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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Aukko die Sonne nicht mehr sehen wollte

Über Aukko war zu jener Zeit eine wunderliche Krankheit gekommen, daß sie die Feindin Südsonne nicht mehr sehen wollte, gegen die ihr Haß zu stark geworden war.

Aus bunten Stoffen hatte sie sich ein Zelt gefügt, dem der Königsmaid ähnlich, das sie kaum des Nachts verließ. Bei Tage aber wühlte sie wie ein Maulwurf sich in des Zeltes Dunkel ein und, wo nur ein Lichtstrahl durchdrang, ward der Spalt mit sorgender Hast verschlossen.

Björn, der Bär, lag vor der Schwelle und wehrte Jedem den Eintritt, auch Grim. Denn er war jetzt sehr wild geworden und gehorchte nur Aukko mehr, der aber hing er treuer und zahmer an als manches Haustier.

Eines Tages nun weckte Grim die Genossen, die die arge Hitze verschliefen. Es war dies, daß Grim, der viel um das Zelt schlich, Aukko drinnen hatte stöhnen hören und Björn ihn anzufallen drohte, sowie er sich dem Vorhang näherte.

Half machte kurzen Handel mit Björn und band ihn mit einem Schiffstau, daß sie ins Zelt konnten.

Da lag Aukko im finsteren Winkel am Boden, und die Nachtmahr ritt ihre Brust, daß sie keinen Atem bekommen konnte. Endlich sank sie zurück und war wie tot. Glum entsann sich der Fläschchen mit duftendem Öl, die Half ihr als Beute zugesprochen hatte. Die gossen sie ihr über die Stirn und Brust, da schlug sie die Augen auf.

Nun erst sahen die Männer so recht, wie verändert sie war.

In den guten Zeiten auf Höh hatte man die Finnenäuglein kaum gesehen über den vollen Wangen. Nun starrten sie krank und hohl aus dem verzehrten Gesicht. Ihre runde Brust war eingefallen, und ängstlich zogen die magern Finger die Decke bis zum Kinn empor. Glum legte die Hand auf ihr Herz, das flatterte wie ein Vogel im Netz.

Aber Aukko lächelte, – da war es wieder ihr altes, liebes Gesicht. Sie bat, ohne Sorge zu sein, sie fühlte sich ganz wohl. Und sie schien auch wirklich heiterer denn je, obgleich sie nie mehr ihr Zelt verließ, bis Spes sie eines Tages bewußtlos neben dem Bratspieß fand, daran ein verkohltes Ferkel stank und schwelte. Diesmal dauerte es Stunden, bis sie wieder zu sich kam. Man hatte die Vorhänge herabgerissen, um Rauch und Qualm zu mindern, und als Aukko den gleißenden Sonnenschein sah, begann sie still und verzweifelt zu weinen und verkroch sich wie ein verendendes Tier.

Da ließen die Männer von neuem Dunkel um sie sein. Sie lachten und sangen nicht mehr und schlichen mit bloßen Füßen umher über die Schiffsbohlen, die wie Feuer sengten. Sie brachten ihr köstliche Blumen und starken Wein, und Aukko dankte lächelnd. Aber sie bat, die Blumen fortzutun, die nach Gift röchen, und den Wein für gute Fahrt zu opfern. Sie fanden, es läge Aukko viel zu hart, denn seit sie das Brautschiff getroffen hatten, wußten sie, wie weich man auf Seidenkissen ruht.

Sagte Half: »Es sollen Glum und Grim bei den Schiffen bleiben, während ich mit Sighvat und Hliot gehe, weiche Betten zu bringen.« So gingen die drei Männer in das Land Iberia hinein, wo Haus an Haus lag, ohne Weiden, ohne Viehgehöft.

Sie fanden schmalen Weg zwischen den weißen Häusern. Kühler war es da als in der sengenden Sonne, denn bunte Segel waren von einem Dach zum andern gespannt, und überall lagen in dunklen, offenen Hallen voll sonderbaren und köstlichen Geräts Männer, die die stille Mittagszeit verschliefen. Wo aber die drei Recken vorüberkamen, sprangen die Schläfer empor und schrien und fuchtelten mit den Armen und boten freundlich Stoffe, schwer von Gold, bunt und befranst, Ketten, Ringe, Kissen, Früchte, Süßigkeiten, Fläschchen, Teppiche, Sättel und Schwerter.

Die Eislandmänner aber griffen nach rechts und links zu und nahmen nickend alles, was die Zappelmänner boten.

Da begannen jene doppelt zu schreien und zu quieken wie unterm Mordmesser. Leid hätte es den Eisländern getan, auf die dürren, dünnbärtigen, dünnlockigen Alten einzuhauen, sie riefen nur ein wenig ihren Schlachtruf in die Schilde, daß jene abließen, und eilten die erwachende Straße hinab. Sie trugen große Packen, die sie hinderten, und Hliot Einarmbein hinkte nur mit aller Kraft ihnen nach.

Da flogen schon Steine hinter ihnen her, und ein Geheul erhob sich, als wären hundert Wolfsrudel auf der Zweitageheide versammelt. Hliot war es, der am meisten vom bösen Hagel abbekam, und er fluchte, so viel er konnte. Es geschah den Eisländern aber nicht viel mehr, als daß sie Beulen und Hautritze davontrugen und ihnen die Ohren vom großen Jammer gellten. Und ihnen, die nun Kostbarkeiten kannten, schien es, als wäre nie ein billigerer Kauf geschehen.

Sie kamen mit Gelächter zu den Schiffen zurück und bauten Aukkos Zelt höher und luftiger als zuvor. Sie breiteten die Teppiche aus, die wie bereifte Blütensträuße schimmerten, und häuften sie zu einem hohen Berge, damit Aukko es weich hätte wie in einem Nest. Obenauf legten sie die zartesten Seiden und Schleiergewebe, die an den ruderrauhen Männerhänden haften blieben wie an Dornenzweigen.

Als sie Aukko aber betten wollten, da bat sie, Grims Mantel zuoberst zu legen, damit sie darauf ruhen könne, jenen großen, blauen Mantel aus grobem Fries, dessen Saum versengt war. Es haftete aber noch der Knoten, den sie auf Surtursheide heimlich geschlungen hatte. Grim wagte niemals ihn zu lösen, vor Angst, daß der Zauber schwinden und ihre Liebe Schaden leiden möge.

Es kam nun traurige Zeit für die Eisländer. Sie brieten ihr Fleisch allein und fegten allein das Deck.

Der Bär war traurig wie sie alle; er nahm Nahrung nur von Aukkos Hand und lag Tag und Nacht zu ihren Füßen.

Sie ward schwächer und schwächer, aber keiner wollte glauben, daß es zu Ende ginge. Sie brachten ihr Perlen und wunderbare Steine, fremde Vögel und Früchte, die kindskopfgroß waren.

Sie erschlugen fast ein altes Weib, das ihnen seiner einzigen Ziege Milch nicht lassen wollte, als Aukko einmal Durst litt. Aber als sie ihr den schäumenden Krug brachten, wandte sie sich.

Sagte Grim, und seine Hände, die den Milchkrug hielten, zitterten wie Greisenhände: »Sage, Aukko, was ist es, das du wünschest, was ist es, was wir dir bringen sollen?«

Da sagte sie: »Schnee!« und wieder »Schnee!«, und ihre Stimme schwankte, weil ihr die Tränen kamen.

 

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