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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 17
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Sechzehntes Kapitel
Der neue Bund

In der Azienda angelangt, machte sich Don Domenico sogleich an die Ausführung der entschlossenen Vorsätze, die er auf dem Wege zur Piazza del Municipio gefaßt hatte. Er war die Strecke im Schnellschritt gegangen, ohne zu bemerken, daß der Diener schon an der ersten Straßenecke abfiel und zurückblieb. Es dauerte eine halbe Stunde, ehe Giuseppe, sich an seinem Stock sonderbar vorwärtsschnellend, dem Herrn nachkam. Er grinste, sein Leiden angstvoll bagatellisierend:

»Drei Tage dauert so ein Rheumatismus, länger nicht. Ich kenne das schon, Eccellenza.«

Domenico Pascarella verfaßte ein Kabeltelegramm an seine Söhne. Es war im streng militärischen Befehlston gehalten: »Widerspruchslos mit nächstem Schiff heimkehren, Papa.« Nein, Papa war nicht gesonnen, sich von seinen Kindern völlig vernichten zu lassen. Trotz den beiden offenen Wunden, Lauro und Grazia, wollte er nicht untätig verbluten. Der scharfe Befehl an die Söhne war der Ruck, mit dem er wieder die Zügel ergriff, die ihm nach der Karnevalsnacht zum tödlichen Unsegen seiner Familie entglitten waren. Vor allem mußten die Übriggebliebenen wieder im Hause versammelt werden, als Don Domenicos Trutzmacht, so wie eine geschlagene Armee sich in befestigte Stellungen rückwärts konzentriert. Der furchtbare Verlust Lauros war durch äußerste Selbstzucht und Willensanspannung aus dem Leben zu schalten. Der Vater durfte sich in seiner Lage dem gefährlichen Schmerze nicht hingeben, ebensowenig wie der bohrenden Qual um Grazia. Dennoch erfaßte ihn jetzt, da er sich zu kalter Ruhe zwang, eine überschwengliche Begierde, die Körper seiner Kinder wieder in der Nähe zu haben, sie wohlaufgehoben in der Via Concordia zu wissen: Placido und Ruggiero, Annunziata, ach, und Iride. Und damit war die Aufzählung, aber nicht die Begierde zu Ende. Bis zur Rückkehr der Brasilianer mußte Iride wieder hergestellt sein, koste es, was es wolle. Don Domenico konnte sich eines erregenden Gesichtes nicht erwehren, das sein inneres Auge unnachgiebig umgaukelte. Sein Tisch, schön gedeckt und wohlbestellt wie früher. Und hinter ihren Stühlen erwarten ihn in respektvoller Haltung alle, alle, Annunziata und Placido, Grazia und Lauro, Ruggiero und Iride. Es war ja Wahnsinn, aber dennoch hatten die drei Todesdepeschen in ihm nicht die letzte Hoffnung auszulöschen vermocht, daß mit den beiden andern auch Lauro, durch ein Wunder erweckt, noch zurückkehren werde. Er rief seine Angestellten zu sich, den Kassier und den Praktikanten, die in ihren dürftigen Personen Buchhaltung und Parteiendienst der Bank repräsentierten. Der Praktikant bekam den Auftrag, den Drahtbefehl auf die Post zu bringen, und der Kassier sollte eine hinreichende Summe an die Brüder Pascarella durch den Credito Italiano nach Brasilien überweisen lassen. Es sei nur wenig flüssiges Geld vorhanden, meldete der Kassier. Er möge tun, was er wolle, fauchte ihn der Patron an, die Summe müsse noch heute angewiesen werden, und zwar auf kürzestem Wege, telegraphisch, er wünsche, daß seine Söhne diesmal nicht wie das Vieh reisten. Nach einer Pause machte er den beiden Angestellten in kurzen unfreundlichen Worten die Mitteilung von dem schrecklichen Schicksalsschlag, der ihn und die Familie getroffen hatte. Bestürztes Gemurmel antwortete. Er zeigte sich nicht schwach, zog sein Trauergewand straff, ließ den Beileidston ausklingen und wandte sich dem Alltag zu:

»War etwas los gestern und heute?«

Doktor Platania sei hier gewesen. Ein kurzer Schreck Irides wegen. Giuseppe bekam nun den Befehl, den Arzt in seiner Wohnung aufzusuchen und dort zu bestellen, daß Domenico ihn gegen ein Uhr im Hospital zu sprechen wünsche. Als sich die Beine des Dieners allzu munter-eigenwillig in Bewegung setzten, gab ihm der Herr ein paar Lire, damit er ein Taxi oder eine Droschke benütze. Und sonst war niemand hier? O doch! Es habe noch jemand nach Don Domenico gefragt. Avvocato Gnolli am Ende? Nein, nicht Avvocato Gnolli. Zwei fremde Herren! Was für fremde Herren? Die Nachricht fiel Domenico Pascarella sogleich auf die Nerven und erzeugte ein unbestimmtes, aber widerwärtiges Vorgefühl.

Als er in seinem Studio wieder allein war, warf sich der Fall Grazia mit scharfen Krallen über ihn, daß er aufstöhnte. Seine dicken Fäuste ballten sich krampfhaft. Durfte er hilflos lässig zuschauen, diesen unbeschreiblichen Betrug, diese stinkende Unzucht ohne Rache hingehn lassen? Nein, niemals! Das Paar mußte abgefangen und gestraft werden! Doch Grazia lebte und Lauro war tot. Was ist das, tot? Das ging doch nicht! Das durfte man ja nicht denken! Es zersprengte den Schädel, wenn man darüber nachgrübelte. Es zu verstehn, wäre sein Ende. Darum handeln, irgend etwas tun, die Hände bewegen! Er schnitt mit Genauigkeit einen halben Bogen zurecht, um nach bürgerlichem Brauchtum eine Parte zu stilisieren, die durch Post und Zeitung der Welt Kunde vom Tode seines Sohnes geben sollte. Das war seelisch und körperlich ein schwierigeres Vorhaben, als er gedacht hatte. Schon der erste Satz:

»Von tiefem Schmerze gebeugt, geben ich und meine Familie Nachricht ...« Gebeugt? Das stimmte nicht. Wer konnte sagen, daß er gebeugt sei? Er ließ sich nicht beugen. Er fühlte sich aufrecht. Trotz dieser Überzeugung aber sah er, daß seine Hände so stark zitterten, daß er kaum schreiben konnte. Und unter dem Tisch schlugen die Knie unbeherrscht gegeneinander. Der Satz blieb stehn, nur die patriarchalische Formel »Ich und meine Familie« wurde in ein schlichtes »wir« gemildert. Einen weit größeren Konflikt aber schuf das Wort »plötzlich« in folgendem Nachsatz:

»– – – daß unser innig geliebter Sohn und Bruder Pascarella Lauro in São Paulo plötzlich verschieden ist.«

Dieses »plötzlich« erschien Don Domenico als rückhaltloses Eingeständnis des Selbstmordes und damit der Schmach. Bisher lag ja um Lauros Tod noch völliges Dunkel und niemand mußte Unerwiesenes bekennen. Er wollte also das Wort »plötzlich« in »nach kurzem Leiden« umändern, als das Blatt vor seinen Augen zu brennen begann, ohne zu verbrennen. Feuerkurven und Ringe krochen durcheinander. Es konnten aber auch Schlangen sein. Er lehnte sich zurück und schloß die Lider. Kaum aber hatte er sich halbwegs wieder beruhigt, da meldete der Kassier die beiden Herren an, die auch schon ohne Aufforderung die Wendeltreppe emporstapften und eintraten. Sie trugen zwar keine Uniform, jedoch unter ihrem Zivilrock schwarze Hemden und Krawatten, die einen halboffiziös drohenden Eindruck erweckten. Der Jüngere ein breitgebauter Mann mit flacher Nase, blaurasierten Wangen, dunklen Augen und vorstoßendem Willenskinn, der Ältere ein Durchschnitts-Glatzkopf. Der jüngere Mann schien nicht nur der Wortführer zu sein, sondern eine hervorragende Stellung einzunehmen, die ihn mit um so ruhigerem Selbstbewußtsein erfüllte, je weniger sie Don Domenico zur Kenntnis nehmen wollte. Er vergaß keinen Augenblick seine beherrschte und gemessene Höflichkeit:

»Signor Pascarella, nicht wahr?«

Don Domenico dachte, schade, daß ich vernichtet bin, daß mich die letzten Tage über den Haufen geworfen haben, daß ich vor fünf Minuten einen Schwindelanfall überstehn mußte. Ich bin in keiner erstklassigen Kampfesverfassung. Ruhe, nur Ruhe, das ist die Hauptsache. Und Lauro ganz vergessen! Doch trotz diesem weisen Zuspruch wuchs in ihm Unruhe von Minute zu Minute und ein hassenswertes Gefühl der Furcht. Seine Haltung aber – lässig aufgerichtet, die rechte Faust auf den Schreibtisch gestützt – ließ wahrlich nichts zu wünschen übrig. In Anbetracht der unausdenklichen Erlebnisse muß sie vorbildlich, ja antik genannt werden. Die innere Stimme mahnte: So wenig wie möglich reden! Er wartete also wortlos, seinen hellen starren Blick auf die Eindringlinge richtend, jenen Blick, der alle Battefioris und Gnollis so oft in Verwirrung gesetzt hatte. Der Herr mit den blaurasierten Backen verbeugte sich und nannte einen Namen, woraufhin der Glatzkopf ein ähnliches tat. Don Domenico nahm diese Vorstellungsgeste noch immer mit souveräner Regungslosigkeit entgegen, ohne zu antworten. Der Wortführer eröffnete das Gespräch:

»Verzeihen Sie die Störung, Signor Pascarella! Wir kommen, um von Ihnen einige Dinge zu erfragen.«

Noch hielt in Pascarellas Gemüt die Furcht der Wut die Waage. Doch als Baß seiner Worte schwang ein hundeartiges Knurren mit:

»Was für Dinge? Warum? Zu welchem Zweck? Und für wen?«

Der Schwarze, der weichere und feigere Gegner gewöhnt war, schaute den weißhaarigen Mann interessiert eine Weile an, ehe er mit einer Gegenfrage erwiderte:

»Sie wissen also nicht, wer wir sind?«

Don Domenico legte in seine Entgegnung die verächtlichste Gleichgültigkeit, die ihm zur Verfügung stand:

»Ich beschäftige mich nicht mit Politik. Zeitungen lese ich nie. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind, Signori!«

Der Jüngere lächelte verständnisvoll:

»Sie beschäftigen sich nicht mit Politik und lesen keine Zeitungen. Das ist sehr klug von Ihnen, Signor Pascarella. Im übrigen kommen wir nicht, um Sie mit Politik zu belästigen. Dieser Herr« (er zeigte auf den Glatzköpfigen) »ist der Vorstand unserer Wirtschaftskontrolle. Und ich? Nun, ich begleite ihn.«

Gnollis Anzeige, wußte Don Domenico vom ersten Augenblick an. Nur Ruhe, nur sich nicht verwirren lassen! Weg mit Lauro und Grazia! Ganz bei der Sache sein und ein unerschütterliches Gesicht zeigen! Er wies mit geringschätzigem Wink auf zwei Sitzgelegenheiten hin. Doch nur der Ältere ließ sich an Battefioris Schreibtischseite nieder. Der Jüngere verschmähte es, Platz zu nehmen. Pascarella hätte ihn am liebsten niedergeschlagen. Daß ein Laffe, der sein Sohn sein könnte, dieses Spiel mit ihm wagte, benahm ihm den Atem. Die Weltordnung war umgedreht. Er setzte sich, damit der Laffe vor alten Männern als einziger stehe, wie es sich geziemte. Der stehende Laffe schien sich aber nicht im geringsten gedemütigt zu fühlen, sondern ließ im Gegenteil seiner Neugier in unverschämter Weise freien Lauf:

»Wie gehen Ihre Geschäfte, Signor Pascarella?«

»Ich danke, ausgezeichnet!«

»Und wie sind sie in der letzten Zeit, ich meine etwa seit neun Monaten, gegangen?«

»Danke, noch besser, ich kann nicht klagen!«

»Das freut mich aufrichtig. Darf man rauchen?«

»Nein! Mein Studio ist sehr eng, wie Sie sehn, und ich selber pflege hier nicht zu rauchen.«

Der Schwarze steckte seine Zigarettendose – sie war nicht von Silber – bereitwillig wieder ein:

»Hatten Sie, Signor Pascarella, in diesem Jahr Verluste?«

»Verluste hat jeder.«

»Die meine ich nicht. Ich rede von einschneidenden, gefährlichen Verlusten!«

»Da müssen Sie meinen Kassier fragen, oder besser noch Signor Gnolli, den Sie ja ausgezeichnet kennen und der mich bestohlen hat. Ich habe in den letzten vierundzwanzig Stunden ... Nein, kein Wort davon! Machen Sie, was Sie wollen!«

»Ich muß schon auf Ihre eigene Auskunft bestehn, Signor Pascarella!«

»Und ich muß auf Ihre Auskunft bestehn, warum und wozu Sie meine Auskunft interessiert!«

Hier blinkte in den Augen des flachsnasigen Wortführers zum erstenmal ein scharfes Feuer auf:

»Das kann ich Ihnen ohne weiteres erklären, werter Herr. Wir haben die Pflicht, dieses Land von allen betrügerischen, hinterhältigen und schädlichen Elementen zu befreien. Da darf uns kein Schlupfwinkel zu klein und zu uninteressant sein.«

Don Domenico taumelte auf:

»Geht das auf mich? Befinde ich mich vielleicht unter diesen betrügerischen Elementen?«

Jetzt setzte sich der Schwarze nieder und schlug die Beine übereinander:

»Das wird ganz von Ihrer Beweisführung abhängen.«

Domenico Pascarella fuhr sich mit beiden Händen an den Hals. Da traf ihn ein langer Blick des Glatzköpfigen, der ihm zuzuzwinkern schien: Laß ihn nur reden, den Fanatiker! Sei klug! Erkenne deine ausgezeichnete Chance! Halte dich nur an mich! Ich habe in solchen Angelegenheiten Erfahrung und Praxis. Ohne diesen Blick entziffern zu können, beruhigte sich Don Domenico. Er nahm wieder Platz:

»Ich habe keine Zeit für leere Diskussionen. Womit also kann ich Ihnen dienen?«

Der Wortführer hatte sich gleichgültig im Studio umgesehn, bevor er die Verhandlung lässig wieder aufnahm:

»Als erfahrener Kaufmann werden Sie ja wissen, daß es eine verbrecherische Handlung ist, ein Fallissement der Behörde zu verheimlichen und in solcher Lage neue Kredite aufzunehmen.«

In Don Domenico kochte nur mehr die maßlose Gier, den Laffen zu verhöhnen und zu erniedrigen:

»Was hatten Sie für einen Beruf, junger Mann, bevor Sie Kriminalbeamter geworden sind?«

Der Hieb saß. Der Schwarze erhob sich:

»Ich bin kein Kriminalbeamter, sondern Frontoffizier!«

»Da werden Sie wohl bei der Kompagniekasse das Bankwesen studiert haben, eh?«

Don Domenicos Hohn war es wirklich gelungen, den Wortführer einzuschüchtern. Der Löwe hatte ihn zu dem kleinen Kriegsleutnant reduziert, der er war. Er fühlte sich von einem hohen Offizier abgekanzelt und fand zu seinem großen Mißbehagen keine Antwort. Neuer Hohn hagelte auf ihn nieder:

»Sehen Sie, junger Mann, Sie haben nichts gelernt, Sie haben keine Ahnung und mischen sich in Dinge, von denen Sie nichts verstehn. Ich rate Ihnen von weiteren Einmischungen energisch ab. Und damit gottbefohlen!«

Das kam zu schnell, zu triumphierend, zu siegesgewiß. Der Verhöhnte faßte sich sofort:

»Das hilft Ihnen alles nicht, werter Herr. Sie werden uns Einblick in Ihre Bücher gewähren, und zwar sogleich!«

»Ich denke nicht daran.«

»Es bringt Ihnen gar keinen Vorteil, wenn Sie uns die Aufgabe erschweren.«

»Diese vier Wände gehören mir. Hier bin ich der Herr.«

Jetzt nahm der Glatzköpfige mit freundlicher Bedächtigkeit zum erstenmal das Wort:

»Signor Pascarella, ich kenne Ihren Namen schon viele Jahre. Von Ihrer rechtlichen Geschäftsführung bin ich überzeugt. Legen Sie die Bücher vor! Ich will Stichproben machen und Sie geben mir einzelne Erklärungen. Das ist doch wirklich ein loyaler Vorschlag.«

Es war mehr als ein loyaler Vorschlag und man möchte sich die Haare raufen, daß ein alter, geschlagener Mann nicht die Weisheit besaß, nach ihm zu greifen. Der verblendete Trotz aber hatte schon jenen Punkt überschritten, wo eine Umkehr noch möglich gewesen wäre. Don Domenico riß die Schreibtischlade auf, zog aber kein Geschäftsbuch hervor. Der Schwarze sah auf die Uhr:

»Ich werde fünf Minuten warten. Wenn Sie sich bis dahin nicht besonnen haben, muß ich die Konsequenzen ziehn.«

Der Glatzkopf arbeitete neuerdings mit aufmunternden Verschwörerblicken. Pascarella jedoch schien sie nicht zu beachten und starrte in die offene Schublade. Der frühere Frontoffizier hingegen wandte sich den Bildern an den Wänden zu.

In Don Domenicos Studio hingen folgende dürftig gerahmte Dokumente und Abbildungen. Zwei verstaubte Diplome. Die Porträts des Königs Umberto und der Königin Margherita, der Eltern des heutigen Herrschers. (Auch dies war ein Zeichen für den Konservativismus des Inhabers, der trotzig die Gegenwart nicht zur Kenntnis nahm.) Ferner der Öldruck eines pathetischen Gemäldes, Garibaldi darstellend, der mit hocherhobener Fahne an der Spitze seiner Tausend Siziliens Küste betritt. Und endlich eine vergilbte Opernszene aus »Gioconda«, ein häßlicher Stich. Nachdem der Wortführer mit der Besichtigung dieser Galerie fertig war, sprach er das Urteil:

»Der größte Italiener unserer Tage fehlt hier.«

Domenico Pascarella, der den Blick von dem Innern seiner Schublade nicht hob, wiederholte seine Formel:

»Ich beschäftige mich nicht mit Politik. Ich lese keine Zeitungen.«

»Und warum haben Sie dann Ihren Söhnen den Eintritt in die Avanguardia untersagt?«

»Ich verbiete Ihnen, von meinen Söhnen zu reden!«

Die Zeit erfüllte sich. An dem Glatzköpfigen vorbei trat der Schwarze dicht ans Fenster und verblieb dort eine Weile, indem er die Hand an die Scheibe legte.

»Signor Pascarella«, mahnte der Sanftmütige zum letztenmal, »überlegen Sie sich genau, was Sie tun!«

Der Wortführer brach jedoch die letzte Brücke ab:

»Ich bedaure, daß ich gegen Sie amtlich vorgehn muß!«

»Und ich bedaure«, schrie Don Domenico, »daß ich zu wenig Personal habe, um Sie hinauswerfen zu lassen!«

Der Schwarze schenkte Herrn Pascarella nicht die geringste Beachtung mehr, sondern legte ein vielgestempeltes Schriftstück als Legitimation auf den Tisch:

»Ich erkläre das Bankgeschäft Domenico Pascarella für gesperrt. Die Bücher werden eingezogen und die Kassen versiegelt.«

Getrappel auf der Wendeltreppe. Zwei Milizleute und ein Carabiniere drangen in das Studio ein. Leider beging Don Domenico jetzt den größten Aberwitz seines Lebens. Er riß den Revolver aus der Schublade und fuchtelte wie ein Rasender damit herum. Ein Schuß ging los und zerschlug das Fenster. Die Uniformierten warfen sich auf ihn und ein Kampf begann, der die fast übermenschlichen Kräfte dieses rundlichen Sechsundsechzigjährigen bewies. Die Milizleute, die schon manche Strafexpedition gegen eine Übermacht glatt durchgeführt hatten, flogen an die Wand wie Marionetten. Der Riesenschmerz des Vaters schien umgewandelt in tobende Muskelkraft. Der Gendarm stürzte so heftig gegen den Schreibtisch, daß er im Fall das Tintenfaß, Postkorb, Briefwaage und den Drehstuhl mit sich riß. Der enge Raum erdröhnte. Erst beim dritten Angriff gelang es der Übermacht, den Rasenden niederzuwerfen. Noch am Boden liegend brüllte Don Domenico mit ungeheurer Stimme: »Meine Kinder!« Es dauerte mehrere Minuten, bis sie ihn gefesselt hatten, bis sie ihn die Treppe hinabstießen und auf die Straße schoben. Auf der Piazza del Municipio herrschte großes Leben, denn es war gerade Mittag. Pascarella, der die Hände nicht mehr bewegen konnte, wehrte sich noch immer mit Rumpf und Schultern. Ohne Scham und ohne Besinnung heulte seine Stimme: »Ich will meine Kinder wieder! Meine Kinder! Meine Kinder!« Es gab ein überaus großes Aufsehn Mehr als hundert Menschen begleiteten den gefesselten Vater, den sie für einen Betrunkenen oder Narren hielten, mit grausamem Gejohle zum Polizeiquartier.

 

Und Arthur Campbell?

Es ist nicht verborgen geblieben, daß seit der wundermäßigen Wiederbegegnung mit Grazia sich ein Schleier über sein Wesen gesenkt hat. Nichts natürlicher. Arthur stand unter der tiefen Hypnose der Erfüllung. Man überlege: Ein ruhiger Inselbewohner von einigen vierzig. Teilhaber eines industriellen Unternehmens, nicht reich, doch über sichere Einkünfte verfügend. Er fühlt sich wohl in sich selbst und liebt das Leben zur Genüge. Was aber ist das Leben? Einige Stunden bürgerlicher Arbeit am Tag; in der Frühe vor der Arbeit eine Stunde sportlichen Vergnügens, ein Spazierritt, drei Tennis-Sets oder ein Golfgang; nach der Arbeit zwei bis vier Stunden geselligen Vergnügens, ein Gespräch mit Freunden, ein stiller Abend bei der älteren Schwester, eine Autofahrt in die Landschaft, ein Spiel im Klub, doch lieber Schach und Domino als Karten. Die einzigen Ausschweifungen dieses wohltemperierten Lebens sind alljährliche Reisen, große Reisen, die Geld kosten. Kann man jedoch bei einem Engländer die weitesten Fahrten (Indien, Borneo, Jamaika, Südafrika, Haiti, Neuseeland) Ausschweifungen nennen, selbst wenn sie sein Budget überschreiten? Was hat ein Junggeselle zu verlieren? Und diesen Weltreisenden und Junggesellen ereilt am Tyrrhenischen Meer das Schicksal der Leidenschaft. Ein Organismus, in dessen Blutströmen schon als Vätererbschaft alle Krankheiten gewütet haben, ein Organismus, in dem die Abwehrkräfte gegen Gifteinbruch stets auf der Hut sind, ein solcher Organismus hat es leicht, zu widerstehn. Ein ungewürztes Blut hingegen, das so viele Jahrzehnte lang seinen indolenten Takt schlug, kann, einmal von Krankheit ergriffen, kaum Widerstand leisten. In Neapel, im Foyer von San Carlo, verliebt sich der Junggeselle auf den ersten Blick in Grazia Pascarella. Er gerät in unbekannte Verwirrungen, vergißt Erziehung und strenge Lebensform, lauert dem Mädchen sogar an der Ecke der Via Concordia auf, eine Handlungsweise, die er immer als frech und kommishaft verabscheut hat. Grazia jagt ihn nicht fort, sondern gewährt ihm einen gemeinsamen Gang und eine Stunde von unfaßbarer Süßigkeit, deren Nachklang ihn wie schweres Fieber schüttelt. Es folgt die Nacht der Festa di ballo im Bertolini-Hotel. Er ist nun schon so weit gesammelt, um sich als Gentleman benehmen zu können. Wegen des großen Altersunterschiedes muß er ihretwegen resignieren. Das ist ihm unerbittlich klar. Ein Gespräch in winddurchwehter Abschiedsstunde, das sein Gedächtnis ins Jenseits hinübernehmen wird. Dann neun Monate nervöser Qual, knirschenden Rebellentums gegen sich selbst, gegen seine Welt, gegen seine Lebensart. Man erkennt ihn kaum wieder. Er ist bissig geworden, ja grundlos gehässig. Nichts andres fühlt er als das tragisch entgleitende Leben und macht dafür seine Umgebung verantwortlich, seine Verhältnisse, seinen Beruf, seinen Erziehungsgang, seine Nation. Es kommt zu Unstimmigkeiten in der Fabrik. Ohne hinreichende Vorsicht schlägt er seinen Anteil los. Er verliert dabei. Gleichgültig, er will Geld haben, und zwar rasch. Ein Klubfreund, Geograph von Weltbedeutung, rüstet eine Expedition zur Erforschung des Himalaja. Glänzende Gelegenheit für eine diskrete Art nicht allzu langweiligen Selbstmords. Er bewirbt sich um die Teilnahme an dieser Expedition. Grazias Flaschenpost bringt eine jähe Entscheidung. Er irrt einige Stunden durch das Labyrinth Neapels. Es ist noch nicht Abend geworden, als ihm das Mädchen in die Arme sinkt, ohne Vorbehalt, ohne kleine Scham. Er, ein Mr. Arthur Campbell aus London, ist für Grazia der allmächtige Retter wie ein Erzengel, wie der Tod. Sie bleibt bei ihm, die Allerreinste, entgegen jeder Sitte, jeder Berechnung. Was er für ewig verloren hielt, nun ist es sein. Hypnose der Erfüllung. Doch noch eine andere Betäubung strömt von der fremden Welt her, die ihn jetzt umfängt. Die Pascarellawelt, nicht heiter und einfach, wie er sie in seinem nordischen Hochmut immer gedacht hat. Er fühlt sich ihren in sich vereinigten Gegensätzen nicht gewachsen. Pathos, das nüchtern ist, ein wilder Gefühlsreichtum, der zugleich logisch bohrt, Jungfräulichkeit und zugleich Reife, ein Familientrieb ohne Maß und zugleich unbedenkliche Selbstbefreiung. Zu solchen Spannungen ist Campbell nicht fähig. Vom Familienschicksal der Pascarellas hin und her geworfen, vom Heiß und Kalt, vom Stimmungswechsel, von Grazias Lebensfülle, leidet er an dem Bewußtsein einer blamablen Unzulänglichkeit. Ist er jetzt schon zu alt und zu steif für sie? Diese Unsicherheit hält bis zu dem Augenblick an, da die Nachricht von Domenico Pascarellas Verhaftung alles verwandelt. Arthur Campbell hat Grazia in der Welt der Liebe errungen, jetzt aber gilt es, sie in der Welt der Dinge zu erkämpfen. Ja, es ist für ihn notwendig, sich beispiellos zu bewähren und so für alle Zukunft seine Überlegenheit im Lebenskampf (die einzige Überlegenheit, die ihm bleibt) der Geliebten vor Augen zu führen. All dies Fürchten und Trachten geht im dunkelsten Dunkel des Herzens vor sich, wo auch der Wunsch wohnt, die Tugenden der Campbell-Natur durch jene süße fremde Welt nicht völlig an die Wand drücken zu lassen. Kühles Blut, zäher sehniger Zielwille, elastisches Planen, geduldige Taktik, Humor in Sieg und Niederlage, diese Waffen sollen nun in den Kampf treten. In dem Versprechen »Ich hole dir deinen Vater heraus« klingt nicht die leiseste Anmaßung oder Prahlerei mit. Campbell weiß, daß er nicht zurückweichen wird, und wenn es sein Leben kostet. Auch Grazia weiß das sofort. Er bittet sie, um seiner Tatkraft willen, auf das Blutopfer zu verzichten. Sie gehorcht. Annunziata und Iride werden für die Operation vorbereitet. Campbell schlägt ferner vor, Grazia möge ihren Schwestern beistehen und seine Rückkehr hier abwarten. Dann verabschiedet er sich und fordert Giuseppe mit einem leichten Wink auf, ihm zu folgen. Der schlotternde Alte spürt, daß es sich um einen entschlossenen Rettungsversuch seines Herrn handelt, und nimmt im Mietauto an der Seite des Chauffeurs Platz. Das erste, was Campbell tut, ist eine anscheinend gleichgültige Geste. Er reckt und streckt seine Glieder, daß die Gelenke knacken. Er prüft und stimmt damit gewissermaßen das Instrument seines Körpers. Lange schmale Glieder und ein ebensolcher Schädel planen anders als kurze gedrungene Glieder und ein runder Katerkopf. Im Gegensatz zu Don Domenico also gibt es bei dem Engländer nichts Explosives und Plötzliches, sondern alles entwickelt sich nach bestimmten Absichten, hält Ordnung und Reihenfolge. Es spricht für die Zartheit Arthurs, daß er etwas weniger Wichtiges zuerst erledigt. Er fährt ins Vomeroviertel empor und mietet in einer namhaften Pension ein Zimmer für Grazia. Sie soll nicht im Bertolini wohnen, sondern an einem Ort, wo sie für alle Lästerzungen unantastbar bleibt. Die nächste Station ist das britische Generalkonsulat. Der Konsul windet sich und warnt. Italien stehe in politischer Weißglut. Allenthalben wimmle es von kleinen Neronen und Provinzialcaligulas. Interventionen könnten den erwünschten Anlaß für billige Unerschrockenheitsgebärden geben, wobei sich auch die stärkste Großmacht einem Refus aussetze. Auf den Beamten macht es Eindruck, daß Campbell keines dieser Argumente anerkennt und nicht nachgibt. Vielleicht stehen hinter dem energischen Landsmann verschwiegene Interessen, die man nicht verletzen darf. Der Konsul notiert sich alles und verspricht bei der zuständigen Stelle eine Anfrage unverbindlich zu versuchen. Das Auto kehrt in die Stadt zurück und hält vor Domenico Pascarellas Azienda. Zum Glück ist trotz den eisernen Worten die Ordnung noch nicht ganz so eisern durchgeführt. Obgleich vom Rollbalken ein großes Amtssiegel herabhängt, ist er doch nur zur Hälfte niedergelassen, so daß ein Mann ganz gut in den Laden schlüpfen kann. Ein Wachposten patrouilliert freilich dann und wann vorüber. Giuseppe erhält den Befehl, die Angestelltenschaft Pascarellas tot oder lebendig herbeizuschaffen. Er kennt die Adressen und fährt davon, während Campbell als ein Fremder von Distinktion das Castello Nuovo betrachtet, was dem Polizisten weiter nicht auffällt. Die Pause ist nützlich, denn weitreichende Pläne werden durchdacht. Nach fünf Minuten schon steigt der Kassier aus dem Auto. Der kleine Mann, in Don Domenicos Zucht alt geworden, scheint durch das Erlebte ganz vernichtet zu sein. Der Engländer, der ihn beinahe um eine halbe Körperlänge überragt, nimmt seinen Arm. Das hartnäckige, wenn auch so wenig erfolgreiche Sprachstudium fördert plötzlich eine staunenswerte Wortgewandtheit zutage:

»Ich heiße Arthur Campbell, werde Signorina Grazia heiraten und aus diesem Grund ihren Vater aus dem Gefängnis befreien. Ich habe die Absicht, wenn es sein muß, dafür mein ganzes Vermögen zu opfern. Haben Sie mich verstanden? Also bitte, erzählen Sie mir alles! Aber kurz und langsam!«

Der Kassier möchte am liebsten diesem Himmelsboten die Füße küssen. Schon hat er mit dem Leben abgeschlossen gehabt. Denn wer wird einem alten Mann noch Arbeit geben? Er beginnt zu erzählen, weder kurz, noch langsam, dafür aber auch ohne Ordnung. Campbell muß immer wieder mahnen: »Wie? Ich verstehe Sie nicht!« Das Gespräch spielt sich vor dem Eingang des Hotels »Londres« ab, wohin der Engländer auch das Taxi dirigiert hat, damit die Gruppe vor der Azienda nicht auffalle. Nach fünfzehn Minuten weiß er genug, um sich die Geschichte, von der Veruntreuung Battefioris angefangen bis zum heutigen Tag, ungefähr zusammenreimen zu können. Er erkundigt sich nach den Geschäftsbüchern. Der Kassier habe sie selbst den Funktionären ausliefern müssen. Alle? Der alte Mann sieht sich ängstlich um. Nein! In seiner eigenen Schublade halte er das Journal versteckt, aus dem man nötigenfalls sämtliche Konti rekonstruieren könne. Also her damit! Aber wie? Campbell trifft rasch seine Entscheidung:

»Wenn der Wachmann den Rücken kehrt, kriechen Sie in den Laden und holen das Journal. Ich warte hier auf Sie im Wagen.«

Fünf Minuten später steigt der Kassier samt seiner Beute zu Campbell ein. Dieser verliert kein überflüssiges Wort über die gelungene Tat, sondern befiehlt: »Zum Notar!« Der Beamte Don Domenicos, auf Einsilbigkeit abgerichtet, versteht sogleich und gibt die Adresse des Notars an, mit dem die Firma zu arbeiten pflegt. In dessen Kanzlei erklärt Arthur Campbell, daß er für Don Domenico und sein Haus Bürgschaft leisten wolle und bereit sei, mit seinem ganzen Vermögen für alle Schulden und Verpflichtungen des Firmeninhabers zu haften. Irgendeine Sicherstellung und Gegenleistung für diese Bürgschaft fordert er nicht. Der sehr erstaunte Notar setzt ein Protokoll auf. Der Engländer bittet, die Behörde so schnell wie möglich davon in Kenntnis zu setzen, daß hiemit Domenico Pascarellas Geschäftsgebarung in jedem Posten gedeckt sei. Er hinterlegt bei dem Notar das letzte Kontokorrentblatt seiner Londoner Bank, woraus in groben Zügen seine derzeitigen Besitzverhältnisse gelesen werden können. Der Kassier wird angesichts solcher Verschwendungssucht immer unersättlicher. Er weist auf die gekündigten Gnollikredite als auf die unmittelbarste Gefahr hin. Zum Überfluß verpflichtet sich Campbell in einem eigenen Brief, innerhalb von fünf Tagen die Summe auf Lira und Soldo zurückzuerstatten. Der Respekt des Notars vor dem Krösus wächst ins Unermessene. Nicht ohne Schwung bittet er telephonisch einen angesehenen Rechtsanwalt zu sich, der auch wirklich bald darauf erscheint. Der Kassier muß noch einmal die Vorgänge der Reihe nach berichten. Nachdem er geendet hat, beginnt der Advokat mit einem Streichholz in den Zähnen zu stochern, ein Zeichen, daß in seinem Geiste zwischen Berufssinn und politischer Bedenklichkeit ein Konflikt ausgetragen wird. Endlich aber, durch Campbells imposantes Auftreten bestochen, entschließt er sich, dem Fall Pascarella näherzutreten, und begibt sich ins Untersuchungsgefängnis. Es ist indessen fünf Uhr geworden, und somit die Stunde des Tees gekommen. Durch die harte Arbeit gesteigert, meldet sich in Campbell das unüberwindliche Bedürfnis nach dem gewohnten Genuß. Es würde sich auch am jüngsten Tag in seine Nerven einschleichen. Als sei für den Augenblick das Notwendige erledigt, ruft er dem Chauffeur zu: »Hotel Bertolini«. Vorher aber verteilt er, um seine Adjutanten für kommende Dienste anzueifern, an den Kassier und an Giuseppe reichliche Diäten. Der Kassier verbeugt sich siebenmal, erklärt, er werde nach Neuordnung der Dinge über das Erhaltene treulich Rechnung legen, und verspricht, morgen um acht Uhr früh im Hotel zur Stelle zu sein. Der schlagrührige Giuseppe tänzelt trunken an seinem Stock:

»Und was befehlen Eccellenza weiter?«

Er habe in den Dienst Signorina Grazias und ihrer Schwestern zurückzukehren und die Übersiedlung in jene Pension durchzuführen, wo ein Zimmer gemietet worden sei. Dem Alten gelingt eine tiefe Verbeugung. Ihn wundert nichts mehr. Da ein zweiter unbegreiflicher Herr vom Himmel niedergestiegen und auf den Plan getreten ist, ringt er sich den Pascarellatöchtern gegenüber eine neuartige Dienstbeflissenheit ab. Campbell sitzt in der Halle des Bertolini-Hotels beim Tee. Er gibt sich aber diesem Akt nicht mit der ausschließlichen Ruhe hin, die er fordert. Eine erstaunliche Ausnahme. Neben der Tasse liegen Telegrammformulare, die er mit seiner steilen und festen Schrift bedachtsam ausfüllt. Das erste richtet er an seine Schwester, das zweite an seine Bank. In diesem verlangt er den schnellsten und günstigsten Verkauf seines Effektenbesitzes und die Erwirkung eines hohen Kredits bei der Banca Commerciale. Nach einigen minder wichtigen Telegrammen sendet er das letzte an den Schriftsteller, Verlagsleiter und Journalisten Aldo Bugetti in Florenz, mit dem er voriges Jahr bei einem längeren Aufenthalt in dieser Stadt Freundschaft geschlossen hat. Bugetti besitzt in der italienischen Öffentlichkeit keine geringe Macht. Campbell bittet ihn, in den nächsten Tagen womöglich nach Neapel zu kommen. Damit ist sein Tagewerk beendet, und er kann sich wieder zu Grazia begeben. Er klopft an die weiße Spitalstür. Sie kommt heraus und drückt seine Hände an die Brust:

»Arturo, endlich!«

Sie ist so anders als am Morgen. Sehr ergeben, sehr weich.

»Wie geht es deinen Schwestern?«

»Alles glücklich vorüber! Gott gebe, daß es hilft! Ich habe Zia zuerst schrecklich beneidet. Jetzt aber liebe ich sie. Sie ist von uns allen weitaus die Gütigste. Iride schläft. Und du? Und Papa?«

»Frag mich jetzt noch nicht, Grazia! Ich brauche Zeit.«

»Gut, Arturo, ich verstehe dich. Willst du nicht hereinkommen? Willst du sie nicht sehn?«

»Ich bin doch ein Fremder, Grazia, ich werde sie nur stören und genieren.«

»O nein! Alles habe ich ihnen erzählt. Ich konnte nicht anders. Sie wissen, daß du Papa befreien wirst.«

Sie schiebt ihn leise durch die Tür. Campbell sieht Annunziatas totengelbes Gesicht mit den ruhig großen Augen. Er weiß nicht, warum es so tief sein Herz ergreift. Er tritt an ihr Bett und küßt ihre Hand, wobei sie ihn ernst und fern ins Auge faßt. Iride aber, die bei seinem Eintritt erwacht, hat trotz der Narkose nichts von ihrer Lebhaftigkeit verloren:

»Ah, Signor Arturo« (welch überraschend günstiger Fortgang der frischen Beziehung!) »Was wissen Sie von Papa? Wie geht es Papa?«

»Er wird in einigen Tagen wieder bei Ihnen sein, Signorina Iride.«

»Sie schwindeln uns hoffentlich nicht an, Signor Arturo!«

»Aber Iride«, weist sie Grazia zurecht, »was sind das für ungezogene Worte?«

Annunziata schaut und schweigt. Die Atmosphäre in diesem mädchenweißen und krankenkahlen Zimmer, der Dreiklang der Pascarellaschwestern ist so voll und stark, daß über Arthur Campbell wiederum die schmerzhafte Unsicherheit des Morgens kommt. Er hat die verlegene Empfindung, als eine grobschlächtige Realität unter geisterhaft helle Wesen geraten zu sein, die ihn an Beseeltheit seltsam übertreffen. Wieder ergreift ihn der heftige Wunsch, sein, wie er meint, widerwärtig rationales Wesen durch umsichtige Fürsorge zu rechtfertigen. Er empfiehlt sich auch, trotz Grazias erstauntem Einspruch, nach einer Weile, fährt ins Bertolini, bestellt ein erlesenes Souper und läßt es in silbernen Gefäßen wohlverpackt in sein Taxi tragen. Ein Kellner muß ihn begleiten. Er selbst trägt die Champagnerflasche. Der Portier des Hospitals macht Schwierigkeiten, die erst durch Anrufung des diensthabenden Arztes beseitigt werden. Ehe Campbell aber mit seinen Schätzen das Zimmer betritt, wird er, der fünfundvierzigjährige Mann, blutrot. Oh, welche Scham! Er hat nicht bedacht, daß die beiden Kranken weder essen können noch dürfen und daß auch Grazia keineswegs in der Verfassung ist, sich an köstlichen Speisen zu erfreuen. Wie taktlos! Er naht mit schmählichen Gaben des Materialismus und der aufdringlichen Lebenslust. Die Tür geht auf. Es ist zu spät zum Umkehren. Die Schwestern aber sind glücklicherweise gar nicht entsetzt. Grazia umfängt das Tablett mit begeisterten Blicken. Der Geruch der feinen Speisen, die sie nicht kennen, das funkelnde Silber, der Champagner (Foyer von San Carlo) bringen in die Trostlosigkeit der Umgebung lebendigen Glanz. Iride verlangt, was seit Wochen nicht geschehn ist, gierig zu essen. Annunziata lechzt nach einem herrlich eiskalten Trunk. Campbell aber läßt sich nicht bewegen, zu bleiben und am Mahl teilzunehmen. Erst gegen neun Uhr holt er Grazia ab, um sie in die Pension zu bringen. Während der Fahrt vergräbt er, überwältigt, den Kopf in ihrem Schoß und stammelt: »Ich danke Gott ... Ich danke Gott ...«

In seinem Zimmer ist ihm so eigentümlich zumut, als laufe das Leben nicht Sekunde nach Sekunde ab, sondern in einer unfaßbaren Gleichzeitigkeit, alles im Präsens gewissermaßen. Dennoch schläft er sofort ein und erwacht in der Nacht kein einziges Mal.

Das erste Ereignis des nächsten Vormittags ist der kleine Auflauf, der sich vor der Azienda Don Domenicos zusammengerottet hat. Das Gerücht seiner Verhaftung scheint bis zur ländlichen Kundschaft rasch vorgedrungen zu sein. Denn etwa dreißig würdige Männer, die gewiß keine Großstädter sind, stehen in einem verdonnerten Haufen beisammen, diskutieren schwerfällig und zittern um ihr Geld. Sie sind Pascarellas kommerzielle Leibgarde, seine Weinbauern, Gastwirte und Barkenbesitzer, deren Ersparnisse er verwaltet, die Leute aus Capua, Caserta, Marcianise, Benevento, Avellino und Salern. Arthur Campbell schickt den Kassier in den Kampf. Er soll die Klienten durch eine Ansprache beruhigen und ihnen die Versicherung geben, daß niemand auch nur einen Centesimo verlieren werde. Der Kassier unterzieht sich dieser Aufgabe mit Feierlichkeit. Er tritt gebärdenreich unter das Volk, das er dicht um sich versammelt. Der arme Don Domenico – er beginnt pianissimo mit ängstlichen Seitenblicken – sei das Opfer politischer Verknüpfungen. Geschäftlich jedoch stehe die Firma glänzender da als jemals. Ungläubige Gesichter starren den Kassier an. Der schwenkt den Hut begeistert. Vor vier Wochen wäre Mißtrauen vielleicht noch am Platz gewesen. Doch jetzt, da Domenico Pascarellas Schwiegersohn hafte und bürge, und nicht nur bürge und hafte, sondern die Firma in eigener Person repräsentiere? »Dort, seht ihn euch an«, fordert er die Versammlung auf, als reiche ein einziger Blick auf den hochgewachsenen Engländer hin, um alle Bedenken radikal auszurotten. Und nun verkündet der neapolitanische Buchhalter der verdüsterten Kundschaft die Wahrheit, wie er sie sieht. Jener Wundertäter von Schwiegersohn sei Eigentümer der Bank von England oder etwas Gleichwertiges und verfüge über mehr Millionen »Sterlinge« als die größte italienische Bank über Lire. Ob sie wüßten, wieviel eine Sterlina wert sei? Nun also, fünf Dollar jede einzelne! Und wieviel ein Dollar wert ist, weiß doch jedes Kind. Man lebt noch in der Zeit, da die Gottheiten der Edelvaluta auf Knien verehrt werden. Kein Wunder also, daß der erschauernde Blick des Haufens den Engländer scheu umtastet. Der Kassier stellt den Leuten nicht nur die zauberhafte Vermehrung ihres Geldes in Aussicht, sondern weissagt auch, daß der neue Mann das kleine Lokal hier mit einem Palazzo vertauschen werde, wie ihn Neapel noch nicht gesehn habe. Zuletzt spricht Campbell selbst ein paar stockende Worte, die sein Prophet verdeutlicht. Niemand möge sich fürchten! Wer aber kein Vertrauen habe, werde in wenigen Tagen sein Guthaben an den Schaltern der Banca Commerciale ausgezahlt bekommen. Der Kassier schließt die Versammlung mit dem neuerlichen dunklen Hinweis, daß Pascarellas Verhaftung ein Vorfall der Politik sei, nicht mehr, nicht weniger. Da nun das Wort Politik schon mehrfach gefallen ist, wird es leider nicht länger möglich sein, sie von diesem Märchen der Vaterschaft und der Geschwisterliebe völlig fernzuhalten. Wer oder was könnte sich denn ihrer heute erwehren? Zum Glück aber bildet sie nur den Hintergrund zu einer Episode, die nicht gänzlich der Heiterkeit ermangelt und aus der Arthur Campbell siegreich hervorgeht. Beim britischen Konsul, den er gegen Mittag aufsucht, erfährt er, daß sich in der Angelegenheit Pascarella überhaupt nichts unternehmen lasse, handle es sich doch um einen verstockten und bösartigen Gegner des Regimes. Abgesehen von geschäftlichen Malversationen, habe der Unglückselige die Organe der Miliz mit der Waffe bedroht und einige Schüsse gegen sie abgefeuert. Der Konsul rate dringend von jeglicher Einflußnahme ab, die nur zu unerquicklichen Mißverständnissen führen könne. Arthur Campbell eilt ins Hotel Bertolini. Er läßt sich in einen Fauteuil fallen und beginnt in zusammengekauerter Stellung nachzudenken. Nach einer halben Stunde etwa verlangt er eine telephonische Verbindung mit der königlich großbritannischen Botschaft in Rom. Als diese sich meldet, ruft er mit präzis entschiedenem Ton in die Muschel: »Hier ist Arthur Campbell aus London. Ich möchte mit dem Herrn Botschafter sprechen. Jawohl, mit Seiner Exzellenz! Es ist sehr dringend!«

Die Frauenstimme in Rom verstummt. Ein Legationssekretär meldet sich phlegmatisch. Arthur Campbell wiederholt seine Worte mit drohendem Nachdruck:

»Hier ist Arthur Campbell aus London!«

Es klingt wie »hier ist der König«, oder »hier ist der Ministerpräsident«. Der Legationssekretär drüben bedauert, daß Seine Exzellenz abwesend sei. Darauf Campbell:

»Dann bitte ich, die Mission zu übernehmen! Ich, Arthur Campbell aus London, haben Sie verstanden, muß bis spätestens morgen früh eine wirksame Empfehlung an den Regierungspräfekten von Neapel bekommen. Es handelt sich um eine bedeutende und unaufschiebbare Sache. Den notwendigen Weg kennen Sie besser als ich. Meine Adresse ist Hotel Bertolini.«

Alle Diplomatie beruht auf dem eleganten Aberglauben, daß der Kosmos nichts andres sei als ein Gewebe persönlicher Interessen. Der junge Herr am andern Ende der Leitung wundert sich über Gewicht und Energie der fordernden Stimme. Da er dem Botschafter unmittelbar zugeteilt ist, erstattet er sogleich über den selbstbewußten Anruf Bericht. Der Botschafter wird nervös:

»Was, Sir Arthur ist in Italien und wir wissen nichts davon? Sehr unangenehm!«

Er kalkuliert schnell: Arthur Campbell Bannerman, Führer der Liberalen, mithin Zünglein der politischen Waage und Damoklesschwert über Diplomatenhäuptern! Höchstpersönlich setzt sich Seine Exzellenz mit dem Ministerium des Äußern in Verbindung. Italien steht vor einem neuen Handelsvertrag mit England. Man ist also besonders zuvorkommend, obgleich Einwirkungen auf innere Verhältnisse zu den unerwünschten Dingen gehören. Der staatliche Apparat beginnt mit ungewohnter Eile zu klappern, und am Abend schon hält Arthur Campbell eine Depesche der Botschaft in Händen, die ihm Empfang und bereitwilligste Unterstützung durch den Regierungspräfekten Neapels zusichert. Er wundert sich zwar einigermaßen über den »Bannerman«, hat aber keine Ursache, die unrechtmäßige Erweiterung seines Namens richtig zu stellen. Am nächsten Morgen erscheint eine würdige Persönlichkeit im Hotel, die sich im Namen des Präfekten nach dem Wohlbefinden Sir Arthur Campbells auf neapolitanischem Boden erkundigt. Im übrigen stehe Seine Exzellenz dem verehrten Herrn zwischen vier und sechs Uhr abends voll und ganz zur Verfügung. Ob sonstige Wünsche oder Beschwerden vorlägen? Arthur Campbell dankt gelassen. Das aufgeräumte Glück jedoch ist mit seinen Gunstbeweisen noch nicht zu Ende. Aldo Bugetti, der berühmte Publizist und Florentiner Freund, kommt mit dem Mittagszug und steigt im Bertolini ab. Bei Tisch erzählt ihm Arthur mit größter Offenheit alles. Bugetti erkennt in dem leidenschaftlich verstörten Menschen den Engländer vom vorigen Jahr kaum wieder. Er verspricht seinen Beistand. Der Präfekt ist sein Kriegs- und Regimentskamerad. Campbells Hand greift immer wieder in die Rocktasche. Er trägt Grazias Abschriften von Placidos Gedichten und Skizzen bei sich. In seinen freien Stunden, insbesondere in der Nacht, hat er sich schon an ihnen versucht, aber nur sehr wenig verstanden. Trotzdem erfüllt ihn ein scheuer Respekt vor Grazias Bruder, dem Dichter. Von dem glühenden Willen besessen, das Schicksal der Familie Pascarella umzugestalten, überreicht er dem Schriftsteller die Blätter und bittet ihn um sein Urteil. Als aber Bugetti die Manuskripte mit der erfahrenen und gleichgültigen Hand des Redakteurs einsteckt, erschrickt Arthur. Durfte er das zarte Einverständnis zwischen Bruder und Schwester einem Fremden ausliefern? Einen Augenblick lang möchte er die Schriften wieder zurückverlangen, dann aber läßt er den Dingen ihren Lauf. Nach Tisch legt er sich für eine halbe Stunde schlafen. Er hat Grazia heute noch nicht gesehn, sondern ihr nur ein paar optimistische Worte zugesandt. Er will seine Kräfte durch nichts zerstreuen, sondern mit gesammelter Ruhe dem Präfekten entgegentreten. Fünfzehn Minuten nach vier Uhr wird er in das Heiligtum dieses Machthabers geführt. Man hat ihn nicht länger als zwei Minuten warten lassen.

Campbell betritt einen mittelgroßen Saal. Eine gutgewachsene Gestalt kommt ihm ein paar Schritte federnd entgegen. Der Mann ist gewiß nicht älter als fünfunddreißig Jahre. Er hat den trainierten Körper und das scharfgeschnittene Gesicht, kurz den schönen, willensstarken Typus, der sich seit einigen Jahren hier durchgesetzt hat. Diese jungen Leute bilden nicht nur eine Partei, sondern so etwas wie eine biologische Klasse. Der Prefetto gleicht in seiner Art jenem Wortführer, der Domenico Pascarella verhaften ließ, nur auf einer höheren geistigen und physischen Ebene der Hierarchie. Arthur Campbell spürt mit den geschärften Sinnen des Kämpfers, daß diese glänzende Haltung nicht ganz naturgegeben ist, nicht angeerbt, sondern neu, frisch gestrichen gewissermaßen, und um einige Schwingungen zu gewaltsam. Hinter dem Schneid verbirgt sich eine innerste Schüchternheit oder Unsicherheit, die den jugendlichen Statthalter mit einer sympathischen Sphäre umgibt. Er begrüßt den Gast in keinem üblen Englisch und bietet ihm den Sitz neben dem Schreibtisch an. Auf das liebenswürdigste erkundigt er sich nach dem Reisebehagen des Besuchs und nach seiner Zufriedenheit mit dem bisherigen Aufenthalt in Neapel. Campbell gibt karge und zurückhaltende Antworten, die ihm sein Instinkt einflüstert. Er spürt, daß er sich auch nicht eine Sekunde lang in die Lage eines Bittstellers begeben darf. Hingegen zollt er den englischen Sprachkünsten der Exzellenz eine höfliche aber gemessene Anerkennung. Daraufhin verbeugt sich der Präfekt leicht:

»Im vorigen Jahr war ich zwei Wochen lang in London. Die Verhandlungen wurden, wie Sie ja wissen, damals gerade angeknüpft. Ich stand noch nicht im Verwaltungsdienst.«

Arthur Campbell weiß von keinen Verhandlungen und sieht deshalb undurchdringlich vor sich hin. Der junge Mann ihm gegenüber denkt, diese Engländer sind doch der ganzen Welt politisch überlegen. Er möchte den gelassenen und tadellosen Schweiger ungemein gern aus seiner Reserve locken. Zu diesem Zwecke wirft er dem liberalen Führer einen Fangball zu:

»Die nächsten Wahlen, Sir, dürften für Sie die große Wandlung bringen. Die Konservativen und die Labourleute sind zweifellos ausgeleiert. Wir nennen uns und sind hier eine durchaus antiliberale Partei. Aber die italienischen Liberalen, diese Jammergestalten, durfte man ja nie in einem Atem mit den englischen nennen, hinter denen eine ununterbrochen glorreiche Tradition steht und Opfermut. Wir erhoffen von Ihnen die Aufhebung des Schutzzolls.«

Campbell interessiert sich weder für die Liberalen, noch auch für die Konservativen und für den Schutzzoll am allerwenigsten. Etwas aber muß er doch orakeln, und zwar in delphisch vieldeutiger Form, damit er sich keine weltpolitische Blöße gebe. Er senkt deshalb den sorgenverdüsterten Blick auf seine langen Beine und meint:

»Die Zukunft hängt nicht von England allein ab.«

Der Präfekt versteht sofort: Eine leise Pression! Man scheint bezüglich des Handelsvertrages auf einen toten Punkt geraten zu sein. Der feine Tonfall diplomatischer Mißlaune ist unverkennbar. Was kann dieser Mann von ihm nur wollen? Er beschließt also, vorsichtig zu sein und zu schweigen. Dasselbe beschließt Campbell. Nicht er darf beginnen, das ist klar. Es hebt also ein großes Stillschweigen an oder das Spiel: Wer hat die besseren Nerven? In diesem Fall hat sie der Engländer. Er kämpft ja für Grazia. An der Polargrenze dieses Schweigens angelangt, beginnt der Präfekt geziert zu lächeln:

»Ich nehme an; daß ich Ihnen einen Dienst erweisen kann, Sir.«

»Ja, und Sie erweisen nicht nur mir einen Dienst, denn Signor Domenico Pascarella ist der ehrenhafteste Bürger von Neapel.«

Und Arthur Campbell berichtet mit dürren Worten, was er weiß, während der Präfekt einige Notizen auf einen Zettel wirft. Dann läutet er und reicht das Blatt dem eintretenden Beamten: »Haben wir das hier? Sofort melden!«

»Ich bitte also«, schließt Campbell, »diesen untadeligen Gentleman noch heute aus der Haft zu entlassen, da er ein Opfer verlogener Angebereien ist.«

Der Präfekt führt einige Telephongespräche, um Zeit zu gewinnen. Dabei wird er sich über den Sachverhalt klar: Englische Kapitalsinteressen! Geschäftemacher sind sie alle. Und laut: »Ein Bankier, sagen Sie?«

»Ja, wenn Sie es so nennen wollen!«

»Und Ihr Freund, Sir?«

»Keineswegs! Ich habe ihn in meinem Leben nur zweimal flüchtig gesehn.«

»Sie werden verzeihen, aber ich bin gezwungen, mich genau zu informieren. Arbeitet das Bankgeschäft Pascarella mit England?«

Campbell zögert eine kleine Weile und bekennt dann mit fester Stimme die Wahrheit:

»Seit wenigen Tagen, ja!«

Telephonische Auskünfte langen ein. Ein Aktenstück wird gebracht, dem ein ausführlicher Polizeibericht beiliegt. Der Präfekt lehnt sich weit zurück und studiert die Relation. Dann – es ist viel Zeit vergangen – legt er den Akt beinahe zärtlich auf den Tisch:

»Der Fall hat zwei Seiten. Eine kommerzielle und eine politische. Verdächtige Kreditgebarung einerseits ...«

Campbell unterbricht mit gehobener Stimme:

»Ich hafte für die Firma Pascarella mit meinem ganzen Vermögen, worüber ja schon ein Notariatsakt besteht. Ich muß nachdrücklich darauf aufmerksam machen, daß die Firma mit hundert Prozent zahlungsfähig ist und ihre Gläubiger voll befriedigen kann.«

Aha, Massoneria! Diese Freimaurer hängen unlösbar zusammen, nicht auszurotten. Eine Macht, zäh und dehnbar wie Gummi. Der Präfekt blättert den Bericht noch einmal bedeutsam an und lächelt dabei nachsichtig:

»Die politische Seite ist weit bedenklicher. Dieser Signor Pascarella hat gegen die Exekutivgewalt des Staates und der Nation die Waffe erhoben und geschossen.«

Arthur Campbell trommelt mit knochigen Fingern auf seiner Kniescheibe:

»Ich bitte um Verzeihung, Exzellenz! Aber meiner englischen Auffassung nach befindet sich ein Mann, der in seinem Hause, in seinem Büro überfallen wird, im Stande der Notwehr. Ich hätte nicht anders handeln können als Signor Pascarella.«

Der Präfekt zieht sich weit in sich selbst zurück:

»Wieso überfallen?«

Arthur Campbell legt kühles Erstaunen in seinen Blick:

»Ich nenne ein nicht genügend begründetes und legitimiertes Eindringen in mein Haus oder in mein Geschäftslokal einen Überfall, ob ihn die Polizei ausführt oder wer immer.«

»Darin werden wir uns kaum verstehn, Sir! Die liberale Auffassung von der Freiheit der Person mag einem durchgebildeten Volke wie dem englischen angemessen sein. Wir aber müssen Disziplin und Autorität durchsetzen. Daher nehmen wir uns den römischen Staat, das wertvollste Zeitalter unserer Rasse, zum Muster.«

»Ich hatte leider nicht die Ehre, den römischen Staat aus persönlicher Erfahrung kennenzulernen. Mein eigenes Rechtsempfinden jedoch kenne ich gut. Ich möchte wetten, daß es sich von dem Ihrigen nicht allzusehr unterscheidet, Signor Prefetto.«

»Es unterscheidet sich einigermaßen, Mister Campbell, und schon darin, daß ich privaten Gefühlen viel weniger Wert beimesse als Sie. Was bedeutet denn solch ein persönliches Rechtsempfinden gegen das wirkliche Recht der Nation?«

Campbells Ruhe beginnt langsam abzubröckeln:

»Welch einen Schaden kann ein Ehrenmann wie Domenico Pascarella seiner Nation bringen?«

»Wir stehen heute noch im Kampf.«

»Doch nicht im Kampf gegen Schwächere?«

»Im Kampf gegen Feinde!«

»Glauben Sie denn im Ernst, daß dieser alte Familienvater Ihr Feind ist? Warum, zum Teufel, soll er Ihr Feind sein? Ich verrate Ihnen, daß Domenico Pascarella einige Tage vor diesem Überfall einen Sohn in der Fremde durch den Tod verloren hat, und zwei Stunden vor der Verhaftung hat ihn seine Tochter für immer verlassen.«

»Das sind psychologisch wichtige Einzelheiten, die das Gericht in Betracht ziehen wird.«

Arthur Campbell erhebt sich:

»Ich würde mir verdammt wünschen, daß Sie diese menschlichen Einzelheiten selbst in Betracht ziehen, Herr Präfekt.«

Nun steht auch der junge Präfekt steif:

»Wir haben unsere Richtlinien.«

Mit Campbells Fassung ist es vorbei. Äußerlich sieht man ihm nichts an, nur seine Augen scheinen noch blauer geworden zu sein:

»Diese Richtlinien dürften außerordentlich kompliziert sein. Die Tatsachen aber liegen sehr einfach. Ein Kaufmann kommt in den Verdacht der Krida. In seinem Geschäft stecken die Ersparnisse von so und so vielen Mitbürgern. Ich habe sie gesehen. Es sind gute ängstliche Leute. Anstatt diese Leute vor Schaden zu bewahren, was ja das Hauptinteresse des Staates und der Nation sein müßte, legt man eine Bombe, um damit nicht nur einen Feind, sondern auch fünfzig Freunde zu ruinieren? Das finde ich weder diszipliniert, noch national, sondern nur ...«

Ohne daß Campbell erst das Wort »dumm« ausspricht, ist es doch dick im Raum vorhanden. Trotz dieser knapp an der Grenze unterdrückten Beleidigung verfehlt des Engländers Logik ihren Eindruck auf den Statthalter nicht. Die ehrgeizigen Taten, die sogenannten »Strafexpeditionen« von hundert beamteten oder angemaßten Organen sind eines der größten Übel der Partei. Keinesfalls aber darf sich der Präfekt geschlagen geben. Er bezieht daher die wohlgesicherte Stellung der Bürokratie:

»Es hat nicht viel Sinn, den Fall jetzt weiter zu erörtern. Erst das Verfahren kann die wirkliche Sachlage klären.«

»In jedem Rechtsstaat wird ein Verfahren ohne zulängliche Beweise abgebrochen.«

»Ich denke, daß die Revolverschüsse des Signor Pascarella mehr als zulängliche Beweise sind.«

»Sie sind der ehrenwerte Beweis der gerechten Selbstverteidigung.«

Das Gespräch hat hiemit einen Verlauf genommen, der den Präfekten ganz und gar nicht befriedigt. Die Weisung von oben lautet, dem englischen Parteiführer Sir Arthur Campbell Bannerman formell und sachlich entgegenzukommen, und zwar soweit wie nur möglich. Ihm aber ist das fascistische Temperament durchgegangen und er hat sich unklugerweise im Gebirge der Diskussion verstiegen. Nun muß der Rückzug unmerklich angetreten werden. Wiederum legt sich das gezierte Lächeln auf seine scharfen Züge:

»Ich kann im Augenblick kein Urteil abgeben. Doch verspreche ich Ihnen, Sir, den Fall noch bis heute abend aufmerksam zu prüfen.«

Der ruhige Engländer aber, in dessen Herzen Grazia und ihre Familie blutig leidet, scheint seine Besinnung verloren zu haben, denn er gibt sich mit diesem aussichtsreichen Kompromiß nicht zufrieden, geht auf den leichteren Ton des Präfekten nicht ein, sondern reckt seinen langen Körper noch höher:

»Ich bitte darum, Herr Präfekt! Domenico Pascarella ist unschuldig und muß deshalb aus der Haft entlassen werden, besser heute als morgen. Geschieht das nicht, so gebe ich Ihnen hier mein Wort darauf, daß ich einen anderen und besseren Weg gehen werde, um das Recht durchzusetzen!«

Mit dieser Drohung empfiehlt er sich. Doch schon auf der Treppe wird ihm bewußt: Welch ein Fehler! Ah, ich gottverlassener Idiot! Ich habe mich unmöglich benommen und diese große Chance gewissenlos verspielt! Glücklicherweise jedoch hegt der Präfekt eine ähnliche Ansicht über sein eigenes Betragen. Ist dieser lächerliche Pascarella diese ganze Komödie wert? Und wenn sich herausstellt, daß er wirklich unschuldig ist, was dann? Zum Teufel mit allen aufgeregten Schwachköpfen! Jetzt habe ich England verstimmt. Und zwar im entscheidenden Zeitpunkt der Verhandlungen. Was wird Er dazu sagen? Bei dem Gedanken an Ihn erfaßt den Präfekten ein unersättlicher Zorn gegen die überpatriotischen Parteiopportunisten, die ihm immer wieder solche Schwierigkeiten bereiten. Ist Italien nicht von Englands Gunst abhängig? Die ganze demokratische Welt haßt das neue Regime, Frankreich steht an der Spitze der Verschwörungen. In einem Augenblick der Isolierung wird Italien ohne die englische Kohle rettungslos verloren sein. Das ist Seine bekannte Auffassung, mit der Er schon zu Beginn des Krieges die Interventionspolitik begründet hat. Der »bessere Weg«, den der Engländer angedroht hat, ist ohne Zweifel der Weg zu Ihm. Campbell Bannerman, das bedeutet die englische Schwerindustrie und Kohle. Die kleine Azienda Domenico Pascarellas rückt langsam in den Mittelpunkt einer hochpolitischen Verwicklung. All diese Gedanken des Präfekten verschärft noch ein Telephonanruf Aldo Bugettis. Die Empfindlichkeit der großen Journalisten muß man achten. Auch dies ist eine der geheimen Richtlinien, die von oben vorgezeichnet werden. Der ehemalige Kriegskamerad zeigt sich burschikos verstimmt:

»Was bei euch hier für Dummheiten geschehn!? Einen alten harmlosen Bürger einsperren! Könnt ihr eure jungen Leute nicht besser an die Zügel nehmen? Ich habe mich vor meinem englischen Freund, der mir diesen Unfug erzählt hat, in Grund und Boden geschämt.«

Der Präfekt verteidigt mit ernsten Worten die Maßnahmen der Behörde. Es ist ihm dabei recht lau zumute. »Mein englischer Freund«, das sagt alles. Die Sache scheint immer größere Kreise zu ziehn. Er verspricht auch dem Publizisten die schnellste und aufmerksamste Prüfung des Tatbestandes. Doch sein Entschluß steht schon fest. Der Fall Pascarella muß, wenn es nur halbwegs möglich ist, so rasch und unauffällig wie möglich verschwinden. Der Übeltäter wird anstandshalber noch ein paar Tage sitzen. Schließlich darf man nicht ungestraft auf die Obrigkeit des Staates und der Nation Schüsse abfeuern, das wäre noch besser! Die Erhebungen müssen binnen vierundzwanzig Stunden abgeschlossen werden. Am Sonntag kann sich dann Signor Pascarella, wenn gegen ihn wirklich kein ernster Verdacht vorliegt, zur Hölle begeben und die Sache wird ad acta gelegt.

Arthur Campbell verbringt Tage schwerer Niedergeschlagenheit. Das Ärgste aber ist, daß er sich mit eiserner Kraft dazu zwingen muß, Grazia und ihren Schwestern ein heiter zuversichtliches Gesicht zu zeigen. Unbeschreibliche Stunden in dem weißen Krankenzimmer! Grazias Glaube. Sie fragt nicht viel. Sie quält ihn nicht mit Angst und Neugier. Seit der ersten erfüllten Nacht steht zwischen ihnen ein heiliger Raum der Entsagung, Papas Schicksal. Sie berühren einander nicht, sie bleiben kaum eine Minute allein. Jenseits seiner Liebe wird Campbells Beziehung zu der Mädchengemeinschaft immer inniger. Nicht nur Grazia, alle drei erwarten sein tägliches Erscheinen mit Ungeduld. Er ist zur Hoffnung und zum Inhalt ihres Lebens geworden. Iride empfängt ihn stürmisch. Oft bringt er ihr Geschenke, denn ihre Leidenschaft für winzige Gegenstände hat er schon herausbekommen. Grazia und Annunziata bekommen Blumen, doch er bevorzugt seine Geliebte nicht. Die älteste Schwester scheint sich von dem Blutverlust nicht erholen zu können. Sie liegt bleich und verfallen da wie am ersten Tag. Wenn sie ihre stillen Augen öffnet, liegt jedesmal ein Schrecken in ihnen, daß die Welt noch vorhanden ist. Eines Tages, als er etwas früher kommt und Grazia von einer Besorgung noch nicht zurückgekehrt ist, setzt sich Campbell leise an ihr Bett. Iride schläft, und er nimmt an, daß auch Annunziata schläft oder sich schlafend stellt. Da sieht er, daß unter ihren geschlossenen Lidern Tränen hervortreten, immer neue Tropfen, während das eingesunkene Gesicht in unbewegter Ruhe verharrt. Ihm ist, als hätte er vor dem Anblick dieser Schlaf-Tränen noch nie einen wahren Menschenschmerz kennengelernt.

Indessen rüstet er zu neuen Taten. Er hält seine Partie nach der mißglückten Audienz beim Präfekten vorläufig für verloren. Darum ist er fest entschlossen, am Beginn der nächsten Woche nach Rom zu reisen und bis zum Oberhaupt der Macht vorzudringen, um jeden Preis. Bugetti muß ihm helfen. Doch das genügt nicht. Er prüft alle Verbindungen, die er in England besitzt, ob sie ihm nicht dazu dienen könnten, Don Domenico zu befreien. Der größte Teil seiner Zeit ist mit geschäftlichen Verhandlungen ausgefüllt. Der englische Bankier hat das Vermögen realisiert und nach Italien überwiesen. Pascarellas Kassier arbeitet den ganzen Tag in Mr. Campbells Hotelzimmer. Die Gnolli-Kredite sind die erste Schuld, die durch den Bürgen beglichen wird. So vergehn die Tage, ohne der Besinnung viel Zeit zu lassen. Um so länger dauern die Nächte. Hat Arthur Grazia gegen neun Uhr in ihre Pension gebracht und sich zwei Stunden später zu Bett begeben, so liegt er schlaflos und sehnt sich verzweifelt nach der Geliebten. Oft ist er schon wieder halb angekleidet, um seinem Vorsatz untreu zu werden. Grazias Pensionszimmer liegt im Hochparterre und geht auf die Straße hinaus. Sie schläft bei offenem Fenster. Ein Ruf, Grazia, und sie öffnet ihm die Arme. Erst der Gedanke an Domenico Pascarella und an den fruchtlosen Kampf um seine Befreiung zieht ihn wieder ins Bett zurück. Sonderbar ist es, daß Grazia und Arthur in der kurzen Zeit, die sie jetzt tagsüber beisammen sind, nur wenig miteinander reden. So weiß er zum Beispiel nichts von dem wichtigen Brief, den sie Papa ins Gefängnis sendet.

Als er am Samstagabend ins Hotel heimkehrt, überreicht ihm der Portier ein Schreiben, dessen Umschlag einen amtlichen Stempel trägt. Das Blatt enthält eine kurze, vom Präfekten eigenhändig gefertigte Mitteilung an Sir Arthur Campbell Bannerman, worin dieser von der Haftentlassung Pascarella Domenicos höflich in Kenntnis gesetzt wird, die für morgen, Sonntag, elf Uhr vormittags vorgesehen ist.

 

Sechs Tage währte die Gefängnishaft Domenico Pascarellas. Und dieser sechs Tage bedurfte es, damit er und sein Stolz zusammenbreche. Nicht Lauros Tod, nicht Grazias Betrug, nicht der erbitterte Lebenskampf seit Monaten hatten seinen kristallenen Kern zersprengen können. Es mußte ein Vater kommen, um den Vater zu beugen, Gerechtigkeit mußte kommen, um seine Gerechtigkeit zu zerstören. Der Vater des Vaters hüllte sich in die Gestalt des Staates, die Gerechtigkeit in den Mantel des geltenden Rechtes. Das Wundersame und Versöhnende an Don Domenico: er war nicht irgendein Staatsbürger, namens Pascarella, sechsundsechzig Jahre alt, Inhaber eines kleinen Bankgeschäftes auf der Piazza del Municipio, wohnhaft in der Via Concordia, verwitwet, Vater von sechs Kindern – nein, er war nichts als Vater, Vater ohne Umwelt, ohne Bindung an Menschen und Dinge außerhalb seines Hauses, ein in sich ruhendes Zentrum, das sich von keinem anderen Kraftsystem abhängig glaubte. Seine Macht über den Pascarellastamm lag nicht in seiner Strenge, nicht in der Fülle des Gesetzes, sondern in der Vaterschaft selbst. Zwischen dem Menschen und dem Vater Don Domenico hat es nie eine Trennung gegeben. Seine Vaterschaft war absolut, sie mußte sich nicht verantworten, nicht vor Gott und nicht vor seinem Gewissen. Wenn er auch seine Kinder liebte, so bestand doch für ihn keine Verpflichtung zur Liebe. Er wußte gar nicht, daß er sie liebte. Sie waren nicht sein Besitz, sondern er selbst, so wie die Planeten nicht die Besitztümer der Sonne sind, sondern Sonne selbst.

Die sechs Gefängnistage bedeuteten für Domenico Pascarella vor allem die erste große Einsamkeit seines Lebens. Einsamkeit eines Vaters ist ein furchtbarer Widerspruch in sich selbst, denn man hat ja gerade deshalb Kinder, um nicht einsam zu sein. Der Anfang war Finsternis und somit das Erträglichste noch. Als man den Rasenden in das Arrestlokal schob, ihm die Fesseln abnahm und hinter ihm zusperrte, fiel er ächzend auf die Pritsche und lallte: »Ich will meine Kinder, meine Kinder!«

Sein Bewußtsein war zu vier Fünfteln erloschen und der Ruf nach den Kindern drang mechanisch aus der Mitte einer tiefen Nacht. Er bemerkte gar nicht, daß eine Gesellschaft von Taschendieben, Tippelbrüdern, Messerhelden und anderen Stammgästen ihn umgab, die den wahnsinnig gewordenen Bürger im schwarzen Rock mit Frage, Zuspruch, Ratschlag und Hohnwort traktierte. Don Domenico war vollauf mit seiner Lunge und seinem Herzen beschäftigt. Die Riesenanstrengung des Kampfes hatte diese Organe nach mehr als sechzig Jahren unermüdlichen Dienstes so grenzenlos empört, daß sie sich nicht beruhigen wollten. Der heiße Schweiß des Ringens verwandelte sich in eisigen Todesschweiß, der nicht nur die Wäsche tränkte, sondern bis in die Kleider drang und auch nach drei Stunden noch nicht getrocknet war, als der Arrestantenwagen den Frevler aus dem Polizeigewahrsam in ein festeres Kerkerhaus führte. Zum Glück war Don Domenico noch immer nicht voll bei Sinnen, um den vorschriftsmäßigen Erniedrigungen Widerstand zu leisten, denen er beim Einzug unterworfen wurde. Man nahm ihm Brieftasche, Uhr und Federmesser ab. Er ließ stumpf alles über sich ergehn, selbst den Daumenabdruck und die photographische Aufnahme. (Auf diesem peinlichen Wege kam die Welt zu einer Photographie Pascarellas.) Für »Politische« hatte man eine schärfere Tonart vorrätig als für gewöhnliche Untersuchungshäftlinge. Don Domenico mußte einen Schmutzguß von Schimpfworten erdulden, da er nicht imstande war, die Fragen des Aufnahms-Beamten zu beantworten. Seine Betäubung half ihm darüber hinweg. Er hörte und fühlte fast gar nichts. Auch noch eine Stunde später, als der von Arthur Campbell gemietete Advokat in der Einzelzelle erschien und auf ihn einzureden begann, vermochte er nichts zu fassen. Bald darauf versank er in eine Sintflut von Schlaf. Seine mächtige Natur setzte sich in Verteidigungszustand und überwand die vorrückenden Armeen des Todes.

Am nächsten Morgen erwachte er vollständig bei Kräften. Der zweite Tag hob an. Von Minute zu Minute wurde alles klarer. Seine Ehre und sein Leben war für Zeit und Ewigkeit verloren. Als der Wächter ihm das Frühstück brachte, Kaffeeabsud in einem Blechtopf, stand Pascarella in einem Winkel, das Gesicht zur Wand gekehrt, und rührte sich nicht. Das Übelkeitsgefühl des überhungerten Magens trieb ihn dann zu dem warmen Trank. Doch schon den ersten Schluck mußte er ausspeien. Zum erstenmal an diesem Morgen fielen ihm seine Töchter ein. Er sah den gedeckten Tisch in der Sala da pranzo und gedachte der hundert Mahlzeiten, die Annunziata und Grazia für ihn bereitet hatten. Da war das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich und er ahnte, daß er nicht allein der Lebensspender war, sondern auch der Empfangende, er ahnte, daß die Liebe groß sei, die Liebe seiner Kinder zu ihm, doch auch seine Liebe zu den Kindern. Diese Ahnung verstärkte sich noch, als man ihn später dazu anhielt, die Zelle mit eigener Hand aufzuräumen.

Das erste Verhör dauerte geschlagene drei Stunden, bis ein Uhr nachmittags. Der Untersucher, der Giudice Istruttore, berührte die geschäftlichen Angelegenheiten nur ganz flüchtig. Alle Kraft und alle List legte er in ein kunstreiches Fragennetz, das Don Domenico nicht zu entwirren vermochte. Es werde ihm nichts geschehen, mit heiler Haut werde er morgen dieses Haus verlassen, nur möge er frei und offen bekennen, was er von der geheimen Loge »Il Risorgimento« wisse. Er starrte den Frager fassungslos an. Lag sein Leben nicht klar am Tage? Was wußte er, der Vater von sechs Kindern, von der Welt da draußen? Als Familienoberhaupt lebte er für seine schweren Sorgen und Pflichten. Der Istruttore aber war durchaus nicht gewillt, der lauteren Wahrheit zu glauben. Diese Rechtfertigungsart kannte er allzu genau. Die ursprüngliche Freundlichkeit des Richters, eines sehr kleinen, doch um so schneidigeren Mannes, wurde immer hinterhältiger und höhnischer. Don Domenico sann schwerfällig nach: Wie ist das? Warum sitze ich hier? Warum habe ich meine Ehre verloren? Damit mich dieser läppische Mensch Dinge fragt, die mir fremd sind, die mich nichts angehn? Und Lauro ist tot und Grazia. – Der Untersucher begann eine lange Liste von Namen vorzulesen. Er möge unter den Zitierten seine Freunde und Bekannten namhaft machen. Pascarella war viel zu erstaunt, um aufzufahren. Während der dauerhaften Verlesung schüttelte er nur den Kopf: Was heißt das alles? Der Feind bemerkte giftig:

»Sie nützen sich auf diese Weise nicht, Pascarella!«

Dieser zuckte zusammen. Seit seiner frühesten Jugend hatte niemand gewagt, ihm den Titel »Signor« zu entziehn. Die meisten nannten ihn sogar mit dem patriarchalisch wohlklingenden »Don«, eine Auszeichnung, die eigentlich nur großen Herren gebührt. Und jetzt? Zum Schluß wurde der Inquisitor wiederum äußerst liebenswürdig:

»Haben Sie irgend welche Wünsche?«

Domenico Pascarella senkte ein wenig den schweren Kopf:

»Ja, ich möchte meine Töchter sehn und sprechen!«

»Nun, mein Lieber«, triumphierte der Untersucher, dem eine List gelungen war, »das werden Sie sich verdienen müssen. Wenn Sie sich nicht gescheiter benehmen, werden Sie Ihre Töchter vielleicht nie wieder zu Gesicht bekommen. Die Liparischen Inseln haben schlechte Schiffsverbindungen.«

Nach dem Mittagessen, das Pascarella wiederum nicht berührte, wuchs die Begierde nach seinen Kindern in verzehrender Stärke. Ihm wurde unfaßbar bange. Lauro und Grazia waren in diese Bangigkeit eingeschlossen. Nun wurde der knarrende Zimmergang in Wirklichkeit zum Käfig-Rundlauf. Als der Advokat erschien, keuchte Don Domenico ihm entgegen:

»Was machen meine Töchter?«

»Die Älteste und die Jüngste sind operiert worden. Das wissen Sie doch?«

Der Vater setzte sich auf den Strohsack und glotzte den dicken Advokaten an, der ihn zu beruhigen suchte:

»Keine Angst! Ihr Schwiegersohn ist ein Prachtmensch. Er sorgt für die jungen Damen und wird auch Sie mit meiner Hilfe aus der Tinte ziehn, Signor Pascarella.«

Don Domenico begann mit beiden Fäusten rhythmisch die Stirn zu schlagen:

»Mein Schwiegersohn! Mein Schwiegersohn!«

Er wiederholte dieses Wort und diese Bewegung unaufhörlich wie ein Irrer. Der Anwalt versuchte, den Hergang des Verhörs zu erfragen. Er bekam keine Antwort. Mit diesem Mann war nichts anzufangen. Am besten wäre es – überlegte er –, sich von der Verteidigung zurückzuziehn.

Domenico Pascarella schlief in dieser zweiten Nacht keine einzige Minute. Er verlor seine Kinder, eines um das andere. Welche Krankheit hatte Annunziata befallen, daß sie operiert werden mußte? Und Iride? Vielleicht war Iride schon tot. Er entsann sich, daß der Advokat ihm etwas über die Art jener Operation mitgeteilt hatte, aber er konnte und konnte sich nicht erinnern, was es war. Gegen die Qual dieser Gedächtnislücke mußte die Hölle eine Erlösung sein. Sein starrer Körper unter der Decke wurde nicht warm, Stunde für Stunde. Er versuchte vergeblich die Beine zu bewegen. Das ist der Wahnsinn. Wie kann auch eine Menschenseele, eine einzige Vaterseele dies alles umfassen? Annunziata, Grazia, Iride, Placido, Lauro, Ruggiero. Damit er nicht ganz allein sei, damit wenigstens seine Stimme ihm Gesellschaft leiste, sagte er vor sich hin: »Lauro, Lauro, Lauro ...« Das Schiff aber mit Placido und Ruggiero versank im Meer, damit er wirklich ganz einsam zurückbleibe und nichts mehr denken müsse. Da war es ja noch ein Glück, daß man ihn verurteilen würde. Zum Tode! Gegen Mitternacht riß er sich von seiner Erstarrung los und rannte viele hundert Male durch die Zelle hin und her, was ihm wohltat und eine Art Ruhe brachte.

Mit dem nächsten Morgen aber stieg ein Tag des Zornes über Don Domenico auf. Der Untersucher empfing ihn mit einem wohlüberlegten Panthersprung:

»Ich werde mich von Ihnen nicht zum Narren halten lassen. Es ist erwiesen, daß Sie Ihre Gläubiger und Klienten betrogen haben. Da kann Ihr englischer Strohmann hundertmal für Sie bürgen. Betrug bleibt Betrug. Sie werden nichts zu lachen haben. Der Prokurator formuliert schon eine Anklage, die Ihnen in den Ohren gellen wird. Haben Sie geschossen oder nicht? Kennen Sie das Strafausmaß für versuchten Mord, eh?«

Don Domenico schwankte auf seinen todmüden Beinen. Der Gewaltige aber schrie:

»Zehn Jahre, ohne mildernde Umstände!«

Der gefangene Vater stützte sich mit beiden Händen auf die Kante des Schreibtisches. Da sauste es auf ihn nieder:

»Stehn Sie aufrecht vor mir! Ich werde Ihnen schon Respekt vor den Vertretern des Staates beibringen.«

Pascarella fand noch Kraft, seine Würde zu verteidigen:

»Wenn Sie mit mir schreien, rede ich kein Wort mehr.«

»Sie haben also doch ein Wort zu reden«, verbiß sich der Inquisitor, »ich rate Ihnen als Freund, reden Sie, reden Sie offen, decken Sie Ihre Verbindungen auf! Es ist das einzige, was Sie noch retten kann.«

Don Domenico preßte die Hand gegen sein Zwerchfell, das zu zerreißen drohte. Seine Stimme aber klang ruhig:

»Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, daß ich von all dem Gerede nichts verstehe. Was wollen Sie von mir? Gut, mein Revolver ist losgegangen. Aber das Gesindel hat mich ja um den Verstand gebracht.«

Der Istruttore, ein schneidiger Zwerg, sprang kreischend auf seine Füße:

»Fangen Sie wieder an? Ich warne Sie! Sie werden hier verwesen wie eine tote Ratte. Besinnen Sie sich eines Besseren! Ich habe schon einige Ihresgleichen zum Reden gebracht.«

Ein rascher Griff unter seine Akten, und er fuchtelte mit einem Brief in der Luft.

»Wissen Sie, was das ist? Ein Brief ist das, den Ihnen Ihre Tochter Grazia schreibt. Sehr wichtige Eröffnungen, sehr ernsthafte Bekenntnisse und Neuigkeiten! Gestehen Sie alles, und ich liefere Ihnen den Brief hier auf der Stelle aus.«

Don Domenico hob mit einer kindisch gierigen Geste die Hand und stöhnte:

»Bitte, geben Sie mir den Brief! Es ist mein Brief!«

»Sie sollen ihn haben. Zuerst aber gestehn Sie, wo Sie den Spätnachmittag des dreizehnten Novembers zugebracht haben! Sagen Sie die ganze Wahrheit über die Loge ›Risorgimento‹, über die Verschwörung gegen die fascistische Revolution ...«

»Meinen Brief!!«

Der gefolterte Vater packte den Arm, der ihm sein Lebensgut vorenthielt. »Abführen«, schrillte der schneidige Zwerg. Pascarella wurde mit kantigen Puffen aus dem Amtszimmer befördert und durch den langen Korridor vorwärtsgestoßen. Dann durchquerte er mit dem Justizsoldaten einen Hof, um in den anderen Flügel des Hauses zu gelangen, wo seine Zelle lag. Das Hoftor stand nun zufälligerweise offen, und draußen floß die Freiheit einer Vorstadtstraße gleichgültig vorüber. Es war wirklich kein Fluchtversuch, den der Häftling unternahm, sondern eine reine Reflexbewegung, ein Luftschnappen nach der Freiheit, ein stürmischer Schritt auf seine Kinder zu. Tatsache aber bleibt, daß er sich losriß und dem offenen Torbild entgegenlief. Ein Hieb mit dem Gummiknüttel warf ihn zu Boden.

Nach einigen Minuten fand er sich in der Zelle wieder. Aus seinem weißen unantastbaren Vaterhaupt wuchs eine widerliche Beule. Da grellte in einem übernatürlichen Blitzlicht die Schmach und das Elend auf. Er begann zu toben, das Letzte, was ihm übrigblieb. Mit Fäusten hämmerte er gegen die Wände, und aus seiner Gurgel fuhren lange Riesenlaute, die manchmal an Gesang erinnerten. Der Advokat, der sich zur selben Zeit eingestellt hatte, beobachtete mit den Aufsehern den Tobsüchtigen durch das Guckloch. Eine verdammt heikle Geschichte, dachte er. Der Mann dürfte recht haben. Mit Unzurechnungsfähigkeit wird er am weitesten kommen. Der Vater aber schrie zu Gott um die Gnade des Todes. Gott sandte ihm nicht den Tod, dafür jedoch ein schönes, schwer stillbares Nasenbluten. Domenico Pascarella beugte sich über den Boden und hatte eine seltsame Freude daran, daß sehr bald das Blutgetröpfel eine ziemlich große Lache bildete. Leicht und heiter wurde ihm ums Herz. Er legte sich hin. Sein Kopf mit der schmerzenden Beule wuchs und begann um die Achse des Schmerzes zu kreisen. Der Vater schloß die Augen. Da nahte etwas von allen Seiten. Ein holdes wisperndes Stimmengewirr. Seine Kinder alle. Er sah sie nicht. Doch sie bildeten eine unsichtbar körperhafte Menge, die süß zu seinem Lager strebte. Als er erwachte, war es schon spät geworden. Das letzte Licht hockte mit zusammengerafftem Gewand in der hohen Fensterscharte und starrte ihn an. Don Domenico bemerkte Silbergefunkel auf dem kleinen Tisch. Ein Tablett mit sorgsam bedeckten Terrinen, Schüsseln und Tellern. Daneben eine Flasche Wein im Kühler. Er hatte seit Tagen kaum einen Bissen zu sich genommen. Nun erhob er sich und versuchte, um seine Kräfte nicht zu verlieren, von Fisch, Fleisch und Wein ein wenig zu genießen, von diesen Speisen, die ihm Arthur Campbell auf feinem Geschirr zugesandt hatte, die aber bisher vom Untersuchungsrichter nicht durchgelassen worden waren. (Das gleiche Schicksal teilte übrigens die Pasticcia di maccheroni, die Grazia dem Vater täglich durch Giuseppe schickte.) Don Domenico aber unterbrach das Mahl schon nach wenigen Bissen und Schlucken. Vielleicht konnte sein Magen nichts mehr vertragen, vielleicht auch hatte er die Herkunft dieser Speisen erraten.

Der vierte Tag verlief ohne Vernehmung. Der Staat ließ Domenico Pascarella aus dem Rachen fallen wie ein Raubwild sein Beutetier, wenn es Jäger merkt. Der schneidige Zwerg von Untersuchungsrichter mußte vor seinem Vorgesetzten erscheinen und erhielt einen haushohen Rüffel für den aufgewandten Übereifer. Die ewige Verschwörungsriecherei und die eilfertige Zusammensetzung leerer Indizien beweise Unfähigkeit und füge der guten Sache nur Schaden zu. Es muß nicht eigens betont werden, daß diesem Hagelwetter die genauesten Erhebungen über Sein und Treiben Domenico Pascarellas vorausgegangen waren, die der Präfekt höchstselbst allenthalben pflegen ließ. Dabei hatte es sich herausgestellt, daß die Auffassung des Engländers zu Recht bestand: man habe einen Unschuldigen überfallen, die Schulden der Firma seien gedeckt, der Prinzipal habe sich niemals mit Politik befaßt und besitze sogar einen Waffenpaß für seinen Revolver. Als ehrenhafter Mann, der er war, beschloß der Präfekt, das Unrecht nicht ungestraft hingehn zu lassen. Der Urheber der ganzen Aktion, jener blaurasierte Wortführer, wurde in Parteidiensten in ein gottverlassenes Gebirgsnest versetzt.

Gegen fünf Uhr nachmittags trat der gar nicht mehr schneidige Zwerg kleinlaut in Pascarellas Zelle und überreichte ihm mit verlegenen Entschuldigungen Grazias Brief. Don Domenico hielt das Ölbild der Taube in Händen. Ein ganz unwirklicher Zustand hatte sich seiner bemächtigt, so daß er nicht einmal mehr die gute und fürsorgliche Behandlung merkte, die man ihm plötzlich angedeihen ließ. In seiner Zelle durfte die ganze Nacht Licht brennen und jede Stunde klopfte der Wärter, um sich nach den Wünschen des Herrn zu erkundigen. Er versuchte Grazias Brief zu lesen. Doch es gelang nicht. Seine Augen waren schwach geworden. Der alte Wärter mußte ihm seine Brille leihen. Und Don Domenico sah das erstemal das Leben seines Kindes nicht mit nackten Augen.

Grazia berichtete am Anfang von Annunziatas Blutopfer und von den höchst günstigen Folgen, die an Iride täglich deutlicher wahrzunehmen seien. Bei der heutigen Visite habe der Professor das Spiel für gewonnen erklärt. Dann erst kam Grazia auf sich selbst zu sprechen. Sie warf sich dem Vater zu Füßen und flehte um Gerechtigkeit und Verzeihung. Folgerichtig erzählte sie alles Geschehene. Ihre einzige Schuld, ihr einziger Betrug an Papa sei jenes Ballfest im Hotel Bertolini gewesen, das sie, ohne Erlaubnis und Wissen des Vaters, mit dem armen Lauro besucht habe. Warum sie das getan, könne sie heute nicht mehr sagen. Sie glaube aber von ganzem Herzen, daß es »la providenza divina« selbst gewesen sei, die sie an den wildfremden Ort geführt habe, um ihr den gütigsten und vornehmsten Mann zu schenken, den sie lieben werde bis zum letzten Atemzug. Es sei wahr, daß Arthur Campbell sie um eine beträchtliche Anzahl von Jahren übertreffe. Gerade dies aber erhöhe ihre Zärtlichkeit für ihn, obwohl sie offen bekennen müsse, daß sie niemals einen schöneren Mann und eine jugendlichere Gestalt gesehn habe. Das Wichtigste jedoch, Papa dürfe um Gottes willen niemals glauben, daß Arturo nach jener Ballbegegnung den ersten Schritt getan und aus eigenem Antrieb nach Neapel gekommen sei. Sie allein trage die Schuld, sie habe in ihrer Liebesverzweiflung einen Ruf nach London gesandt. Ohne diesen Ruf hätte sich Arthur Campbell ihr gewiß nicht wieder genähert, sondern wäre mit einer geographischen Expedition nach Tibet gegangen, um sie zu vergessen. Sie glaube aber nicht, daß er sie je hätte vergessen können, denn seine Liebe sei um nichts kleiner als die ihre. Jeder böse Gedanke, jeder häßliche Verdacht bedeute ein schweres Unrecht an Arthur Campbell. Trotz dem furchtbaren Morgen, an dem sie Papa verstoßen hatte, segne sie doch die Karte, die sie nach London geschrieben. Und Grazia gestand, daß nicht nur sie durch Campbell vom Tode gerettet worden sei, sondern daß auch Papa in seiner beweinenswerten Lage an Arturo einen Freund und Helfer gefunden habe, der alles opfere, um die Befreiung schon morgen oder übermorgen zu erwirken. Zum Schluß flehte Grazia noch einmal um Verzeihung dafür, daß sie den Vater in jener Karnevalsnacht hintergangen habe, und bat, nachdem er nun ihre ganze Schuld kenne, um ein besonnenes und gnädiges Urteil. Don Domenico hatte den ganzen Freitag lange Zeit (der fünfte Tag), sich mit Grazias Brief und den Worten Gerechtigkeit und Schuld zu befassen. Das Denken war wohl seine Sache nicht, ebensowenig wie Einsamkeit und Konzentration, doch es gibt ja eine Erhellung jenseits des Denkens und furchtbarer als alle logische Erkenntnis. Mit ungleichem Lichtgrad, in längeren Abständen und in jähen Blitzen kam diese Erhellung über ihn. Sie erwies sich weit grausamer als der schneidige Zwerg von Inquisitor. Daß ihm seine ganze Lebenstätigkeit auf einmal erbärmlich vorkam, das war noch nicht das Ärgste. Viel unerträglicher benahm sich der Jurist, der in dem Gemüt des Vaters auftauchte und ein zudringliches Verfahren eröffnete. Ungeahnte Verknüpfungen wurden bloßgelegt. Die Ereignisse hielten einander an der Hand. Sein Verhalten zu Battefiori und Battefioris Verbrechen. Wozu hatte er Kontoblätter rastriert und so lange Jahre sich durch die Schmeicheleien des Schurken einwiegen lassen, statt dem Schurken auf die Finger zu sehn? Erhellung: Durch sein leichtsinniges Verhalten hat er Battefiori ins Verbrechen getrieben. Die Gemeinschaft mit Avvocato Gnolli entschleierte sich als eine unbegreifliche Parallelschuld. Auch die Rache der herrschenden Partei zeigte nun ein anderes Gesicht. Hatte er seinem Sohn Ruggiero nicht verboten, in die Jugendorganisation einzutreten, und dies nicht etwa aus politischer Gesinnung, sondern aus Wut und Hochmut? Trug er also nicht selbst die Schuld an dem Verdacht der Obrigkeit, der ja, was seine Geschäftsgebarung anlangt, durchaus berechtigt war? Erhellung: Hat ein Mensch das Recht, so zu leben, als gäbe es keine Welt außer ihm und seiner Familie? Ohne das Vorspiel mit Ruggiero und der Avanguardia hätte Gnolli niemals einen Erfolg mit seiner Denunziation gehabt. Eines entwickelte sich folgerichtig aus dem andern und immer stand er selbst am Anfang der verhängnisvollen Kausalität. Nun erschien ihm auch die Haft, die Verhörsfolter, ja selbst der Hieb mit dem Knüttel nicht mehr als pure Mißhandlung. Er war ein betrügerischer Bankrotteur und hatte das Mißtrauen des Staates verdient. Warum sollte es ihm anders ergehn als anderen? In seinen Ahnungen näherte sich der Vater einer Wahrheit, die sein junger Sohn Placido in seinen Aufzeichnungen folgendermaßen gefaßt hat: »Leben nennt man die Kunst, auf seinem Irrtum und Unrecht eitel zu verharren. Wer es erkennt, erkennt es nicht mehr, denn das ist der Tod.« All diese Ahnungen spielten jedoch nur in einem Vorraum. Die innersten Erhellungen Don Domenicos galten weniger der Gerechtigkeit, die er an sich erfahren, als der Gerechtigkeit, die er selbst geübt hatte. Er lag auf dem Strohsack ausgestreckt. Doch immer wieder raffte er sich auf, um Grazias Brief zum zehnten und zwanzigsten Male zu lesen. Sein zermürbtes Hirn war nicht fähig, den Sinn der Zeilen in ihrer Reihenfolge zu fassen. Er las einige Worte, dann ließ er den Brief sinken, starrte zum Fenster empor oder lief in gewohnter Weise um den Käfig. Welch ein Gedränge! Die Zeit war umgestülpt. Ältestes und jüngst Vergangenes rührte ihn an und hauchte ihm ins Genick.

Ja, er ist mit Annunziata auf dem einzigen Ball ihres Lebens. Die Steifheit der Tochter ärgert ihn. Andre sind hübscher. Wenn sie ihm ängstlich die Augen zuwendet, funkelt er sie böse an. Schon um zehn Uhr wird es ihm zu bunt. Auf, komm nach Hause! Daheim soll sie ihm dienen. Sie braucht kein eigenes Lebensglück. Wer soll sich um ihn kümmern, wenn er alt ist? – Draußen klopft es leise. Giuseppe tritt in sein Schlafzimmer: Alle Bücher und Schriften, die du auf Placidos Tisch findest, hast du mir vorzuweisen, verstanden? Ich werde dem Burschen die Einbildung schon versalzen. Er steht höher als ich, und das kann ich nicht dulden. – Was, Lauro will zeichnen lernen, Grazia singen und er zeichnen? Habe ich singen gelernt? Und so geht es weiter. Ein Ereignis löst das andre ab. Ruggiero erhält Ohrfeigen für seine sportliche Betätigung, und Iride wird eingesperrt, weil sich Giuseppe über sie beklagt. Die Szenen nehmen kein Ende. Des Vaters Erinnerung ist aufgeschlitzt, und das Begrabene quillt hervor. Don Domenico taumelt gegen die Wand. Eine Erhellung, schrecklicher als alle andern: Lauro ist durch mich gestorben. Er hat keinen Beweis dafür, aber er braucht auch keinen, denn tief in ihm ist das grelle Wissen da, von dem er blind wird. Er beschleunigt seinen Umlauf. Während er sich bisher ganz lautlos bewegt hat, entringt sich nun ein leiser, jammernder Ton seiner Kehle. Er setzt nicht aus, nicht schwächer werdend und nicht stärker, dieses geschlagene Winseln. Viel später erst – mittlerweile bricht die Finsternis ein – zerbricht die Klage in ein Geflüster. Es besteht aus einem einzigen Wort, das sich von des Vaters Mund unaufhörlich löst: »Engel, Engel, Engel, Engel ...«

Seine Beine können nicht mehr weiter. Ein süßes Schwäche- und Fiebergefühl steigt in ihnen auf. Er schleppt sich zum Bett und wirft sich auf den Strohsack. Sogleich umklammert ihn hold die Todesermattung. Der Raum wird weit. Papa muß auf seine lieben Kinder nicht lange warten. Und sie sind nun wirklich Kinder, in jenem unfertigen Alter, in dem alle Väter und Mütter ihre Kinder abgöttisch lieben. Keine jungen Männer, sondern Knaben zwischen acht und zwölf, keine jungen Frauen, sondern kleine Mädchen, und Iride, die auf Annunziatas Schoß sitzt, fast noch ein Säugling. Papa erkennt nach und nach, daß die Gruppe der Kinder in einem Boot auf ihn zukommt. Diese Vergnügungsbarken werden in dem kleinen Hafen am Castello dell'Ovo vermietet. Ja, einmal vor sehr langer Zeit hat er den Seinen einen solchen Ausflug vergönnt. Es ist aber kein Schiffsmann an Bord, und Lauro, der wunderschöne Junge, lenkt das Fahrzeug, indem er rhythmisch eine lange Stange in die Tiefe stößt. So kommt man im Meer nicht vorwärts, denkt Papa. Doch es ist ja gar kein Meer da, sondern etwas Graues, und er weiß genau, daß er nicht am Geländer der Via Partenope steht, sondern auf seinem Gefängnisbett liegt. Dennoch glaubt er die Arme auszubreiten, damit ihn seine Kinder sehn: Hier bin ich! Hier bin ich! Sie bemerken ihn, geben aber keine Antwort. Hellgekleidet und fröhlich gleiten sie an ihm vorbei: Hierher! Hier bin ich! Hier müßt ihr anlegen! Da weht es kaum vernehmbar zu ihm herüber:

»Nein, Papa.«

Er bleibt die ganze Nacht mit offenen Augen liegen.

Am nächsten Tag hingegen – es war der sechste – blieben seine Augen geschlossen. Das Herz schlug fast erloschen aber ruhig. Jetzt dachte er nicht einmal mehr an seine Kinder. Auch die Freiheit war ihm gleichgültig geworden. Er sehnte sich aus diesem Haus nicht fort. Mögen sie ihn gefangen halten bis zum Tode, er wird daliegen und schweigen. Die langsamen Sekunden zogen unsichtbare Fäden aus seinem Hirn und umwirkten ihn mit narkotischer Verpuppung. Und so wurde in Don Domenico ein neuer Mensch geschaffen, der dann am nächsten Morgen um elf Uhr das Gefängnis verließ. Dieser neue Mensch war aber ein sehr alter Mann.

 

Vor dem ominösen Tor wartet ein schönes Auto, von Arthur Campbell gemietet, um Domenico Pascarella abzuholen. Giuseppe steht am Schlag. Er hat sich in den letzten Tagen bewunderungswürdig herausgemausert. Sogar seine Augenlider kann er wieder zur Not auf- und zuklappen. Mit Verachtung blickt er auf den »Hexenschuß« zurück, der an ihm zuschanden wurde. Als Don Domenico aus dem Haus tritt, begrüßt er ihn mit dem gewohnten »Riverisco, Eccellenza«, öffnet den Schlag und gibt durch keine Miene zu erkennen, daß er diesen Tag etwa für einen ungewöhnlichen Tag hält und dieses Haus für ein ungewöhnliches Haus. Ohne daß der Herr den Mund auftut, fährt man in die Via Concordia. Dort hat Giuseppe ein Bad und einen Imbiß vorbereitet. Don Domenico betritt seine Wohnung wie immer. Sein Schritt hat den gleichen Klang wie vor sieben Tagen. Doch sein Gesicht ist eingeschrumpft, braungelb und ein weißer Greisenbart umrandet es stachlig. Er läßt sich Zeit. Das Bad dauert lange. Nachher versucht er, sich zu rasieren. Doch seine Hände zittern zu sehr, um das Messer zu führen. Er läutet dem Diener. Aber auch Giuseppes Hände taugen zu allem anderen eher, als zu diesem gefährlichen Geschäft, da sie zeitweilig von einem unbeherrschten Zucken befallen werden. Der Barbier von nebenan muß die Wiederverwandlung des Heimgekehrten in ein fragwürdiges Abbild seines früheren Selbst besorgen. Dann kleidet sich Don Domenico an, so gut es geht, und verzehrt in der Sala da pranzo sein Frühstück mit jener finsteren Versunkenheit, die Giuseppe schon seit Urzeiten an ihm kennt. Zwei Fragen nach dem Befinden Annunziatas und Irides, ein Blick auf die Post, ob sich keine Nachricht von den Söhnen darunter befinde, das ist alles. Als er dann – mehr als eine Stunde ist vergangen – das Haus verläßt, schenkt er dem wartenden Auto keine Beachtung und schlägt, unsicheren aber gleichmäßigen Schrittes, den Weg zum Hospital ein. Giuseppe muß den Wagen mit einem verborgenen Wink dem Auftraggeber ins Hotel zurücksenden.

Die Schwestern harren des Vaters mit Sehnsucht, doch auch mit Furcht und Zittern. In einer kurzen Frist wird sich ja alles entschieden haben. Der Empfang ist sorgfältig organisiert worden. Vorerst werden nur Annunziata und Iride im Zimmer sein. Grazia will erst eintreten, wenn ihr das Gefühl zuruft, jetzt ist es Zeit. Indessen stehn sie, Grazia, Arthur Campbell und der alte Kassier, als Horchposten verteilt auf Gang und Treppe, um die Meldung von Papas Ankunft blitzschnell weiterzugeben. Annunziata und Iride sind außer Bett. Die ersten Merkmale der Rekonvaleszenz sind an Iride nicht zu verkennen. Sie ist zwar immer noch tief blaß, doch ihr Gesicht zeigt nicht mehr die vergilbte Papierfarbe der letzten Monate. Ihre Mattigkeit hat einer fahrigen Unrast Platz gemacht, die durch die Erwartung der großen Stunde noch gesteigert wird. Annunziata sieht viel leidender aus als Iride. Doch es ist nicht die Erschöpfung durch den Blutverlust, der in ihre Augen den ruhig starren Ausdruck einer Schwerverwundeten legt.

Ein lauter, hastiger Schlag an die Tür. Das Zeichen! Annunziata und Iride springen auf. Sie tragen jede einen langen blauen Kittel, der ihnen das steife Ansehn von Gestalten auf mittelalterlichen Bildern gibt. Ein sehr alter Mann tritt ins Zimmer. Es vergehn einige laute Herzschläge, ehe die beiden Töchter »Papa« rufen. Iride fliegt ihm in die Arme. Alle Scheu der Vergangenheit ist vergessen. Sie drückt ihn mit aller Kraft an sich, sie küßt ihn. Es ist das erstemal in ihrem Leben. Doch während sie ihn küßt, erschrickt sie bis in den Grund des Herzens. Was ist mit Papa geschehn? Es ist nicht mehr Papa. Auch der Vater erwidert die Liebkosung des Kindes mit großer Inbrunst. Dann streckt er den freien Arm aus und zieht Annunziata an seine Brust. Und in dieser dreieinigen Umschlingung verharren sie lange. Annunziata bemerkt, daß des Vaters Antlitz immer mehr verfällt und aschgrau wird. Sie schiebt eilig einen Stuhl ans Fenster. Schweratmend und mit versagenden Knien strebt der alte Mann dem Sessel zu, dreht ihn aber um, damit er gegen das Licht zu sitzen komme und nicht deutlich gesehn werde. Rechts und links knien Annunziata und Iride in ihren langen blauen Kitteln zu ihm nieder. Es wird nur wenig geredet. Papa stellt mit scheuer Stimme die wichtigsten Fragen nach Eingriff, Heilverlauf und ärztlicher Voraussage. Die Mädchen wollen ihn durch die Versicherung erfreuen, daß die Blutübertragung Wunder gewirkt habe und Iride in wenigen Wochen vollkommen genesen sein werde. Er starrt unablässig auf die Tür. Denn sein Herz ist voll von Grazia. Doch er bringt es nicht fertig, ihren Namen auszusprechen.

Als sie dann im Raum steht – unhörbar ist sie hereingeschlüpft –, erhebt er sich und wendet sich ab. Sie wagt kein Schrittchen weiter ins Zimmer:

»Hast du meinen Brief gelesen, Papa?«

So gern möchte er zu ihr sprechen, sie mit streichelnder Hand berühren. Es geht nicht. Er kann nicht. Ihre Stimme klingt wie erwürgt: »Hast du mir denn nicht verziehn, Papa?«

Noch immer formt sich kein Laut in seiner Kehle. Er will sich ihr wenigstens zukehren. Doch auch dies gelingt nur zur Hälfte. Grazia sieht die eingefallene Wange, das zerrüttete Profil, die gebeugte Gestalt ihres Vaters:

»Sei gerecht ... zu mir ... Papa ...«

Während dieser Minuten preßt draußen Arthur Campbell sein Ohr an die Tür, um zu lauschen. Er bemerkt die spöttischen Blicke der Vorübergehenden nicht. Ihm ist so bange um Grazia. Kein Wort hört man. Im Zimmerchen herrscht eine unheilvolle Stille. Da setzt er eine Grenze: Ich werde bis zehn zählen. Noch immer nichts. Länger hält er es nicht mehr aus. Er nimmt einen Anlauf, als müsse er in schwarzes Wasser springen, und tritt polternd ein:

»Hallo, Signor Pascarella, es freut mich, daß Sie wieder hier sind.«

Er klingt lächerlich falsch, dieser rauhe vertrauliche Ton, den ihm die Verlegenheit eingibt. Eine ungeschicktere Begrüßungsart hätte Campbell nicht wählen können. Der Vater stiert den Fremden entsetzt an. Dann erwacht in ihm noch einmal der alte Don Domenico und bäumt sich auf. Er reckt seine kleine Gestalt hoch und schiebt den Unterkiefer vor:

»Ich muß mich fügen, da Sie mich ja gekauft haben.«

Arthur Campbell versteht diese Worte lange nicht. Nur das feindselige Gesicht des Alten dort sieht er, den er vor dem Untergang gerettet und aus dem Gefängnis befreit hat. Mit einem Male aber wird ihm die Bedeutung des niederträchtigen Satzes klar. Jetzt versteht er. Durch seinen Körper geht eine aufhüpfende Bewegung. Er senkt den Kopf, ballt die Fäuste vor der Brust und tritt langsam auf Pascarella zu, den er mit blaugefrorenen Augen mustert, als suche er die beste Stelle für den Hieb, der alles erledigt. Es dauert eine Weile, bis sich seine Fäuste entkrampfen und er die richtige Antwort findet:

»Ja, das stimmt! Aber ich habe mit allem bezahlt, was ich besitze.«

Domenico Pascarella kann dem Blick des Fremden nicht standhalten. Er dreht seinen Kopf weg, mit der kläglichen Bewegung eines Angeklagten. Seine Schwäche und sein Elend überfällt ihn. Doch die peinigende Stimme, die in der Haft erwacht ist, mahnt: Was tue ich, was rede ich? Was dieser da für mich getan hat, ist ohne Beispiel. Ich muß doch ein Wort sagen, ich muß ja danken. Es geht ihm wie einem trotzigen Kind. Lahm und dick lastet die Zunge im Mund.

Da aber ist Irides Zeit gekommen. Ihre Wangen, seit Monaten farblos, beginnen zu brennen. Sie packt Papas Faust mit der rechten, Arthurs Faust mit der linken Hand und beginnt beide zueinander zu zerren. Dabei macht sie gar nicht den Eindruck, als übe sie ein Versöhnungswerk, sondern sie keucht mit zusammengebissenen Zähnen wie ein wilder Range bei einer ungezogen -ehrgeizigen Arbeit, die seine Kräfte übersteigt. Annunziata und Grazia rufen Papa beschwörend an. Zuerst öffnet sich Campbells Hand, dann die Hand Pascarellas, dem der heiße Druck von Irides Fingern schmerzlich wohltut. Und im nächsten Augenblick ist ihre Tat gelungen. Doch was jetzt geschieht, hat niemand erwartet. Papa, der Arthurs Rechte noch festhält, weicht einen Schritt zurück, ertastet den Stuhl und läßt sich niederfallen. Alle blicken ihn mit erschrockener Spannung an. Ein ungeheurer Kampf wirft ihn hin und her. Die Töchter drängen sich mit Angstschreien an seinen krampfgeschüttelten Körper. So sieht der Tod aus, das Sterben. Er lehnt sich weit zurück und läßt den Kopf nach hinten hängen, als könne er anders keine Luft bekommen. Ist es aber ein Wunder, daß jemand einem Sterbenden gleicht, der nach mehr als fünfzig Jahren das erstemal wieder weint? Es fängt mit einem Röcheln an, das in röhrende Töne übergeht, dann beginnt der feste Rumpf zu schlingern und zu stampfen wie ein gefährdetes Schiff. Doch die Erlösung der Tränen kommt ganz zuletzt. Don Domenico weint. Der Vater weint. Niemand noch hat diesen Vater weinen gesehn. Ist es anders denkbar, als daß sein ungeübtes, ungefüges Weinen die Töchter aufwühlt bis ins Leben ihres Lebens? Annunziata und Grazia weinen fassungslos laut, und auch Arthur, von seiner Liebe mitgerissen, muß seine Augen bedecken. Nur die Jüngste weint nicht.

Denn es spiegelt sich in all diesen Tränen nicht ohne Eitelkeit Iris, die den neuen Bund gestiftet hat.

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