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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie die Eisländer das Eiland Sikilei sahen

Sie fuhren nun schon seit Tagen auf offener See, einer Insel entgegen, die blau über blauen Wogen lag. Es war dies Sikilei, das Eiland, davon Kjötvi berichtet hatte, daß es schöner sei als alles, was Mannesaugen erblicken mögen. Glum entsann sich dessen wohl, daß Kjötvi, der Ire, gesagt habe, es läge hinter Sikilei nur noch Miklagard, der gräzischen Könige Sitz, den sie Byzanz nennen, und weiter südwärts als letztes Reich Serkland, wo schwarze Männer ohne Köpfe hausen und finstre Riesen die Menschen fressen.

Die Eisländer aber hörten kaum auf Glum. Es war, als seien sie nun so wenig mehr nach des Südens Wundern begierig, wie Aukko einst.

Reizbar waren sie alle geworden, heftig und wild. Sie stritten fast mit Haß wider einander und meinten, einer des andern kleine Eigenheiten im Gehaben nicht länger zu ertragen. Was sie bis nun an Hitze gelitten hatten, war nichts gegen die weißglitzernde Glut, die nun um sie stand. Sie konnten nicht atmen, nicht schlafen.

Einmal kam Half hinzu, als Iren und Eisländer hart aneinander geraten waren. Es hatte ein Eisländer die Irenlümmel verlacht, die so töricht seien, zu wähnen, daß Half sie wieder nach Eireann zurückbringen werde, denn er denke nichts anderes, als sie daheim in Knechtschaft zu verkaufen. Da kam großer Zorn über die Iren, und es währte nicht lang, bis die Schwerter aus der Scheide fuhren. Half sprang unter die Streitenden und riß sie auseinander. Da kehrte Spes sich trotzig wider ihn und sprach Worte, dem Knechte ungeziemend gegen seinen Herrn.

Half packte ihn und schlug ihn so lange, mit dem eigenen Leibgurt, bis des Rasenden Gegenwehr erlahmte. Aber auch dann hieb Half noch weiter auf den zuckenden, nackten Rücken, als verlöre er die Herrschaft über sich selbst. Die Mannen, Iren und Eisländer, standen finster umher, denn keinem gefiel diese neue Weise.

»Schlägst du einen Iren?« schrie Sighvat und sah ihm scharf in die Augen. Er rüttelte ihn und rief ihn laut beim Namen. Da war es, als käme Half aus schwerem Traum zu sich. Er sah auf den blutigen Gurt in seiner Hand, warf ihn schaudernd ins Meer und starrte den Männern nach, die Spes hinwegtrugen.

Am Abend zeigte es sich zum erstenmal, daß die Seefahrer nicht Bechergemeinschaft hielten wie sonst, sondern sie saßen Ire bei Iren, Eisländer bei Eisländern. Finster und brütend hockten sie umher in der Hölle dieser Nacht. Hohlwangig waren alle, und ihre weiße Haut war bedeckt von Sommerflecken, von den Blasen der tausend Mückenstiche, von juckenden, roten Schwären. Sie hatten früh gerunzelte Stirnen und einen blinzelnden Blick, weil sie soviel über sonnglitzerndes Meer aussahen. Ihre Haare starrten ungestrählt, ihre Hände waren hart wie Holz von der Schwere der langen Ruder.

Alle litten sie, und das ärgste daran war, daß sie nicht wußten, warum sie dies ertrugen.

Stumm und trübe saßen sie umher, stumm und trübe schöpften sie mit ihren Helmen den Wein aus großen Kufen, und während sie tranken, lechzten sie nach frischem Quell, sie, die nur die unermeßliche Bläue von Wasser um sich sahen.

Da erhob sich Glum und fragte, ob es ihnen genehm wäre, wenn er sänge.

Keine Antwort kam, denn gute Sitte war lange schon wie versunken ins tiefe Gewässer. Glum begann leise zu summen, und wie eine erwachende Lerche sang die Harfe dazu.

Es war die Weise, die die Hirten von Eireann auf ihren Schalmeien blasen, wenn sie mit den Herden weißwolliger Schafe auf die Weide ziehen.

Da setzte sich Sighvat auf der Bank zurecht, wo er gelümmelt hatte, und die andern Iren begannen, den Takt mit Fingern zu schnippen und mit Füßen zu treten. Und Spes, der abseits kauerte, lachte übers ganze Gesicht. Dann aber nahm Glum das Tuch vom weißen Haar, das er wie alle der Sonne wegen trug, und er begann, barhaupt das Lied zu singen, das die Nordlandmänner gesungen haben, als sie vor Harald Hårfagr auszogen, – das Lied, das Gott Njördr anruft um guten Nordwind, Skadi, sein Weib, um gute Schiffahrt, Odhin um graue Gere gegen die Feinde und Asa-Thorr um ein Zeichen, wo Landung Landlosen gewährt sei.

Da aber entsannen sich alle die Männer dessen, daß sie eines Bruderblutes seien, jene, die Asa-Thorr nach Eireann, und jene, die er nach Eisland gewiesen hatte. Sie gedachten der langen Waffenfreundschaft und beschworenen Eides und reichten einander die Hände.

Da war es, als werde die Hitze linder, die Fremde leichter zu tragen. Wie Berauschte sprachen sie nun alle auf einmal. Sie holten die neuen Waffen, die neuen Schätze hervor, sie erzählten, vor wem sie mit jenen prahlen, wen sie mit diesen schmücken wollten.

Eine Maid wußte Sighvat zu Eireann, ein Kind noch fast, da er ausfuhr, der wollte er die Reifen und Ringe zum Brautschatz geben. Ein goldenes Kreuz wollte er stiften in die Kirche von Develin.

Die Knechte grinsten. Da war keiner, der sich nicht eine Hütte und Kühe kaufen konnte und Ochsen vor den Pflug.

Hliot legte sein Gold zu einem Turm aufeinander. Er verteilte es nachts in Bündel unter seiner Schlafdecke. Hart wie Fafnir lag er auf dem Schatz, aber er konnte heimgekehrt sein Gelübd lösen.

Grim und Half lachten nicht wie die andern. Sie saßen abseits und gedachten derer, die sie verloren hatten.

Die ganze Nacht verbrachten die Halfsmannen damit, Träume zu spinnen und mit ihren Schätzen Tausch zu treiben. Gegen Morgen aber rief einer der Iren vom Mast herab: »Land!«

Da sahen sie alle im goldenen Licht der Frühe das Eiland Sikilei vor sich liegen, das die Männer vom Süden Sizilien heißen. So nah lag es, daß sie die Federkronen seiner Bäume sahen, die Wipfel, beladen mit Früchten gelben und roten Goldes, der Blumen übermäßige Menge, des Rasens teppichgleiches Grün, und sie meinten, daß Kjötvi wahr gesprochen habe, da er sagte, dies Eiland sei schöner noch als Asgard, der Ort, wo selige Götter wohnen.

Da stand einer auf, einer von Halfs Eislandknechten, die noch Engihlid gekannt hatten, und sagte mit zitternder Stimme: »Wann wird es meinen alten Augen vergönnt sein, Eislands Küste so vor mir aufstehen zu sehen?«

Keiner regte sich. Sie sahen alle hinüber nach der Insel, an deren Ufer das Meer sanft und schmeichelnd herankam.

Weiße Stufen führten breit von weißen Häusern herab und verloren sich in den Wellen. Wer diese Stufen hinaufstieg, der fand in fremder Halle mehr der Schätze, als man in Träumen gewinnt.

Wer diese Stufen hinanstieg, der fing sich Frauen, heißer noch als Flammen und rötlicher noch als sie – – – –

Sprach Grimm: »Es war das letzte, was wir von Eisland sahen, der Vatna-Jökull. So wird er auch das erste, was wir wiedersehen.«

Sprach Hliot: »Sturm wird der erste Heimatbote sein, der uns grüßt. Der wird uns entgegenkommen, noch ehe wir Eisland vor Augen sehen! Solch ein Sturm, wißt ihr, daß man sich an den Tauen hält und gebückt steht, um nicht über Bord gefegt zu werden.«

Sprach Sighvat: »Nein, o nein! Die Ersten, die Heimkehrende begrüßen, sind die Frauen! Ich weiß es, sie fühlen die Männer voraus! Wenn wir ansegeln, werden sie weit draußen am Strande stehen, ihre flachsenen Haare werden im Wind wehen und ihre bunten Friesröcke. Mir ist, als sähe ich sie, wie sie die Hand über die Augen gelegt, nach uns ausspähen!«

Da riefen die andern durcheinander: »Die Eisberge! Die Eisberge! Wißt ihr nicht, wie lang sie uns folgten? Nein, der Schnee, der Schnee! Entsinnt ihr euch noch, wie das ist, wenn er in den Pelzkragen fällt, wenn er auf den Lippen zergeht?«

»Ihr irrt alle!« sprach Half laut und langsam. »Nicht Schnee noch Eis, noch sanfte Frauen werden uns Eisländern der Heimat Zeichen sein. Sondern das weiße Kreuz, das Haralds Mönche am Odhinsstrand aufrichteten als Zeichen der Willkür und Gewalt. Es ward errichtet, noch ehe die Mutter mich gebar, und noch immer ragt es zum Himmel, während wir Männer unseres Ruhmes Ziel im fernen Süden suchen!« Und als Half dies gesagt hatte, sah keiner der Eisländer mehr nach dem Eiland Sikilei, das schöner vor ihnen lag, als Asgard, der Garten seliger Götter.

Sie blickten alle auf Half das Weib, und sie sahen ihr neues Ziel in seinen Augen.

Da fühlten sie, wie das Schiff unter ihren Füßen bis zum Kiele hinab erzitterte. Die züngelnde Seeschlange hob stolz ihr Haupt, und rauschend drehte sich Skidbladnir, da Glums Hände das Steuer nach Norden wandten. Und als es geschehen war, da setzten sechsunddreißig Ruder ein wie mit einem einzigen Schlag. Die Eislandmänner begannen den Sang und einfielen die Irenländer, daß das Lied brausend überm Wasser aufflog, mit dem einst die Landnahmemänner ausgezogen waren:

»Guten Nordwind gib, Njördr,
Sanfte Schiffahrt schenk, Skadi – –«

Vergessen lag hinter ihnen Sikilei, das Eiland, über dem die Südsonne aufging.

 

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