Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alma Johanna Koenig >

Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
Schließen

Navigation:

Die Eisländer wölben Aukko den Grabhügel

Sie beschlossen, Aukko einen Hügel zu errichten, wie man ihn zu Eisland den tapfersten Helden häuft, ihr, der Kebse, der unfreien Finnin.

Nicht nur um Grims willen taten sie das, sondern weil es ihnen widerstrebte, ihren Körper in Rans Reich hinabzusenden, daß ihn die großen, weißbäuchigen Fische fräßen.

Die Küste war ungastlich, an der sie fuhren, aber es blieb ihnen keine Wahl, wo sie ihre Stätte bereiten sollten, denn die Sonne war Aukko im Tode noch feind wie im Leben, sie mußten eilen, sie zu bestatten.

Glum sagte, sie solle im Schatten ruhen, die das Licht gescheut hatte. So gruben sie unter den speerblättrigen Bäumen.

Alle schaufelten sie, und längst war die Grube tief genug. Spes aber hub noch immer Scholle auf Scholle aus, und sein Gesicht war beschmiert von Erde und Tränen. Sie wollten Aukko an Land tragen, aber der Bär, der wütend war nach vier Tage langem Hunger, fiel sie an, daß sie tiefe Wunden davontrugen.

Sie suchten, ihn mit Speise zu locken, die sie an lange Stangen banden, aber das Tier verweigerte sie, da sie nicht von seiner Herrin Hand kam. Sagte Grim: »Treuer bist du ihr, Björn, im Tode als ich, da sie noch lebte! Zu deiner Herrin gehörst du, und ich wollte, es täte mir ein Freund den Dienst, den ich dir nun tue!« Da schlug er den Bären mit der Axt breit vor den Kopf, daß das Tier zusammenstürzte.

Half selbst trug den Bären zur Grube. Als sie nun Aukko hinabsenken wollten – und auch Björn, daß er ihr zu Füßen liege –, da schluchzte Spes, weil die Gütige in die nackte, fremde Erde hinab sollte, die sie gehaßt hatte. Er lief zum Schiff und holte alle Teppiche und Tücher ihres Lagers, und sie bespreiteten damit die Grube und hefteten sie mit Holzpflöcken an die Erdwände. Da zerriß Glum die Schnur, an der ihm ein Ledersäckchen vom Halse hing, und sagte: »Nicht weiß ich, ob es mir gesponnen ist, auf Eisland zu sterben, und doch will ich dir Heimaterde auf den stummen Mund streuen und auf das Herz, das sich so sehr gesehnt hat!«

Und wie er gesprochen hatte, streute er die trockene, karge Erde, die er seinem eignen Tod bereitet hatte, ihr auf Mund und Brust. Sie zogen ihr die Fellmütze fester übers Haar, legten ihr den kleinen Finnenbogen zur Rechten und zerbrachen ihre fischgrätigen Pfeile. Half breitete den Friesmantel über sie, und als Grim den Liebesknoten aufband, wimmerte er, wie das verblutende Opfertier wimmert.

Dann schlossen sie die Grube mit starken Balken und häuften den Hügel aus Gestein, das gelblich geädert glitzerte.

Obenauf wälzten Half und Spes einen Block, den so leicht keiner verrücken konnte.

Die ganze, heiße, windlose Nacht hielten die Eislandsmannen mit gezogenen Schwertern die Totenwacht.

Der Sternhimmel drohte über ihnen mit feuriger Schrift unheilvoller Runen.

Und Glum sang die alten Totenlieder, von denen jeder wünscht, daß sie bei seinem Grabe gesungen werden. Er bat Hel, die Schattenbeherrschende, um freundlichen Empfang der Toten und versöhnte mit gutem Wort die Riesin Hyrrokkin, die schreckliche Reiterin, deren Roß der Wolf ist, der Walstatträuber.

Die ganze Nacht sang Glum, und die Männer gaben ihm Antwort jedesmal, wenn die Strophe zu Ende war. Und als der Morgen kam, da fühlten sie zum erstenmal den gleichen Haß gegen die Sonne, die da glühend heraufstieg, wie die Tote, an deren Grab sie Wache hielten.

 

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.