas in Placidos Kammer schon zu spüren bekommen hatte. Ohne daß sie sich des einstigen Wutanfalls erinnerte, wog die Hand des Käufers den Vico auf ihrem flachen Teller, als könne sie nach seiner Gewichtigkeit den wahren Wert des Philosophen prüfen. Der Buchhändler schleppte noch eine Kollektion herbei, die unter dem Gesamttitel »Il Genio Russo« die Werke der großen russischen Dichter umfaßte. Placidos Vater legte mit mißtrauischer Gebärde einen Roman Dostojewskis noch zu den übrigen Büchern, die er erworben hatte. Alles in allem erfüllte ihn der Kauf mit dem unbehaglichen Bewußtsein, sich selber Schaden und dem beschenkten Sohn keinen Nutzen zu bringen. Als er die beiden großen Pakete, das sportliche und das philosophische, mühselig nach Hause schleppte, erkannte er, daß er nicht mehr Herr über sein Leben und seine Taten war.

Nach diesem vielfältigen Tag und Abend erlitt Don Domenico gegen Mitternacht eine schwere Herzbeklemmung. Ihm war mit einem Male so bange um Lauro. Er dachte der Geschenke, mit denen er Placido und Ruggiero begrüßen wollte, und da war es eine würgende Empfindung, daß Lauro hartherzig -ungerechterweise nichts erhalten werde. Dies verschlug dem Vater allen Atem. Und wirklich, die Luft genügte nicht, ein eisiger Reif legte sich auf seine Glieder, und Herz und Hirn drohten zu versagen. Don Domenico tastete bereits nach der Glocke, um das Haus zu wecken, denn dies konnte ja das Ende sein. Doch im nächsten Augenblick hatte er sich schon erholt. Da der Schlaf nicht wiederkam, stand er auf, legte den Schlafrock um und stieg leise zu den Zimmern seiner Kinder hinab. Er horchte an den Türen der Mädchen, um einen Atemzug, ein Zeichen ihres Lebens zu erlauschen. Wie gerne hätte er geöffnet und sich an Grazias Bett niedergelassen, um die schwermütigen Augen nicht von der Tochter zu wenden, die er verloren hatte! Er preßte die ausgebreiteten Hände und sein Gesicht an das Holz, das ihn von dem Mädchen trennte. Durch ein leises Stöhnen, welches nicht ohne Absicht ihm aus der Brust drang, suchte er sich bemerkbar zu machen. Er hatte solche Angst vor einem Überfall des Todes. Vielleicht würde Grazia doch erwachen. Sie erwachte nicht. Er tastete sich weiter durch die Finsternis, als habe er Furcht, die Lüster einzuschalten. Die Sala da pranzo, der Salotto. Und jetzt? Unter dem Madonnenbild, von Annunziata betreut und immer erneut, atmete das Öllämpchen. Die Stanza della Mammina, die Papa fast niemals betrat. Er setzte sich auf einen der spitzenbedeckten Sammetfauteuils, die prüde zu erschrecken schienen, wenn sie jemand benützte. Es war sehr kalt, und seine behaarten und mager gewordenen Beine zitterten. Dennoch blieb er länger als eine Stunde sitzen, ohne nach einer Decke zu greifen. Im Gefängnis hatte er ja die große Kunst der Einsamkeit erlernt. Hie und da warf er einen Blick auf Mama, die in ihrer unendlichen Gleichgültigkeit diesen Blick nicht erwiderte. Er ahnte, daß er auch jetzt von dieser Frau ebensowenig wisse, als er je gewußt hatte. Und zum erstenmal im Leben erstaunte er darüber. Seine rechte Hand griff nach dem linken Puls. War das vorhin der Tod gewesen? Ach nein, nicht der Tod, nur ein leichter Anfang des Todes, das Alter. Er saß frierend in der Stanza della Mammina und sah seinem eigenen Altern zu. Irgendein abgegrenzter Platz. Schwaches Gehämmer und Gehacke. Arbeiter kommen mit Lasten vorüber und werfen verbrauchte Steine und rauchgeschwärztes Holz auf einen Haufen.

 

Es gibt Ur-Ereignisse des menschlichen Lebens, die sich während der Jahrtausende gleichbleiben und immer dieselben Spannungen und Lösungen hervorrufen. Zu ihnen gehört das seelenbewegende Hingleiten eines Schiffes, das sich entweder von der Küste entfernt oder ihr nähert. In diesem Hingleiten wird die reine Melodie von Abschied oder Wiedersehn, von Entschwinden oder Sich-Finden zu rhythmischer Bildhaftigkeit umgewandelt, und zwar tiefer als es ein Kunstwerk vermöchte.

Der Hafen Neapels aber ist durch viele prächtige Kulissen verbaut und gewährt dem Publikum, das auf dem Quai der Servizi Marittimi wartet, keinen Ausblick aufs Meer. Wenn nun ein Ozeandampfer plötzlich auftaucht und vorsichtig ungeschickt seinen Riesenleib – als wolle er keinem kleineren Geschöpf etwas zuleide tun – durch die Engpässe des Hafenwassers schiebt, dann fährt ein leichter Schreck in die harrende Menge. Eine spritzige Erregung ergreift alle und mancher lacht, dem gar nicht zum Lachen ist. Auch die drei Schwestern Pascarella lachten ohne Ursache und riefen einander allerlei Mahnungen zu, während ihre erstarrten Augen dem kaum merklichen Herannahen des Schiffskolosses folgten. Arthur Campbell stand schüchtern hinter ihnen. Grazia hatte gewünscht, daß er mitkomme und ihre Brüder gleich im ersten Augenblick bei der Landung kennenlerne. Sie aber schien jetzt angesichts des beidrehenden Colleoni ihren Geliebten völlig vergessen zu haben, denn sie kehrte sich kein einziges Mal nach ihm um.

Die Ausschiffung währte beinahe eine Stunde. Ein Eisengitter wurde zwischen Publikum und Landungsstelle geschoben. Carabinieri faßten davor Posto und verdeckten mit ihrem Rücken die bunte Flut, die aus dem Schiff hervorsprudelte. Auch in dieser vorerst unangenehmen und widersinnigen Maßregel entpuppte sich eine von der Behörde durchaus nicht beabsichtigte Weisheit des Lebens, die zwischen starke Empfindungen und deren zwangläufige Enttäuschung einen Reizschutz einschaltet. Das lange Warten zermürbte die Nerven. Die Spannung ließ nach, und als die Wartenden dann die Heimkehrenden mit Freudenrufen und Küssen empfingen, kam jene tiefe Betretenheit der Entfremdung kaum zum Bewußtsein, die eines der wesentlichsten Elemente jedes Wiedersehens ist. Zeit und Raum hatten ihr zehrendes Werk geleistet, ohne daß man es bemerkt hatte. Nun aber begannen die abgestorbenen Stellen im Gedächtnis als Gefühlsleere zu drücken: Dies war ja die Mutter, natürlich, sie hatte sich gar nicht verändert und sah doch so fremd aus. Und dort kam der Gatte. Wie wahnsinnig hatte sich doch die Frau auf ihren Mann gefreut und jetzt benahm er sich ziemlich kühl und sprach hauptsächlich vom Gepäck. Was war das nur? Nun, das Gedächtnis hatte während der Trennungszeit nicht standgehalten und die Menschen litten darunter. Denn das vollkommene, das göttliche Gedächtnis ist die Unsterblichkeit und die künftige Auferstehung der Toten.

Die Geschwister Pascarella waren in das Zwielicht dieser allgemeinen Wiedersehensstimmung einbezogen. Was wohl niemand für möglich gehalten hätte, auch zwischen sie war Entfremdung getreten. Sie umarmten und küßten einander inniglich und doch sah Grazia einen anderen Placido und Iride einen andern Ruggiero wieder. (Für immer ist nun die alte Nähe verwandelt. Die Liebe von gestern wird nicht mehr die Liebe von morgen sein. Und das tut weh.) Die Veränderung zeigte sich am sinnfälligsten an Ruggiero, der in jeder Einzelheit seiner Kleidung Wert darauf legte, ein Brasilianer zu sein. Er trug einen flachen niedrigen Velourshut, einen grünen Shawl um den Hals, neiderweckende Wildlederschuhe und einen scharfeingekerbten Gürtelstock. Sein Teint war olivebraun, das Haar sträubte sich nicht mehr struppig aufgekämmt, sondern lag blauspiegelnd glattgebürstet und gescheitelt. Zur Vervollständigung dieser Fremdartigkeit trug er Koteletten und auf der linken Schläfe eine toreadorhafte Sechserlocke. Unter solchen Umständen fiel es wirklich schwer, an seiner Zwanzigjährigkeit zu zweifeln. In den Bewegungen des ehemals so täppischen Orso lag nun Selbstbewußtsein und erfahrene Weitläufigkeit, die nach Verwicklungen des Daseins Umschau zu halten schien, um mit ihnen jonglieren zu können. Von Anfang an gefiel er sich seinen Schwestern gegenüber in gönnerhafter Überlegenheit. Iride sah ihn staunend von allen Seiten an und sagte dann die Wahrheit rund heraus wie immer:

»An dich werde ich mich erst wieder gewöhnen müssen.«

Bei Placido war es weit schwerer, ja kaum möglich, die Veränderung festzustellen. Er trug denselben Anzug wie bei seiner Ausreise, kein äußeres Merkmal wies auf die Entfremdung hin, es sei denn, daß er noch blasser und spitziger war als früher. Und doch verrieten seine Augen manchmal den mühsam gebändigten Ausdruck eines Forschers, der über seine geheimnisvollen Expeditionen wird ewig schweigen müssen. Seine Augen sind anders geworden, sagte sich Grazia immer wieder. Doch auch Placido sagte sich, sie ist ganz und gar anders geworden, und er begann zu verstehen, warum. Glücklicherweise erforderten Paßrevision, Gepäck und Zoll ablenkende Tätigkeit im Übermaß. Giuseppe war langsam aufgetaucht, ergriff die kleinste Tasche und wischte sich den Schweiß der Mühsal von der Stirn. Arthur Campbell hingegen schüttelte den Brüdern gewaltig die Hand, ohne sein Dasein des weiteren zu rechtfertigen, und entwickelte, die Verzollung des Gepäcks betreffend, solch eine stürmisch-hartnäckige Energie, daß der Pascarellastamm unter allen Reisenden zuerst die Schranken verlassen durfte.

Placido wußte nun alles. Während des Paß- und Zollkampfes blieb er sehr schweigsam und hielt den Kopf gesenkt. Doch schon beim Hafenausgang nahm er Grazia beiseite, lächelte ihr zu und flüsterte ohne Selbstüberwindung:

»Er gefällt mir sehr gut.«

Seine Feinheit, die das Wichtigste, ohne davon unterrichtet zu sein, sofort vorwegnahm und mit fünf Worten alle Unsicherheit forträumte, die sich zwischen ihr und ihm angesammelt hatte, dieser echte Beweis seines hohen Wesens erlöste Grazia. Mit einem Schlag schien der Bann der Entfremdung und die Schwermut des Wiedersehns gebrochen zu sein. Leidenschaftlich wie in früheren Tagen drängte sich die Schwester an den Bruder:

»Ich bin so glücklich, daß du das gesagt hast ...«

Und nun begann zwischen beiden ein inbrünstiges Gespräch, das sie nicht nur die heimatlichen Straßen vergessen ließ, sondern auch die andern Geschwister und den Freund. Als Iride aber sah, daß sich Grazia in Placido mit gieriger Bewegung einhängte, packte sie ebenso Ruggiero an, und bald versank auch um die zwei Jüngsten die Welt.

Annunziata blieb einsam zurück.

Da reichte ihr Arthur Campbell den Arm und bemühte sich um eine leichte und heitere Unterhaltung. Sie gab ihm fast keine Antwort, bis sie die Piazza del Plebiscito erreicht hatten. Dann aber wandte sich ihm ein verzerrtes Gesicht zu:

»Du weißt es noch gar nicht, Arturo. Ich sage es dir auch, ehe es Papa und die andern wissen. Wenn alle diese Geschichten vorüber sein werden, verschwinde ich.«

Seine Finger streichelten erschrocken ihre Hand:

»Was heißt das, Zia?«

»Das heißt, daß ich ins Kloster gehe. Man kennt mich dort schon. Man wartet dort auf mich.«

Er hielt sie eisern fest, als wolle er sie vor einer Wahnsinnstat schützen, solange es noch Zeit war:

»Das darfst du nicht tun, Zia, das ist unmöglich!«

»Warum ist das unmöglich?«

»Weil du noch so jung bist, Zia.«

»Wozu bin ich denn jung? Es ist mir schrecklich, daß ich noch jung bin.«

»Sprich keinen Unsinn, Zia! ... Verzeih mir! Ich verstehe alles, was in dir vorgeht. Wir lieben dich. Ich liebe dich.«

»Das sind nur Worte ...«

Er aber griff wieder nach ihrer Hand und drückte einen langen Kuß auf sie:

»Bitte, du sollst nicht zweifeln, Zia! Du weißt nicht, wie tief ich dich verehre! Deshalb werde ich auch bei jedem Entschluß, den du triffst, immer auf deiner Seite stehn, Zia. Aber vergiß nicht, daß wir dich brauchen, wie das Leben. O ja! Nicht nur dein Vater, sondern auch Grazia und ich.«

»Wer braucht mich?«

Und sie sah ihn mit roten und verzweifelten Augen an.

 

Die Schwestern hatten nicht gedacht, daß Placido und Ruggiero das Wiedersehn mit Papa so sehr erschüttern würde. (Don Domenico hatte seine Söhne nicht vom Hafen abgeholt, weil er sich seit seiner Haft vor Menschenansammlungen fürchtete. Und dazu kam noch die Angst vor seinem eigenen Gefühl.) Für die Heimgekehrten war deutlich, was den Töchtern durch den täglichen Anblick undeutlich blieb, das beginnende Greisenalter des Vaters. Mehr als alles andere tat ihnen seine neue Milde weh. Er hatte sie mit unverhohlener Erregung vor der Wohnungstür erwartet und ihnen die offenen Arme zitternd entgegengestreckt. Zum erstenmal in ihrem bewußten Leben fühlten sie einen heißen Vaterkuß auf ihren Wangen. Und was sollten sie erst zu den Geschenken sagen, diesen herzzerreißenden Sinnbildern der väterlichen Resignation? Sie starrten scheu und beklommen auf Fußball und Philosophen, mit welchen Gaben Papa die verbotenen Leidenschaften von einst für alle Zeit und Ewigkeit sanktionierte.

Nachdem der erste Sturm vorüber war und die Brüder die Stätten ihres alten Lebens wieder bezogen hatten, setzten sich alle rings um den großen Tisch der Sala da pranzo, obgleich zu dieser Stunde noch niemand an die Mahlzeit dachte. Don Domenico umfaßte mit einem weiten Blick den dichtbevölkerten Tisch. Endlich war er wieder der Vater unter seinem Volk. Ach, nicht ganz! Er wandte stumm den Kopf zu Placido hin, damit dieser nun von dem armen Lauro zu sprechen anhebe. Alle verstanden die stumme Aufforderung und wußten, daß die Stunde gekommen sei, des Toten in ihrer wiedervereinigten Mitte mit frischem Schmerz zu gedenken:

»Wir wissen wahrscheinlich nicht viel mehr«, begann Placido, »als euch schon durch die Nachrichten des Doktors Pereira bekannt ist. Ruggiero und ich kamen zu spät.«

Ruggiero, der selbst in dieser schmerzerfüllten Minute darauf brannte, über Größe und Wunder Brasiliens belehrende Aufschlüsse zu geben, entwarf eine geographische Situationsskizze:

»Ihr müßt euch das nämlich richtig vorstellen. Meine Fazenda ist zwar die größte im Staate São Paulo, liegt aber schon dicht an der Grenze von Paraná. Zur Bahnstation Limeira sind etwa zweihundert altbrasilianische Leguas, die ich zu Pferde zurücklegen mußte, da unglücklicherweise alle Automobile unterwegs waren. Der Ritt hat mich anderthalb Tage gekostet. Von Limeira dauert es, wenn man Glück hat und einen Zug erwischt, immer noch fünfzehn Stunden nach São Paulo City.«

Placido unterbrach die Weitschweifigkeiten des eingefleischten Brasilianers mit nervöser Sanftmut:

»Die Wahrheit ist, wir kamen zu spät, um unsern Bruder noch lebendig zu sehn. Der November ist dort der furchtbarste Sommermonat. Reisen in der tropischen Hitze sind lebensgefährlich. Nach dem unfaßbar Entsetzlichen, das wir erlebt hatten, sind wir beide krank geworden in São Paulo. Noch am Abend des Begräbnistages. Ja, auch Ruggiero, der doch ein fester Kerl ist und mehr aushält als wir alle, war eine Woche lang krank. Wir konnten gar nicht glauben, daß Lauro tot ist. Im Fieber fühlte ich ihn immer bei mir. Die Krankheit war der Grund, Papa, warum wir trotz deiner Depesche ein Schiff mußten vorübergehn lassen.«

Auch er war nahe am Tod, und ich habe es geahnt, erkannte Grazia jetzt. Don Domenico rieb seine Stirn, die ganz feucht geworden war:

»Und wißt ihr wenigstens die Wahrheit?«

Er sprach das Wort Selbstmord nicht aus. Placido konnte sich nur an das halten, was er von Doktor Pereira wußte. Lauro habe sich nie beklagt und sei mit seinem Posten dem Anschein nach zufrieden gewesen. In den letzten Tagen vor dem Unglück habe er seinem Chef sogar angekündigt, daß er den Gedanken, eine Stellung im Hotel Esplanade anzunehmen, gänzlich fallen lasse.

»Daran ist die Sache mit dem Cutaway schuld«, warf Ruggiero ein. »Er hatte sich das Geld schon zusammengespart, aber irgendein sauberer Freund hat es für ihn im Kasino von São Paulo verspielt.«

Placidos Augen sahen in die Ferne:

»Merkwürdig, Lauro hat drüben all seine Erfindungsgabe verloren.«

Don Domenico gab einen Laut der Ungeduld von sich, um Placido wieder auf den Weg zu bringen. Dieser wandte sich zu Annunziata:

»Er hat an dem Verlust von Mamas Ring tief gelitten. Dein Armband, Zia, kam zu spät. Im Oktober schrieb er mir seinen letzten Brief, der mich erschreckt hat, denn er war ziemlich wirr. Immer wieder kam darin die Aussicht aus seinem Fenster vor und der Horizont, den er nicht ertragen konnte ...«

»Und dabei«, unterbrach ihn Ruggiero wiederum, »soll er in den letzten Tagen sehr fröhlich gewesen sein.«

Der Vater schob sich vom Tisch ab. Seine Stimme war kaum vernehmlich:

»Die Wahrheit, die Wahrheit!«

Die Wahrheit wußte auch Placido nicht, sondern nur die nackte Tatsache. Am elften November nach dem Morgendienst sei Lauro, ohne irgend jemanden zu benachrichtigen, verschwunden. Zuletzt hätten ihn die Pferdewärter in den Stallungen von Butantan gesehn, wo er sich alltäglich eine Stunde lang aufhielt und die fiebernden Gäule zeichnete. Dann habe er sich nicht wie sonst zur Stadt begeben, sondern sei in die Campagna hinausmarschiert, in die Ebene, in eben diese tödliche Aussicht, von der seine Briefe handelten.

»Ah, ihr habt keine Ahnung«, rief Ruggiero mit entsetzter Grimasse, »was das heißt, der Campo, die Ebene, und noch dazu in der Sommerhölle ...«

»Es ist wirklich das grauenhafte Nichts«, bestätigte Placido, »und doch hat Lauro mit dem Gift in den Adern viele Kilometer in diesem Nichts zurückgelegt. Man hat ihn erst am Abend in der Nähe einer Vende aufgefunden.«

Ruggiero belehrte die Versammlung, deren Schweigen die Köpfe immer schwerer niederzog:

»Vende nennt man die Bretterbuden in der Einöde, wo man Matetee, Zuckerwasser und Schnaps zu kaufen bekommt.«

Placido, der nicht mehr weiter erzählen wollte, schloß:

»Ich glaube, Lauro hat mehr Heimweh gehabt, als er aushalten konnte.«

Ruggiero aber schüttelte den Kopf:

»Das war es nicht, Placido, ich sage es dir ja immer, es war der stille Tornado ... Ihr müßt nämlich wissen, daß es in Brasilien, und zwar im Sommer, ein bestimmtes Wetter gibt, das so heißt. Es ist eine Art von gräßlichem Scirocco, bei dem kein Wind weht. Die Luft bewegt sich nicht, und man kann kaum atmen. Die Statistik hat festgestellt, daß achtzig Prozent aller Selbstmorde in Brasilien an solchen Tagen verübt werden.«

»Verzeiht, ich muß in die Küche.«

Annunziata ging steif hinaus. Campbell mußte sich beherrschen, um ihr nicht zu folgen. Alle sahen ihr nach. Don Domenico zuckte, durch diesen Zwischenfall gestört, zusammen, wandte aber seine Augen von Placido nicht ab und zwang ihn so, weiterzureden:

»Vielleicht war es der stille Tornado. Vielleicht war es die Beschäftigung mit Schlangen. Auf Lauro haben Tiere immer faszinierend gewirkt. Vor Butantan war er in einer Vogelfedermanufaktur. Da er ja täglich der Giftentnahme beiwohnte, ist es möglich, daß er gebissen wurde, ohne es zu merken.«

Ruggiero widersprach heftig:

»Ausgeschlossen, Placido! Der Biß einer Cascavelschlange ...«

»Doktor Pereira hält es nicht für ausgeschlossen. Warum ist er so weit ins Land gewandert? Pereira meint, das hänge mit dem Gift zusammen, das sehr schnell Veränderungen im Gehirn bewirkt. Doch wer kann das entscheiden? Er hat die Lockung des Todes immer in der Nähe gehabt.«

Der Vater brachte jetzt eine stockende Frage hervor:

»Und hat er sehr ... gelitten?«

Placido mußte einen Augenblick verstreichen lassen, ehe er die leise Auskunft gab:

»Als man Lauro nach Hause brachte, war er schon blind und gelähmt. Ich hoffe fest, daß er auch nicht mehr bei Bewußtsein war.«

Iride schrie auf. Ihr Gesicht war papiergelb wie in der schlimmsten Zeit. Grazia preßte ihre Fäuste gegen den Mund, konnte aber ein wildes Aufschluchzen nicht unterdrücken. Ruggiero weinte mit kindhaft schnappenden Lauten. Papa saß starr. Placido aber, der die Augen geschlossen hielt, versuchte, tröstlichere Vorstellungen zu erwecken:

»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie man Lauro geliebt hat. Er hatte schon viele Freunde. Beim Begräbnis waren hundert Menschen und mehr zugegen. Alle fassungslos. Besonders Doktor Pereira ...«

Der Vater schloß und öffnete mehrmals seine Hand, als wünsche er etwas Bestimmtes zu greifen: »Und habt ihr ein Bild, ich meine eine Photographie ... von ihm?«

Placido konnte diese Frage glücklicherweise bejahen. Doktor Pereira hatte von Lauro auf dem Totenbett eine Photographie aufgenommen. Ruggiero stürzte sofort zum Gepäck, um sie hervorzugraben. Das wunderbar schöne Totengesicht des Jünglings ging erbebend von Hand zu Hand. Don Domenico hatte es so eingerichtet, daß an ihn die Reihe zuletzt kam. Er vermochte es aber nicht, einen Blick auf den verlorenen Sohn, der nicht mehr heimfinden wird, zu werfen, sondern stand auf und verließ die Sala da pranzo. Eine endlos lange Stille flutete ihm nach. Ruggiero, der mit seinen verweinten Augen wieder dem alten Orso glich, wagte es als erster, diese Stille zu unterbrechen:

»Ich finde, Papa ist nicht mehr derselbe.«

Placido aber strafte ihn mit folgendem schwärmerischem Widerspruch:

»Und ich finde, daß Papa erst jetzt wirklich der ist, der er immer war.«

 

Noch am selben Tage stellte es sich heraus, daß Ruggiero nicht ohne Ursache zum brasilianischen Dandy geworden war. Man kann sogar behaupten, daß weder die schmiegsamen Wildlederschuhe, noch die glänzend polierte Haartracht, ja nicht einmal die prächtige Zigarettendose die hoffnungsvolle Lage übertrieben zum Ausdruck brachten, in der sich der junge Mann befand. Es wäre freilich eine allzu märchenhafte Verklärung, wollte man ihn einen Nabob-Kandidaten nennen. Zu solch goldener Vorhersage berechtigte nichts in Attilio Salvafedes Brief, den Ruggiero mitbekommen hatte, um ihn seinem Vater zu überbringen. So feierlich und schwungvoll der alte Fazendeiro auch den allgemeinen Teil seines Briefes hielt, über die praktischen Fragen äußerte er sich weit wortkarger und unbestimmter. Doch auch noch das Unbestimmte verhieß mehr des Glückes, als ein nüchterner Sinn von der Wahrscheinlichkeit des Lebens erwartet hätte. Attilio Salvafede begrüßte eingangs Signor Pascarella als engeren Landsmann. Wenn er auch nicht die Ehre habe, Voll-Neapolitaner zu sein, so sei er doch in der Umgebung geboren, in dem Dorfe Volturara, das am Hange der Monti Picentini liegt. Für wichtiger als diesen Umstand halte er aber die Artverwandtschaft, die ihn nach allem, was er gehört habe, mit dem hochgeehrten Don Domenico verbinde: »Wir gehören beide zu den Aussterbenden.« Im Verlauf des Briefes gestand er aber, daß es zwischen ihm und Herrn Pascarella leider einen gewaltigen Unterschied gebe. Er habe vor zwanzig Jahren, als sein geschäftlicher Glücksstern aufzugehen begann, seine Frau und zwei Knaben verloren, die ganze Familie, während Don Domenico trotz seinem schweren Verlust noch immer fünf hoffnungsvolle Kinder behalte. Vom Thema der Kinderlosigkeit aber schwenkte Salvafede rasch ab und verbreitete sich in geschwätzigem Tugendton und mit eckiger Volksschülerschrift über die Größe der Fazenda, über seine noch umfangreicheren Sorgen, über seinen Wunsch, daheim in Volturara zu sterben, und über die Angst, sein Werk werde dereinst in die Hände irgendeiner Aktiengesellschaft fallen, deren Direktoren eine Kaffeekirsche von einer Tollkirsche nicht unterscheiden könnten. Nach diesem langen Umweg erst gelangte der Fazendeiro zum Hauptgegenstand:

»Ich teile Ihnen mit, daß die Bekanntschaft mit Ihrem jungen Sohn Ruggiero mir angenehm geworden ist. Seine Fähigkeiten sind entsprechend, sein Tätigkeitsdrang erfreulich. Auch konvenieren mir die respektvollen Manieren, die er Ihnen verdankt ...«

Und nun forderte Salvafede rund heraus, Don Domenico möge Ruggiero unverzüglich wieder nach Brasilien zurücksenden. Als Gegenleistung bot er dem jungen Mann einen Vertrag, den er mit ihm für sieben Jahre zu schließen beabsichtige, wobei eine alljährliche Gehaltserhöhung und andre Vergünstigungen noch festgesetzt werden sollten. Eine Summe war nicht genannt. Es könne sich aber (dies war der unbestimmte Satz) mit den Jahren ein Arrangement ergeben, das alle Teile zufriedenstellen werde.

Das Ansehen, das der Brief Salvafedes dem kleinen Ruggiero in der Familie gewann, war ohnegleichen. Gerade das Unausgesprochene seines Glückes verlieh ihm geheimnisvollen Glanz. Für die optimistischen Geschwister Pascarella war es ausgemacht, daß ihm das Erbe des Fazendeiro, ein Reichtum ohne Maßen, in Kürze zufallen müsse. Von der glitzernden Fügung bezaubert, vergaß man, daß in dem Brief zu solchen Träumen kein Anlaß gegeben war, und dachte weder an Testamente noch an Neffen, Nichten und andre Erben. Der ehemals so struppige Handelsschüler und Fußballspieler, der an diesem Orte manche Ohrfeige eingeheimst hatte, war in scheue Distanz gerückt wie ein Prinz. Unfaßbarer Gedanke, noch kein Jahr war vergangen, um aus dem farbigen, von Giuseppes Späheraugen verfolgten Orso einen vollendeten Brasilianer und angehenden Kaffee-Krösus zu machen! O Gedanke, noch weit unfaßbarer, kein Jahr war vergangen, und Lauros zärtliche Gestalt saß nicht mehr unter den Geschwistern, sondern verweste im Camposanto von São Paulo!

Papa hatte gehofft, nunmehr die Kinder wieder für alle Zeit um sich versammelt zu haben. Durfte er aber solch einer glückstrunkenen Entwicklung der Dinge im Wege stehn, er, ein alter Mann, der den Seinen selbst nicht forthelfen konnte? Es wurde also beschlossen, daß Ruggiero am letzten Märztage wieder nach Brasilien zurückkehren solle. Damit aber war noch nicht alles erschöpft. Der Jüngste, dem sein Lebenserfolg nicht nur Sicherheit schenkte, sondern auch einen Mut, vor dem die Sala da pranzo erschauerte, verlangte von Papa, daß er ihm Iride auf die Reise mitgebe. Er begründete diesen seinen Wunsch vortrefflich. Nichts heilkräftiger für einen geschwächten Körper als eine lange Seefahrt auf einem guten Schiff! Der Winter, in einem paradiesischen Klima genossen anstatt in europäischem Wind und Regen, die Ruhe auf schattigen Terrassen, die Pflege in einem luxuriösen Haus, dies alles werde Wunder wirken. Don Domenico wehrte sich zwei Tage lang, fand Einwand um Einwand und rief schließlich Doktor Platania zu Hilfe. Dieser, vom wohltätigen Einfluß einer Seereise auf Rekonvaleszenten überzeugt, war aufrichtig genug, die Partei Ruggieros zu nehmen. Iride bekam vom Weinen entzündete Augen und klagte wieder über verdächtige Kopfschmerzen. Daraufhin sah sich Papa zu einem Kompromiß genötigt. Die Kleine sollte den April, Mai und Juni beim Bruder verbringen, dann aber ohne Widerspruch und Ausrede heimkehren. Dabei blieb es. Dieses Ja des überwundenen Vaters bedeutete genug des Wunders für ein Pascarellakind, um Iride in einen unaufhörlichen Rausch zu stürzen. Sie rührte sich nicht mehr von Ruggieros Seite. Am liebsten saß sie in seiner Kammer, jedoch so, daß sie dem verwaisten Bette Lauros den Rücken wandte, und stellte bunte fliegende Fragen, die einander überholten, ehe sie beantwortet wurden:

»Aber du wirst mich auch zur Roça mitnehmen, Orso, in den Urwald, nicht wahr?«

Er warf ihr einen hochmütig bedenklichen Blick zu:

»Ausgeschlossen, mein Kind! Bei uns arbeiten die Frauen nicht.«

»Wie? Die Negerinnen und die Mestizinnen arbeiten nicht?! Geh, du! Wer kocht denn, wer wäscht denn, wer näht denn?«

Ruggiero, der sich restlos zu den Sitten Brasiliens bekannte, unterwies seine Schwester unduldsam:

»Eine junge Dame, die etwas auf sich hält, kann bei uns unmöglich an einer Arbeit teilnehmen. Selbst die Frauen der besseren Kolonisten arbeiten niemals.«

Iride blinzelte, von solchen Moralgesetzen verwirrt:

»Wie verbringen denn die ihren Tag?«

»Sie sitzen mit ihren Sonnenschirmen vor der Haustür. Und selbst die Gewöhnlichste ist glänzend angezogen.«

Irides brennende Augen erschraken:

»Santa Madonna! Da muß ja auch ich gut angezogen sein, Orso!«

Für Ruggieros großzügige Lebensauffassung war das ein unbedeutendes Problem. Mit erfahrener Leutseligkeit stellte er blendende Lösungen in Aussicht:

»Wir werden dich in Rio ausstatten. Da ist Paris nichts dagegen. São Paulo hat zwar auch ganz gute Geschäfte. Aber wir werden mit unserem Wagen von dort nach Rio fahren. Signor Salvafede hat mich schon einmal mitgenommen.«

»Unser Wagen?«

»In Signor Salvafedes Garage in São Paulo stehen drei Autos, und was für Autos!«

Iride lehnte sich zurück und schloß die Lider, als habe sie Angst, von einer ganz anders gearteten Wirklichkeit vorzeitig erwischt zu werden:

»Und was tun wir dann noch außerdem in Rio?«

Ruggiero stand auf und schlenderte durchs Zimmer, die Hände in seiner braunen Flanellhose vergraben. (Attilio Salvafede legte das höchste Gewicht auf die tadellose Kleidung seines Stabes.) Dann trat der jüngste Bruder hinter die jüngste Schwester und beugte sich über ihr gewaltiges Haar, dessen kindheitsvertrauten Geruch er einsog:

»Wir wohnen im Hotel Copacabana. Wir spielen ein bißchen Roulette. Wir tanzen. Wir trinken Cocktails. Wir essen Langusten ... O Iride, Iride, du hast ja keine Ahnung vom Leben!!«

 

Arthur Campbell besaß die Kraft, gefährliche Wallungen der Eifersucht zu unterdrücken, denn drei Tage lang war Grazia für ihn völlig verloren. Diese drei Tage gehörte sie Placido an und nicht ihm. Zwischen Bruder und Schwester ging ein heimliches und heißes Gespräch hin und her, das nur durch wenige Nachtstunden unterbrochen wurde. Arthur war gänzlich ausgeschlossen, ja er hatte nicht die geringste Vorstellung von dem Inhalt dieses passionierten Geflüsters. Ihm war schwer zumute. Doch immer wieder sagte er sich:

Placido ist ein außerordentlicher Mensch und Grazia hängt mit allen Fasern ihrer Seele an ihm. Ich muß lernen, Placido zu lieben und zu verstehen, wovon das letztere vielleicht schwieriger sein wird. Er ist das wesenhafteste Opfer, das meine Liebe zu Grazia fordert. Aber was will ich denn? Gott hat mich hoch überzahlt.

Die unfreiwilligen Urlaubstage benutzte er in doppelter Weise. Erstens gelang es ihm, Domenico Pascarella scheinbar davon zu überzeugen, daß seine Idee, ein Reisebüro zu gründen, glücklich und vielversprechend sei. Diejenigen, welche die Stadt Neapel nur flüchtig oder überhaupt nicht kennen, müssen sich vor Augen halten, daß es damals auf der ganzen Piazza del Municipio, im Mittelpunkt des Treibens also, neben dem Hotel de Londres und gegenüber dem Castello Nuovo kein Unternehmen gab, das dem Fremdendienst gewidmet war. Thomas Cook & Son befand und befindet sich noch immer in der kleinen Galleria Vittoria, im stillen westlichen Teil der Stadt. Campbell baute seinen Plan auf drei richtigen Voraussetzungen auf: der Mangel eines solchen Büros und somit das Bedürfnis danach zuvörderst. Der langjährige Bestand der Firma Pascarella auf jenem großen Platz, der nach einer Informationsstelle für das reisende Publikum geradezu schrie. Dies die zweite Überlegung. Und wie leicht ließ sich die Umwandlung durchführen! Sogar die Tafel »Cambio Valute« konnte unbeschadet der Neuordnung ruhig hängen bleiben. Der dritte erfolgverheißende Umstand aber lag in seiner, Campbells, eigener Person. Es sei in ihm ein echter Brite auf dem Posten, dem man Repräsentation nicht absprechen könne, und der gewiß die hellen Scharen italienfahrender Landsleute anziehen werde, wenn er die Konkurrenz von Cook und Genossen durch kleinere Preise und größere Liebenswürdigkeit zu schlagen verstehe. Der Plan müsse nicht mit einem Schlag ins Werk gesetzt werden, sondern nach und nach, ganz wie es der Wille Don Domenicos vorschreibe, am besten gleichzeitig mit dem langsamen Abbau des Bankgeschäftes.

Es dürfte nicht schwer zu erraten sein, daß Domenico Pascarella über diese Zumutungen anfangs höchst entsetzt war. Sein Konservativismus witterte hinter dem Wort »Reisebüro« einen zweifelhaften Begriff, vielleicht noch ehrenrühriger als jener »Geldwechsel«, womit er den ersten Schritt vom Wege getan. Doch die Ehre war es nicht, die ihn jetzt bedrängte. Mit ihr hatte er abgeschlossen. Zwar unschuldig ins Gefängnis gekommen, war er doch gesessen. Trotz allen Sympathiebeweisen, die er empfangen, trotz dem Rehabilitierungsbrief, den der Präfekt handschriftlich an ihn gerichtet hatte, es half nichts, in seinen eigenen Augen blieb er bemakelt und erniedrigt bis zum Tode. Bei seinen Spaziergängen vermied er jetzt laute Orte und Zeiten und schlich mit aufgestelltem Rockkragen auf Umwegen in die Azienda. Sein Widerstand gegen das Reisebüro aber lag tiefer. Er hatte jahrzehntelang sein Geschäft in bodenständig strengen Grenzen geführt. Nun aber sollte er gezwungen werden, die letzte Mauer selbst einzureißen und Tür und Tor der feindlichen Welt zu öffnen, damit sie endlich über ihn, den Besiegten, den letzten Triumph davontrage. Wo sonst die altertümlichen Gestalten ehrenwerter Provinzler den Hut in der Hand gedreht hatten, würden nun die frechen Eindringlinge der Fremde den Hut auf dem Kopf behalten, elegante Damen würden die Luft mit ihren lasterhaften Wohlgerüchen schwängern, nur mehr englische Laute würden im Straßenladen erklingen und für ihn stände kein Winkel zur Flucht offen. Er müßte Stunde für Stunde der Zeuge seiner Niederlage sein. Was aber ließ sich dagegen tun? Nichts! Nicht ihm gehörte mehr sein Eigen, sondern Arthur Campbell. Dennoch brauchte dieser so manchen Tag, um Don Domenico gefügiger zu machen. Was aber noch vor drei Monaten jenseits aller Vorstellbarkeit gewesen wäre, jetzt glückte es in verhältnismäßig kurzer Frist. Pascarella wurde des Kampfes müde und erklärte, er sehe die Vorteile eines Reisebüros ein. Er werde die Liquidation so schnell wie möglich durchführen und nach deren Beendigung die Azienda mit Sack und Pack dem neuen Herrn übergeben. Bedingung sei, daß dieses Reisebüro auf dem Firmenschild einen einzigen Namen trage: »Arthur Campbell«. Dem widersprach nun der Engländer auf das entschiedenste. Er könne, um das Geschäft wirksam einzuführen, unmöglich auf den klangvollen Namen Domenico Pascarella verzichten. Der seinige sei weit weniger wichtig. Darauf ereiferte sich Don Domenico: Im Gegenteil, einzig und allein der englische Name auf der Tafel gewährleiste diesem mehr als übermütigen Einfall einen leisen Hoffnungsschimmer. Und dann, der Name Pascarella sei durchaus nicht mehr in der Lage, ein neues Unternehmen zu fördern. Der Kampf bezüglich dieses Punktes wogte am hitzigsten hin und her. Da sich aber Don Domenico mit seiner ganzen Macht schon längst auf dem Rückzug befand, durfte er auch hier nicht siegreich bleiben. Ein Argument Arthurs war schlagend genug, um die Entscheidung zu bringen:

»Sie haben doch fünf Kinder. Zwei unversorgte Mädchen und einen Sohn, der zu etwas Besserem geboren ist als zum Angestellten. Wollen Sie denn die Zukunft dieser Kinder nicht sichern? Nein, nein! Die Firma muß uns allen in wohlerwogenen Anteilen gehören. Wir werden miteinander einen regelrechten Vertrag schließen.«

Und so geschah es. Die Azienda wurde noch während des laufenden Jahres umgetauft in: »Pascarella & Campbell«.

In einer schlaflosen Nacht durchzuckte Arthur die brennende Frage, ob es nicht viel klüger gewesen wäre, Grazia zu packen und aus dem Bannkreis ihrer Familie zu entführen, solange es Zeit war. Diese Frage hatte gewiß ihre tiefe Berechtigung. Doch er war ja selbst schon allzusehr in das Pascarellaschicksal einbezogen, als daß solche schreckhafte Erkenntnisse mehr hätten sein dürfen als flüchtige Anwandlungen.

Den anderen Teil dieser Tage, die Grazia im Gespräch mit Placido verbrachte, widmete Arthur Campbell seiner Schwägerin Annunziata. Er holte sie zu langen Autofahrten in die Umgebung ab und staunte darüber, daß diese Neapolitanerin weder Pompeji noch Sorrent oder Amalfi kannte und auch niemals den Krater des Vesuvs bestiegen hatte. (Das alte Gesetz Don Domenicos hielt Ausflüge und müßige Landschaftsbesichtigungen von jungen Mädchen nicht nur für überflüssig, sondern auch für unstatthaft. Der Lebensstil herumlungernder Ausländer durfte von einem züchtigen Geschlecht nicht angenommen werden. Zwei oder drei noch zu Lebzeiten Mamas unternommene Barkenfahrten der Familie bildeten nur Ausnahmen, die jene Regel bestätigten. Hierin und in einer gewissen Teilnahmslosigkeit des Neapolitaners für die Wunder seiner Naturumgebung lag die Ursache der mangelhaften Heimatskenntnis der Kinder Pascarella.) In Annunziata begann sich eine kärgliche und verwunderte Lebensfreude zu regen, die dadurch nur noch rührender wirkte. Arthur überschüttete seine Schwägerin mit Aufmerksamkeiten, die sie mit ungläubigen Augen entgegennahm. Es war so, als begieße jemand eine schon verschmachtete und ausgedorrte Pflanze. Eines Mittags fuhren sie mit der Circumvesuviana – eine Schöpfung von Cook & Son, wie Campbell neidisch feststellte – und von Pugliano mit der angeschlossenen Drahtseilbahn auf den Vesuv. Sie umwanderten ein Stück des wüsten Kraterrandes, von mahnenden Führern verfolgt, während ihre Füße im Aschensand versanken und ungeheure Windsbräute sich ihnen entgegenwarfen wie Garden einer Gottheit, der man nicht nahen soll. Durch eine aufgerissene Scharte offenbarte sich ihnen das gewaltige Leben des Zentralkegels, unbeschreibliche Atemstöße des inneren Erdsterns, feurig, alles erschütternd und doch auch geisterhaft leicht in der emporwirbelnden Wolke. Als sie, den Gottesdonner noch im Ohr, zu der Kopfstation niederstiegen, kam Arthur auf Annunziatas Fluchtgedanken zu reden. Er wußte selbst nicht wie. Vielleicht zwang ihn das Erlebnis der pulsenden Planetenwunde dort oben von Dingen zu sprechen, die jenseits der menschlichen Kleinwelt lagen. Er sprach vom Kloster. Als puritanischer Nordländer verband er mit diesem Wort die Vorstellung von Katakomben, Särgen, Geißelungen, modernden Gerippen und mystischen Elevationen. Annunziata blickte von ihm weg auf die öde Halde unter ihren Füßen:

»Du mußt erst gar nicht darüber reden, Arturo. Ich bleibe schon in der Via Concordia. Grazia geht fort. Ruggiero und Iride gehn fort. Und Gott weiß, was mit Placido geschehn wird. Ich bleibe schon zu Hause. Keine Angst, Arturo! Wer soll denn sonst auf Papa aufpassen?«

Er half ihr mit umsichtiger Galanterie in den Waggon und erkämpfte zwei Fensterplätze, einander gegenüber. Doch nachher knüpfte er das unterbrochene Gespräch wieder an:

»Du hast mich mißverstanden, Zia. Ich meine das Gegenteil. Du sollst tun, was du für richtig erkannt hast, du sollst kein Opfer bringen, nicht um der Familie willen resignieren ...«

Sie zog sich eng zusammen vor Scham:

»Das ganze Unglück ist, daß man liebt oder zu lieben glaubt.«

Er suchte ihre Augen und wiederholte bewegt, ohne zu bemerken, daß er englisch sprach:

»Wie bist du gut, wie bist du gut ...!«

Sie verstand dennoch. Mit einem trotzigen Ruck wandte sie ihm ihr Profil zu:

»Ich hasse dieses Getue, diese Güte, diese Schwäche. Vor Gott ist nur Härte etwas wert. Ich bin nicht hart genug, um vor Gott gut zu sein. Und deshalb bleibe ich zu Hause und werde Papa pflegen.«

Er sah ihr künftiges Leben vor sich. In dem vereinsamten Hause ausgeliefert den Launen eines herrischen Alten, der nicht sterben wollte. In der Küche, oder mit einer Arbeit am Fenster sitzend, tagaus, tagein. Keine Freude mehr. Vielleicht war dieser kleine Ausflug der letzte in ihrem Leben. Da glaubte er zu erkennen, daß ihr Verzicht auf die Heiligkeit eine heiligmäßigere Tatsache sei, als diese Heiligkeit selbst. Sie selbst aber empfand diesen Verzicht und ihre Zukunft als eine Niederlage ohne Heil. Er neigte sich weit zu ihr vor, damit sie ihn trotz dem Wagengeratter gut höre:

»Du weißt nicht, wer du bist, Zia. Aber ich weiß, was du tust. Verzeih, daß ich das sage ...«

Die Fahrt schoß einen Trichter hinab, dessen oberen Rand ihnen gegenüber das blasse hochgebaute Meer bildete, während in der Tiefe dieses Trichters schon Dämmerung und Grauen lag. Man hatte wirklich das Gefühl, die öden Lavawände entlang in den Hades hinabzusausen. Die Sonne war bereits untergegangen. Annunziata preßte ihr Gesicht an das Fenster:

»Läg ich nur dort unten!«

Arthur wagte kein Wort mehr. Eine leidensstarre und zeitlose Maske legte sich über die noch jugendlichen Mädchenzüge:

»Alle haben sie Lauro schon vergessen ..., alle ...«

 

Das tagelange Gespräch zwischen ihnen verebbte langsam. Placido hatte von seinem Leben in Rio de Janeiro berichtet, indem er Stunde für Stunde aus der Vergessenheit zog, von jedem kleinen Erlebnis erzählte, die Folter seines Berufes nicht verschwieg und den Stand seines Denkens und Dichtens zu offenbaren versuchte. Und auch Grazia hatte alles gebeichtet, was ihr bewußt war, den Beginn ihrer Liebe zu Arthur Campbell, die Leiden der Entbehrungszeit, die Stunden bei Miß Friggs, die Flaschenpost, den Selbstmordplan, den Irrweg durch die Stadt, das wunderbare Wiedersehn auf der Hotelterrasse und selbst den beklemmenden Traum vom Mostro, in dem der Bruder doch eine gespenstisch böse Rolle spielte. Die Wahrheit aber nützte beiden wenig, denn auch sie vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, daß der alte Zweiklang Grazia-Placido nicht wiederherzustellen war. Sie konnten gleichsam ihre Instrumente, das heißt sich selbst, nicht mehr ganz rein aufeinander abstimmen. Ein fremder Nebenton schwang mit, wie es nicht anders zu erwarten war: Arthur, dem Grazia nun angehörte. Sie erkannte jetzt in einem jähen Wetterleuchten, daß jener Traum vom Mostro nicht ein willkürliches Scheingebilde gewesen, sondern in prophetischer Logik, wenn auch schaurig verzerrt, ihr neues Verhältnis zu Placido vorausbestimmt hatte. Sie mußte um des Geliebten willen den Bruder verlassen. Placido war nun der ganz und gar Vereinsamte, dem sich der letzte Ausweg ins Leben verschloß und der nun, so fürchtete sie, seiner inneren Dämonenwelt hilflos verfallen würde. Ach, es ist eine unlösbare Aufgabe, den Liebesschauder beschreiben zu wollen, der Grazia jetzt beim Anblick ihres Bruders Placido erfaßte. Halb fünf war es und der Tag entfärbte sich schon. Er stand dicht am Fenster seines Zimmerchens, das auf den trostlosen Hof hinaussah, und sie lehnte mit verschränkten Armen am Schreibtisch. Placido zeigte sein konzentriertes Lächeln, das ihm das Aussehn eines Gulliver gab, der aus purer Höflichkeit den Mahnungen und Ratschlägen irgendwelcher unsichtbarer Liliputaner lauscht. Seine fast zusammengewachsenen Brauen bildeten einen dicken Denkstrich. Darüber leuchtete die nicht sehr hohe Stirne. Die lange und gebrechliche Gestalt schien sich ihrer selbst sonderbar zu schämen. Es ist sein altes liebes Gesicht, sagte sich Grazias Seele ängstlich wohl zum hundertsten Male vor. Doch schon beim nächsten Einfall, der zudringlich über sie kam, schrak sie zusammen: Der alte liebe »Mostro«.

Placido zog seinen Blick von der Betrachtung des öden Haushofes zurück:

»Weißt du, Grazia, in Rio habe ich mir täglich gesagt, ich bin in der Verbannung und werde in die Heimat zurückkehren. Und jetzt scheint es mir sehr wunderlich, daß ich aus der Verbannung in die Verbannung heimgekehrt bin.«

»Was heißt das, Placido, mein Gott?«

»Sei nicht böse, Graja, es hat gar nichts mit dir zu tun, nur mit mir selbst. Ich bin mir zu schnell vorausgelaufen. Es gibt für mich keine Befriedigungen mehr und keine Lösungen.«

»Es gibt sie! Und ich werde dafür sorgen, solange ich lebe.«

»Du verstehst mich nicht mehr genau, Graja. Ich selbst kann mich nicht zufrieden geben. Das ist ein Lebenszustand. Mancher erreicht ihn denkgemäß, mancher ohne zu denken. Dir sage ich, was ich den anderen nicht sagen konnte. Ich bin fest überzeugt, daß Lauro nur an diesem Zustand gestorben ist. Er konnte sich nicht mehr zufrieden geben mit einem halben Leben und einem leeren Horizont.«

Grazia mißverstand ihn noch immer. Was im tiefsten ein Vollkommenheitsbekenntnis war, hielt sie für ein Geständnis der Schwäche. Erbittert wies sie auf ein großes Beispiel hin:

»Hättest du nur erlebt, mit welcher Kraft Papa die Schrecken des Novembers ertragen hat, dann ...«

Er ließ sie gar nicht ausreden:

»Ich bin ein Nichts gegen Papa. Er ist ... man kann das gar nicht ausdrücken ... er hat etwas Radioaktives in sich, eine unzerstörbare Substanz, die uns Kindern fehlt. Darum strahlt er und muß nicht bewußt sein. Fühlst du eigentlich, daß er jetzt in seinem Niedergang mehr strahlt als je? Niedergang, ein gemeines Wort! Er entfernt sich nur. Die Kleinigkeiten interessieren ihn nicht mehr. Ich habe durch Papa sehr viel Unangenehmes erfahren. Aber ich stehe ganz auf seiner Seite, da er das Billige, Kompromißlerische nicht zulassen wollte. Drüben ist mir das immer klarer geworden. Halte mich für närrisch, aber der Gedanke an ihn gibt mir die Kraft, mich nicht mit mir zufrieden zu geben und doch zu leben! Nachahmen kann ich ihn nicht. Mein Weg ist schwerer. Bewußtsein! Ich muß alles Zerstörbare in mir zerstören ... Übrigens, Graja, hast du wirklich meine ganze Schublade da abgeschrieben?«

»O Placido, manches zwei- und dreimal. Siehst du, das waren die Stunden, die mich am Leben erhalten haben.«

»Dann wirst du dich vielleicht auch an die alberne Geschichte von der griechischen Straße erinnern ...«

»Ja, natürlich! Lauter Restaurants und Herbergen, in die man einkehrt, anstatt vorwärts zu kommen.«

»Also jetzt verstehst du mich gut. Ich bin, glaube ich, auf dieser Straße.«

»Und du wirst vorwärts kommen auf ihr, mein Placido, du mußt es!«

Sie ballte ihre Fäuste, als wollte sie ihn mit ihrer Muskelkraft zum Ziele drängen:

»Nichts darf dich mehr ablenken und hindern. Kein Lebensberuf, keine Sorge. Das muß alles besprochen werden. Ach, du kennst Arturo noch zu wenig. Arturo ist ein Held. Er hat Papa aus dem Gefängnis geholt. Für ihn gibt es nichts Unmögliches. Er wird dir alle Widerstände aus dem Weg räumen, damit du dich nur mehr deinem Werke widmen kannst.«

Placido lachte hinterhältig:

»Ich glaube, du willst Arturo anstiften, mich von der Straße in ein komfortables Restaurant zu locken.«

Sie hörte ungerechterweise aus diesem Satz einen Zweifel an ihrem Geliebten: »Oh, du kennst Arturo nicht. Er hat alles, was dir fehlt, so wie du alles hast, was ihm fehlt. Und doch seid ihr euch unendlich ähnlich, ich schwör dirs, lieber Bruder!«

Bei dieser Wendung des Gesprächs klopfte es, und der ausgehungerte Arthur Campbell erschien aufs Stichwort. Er hatte übrigens schon länger als eine Stunde im Salotto gewartet, ohne sich in Placidos Zimmer zu wagen:

»Verzeiht! Ich wollte euch nicht stören. Aber es ist eine wichtige Sache. Bitte, du darfst mir nicht böse sein, Placido ...«

Grazias Bruder rückte ihm einen Stuhl zurecht:

»Ich werde dir niemals böse sein, Arturo.«

Campbell stellte den Stuhl wieder behutsam zurück. Es war dies ein Zeichen des Respektes, den der Fünfundvierzigjährige dem Einundzwanzigjährigen gegenüber nicht überwand. Dann gestand er stockend und voll Schuldbewußtsein:

»Ich habe nämlich ... es war sehr unverschämt von mir ... deine Gedichte und Skizzen dem Aldo Bugetti zu lesen gegeben. Grazia weiß davon. Bugetti soll ein großer literarischer Mann hier sein. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Er ist mein Freund. Vor zwei Stunden habe ich diese Karte von ihm bekommen.«

Und Arthur hudelte mit seinem gaumigen und nasalen Akzent den Text der Karte herunter, als sei er wegen der vordringlich ausgeübten Protektion und seiner Einmischung in die inneren Verhältnisse der italienischen Literatur für eine deutlichere Vorleseart viel zu verlegen:

»Ich schreibe Ihnen, lieber Campbell, heute in höchster Eile. Die Sachen des jungen Placido Pascarella haben mich lebhaft interessiert. Dieser ungewöhnliche Mensch ist nicht nur eine starke Begabung, sondern, was seltener vorkommt, eine eigentümliche Persönlichkeit, die unbedingt gefördert werden muß. Verschaffen Sie mir umgehend die Zustimmung des Autors, und ich will die Gedichte und philosophischen Aufzeichnungen zuerst in meiner Zeitschrift und später in Buchform veröffentlichen. Sie werden ohne Zweifel Aufsehen erregen. Denn dieser skrupulöse, ich möchte fast sagen nordische Ton in Verbindung mit südlicher Formenstrenge (die Gedichte) ist bei uns neu.«

Placido war, soweit man das noch in der Dämmerung unterscheiden konnte, dunkelrot geworden. Arthur Campbell legte die Karte auf den Schreibtisch, als wäre damit sein peinliches Botenamt erledigt:

»Darf ich Bugetti deine Zustimmung mitteilen?«

Es dauerte lange, ehe Placido ein Wort hervorbrachte:

»Bitte, wartet hier zehn Minuten. Ich will ein bißchen allein sein. Draußen auf der Straße in der frischen Luft werde ich mir die Sache schnell überlegen.«

Als Placido das Zimmer verlassen hatte, legte Grazia ihre Hände auf die Schultern des Geliebten:

»Weißt du, was das Großartigste an dir ist, Arturo?«

»Du wirst mich nicht eitel machen, Grazia. An mir ist leider gar nichts Großartiges.«

Ihre tiefe Stimme aber ließ sich nicht beirren:

»Das Großartigste an dir ist, daß du immer im richtigen Augenblick kommst.«

Er konnte sich einer schwermütigen Anspielung auf seine dreitägige Fastenzeit nicht enthalten:

»Ich habe ja auch lange genug auf diesen Augenblick warten müssen, Grace.«

Ihre Finger tasteten sich höher, bis sie sein blondgraues Haar berührten:

»Das war wahnsinnig anständig von dir, Arturo. Aber jetzt weiß ich, daß ich an dir alles, alles besitze. Placido? Wir haben in diesen Tagen gesprochen, was nur zu sprechen war. Er hat mich müde gemacht. Du machst mich nie müde. Ich weiß, daß ich jetzt eine niederträchtige Verräterin bin. Es ist schrecklich, aber ich glaube, ich brauche ihn nicht mehr. Jetzt brauche ich nur dich!«

Sie umfingen einander. Es war ein Kuß, wie sie ihn noch nie geküßt hatten. Die Einheit, an der keine andere Anziehung mehr zerrte. Von der Macht dieser Umarmung betäubt, konnten sie sich auch dann voneinander nicht lösen, als sie Placidos Gegenwart schon fühlten. Es währte eine ganze Weile, ehe Grazia sich leise von Campbell entfernte. Placido, der die Silhouette der Umarmung gegen das schwach erschimmernde Fenster gesehen hatte, hielt die Türklinke lange in der Hand, ehe er sie losließ. Seine Stimme kam hell und klar durch die Finsternis:

»Jetzt darfst du mir nicht böse sein, Arturo!«

»Wieso denn böse? Ich bitte dich ...«

»Es war sehr reizend von dir, daß du das für mich getan hast. Aber ich habe mich entschlossen, den Antrag Bugettis nicht anzunehmen. Der Grund ist sehr einfach. Ich glaube, er irrt sich. Meine Sachen sind zum Teil dilettantisch, zum Teil abscheulich. Ich weiß es. Das ist kein übertriebenes, undeutliches Gefühl, sondern ein zweifelloses Wissen. Wenn ich sie drucken ließe, wäre es eine niedrige Lüge vor mir selbst. Vielleicht später, wenn mir einmal etwas Wirkliches gelingen sollte ...«

Sowohl Grazia als auch Arthur suchten nach Worten, um Placido zu beschwören, daß er sein Glück nicht mit Füßen trete. Dieser aber ließ es erst gar nicht zu einer Diskussion kommen:

»Ich habe vorläufig eine andere Bitte an dich, Arturo. Es wäre mir sehr lieb, wenn ich in dem neuen Reisebüro eine Stellung haben könnte, bei der mir der Nachmittag für eigene Arbeiten frei bleibt. Glaubst du, daß so etwas möglich sein wird?«

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