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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Was Flit sah, mit allen seinen Augen

Es war keiner unter den Männern, welche Hand an ihn legten, der nicht großen Schaden davontrug, und Aslaug Bogenspanner gewann wenig Freude von seiner neuen Jarlschaft, als Halfs Faust ihm die Kinnlade zerschmetterte.

Sie aber wagten nicht, ihn ernstlich zu verletzen wider des Königs Willen. Endlich erlahmte Half, der von Wunden bedeckt war, und er erlag der Übermacht, daß sie ihn mit großer Not bewältigen konnten. Als er am Boden lag, da lachte König Eirik sein heiseres Lachen, und Bischof Olaus nannte des Heidenschwertes Abwehr von Eiriks Haupt Christi schönstes Wunder. Der König nickte heftig dazu und bekreuzte sich mit zitternden Händen.

Es waren aber auch sieben Männer gebunden worden, die am Schiffe noch lebten; und dies war Spes, ein unfreier Ire und vier Knechte, die Engihlid noch gekannt hatten.

Der siebente war ein freier Mann, Kormak des Lahmen jüngster Sohn Flit, der siebzehn Winter zählte.

Da trat Eirik zu ihm, und seine Brauen standen wie ein schwarzer Strich über dem bösen Blick, da er sprach:

»Sieh zu, mit allen deinen Augen!«

Flit sah, wie Eirik von einem der Knechte zum andern ging, und jedesmal deutete er mit dem Finger auf den Mann und senkte ihn rasch abwärts.

So tat er bei allen sechs Knechten, und hinter ihm schritt ein Schwertträger, der schlug jedem das Haupt ab, sowie der König auf ihn gedeutet hatte.

Da kam Angst über Spes, der zuletzt in der Reihe stand, daß sein riesiger Leib sich krümmte und er schrie: »Getauft! Getauft!« und zog groß das Kreuz mit seinen gebundenen Händen.

Sagte Eirik: »Gnade mir Gott, daß ich deine Seele schuldig ließe in die Hölle fahren! Euer, Herr Bischof, ist dieser Mann!«

Und das Schwert hieb erst zu, als Olaus Spes gesegnet hatte.

Nun meinte Flit, die Reihe sei an ihm, aber Eirik ging vorüber, ohne seiner zu achten, und gab dem Bischof geheimen Wink!

Da kam Olaus zu Half und hielt ihm ein kleines Kreuz vors Antlitz. »O Mann, den schon des Todes Fittich beschattet!« hub er an, und es fehlten ihm beim Sprechen die Zähne, und er war alt geworden, alt und müde. »Zum letzten Mal frage ich dich, ob du willig bist, die heilige Taufe von meiner Hand zu empfangen? Und ich bitte dich, besinne dich wohl, ehe du redest!«

Da tat Half die Augen auf, die er geschlossen gehalten hatte. »Süßer Ohrenschmaus wäre dir mein »Ja«, du Priester eines schlechten Gottes und noch schlechteren Königs, denn wohl wisset ihr, daß Eisland euer ist, wenn Halfs Hand das Kreuz aufrichtet, das sie gestürzt hat.«

Sprach Olaus dawider: »Verharre nicht länger in solchem Trotz, Half Seekönig! In Blutströmen ertrank dein eitler Ruhm, und gallbitterer Fluch wird dein Name auf den Lippen der Witwen und Waisen sein! Glaube du einem alten Mann, der dir sagt, daß nicht das Schwert die höchste Krone erwirbt, sondern nur Demut und Entsagung!«

Da wies Half mit dem Kopf nach Eirik hin und lachte:

»Fehl am Ort ist deine Predigt bei mir, Herr Bischof, diesem hier hättest du sie halten müssen!«

Sprach Olaus, und fast lag Bitten darin: »Half, es ist deine Strafe bereitet! Siehst du nicht, daß deine einzige Rettung in Jesus liegt, unserm Herrn!?«

Da lachte Half schallend und stolz zu dieser Rede: »Wie sollte dein Jesus mich retten, dieser Knechtsgott und Jammergott, der sich selbst vom Kreuze nicht helfen konnte, daran er starb mit Seufzen und Wehklagen!«

Da sprang Eirik bleich vor Grimm vor und schüttelte die geballten Fäuste:

»Habt ihr den Langmut, dies zu hören, Herr Bischof? Wir wollen ihn schweigen machen, diesen Mund, der das Lamm am Marterholz begeifert! Wir wollen dein Seufzen und dein Wehklagen hören, Half, denn du sollst ihn sterben, den Kreuzestod des Herrn!« Da wich Bischof Olaus drei Schritte zurück vor Eirik, der wie ein von Krämpfen Befallener zitterte, und hob beschwörend die Hand. »Tuet dies nicht, Herr König! Tuet nur dieses nicht! Zu gut ist des Heilands Tod für heidnische Sünder!«

Und er faßte Eirik am Mantel und rief: »Lasset ab! Lasset ab! Oder es wird großes Ungemach entstehn!«

Eirik aber war wie einer, der im Fieber wandelt und nicht hören noch sehen kann.

Er befahl, Nägel herbeizubringen und »Meerschwans« große Raae zu kappen.

Seine Mannen zögerten und wechselten Blicke, aber sie taten, was der König befahl, da er das Beil erhob und ihnen drohte, stammelnd und schäumend, als hätte er die fallende Sucht.

Als man ihm die Nägel brachte, die man aus den aufgerissenen Schiffplanken gezogen hatte, hielt Eirik sie Flit auf der flachen Hand vors Gesicht und schrie: »Sieh zu, mit allen deinen Augen!«, und Flit sah, mit Zittern und Beben, wie sie die Raae quer über den Mastbaum nagelten zu einem riesigen Kreuz. Und sie rissen Half Panzer und Gewand vom Leibe, daß er nackend war.

Bischof Olaus aber hob das Antlitz zum Himmel und rief: »Herr, du mein Gott, ich wasche meine Hände rein von diesem Blut!«

Und noch einmal flehte er Eirik an, davon zu lassen.

Schrie Eirik: »Seid ihr Norges gekrönter König oder bin ich es, Herr Bischof?«

»Noch seid ihr es, Herr!« gab Olaus langsam zurück.

Eirik winkte und man zog Half an Seilen auf.

Da schlug Flit, der siebzehn Jahre alt war, die Hände vors Gesicht. Er hörte dumpfe Hammerschläge und zitterte vor dem Schrei, der nun kommen mußte.

Es kam kein Schrei.

König Eirik riß Flit die Hände vom Gesicht: »Sieh zu, mit allen deinen Augen!« sagte er zum drittenmal, und sein Blick funkelte wie der eines Irren.

Da sah Flit, wie sie Half, der an beiden Händen hing, den dritten Nagel durch die Füße trieben. Es war Half weiß wie ein Linnen, und es rann Blut von seiner zerbissenen Unterlippe, aber es war kein anderer Laut zu hören als der letzte Schlag des Hammers.

Da lachte Eirik, hob die Hände empor und rief: »Sieh, Herr Jesus, ich bin es, der dich gerächt hat!«

Olaus aber flüsterte: »Mein ist die Rache, spricht der Herr!« und er verließ gebeugten Hauptes das Schreckensschiff.

Fragte Eirik: »Und du Knabe, wer bist du, der du als einziger noch lebst von mehr denn dreihundert Kämpfern, die wider meine Macht das Schwert hoben?«

Stammelte der Knabe: »Ich bin Flit, der Sohn Kormaks von Skliodstadir!«

Sprach Eirik:

»Nun, Flit, Kormaks Sohn, hast du mit eigenen Augen gesehen, was denen widerfährt, die gegen mich aufstehn und meinen Herrn Jesus Christus!«

Er winkte, und die Kreuzmannen führten Flit ans Land, und sie blendeten ihn, damit nichts mehr diese Bilder aus seinem Gedächtnis löschen könne, und lachten, da er hilflos über die Heide kroch, – er, der so viel gesehen hatte. –

 

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