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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 13
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Zwölftes Kapitel
Die Flaschenpost im Ozean
[Placido und Grazia]

Die nächsten Wochen bis tief in den Herbst hinein waren für Annunziata und Grazia die schwersten ihres Lebens. Wenn auch der Zustand Irides sich nicht wesentlich verschlechterte und in den Augen Doktor Platanias noch immer zu keinen ernsten Besorgnissen Anlaß gab, wenn auch das Kind oft ganze Tage außer Bett verbrachte, so mußten sich die großen Schwestern neben der Arbeit des Haushalts noch in einen Krankendienst teilen, der durch Irides störrisches Wesen immer mühsamer wurde. Es mußte erst November werden, ehe der Hausarzt im berechtigten Zweifel an seinen Heilmethoden die Überführung des Kindes in die Poliklinik beantragte. Es wird hier den Ereignissen nur deshalb vorgegriffen, um durch den Hinweis auf sie einige Stunden völliger Verlorenheit im Leben Grazias vorauszubegründen. Freilich holte das Schicksal vorher noch zu einem Streich aus, der die Familie Pascarella von anderer Seite vernichtend traf.

Die Folge mangelhafter Ernährung, und ungenügenden Schlafes zeigte sich, was Grazia betrifft, in doppelter Weise. Erstens: Die Unruhe um Placido wuchs sich zu krankhaften Angstvorstellungen aus. Und zweitens begann sie mit geradezu tropischem Überfluß zu träumen. Kaum legte sie sich hin, umwucherte sie schon dichtverschlungener Traumwuchs, eine Wirrnis, die aller Gesetzmäßigkeit spottete. Doch auch mitten am wachen Tage konnte sie, von Übermüdung angefallen, die häßlich üppige Träumerei ihrem Willen nicht unterwerfen, in der Küche, auf der Straße, während ihrer Unterhaltungen mit Miß Friggs, ja selbst bei Tische in Gegenwart Papas. Das Quälendste dabei war, daß diese Ausgeburten des Krassen und Verzerrten nicht zerrinnen wollten, daß die Schreckensbilder ihr scharf im Gedächtnis haften blieben und sich in vielen Nächten regelmäßig wiederholten. Ein beklemmender Traum machte ihr vor allen anderen Beschwer, und selbst viele Jahre später noch, da Gott nach harter Prüfungszeit alles verhältnismäßig zum Guten gelenkt hat, ist dieser Traum noch immer nicht ganz verblaßt und schleicht nächtlicherweile noch manchmal an ihr vorüber.

Die Szene spielt in dem verwilderten Garten am Posilipo. Grazia sitzt mit jemandem auf der Steinbank. Dieser Jemand ist aber keineswegs Placido, sondern Mr. Arthur Campbell, der aus Afrika endlich zu ihr zurückgekehrt ist. Die jugendlich schlanke Gestalt des Engländers steckt in einem unglaublich eleganten und unglaublich lässigen Jagdgewand. Nun, er kommt ja von Löwen- und Leopardenjagden, denkt sie, und genießt dabei das eigentümlich süße Gefühl von ihrem eigenen Körper, das ihr bisher nur in seiner Gegenwart gespendet war. Die Zeit hat nichts von dem köstlichen Gefühl verwaschen, von diesem seligen Sich-Strecken und -Dehnen im bewußten Futteral ihrer selbst. Zugleich betrachtet sie mit hoher Bewunderung den Kopf des Engländers. Er ist von der Sonne Afrikas braun, nein – kupferrot gebrannt. Um so blitzender treten die Zähne hervor, und wie bleiches gescheiteltes Licht die Haare. Campbell hat den linken Arm um Grazias Schulter gelegt. Die große, knochig braune Hand hängt gelassen herab und berührt ihre Brust. Mit der Rechten zeigt Campbell aufs Meer hinaus, ohne Zweifel in der Richtung Afrikas, von dem er erzählt. Sie unterbricht ihn mitunter und fragt etwas. Und beides, Erzählung und Frage, sein Wort und ihr Wort, ereignen sich in einer Sprache, die es nur für sie gibt, in einem Wohllaut, den allein sie verstehn, und der auf Erden nicht, doch in Gottes Registern verzeichnet ist. Während sie den beglückenden Silben dieser Sprache lauscht, bemerkt Grazia staunend, daß die alte verwahrloste Villa mit der großen Ausbietungstafel »Affittasi o Vendesi« um- und umgewandelt ist. Sie besteht nicht mehr aus Stein, sondern aus Kristallglas, das in den Farben des Prismas wundersam erglüht. Nach allen Seiten hin stehn Glastüren offen in den sanft wehenden Garten. Bis hierher ist der Traum zauberhaft schön. Um so schrecklicher der Absturz: Es fängt damit an, daß plötzlich ein Unwetter hereinprescht. Der Garten beginnt unter dem Sturm zu wanken, die Glastüren zersplittern, unten brüllt das Meer gegen die Klippen des Posilipo. Campbell hält Grazia fest. Er lacht und kennt keine Furcht. Doch er weiß ja auch nicht, was ihn bedroht, der Klare, der Unschuldige. Von hinten schleicht und schleppt es sich heran. Ist denn der andre nicht im Recht? Ist diese Bank nicht Placidos Bank? Grazias Gedanken keuchen: Wie kann ich nur meinen Geliebten retten? Placido will ihn ins Bein beißen. Und sein giftiger Biß wirkt absolut tödlich. Zugleich aber bricht ihr das Herz, daß Placido nicht mehr der ist, der er war, nicht mehr der herrliche Bruder, der herrliche Geist, sondern etwas anderes, etwas ganz Unsägliches. Was aber ist Placido? Grazia fühlt das Wort »Mostro« in allen Poren. Doch welch ein Ungeheuer bist du geworden, Placido, der du hier auf dieser Bank einst mit deiner schönen und genauen Stimme Gedichte rezitiertest? Grazia kann dich nicht erfassen und beschreiben. Mit allen Sinnen spürt sie deine tierhaft dämonische Verwandlung, nur nicht mit dem Augen- und Sprachsinn. Wenn sie sich am Tage dann schaudernd der Traumqual erinnert, denkt sie dich als ein kombiniertes Gewese von Hund und Schlange etwa, wie es Lauros phantasierende Hand aus Ton modelliert haben könnte. Das ist grundfalsch. Warum aber bist du, Placido, du innigster der Brüder, deine ganze geheimnisvolle Kraft zusammenraffend, zum Erzfeind geworden? Was hat dir Grazia getan? Du kennst ja Arthur Campbell gar nicht, den du ins Bein beißen willst. Der Engländer lacht noch immer in seiner hohen sonnverbrannten Unschuld. Da reißt ihn Grazia empor und zieht ihn atemlos ins kristallene Haus. Der »Mostro« dicht hinter ihnen. Doch die Rettung gelingt. Schon sind sie in der Vorhalle. Grazia stemmt ihren bebenden Leib gegen die Glastür. Der Sturm draußen, im Bunde mit dem Unhold, wirft sich entgegen und will die Tür aufstoßen oder zerschmettern. Während dieses entsetzlichen, aussichtslosen Kampfes überströmt Grazias entzweigerissenes Herz von Jammer: Placido, was ist aus dir geworden? Wohin mußte es mit dir kommen? Erkennst du mich nicht mehr? In dem Augenblick, da dieser Jammer sie zu töten droht, bricht der Traum ab.

Und dies war nur ein Traum von vielen, und einer der einfachsten und übersichtlichsten dazu. Um so deutlicher bewies es Grazias gesunde Veranlagung, daß sie in diesen Zeiten innerer Wirre ihre ganze leidenschaftliche Kraft dem Studium des Englischen ohne den geringsten Abstrich widmete. Sie saß allabendlich und in jeder freien Stunde an Placidos Schreibtisch und übersetzte lange Zeitungsartikel aus dem Corriere della Sera oder was ihr sonst in die Hand fiel, in Mr. Arthur Campbells Sprache. So mehrte sie an Hand des Vokabulariums und einer Grammatik fortschreitend ihren Wortschatz und ihr Formenwissen. Miß Violet Friggs war über Grazias wachsende Kenntnisse verblüfft. Ihr Austausch-Italienisch steckte dagegen noch immer in den Kinderschuhen. Kein Wunder, da Grazia in ungehöriger und selbstischer Weise stets auf englischer Konversation bestand.

Während einer dieser egoistischen Unterhaltungen, die an Miß Violets Teetisch geführt wurden, kam es einmal zu nachfolgendem Gespräch. Die Rothaarige, die heute in einen hauchzarten, grauvioletten Schleierschaum gehüllt erschien, musterte die Blonde, die wie aus Protest immer in demselben nähmädchenhaft bescheidenen Straßenkleid zur Tür hereinkam. Gerade diese Einfachheit, verbunden mit trotzigem Zielbewußtsein, bestrickten die angehende Sängerin. Wäre Grazia überaus raffiniert gewesen, sie hätte sich nicht verschlagener geben können, um Violets Neigung zu reizen und wachzuhalten. Die Britin empfing sie mit gekränktem Spott:

»Ihr Fleiß, liebe Grazia, beängstigt mich langsam. Täglich fertigen Sie meterlange Hausarbeiten an und sprechen schon wie ein Oxfordprofessor. Und ich kenne mich in eurem unglückseligen ›sarebbe, dovrebbe, vorrebbe‹ noch immer nicht aus. Soviel Fleiß, meine ich, kann eine Frau doch nur dann aufwenden, wenn sie verliebt ist.«

»Nun, vielleicht ...« lächelte Grazia in der unfreien Art eines sehr ernsten Wesens, das sich um der Unterhaltung willen einen bloßen Scherz leistet, hinter dem nichts steckt. Miß Violet Friggs aber faltete die Hände:

»Um Gottes willen, verlieben Sie sich nur ja in keinen Engländer, Grazia!«

»Warum denn nicht einen Engländer?«

»Weil das keine Männer sind, sondern Stoppuhren oder andre Präzisionsmaschinen.«

Grazia blinzelte feindselig zu Violet hinüber:

»Mir gefallen die Engländer hundertmal besser als zum Beispiel die Italiener.«

Die andere nahm den Kampf auf und schob ihre schönen, nur ein wenig sommersprossigen Arme vor:

»Und ich sage Ihnen, wenn es schon ein Mann sein muß, dann am ehesten ein Italiener, ein Spanier, oder überhaupt ein Südländer.«

Grazia schwieg, denn das gewaltige Herzklopfen, das sie während dieses Gespräches befiel, hätte ihre Stimme zittern gemacht. Miß Friggs aber riskierte nach einer Weile mit selbstironischem Augenaufschlag die schlüpfrige Frage:

»Können Sie sich vorstellen, daß man sich in solch einen Alten wie den Maestro Capironi verliebt?«

Etwas in Grazia drängte sie, auf alle Fälle Partei für das Alter zu nehmen:

»Warum nicht? Ich kann mir das sehr gut vorstellen.«

»Nicht wahr«, versicherte Miß Violet, durch Grazias Anerkennung freundlich angeregt, »er hat doch ein ausgezeichnetes Gesicht, so entzückend morbid. Und fabelhaft zynische Hände. Wenn er am Klavier sitzt, sind dieselben Hände schrecklich ernst. Es sind wundervolle Künstlerhände ...«

Grazia hörte diesem Geständnis gar nicht mehr zu. Sie war innerlich krampfhaft mit einer Frage beschäftigt, die zu stellen sie ihre ganze Kraft brauchte:

»Miß Violet! Kennen Sie in London vielleicht eine Familie namens Campbell?«

Sie sagte »Familie«, weil sie damit die Deutlichkeit der Frage zu verwischen hoffte. Gleichzeitig aber spürte sie sich rot und heiß werden bis in die Schuhe hinein. Violet Friggs, die anfangs dem Rätsel so nahe gewesen war, merkte nichts:

»Campbell? Welche Campbells? Meine Liebe, das ist ein Name, der so häufig vorkommt wie Wiesengras. Die Campbells haben meist Zusatznamen. Campbell Grifforth, Campbell Bannerman, das ist ein Politiker, glaube ich ...«

Nein, sie meine einen Campbell ohne Zusatznamen. Aus ganz verengter Kehle verriet Grazia Arthurs Wohnsitz, wie er auf der Visitkarte in dem Medaillon verzeichnet stand, das sie bei sich trug. Doch auch diese Adresse schien der Engländerin weder zu imponieren, noch auch sie klüger zu machen:

»Dort wohnen gewiß mindestens hundert Campbells«, verkündete sie und wandte sich ihrem Lieblingsthema zu, das teils nach Emanzipation, teils nach Liederlichkeit lautete. Es habe ihrer Ansicht gemäß überhaupt keinen Sinn, das Leben nach den Männern zu orientieren. Die Liebe sei ein Vergnügen, doch ein gefährliches. Sie persönlich schätze die Freundschaft mit einem gleichgearteten Geschöpf weit höher ein. Darüber hinaus aber müsse jede Frau einen Beruf haben. Aus keinem anderen Grunde lebe sie in Italien und studiere bei Maestro Capironi, obgleich dieser ihr täglich erkläre, ihre Stimme sei durchaus nicht erstklassig.

Grazia saß während dieser Konfessionen, die sie schon öfters zu kosten bekommen hatte, teilnahmslos und versonnen da. Beim Abschied aber zwang sie sich zu folgender scharfen Erklärung, als läge es ihr unbedingt ob, die Ehre eines Abwesenden zu verteidigen:

»Ich glaube nicht, liebe Miß Friggs, daß die Familie Campbell, nach der ich Sie vorhin gefragt habe, eine so ganz gewöhnliche Familie ist.«

 

Als Grazia, noch immer von der Stunde bei Miß Violet Friggs heftig erregt, nach Hause kam, fand sie Placidos Brief schon vor. Mit diesem Brief hatte es eine eigene Bewandtnis. Er war fast zur gleichen Zeit aufgegeben wie die vorhergehenden der beiden anderen Brüder. Dennoch langte er erst zwei und einen halben Monat später ein, denn der September neigte sich schon dem Ende zu. Diese Verspätung blieb unaufgeklärt. Es war ein Pech Grazias und Placidos, und hat ihnen viel Leiden verursacht. Man bedenke doch nur, Annunziata und Iride hatten jede schon zwei oder drei Briefe ihres Bruders erhalten und Grazia keinen. In diesem täglich enttäuschten Hangen und Bangen lag einer der wichtigsten Gründe für die Verwirrung, die sich über Grazia senkte. Schuld an allem war höchstwahrscheinlich ein Postsack, der durch Zufall, Fahrlässigkeit oder aus anderen Ursachen liegen blieb.

Spiegelten die Briefe Lauros und Ruggieros das äußere Leben in Brasilien, soweit ein flüchtiger persönlicher Bericht dazu imstande ist, so verriet Placidos Brief weit weniger von der bunten fremden Welt, in der nun der Schreiber lebte. Wer hätte es nicht von dem Dichter erwartet, daß er neben der Schilderung seines eigenen Lebens ein farbengesättigtes Bild Brasiliens und Rio de Janeiros entwerfen werde, um seine Lieblingsschwester damit zu erfreuen? Gab es nicht wahrlich Stoff genug? Die göttliche Bai mit dem Zuckerhut, der seltsame Gaveaberg, den man auf der städtischen Avenida Niemeyer leicht erreichen kann, das Orgelgebirge in der Ferne, die Königspalmen im botanischen Garten, das tumultuarische Badeleben an der Praia und die Geschäftigkeit der Avenida Branco und Assemblea! Kein Wort von all diesen schönen Dingen, die einer lebhaften Schilderung warteten. Der Dichter Placido schien sich gegen die Fülle der Eindrücke abzusperren und sie nur in Beziehung zu seinem inneren Zustand gelten zu lassen. Doch auch über diesen konnte er der Lieblingsschwester nicht ganz frei und offen schreiben. Die Annahme, Papa werde seinen Bericht lesen, behinderte ihn fühlbar in jeder Zeile. Trotz all dem darf dieser wichtige Brief, wenn auch zeitlich überholt und von tragisch nahenden Ereignissen bedrängt, nicht fortgelassen werden.

»Rio de Janeiro. Rua Guarani 26. Am 14ten Juni

Liebste Graja! Ehe ich beginne von mir zu reden, habe ich eine dringende Bitte auf dem Herzen. Soeben erhalte ich von Lauro aus dem Instituto Butantan in São Paulo eine ziemlich deprimierte Postkarte. Sein Ring ist ihm abhanden gekommen, und er weiß selbst nicht wie. Vielleicht hat ihn jemand ihm vom Finger gezogen. Sehr unwahrscheinlich! Vielleicht ist er ihm bei einer seiner beruflichen Arbeiten vom Finger geglitten, ohne daß er es bemerkt hat. Das wäre schon möglicher, da Lauro nach einer recht unangenehmen Dysenterie auf der Ilha das flores stark abgemagert ist. Wir wissen ja alle, wie sehr er an diesem Erbstück hängt und daß er es immer als sein Amulett betrachtet hat. Ich schlage deshalb vor, daß Ihr, Du, Iride und vor allem Zia, unter den Sachen, die in der Stanza della Mammina aufgehoben werden, etwas aussuchet, das als Amulett und Ersatz für den Ring dienen kann. Papa wird gewiß nichts dagegen haben. Was es auch immer sei, packet es in eine kleine Schachtel und sendet es eingeschrieben an ihn. Ihr braucht Euch aber bei dieser Sendung nicht auf mich zu berufen. Am besten wird es sein, wenn Ihr sie ohne Begleitschreiben aufgebet. Lauro wird sofort wissen, worum es sich handelt.

Im übrigen fühlt er sich jetzt sehr wohl in São Paulo und wird nur von einem kleinen Zweifel gequält, ob er seine derzeitige Anstellung nicht mit dem Empfangsbüro des dortigen größten Hotels vertauschen soll. Ich habe ihm aufrichtig dazu geraten, denn das Instituto Butantan halte ich, was Lauro anbelangt, für eine Sackgasse, aus der es kein Vorwärts gibt, weder bezüglich des Salärs noch der Arbeit. Die Hotelwelt hingegen spielt hier eine große Rolle. Die reichen Brasilianer wohnen und speisen nicht nur in den großen Hotels, sondern verlungern ihren ganzen Tag in ihnen, und in der Nacht wird jedes zum mondänen Spielkasino. Die Möglichkeiten für einen gutaussehenden jungen Mann in diesen Betrieben sind jedenfalls größer als in einem Institut für Schlangenserum. Dasselbe habe ich Lauro geschrieben, ohne ihm meinen Rat allzusehr aufzudrängen. Ruggiero freilich brauchte meinen Rat nicht. Im Gegenteil. Ich verdanke ihm hier alles, auch meinen gegenwärtigen Posten. In großer Bewunderung neige ich mich vor unserem jüngsten Bruder. Ihr sollt nicht sagen, daß er Glück gehabt hat. Das gibt es nicht. Es ist eine solche Bewährung des Lebens in ihm, so viel Mut und Frische, ich habe es ja selbst erlebt. Der Fazendeiro Salvafede ist ganz vernarrt in ihn. Durch dessen Protektion habe ich auch, auf Betreiben Ruggieros natürlich, den Posten bei der großen Companhia para Construcções Hydraulicas bekommen. Ich bin als italienischer Korrespondent angestellt. Das Gehalt ist klein und reicht leider nur für mich aus. Meine akademischen Studien gelten hier nicht. Man muß brasilianischer Bacharel em Sciencias e Lettras sein, um für die höhere Bildung in Betracht zu kommen. Generalkonsul Eccheverria lud mich öfters zum Essen ein, sonst konnte er nichts für mich tun. Auch meinen Freund Bombilli, von dessen Karriere man in Neapel so viel Wunder erzählte, habe ich noch nicht auftreiben können. Es ist alles anders als man es sich denkt. Bitte verzeih diese dumme Phrase. Nein, die Welt ist überall grauenhaft gleich. Würdest Du es für möglich halten, daß ich jeden Morgen fast mit geschlossenen Augen in mein Büro gehe, und jeden Nachmittag ebenso in die Rua Guarani heimkehre, wo ich mein Dormitorio habe? Es ist schrecklich zu sagen, aber mich interessiert die fremde Welt nicht, die so viele Reisende berauscht. Ich möchte bei mir sein und muß außer mir sein. Darin liegt gewiß eine Schuld. Ebenso wie auch in der Tatsache, daß ich mich für meinen Beruf nicht im geringsten interessieren kann, daß es mir gänzlich gleichgültig ist, ob ich hundert Kupferröhren anfordere oder einer italienischen Versicherungsgesellschaft einen gedrechselten Brief schreibe. Ich beneide unseren Ruggiero von Herzen. Er ist Feuer und Flamme für Kaffee, sein Lebenszentrum ist Kaffee. Auch Lauro in seinem Instituto Butantan hat seit jeher sich mit der Tierwelt beschäftigt.

Du darfst aber nicht meinen, liebste Grazia, daß ich mich beklage. Ich klage mich an! Ich klage mich an, daß ich die Gleichgültigkeit gegen die Lebensrealitäten in mir nicht vernichten kann, wie ich es gehofft habe. Ich klage mich an, daß ich als der Älteste so wenig Geld verdiene, daß ich, der unsere Fahrt nach Brasilien angeregt hat, Euch noch nicht zu helfen vermag und vielleicht niemals werde helfen können. Ich sage es offen, mir fällt es nicht leicht, in der Verbannung zu leben, in der Sonnenferne. So heiß es hier ist, mich friert – – –«

Grazia wandte das Briefblatt um, da fiel etwas zur Erde. Es sah aus wie ein weißes Knöpfchen, war aber ein hundertfach zusammengefalteter Zettel.

Sie las folgendes Gedicht:

Die Avenue ihr Luxus-Licht verschwendet.
Doch setz ich in die Armenstadt den Fuß,
Empfängt Verfall mich, Schmutz und Spülicht-Guß.
Dort liegt ein Maultier, tot, noch kaum verendet.

Vom Urwald aber, witternd hergewendet,
Ein Volk von Geiern schwelgt, von Urubus,
Und hackt und prackt das Mahl zu rotem Mus,
Stets rückwärts hüpfend, wie vom Werk geblendet.

Ein Bild des heißen Alltags nur! Wer las es?
Und welcher Sinn ist dunkel eingestiftet
In dieses Vorgangs grausige Charade?

Ich weiß nicht. Doch, vom Leichengift vergiftet,
Ergreift den Geist aus dieser Welt des Aases
Ein großes Heimweh nach der Welt der Gnade.

Und darunter:

»Das einzige Sonett, das ich hier geschrieben habe. Ich könnte mehr schreiben, aber ich verwehre es mir aus vielen Gründen. Hoffentlich ist das obige nicht ganz unverständlich und verstiegen.«

Ach, wie hätte sie es nicht verstehen sollen!? Das letzte Wort des Gedichtes »Gnade« war ja ihr Name »Grazia«. Sie las es immer wieder. Und jedesmal wurde der schartige Schmerz in ihrem Inneren schärfer.

 

Gleich nachdem die Schwestern durch Grazia von Lauros Verlust erfahren hatten, gingen sie gemeinsam in die Stanza della Mammina, um nach irgendeinem Erinnerungsstück zu suchen, das Lauros Ring ersetzen könnte. Leider fand sich unter Mamas Erbschaft nichts Brauchbares. Man konnte ja nicht gut Fächer, Schirmgriffe, Schildpattkämme, Operngläser, Schuhschnallen, Fingerhüte und Nähschatullen einem jungen Mann als Schutzgeister in die Fremde senden. Es blieb nichts anderes übrig, als daß Annunziata ein kleines goldenes Armband, welches sie selbst zu tragen pflegte, diesem Zwecke weihte. Das Schmuckstück stammte zwar nicht aus Mamas Besitz, doch kam es von ihr, da sie es einst Annunziata zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Wird es die Kraft haben, Lauro vor Mißgeschick zu bewahren? Tiefe Betrübnis wandelte Annunziata an. Sie zweifelte nicht an der Kraft ihrer Liebe zu Lauro, sie zweifelte aber an der Kraft ihres Beistands. Die Mädchen legten das Armband ganz nach Placidos Wunsch in eine kleine mit Watte ausgepolsterte Schachtel und verschlossen sie in ein rekommandiertes Paketchen. Auf der Post erfuhren sie zu ihrem Leidwesen, daß der nächste Dampfer nach Rio und Santos erst am zweiten Oktober abgehe, die Sendung daher nicht vor Anfang November in Brasilien sein könne.

Daß sich Grazias Seelenverfassung durch Placidos Brief und das ihm beiliegende Sonett nicht aufhellte, wird man leicht begreifen. Sie hatte von ihrem Bruder Worte der Hoffnung und Aufmunterung erwartet, wie sie es gewöhnt war. Wie schlecht mußte es um ihn bestellt sein, daß er, der niemals einen Schmerz verriet, nicht mehr die Kraft fand, seine wahre Lage zu verhüllen! Grazia verkroch sich und starrte in die leere Luft, doch ein Ausweg fiel ihr nicht ein. Indessen wurde auch das Hiesige unklarer von Stunde zu Stunde. Im Nebenzimmer jammerte Iride oft leise, oder lag, was noch verdächtiger war, tagelang in apathischem Halbschlaf. Don Domenico blieb wegen seiner vielen Reisen mittags immer häufiger aus und kehrte am Abend jetzt regelmäßig erst gegen neun Uhr heim. Bei Papas Heimkunft fuhr stets ein neues Leben in die Kranke, sie streifte ihre Mattigkeit ab, empfing den Vater mit glühend erwartungsvollen Augen und bot ihm dadurch ein völlig falsches Bild ihres Zustandes dar. In dieser Zeit entwickelte sich Papas Mißlaune zu schreckeinflößenden Maßen. Die Mahlzeiten verliefen meist ohne ein Wort, wenn es nicht gerade wegen irgendeiner Kleinigkeit zu wilden Ausbrüchen kam. Die Schwestern warteten gierig darauf, durch eine nebensächliche Bemerkung wenigstens einen Anhaltspunkt über den Stand des geschäftlichen Kampfes zu erhalten. Vergebens! So widernatürlich es auch klingen mag, seit jenem Schreckensmorgen in der Azienda hatte Don Domenico kein Wort über seinen Krieg gegen den Bankerott gesprochen und keines der Kinder weiter ins Vertrauen gezogen.

Nach Empfang des Placidobriefes (der übrigens nicht anders schloß, als er begann) kam in Grazia die lastende Dumpfheit, die sie über die Monate des Unglücks hinweggehoben hatte, langsam in Bewegung wie ein Bergrutsch. Sie wußte nicht, was vorging, aber ihr war so, als sei die Zeit schneller geworden, als überstürzten sich heimlich die Sekunden in verdächtigem Tempo. Man mußte den qualvollen Wettlauf mit der Zeit aufnehmen. Sie tat, was sie konnte. Keinen Augenblick der Muße gönnte sie sich, schon um die lauernden Tagträumereien zu bannen. Placidos Gedichte, seine Betrachtungen und Skizzen waren nun alle schon abgeschrieben und geordnet. Grazia saß, wenn sie nicht gerade Dienst bei Iride oder in der Küche hatte, am Schreibtisch und übersetzte hastig, als verfolge sie damit eine unabweisliche Notwendigkeit, den Corriere della Sera ins Englische. Alles übersetzte sie, schön nach der Reihe, ohne Ansehung des Gegenstandes, mit schiefgeneigtem Kopf, wie eine brave Schülerin: Leitartikel, Tagesberichte, Theaterkritiken und Feuilletons. In der Hitze des syntaktischen Gefechtes nahm sie meist den Inhalt des Übersetzten gar nicht wahr. Einmal aber stieß sie bei dieser Tätigkeit auf eine Geschichte, die Eindruck auf sie machte und ihr nicht aus dem Sinn kam. Es wurde da in ziemlich romantischer Ausdrucksweise erzählt, daß vor einiger Zeit vom Leuchtturmwächter einer kleinen Insel im Atlantischen Ozean eine Flaschenpost aufgefischt worden sei, wie sie Schiffbrüchige in schwerster Seenot dem Meere anzuvertrauen pflegen. Als man die Flasche zerschlug und ihr den unversehrten Brief entnahm, habe sich herausgestellt, daß dieser schon seit dem Jahre 1837 unbestellbar auf den Fluten umherirre. Ein englischer Marineoffizier gesteht darin einer fernen Dame, die nichts von ihm und seinen Gefühlen ahnt, in der Stunde des Todes seine heimliche und unvergängliche Liebe.

Diese auf der Feuilletonseite des Corriere della Sera geziemend ausgeschmückte Ballade war wohl das Muster für Grazias eigenes Unternehmen. Wollte man freilich den Antrieb dazu genauer zergliedern, so käme ein weit weniger romantisches und fast gar nicht sentimentales Planen ans Licht. Gewiß, auch dies war ein Sehnsuchtsruf. Doch viel mehr wars noch ein Ruf um Hilfe. Träumerei war ihm beigemischt und sogar Verspieltheit. Dem Wunsche, durch dieses Mittel ans Ziel zu kommen, begegnete ebenso lebhaft der Wunsch, damit nicht ans Ziel zu kommen. Eine verzwickte Sache, ohne Zweifel!

Kurz und gut, auch Grazia wandte das Mittel der Schiffbrüchigen an, die Flaschenpost. Wenn sie die ihrige weder einer Flasche noch dem Ozean anvertraute, so warf sie sie doch nicht minder in die Fluten der Ungewißheit. Zu diesem Zwecke bediente sie sich aber keiner Postkarte, die man käuflich erhält, sondern schnitt aus einem Stück steifen Papiers eigenhändig ein Rechteck im üblichen Format aus. Auf dieses Papier schrieb sie in charakterloser Blockschrift, die sie keinesfalls verraten konnte, nichts als Namen und Adresse von Mr. Arthur Campbell. Da ihr aber die Chance, die sie sich dergestalt selbst gab, zu groß und einer echten Flaschenpost unangemessen erschien, zerriß sie die Karte wieder und fertigte sorgsam eine zweite an, auf der sie Arthur Campbells Adresse insofern verstümmelte, als sie eine falsche Hausnummer einsetzte, statt fünf sieben, gerade nebenan, aber doch nicht richtig. Zum Überfluß schmuggelte sie auch noch in den Namen des betreffenden Stadtteiles einen fehlerhaften Buchstaben ein, wodurch der Empfänger für Londons Briefträger immer unauffindbarer werden mußte, selbst wenn Miß Violet Friggs' Ausspruch eine dreiste Übertreibung war, daß in England die Campbells so zahlreich seien wie der Sand am Meer.

Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln blieben der Gründe zur nagenden Scham noch genug übrig. Auf dem Poststempel würde Arthur Campbell – käme die Karte unerwarteterweise doch an – klar und deutlich »Napoli« lesen können. Das war ganz unmöglich. Grazia begegnete dieser Gefahr folgendermaßen. Sie sagte die Zusammenkunft bei der Friggs ab und fuhr mit der Straßenbahn nach Portici hinaus, das noch nicht in Neapel eingemeindet ist und daher einen eigenen Postaufdruck hat. Dort warf sie nach einem kurzen aber wilden Kampf mit sich selbst die Karte, auf der nichts anderes stand als eine unvollkommene Adresse, in den erstbesten Briefkasten. Kaum wars geschehn, erglühte sie vor Entsetzen über ihre zudringliche Schamlosigkeit. Nun hatte sie sich einem fremden Mann an den Hals geworfen. Der blanke Briefkasten starrte sie mit amtlichem Vernichtungsblick an wie ein Organ der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, das auch über die Tugend zu wachen hat. Doch als sie sich entfernte und es nicht mehr in ihrer Macht stand, die davonschwimmende Flaschenpost einzuholen, zog eine Stunde köstlicher Ruhe und Freudigkeit in Grazia ein.

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