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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Die Nordfahrt

Sie grüßten Aukkos Stätte zum letztenmal und sahen, daß Niemand der Toten Frieden gestört hatte. Sie mußten Grim mit Gewalt aufs Schiff bringen, als sie fuhren. Es war eine ungute Heimfahrt, die nun begann, mit Widerwind und hoher See.

Gingen sie an Land, so schien es, als habe man ihrer Rückkehr nur geharrt, um früheren Raub zu rächen.

Männer rotteten sich feindlich zusammen, und die Halfsmannen bezahlten rote Rinder mit rotem Blut.

Doch gewannen sie noch viele Schätze, deren sie vorher nicht geachtet hatten, so daß der geringste Knecht wie ein Näskönig daherging, den Arm voller Goldreifen und mit gestickten Schuhen.

Eines Tages fragte sie Glum, ob sie die Stelle wiedererkennten. Da war es jene, an der drei gute Schiffe sie verfolgt hatten, darin die Franken mit Kesselhelmen und Hemden aus Eisendraht.

Es dünkte sie, als seien Ewigkeiten seit jener Schlacht verflossen, und sie begriffen kaum, daß ihr Haar nicht weiß geworden wie das Glums, der als Graukopf an Bord gegangen war. So lange sie fuhren, geschah es kaum an fünf Tagen, daß die Segel eine Brust voll Winds bekamen. Die Männer wickelten seidene Frauentücher um die Griffe der doppelmannlangen Ruder, und doch waren ihre Handflächen offen von eitrigen Wunden. Sie ruderten, bis der Schlaf sie mitten im Schwung überfiel, selbst im Schlummer ruderten sie und stießen einander armfechtend von den Schlafbänken.

Oft geschah es, daß der Wind sie an einem Tage soweit zurücktrieb, daß es zweier Tage Schweiß bedurfte, schon Gewonnenes zu erringen.

Aber es dünkte die Männer recht, daß sie sich die Heimfahrt ertrotzen mußten. Weniger süß wäre sie sonst gewesen.

Eines Nachts stand Wetterwind auf, und Hliot behielt recht, der gesagt hatte, daß der Sturm sie als erster Heimatsbote grüßen werde.

Es wehte, daß »Meerschwan« der rechte Fittich brach, daß Masten und Raaen krachten und Skidbladnir stieg und bäumte, wie ein böses Roß.

Die Männer standen nackt an Deck, sie ließen den Regen auf ihren Rücken trommeln und den Meeresgischt ihre Brust bespritzen. Sie lachten aus vollem Halse.

Sighvat sprang über Bord und schwamm den Wogen entgegen, die weißbeschäumt schwankten, wie daheim die schneebedeckten Berge im Erdbeben schwanken.

Er schrie mit den Möven um die Wette, Sturmvogel auch er, und sein helles Haar ward in seiner ganzen Länge vom Winde ausgebreitet.

Hliot kam mit den Fuchspelzen herangehinkt. Er strahlte übers ganze Gesicht und meinte: es werde kühl, man müsse sich wahren.

Da krochen sie nackt und naß, mit breitem Gelächter, in die Pelze, und es war wie daheim, da sie so eingehüllt standen und das Meer brüllen hörten.

Sie merkten, daß sie nach Westen abgetrieben waren, aber sie sorgten sich nicht allzu sehr darum, denn das weiß jeder Mann, daß ein Langschiff nicht bestehen kann, wenn es wider solchen Sturm zu fahren wagt. Und sie wußten auch, daß Glum, der Alte, das Steuer zu führen vermochte.

Glum aber blickte ernst drein. Er ließ die Wassertonnen mit sechsfachen Tauen am Hauptmast festbinden und befahl, daß jeder Mann nur die Hälfte der sonstigen Mahlzeit erhalten dürfe.

Da merkten sie, daß er befürchtete, sie würden lange noch des Sturmes Spielzeug bleiben.

Zwei Tage und drei Nächte keuchten sie über den Rudern. Es blies, als hätte Njördr allen Sturmriesen zugleich ihre Bande gelöst.

Half aber war es, der die ärgste Sorge trug, ob sie wohl Eireann erreichten, denn er hatte sein Wort an Sighvat verpfändet an dem Tage, da sie nach Norden steuerten.

»Fern von mir sei es,« hatte Half gesagt, »dich und die deinen nach Eisland zu verlocken, dahin wir ziehen, das Kreuz zu stürzen, das zu küssen dich gelehrt ward! Ich will dich und die deinen zu Kjötvi bringen, ehe ich in die Heimat ziehe, so wahr ich Half das Weib heiße!«

Als nun der Sturm so lange währte, da rotteten sich die Iren zusammen und schrien, Glum solle sie zur Heimat zurückführen, oder sie müßten daran glauben, daß sie wahrlich zu Eisland als Knechte verkauft werden sollten. Glum sprach ihnen gütlich zu und sagte, daß keiner froher wäre als er selbst, Eireanns grüne Küste wieder zu schauen.

Sie aber hörten ihn kaum vor dem wütenden Sturm und dem Donner, sie fluchten und wollten ihn zwingen, gegen den Wind zu fahren.

Und Spes schrie, es sei dies Ungewitter des weißen Gottes Strafgericht, weil die Heiden Böses gegen sein geheiligtes Kreuz geplant hätten. Die Christen warfen sich nieder und beteten laut und baten den weißen Gott, ihre Bedränger zu vernichten und sie zur Heimat zu führen. Da kam eine ungeheure Woge heran, daß Skidbladnir mit der Nase fast zum Meergrund hinabfuhr, während sein Schlangenschweif zum Himmel aufragte. Und alle meinten, dies sei ihrer Fahrten Ende.

Als aber die Woge vorbeigegangen war und Skidbladnir wieder auf dem Kiele schwamm, wie ein ehrliches Schiff soll, da fuhren die Eisländer gegen die Iren los und schrieen, dies sei Asa-Thorrs Strafe für sie, die Christen Brüder genannt und Speise und Trank mit ihnen geteilt hätten.

Und wie am Tage, ehe das Eiland Sikilei vor ihren Blicken lag, wurden auf dem schaukelnden Schiff die Schwerter bloß.

Schrie Half: »Ihr Toren, steckt die Schwerter ein! Nicht Christ ist es, der ein Strafgericht über die Iren schickt, nicht Asa-Thorr zürnt euch, Eislandmänner! Hätt' ich das Schiff der Königsmaid von Gräzia, mit den dreifachgetürmten Ruderbänken, wie wollt' ich wider den Wind fahren! Schande über euch, ihr Halfs Helden! Den Bruder hasset ihr und führt gegen ihn den Schlag! Hasset besser das Meer, das sich wider uns erhebt, und schlagt es ins Antlitz mit euren langen Rudern!«

Seine Augen waren Flamme, sein Atem sengende Lohe, und er zwang sie, daß sie rudern mußten, Asa-Thorrs Diener neben den Dienern des weißen Gottes.

Es waren aber, als Skidbladnir auf jener großen Woge ritt, die Taue gerissen, mit denen sie die Tonnen an den Mast gebunden hatten, und es blieb nicht genug Wasser an Bord, einen Vogel zu tränken.

Drei Tage und drei Nächte zwang Half die Männer, die zu ihrer Handvoll muffigen Fleisches kein Wasser hatten. Mit seiner Kraft nährte er sie und tränkte sie mit seinem Willen, und größere Wunder tat er unter verzweifelten Männern als der weiße Gaukler Christ, da er mit fünf Broten und zwei Fischen die Vielen sättigte, wie die Weißröcke reden. Endlich brach Skidbladnirs Steuer, das war, nachdem sie zehn Tage in der Irre getrieben hatten. Es ward Skidbladnir an Meerschwan gebunden, und so taumelten beide Schiffe über die getürmten Wogen hin, wie ein Blinder an seines Hundes Seil über argen Weg stolpert.

Die Männer lagen neben den Rudern. Die Geier, die droben kreisten, stießen manchmal herab, aber immer noch verjagten sie matte Hände.

Da war es, daß Half sich in den Arm hackte und dem verschmachtenden Sighvat sein Blut zu trinken gab. Süßlich schmeckte es und stillte so wenig den Durst wie das Salzwasser, von dem ihnen allen Gaumen und Zunge verschwollen brannten bis in die Gurgel hinein.

Am elften Morgen schlug der Wind um und zerteilte den Nebel. Er blies kalt und steif. Sie wurden auf großen rollenden Wogen hingetrieben und sahen Land. Unzählige Klippen, nadelscharf und schwertspitz, drohten ihnen, und während sie hilflos hintrieben, rieten sie, welche von ihnen den Tod bereiten werde. Es waren viele unter den Männern, die die Klippe dafür segnen wollten.

Aber Meerschwan glitt, wie an einem Seil herangezogen, hindurch, und endlich krochen sie wie Robben auf dem Bauch, an Land. Sie fraßen Gras, weil Tau daran hing. Half und Glum, Grim und Sighvat rafften sich mit letzter Kraft auf und gingen, eine Quelle zu suchen. Sie wußten nicht, daß es besser für sie gewesen wäre, Dürstens und Hungers zu sterben, als den Fuß an dieses Land zu setzen.

 

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