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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Das Ende

Er kam an Gehöften vorbei, und Licht brannte hinter allen Fenstern, als säßen Leute dahinter, die das Dunkel nicht ertragen konnten.

Angst überfiel ihn, daß ihn jene verfolgen könnten, die von Eiriks Blutbann sich binden ließen und knechten.

Aber die Hunde bellten nicht, es zeigte kein Antlitz sich an den Türen, und Eyvind lief, wie man in Träumen läuft, gehetzt und ohne Ende.

Kein Stern stand am zerrissenen Wolkenhimmel, und während Eyvind über die raschelnde Heide rannte, war es ihm, als sei er in Flits ausgeronnene Augen getreten und sie klebten an seinen Schuhen. Als er atemlos keuchend zum Strande kam, waren da keine Wachen mehr, außer zweien Männern, die ein großes Feuer auf dem Kreuzhügel entfacht hatten. Es warf hellen Schein weithin, und Eyvind schlich sich in großem Bogen heran. Wenn ihm schien, als träfen ihn der Wächter Blicke, duckte er sich hinter einen Haufen von Toten und lag reglos wie sie. Sein Mund war angefüllt vom süßlich faulen Blutgeruch und dem Geruch der Leichen, die einen Tag in der heißen Sonne gelegen hatten. Eyvind zitterte von Kopf zu Fuß, und er meinte zu sterben. Aber es brannte Halfs Blut auf seiner bloßen Brust, es verbrannte des Messers Griff seine rechte Hand, die darauf den Racheeid geschworen hatte. So schlich er näher und näher. Der Sturm kam stoßweise her vom Meer, das so schwarzgrün war, wie Eyvind es nie gesehen hatte, und zugleich voll geheimen Glanzes, als brennten tausende von Lichtern unter dem Gewässer.

Er aber, Half das Weib, hing schlaff vor vom Kreuze, mit Augen, die gebrochen aus dem Spalt der Lider blickten, mit offenem Mund und blutunterlaufenen Nägeln.

Eine schwarze Wolke kreisender Vögel stand über ihm. Sein langes Haar flatterte im Sturm wie eine zerfetzte Fahne. Es sang in den Raaen und in den knatternden Segeln und es schien, als sei es sein weißer Leib, dessen Licht tausendfachen Widerschein in den Wellen wecke.

Da aber hatte sich Eyvind ganz nahe herangeschlichen und er hörte durch den Sturm die Wächter, die sich besprachen. Sagte der eine: »Nun ist auch dies vorbei, und wer weiß, ob Gutes nachkommt! Aber sage du mir, Faröer, ob Christus, der Herr, am Kreuz geschrien hat?«

Gab der von den Faröerinseln zur Antwort: »Wohl. Er hat zu Gott dem Vater aufgeschrien, sagen die Weißröcke!«

Der erste nickte: »Den da droben hat all die Zeit keiner schreien hören! Was man auch sagen mag: Die Heiden, die sterben besser!«

Der Sturm blies in das Feuer hinein, daß Funken auf ihre Mäntel sprangen.

Sprach der von den Faröerinseln: »Unsinn ist es, hier noch länger auf Wetter zu warten, das im Norden aufgeht.«

Da sah der andre scheu hinter sich und raunte: »Das Wetter macht mir nicht bang! Aber siehst du nicht, wie Odhins Vögel um ihn kreisen?«

Und als er das gesagt hatte, da strichen die Raben jählings vor dem Sturm landein, das Schwirren ihrer Flügel erfüllte die brausende Luft, und so niedrig flogen sie, daß ihre Schwingen der Männer Helme streiften.

Und als die Wachen klirrend auf die Füße sprangen, da füllte dröhnender Donner das Ohr. Sie sahen, wie eine riesige Welle das Schiff hob und es hinauswarf ins Meer.

Der Sturm fuhr ins Wachtfeuer und wirbelte Rauch und Flamme in ihren Bart und zerwarf mit seiner herrischen Hand die Torfziegel, daß sie erloschen.

Da schleuderten die Wachen ihre Waffen fort und rannten in rasender Flucht den Hügel hinab und ins nächtige Dunkel.

Der Donner rollte über das Wasser hin, Blitze flammten, Eyvind fiel zu Boden, und ihm war, als brausten die Räder von Asa-Thorrs Wagen gerade über ihn hinweg.

Als aber das Dröhnen verrauschte, raffte Eyvind sich in der großen Einsamkeit auf mit aller seiner Kraft und hob die Arme. – – Er taumelte gegen das Wasser vor und schrie:

»Half! Half! hörst du mich, deinen Bluträcher?« Da krachte ein neuer Donnerschlag, daß die Erde bebte und spaltete die schwarze Wand vor seinen Augen. – –

Und so wahr ich es bin, der dies schreibt, ich, Eyvind Skaldaspillir, König Håkon des Guten Skalde und Freund, ich, dessen Knabenhand Eirik Blutaxt einst schlug, ich, der ich dies lange Leben leben mußte, um Håkons Totenlied zu singen, – so wahr habe ich Half nach seinem Tode geschaut mit diesen meinen beiden Augen, die nun des Alters trüber Schleier deckt. Und als ich ihn sah, – da glänzte rings die Luft um ihn, heller und milder als von tausend Sternen, und er war wundenlos und schön wie ein Wunder.

Er ritt ein großes, wolkengraues Pferd, das hielt frei in der Luft und war doch so, wie ich Freysfaxi immer gekannt hatte.

Und er hob spiegelnd sein Schwert, daran die Siegrunen flammten.

Da fuhr ein Blitz davon zur Erde, daß ich geblendet aufs Antlitz sank, und mitten in des Donners Gebraus hörte ich schallend Halfs wildes Gelächter.

Als ich meine Sinne wiedergewann und das Antlitz zu heben wagte, da brannte weit draußen lichterloh das Schiff, in dessen Mast der Blitz geschlagen hatte.

Ich aber sah mit sprühendem Huf ein Roß auf wolkigem Pfad nach Osten jagen, – dorthin, wo die seligen Götter wohnen ...

Am siebenten Morgen brach die große Schlacht an, und noch heute heißt Gnuprheide die Zweitageheide, weil dort zwei Tage lang die Männer aller Godorde Eislands und der Westmännerinseln kämpften, ehe Eirik besiegt ward und erschlagen.

Und so endet die Geschichte von Half Seekönig, den sie das Weib nannten.

Manche aber sagen, daß Half wiedergeboren sei, als Rean der Lachende, und Sigrdryfa als Geira, die Tochter des Königs von Swithiod.

 

»... Fessellos fährt
der Fenriswolf
über der Menschen Marken,
eh' ein Herrscher kommt,
der Håkon gleicht,
zum verlassenen Land.

Besitz stirbt,
Sippen sterben,
Leer wird Haus und Hof,
seit Håkon ging
zu den Heidengöttern,
viel Leid kam ins Land.«

» Håkonar-Mal« des Eyvind Skaldaspillir.

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