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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Glums Lied von der Scotenkönigin

»Grausam ist das Meer.

Es hat Wasser in Fülle, und tapfere Helden verdursten. Es hat Wind in Fülle, aber er ist wider sie.

Es hat elf Tage mit ihnen gespielt und sie gemartert. Hunger haben sie erduldet, Durst erlitten und Hel in ihr schwarzes, grinsendes Antlitz geschaut, denn sie ritt am Steven des steuerlosen Schiffes, und sie hörten ihr Lachen sich dem Gekreisch der Seevögel mengen, die herabstießen, ungeduldig, weil die Männer nicht starben. Grausam sind die großen Götter. Sie zeigen Land, festes Land, aber es drohen Strudel und spitze Klippen, und die Männer haben nichts, womit sie steuern können.

Sie lassen sich treiben, – so treiben sie dem Strande zu. Sie liegen am Strande in Haufen übereinander. Man könnte auf sie treten, sie mit den Rudern erschlagen.

Da ist Half das Weib. Da ist Grim, der nicht mehr ist. Da ist Sighvat Sugandi. Glum, der Alte, geht mit diesen dreien, Wasser zu finden.

Hliot Einarmbein bleibt bei den Schiffen und den halbtoten Männern, während die vier dahinschwanken.

Sie gehen durch das harte Land.

Ellenhohes Gras, überall Buschwerk und Dornen. Es brechen ihnen fast die Kniee vor allzulanger Qual. Sie pflücken rote Beeren von den Dornenzweigen und schlingen sie mit Gier hinab, obgleich das Fruchtfleisch haarig ist und voller Samen.

Endlich finden sie eine Quelle und schöpfen die Schläuche voll.

Wie Verrat ist es, daß sie sogleich trinken, während die Freunde noch dürsten.

Unheimlich ist das Land.

Es weht und raschelt in den Büschen, aber wenn Schwert und Speer hindurchstoßen, zeigt sich kein Mann, kein Tier.

Da tönt ein Schrei, eine Frau stößt ihn aus, und so furchtbar gellt er, daß Grauen die Männer anfällt. –

Half meint, daß ein Weib in Not dürstenden Männern vorangehe, so stapfen sie durch Dickicht und Dorn, ihm Hilfe zu bringen. Ein zweiter Schrei tönt, entsetzlicher noch. Endlich finden sie es auf einer Waldlichtung. Es hängt an einer Eibe, Feuer frißt von unten her seine Füße; sein langes Haar brennt lichterloh.

Die Männer zertreten die Flamme, sie löschen sie mit ihren Mänteln, schon glost auch des Baumes Stamm. Sie schneiden die Frau los, sie betten sie und fragen viele Fragen, sie aber schreit nur und schreit. Sie ist häßlich und plump gebaut, und der Schmerz verzerrt ihr Magdgesicht zur Fratze.

Mitten in ihr Todesröcheln schallt Jubelgeschrei ringsum. Es wird hell, als brenne jeder Baum im Walde.

Die Männer, die ihre Schilde fortgeworfen haben, um dem Weibe zu helfen, werden von Pfeilen überschüttet. Die Pfeilspitzen sind in einen Saft getaucht, und die Wunden brennen unerträglich. Von überall her kommen die Geschosse, sie fallen wie Hagelschauer. Ehe die Männer wissen, wo der Feind zu suchen sei, ist er schon über ihnen. Hunderte von Gewaffneten wimmeln wie Ameisen um sie her.

Es blendet von Helmen, es spiegelt von Schilden, es blitzt von Schwertern. Bartlos sind die Kämpen, aber grausam und schrecklich.

Half trifft einen zu Tode. Da erkennt er, daß er ein Weib erschlagen hat. Alle die Krieger sind Weiber, und Verblüffung und Scham lähmen die Helden, da sie dies erkennen, daß sie nicht zuschlagen. In Haufen werfen sich die Weiber auf sie, sie stoßen sie und schleppen sie zu Bäumen, an die sie sie binden. Half fesseln sie mit zwölffachen Banden und zerren ihn zu jener Eibe, an der noch das Feuer glimmt, das die Magd versengt hat. Nur darum ward ihr solcher Tod, daß sie der Lockvogel sei für törichte Männer.

Die Weiber kreischen und schlagen die Schwerter an die Schilde, sie tanzen um die Gefangenen her. Glums weiße Haare speien sie an, aber Sighvats Muskeln prüfen sie mit Lachen, und da sie Halfs Oberarm kaum mit beiden Händen zu umspannen vermögen, klatschen sie auf die nackten Schenkel und rufen einen Namen, der klingt wie eines Falken Jauchzen beim Niederstoß auf die Beute.

Da wird es auf einmal still, und die Kriegerinnen treten in zwei weite Reihen.

Die Helden sehen eine herankommen, die die Königin ist, man weiß um die Krone, die sie nicht trägt.

Sie reitet einen mächtigen, schweren Schecken in Weiß und Braun.

Ihre Schenkel sind nackt, denn das kurze Gewand läßt sie beim Reiten frei; es ist beiderseits geschlitzt bis zum Gürtel.

Ihre stolzen Brüste sind nackt, Ketten von Bernstein, von Muscheln und Tierzähnen klirren darauf.

Ihr Haar fällt in Strähnen glatt von der Stirne zurück, als wären aus schwarzer Seide schmale Streifen geschnitten. Sie ist braun wie Tierfell, wie Baumrinde, wie alter Honig.

Auf ihrer Stirn, ihren beiden Wangen, auf ihren beiden Handrücken und dem breiten Raum zwischen ihren runden Mädchenbrüsten sind blaue Bilder sichtbar auf der Haut.

Sie ist furchtbar und schön zugleich, und die vier Helden wissen, daß ihr schmaler Mund das Urteil sprechen wird über Tod und Leben.

Sie reitet heran, hinter ihr acht Bogenspannerinen, nackt und hoch wie sie.

Sie kommt an Glum, dem Alten, vorbei und sieht ihn mit goldfarbenen Augen an.

Er hat gewußt, daß er ein greiser Mann ist, und des Alterns Bitternis längst erkannt.

Aber nie noch hat er es als Schmach empfunden, wie nun, da dieses Mundzucken ihn wegwirft.

Sie sieht Sighvat an, wie man am Roßmarkt junge Hengste prüft, und nickt langsam. Sie wendet sich und deutet auf eine blonde Bogenspannerin hinter sich.

Die springt vom Pferde, neigt sich vor der Königin und zieht das Schwert.

Sie ritzt in Sighvats Brust ein Zeichen, daß Blut fließt, und springt wieder in den Sattel.

Die Königin steht vor Grim und deutet auf eine rotlockige Schützin, die einen rasselnden Kranz weißer Dinge um den Hals trägt. Grim sieht, daß es Menschenzähne sind. Er ist ein Held, erprobt in vielen Schlachten, aber er zuckt doch, da das kalte Schwert seine nackte Brust berührt.

Dann lenkt die Königin ihr Roß vor Half, und Blick blitzt wider Blick.

Sie schüttelt ihr schweres Haar zurück und deutet auf die eigene Brust. Jubel erhebt sich rings. Sie aber wendet sich und reitet fort, wie sie kam, ohne daß sie ein Wort gesprochen hätte.

Da sie verschwunden ist, werden die Helden von den Bäumen losgebunden und gefesselt fortgetrieben. Die jungen Männer werden als kostbare Ware geschont, doch Glum stoßen sie umher wie einen Sack.

Half ist nahe daran, die Seile zu zersprengen, da pfeift die rothaarige Schützin, die bei ihnen zurückgeblieben ist, und er wird umschnürt, und seine Augen verbunden. Sobald einer der Helden reden oder rufen will, kommt die rote Hüterin herbei und setzt ihm ihr langes Messer auf die Brust.

Sie hat Augen wie die Wildkatze, und ihr Fleisch ist weiß wie Meerfischfleisch, die Manneszähne rasseln auf ihrer sommersprossigen Brust, wenn sie heransprengt. Sie umkreist den Zug wie ein Schäferhund die Herde. Es wäre ihr Lust zuzustechen, man sieht es, und sie ist es, von der Glum, der Alte, am meisten zu erdulden hat.

Endlich kommen sie zu einem Lager. Große Wolfshunde kläffen sich heiser.

Wachtfeuer brennen in der Nacht, aber die davor hin und wieder schreiten sind Weiber mit Schilden und Schwertern. Sie senken die Speere vor der roten Führerin, wie man Fürsten grüßt. Die Männer sehen staunend auf die Zelte, die aus Hirschhäuten genäht sind. Vor manchen blühen Waldblumen in zierlichen Beeten. Zahme Rehe beschnuppern die Gäste.

Aber was der Männer Blut erstarren macht, sind nicht die Mannesgerippe, die, im Winde klappernd, an den Bäumen hängen, nicht die Totenschädel, die in Reihen auf Pfählen grinsen.

Nein. Es sind fünf Männer, die sie sehen, und sie verrichten in dieser verkehrten Welt das Amt der Frauen. Einer spinnt, zwei treiben die Handmühle, einer reibt einen schmutzigen Kessel blank und der letzte dreht den Spieß, an dem ein riesiger Hirsch brät.

Alle aber sind furchtbar zu schauen, mit speichelndem Mund, roten Augen, schlotternden Knieen, obgleich die Helden sehen, daß es junge Männer sind, denn jene haben, gleich ihnen, gelbes langes Haar.

Doch bleibt den Eisländern nicht lange Zeit, darüber zu grübeln. Denn nun pflanzt sich ein hoher Ruf von Wache zu Wache fort, und die Kriegerinnen schwärmen herbei. Ein Trupp kommt heran, mit Jubel und Gelächter, und die Helden erkennen mit neuem Entsetzen, daß die Männer, die da berauscht ins Licht taumeln, ihre Gefährten sind.

Glum hört Hliot Einarmbein nach seinen Freunden fragen. Hliot hält Halfs goldenen Helm, und Glum begreift, daß die Weiber ihn mit List verlockten, an eine Botschaft Halfs zu glauben, indem sie ihm dies Zeichen brachten und freundlich mit Fleisch und Wein zu den Schiffen kamen.

Die Männer, die elf Tage lang Speise und Trank entbehrt haben und viele Wochen lang eines Weibes Nähe, haben toll und voll gegessen und getrunken und sind von den Weibern eingefangen worden, wie man den Hering zur Laichzeit in Netzen fängt.

Zu spät ist es, da Hliot endlich die Gefesselten erblickt. Eine kurze Gegenwehr nur, und auch er ist überwältigt.

Die Weiber brauchen viele der Knechte gar nicht zu binden. Kräuter wurden in den Wein gemengt, und es sind, die davon tranken, schlaff und schläfrig und nur allzu willig.

Wieder kommt die Königin heran und teilt die Beute zu. Jene, die leer ausgehen, stimmen einen Gesang an, gezogen und klagend, als heulten Hunde zum Monde auf.

Man bringt Wein und Speisen herbei im Übermaß, doch teilen die Weiber nicht das Mahl mit den Männern. Die Speisen brennen wie Feuer, und die vier Nüchternen erraten, daß man sie verleiten will, den Rauschtrank zu genießen. Sie lassen die Hunde gern gewähren, die ihnen den Bissen vom Munde wegschnappen.

Da das Mahl vorüber ist, hören sie einen tiefen, dröhnenden, brausenden Ton, der näher und näher kommt.

Sowie die Kriegerinnen ihn vernehmen, fallen sie, in ihren Waffen rasselnd, auf die Kniee.

Ein Weib naht langsamen Schritts, sie ist es, die die heilige Kupfertrommel schlägt. Alles an ihr ist weiß, ihr Kleid, ihre Priesterbinde, ihr langes Haar. Endlich steht sie in der Mitte des weiten Kreises von Knieenden. Die Trommel schweigt, und die Priesterin erhebt ein uraltes Messer mit scharfer Steinschneide. Die rothaarige Kriegerin führt das Opfer herbei, einen der Männer, die die Helden vorhin als Weiber tätig sahen.

Er zittert und schaudert, und es ist arg für die Männer, sein hündisches Winseln zu hören. Die Rote hält ihn eisern aufrecht, daß die Priesterin ihm das breite Steinmesser mitten ins Herz stoßen kann. Die Priesterin reißt es zurück, und in die Opferschale, die die Königin hält, sprudelt das Blut. Nun befiehlt die Alte der Königin zu trinken. Sie schließt die Augen, neigt sich und schlürft das dampfende Blut, aber man sieht, wie sie nur mit Mühe den gräßlichen Trank hinabzwingt.

Nach ihr trinkt die Rote mit Lachen. Alle trinken, denen die Königin Mannesbeute zuwies.

Fünfmal sehen die Helden das Steinmesser zustoßen, und fünfmal springt Herzblut in die Opferschale.

Singende kommen, mit kleinen Knochenharfen, sie schreiten in langem Zug.

Die Kriegerinnen klappen in die Hände und fallen ein, hoch, schrill.

»Ochalla, chranna mo! – Ochalla chranna mo waina!« –

Und wenn später Glum in seinem kargen Altmännerschlaf die Töne hört, erwacht er mit kaltem Schweiß an allen seinen Gliedern. Die Weiber schwanken hin und her, schwanken hin und her, schwanken wie Trunkene.

Plötzlich schlägt die Priesterin, die reglos gestanden ist, die Trommel an, – in einem einzigen kurzen Schlag.

Da werfen die Weiber sich auf ihre Beute.

Immer noch singen klagend und langgezogen die, die zurückbleiben. Glum hört es, der vergessen und unbeachtet am Pfahl hängt.

Der Gesang erstirbt, die Wachtfeuer brennen nieder. Nur eine Flamme lodert himmelan in dieser Nacht. Dünner Regen fällt. Glums Haar und Gewand sind naß. Ihn hungert, – beim Mahl hat niemand seiner gedacht. Etwas Kühles rührt an seine Hand, eines Rehkälbchens Augen glitzern ihn an, dann schreckt das Tier und flieht.

Immer vergebens versucht Glum, die Riemen zu lockern. Erschöpfung wandelt ihn an, daß er in die Umschnürung zusammenbricht.

Da seine Sinne wiederkehren, hört er im Zelte hinter sich eine laute Stimme, die stolze Worte spricht, harte Worte, drohende Worte.

»Nicht an dir ist es, Mann,« herrscht die Stimme, »dich mir zu weigern! Denn du bist es, den ich wählte, mein Kind zu zeugen. Wird es ein Sohn, so stechen sie ihm die Augen aus und geben ihn den Tieren zum Fraß. Wird es eine Tochter, so herrscht sie wie ich, wie meine Mutter und die Urmutter meiner Mutter!«

Da weiß Glum, daß es die Königin ist, die spricht, und daß Half in dem großen Zelte weilt, das er gewahrt, wenn er, so weit er es vermag, den Kopf nach rückwärts dreht.

Noch einmal reißt er an den Banden, denn er weiß, es rettet alle, wer Half rettet. Aber vergebens. Und wieder hört er die Stimme, und diesmal ist sie wie das Wispern des Heidekrauts an heißem Mitsommermittag:

»Hebe das Haupt, Mann! Du wirst sterben, aber vorher wirst du selig sein, wie Angue Ooge, der himmlische Herr! Zweimal schon hatte ich unter Männern freie Wahl, aber ich teilte andern zu, weß ich nicht begehrte. Zum drittenmal nun liegt Zwang auf mir, und bange war mein Herz, da ich von Gestrandeten hörte!

Doch dann sah ich dich und ich nahm dich für mich, – haiah! – –«

Die Stimme schweigt, und Glum, der Gefesselte, sieht aus dem äußersten Augenwinkel nach dem breiten Lichtstreif, der aus dem Zelt aufs Gras fällt. Wie nie noch betet er zu den großen Göttern. Und was er erbittet, ist ein jäher Tod, der es ihm ersparen möge, Half, der seines Herzens Freude ist, als Meineidigen verachten zu müssen, ihn, der seinem toten Weibe einst den Treueid schwur.

Von neuem kommt die Stimme heran, lau nun und klein, wie die Wellen, die zur Ebbezeit an den Strand spülen. »Sieh mich an, Mann! Haben die gelogen, die mich schön nannten?« Da redet Half zum erstenmal:

»Sie sprachen wahr!«

Glum fühlt, daß seine Hoffnung verrinnt wie der Schaum in Wogentälern.

Aber da schreit drinnen das Weib: »Knecht! Hündischer Knecht! Mit meiner Hand hätte ich dich getötet, und Schwertstoß und Kuß wären eins gewesen. Nun aber sollst du dein Leben fristen, sollst der Mägde maßlose Lust sein und sie sollen dich bespeien, während du die Handmühlen drehst!« Und die Maid lacht, wie Elstern in Baumwipfeln lachen.

Und dann wird ihr Lachen zum Schrei, und es ist, als ahne Glums Herz das Geschehen voraus, so rasend schlägt es in seiner Brust!

Da ist Half, Half der Befreier, – er hat die Vorhänge von Hirschhaut herabgerissen, er bricht aus dem Zelt!

Über seinen nackten Leib läuft das Blut in breiten Bändern, so tief haben die Wolfsriemen eingeschnitten, als er sie zersprengte. Er ist furchtbar anzuschaun, wie er das Weib am langen Haar aus dem Zelte schleift und zu Boden schleudert. Da jauchzt der Mann am Pfahl und ruft ihn an und schon fühlt er, wie Jökulsnauts Schärfe die Bande durchschneidet, Glum schwankt – aber stark sind die Arme, die ihn halten.

Dann springt Half zum nächsten Zelt. Er reißt den Vorhang herab, und »Eisland! Eisland!« schreit er ins warme Dunkel. »Eisland! Eisland!« hallt es zurück. Ein Mann taumelt vor, und Half zerhaut ihm die Riemen an den Handgelenken. Von Zelt zu Zelt eilt Half, und es ist, als ob der Heimat heil'ger Name die Männer aus Todesschlaf aufschrecke.

Das Lager erwacht.

Als räuchere man Bienen aus, gibt es Flamme und Gebraus, gibt es Stiche böser Stacheln.

Half rast! »Grim! Wo ist Grim?« ruft er, aber keiner der Männer weiß vom andern. Half schüttelt die Weiber ab, die sich an ihn krallen, und haut sich den Weg.

Glum und er leuchten mit Bränden in die Zelte, die wie erbrochene Grabhügel gähnen!

Sie kommen zum letzten Zelt, da hören sie ein Stöhnen.

Sie sehen etwas vom Zelthaken hängen, das wie ein riesiger Igel aussieht, und wollen nicht glauben, daß es Grim, ihr Gefährte, ist. Es haften in seinem Leibe zahllose Pfeile, lange Pfeile mit Rabenfederbüscheln beschwingt. Glum und Half weichen dem Rinnsal seines Blutes aus, sie lösen seinen gebundenen Körper, der über und über purpurn ist wie Meerquallen, und betten ihn auf das Lager, das er verschmäht hat.

Sie wischen den Blutschaum von seinen Lippen und drehen das Antlitz zu sich her, bis in den weitaufgerissenen Augen Erkennen dämmert.

Da versucht der Gemarterte, nach oben zu deuten, und die Freunde verstehen, daß er den Tod preist, der ihn empor bringt zu Aukko, die er geliebt hat. Frieden zieht über Grims Gesicht, und seine Heldenseele verläßt gern den Leib, dessen Wunden wie hundert rote Tore offen stehen.

Half schwört dem Toten Vergeltung auf seine Rechte. Da er aber seine geballte Faust hält, sieht er, daß sie über Strähnen roten Haares verkrampft ist, und er stürzt hinaus, seine Rache zu suchen.

Es kämpfen wilde Gestalten rings um das Feuer, und ihre großen Schatten kämpfen am Boden wie sie. Schwerter schlagen in Frauenfleisch, Blut strömt in Lachen zusammen, man gleitet aus und greift im Fallen eine Frauenbrust, aber man hält sie abgehauen, wie abgefallene Frucht. Half sucht die rote Bogenspannerin, die, wie eine Natter entgleitend, sich birgt. Er hetzt sie weit über das Schlachtfeld hin.

Da braust in das Waffengeklirr ein mächtiger Klang, das tiefe donnernde Dröhnen der heiligen Kupfertrommel, auf die die Königin unablässig schlägt. Sowie die Frauen den Klang vernehmen, der wie das Nahen schwarzen Gewitters ist, lassen sie die Schwerter sinken. Sie reißen sich los von den staunenden Männern und fallen auf die Kniee. In einem großen Kreise knieen sie um die Königin, die bleich und feierlich in ihrer Mitte steht. Es ist so still, daß man den raschen Atem der Kriegerinnen hört, – den Frühaufsteher Specht hört, der an der Rinde eines Baumes hämmert.

Der Königin Antlitz ist so bleich, daß die blauen Bilder wie Schatten auf den Wangen stehen. Es ist so bleich, wie die aufwärtsgekehrten Gesichter derer, die im Grase liegen und den Klang der heiligen Kupfertrommel nicht mehr hören.

Die Königin spricht:

»Es gewann einst Geas, die Königin war vor der Urmutter meiner Mutter, einen Mann sich zur Beute und sie liebte ihn am Morgen zu sehr, ihm den Tod zu geben! Entsinnt ihr euch dessen, Schwestern des Schwertes?« Da kommt Antwort zurück wie ein einziges Wort: »Wir entsinnen uns, o Königin!«

Spricht die Königin: »Es nahm Geas ihr Schwert und warf es über den Mann, wie ich es nun über diesen Mann werfe! Und er ging ungekränkt von dannen, mit allen Gefährten und allem, was sein war! – Entsinnt ihr euch, Schwestern des Schwertes?«

Und wie Echo über den blauen Bühlen der Ferne kommt die Antwort: »Wir entsinnen uns, o Königin!«

Die Königin aber legt vor Half seinen Schild, seine Brünne und seinen Helm und berührt seine Füße mit der Rechten, die sie zur Stirne führt. Sie wendet sich und fragt zum drittenmal: »Und als Geas tat, wie ich nun getan habe, Schwestern des Schwertes, entsinnt ihr euch, was ihr da geschah?«

Da springt die rotlockige Führerin vor: »Ich entsinne mich!« lacht sie zur Antwort. Ihr langer, rabenbefiederter Pfeil schnellt von der Senne ab und trifft sie, die ihn mit offnen Armen erwartet, mitten ins Herz.

Half ist es, der die schwankende Königin hält, und zum erstenmal bettet er sie an seiner Brust. Sein Blick haftet in ihrem, bis ihr Auge bricht.

Als aber sie dahin ist, die ihm einzig wert erschien, Weib zu heißen, nach dem Weibe, das er geliebt hat, da kommt der Blutrausch über ihn und er bricht über die herein, an der er zwei Morde zu rächen hat.

Wieder steht Schwert auf gegen Schwert, und die Luft ist voll vom Eisengeklirr, von der Pfeile Gezisch und dem Splittern der Speerblätter.

Zu einem Blutmeer wird das Gras, und es sind gute Männer, die mit den Kriegerinnen dies letzte Bett teilen. Die jungen Raben werden sich mästen, und der Wolf, der Walstatträuber, wird guten Schmaus finden, wenn die Männer vom furchtbaren Lande fliehen und auf ihre Schiffe sich retten.

Weh, ach wehe, was hilft es, daß Grim ein Totenhügel gehäuft ward aus weichen Leibern?

Weh, ach wehe, was hilft es, daß die langen roten Locken der Mörderin zu einer toten Königin Leichentuch wurden?

Können Tote die Toten erwecken?

Kann das Schwert wiedergeben, was das Schwert genommen hat? O challa chranna mo! O challa chranna mo waina! Du Lustgesang, der du zum Schmerzensgesang wardst, wie alle Lust zuletzt zum Schmerz wird!

Bitter ist das Leben, das weiß am besten, der dies singt: ein alter Mann!

Wie der Baum den Blattschmuck, verlieren wir im Herbste, was wir lieben.

Treue einzig ist, was den Sinn gibt dem Leben. Darum war es Frauentreue und Heldentreue, von der dies Lied sang!«

Und das Lied füllte noch die Halle vom Estrich bis zur Decke hin, als Glum die Harfe schon lange in ihre Hülle gebettet hatte. –

Plötzlich erhob sich Gyridh. »Ich bin müde!« sagte sie, und es war, wie wenn eine Saite reißt. Den Mißklang hörten alle. Rauschend schritt sie aus dem Saal.

Als sie gegangen war, stand Edmund, Adelstans Sohn, langsam von seinem Platz unter den Mönchen auf, kam heran und sah erst Glum, dann Half ins Gesicht. Dann tauschte er einen Händedruck mit den Männern.

 

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