Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alma Johanna Koenig >

Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
Schließen

Navigation:

Wie Half zum ganzen Volk sprach

Es verbreitete sich wie Heidebrand das Gerücht, daß eine große Schlacht am Odhinsstrande geschlagen sei.

Ein Schafhirt trieb seine Herde aus, da fand er Flit, als er zur Stelle kam, die sein Hund eifrig verbellte.

Er brachte ihn auf seinen Armen nach Skliodstadir.

Als man Flit, den blinden Königsboten, gehört hatte, da erhoben sich großer Jammer und wildes Hasten nach dem Odhinsstrand.

Dort war das Leichenfeld abgesperrt von Eiriks Mannen, und Weißröcke gingen von Toten zu Toten, Christen und Heiden zu sondern. Denn es ward den einen ein riesiges Grab geschaufelt, die andern aber ließ Eirik den Geiern und Raben.

Die aber atemlos herankamen und über die Reiterwachen hin nach dem Strande ausspähten, die sahen nicht Vater und Bruder im Blute liegen, sie sahen nicht Eirik Blutaxt auf schwarzem Roß, sie sahen nur das Schiff draußen in der bleichen Herbstsonne, mit dem weiberweißen Leib, der am Kreuze hing.

Da sie Eislands herrlichsten Mann so hängen sahen, kamen Schaudern über sie und abgrundtiefe Verzweiflung. König Eirik aber schien es, als habe er seinem Gott nie besser gedient als in dieser Stunde.

Denn solange Eirik seine eherne Hand auf Eisland gelegt hielt, hatte dies Volk sich ihm nie anders gezeigt als kindlich und offen in Spiel und Streit und schweigend und stolz in Schmerzen.

Nun aber sah er, daß er sie in ihres Herzens Herz getroffen hatte.

Es gab Weiber, die ihre Brüste schlugen und die Hände rangen, es gab Greise, die, in ihrem Silberhaar wie Weidenbäume gebeugt, hilflos standen unter ihrem leeren und tauben Himmel, und es gab viele, die jene Toten priesen, die vor ihren eigenen Göttern gestorben seien. Und Eifernde gab es und solche, die die Namen der Götter mit gellenden Flüchen mischten, und solche, die ohne Glauben nicht leben konnten und sich an Olaus Mantel hingen, ihn flehend, sie seinem starken Gotte zu taufen, dem selbst Half erlegen war. Da ritt Eirik strahlenden Gesichts zum Bischof hin und schrie schon von weit: »Wer also hat recht behalten, Herr Bischof?« Olaus der Alte aber sah ihn an und sprach: »Nach Flut kommt Ebbe.« Und fuhr fort, still die Lebenden zu segnen und die Toten.

Eirik gab den Wachen ein Zeichen und rief, es möge herbeikommen, wer da wolle.

Da öffnete sich die Reiterkette, und an Toten vorbei, über Tote hin, begann Stürmen und Stolpern bis zum Meer.

Und wessen Herz sich vielleicht noch an Zweifel geklammert hatte, der sah nun nah, daß es wahrlich Half das Weib war, der da hing, Half Seekönig, des Landes Stolz und Ruhm und Hoffnung.

König Eirik aber sprach flammenden Augs: »Keiner wird sich nunmehr erdreisten, zu leugnen, daß Christi Macht größer ist als die der alten Götzen. Sein Kreuz hat Jesus als Zeichen vor euch aufgerichtet, und er wird mir zur Seite stehen, daß ich, Eirik, den Heiden Eislands allzeit ein grimmer Rächer sei und den Christen Eislands ein guter, gerechter König!«

Da tat der Mann, der droben am Kreuze hing, die Augen auf. Er schüttelte das blutverpichte Haar zurück, und seine Stimme war nicht minder laut als im Erzgetöse der Schlacht.

»Eirik Blutaxt, der du über meinen Tod frohlockst, ich sage dir, daß hinter dir mein Rächer steht, der an dir die Blutschuld rächen wird, noch ehe du es ahnst!«

Da zuckte Eirik und wandte sich, scheu, fast wider seinen Willen.

Als er aber hinter seinem Roß nur Eyvind den Knaben stehen sah, der kaum sechzehn Jahre zählte, da lachte er höhnisch auf und wollte Widerreden, doch Halfs Stimme klang klar und voll durch die Totenstille:

»Und so wahr es nicht das Kreuz ist, an dem ich Todes sterbe, so wahr ist es, daß du niemals König sein wirst in diesem Land!«

Als er dies gesagt hatte, da wölbte Half seine Brust und alle sahen, wie er mit seiner ganzen Heldenstärke an dem rechten Kreuzarm riß und rüttelte. Und so eisern waren seine Sehnen, und so sehr beherrschte er seine Kraft, daß er nicht seine Hand vom Querholz losriß, sondern daß dieses in des rechten Kreuzarms Mitte abbrach. Da ging ein Rauschen durch das Volk wie durch reifes Korn.

Und sie schrien wie ein Mann, mit aufgereckten Händen: »Asa-Thorrs Hammer!« Und auch Eirik sah, daß es Thorrs Zeichen war, zu dem Half das Marterholz gewandelt hatte.

Freude ohne Grenzen kam über viele. Eirik aber ward bleich vor Entsetzen und schwankte so, daß seine Mannen ihn hinwegführen mußten.

Denen, die am Strande verharrten, schien es, als sei Half nun wahrlich tot, denn er hing reglos vornüber und antwortete nicht, so heiß sie auch nach ihm riefen.

Eyvind hatte sich durch die Wachen hindurchgedrängt und sah auf die gewaltige Rechte, an der das herabgebrochene Stück der Raae noch am blutigen Nagel hing. Der Linnenflecken mit Halfs Blut brannte auf seinem Herzen, und bei dieser Rechten schwor er, zu erfüllen, was Halfs Weissagung auf ihn geladen hatte.

Es wurden aber der Leute, die herankamen, immer mehr, im Maße, als die Kunde sich ausbreitete und die Stunde fortschritt. Keiner rührte sich, keiner ging heim.

Wenn die Weiber auch der Kinder gedachten, die wohl Hunger spürten, sie konnten doch nicht Hand noch Fuß rühren, und drängender als die Sohnespflicht der Totenbestattung schien es den Männern, auszuharren und endlich zu wissen, wer der wahre Gott sei. Und als die Sonne niederging, hockten sie noch da und saßen noch, da die Sterne sich entzündeten. Unvergeßlich ist dem, der ihn schaute, der Lebenden gebeugter Schattenriß zwischen dem aufrechten der Wachen und dem hingeworfenen der Erschlagenen.

Als aber der Nachtwind mit Klagen durch des Totenschiffes Segel strich, da schrie ein Weib – und es war Mutter Thorodd, die schrie: »Er lebt!« – denn Half hatte groß die Augen aufgetan.

Und als er die sah, die an seinen Lippen hingen, da begann er leise zu singen. Er sang sein eigenes Totenlied, die uralte Drapa, die man singt, wenn Wallhalls goldene Tore offen stehen.

Das Lied ward lauter, es ward lodernde Lohe, davon Funken in alle Herzen sprangen. Und die Männer fuhren empor, sie schlugen ans Schwert und fielen stehend ein in den Kehrreim, der Odhin für einen Helden um Willkomm bittet, dem Walhalls Tore nicht auf die Fersen schlagen werden, denn viele gehen mit ihm ein, die er gefällt hat!

Die Wachen hörten aber mit Staunen den Gesang, der immer weiter schwoll, immer stolzer ward und wilder.

Ein Mann sprang ans Feuer, es war einer derer, die am Mittag von Olaus die Taufe erbettelt hatten. Er griff mit den Händen mitten ins Feuer und legte brennenden Torf auf den Scheitel, hielt brennenden Torf sich an sein Gewand! Er rannte wie rasend umher in seiner Pein und schrie: »Feuer trocknet Weihwasser! Feuer trocknet Weihwasser!«, bis er zusammenstürzte.

Und zwei Brüder traten vor, jeder in der rechten Hand das Messer. Sie küßten sich vor aller Augen, und im Kuß stieß jeder dem andern sein Messer ins Herz, nach uralt-heiligem Brauch des Tyr-Opfers.

Aber da rief Thorodd zum zweitenmal:

»Er spricht!«

Und sie sahen alle seine bleichen, trockenen Lippen sich regen:

»Männer von Eisland! Lasset ihr umsonst mich dieses Todes sterben, so sei mein Blut Brandregen über eurem Haupt und meine Pein sei ewig in eurem Gedächtnis!«

Da stand Kormak der Lahme zitternd auf und fragte: »Was befiehlst du, daß wir tun nach deinem Willen?«

Da blitzten Halfs Augen herab, und es war eine Lichtbahn zwischen ihnen und Kormaks Blick.

»Rächen! – Töten! – Befreien!«

Es ging ein Rauschen durch die Männer, da sie die Schwerter aus der Scheide rissen.

Und wieder klang die Stimme:

»In sieben Tagen sollt ihr eine Schlacht schlagen, aller Godorde Männer von Eisland und den Westmännerinseln. Auf Gnuprheide wird die Schlacht geschlagen, und es darf keinen Knaben geben, keinen Knecht und keinen Greis, der daheim bliebe, da es gilt, Eisland zu retten.« Da ward es hell in der Luft von aufgereckten Schwurhänden. Es schien, als wollten die Männer mit Gewalt das Schiff stürmen und Half befreien.

Doch die Wachen setzten die Bogen an, und der Anführer schrie: es werde jeder fallen, der nur einen Schritt noch sich vorwage! Da rief Half: »Spart eure Schwerter nur sieben Tage noch!«

Kormak aber sah, daß Ermattung ihn von neuem überkam, er reckte ihm seinen einen Arm entgegen und schrie:

»An wen sollen wir glauben, Half? Half! Sage es uns du, an wen wir glauben sollen!« Da hob Half das Haupt, und sein Antlitz war wie von großem Schmerz verzerrt: »Glaubet!« sprach er erstickt. »Glaubet! Denn das Leben ist schwer, und furchtbar der Tod für den, dem der Glaube versagt ist!«

Und es ward still wie in einem Grabhügel nach diesen Worten.

 

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.