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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 15
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Vierzehntes Kapitel
Der Retter am Ende des Weges

Tage der Brände, der Erdbeben und Springfluten sind erfüllte Tage. Gott läßt den Menschen im Schmerz und in der Not nicht zu sich kommen. Alle Tätigkeit ist von der Schöpfung als Narkotikum gedacht, womit sie das welteingeborene Leiden der Kreatur betäuben will. Im zertretenen Termitenhaufen wimmelt es am emsigsten. Das Thermometer des Tatglaubens steigt gleichmäßig mit dem Fieber des Leidens. Tat und Arbeit bedeuten Flucht und nicht Geist. Darum sind sie nicht das Höchste. Höher als sie ist die Hingabe an das Leben. Wer aber besitzt diese seltenste aller Kräfte, die Kraft der Hingabe?

Die Kraft Don Domenicos war anders gerichtet. Er hoffte! In den beiden folgenden Tagen ohne Nachricht hoffte er von Stunde zu Stunde glühender. Ach, wären es nur Tage des Brandes, des Erdbebens, der Springflut gewesen, in denen alles Tun und Lassen durch eherne Notwendigkeit vorgezeichnet ist! Aber es waren Tage der schleppenden Ungewißheit, freilich nur für den Vater und nicht für die Schwestern. Wieder einmal zeigte es sich, daß die weibliche Seele weit weniger illusionswillig ist als die männliche! Für die beiden Mädchen, die schlaflos gespenstisch durch die Räume schlichen, war alles schon entschieden, sie brauchten keinen letzten Beweis, das Telegramm des dreizehnten Novembers hatte die ganze Wahrheit verraten, sie betrachteten verständnislos den Tumult von Hoffnung und Geschäftigkeit, in den sich Papa stürzte.

Der Giulio Cesare ging nicht am Mittwoch ab, sondern erst am Sonntag, ein unglücklicher Umstand, gegen den sich nichts unternehmen ließ. Don Domenico durchstöberte alle Fahrpläne und Schiffsprospekte der einzelnen Reedereien nach schnelleren Möglichkeiten einer Brasilienreise. Es gab keine. So ließ er sich denn für das Zwischendeck des Giulio Cesare vormerken. Kein Selbstbetrug. Er nahm seine Reiseabsicht bitter ernst und begriff das schlaffe ungläubige Verhalten seiner Töchter nicht. Waren sie wirklich fest überzeugt, daß es so schlimm stand? Konnte sich Lauros Krankheit nicht gestern oder heute schon gebessert haben? Er hatte vor zehn Stunden nach Rio und São Paulo gekabelt, an Eccheverria, an Placido und an das Instituto Butantan. Nun, Antwort war noch nicht eingetroffen. War das nicht schon ein gutes Zeichen? Es bewies jedenfalls, daß sie dort drüben das Ärgste nicht zu berichten hatten. Solange das Wort »Tod« nicht unwiderruflich gefallen war, konnte ihm niemand und nichts die gute Zuversicht verwehren. Warum auch? Ein junger Mensch! Neunzehn Jahre! Ein geschmeidiger Körper, frisch, noch mit allen Widerstandskräften gewappnet, so leicht war dem nicht beizukommen. Im Kriege wars anders gewesen. Aber jetzt gab es keinen Krieg, keine Minen und Granaten, und Lauro war schließlich aus seines Vaters Holz gemacht. Von der Tuberkulose seiner Mutter hatte er, nach Doktor Platanias mehrmaliger Versicherung, die Anlage nicht geerbt. Eine schwere Krankheit, gut! Doch welche Krankheit ist so schwer, um ein junges Lebenslicht auf der Stelle auszublasen? Typhus, gelbes Fieber, selbst Cholera, jeder Krankheitsverlauf braucht seine Zeit. Sofort stirbt man nur an Hirnschlag oder Herzlähmung. Dazu aber muß man schon ein älterer Mensch sein, zumindest so alt wie er, Don Domenico. Auch schwere Krankheiten können bekanntlich zwei Wege nehmen, entweder den guten oder den schlimmen. Warum soll denn gerade sein Kind, der Sohn eines Domenico Pascarella, auf den schlimmen Weg geraten? Das ist sogar, wenn er seinen tiefsten Überzeugungen trauen darf, vollkommen ausgeschlossen. In dieser seiner tiefsten Überzeugung ist er, Don Domenico, noch immer der Auserwählte, der zwar als Opfer eines Schurken schweres geschäftliches Mißgeschick gehabt hat, dem aber im eigentlichen und wesentlichen Leben nichts zustoßen kann. Er wird bald sterben – daran ist ihm nichts gelegen –-, aber in seiner letzten Stunde darf keines seiner Kinder fehlen. Zu diesem Zwecke werden Lauro und Iride gesund werden, Iride und Lauro. Das hält er für sicher und abgemacht, als bestehe ein Vertrag darüber zwischen Gott und ihm. Der Inbegriff aller Vaterschaft dort oben kann doch, was Don Domenico anbelangt, nicht gegen sein eigenes Interesse handeln.

Papa verfluchte jetzt die zurückgebliebene Technik seiner Zeit. Gäbe es schon einen interatlantischen Flugverkehr, könnte er morgen bereits in Brasilien sein, dann würde gewißlich alles mit einem Schlage gut werden. Er war der allmächtigen Kraft des Vatereinflusses so sicher, daß er seiner Ankunft die Verwandlung ganz Brasiliens zutraute. Selbst das tropische Klima würde sich furchtsam mäßigen, wenn er landete, um seinen Sohn zu erlösen. Inzwischen ließen ihm die Reisevorbereitungen keinen Augenblick freie Zeit. Er lief von Amt zu Amt, kämpfte erbittert gegen die Paßschwierigkeiten, ordnete in der Azienda das Nötigste für seine Abwesenheit an und fand sogar noch die Kraft, eine Menge der laufenden Arbeit zu erledigen. Gänzlich ratlos stand er nur den gekündigten Wucherkrediten gegenüber. Er überlegte, ob er nicht noch rasch vor der Abreise die Angelegenheit dem angesehensten Rechtsanwalt Neapels in die Hand legen solle. Giuseppe wurde umhergehetzt. Er mußte ununterbrochen dem Herrn zur Verfügung stehn und sein Tagesquartier unten im Straßenladen aufschlagen. Vier- oder fünfmal zu jeder Tageszeit schickte ihn Don Domenico nach Hause, ob Nachricht aus Brasilien gekommen sei. Jetzt rächte sich jener Neuerungshaß, der es immer verschmäht hatte, die abgeschlossene Häuslichkeit durch ein Telephon mit der feindlichen Welt in Verbindung zu setzen. Der alte Diener sah grau-gelb aus und kam auf immer krummeren und müderen Beinen angetrabt, unterließ aber auch jetzt das Zeremoniell nicht:

»Eccellenza wünscht Auskunft wegen Brasilien.«

Als jedoch die drei Kabeldepeschen dann wirklich eintrafen, war Giuseppe nicht zur Stelle. Annunziata und Grazia standen in der Küche. Es läutete. Sie sahen sich aus hohlen entzündeten Augen an, die alles wußten. Merkwürdig war es, daß sie erst lange einen Bleistift suchten, um die Empfangsbestätigung zu unterschreiben, und Grazia in ihr Zimmer ging, um eine Trinkgeldmünze für den Briefträger zu holen. Dann erst traten sie dicht zueinander, um die Telegramme zu öffnen. Das erste kam vom Generalkonsul Eccheverria und war nichts als eine herzlich gehaltene Kondolenz. Das zweite, von den Brüdern gesandt, enthielt folgenden Satz:

»Wir haben heute unseren armen Lauro begraben.«

Das dritte, ausführlichste, stammte von Doktor Pereira, Lauros Vorgesetzten, und lautete:

»Lauro Pascarella am zwölften November elf Uhr nachts verschieden. Ob Unglücksfall oder Selbstmord unaufgeklärt, da er nicht mehr Auskunft geben konnte. Entfernte sich mit giftigem Schlangenbiß vom Institut, ohne ein Wort zu sagen und Serum zu fordern. Bei Auffindung war es trotz allen Gegenmitteln zu spät. Beklage untröstlich mit Ihnen den Verlust meines lieben jungen Freundes.«

Die Schwestern blieben in gleicher Haltung stehn und starrten auf den überkochenden Suppentopf. Im Dampf schienen sie unendlich Wichtiges zu lesen. Sie schrien nicht auf, sie weinten nicht, kein Wort über Lauro fiel. Nur Grazia bog plötzlich den Oberkörper ab, tief, und stemmte die Hände gegen den Leib, als zerreiße ein ungeheurer Schmerz ihre Eingeweide. Ihr erstes Wort war:

»Placido und Ruggiero müssen zurück. Sofort! Mit dem nächsten Schiff!«

Annunziatas Blick las immer noch im Suppendampf:

»Sie werden zu dir zurückkommen ...«

»Papa muß sogleich Geld hinüberschicken ... Ach, das dauert zu lange ... Alles dauert zu lange ...«

Sie setzte sich auf den Schemel und senkte den Kopf beinahe bis zu den Knien. Annunziata hingegen machte einen unnatürlich gefaßten Eindruck. Sie war es auch, die jetzt den Topf vom Feuer schob:

»Ich bitte dich, Graja, sorge für Papa und gib auf das Mittagessen acht!«

»Das Mittagessen?«

Grazia hob verständnislos den Kopf und suchte Annunziatas Blick, der aber nicht zu finden war:

»Ich muß nämlich jetzt gehn, Graja ...«

»Du willst gehn? Und ich soll allein bleiben? Was fällt dir ein?«

»Sei mir nicht böse, Graja, aber ich muß jetzt wirklich gehn. Es ist sehr dringend ...«

»Ach so? Zu Iride ...«

»Vielleicht ... Natürlich werde ich auch zu Iride gehn ...«

»Aber bitte komm pünktlich zurück, Zia! Ich kann mit Papa nicht allein sein ...«

Annunziata krampfte ihre Hände ineinander und hielt sie Grazia flehend entgegen:

»Ich bitte dich um ein sehr großes Opfer, Graja. Ich möchte mittags nicht zu Hause sein. Verzeih! Hilf mir! Ich habe eine Unterredung. Du wirst alles erfahren. Sei nicht böse und hilf mir, Graja! Ich kann nicht mehr. Bring mir um Gottes willen das Opfer! Bleib diesen Tag allein!«

Es war noch nie vorgekommen, daß Annunziata, die alle Lasten, Arbeiten, Vergehungen der Geschwister immer auf sich genommen hatte, je einen eigenen Wunsch aussprach, und so verzweifelnd flehend noch dazu. Grazia nickte, obgleich sie nicht wußte, wie sie die nächsten Stunden werde ertragen können:

»Bitte, Zia! Wenn es nicht anders geht. Aber ich beschwöre dich, komm nach Hause, sobald du nur kannst!«

Annunziata kniete neben Grazia nieder und legte ihr wortlos die eisige Wange ans Gesicht, eine wehe Liebkosung, etwas, das sich zwischen den Schwestern noch nie ereignet hatte. Als sie sich erhob, wankte sie, bezwang aber die Schwäche sogleich:

»Ich danke dir, Graja! Und noch eins. Iride darf wie bisher nichts erfahren. Das ist ja klar. Es wäre vielleicht nicht wieder gut zu machen. Wir müssen alle die Kraft haben, in ihrer Gegenwart zu schweigen.«

»Welche Kraft noch?« höhnte Grazia und senkte wieder den Kopf bis zu den Knien.

Etwas in ihr mahnte zwar, der Schwester ins Vorzimmer zu folgen. Sie blieb aber festgebannt auf ihrem niedrigen Schemel sitzen. Und so erfuhr auch sie nicht, daß Annunziata, bevor sie das Haus verließ, leise in die Stanza della Mammina ging, dort sinnend mehrere Minuten verweilte und dann, nach einem raschen Abschiedsblick, die Tür des Zimmers der Toten zweimal versperrte und den Schlüssel mit sich nahm.

Verlassen in der großen Wohnung, fürchtete sich Grazia viel mehr noch vor Papas Heimkehr als vor der Einsamkeit. Wie schrecklich war es, mit leeren Händen dazusitzen! Sie erhob sich und begann zu hantieren. Der Schmerz in der kleinsten Gemeinschaft erschafft sich eine Haltung und Form. In der Einsamkeit läuft er auseinander wie vergossenes Wasser. Der Mensch ist nicht fähig, ihn zu sammeln. Ein laues Elend schweifender Nebengedanken ergreift ihn. Auch Grazia war nicht fähig, ihren Geist auf Lauros furchtbaren Tod zu konzentrieren und auf die Gefahr, in der sie Placido schweben fühlte. Ihre Hände zogen Tischtuch, Servietten, Geschirr und Besteck aus dem Schrank. Sie deckte mit hingebungsvoller Sorgfalt den Tisch für zwei Personen. Dann hob sie die Todesdepeschen vom Küchenboden auf, trug sie in die Sala da pranzo und legte sie auf Papas Teller. Nun ging sie in Placidos Zimmer und blieb mit geschlossenen Augen am Schreibtisch sitzen. Es verging vielleicht eine halbe Stunde, ehe sie die Schublade öffnete und das Paket mit den abgeschriebenen Blättern herausnahm. Sie hatte es vor vielen Wochen schon mit einem mädchenhaft blauen Band zugebunden. Jetzt aber bog sie es zusammen und stopfte es mühsam in ihr Täschchen. Für alle Fälle, dachte sie, ohne eine Vorstellung dieser Fälle zu haben. Jene Verlorenheit, von der schon gesprochen worden ist, drang langsam in alle Ritzen ihres Wesens wie ein nebliges Element. Sie trat vor Placidos Spiegel und sah sich tiefverwundert an, als sei es durchaus keine einfache Sache, sein Gesicht mit sich selbst zu identifizieren. Auf dem Waschtisch fand sie eine kleine Schachtel mit Rasierklingen, die der vergeßliche Placido liegen gelassen hatte. Sie sah sich furchtsam nach allen Seiten um, ob sie nicht jemand Unsichtbarer beobachte, und steckte mit rascher Diebslüsternheit auch diese Schachtel in ihre Tasche. Als aber Don Domenicos und Giuseppes Heimkunft im Treppenhaus vernehmbar wurde, fuhr sie wie eine Rasende in die Küche zurück und preßte sich mit entsetzensstarren Augen in einen Winkel.

Sie hörte Papas Schlüssel, sie hörte sein Eintreten, sie hörte die Aufträge, die er Giuseppe für den weiteren Tagesverlauf erteilte, sie hörte, wie er die Tür der Sala da pranzo hinter sich zuwarf. Noch wußte er nichts. Dann war es still. Mit vorgebeugtem Kopf wartete sie minutenlang auf das Schreckenszeichen, auf den rauhen Aufschrei im Zimmer. Nichts. Da goß sie vorsichtig die unfertige und kaltgewordene Suppe in die Terrine, stellte sie auf das Tablett wie immer und trug sie, da Giuseppe wahrscheinlich in Papas Zimmer zu tun hatte, eigenhändig in die Sala.

Don Domenico saß am Tisch und hatte die Todesmeldungen neben sich liegen. Ohne schärfer hinzusehen, hätte Grazia meinen können, Papa warte nachdenklich und gefaßt aufs Essen. Erst als sie näher kam, merkte sie, daß es ihm in der Brust heiser keuchend arbeitete und daß sein Atem jagte. Dennoch schöpfte sie die Suppe in seinen Teller, stumm, als sei der Alltag stärker als der Tod. Er wendete ihr blasse, fast fischhafte Augen zu und erkannte sie. Röchelnd machte er eine greifende Bewegung mit den Armen nach ihr. Sie wich zurück. Er aber krampfte beide Hände ins Tischtuch, um sich aufzuziehn. Auf dem Boden zerscherbten Teller und Gläser. Sein Stuhl fiel um. Und das Entsetzliche jetzt. Papa stieß ein langes unmenschliches Gebrüll aus, das Gebrüll eines Tieres, das es nicht gibt. Aus demselben mächtigen Brustkasten, aus dem einst der herrliche Gesang gedrungen war, vor dem man zusammenschauern mußte, erhob sich nun das heulend unmenschliche Aufbrüllen. Grazia hatte sich bis zum Fenster zurückgezogen und betrachtete den Vater. Sie selbst war voll Staunen über die Kälte ihrer Seele in diesem Augenblick. Hätte sie nicht die Macht gehabt, Papa von dem Dämon zu befreien? Auf ihn zustürzen, ihn umarmen, ihn an sich pressen, durch die eigenen Tränen ihn zum Weinen erlösen! Sie hatte keine eigenen Tränen, sie konnte ihn nicht umarmen, nicht ein Wort, ja nicht einen Laut brachte sie heraus, um ihn zu befreien. Sie beobachtete diesen Mann mit starrer Aufmerksamkeit wie einen tobsüchtigen Fremden und nicht wie den geliebten Vater. Hingegen tanzten ihr Tollheiten durchs Hirn: Kommt jetzt die Strafe für die Bertolini-Nacht? Lauro ist tot. Die Nächste bin ich. Wird Papa wieder brüllen, bis ich drei gezählt habe? Eins und zwei und drei!

Nein, der erste Ausbruch schien vorüber. Was jetzt kam, war wenigstens menschlich. Don Domenico hämmerte mit den Fäusten gegen die Schläfen und rief immerfort:

»Meine Kinder! Ich will meine Kinder wieder, meine Kinder wieder!«

Es war aber kein Klageruf, sondern ein trotziger herrischer Befehl, der sich nach und nach wiederum zu wütendem Schreien steigerte. Dabei lief er zuerst gehetzt um den Tisch, stürzte dann in den Salotto, wo er sich gegen Lauros Kontrabaß warf, als wolle er an diesem Stellvertreter des Toten Rache nehmen. Vom Salotto rannte er ins Vorzimmer:

»Meine Kinder! Ich will meine Kinder wieder!«

Die Macht seiner Stimme hatte keine Grenzen. In antiker Raserei begann er an seinen Kleidern zu zerren, die Weste riß er mittendurch, so daß die Knöpfe nach allen Seiten flogen. Und schon an der Wohnungstür gerüttelt: »Meine Kinder!« In den Hausflur hinaus wollte er, und auf die Gasse, und in die Stadt, schreien, schreien, daß alle es hören: Ich will meine Kinder wieder! Der alte Giuseppe aber schützte die Tür und rang mit Don Domenico. War es nicht des Herrn heiligstes Verbot, sich vor den Leuten laut und unbeherrscht zu benehmen? Mußten nicht die Fenster bei Musik geschlossen bleiben, auch an den schwülsten Tagen? Giuseppe durfte es nicht dulden, daß der Herr sich über sich selbst hinwegsetzte und dadurch zum Gespött werde. So rang der Hüter des Gesetzes mit dem Herrn des Gesetzes um des Gesetzes willen. Doch die Kräfte des Alten waren zu schwach, er stürzte und blieb zu Füßen des Vaters liegen. Der Sturz des Dieners weckte Don Domenico auf. Er besann sich, wartete, bis sein Atem ruhig wurde, knöpfte den Rock zu und eilte, ohne Grazia anzusehn, in sein Zimmer. Giuseppe klaubte sich schwerfällig auf und folgte ihm.

Nahezu eine Stunde wartete Grazia in der Sala da pranzo auf Papas Rückkunft. Statt seiner kam Giuseppe angeschlichen. Der unbändige Verzweiflungsausbruch des Herrn und der Kampf schienen ihn völlig gebrochen zu haben. Er lallte:

»Eccellenza hat sich schlafen gelegt. Ich werde Eccellenza nicht wecken, wenn nicht geläutet wird.«

Grazia übergab ihm den Schlüssel zur Vorratskammer:

»Es ist alles vorbereitet. Sie müssen heute abend für Papa das Essen bereiten, Giuseppe, wenn ich nicht zur Zeit zu Hause bin.«

In ihrem Zimmer kleidete sie sich vollständig um. Von allen Sachen, die sie besaß, wählte sie die besten, Wäsche, Strümpfe, Schuhe. Niemand sollte sie häßlich sehn, wenn es so weit war. Doch welches Kleid? Nicht viele hingen in ihrem Kasten, um ihr die Auswahl schwer zu machen. Kein Wunder, daß sie jenes Theaterkleid herausnahm, das sie an dem Gioconda-Abend in San Carlo getragen und in dem sie Arthur Campbell das erstemal gesehen hatte. Sie brauchte diesmal viel länger als gewöhnlich zum Anziehen. Es kam ein merkwürdiger Augenblick, als sie das Hemd abstreifte und nackt vor sich selbst stand. Die Töchter Pascarella hegten seit je eine empfindsame Scheu vor ihrer eigenen Nacktheit. Selbst beim Waschen oder Baden sahen sie nur flüchtig ihren Körper an, den sie dafür um so rauher, ja fast wie zur Strafe, mit Schwamm und Kratzbürste behandelten. Nun aber widmete Grazia ihrem nackten Leib eine wehmütige Betrachtung. Sie begann ihre Brüste zu streicheln und die Hüften. Es war wie ein zärtliches Abschiednehmen. Zehn Minuten vor drei Uhr verließ sie das Haus, ohne sich umzublicken.

 

Es beginnt die Geschichte von Grazias Irrweg durch die Stadt Neapel.

Ein Irrweg, doch er führte sie aus dem Labyrinth. Sie strebte ein endgültiges Ziel an, und sie fand eines, das endgültig war. Allen jungen Menschen, die eine gleiche Absicht wie Grazia im Kopfe tragen, könnte und müßte man zurufen: Was wollt ihr, was tut ihr? Ihr plant einen vollkommen überflüssigen Wahnsinn, der schon deshalb ein Wahnsinn ist, weil er euch nachher, wäret ihr dann nur noch imstande dazu, ganz und gar als verbrecherische Lächerlichkeit erschiene.

Ginge Grazia jetzt nicht in ihrer tiefen Verlorenheit die Via Concordia hinab, sondern könnte sie noch klar überlegen, ihr bliebe Antwort genug auf diesen Zuruf: Welchen Zweck hat das Leben für mich? Lauro ist tot, unsere Familie zersprengt für immer. Placido, auf dessen Zukunftsgröße ich all meine Träume gehäuft habe, wird keine Zukunft haben, er muß in der Fremde und in der Erniedrigung seines Geistes zugrunde gehn. Wer weiß, ob Iride jemals gesund wird? Der Mann, den ich liebe, lebt weit überm Meer und weiß nichts von mir. Kann ich auch wirklich erwarten, daß er ein kurzes holpriges Gespräch ernst nimmt für ewig? Und dann? Ist es denn gar so schön, die nächsten Jahre des Lebens an jedem Montag, Mittwoch, Freitag Pasticcia di maccheroni zu backen und, von dieser begeisternden Tätigkeit befriedigt, geduldig zu warten, bis man ein altes Scheusal wird? Wir sind arm und Papa wird sich kaum mehr erholen. Und wer kein Geld hat, kann sich nicht einmal mehr in der Nacht heimlich auf eine Festa di ballo schleichen. Doch alles, alles war ja ganz anders, solange ich noch an die höhere Gerechtigkeit und Überlegenheit Papas geglaubt habe! Nun aber?

Mit keinem dieser einleuchtenden Gründe stützte Grazia ihren Entschluß, soferne man den ungestalten Drang, der sie jetzt durch die Via Roma lenkte, überhaupt einen Entschluß nennen kann. Obgleich sie ursprünglich vorgehabt hatte, zuerst ins Hospital zu gehn, um sich unauffällig von Iride zu verabschieden, trieb sie nun ganz anderswohin, zum Meere. Für den Gang ins Hospital blieb noch immer Zeit genug, so übte sie denn keinen Zwang auf ihren Schritt aus, der als ein völlig selbständiges Wesen seinen Weg wählte. Sie ließ mit einer leisen Neugier die Willenszügel hängen wie ein Reiter, der auf schwierigem Terrain dem Spürsinn seines Pferdes mehr vertraut als seiner eigenen Orientierung. Die Wortfolge, die sie sich innerlich hundertmal automatisch und wie schlaftrunken vorsang: Ho tempo, ho tempo abbastanza. Und wahrlich, sie hatte Zeit, Zeit genug, eine Menge von Stunden, ehe es so weit sein würde, nicht Abend, sondern tiefe Nacht. Keine Spur von Erregung verschnellerte ihr Herz. Im Gegenteil. Alles in ihr war langsam. Zeit genug. Die hundert Zifferblätter eines Uhrenladens der Via Roma zeigten drei Uhr, fünf Minuten vor drei, fünf Minuten nach drei, das glich einem internen Wettrennen der kleinen Zeittierchen. Noch nie war ihr Gedächtnis so voll von Placido gewesen, von seiner Stimme, von den Lehrgesprächen, derer er sie gewürdigt. Ach, ihr lächerlicher Kopf! Sie verstand seine Philosophie nur, wenn er neben ihr auf der Steinbank saß. Nachher verwirrte sich alles. Wie war das mit der Zeit? Placido hatte sie belehrt, daß es in den Uhren keine wirkliche Zeit gebe, die wirkliche Zeit zähle nach Lichtjahren. Welch ein Wort, Lichtjahre! Keine Zikaden wie in den Uhren, sondern goldne am Himmel galoppierende Strahlenrosse. Der kühle Tramontanawind hatte den Novembertag reingeblasen. Ein riesiger See tiefblauen Himmels beherrschte die Mitte des Firmaments und ein Rad ausgefranster, sich sträubender Wolken bildete seine Künste. Wenn Gott eine unermeßliche Mönchsgestalt wäre, derart könnte man sich seine Tonsur vorstellen. Grazia blieb in der Loggia von San Carlo stehn. Der neue Cartellone war schon angeschlagen: »Stagione lirica – San Stefano – 1924-1925«. Zwölf Opern wurden angekündigt, Gioconda aber fehlte. Bedauerlich für Papa, dachte sie, er wird nun viel entbehren müssen. Ob Annunziata heute abend zurückkommt? Schließlich wissen wir beide allein, wie er die Pasticcia di maccheroni haben will. Wenig Fleischragout und viel Hühnerlebern müssen hineinkommen. Was das anbelangt, hat selbst Priscilla geschwindelt und den Sugo beim Kaufmann geholt, wie es nur in schlechten Familien geschieht. Dies aber hat Giuseppe dem Papa nicht angezeigt. Die Dienstboten halten eben immer zusammen. Wenigstens singt die Bruna Rasa wieder. Questa donna è un dio. Aber was nützt das Papa jetzt? In der Loge Nummer drei, links, erster Rang werden wir nicht mehr sitzen. Die Dallorso hingegen, die Pugno-Sarti, die Spagnuoli dürften das gar nicht bemerken. Nicht einmal Gia-Gia, der mich auf der Straße nie erkennt. Wie sollte er mich auch erkennen? Wir sind eben doch eine schlechte Familie, wenn ich auch von den Normannen mein blondes Haar geerbt habe. Ihr Weg führte sie weiter, den Santa-Lucia-Quai hinab. Klar und leicht dehnte sich der Golf. Bis auf seine Dampf- und Wolkenkuppel lag der Vesuv herrlich und frei. Grazia trat auf die vorgebaute Straßenterrasse, die wie ein Theaterbalkon der süßbeschwingten Oper dieser Landschaft zugekehrt ist. Sie glaubte als Fremde hier zu stehn, so selten kam sie mit dem repräsentativen Glanz ihrer Heimat in Berührung. Früher, zu Zeiten des reinen Gesetzes noch, hatten ziellose Spaziergänge zu den untersagten Ausschweifungen gehört. Insbesondere die strahlende Promenade am Meere, die Via Partenope, war, wenn nicht unumgängliche Notwendigkeit bestand, zu vermeiden. Mußte man sie dennoch betreten, so schlugen die Pascarellatöchter die Augen nieder. Nun aber war die strenge Orthodoxie schon lange ins Wanken geraten, ohne Scheu und Rechtfertigung konnten die Mädchen ihren Weg wählen. Die Periode der großen Verbote war voll heimlicher Sehnsucht gewesen. Das Elend hatte die Freiheit gebracht und die Freiheit hatte die Welt verkleinert. Mit leerem erwürgtem Herzen schritt Grazia über die herrliche Partenope dahin. Die Straße, die nach Neapels ursprünglich griechischem Namen die Jungfräuliche hieß, umschlang mit zärtlichen Armen das Meer. Nur Menschen ohne Neid, Menschen über dem Schicksal thronend, schienen sie zu bevölkern. Unablässig rollten schlankblitzende Phantasiegebilde von Autos schwerelos dahin. Grazia hätte gerne ihren Schritt verlangsamt. Aber noch war das Gesetz in ihr zu mächtig. Und was den Gang eines wohlerzogenen Mädchens anbelangt, befahl es: Dein Schritt sei rasch, rhythmisch, gleichmäßig. Es schadet nichts, wenn die Stöckel laut klappern. Das bedeutet die Warnung: Kommt mir nicht nahe! Ich sehe und höre nicht rechts und nicht links. Der Schritt einer tugendhaften Frau wirke wie ein zielbewußtes Unternehmen und wie eine verhehlte Flucht zugleich! Obwohl Grazia diese Weisung tief in ihrem Wesen trug, mäßigte sie dennoch vor den großen Hotels Continental, Vesuvio und Royal ihr Tempo. Dort standen einige Gruppen von englischen Touristen und besprachen die Pläne des Nachmittags. Sie konnte nicht umhin, an die Leute zu streifen und ihre Unterhaltung abzufangen. Mit Befriedigung stellte sie fest, daß sie jedes Wort verstand und auf jede Frage in fließendem Englisch hätte entgegnen können. Dann aber wunderte sie sich, daß sie, der nur mehr ein Bodensatz von Stunden blieb, über diese nutzlosen Kenntnisse Befriedigung empfinden konnte. So unglaublich es jedoch klingt, im Augenblick tat es ihr weniger leid um sich selbst als um die Vergeudung solchen mit energischem Fleiße erworbenen Sprachschatzes. Sollte sie nicht auch noch Miß Violet Friggs besuchen, die sie schon seit mehreren Tagen vergeblich erwartete? Eine halbe Stunde englisch konversieren, bevor alles aus war, das müßte ganz hübsch sein. Ho tempo, ho tempo abbastanza. Sie überquerte die Fahrbahn, um die Kaufstände beim Castello dell'Ovo zu betrachten. Denn so strenge auch das Gesetz den Straßenschritt der Mädchen regelte, vor Schaufenstern, Auslagen und ähnlichen Gelegenheiten durfte man es ein wenig umgehen. Grazia studierte – als wäre alles vergessen – die Ziermuscheln und eßbaren Meerfrüchte eingehend, die peoci, conchiglie, cozziche und datteri di mare. Sie löste sich erst aus ihrer Versunkenheit, als ein Händler sie höchst dringlich zum Kaufen anspornte. Die Straße nahm sie wieder auf, und der Giardino Pubblico öffnete sich ihr mit Palmen und Zedern, mit Tennisplätzen, Erfrischungskiosken, Restaurants und breiten Parkwegen. Da das Leben noch lang war und die Muße groß, kehrte sie für eine Lira Eintrittsgeld in das Aquarium ein, von dem sie schon so viel gehört hatte. Das Fischzeug und Ozeangetier vor Tiefseekulissen und hinter Glas machte nicht den geringsten Eindruck auf sie. Ein Gedanke Placidos aber fiel ihr unmotiviert ein. Es war eine der letzten Maximen, die sie im Sommer abgeschrieben hatte, und zwar dreimal, weil ihr die erste Abschrift durch Fehler, die zweite durch Tintenkleckse mißlungen war: »Wenn sich einmal herausstellen sollte, daß dieses Weltall endlich und daß die Arten und Varietäten der Schöpfung abzählbar sind, müßte der Mensch geistig zugrunde gehen. Warum? Weil dann Gott zu klein wäre und der Mensch zu groß. Gott darf nicht das Ebenbild des Menschen sein, damit der Mensch das Ebenbild Gottes werden kann.« Bei der dritten Abschrift hatte sie damals, auf Placidos Geist leidenschaftlich abgestimmt, den Satz endlich zu verstehen geglaubt. Doch erst jetzt wandte sie ihn an: Meine Welt ist endlich geworden und alles grauenhaft abzählbar. – In einem Nebenraum rollte sich eine ausgestopfte Schlange auf Sägespänen. Grazia floh aus dem Haus. Ihr war, als müsse sie umsinken. Draußen im Park setzte sie sich auf eine Bank, wie ungehörig dies auch sein mochte, doch ihr Herz zuckte zu sehr. Nach einer Weile erst wurde es ihr klar: Ich habe seit gestern abend nichts gegessen. Bei einer der Erfrischungshütten kaufte sie zwei Brioches und eine Tafel Schokolade. Verlegen hielt sie das Säckchen in der Hand. Sie konnte doch unmöglich hier auf der Bank vor allen Leuten sitzen und essen. Es blieb also nichts übrig, als vorläufig weiter zu hungern und den Weg fortzusetzen. Und nun verließ sie die helle Szene des Golfes, die glückselige Partenope, den immergrünen Stadtpark und schlug sich in das Gassengewirr der alten Stadt, um auf dumpfen Umwegen zu Iride zu gelangen. Kaum aber stand sie in der Einfahrt der Poliklinik, wo sich eine große Menge armer Leute muffig und wispernd drängte, kehrte sie wieder um. Die eigene Familie war ihr auf einmal so fremd geworden, daß sie nicht das geringste Bedürfnis empfand, ihre kleine Schwester vor dem Ende zu sehn und mühsam lügnerische Gespräche zu führen. Es war ihr, als hätte sie das Vaterhaus nicht vor einer Stunde verlassen, sondern vor Jahren, vor Lichtjahren, und hätte von der Partenope bis zum Hospital unzählige Meilen in einem geheimnisvollen Raum zurückgelegt. Doch was nun? Sie hob wieder die Füße und verfiel in ihren gleichmäßigen Schritt, der sie in die Via Roma brachte. In der Gegend des Museo Nazionale wurde es ihr aber klar, daß sie nicht mehr weiter könne, daß die unzähligen Meilen des Irrwegs und das Fasten ihre Kräfte aufgebraucht hatten. Es blieb ihr nichts andres übrig, als die Straßenbahn bei der nächsten Haltestelle (eine schier unüberwindliche Entfernung) zu besteigen und den Corso Salvator Rosa und Vittorio Emanuele hinanzufahren. Bis zu völliger Starrheit erschöpft, saß sie zwischen fremden Schenkeln und katarrhalischen Rümpfen eingeklemmt. Auf dem Schoß hielt sie die Handtasche und die Tüte mit Brötchen und Schokolade. Wohl wußte sie, daß sie auf diese Weise ihren Bestimmungsort viel zu früh erreichen werde, aber was half das, da es keine andre Zuflucht gab. Bei der Station Posilipo verließ sie, nun wieder bei Kräften, den Waggon und saß schon zehn Minuten später auf der Steinbank des verwilderten Gartens, der ihr und Placidos Reich war. Sie brach ein Stück von der Schokoladetafel ab und begann langsam zu kauen. Ihre Augen waren dabei in unsichtbaren Fernen ertrunken und oft vergaß sie, den Bissen zu schlucken. Der volle Nachmittag hatte sich noch nicht verfärbt. Die Sonne aber rückte schon gegen die entflammten Berge der Insel Ischia zu. Hoffentlich schläft Papa noch. Ja, er kann schlafen! Und morgen, wenn man ihm die neue Todesmeldung bringt, wird er sich wieder hinlegen und schlafen. Das ist sein Zeugnis der Liebe. Oh, Papa ist stark! Sie öffnete ihr Täschchen und zog die Rasierklingen hervor. Sie prüfte lange die Schärfe der Messer, bis sie das richtige fand. Ihre Wunde am Finger war im Vernarben. Es hat gar nicht weh getan, überlegte sie. Tiefer muß der Schnitt nicht gehn. Jetzt aber ist es noch viel zu früh. Erst mußte es schwarze Nacht werden und der Stadtlärm hinter ihrem Rücken ganz verschollen sein. Grazia wollte gar nichts sehn. Kein Blut. Alles hing vom Mondaufgang ab. Sie hoffte, daß er heute nicht vor Mitternacht am Himmel erscheinen werde. Und auch dann noch, in der tiefen Finsternis, wird sie die Hände weit vom Leibe halten, am besten die Arme rückwärts über die Banklehne hängen lassen, damit sie das gute Kleid nicht besudelt. Doch wozu jetzt noch länger hier sitzen? Es wurde kalt. Stundenlang untätig hocken und auf den rechten Augenblick der Nacht warten, das kann niemand fertig bringen, überdies drang von der verwahrlosten Villa mit der Aufschrift »Vendesi« ein deutliches Grauen näher, obgleich sie aus Stein gebaut war und nicht aus Kristallglas. Grazia verließ den Garten und vermied es geflissentlich, sich nach dem Grund des Grauens umzusehen. Es war eine feige Flucht, obwohl sie sich unerbittlich sagte: Später muß ich ohne Furcht hierher zurückkehren und dann wird es stockfinster sein. Daß der Garten in der Nacht versperrt sein könnte, bedachte sie nicht. Sie lief zwischen hohen Parkmauern die schmale Gasse hinan, die zur Höhe des Posilipo emporführt. Dieser Hohlweg war lang, ziemlich steil und sie mochte zu schnell gelaufen sein, denn nun und hier wurde es ihr zum zweitenmal schwarz vor den Augen und ein kurzes Sinnenvergehn befiel sie. Einige Sekunden lang blieb sie stehn und lehnte sich gegen die Umfassungsmauer. Doch gerade aus dieser Dunkelheit tauchte die Gefahr und trieb sie atemlos weiter. Kein Wunder, daß es von ihrem Garten her mit scheuen Sprüngen auf sie zustrebte und sich, einen Schritt etwa zurückbleibend, an ihre rechte Seite heranpirschte. Sie hielt die Augen halb geschlossen. Doch die Augen brauchte sie ja nicht, um »Mostro« zu erkennen, jene Zusammensetzung von Placido mit geträumten Tierformen, die sie vorhin aus einem Gebüsch des herbstlichen Gartens aufgescheucht haben mußte. In sich selbst hörte sie nun die Stimme des Mostro, die eigentlich Placidos unveränderte Stimme war: Lauro ist einen furchtbaren Tod gestorben, Graja! – Auch mit ihrer inneren Sprache wollte sie ihm keine Antwort geben. Sie lief nicht, doch machte sie immer geschwindere Schritte: – Lauros Tod wird ein Geheimnis bleiben, Graja, auch für Papa. Ein strikter Beweis dafür, daß Papa nicht allwissend ist. – Den Beweis brauchte sie nicht mehr. Nur fort aus dieser Klemme hier! Da sie das Tempo nicht mehr beschleunigen konnte (Laufen war ihr jetzt verboten), suchte sie ihre Schritte zu verlängern: – Ach, Graja, geh nicht so schnell. Ich bin körperlich sehr heruntergekommen, keine Nacht schlafe ich vor Brustschmerzen, ich kann dir nicht folgen, wenn du so rennst. – Ich darf dir nicht antworten, Placido, auch mit meiner inneren Stimme nicht, ich darf nicht langsam gehn und mich auch nicht umblicken, denn ich will nicht wissen, wie du springst und kriechst. – So warte doch ein bißchen, Graja! Ich möchte dir nur sagen, daß ich damit einverstanden bin. Wäre ich hier, wir würden es gemeinsam tun. So vollbringt es jeder von uns einsam. Es ist das Einzige und Beste. – Inzwischen hatte sich etwas Zweites links herangeschlängelt, um auch nicht weiter als zwei Schrittchen hinter ihr zurückzubleiben. Grazia erkannte es sofort an dem plärrenden Grammophonklang, voll von Nebengeräuschen. Ohne Zweifel Caruso, wie sie ihn unter Glas im Frack gesehn hatte. Was er sagte, war freilich nicht leicht auszunehmen, doch schien es für eine einbalsamierte Mumie enorm unternehmungslustig, ja lebemännisch zu sein. Die elektrische Straßenbahn kreischte heran. Dort, die Haltestelle Posilipo! Die beiden Stimmen rechts und links hinter Grazia wurden immer lauter und frecher: »Signorina, einen Moment, Signorina! Wozu diese Lauferei? Trinken wir einen Wein in den Promessi sposi um die Ecke! Kommen Sie mit uns ins Kino, Signorina!« Die beiden Burschen, geschniegelte Ladenschwengel mit hochaufgekrepptem Haar, hatten sie eingeholt, gingen neben ihr, atmeten Zigarettenrauch ihr ins Gesicht, der eine legte dreist die hohle Hand um ihre Hüfte, der andere nahm ihren Arm. Es war gar nicht so arg, gar nicht so unangenehm, sie taumelte leicht. Doch die Elektrische läutete ungeduldig und Grazia riß sich im letzten Nu von ihren Begleitern los und wurde von anderen Armen – der Wagen setzte sich schon in Bewegung – auf die Plattform gehoben. Da lehnte sie nun ohne Widerstand an der niedrigen Rückwand, von der ruckigen Fahrt hin und her geschüttelt. Ein alter Herr beobachtete die Verlorene aufmerksam. Er sah Papa sehr ähnlich, wenn auch einem zärtlichen Papa, den es nicht gab. Als der Schaffner zu Grazia trat, rührte sie sich nicht. Da löste der alte Herr die Karte für sie. Ohne zu danken, nahm sie das Blättchen entgegen. Der gütige Herr wandte den besorgten Blick nicht von ihr. Nach einer Weile zog er eine Silberbüchse aus der Tasche und bot ihr schwarze klebrige Bonbons an: »Sie fühlen sich nicht wohl, Signorina. Versuchen Sie diese Cachous! Sie sind ein Zaubermittel. Wenigstens für mich. Und ganz harmlos.« Grazia brach eine Pastille aus der festgeklebten Masse los. Der Fremde eiferte sie an: »Mehr, Signorina, drei, vier, fünf, das genügt gerade. Wenn ich fünf nehme, bin ich wie neugeboren.« Grazia nahm fünf, steckte alle auf einmal in den Mund und ekelte sich. Der Herr mit Papas ausgezogenem Schnurrbart ließ befriedigt sein Zaubermittel verschwinden: »Jetzt müssen wir ein paar Minuten auf die Wirkung warten.« Und er betrachtete mit gespannter und triumphbereiter Neugier das Gesicht des jungen Mädchens, während der holpernde Wagen immer tiefer in die Stadt drang, an dichtumscharten Haltestellen vorüber, wo mit Geläute und Gelärme die Menschheit ausgewechselt wurde. »Nun, hat es geholfen?« erkundigte sich der Wohltäter, nachdem die ihm genau bekannte Einwirkungsfrist verstrichen war. Grazia konnte es nicht leugnen: »Ja, danke, ich glaube, es hat geholfen.« Über die Anerkennung sichtlich erfreut, war der Herr zu weiteren Diensten bereit: »Darf ich Ihnen mit dem Namen des Mittels aufwarten, Signorina? Es ist englische Ware. Vergessen Sie das nicht! Sie erhalten es nur in der Farmacia Inglese, Via Filangieri.« Und er wiederholte ein komisches langschwätziges Wort, das Grazia, obgleich es englisch war, nicht vergessen konnte, weil sie es gar nicht auffaßte. Wie vollgezwängt die Straßen waren! Feiertag, ach ja, und sie hatte es bisher gar nicht bemerkt. Die Besorgnis des alten Herrn um Grazia nahm nicht ab: »Sind Sie am Ziel? Steigen Sie hier aus, Signorina?« Warum sollte sie hier nicht aussteigen? Sie sprang ab. Der gesetzte Herr, kraftvoll wie Papa, folgte ihr leichtfüßig. Unentschlossen sah sie sich um. Der väterliche Freund wurde ängstlich: »Sie sind noch immer erschöpft, Signorina. Darf ich Sie mit einem Taxi nach Hause bringen?« Bei dem Gedanken an die sternweit entfernte Via Concordia schüttelte Grazia energisch den Kopf. Dann wandte sie sich rasch zum Gehen und suchte Anschluß an den Menschenstrom. Der Beschützer an ihrer Seite gab sein mitleidiges Forschen noch immer nicht auf:

»Ah, Signorina, Sie haben Ihr Vaterhaus auf dem Corso oben, wie?« – »O nein, nicht auf dem Corso.« Ein großer Teil der Menge ergoß sich in das Stationsgebäude der Funicolare: »Ich verstehe«, begeisterte sich der alte Herr, »Sie fahren mit der Drahtseilbahn auf den Vomero hinauf. Das nenn ich einen klugen Lebensaufenthalt! Die beste Luft von ganz Neapel. Warten Sie hier, Signorina! Ich dulde nicht, daß Sie sich zum Schalter drängen. Sofort sollen Sie die Fahrkarte haben.« Und Papas liebenswürdiger Doppelgänger schwamm mit frischen und rücksichtslosen Armstößen durch die Brandung des festtäglichen Volkes und brachte nach zwei rüstigen Kampfminuten das Billett. Zuletzt eroberte er Grazia noch einen Sitzplatz, schwenkte dann beglückt seinen Hut und sah ihr nach. – Das war aber ein besonders guter Mensch trotz seinen schmutzigen Klebebonbons. Nicht nur Anerkennung sprach aus diesen Müdigkeitsgedanken, sondern tiefe Dankbarkeit ließ langsam wieder Grazias Hände und Füße erwarmen. Diese Dankbarkeit aber galt nicht der galanten und vielleicht lüsternen Hilfeleistung des alten Herrn, sondern dem rätselhaften Umstand, daß er ihr den Weg gewiesen, den einzigen, der möglich war. So hatte er, ohne etwas davon zu ahnen, die lenkende Aufgabe erfüllen dürfen, die in der biblischen Vorzeit den Engeln und Gottesboten zugeteilt war, als sie sich unerkannt unter die Menschen mischten. Die Wärme in Grazia wuchs. Die Aufwärtsbewegung erfreute ihre Sinne. Oben spülte die Sonntagsflut eine fast erloschene, aber verwandelte Seele auf die Via Cimarosa. In dieser Viertelstunde wogte die Welt in loderndem Rot. Man stand tief in der Regenzeit und hatte sich an die schmierigen Dämmerungen des Spätherbstes gewöhnt. Die seltene Sonnenuntergangsparade dieses Tages fiel also selbst den abgestumpften Neapolitanern auf und mancher sprach sogar noch am nächsten Tage davon. Insbesondere der wolkenentblößte Vesuv sollte sich durch beinahe übernatürliche Tinten hervorgetan haben. Grazia aber konnte nicht mehr Innen und Außen unterscheiden. Sie ging mitten durch safrangesträhnten Purpur und wunderte sich nicht. Auch die große Lichtschrift »Hotel Bertolini« wunderte sie nicht, die sich nur blaß vom vollgetrunkenen Himmel abhob. Sie ging mit kleinen, aber versammelten Schritten über die Fahrstraße, deren Bild seit jener schon märchentief versunkenen Karnevalsnacht überdeutlich in ihr lebte. Sie dachte nicht an Lauro, sie dachte nicht an das erstickte Abschiednehmen damals vor dem Hotelportal, sie dachte mit großem Ernst nur eines: Wie bringe ich noch die zweihundert Schritte bis zum Hotel Bertolini fertig? Vorher darf ich nicht zusammenfallen. Hier auf der Straße? Unmöglich! Nur bis zur Terrassentreppe will ich kommen, und dann noch hinauf und im Garten verschwinden. O nein, sie gibt den Lockungen der Ohnmacht nicht nach. Wie ein Schiff gleitet die Terrasse auf sie zu. – Und hier erhebt sich die große Frage nach Glück und Seligkeit des Menschen. In den nächsten dreißig Sekunden wird Grazia einen jener ganz außerordentlichen Augenblicke erleben, wie sie nur den Wenigsten vergönnt werden, und sie wird nicht glücklicher sein als ein erschöpfter Schwimmer, den rauhe Arme ans Land ziehn. Dahingegen bemerkt sie mit geschärftesten Sinnen, wie Arthur Campbell gekleidet ist. In ihrem Gartentraum hat er immer eine grünbraune Jägerdreß angehabt, während er jetzt in Wirklichkeit den alten Ulster trägt, der ihr ja so herzlich vertraut ist. Seine gelbweißen Haare aber sind kürzer geschnitten und das stimmt getreulich mit dem Traum überein. Er sieht auf den Golf hinaus und schützt die Augen vor dem roten Sonnenwirbel mit der Hand. Sein Gesicht ist über und über rot. Grazia hißt ein gleichmäßiges und leeres Lächeln, wie man ein Morgenkleid umwirft, nur um angezogen zu sein. Er läßt die Hand fallen, und es dauert lange, ehe er aufschreit: »Grazia!« Und noch länger, ja eine Ewigkeit lang dauert es, bis der letzte kleine Abstand überwunden ist. Als er endlich atemnahe vor ihr steht, sinkt sie in seine Arme und weiß nichts mehr. Sie erwachte auf dem Diwan in seinem Hotelzimmer. Er kniete bei ihr und hielt ungeschickt verlegen ein mit Eau de Cologne getränktes Handtuch vor sich hin, um es auf ihre Stirn zu legen. Sie erwog: Ich könnte eigentlich noch länger ohnmächtig bleiben. Schöneres gibt es nicht. Ihr Wahrheitstrieb aber verdarb ihr den seligen Zustand. Dies war Grazias erstes Wort:

»Mein Bruder Lauro ist in Brasilien gestorben.«

Sie sagte das italienisch, glaubte aber sofort, dies sei ein Fehler, und fing von neuem englisch an:

»Mein Bruder Lauro ist in Brasilien gestorben. Heute früh haben wir es erfahren. Ich habe große Furcht für meine anderen Brüder, die Sie nicht kennen, besonders für Placido. Er ist ein Dichter. Ich will, daß meine beiden Brüder mit dem nächsten Schiff zurückkommen.«

Wundersam war Campbells Hellsichtigkeit. (Sollte er vielleicht Erkundigungen über die Familie Pascarella eingezogen haben? Wer kann es wissen?) Er spürte genau, warum Grazia mit diesem tragischen aber trockenen Bericht aus ihrer Ohnmacht erwacht war. Hätte sie denn mit ihm auch nur ein Wort sprechen können, ehe er alles wußte? Darum zeigte sich Campbell auch wissend, ohne einen überflüssigen Laut der Mittrauer oder des Trostes einzuflechten. Eine uralte Nähe und Vertrautheit war damit sogleich hergestellt. Und nun legte er ihr endlich auch die Kompresse auf die Stirn:

»Für Ihre Brüder muß und wird alles geschehen, Grazia! Wir werden sofort kabeln, wenn es Ihnen recht ist. Und wenn Sie es erlauben, werde ich durch meine Bank nach Rio de Janeiro Geld anweisen lassen.«

Sie nahm das Handtuch vom Kopf und setzte sich halb auf:

»Oh, you speak Italian?!«

»Ma non cosi bene, come lei parla l'inglese.«

Er blinzelte lustig und verschämt. Sein Übungsbuch-Italienisch zog in stockendem Gänsemarsch einher, Wort nach Wort, mühsam eingepaukt, doch mit unausrottbarem Akzent. Grazia fiel wieder zurück und Arthur Campbell wurde von neuerlicher Schüchternheit ergriffen:

»Wollen wir nicht gleich kabeln, Grazia? Darf ich von unten Blankette kommen lassen?«

Er stand auf, um zu läuten oder, besser noch, um sich (ein kleiner Fluchtversuch vor so viel namenloser Erfüllung) selbst hinabzubemühen. Sie knirschte mit den Zähnen:

»Nein!! So bleiben Sie doch bei mir, um des Himmels willen!«

Grazia hielt die Augen geschlossen, packte aber nach einer Weile seine Hände mit leidenschaftlicher Angst:

»Wissen Sie, meine Familie ist mir jetzt ganz gleichgültig. Mir kommt vor, als hätte ich gar keine Familie. Eine andere Frage ist mir viel wichtiger, hören Sie ...«

Er preßte sein Gesicht auf ihre Hände. Sie aber bekam eine unnachsichtig strenge Stimme:

»Haben Sie meine Karte erhalten?«

»Ich habe Ihre Karte erhalten, Grazia!«

»Sie hätten sie aber nicht erhalten dürfen. Es war nur eine Flaschenpost. Ich bin sehr böse, daß Sie die Karte bekommen haben.«

»Ihre Karte, Grazia, kam im letzten Augenblick. Ich weiß wirklich nicht, was sonst geschehen wäre. Sie werden es nie erfassen, was für Monate ich hinter mir habe.«

»Aber Sie waren ja auf einer Vergnügungsreise in Afrika.«

»In Afrika? Von einem Schiff zum andern.«

»Wären Sie auch ohne meine Karte zu mir gekommen?«

»Ich wäre gekommen oder gestorben.«

Sie öffnete die Augen und sah ihn an. Sein Gesicht war klein geworden. Das knabenhaft aufgerauhte Rot der Wangen war einem bräunlichen Gelb gewichen. Sie fragte jetzt ungeduldig und gar nicht sehr freundlich: »Lieben Sie mich wirklich?«

Er schwieg lange und dann rang auch er sichs nicht ohne Feindseligkeit ab:

»Das Wort sagt sich leicht. Aber Sie ahnen ja gar nicht, was es für mich bedeutet, Grazia. Für mich! Für einen Menschen, der schon weiter im Leben steht, als es gut ist.«

Die unersättliche Fragerin war noch nicht zu Ende:

»Wissen Sie, daß ich noch vor einer Stunde Selbstmord begehen wollte?«

»Ich habe eine schreckliche Ahnung gehabt. Seitdem ich hier in Neapel bin, also seit heute um acht Uhr früh, zittre ich um Sie, Grazia. Bis zwei am Nachmittag bin ich in der Via Concordia hin und her gelaufen wie ein Verrückter. Dann habe ich Sie in allen belebten Teilen der Stadt gesucht. Ich wußte bestimmt, Sie werden mir entgegenkommen. Bis am Posilipo war ich draußen. Nicht sehr gescheit, was? Erst seit fünf Uhr bin ich zurück. Aber ich bin nicht ins Hotel hineingegangen, sondern habe immer nur ausgeschaut ...«

Sie stützte sich auf, mit Staunen dem ergrauenden Fenster zugewandt:

»Können Sie sich das vorstellen? Ich habe mir mit der Rasierklinge von Placido die Pulsadern aufgeschnitten und bin gestorben und dann bin ich auferstanden. Bei Ihnen! Gestorben und bei Ihnen auferstanden. Komisch, nicht wahr? Jetzt bin ich bei Ihnen.«

Grazias Füße glitten vom Diwan. Sie saß. Er fiel vor ihr nieder und umklammerte ihre Knie:

»Ja, jetzt bist du bei mir!«

Sie aber bog ihren Körper zurück:

»Sie kennen mich doch gar nicht. Sie wissen nichts von mir.«

Arthur Campbell erhob sich und zog auch die Geliebte mit in die Höhe:

»Ah, Grazia! In einer halben Sekunde wissen wir schon alles voneinander und in einem halben Jahrhundert noch immer nichts.«

Sie zwinkerte angespannt:

»Wie ist das? Ich habe nicht verstanden. So gut kann ich noch nicht Englisch. Bitte noch einmal!«

Er begann ihr mit großem Ernst jene Erkenntnis aus dem Englischen in sein Italienisch zu übersetzen, wodurch das gemischte Idiom aufklang, das für die Zukunft ihre gemeinsame Sprache werden sollte. Hatte sie's nicht in ihren Träumen schon vorauserlebt? Diese Sprache gehörte auf der Welt nur ihnen beiden. Dies neue Eigentum rührte sie so sehr, daß sie sich wegwandte. Nun strich sie ihr Kleid glatt und ging durch das Hotelzimmer. Sie betastete mit zärtlichen Händen seinen Koffer, den Ulster am Kleiderrechen und sogar auch die Dinge, die nicht ihm gehörten, doch jetzt in seinem vorübergehenden Dienst standen:

»Wissen Sie, daß ich schon sehr gerne hier bei Ihnen bin?«

Er riß sie an sich. Ihre Augen waren tränengebadet und er hatte es gar nicht bemerkt. Als sie die Umarmung lösten, mahnte Arthur Campbell schweren Herzens:

»Du wirst nach Hause müssen. Dein Vater erwartet dich gewiß. Darf ich dich im Auto begleiten?«

Sie trat weit von ihm zurück:

»Das ist ausgeschlossen. Ich gehe nicht nach Hause zurück zu Papa.«

Er begriff noch immer nicht:

»Und was soll geschehn? Wo willst du denn übernachten?«

Grazia sagte mit dem ruhigsten Tonfall der Welt, als könne sie sich eine andere Möglichkeit gar nicht vorstellen:

»Ich bleibe bei Ihnen.«

Es war ganz finster im Zimmer. Beide fürchteten sich davor, durch Einschalten des Lichtes eine neue Situation zu schaffen. Sie saßen umschlungen auf dem Sofa. Auf Grazia senkte sich wieder eine wohlige Halbbetäubung. Es war gut so. Vielleicht hätte sie sonst ein Grauen erfaßt, wie unerreichbar ferngerückt ihr nun all das Ihrige war: Lauros Tod, Placidos Verzweiflung, Papas Schmerzgebrüll, Iride und ihre Leiden. Der Katastrophenhagel der letzten Tage, ihr eigener Irrweg und sie selbst, Grazias ganzes Leben von der Geburt bis zur Fünf-Uhr-Abendstunde dieses Tages. Dies alles gab es nicht mehr, dies alles ging sie nichts mehr an. Die Fenster des Zimmers sahen auf Stadt und Golf hinaus. In ihnen lag ein schwacher aber gesammelter Abschein der Welt, genug um ein Gesicht bis in die leichtesten Runzeln und Krähenfüße zu enträtseln. Arthur Campbell wollte noch einmal, ehe es endgültig zu spät war, seine harte Pflicht tun. Er zog Grazia zum Fenster und in den bleichen aber aufrichtigen Abschein der Welt, damit ihr die Wahrheit nicht verborgen bleibe:

»Hast du dir alles klar gemacht, Grazia? Du bist zwanzig Jahre und herrlich schön. Ich bin nicht reich, ich trage keinen großen Namen, habe keinen glänzenden Beruf und werde nächstes Jahr um diese Zeit sechsundvierzig Jahre alt sein. Ich bitte dich, Grazia, rechne jetzt genau mit mir! Ich bin mehr als fünfundzwanzig Jahre älter als du. Kannst du ermessen, wie grauenhaft das ist? Also! Wenn du eine junge Frau von dreißig sein wirst, dann werde ich fünfundfünfzig sein, bist du vierzig, bin ich fünfundsechzig und so weiter. Hast du keine Angst davor?«

Sie hob die Arme langsam zu ihm hinauf und nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände:

»Ich habe nur eine Angst, Arturo, daß du früher sterben könntest als ich.«

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