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Die Geschwister von Neapel

Franz Werfel: Die Geschwister von Neapel - Kapitel 11
Quellenangabe
typeDie Geschwister von Neapel
authorFranz Werfel
titleDie Geschwister von Neapel
publisherFischer Bücherei
year1956
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151209
projectid509730f4
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Zehntes Kapitel
Die heilige Nonne
[Lauro und Annunziata]

Fronleichnam ging vorüber und Peter und Paul kamen, ohne daß es den Schwestern gelungen wäre, eine geldzeugende Idee zu fassen. Sie hatten zwar ihren kindlichen Schmuck zusammengehäuft, die dünnen Silber- und Goldkettchen, die sie besaßen, die Korallen, Kreuzchen, Madonnen- und Engelbroschen, all die kleinen Geschenke Mamas – doch der Juwelier, bei dem sie die Andenken schätzen ließen, behauptete, das Zeug sei insgesamt keine dreihundert Lire wert. Da trugen sie es wieder nach Hause.

Grazia dachte einen Augenblick lang daran, Miß Violet Friggs um Hilfe zu bitten. Als sie aber der rothaarigen Luxusdame gegenübersaß, vermochte sie kein Wort zu sagen, obgleich ihr Violet wie immer zärtlich die Hand streichelte. Wer gleich Don Domenicos Tochter im altbürgerlichen Stolz und in der Geldscheu aufgewachsen ist, wird ihr aus diesem Versagen schwerlich einen Vorwurf machen. Es wäre für sie eine Schamüberwindung gewesen, der sich von allen sechs Pascarellakindern vielleicht nur Lauro gewachsen erzeigt hätte. So mächtig auch die Geschwisterliebe in Grazia glühte, hier lag die Erziehungsgrenze ihrer Freiheit und ihres Opfermaßes.

Annunziata streckte die Waffen nicht. Sie nahm den Kampf auf, wenn auch nicht auf irdischem Gebiete. Der geheime Trieb, dem sie schon seit Jahren nachhing, ihre Versuche, in mystische Erstarrung zu verfallen, diese selbstische und etwas leere Form der Ekstase genügte ihr nicht mehr. Priester Ildefonso hatte an ihr gerüttelt und die Notlage der Brüder in Brasilien brachte sie ganz um ihren Wert. Was konnte der eitle Muskelschmerz und die schweifende Träumerei, hinter der sich nichts verbarg als gereizte Selbstsucht, jetzt noch helfen? Lauro hungerte. Lauro war in Gefahr, zugrunde zu gehen. Annunziatas ziellose, bisher ungefaßte Frömmigkeit bekam plötzlich einen festen Bezugspunkt und damit eine tiefere Perspektive. Zum erstenmal in ihrem Leben wollte sich die gestaltlose Stimmungsdisposition zu wirklichem, himmelbewegendem Gebet verdichten. Die Angst um Lauro bewirkte diese Entwicklung. Es gibt eine Mathematik Gottes, die sich in gewissen Beziehungen nicht unähnlich der irdischen verhält. Sind in einem Koordinatensystem zwei Punkte gegeben, so läßt sich aus ihnen der dritte bestimmen. Steht im Leben ein Ich zu einem Du in liebender und angstvoller Beziehung, so ist der dritte, nicht gegebene Punkt realisiert, Gott.

Nach Santa Maria la Stella und nach Santa Maria Avvocata hatte Annunziata in letzter Zeit so manche Kirche Neapels probiert. Keine davon befriedigte sie. Alles war jetzt schwieriger geworden. Ihr Gemüt zeigte sich weit störbarer als früher. Sie schämte sich vor den alten Leuten, die in den geweihten Räumen überall umherhockten und -schlurften. Die Gnade des Gebetes wurde nicht so freigebig gespendet wie das Schattenkarussell sentimentaler und unverbindlicher Bilderreihen.

Einmal – es war vielleicht der heißeste Tag dieses glühenden Sommers – geriet sie auf ihren Streifzügen in eine Gegend, die sie nicht kannte. Sie hatte die Via Foria und den schattenarmen botanischen Garten durchquert, um an der Seite des langgestreckten Albergo dei Poveri vorbei einen elenden Stadtteil zu betreten, der die nordöstliche Ecke der neapolitanischen Peripherie bildet und Rione Sant Eframo heißt. Es war ein verfallener Bezirk, teils im Abbruch, teils im Neuaufbau befindlich, an dem sich gerade die große Assanierung Italiens durch das neue Regime vollzog. Widrige Gassenenge. Doch in der Nähe begannen schon freie kalkweiße Straßenahnungen den Stein- und Gerümpelberg des Altertums zu durchbohren. Ein unsäglicher Gestank von Aas und faulem Fisch, kochendem Öl und erbrochenem Wein, von Knoblauch und verdorbenem gärendem Obst schwelte dick durch die Luft. Die türlosen Wohnungen klafften gassenwärts mit schwarzen Mäulern. An die Bettpfosten gepflockte Ziegen meckerten schamlos im Hintergrund der Stuben. Unter den Madonnenbildern schnurrten die großen Katzen oder sie verzehrten ihr Fischmahl. Und das alles bedeckte, wehend und surrend, ein schwarzer Schleiermusselin von Fliegen. Die Stätte zeigte genau das gleiche Bild, wie es vor einem halben Jahrhundert Renato Fucini in seinem berühmten Buche »Napoli a occhio nudo« gemalt hatte.

Mitten in dieser Welt stand eine grelle Kirche, das Armseligste von einem Gotteshaus, das man sich denken kann, ein trister Bau, der gewiß keine zehn Jahre alt war. Die Wände schienen übrigens frisch gestrichen zu sein und vermehrten die grausame Polyphonie der Gerüche um den beißenden ammoniakscharfen Geruch des gelöschten Kalks. Der rote Vorhang des Portals wehte, von innen her aufgebläht, in den schreiend weißen Tag, als läge er vor dem Winde des außerordentlichen Vorgangs, der sich in der Kirche abspielte. Auf dem Platz drängte sich ein Haufe von etwa zweihundert Menschen; Frauen zumeist, und zwar alte Frauen, Kranke oder verkrüppelte Wesen. Einige Burschen, junge Arbeiter, hielten sich höhnisch abseits, rauchten und warfen stichelnde Bemerkungen in den Weiberhaufen. Sie wurden gar nicht beachtet, denn eine eigenartige Erregung hatte sich der kleinen aber dichtgescharten Menge bemächtigt. Abgezehrte Arme stießen ekstatisch in die Höhe, Humpelgestalten an Krücken hüpften verrückt im Kreis, schrille Stimmen keiften auf und verloren sich in langen psalmodierenden Trillern.

Die Kirchentür wurde von zwei groben stoppelbärtigen Sakristansgestalten bewacht, die dem Volke draußen den Eintritt verwehrten, Annunziata aber, wenn auch mit mißtrauischen Blicken, durchschlüpfen ließen. Der dunkle Innenraum bot einen Anblick, der durchaus von dem verschieden war, was Annunziata draußen erlebt hatte. Auch hier drängte sich eine Menge von mindestens zweihundert Personen im schmalen Schiff zusammen. Jedoch sie schwieg, und zwar nicht mit einem gewöhnlichen Schweigen, sondern inbrünstig, erschüttert und atemlos. Die meisten lagen auf den Knien. Einige beugten sich so tief, daß sie mit der Stirn die Fliesen berührten. Wars ein Fest, ein Heiligen- oder Bußtag, den Annunziata nicht kannte? Sie sah zum Altar hin. Nein! Nur wenige Kerzen brannten. Kein Priester amtierte. Die Stimme keines Celebranten hallte aus dem Dunkel. Alles wie an einem gewöhnlichen Wochentag. Doch dort, unter den Stufen, die zum Gottestisch emporführten, schien sich eine Gruppe weißer Gestalten in unverständlicher Regsamkeit zu bewegen. Was war das? Annunziata wagte es kaum, die schüchterne Frage an eine der Frauen zu stellen, die nicht kniete. Sie zog sich sogleich einen Tadel zu:

»Das wißt Ihr nicht, Signorina? La santa monaca! Suor Concetta stirbt.«

»Die heilige Nonne?«

»Suor Concetta! Ihr fragt noch? Sie ist gekommen, die gute süße Tina, um hier in ihrer Kirche zu sterben.«

Annunziata sah die Frau erschrocken an, so daß diese sich zu weiteren Erklärungen herabließ:

»Dort? Seht Ihr noch immer nichts, Signorina? Sie ist gekommen, sie hat sich auf der Bahre hierher tragen lassen, um unter dem Altar zu sterben, den sie so sehr liebt. Die Kirche hat sie erbaut und zwei Spitäler hat sie erbaut und den niedrigsten Dienst hat sie getan bis in ihr Alter. Die Krankenwäsche hat sie gewaschen und die Abtritte hat sie geputzt und keine Arbeit und kein Dienst war ihr zu schlecht und sie war eine Reiche und eine der Allerreichsten war sie und eine hochadlige Dame und Ihr wißt nichts davon, Signorina ...«

»Ich bin hier fremd«, entschuldigte sich Annunziata und sah noch immer mit scheuem Frageblick auf den zahnlosen Mund, der sich zu geschwätzig klagendem Wortgerinnsel öffnete:

»Im Hals hat es sie erwischt. Und die Ärzte haben ihr vorgestern die Kehle aufgeschnitten und haben ihr eine silberne Röhre hineingesteckt. Und jetzt kann sie nicht mehr reden und ist ganz stumm vor ihrem Tod. Und sie stirbt hier, und sie war eine der Allerreichsten und eine Duchessa, und es hilft ihr nichts. Und als ich im Spital lag, hat sie sich an mein Bett gesetzt und ist eine Stunde lang sitzen geblieben und hat mit mir über alles geredet. Und daneben hat sich eine zu Tode gehustet, und sie hat ihr das Spuckglas gehalten und sich nicht geekelt, sie, eine Duchessa. Wir sind gekommen, weil wir sie alle kennen, lange schon, Suor Concetta, la nostra dolce Tina.«

Schon während dieser Litanei war die Frau ins Schluchzen geraten. Jetzt aber, von der Erschütterung, die den ganzen Raum in Bann schlug, epileptisch geschüttelt, sank sie zu Boden und heulte:

»Du wirst noch heute bei der Madonna sein, und ich bleibe hier in dieser Welt.«

Der laute Ausbruch verbreitete sich durch die ganze Kirche wie ein dumpf aufwinselndes Glissando. Die von unbekannter Macht zusammengeschweißte Menge bildete einen empfindsamen Resonanzkörper, der bei der geringsten Berührung zu schwingen begann. Schon lösten sich aus dem Schweigen seufzende Frauenstimmen, zu ähnlichen Ausrufen bereit wie Annunziatas Nachbarin. Es bedurfte einiger gedämpfter Silenzio-Mahnungen, um die schadhafte Ruhe, die jeden Augenblick zu zerreißen drohte, wieder herzustellen.

Annunziata schob sich durch den Mittelgang vorwärts. Sie spürte unter diesem Volke und an dieser Stätte nichts anderes als Verlegenheit und das peinliche Bewußtsein ungebetener Zeugenschaft. Eine ähnliche Beklemmung empfindet jemand, der bei einem zufälligen Besuch in eine Familie gerät, wo ein Angehöriger gerade den letzten Atemzug tut. Annunziata ging auf Zehenspitzen, und als die Leute ihr Platz machten, zögerte sie, näher zu treten, und blieb in ziemlicher Entfernung stehn. Dennoch konnte sie alles genau beobachten. Ein leichtes weißes Metallbett. Darauf, völlig zugedeckt, eine weiße Gestalt, die sich kaum abhob. Von einem Gesicht war beinahe nichts zu sehn, denn der ganze Kopf dieser Gestalt steckte in einem weißen Verband. Ein Arzt und zwei barmherzige Schwestern, alle in weißen Kitteln. Und ein weißes fahrbares Tischchen, mit Flaschen und Pinzetten auf der Glasplatte, absonderlich genug an dieser Stätte. Ein wenig abseits von der Gruppe, aber noch im freigelassenen Kreis, stand ein alter Pfarrer im Chorrock, der die Hände gefaltet hielt und in seinen Zügen Verlegenheit, ja Bestürzung über ein Begebnis zeigte, das sich seines Wissens in einer Kirche noch niemals zugetragen hatte.

Die Blicke der Gemeinde hingen unbeweglich an dem weißen Bett und an der weißen Gruppe. Es war ein starrer Ausdruck in ihnen, den man schreckerfüllte Wunderbereitschaft hätte nennen können, eine überschwengliche Entsetzensmiene, obgleich das mittelalterliche Ereignis, Tod einer Heiligen inmitten einer frommen Menge, eher eine segensreiche Bedeutung zu haben schien. Die Sterbende schlief oder hatte schon das Bewußtsein verloren, so kam es wenigstens Annunziata vor, die nun gleichfalls niederkniete und mit den anderen Seelen verschmolz.

Nein, es war Täuschung. Suor Concetta, la santa monaca, schlief nicht und war nicht bewußtlos. Die liegende Gestalt, die sich kaum abhob, machte eine leichte Bewegung und legte den eingefatschten Kopf von rechts nach links. Dieses Nichts von Bewegung lief wie ein Nervenzucken durch das Volk und erweckte ein lautloses Geflüster:

»Sie will etwas ... Achtung ... Trinken will sie ... Aber das geht doch nicht ... Wie könnte sie trinken ... Sie hat keinen Durst mehr ... Da, sie hat etwas zu sagen und kann nicht sprechen ... O Madonna, o Ihr Heiligen, erleichtert es ihr ... Achtung, der Arzt ... Er redet zu ihr ... Der Dumme ... Wie soll sie ihn verstehn ... Ah, sie versteht ihn ...«

Der Arzt, ein noch junger Mann, hatte sich tief über die Kranke gebeugt. Man hörte seine Stimme, ohne die einzelnen Silben zu verstehen, die er langsam und abgehackt aussprach, als beschwöre er ein gespenstisches Wesen. Annunziata glaubte zu hören, aber vielleicht war es bloß Einbildung:

»Keine Angst! Gedulden Sie sich nur noch ein paar Minuten! Gleich wird er bei Ihnen sein.«

In den Kirchenbänken erhob sich jetzt ein Mann und versicherte mit heiserem Ton:

»Sie will, daß wir beten.«

Er blieb allein. Nur der Pfarrer kniete vor dem Altar hin. Im Kirchenschiff aber begann ein reges Gewisper und Geflüster, als müsse die spannungsvolle Zeit durch irgend etwas ausgefüllt werden. Suor Concetta machte jetzt eine stärkere Bewegung als früher. Sie hob sogar die rechte Hand und fuhr über einen unsichtbaren Wasserspiegel hin, wie um ihn zu beruhigen. Es war eine ausgesprochene Gebärde des Unbehagens und des Ruhewunsches. Der Arzt legte beide Hände an die Lippen und bekehrte die Versammlung damit wieder zur Stille. Inzwischen hatte sich ein halbwüchsiger Junge, der den Pendeldienst zwischen Kirche und Außenwelt besorgte, durchgezwängt und winkte dem Arzt aufmunternd zu, der neuerdings seinen Mund zum Ohr der Kranken neigte.

Es war zum Ohnmächtigwerden heiß. Durch die Fensterrose quoll gelblich fettes Licht und gerann in Flecken und Pfützen. Die Gerüche des Rione Sant Eframo drangen unabweislich herein und nahmen den abgestandenen Weihrauchduft in sich auf und einen leisen Ätherhauch. Wird das ewig so weitergehen? Ist die Grenze des Erträglichen nicht schon erreicht? Annunziata glaubte, nicht sie knie, sondern ein fremder Körper, der sich anrührte wie Holz. Selbst wenn sie sich jetzt hätte losreißen wollen, es wäre nicht mehr in ihrer Macht gelegen. Auch sie war in den Stromkreis der religiösen Spannung mit eingeschlossen, die alles hier auf den Knien hielt. Da begannen draußen die Glocken zu läuten.

Ein erlöstes »Ah« ging durch die Reihen. Selbst diejenigen, welche keine Ahnung hatten, was das Läuten bezwecke, atmeten auf. Es war der befreite Atemzug, der jedem Schauspielbeginn vorangeht, wenn die eine Welt versinkt und die andere sich auftut. Zwei Kirchendiener kamen den Mittelgang hinan und drängten die Frommen in die Bänke. Ihnen folgten eilig mehrere junge Geistliche. Dann hörte man ein lautes Autosignal, wenige Minuten später Stimmengewirr im Portal und langsam schritt nun der hohe Priester dem Altar zu. Es war Kardinal Santinelli, der Erzbischof von Neapel in Person. Die Züge des alten Herrn zeigten trotz der schrecklichen Temperatur und den lastenden Gewändern ein freundlich ernstes Lächeln. Einiger Klerus und ein Kammerdiener in Escarpins bildeten sein Gefolge. Der Kardinal strebte geradewegs auf das Krankenlager zu. Nach einem kaum merklichen Genuflex gegen den Altar kniete er sofort an dem weißen Bette der Santa Monaca nieder. Zu diesem Zwecke hatten die jungen Geistlichen inzwischen ein purpurnes Kissen vorbereitet. Mit einer unnachahmlich schönen Gebärde nahm er die schlaffe Rechte Suor Concettas zwischen seine beiden Hände. Und nun begann er zu der Sterbenden zu sprechen, leicht und ohne Nachdruck. Es war wie eine einseitige aber liebreizende Art von Konversation. Dieser Botschafter einer erhabenen Ordnung schien zunächst vom Tode und vom ewigen Leben mit gelassener Heiterkeit zu plaudern. Dabei hatte er eine einfache bäurische Gestalt, die von allem Aristokratisch-Gesellschaftlichen weltenweit entfernt war. Auch der heilige Vorgang selbst, die Versehung mit dem Viaticum, von Gebeten der Priester und von Tränen des Volkes umspielt, geschah mit gleich unnachahmlicher, erschütternder, man kann es nicht anders bezeichnen, mit überirdischer Eleganz. Es ging so sanft und schnell vor sich. Wie lang ein Akt der Ewigkeit, der nicht nach Zeit mißt, in der irdischen Spiegelung dauert, ist ja ohne Bedeutung. Kardinal Santinelli verschwand, wie er gekommen war. Er liebte und verehrte Suor Concetta, sein Herz litt unter ihrem qualvollen Sterben, sie war für jeden Gläubigen ein leuchtendes Vorbild christlicher Demut und Barmherzigkeit. Der Kirchenfürst aber hatte an diesem glühenden Vormittag noch eine feierliche Priesterweihe vorzunehmen.

Ein Teil der Menge strömte dem Kardinal nach. Die Schaulust siegte über die heiligere Neugier. Annunziata blieb unter den Treuen zurück. Die Kranke aber schien durch die himmlische Tröstung tief aufgewühlt zu sein. Immer unruhiger bewegte sie sich auf ihrem Lager. Hatte das Labsal ihre Lebensgeister gestärkt? Kamen die Schmerzen mit neuer Gewalt über sie? Wollte sie den Kardinal zurückrufen?

Ehe der Arzt und die Schwestern noch eingreifen konnten, geschah folgendes. Suor Concetta setzte sich mit einem Ruck auf. Eine Tat übermenschlicher Kraftanstrengung, die freilich nicht weiter reichte. Der Kopf verlor den Halt. Nun sprangen die Schwestern hinzu und stützten sie. Annunziatas weit aufgerissene Augen sahen diese weiße, krampfdurchbebte Gestalt, die keinem Weibe glich. Es war ein Mann mit einer großen Hakennase, die aus dem Verband hervorstach, ein Dante. Dieses jammervolle Wesen breitete weit die Arme aus, als flehe es um Gnade, um endliche Zertrümmerung des Kerkers. Suor Concetta wollte ohne Zweifel schreien. Das Ungeheure der Qual aus sich herausschreien. Doch es kamen nur leise piepsende Töne zustande, wie wenn einem Gummiball die Luft entweicht.

Das war zuviel für die Frommen. Ein gesammeltes Aufklagen antwortete der grauenhaften Dramatik der stummen Schmerzensschreie. Auch Annunziata senkte den Kopf bis auf den Steinboden hinunter. Dabei schlug sie sich heftig die Stirn an. Ihre Sinne kamen ins Wanken. Einen Augenblick lang vergaß sie alles. Doch tief aus dem Dunkel traf sie ein Ruf: »Zia!« Und noch einmal: »Zia!« Lauros Stimme. Nicht hilfesuchend, nicht in Gefahr. Nein, zärtlich. Nur so leise, nur so weit weg. Doch um so wirklicher: »Zia!« Sie wußte sofort: Eine Nachricht kommt von Lauro, und es ist keine schlechte Nachricht.

Als sie sich wieder aufrichtete, trug man das Bett mit der Kranken davon. Es war der Santa Monaca nicht vergönnt, in diesem von ihr gestifteten Heiligtum zu sterben. Die Zeitungen brachten lange Berichte über die herzbewegenden Szenen in der Vorstadtkirche von Sant Eframo und über Leben und Wirken der barmherzigen Suor Concetta, die Reichtum, Glanz und Würde dahingegeben hatte, um den Elenden zu dienen. Sie aber erlöste der Tod erst zwei Tage später im Hospital.

 

Annunziata flog nach Hause. Dort fand sie nichts vor. Es vergingen volle vier Tage, ehe die Nachricht eintraf, die ihr Lauro in der Kirche von Sant Eframo angekündigt hatte. Es war ein dicker Brief, der sich füllig anfaßte wie ein lebendiges Wesen. Annunziata stand gerade am Herde, als ihr ihn Giuseppe mit herablassender Verwunderung übergab: Welch merkwürdige Einführung bei der königlichen Post, daß sie nun auch Briefe befördert, die nicht an Don Domenico adressiert sind, sondern an eines der Kinder! Sie schickte den Alten sofort mit einem Auftrag davon. Da der auswärtige Dienst des Haushaltes bekanntlich die einzige Bemühung war, der sich Giuseppe widerspruchslos unterzog, nahm er auch diesen Auftrag mit gnädigem Nicken an, ohne von seiner Taubheit nützlichen Gebrauch zu machen. Annunziata vergaß, die brutzelnde Pasticcia di maccheroni vom Feuer zu rücken. Die Mädchen bereiteten dieses Gericht fast zu allen Mahlzeiten. Wie jeglicher Italiener liebte Papa die Abwechslung weder in der Musik noch im Essen.

Sie saß auf dem Küchenschemel und wühlte mit gierigen Händen in den Blättern des Briefes. Wie ein Tier sein Futterfleisch zuerst mit der Zunge von allen Seiten abschleckt, ehe es zubeißt, so kostete Annunziata zuerst an vielen Stellen mit kosenden Augen Lauros Schrift, ehe sie im Zusammenhang zu lesen begann. Das Schreiben war vom dreißigsten Mai datiert und trug den Poststempel São Paulo. Lauros schriftliche Ausdrucksweise unterschied sich grundlegend von der Placidos, und nicht etwa nur durch die geringere Sorgfalt und durch den Mangel künstlerischen Stils. Vor allem fehlte jede grüblerische Betrachtung und der abstrakte, schlußziehende Sinn, wenn sich auch hie und da, schamhaft fast, Gedanken einschlichen. Dafür zeichnete den Briefschreiber Leichtigkeit aus und ein anschaulich heiterer Ton, der stellenweise sogar an Humor heranreichen konnte. Die Geschwister waren bisher noch nie getrennt gewesen, und so empfing denn Annunziata zum erstenmal im Leben einen Brief von Lauro. Dennoch las sie ihn richtig, das heißt, sie ließ sich durch Lauros Eindeutigkeit nicht über das Zweideutige, Heimliche, Mühsame hinwegtäuschen, das zwischen den Zeilen stand.

Eine weitere Analyse erübrigt sich aber, da es notwendig sein wird, die brasilianischen Lebensberichte aller drei Brüder in die Folge der Geschehnisse einzuschalten, und zwar jeweils nach dem Zeitpunkt ihres Einlangens.

»Meine liebe Zia! Ich teile Dir mit, daß es uns allen gut geht und daß wir bisher gesund geblieben sind. Ruggiero hat großes Glück gehabt. Das kommt hauptsächlich daher, daß sich der Lump (briccone) um vier Jahre älter gemacht hat, trotz seinem Paß. Hoffentlich imponiert Dir das ebenso wie mir. Commendatore Eccheverria, der Papa herzlich grüßen läßt, war sehr nett zu uns, das heißt, er lud uns zu sich ein und schrieb einen Brief an den Konsul in São Paulo. Er meinte, hier lasse sich augenblicklich mehr erreichen als in Rio. Signor Eccheverria stellte auch Ruggiero dem Fazendeiro Attilio Salvafede vor, der ein italienischer Millionär ist und im Staate São Paulo eine der größten Kaffeeplantagen besitzt. Sie liegt sehr weit ab von dieser Stadt, woher ich Dir schreibe, weiter als Neapel von Florenz etwa, schon in der Nähe eines anderen Staates, der Paraná heißt. Du kannst Dir denken, wie stolz unser kleiner Orso war, als ihn Signor Salvafede zwei Tage später mit auf seine Fazenda nahm, und nicht als unbezahlten Volontär, sondern sogleich als Verwalter. Es gibt dort freilich über dreißig Verwalter, und auch sie haben Vorgesetzte. Aber immerhin hat Ruggiero dem großen Fazendeiro sehr gefallen, sonst hätte er ihn nicht auf die bloße Bekanntschaft hin auf einen so hohen Posten gestellt. Unser jüngster Bruder verdient also das meiste Geld, er hat es mir geschrieben. Ist das nicht komisch? Ich verdiene ebenfalls Geld, im Institute Butantan, wenn es vorläufig auch nur dreißig Milreis in der Woche sind. Das Institute Butantan ist eine weltberühmte Anstalt. Ich nehme an, daß Du davon schon gehört oder gelesen hast. Ich kann übrigens jeden Tag einen Posten im Empfangsbüro des Hotels Esplanade bekommen, wo Italienisch sprechende Leute sehr gesucht sind. Dazu aber müßte ich zuerst einen Cutaway haben. So freundlich der Direktor auch zu mir war, der Cutaway ist eine unerläßliche Bedingung. Placidos Frack würde mir gar nichts nützen, denn man kann im Empfangsraum nicht als Kellner auftreten. Placido ist noch immer in Rio. Ich erwarte täglich eine Mitteilung von ihm, daß er einen brauchbaren Posten gefunden hat. Meine liebe Zia! Aus Eifer, ja nichts zu vergessen, bringe ich alles durcheinander. Ich will deshalb der Reihenfolge nach erzählen. Sei aber so gut und schreibe mir sofort und ebenso genau wie ich. Auch Du mußt chronologisch erzählen, denn ich will jede Einzelheit von Euch wissen, wie Du Dir ja leicht denken kannst.

Die Kost im Auswandererhaus der Ilha das flores hat uns auf die Dauer nicht bekommen. Zweimal im Tag schwarze Bohnen mit Dörrfleisch, das man weich prügelt, wie bei uns den Stockfisch. Und Brot aus Mandiokamehl, aus »Farinha«, wie sie es hier nennen. Mein Darmkatarrh übertraf bei weitem das, was in dieser Hinsicht Placido und Ruggiero leisteten. Als ich aber vor einiger Zeit hier in São Paulo ankam, war alles wieder in Ordnung, und es ist geblieben bis heute. Der hiesige Konsul nahm sich auf Wunsch des Generalkonsuls meiner an und schickte mich mit seiner Visitkarte zu ein paar Firmen. Diese Firmen schickten mich aber samt der Visitkarte wieder fort, nachdem ich jedesmal ein bis zwei Stunden hatte warten müssen. Für Arbeiter aller Völker findet sich hier sofort ein Unterkommen, ebenso wie für Brasilianer. Wer keines von beiden ist, hängt in der Luft. Die Geschichte begann langweilig zu werden, und der Konsul von São Paulo wollte mir bereits das Reisegeld nach der Stadt Ribeirão Preto geben sowie eine Empfehlung an den dortigen Konsul, der aber kein echter ist, sondern nur ein Honorarkonsul. Das scheint ein beliebtes Spiel der Konsuln untereinander zu sein. Der Schutzbefohlene wird vom Größeren dem Kleineren zugeschoben. Ich habe aber dabei nicht mehr mitgespielt und bin in São Paulo geblieben. Hier gibt es auf der Rua direita – sehr ähnlich wie unsere Via Roma, nur noch enger – viele hundert Geschäfte. Das schönste für mein Gefühl ist Alvarez Carvalho & Co. Vor diesem Schaufenster bin ich täglich lange gestanden. Eine solche Pracht kannst Du Dir gar nicht ausmalen, liebe Zia. Alle Vögel und alle Schmetterlinge Brasiliens sind hier zu sehen, nicht lebendig, sondern ausgestopft und aufgespießt. Das Gefieder in hundertfacher Verarbeitung, als Fächer, als Bijouterie, als Hutschmuck, als Haarschmuck, man kann das alles gar nicht aufzählen. Und Farben, von denen Du in Deinem Leben nicht geträumt hast. Einmal ging ich hinein und bat um eine Anstellung. Der Chef sagte mir, ich solle mich in der Manufaktur melden, die draußen in einer Vorstadt liegt. Dort nahm mich der erste Magazineur, auch ein Italiener, ein Genuese, sofort als Gehilfen auf. In einer großen Halle werden täglich an die tausend Vögel aller Arten abgeliefert. Die Magazineure sortieren sie und teilen die Ware den einzelnen Arbeitsabteilungen zum Ausstopfen, zum Entfedern oder zur weiteren Konfektionierung zu. Die Papageien nennt man hier Araras oder Periquitos. Es gibt so viel verschiedene Arten davon, daß sich selbst der alte Magazineur in ihnen noch nicht auskennt. Und dann die Turkans und die Pfefferfresser und die Caboclinhos und die Bejaflores, die Blumenküsser, wie auf portugiesisch die Kolibris heißen. Ich würde bis morgen früh mit dem Vogelverzeichnis brauchen und doch nicht fertig werden. Dennoch habe ich es in der Manufaktur von Alvarez Carvalho nicht länger als eine Woche ausgehalten, und das heißt schon etwas. Schuld daran war der Gestank. Du kannst Dir wirklich keinen Begriff davon machen, wie es in dieser zweistockhohen Magazinhalle, wo die toten Vögel in Pyramiden aufgeschichtet liegen, durchdringend stinkt. Placido hat mich in Neapel einmal ins anatomische Institut mitgenommen. Das war nichts dagegen. Es ist ein wilder Gestank, den die Vogelbälge mit den entzückenden Federn von sich geben. Ich war direkt wütend darüber, daß die Schönheit in der Welt solch eine ekelerregende Rückseite hat. Einige Tage später bin ich von den Vögeln zu den Schlangen übersiedelt.

Das kam kurz gesagt so, daß mich Doktor Pereira von selbst angesprochen hat. Pereira ist nicht der Hauptleiter des Instituto Butantan. Der heißt Doktor Vidal Brazil und man bekommt ihn nur selten zu sehn. Doch auch Doktor Pereira ist bei uns einer der angesehensten Herren. Nach der Vogelgeschichte war ich wieder arbeitslos, und da die Polizisten in der Rua direita schon auf mich aufmerksam wurden, mußte ich mir einen anderen Platz aussuchen. In dem italienischen Männerheim nämlich, wo mich der Konsul untergebracht hatte, darf man sich tagsüber nicht aufhalten. Für die berühmte Schlangenfarm habe ich mich schon immer interessiert, und so ging ich denn nach drei Uhr täglich hinaus, der Eintritt ist unentgeltlich, und besichtigte die Tiere, bis man das Tor schloß. Es ist jetzt Winter hier, also unser Frühjahrsklima, und man erträgt daher einen Nachmittag im Freien wundervoll. Auf der Terrasse, von der das Publikum den Schlangenrasen überblickt, unterhielt sich Doktor Pereira mit mir und fragte mich am dritten Tag schließlich, ob ich in den Dienst des Instituto treten und auch sein Sekretär werden möchte. Er schreibt nämlich ein Schlangenbuch in italienischer Sprache und braucht dafür eine Hilfe. Ich habe, wie Du Dir denken kannst, liebe Zia, im ersten Augenblick an Placido gedacht, der für diese Bücherarbeit eher in Betracht kommt als ich. Doch ich hatte keine Zeit und mußte mich schnell entscheiden, was ich natürlich auch tat. Ich bin zufrieden. Doktor Pereira ist ein sehr liebenswürdiger Mensch und noch gar nicht alt. Er behandelt mich wie einen Freund. Das Schönste aber ist: Ich habe wieder ein Zimmer, ich habe ein reines Bett, und vor allem einen eigenen Waschtisch. Das ist mehr, als sich ein Mensch wünschen kann.

Mein Dienst ist äußerst angenehm. Von morgens bis Mittag bin ich Beamter des Instituts und am Nachmittag diktiert mir Doktor Pereira. Dieser zweite Teil meiner Tätigkeit ist weniger interessant. Um neun Uhr früh beginnt der Schlangenbesuch, bei dem ich dabei bin. Es ist übrigens eine ganz ungefährliche Prozedur und seit vielen Jahren schon ist niemand gebissen worden. Und selbst wenn jemand gebissen würde! Die Herstellung des Heilserums gegen Schlangenbisse ist ja die wichtigste Aufgabe des Instituto Butantan. Wir versenden täglich viele hundert Serumpackungen nach ganz Brasilien und auch ins Ausland. – Die Tiere, es sind mehr als zweitausend gegenwärtig, leben auf einem sehr großen Rasenstück, das durch einen Wassergraben abgesperrt ist. Sie schlafen in kleinen Steinhäusern, die wie Kuppeln aussehn. Am Morgen kriechen sie heraus und liegen in der Sonne, entweder zusammengerollt oder lang ausgestreckt. Bei der Giftentnahme ist immer einer der Ärzte oder Chemiker dabei, ein Laborant und ein paar Wärter, Neger zumeist. Jeder von diesen Negern trägt eine Stange, an deren Ende eine Lederschlinge angebracht ist. Die Kerle rudern ein wenig mit den Stangen im Gras herum und schon hängt eine Jararaca, eine Urutú, eine Schauerklapperschlange oder eine Korallenviper in der Schlinge. Unter diesen Dir unbekannten Namen mußt Du Dir Exemplare vorstellen, die manchmal zwei Meter lang sind und länger. Die Neger packen die Tiere blitzschnell am Hals, reißen ihnen den Rachen auf und der Arzt kitzelt und drückt dann mit einer Pinzette die Drüsen so lange, bis das gelbe Gift herausläuft, das er in einem kleinen Napf auffängt. Ich erlebe das täglich, aber es ist immer noch merkwürdig spannend für mich. Das Gift kommt zuerst ins Laboratorium, wo man es ein wenig präpariert. Dann aber wird es den Pferden eingespritzt, aus deren Blut man das Serum gewinnen will.

Ach, meine liebe Zia, Du weißt, wie sehr ich Pferde liebe und immer geliebt habe. Erinnerst Du Dich noch, wie wir einmal in der großen Reitschule der Quadrille zugesehn haben? Ich kann Dir nicht beschreiben, wie traurig der Anblick unserer vergifteten Pferde hier ist! Traurig? Ein ganz ungenügendes Wort! Unsere Gäule sind natürlich keine kostbaren Reitpferde, sondern armes ausrangiertes Vieh. Ich besuche am Nachmittag oft ihre Stallungen. Alle fiebern sie hoch und zittern vor Schüttelfrösten. Wenn ich komme, geht ein herzzerreißendes Gewieher los. Sie drehn sich nach mir um. Du würdest weinen, liebe Zia, wenn Du das fragende Entsetzen in diesen Pferdeaugen sähest. Gestern sind drei von ihnen durch das Gift verrückt geworden, haben sich losgerissen und sind auf die Weide hinausgaloppiert. Wer es nicht gesehn hat, wird es nicht glauben, aber die drei wahnsinnigen Rosse haben plötzlich zu tanzen begonnen. Sie sind immer wieder hochgestiegen und haben sich auf den Hinterbeinen umeinander gedreht. Man mußte sie später mit dem Lasso einfangen. Wenn ich nur ein bißchen mehr Talent zum Modellieren hätte! Die drei tanzenden Pferde. Es müßte eine fabelhafte Gruppe werden, mit dem Titel ›Der Wahnsinn‹ oder ›Die Vergiftung‹.

Meine liebe Schwester, Dich dürften vielleicht schon die Pferde und das Schlangengezücht langweilen. Wenn ich es satt bekommen werde, so wartet das Empfangsbüro des Esplanade-Hotels jederzeit auf mich. Den Cutaway muß ich mir zusammensparen. Vorläufig bleibe ich aber noch bei den Schlangen. Ich bin doch schon lange genug hier, kann aber diese unbeweglichen Bestien noch immer stundenlang betrachten. Wenn eine zornig wird, sich ganz dick zusammenrollt und einen halben Meter in die Höhe fährt, das ist immer noch ein höllenmäßiger Schreck.

Die Hauptsache aber, ich habe mein kleines, weißes, eigenes Zimmer. Ich habe sogar einen Tisch, an dem ich Dir diesen Brief schreibe. Liebste Zia, Du hast es gewiß verstanden, daß ich Dir nicht schreiben wollte, ehe die Umstände danach waren. Ich lasse jetzt am Abend das Fenster offen, solange es geht. Die Mosquitos sind noch nicht gefährlich. Unter mir singen die Neger schon seit sieben Uhr. Der Negergesang kann mir übrigens gestohlen werden. So weit ist alles glänzend. Für den Anfang kann man nicht mehr verlangen, wenn man wie ich die Verhältnisse genauer kennengelernt hat. Ich hoffe bestimmt, daß auch Placido nun schon untergebracht ist und einen hinreichenden Verdienst hat. Wir hatten vielleicht bei der Abreise unsere Erwartungen etwas zu hoch gespannt. Das tut nichts. Placido war mit seinen Plänen durchaus im Recht, und ich habe noch keine halbe Stunde lang bedauert, daß wir hier sind. Drei müßige Söhne im Hause, das ist eine unerträgliche Vorstellung. Das Beispiel Ruggiero beweist, daß wir hoffentlich alle bald genügend Geld verdienen werden, um Papa und Euch das Überflüssige nach Hause senden zu können.

Ich bin hier restlos zufrieden. Wenn Ihr nur nicht so weit weg wäret! Deshalb frage ich gar nicht: Was macht Ihr alle? Was geht in unserem Hause vor? Du mußt mir ganz ausführlich antworten, ohne daß ich erst frage. Vergiß nicht, mir die kleinste Kleinigkeit mitzuteilen! An Camaldoli denke ich noch manchmal. Du weißt, was ich meine. Aber das waren ja Unmöglichkeiten, leider. Deinen Rat, geliebte Schwester, den Du mir am letzten Tag gegeben hast, befolge ich oft und denke an unsere M... Es gibt gewisse Momente hier, wo man einen Halt suchen muß. Mein Fenster zum Beispiel geht aufs endlose Land hinaus. Wer bloß dieses Wort hört, weiß nicht, was es bedeutet. Vom Horizont kommt es auf mich zu, gegen Abend, wenn die Arbeit mit Doktor Pereira zu Ende ist. Es sind nicht Wolken. Es ist am ehesten ein stilles unsichtbares Meer, diese Traurigkeit, diese Depression. Ich schreibe nur ordnungshalber darüber, weil ich in meinem Brief an Dich auch die kleinsten Nebensachen nicht auslassen will. Ich habe sehr übertrieben. Diese deprimierten Momente kommen nur ganz selten vor, und jeder Fremde hier muß sie durchmachen. Es hängt mit den Luftströmungen zusammen. Doktor Pereira sagt, daß der Sommer, trotz der unmenschlichen Hitze, viel angenehmer sein kann als der Winter. Ich gerate aber in Überflüssiges, weil ich Dir nichts mehr zu schreiben weiß. Zu sagen hätte ich Dir noch tausend Dinge. Das ist aber etwas ganz anderes.«

Der Rest des Briefes war von Sonderfragen und -grüßen an Grazia und Iride ausgefüllt. In verschämt ehrfürchtiger Weise bat Lauro Annunziata, dem Vater in seinem Namen die Hand zu küssen. Nach der Formel des Abschieds folgte noch nachstehendes Postskript:

»Bitte, liebe Zia, vergiß ja nicht, meinen Kontrabaß im Salotto mit dem großen grünen Tuch zuzudecken, wenn es nötig ist. Ich bilde mir nämlich bei Nacht immer ein, daß ich ihn nackt zurückgelassen habe. Wenn bei heißem Wetter die Sonne auf das Holz scheint, dehnt es sich aus, und es entstehen dann bei der nächsten Abkühlung Sprünge. Es wäre auch gut, die Saiten zu entspannen.«

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