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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Half das Abendmahl hielt

Half aber sah um sich und sprach: »Nun sind wir der Männer genug, und es dünkt mich nicht nötig, länger zu warten. Denn an der Zeit ist es, für unsre Heimkehr den Göttern zu opfern!«

Es erhoben sich sogleich Stimmen, die dawider waren, und Guthorm wies seine Schwurhand, die Eirik zum Gedächtnis verstümmelt hatte.

Half aber fragte Glum kurz, ob er einer sei, der sich in seinem Hause in die Opferschüssel speien lasse?

Glum sprach leise und mit Kopfschütteln:

»All die Zeit hast du nie nach Opferbräuchen gefragt und drängst nun so sehr dazu?« Da warf Half sein langes, gelbes Haar zurück und lachte laut: »Wenden andre ihren Glauben wie ein Segel nach dem guten Wind, so wende ich ihn nach dem bösen!«

Half selbst ging in die Ställe und sah dort Leifs herrlichen Hengst, auf den jener große Stücke hielt, da er von Alswidr stammte. Half gab Leif Kjötvis letzten Armreif dafür. Selbst opferte er und achtete darauf, daß keiner sich zur Seite schleiche, selbst ging er mit der dampfenden Schale um und bot Mann um Mann den Trank. Er hatte aber Sighvat und die andern Christen angewiesen, in der Halle zu bleiben, so daß keiner von ihnen von dem Opfer etwas sah.

Dann gingen alle wieder in die Halle zurück, und die Männer aßen und sie tranken, als läge ihr Mut auf der Kannen Grund und sie müßten sie leeren, um ihn wieder zu erlangen.

Half aber ließ Eyvind zu seinen Füßen sitzen, denn auf den Bänken wäre eine Maus erdrückt worden, wenn sie dort noch hätte Platz finden sollen. Und er, Half Seekönig, ließ sich Eyvinds große Kunst erklären, die Floke, der Weißrock, ihn gelehrt hatte, ehe er starb. Die Kunst, mit Farbe und dem spitzen Stift, – der in Halfs Faust sogleich zerbrach –, saubere Zeichen auf ein Ziegenfell zu ziehen.

»Male meinen Namen!« heischte Half, und der Knabe tat's mit fliegender Hand, so wohl er's nur vermochte. Half sah auf die fremden Zeichen herab und lächelte. Niemand hatte solch Kinderlächeln wie dieser Held zuzeiten.

Dann aber ging der Blick nach innen. Er raunte wie für sich selbst: »So vermöchte dieses zu geschehen, daß mein Name, von Knabenhand gemalt, länger lebte als ich selbst und alle meine Taten?« – Als er das gesagt hatte, kam Unruhe über ihn. Er hob sich vom Hochsitz und begann davon zu sprechen, daß die Männer vor Sonnenaufgang sich rüsten müßten, um gegen Eirik zu ziehen. Da stand Hrolleif von Haukagil auf, der sagte: »Nun soll endlich des Geredes ein Ende sein von Not und Tod. Morgen wollen wir ausziehen wider Eirik Blutaxt, doch laßt uns für diese eine Nacht vergessen, was uns an Leid überkam. Es sitzet Glum Honigmund unter uns, und ist es den andern wie mir ergangen, so hat ihr Herz bittere Entbehrung erlitten in den Jahren, da der beste Skalde außer Land war!«

Da trommelten die Männer mit Fäusten und Schwertern auf den Tisch. Jubel entstand, und Hliot hinkte, seines Vaters Harfe zu holen. –

»So will ich,« sprach der Skalde, »die Taten singen, die Half vollbracht hat!«

Erwiderte Half: »Besser stünde es uns an, die Schwerter für jene zu schärfen, die zu vollbringen sind!«

Schrien die Männer: »Gönne uns, Half, diese einzige Nacht! Das Lied am Abend heißt es, und die Tat am Morgen!« –

Da wandte Half sich ab und setzte sich zum Feuer, damit keiner sein Antlitz sehen solle, während der Skalde sang. Nur Eyvind kauerte ihm zu Füßen, ihn litt Half wie einen treuen Hund.

Als aber Glum just in die Harfe griff, da wurde Rossestampfen draußen laut, und es waren die Männer vom Lachsachental, die da kamen, und von Smidsstadir. Es waren ihrer so viele, daß nicht daran zu denken war, sie in die Halle zu laden, wo Mann an Mann saß und stand und kauerte. Und es mußten auch ihre Rosse im Hofe angebunden werden, weil selbst in den Kuhställen kein Platz mehr war.

Als die Männer hörten, daß Glum singen solle, da baten sie Mutter Thorodd, die Küchentüre offen stehen zu lassen, und in die Küche drängten sie sich nun und hielten mit der einen Hand den Becher, mit der andern das Schwert, damit es nicht klirre, während Glum sang.

Half aber stand unruhig auf: »Wir sollten nun lieber beraten, wie wir Eirik morgen überfallen!« sagte er. »Wir müssen die erwarten, die von der Rabenkluft und vom Mückensee kommen!« widerredeten viele.

Und schon rollten Glums erste Töne durch die Halle.

Wie Wogen rollten sie daher, die vor dem Sturm sich erheben. Und der Sturm des Liedes stand auf und machte, daß des Blutes große Brandung brauste in der Hörer Herzen. Denn das Lied von Halfs des Weibes Rachefahrt sang Glum.

Eyvind fühlte, wie des Liedes graue Wellen wuchsen und über seinem Haupt zusammenschlugen. Eiskalt rieselten sie über ihn, und er fühlte sich im Windhauch kreiseln wie ein verwehtes Blatt.

Die Helden litten, und er litt wie sie. Kälte trieb ihm Tränen in die Augen, und Erlösung war des Reihers erster Schrei. Er floh aufs Eis und war zugleich der Verfolger, – der die Rache fürchtete, war er, und der Rächer zugleich. Und endlich ertappte er sich, wie er mit der Hand den Hals schützte, denn seine Kehle war Atlis Kehle geworden, in der Halfs Zähne sich knirschend begegneten.

Da schämte sich Eyvind und sah umher. Aber er sah, daß alle Angesichter ringsum aufgetan und offen waren und das eigene Leid, die eigene Sehnsucht, die eigene Rachelust aus ihnen schrien.

Vorgebeugt saßen die Männer oder sie lehnten an den Wänden oder sie hockten auf dem Estrich umher, den Mund halb offen, die Hände vorgehöhlt, als wollten sie jedes Wort, wenn es von Glums Lippe sprang, auffangen, wie Bettler einen Tafelbrocken.

Plötzlich fühlte Eyvind sich am Arm gefaßt, und Half war es, der zu ihm sprach: »Gibt es heujahrs so früh Wölfe auf Gnuprheide?« fragte er flüsternd und lauschte ins Weite.

Eyvind horchte angestrengt, aber er konnte nichts vernehmen als das Kreischen des Hoftores, das geöffnet ward.

»Das sind die Pferde, die wiehern!« gab er leise zur Antwort. »Nun kommt Önund von Örliggstadir, der so weiten Weg hat!« Und schon schritt Mutter Thorodd auf den Zehenspitzen hin und schloß die Haustüre weit auf, damit die Männer von Örliggstadir, die draußen standen, hören konnten, was Glum sang. – –

Und Eyvind sah Halfs Haupt auf die Brust sinken, da seines Lebens Faden nochmals vorüberzog, als spule ihn die Norne rückwärts vom Knäuel.

Von Kar dem Gespenst sang Glum, und die Mägde in der halbdunklen Kammer hockten enger beisammen als die Hühner auf der Stange. Sie schlugen die blaugewürfelten Schürzen über den Kopf, so fürchteten sie sich. Man sah nur ihre plumpen Schuhe und ihre verschränkten roten Arme. Glum sang.

Von der Sonne sang er, und Eyvind sah Sehnsucht über der Halfsmannen Gesichter gehen, nun, da der Süden von neuem ein ferner Traum geworden war.

Vom Rosenhain sang er, da blähten sich Halfs Nüstern, als spürte er von neuem den Duft, und Sighvat höhlte die Hand um unsichtbare Kelche.

In Eyvind stieg sengende Sehnsucht auf, und ihm war, als könne er nie wieder des Lebens froh werden auf den heidekrautbedeckten Lavafeldern der Heimat.

Da schreckte Eyvind auf aus des Liedes süßer Trunkenheit, denn eine Hand preßte die seine, daß es schmerzte. Da er sich wandte, sah er Halfs Gesicht, und es war fahl, als hause die Seele nicht länger in seinem Leibe. Seine Augen starrten groß aufgetan, als schauten sie durch die Wand hin in die Ferne, der Blick wanderte wie bei Lauschenden, und Halfs graue Lippen mühten sich ums Wort:

»Ist denn niemand, der hört, wie der Wolf da draußen vor dem Dornbuschzaune heult?« murmelte er.

Aber auch diesmal konnte Eyvind nichts von dem vernehmen, was den Helden erschreckte, und er stammelte: »Das ist der Wind, der um den Giebel fährt!«

Half raffte sich auf wie einer, der im Schneefall liegt und nicht sterben will, und rief: »Wir dürfen nicht länger säumen! Waffen! Waffen!« Aber es war, als wehe nur ein Flüstern über seine Lippen. Keiner hörte ihn. Denn Glum sang, über den Bragis heiliger Rausch gefallen war.

Da fühlten die Männer, die draußen in der Herbstnacht unter erbleichenden Sternen standen, daß die Südsonne Blasen aufzog auf ihrer Haut. Die den vollen Becher in der Hand hielten, fühlten Durst ihre Kehle dörren. Die hinterm Mettisch saßen, fühlten das Schiff unter sich zittern, dessen Steuer Glums Hand nach Norden drehte.

Sie erlebten alle den Sturm, den lebensbedräuenden. Sie erlebten alle die großen Ehren an Adelstans Hof. Königin Gyridh schritt vorbei, ihr schwarzes Haar hing über den Mantel von Schneehasenfell. Die Pictin ritt vorüber, nacktschenkelig und stolz, und es starben, die man geliebt hatte. Sie erblickten der Heimat gewohnten Strand fremd, mit den Augen Sehnender. Half hob das Kreuz mit einem Ruck, und sie alle fühlten den Ruck in ihrem Herzen ...

Die Harfe schwieg.

Es war ganz still geworden.

Da hob Half die Hand und sagte dumpf:

»Nun heult der Wolf draußen vor dem Tore!«

Da stürmte einer der Knechte herein, er stieß alles zur Seite.

»Eirik Blödöx ist über uns!« schrie er. Und zuckte und starb.

 

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