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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Glums Lied von der Südfahrt

Manchmal an den Abenden des Flockenfalls daheim stimmt ein Sangeskundiger eines von den älteren Glumsliedern an, die alle kennen. Wenn die Liedfreude aber höher aufflammt, dann bitten sie Eyvind, Glums Sohn, die abgerissenen Strophen herzusagen, die in seinem Herzen haften blieben in jener einzigen Nacht, da der Skalde ihnen von der Südfahrt sang.

Dann lassen die Männer den Metkrug sinken und die Frauen die Spindeln ruhen.

Es ist, als würde des Feuers Geprassel linder, als hielte der Sturmwind draußen den Atem an.

Denn plötzlich ist alles blau ringsumher ... Das macht Glums Südlied, daß sie es so sehen.

Anfangs ist der Himmel noch wie daheim, blaß und bewölkt mit Friggas weißgrauen Lämmern. Dann aber wird er blau und weit, und das Meer wird weit und blau wie er, daß die Halfsmannen nicht wissen, ob sie im Himmel oder auf den Wogen dahinfahren. Sie liegen träge auf den Ruderbänken und sehen auf zu den gelben Segeln. Der Gutwind füllt die gelben Segel prall und treibt die Schiffe gen Süd, – gen Süden.

Sie haben zuerst ihre Friesmäntel ausgezogen, dann die Fuchsfellmützen, dann die Röcke, nun legen sie auch noch ihre roten Wämser ab. Selbst des kleinen Bärleins Pelz haart, als würde es ihm in seiner Haut zu heiß. Einzig Aukko behält trotzig ihre gewohnte Pelzmütze, obgleich ihr Kopf schmerzt. Alle Tage legt sie ihre kleine, braune Hand ans Schiffholz und sagt, daß es schon wie Herdsteine brenne.

Aber Glum, dem Alten, ist wohl dabei und er lacht: »Dies ist noch nicht genug, noch lange nicht genug Südsonne!«

Der gesalzene Klippfisch dörrt die Kehle aus, und das Bier aus den Schläuchen schmeckt schal.

Sie fahren an reicher Küste entlang, und Glum nennt sie das Land der Franken. Da stehen im dichten Grün Häuser aus Stein. Doch es sind noch die rechten nicht, sie haben spitze Dächer!

Aber Glum deutet auf sie und sagt: »Wein gibt es auch hier, ob er auch herb ist und ohne Feuer!« Es gelüstet sie, frisches Fleisch zu essen, am Lande ungeschaukelt zu schlafen und die bunten Frauen zu fangen, die kreischend flüchten, sowie sie die Schiffe erblicken. So ankern sie und kommen an Land. Sie sehen die Erde, schwarze, fette Erde, und denken an das Heidekraut daheim, das kaum die zerklüfteten Lavaflächen deckt.

Sie treiben den schreienden Hirten die Rinder fort und werden böse, weil man in so reichem Lande sie ihnen zu weigern wagt. Die Menschen schreien auf sie ein, mit fremder Zunge. Sie verstehen nichts und hauen am Ende mit den Schwertern drein, da sie ungeduldig werden. Erschlagene liegen umher, und Frauen jammern. Sighvat faßt die eine, und sie beißt ihn und kratzt ihm fast die blauen Augen aus. Plötzlich lacht sie, wie er lacht, und sinkt ins Gras. Half und Glum treiben die brüllenden Rinder an Bord und fragen nicht, wo die jungen Männer bleiben.

Auch Grim ist unter denen, die das Land verlockt hat.

Feuer rötet den Nachthimmel, und Glum singt. Aukko kauert zu Halfs Füßen, und ihr Blick sucht sein abgewandtes Gesicht. Sie wühlt ihre Wange in des Bärleins Fell und sitzt geduckt, als fröre sie in der lauen Sommernacht.

Solange Fleisch und Wein reichen, sind die Halfsmannen fröhlich. Da der Vorrat zu Ende geht, wissen sie bereits, wie man neuen herbeischafft. Half und Glum lassen die jungen Männer allein an Land, denn ihr Sinn steht nicht nach gefahrlosem Raub.

Sighvat ist immer allen voran, und die Mannen geben ihm den Namen »Sugandi«, das heißt der Stürmende.

Einmal, da sie an Land kommen, staunen die Halfsmannen, denn da finden sie ein großes Haus, das trägt das verhaßte Kreuz am Dach und wimmelt von den verfluchten Weißröcken. Für ein übles Zeichen hält das Hliot, und Grim rät, sie alle zu töten. Sighvat aber zieht das Schwert, und sein starker Knecht Spes und die andern Irenchristen tun wie er, – sie schützen die wimmernden Weißröcke mit ihren Leibern.

Und der Knabe schreit: »Mein Schwert lieh ich euch und euer Gesetz beschwor ich. Doch hätte ich gewußt, daß es »Mönchsmord« heißt, nie hätt' ichs beschworen.«

Die Eisländer sehen einander an, und sie verstehen, daß dem, der glaubt, auch in Feindesland seines Gottes Altar heilig ist.

Langsam bergen sie die Schwerter in der Scheide. Es wird nicht weiter darüber gesprochen, und mit Seufzen kehren sie künftig den Rücken, wenn sie Weißröcke sehen. Ihren Groll lassen sie die Bauern büßen und treiben ihnen die fetten Ochsen fort. Wenn das Deck von breiten Hörnern starrt, dann ziehen sie die Schiffsbrücke auf und fahren.

Eines Morgens sehen sie sich von drei Schiffen verfolgt, und es kommt zur Schlacht. Die Halfsmannen zürnen darüber, daß man es ihnen wehren will, an Land zu gehen und zu nehmen was ihnen behagt. Half ist es, der nun führt, und keiner der jungen Männer.

»Meerschwan« läßt er dem Skalden. Mit »Skidbladnir« rennt er die hohen Schiffe an, wie ein Stier. Lange wogt der Kampf, und es scheint, als müsse fremde Überzahl den Sieg erringen.

Da springt Half auf das feindliche Mittelschiff hinüber, und seines Schwertes Eisenzahn beißt auf die Feinde ein.

Sie fallen in einem Schwarm über ihn her, aber viele erschlägt er und viele ein Helfer, den Half nicht sieht, weil jener seinen Rücken deckt. Er glaubt, es sei sein Bruder Grim, er hat jetzt keine Zeit, sich zu wenden. Mächtig räumen die Beiden unter den Feinden auf. Die Halfsmannen, die ihnen zu Hilfe eilen, sind nur mehr die Garbenbinder nach den Schnittern. Endlich ist das Schiff ihrer. Sie kappen die Seile, mit denen es an die beiden andern Feindesschiffe gebunden ist. In Haufen liegen die fränkischen Männer, mit den Hemden aus Eisendraht und den Kesselhelmen, erschlagen. Was noch lebt, werfen die Halfsmannen über Bord, daß die Feinde ertrinken oder sich auf die beiden anderen Schiffe retten. Aber auch dort haben sie der Toten genug und sie fliehen. Glum ruft Half von »Meerschwans« Bord her an, sie haben nur einen Toten, einen armen Irenknecht, ob auch viele Half lachend ihre Wunden weisen. Grim und Hliot sieht Half von drüben winken, – wer also war der Freund, der ihm den Rücken deckte?

Er wendet sich. Da wäscht Sighvat sich vom Blut rein und verzieht das Gesicht, denn das Meerwasser brennt in den Wunden. Half dreht eine von Kjötvis Goldschlangen von seinem Arm und reicht sie dem Knaben.

»Denke nicht, Sighvat, daß ich für Freundschaft mit Gold zahle. Aber nimm dies zu des Tages Gedächtnis! Denn sicherlich pochte ich schon da drunten an Rans Tor, hättest du mir nicht den Rücken gedeckt!«

Aber Sighvat antwortet trotzig: »Glaube du nur nicht etwa, daß ich um deinetwillen auf dies Schiff kam. Ich ahnte hier Wein in Fülle, und mich dürstet schon lange!«

Die Halfsmannen nehmen den Toten ihre Waffen. Gute Schilde haben sie und Helme aus besserem Erz als die ihren. Aber als Half in des Anführers Kettenhemd fahren will, lachen alle, denn es deckt ihm kaum die halbe Brust, so mächtig ist er geworden. Sie finden Tierfellschläuche von üblem Geruch. Glum lächelt, sobald er sie erblickt. Er sticht mit dem Schwerte zu, und der Wein springt auf, schwarz und schwer, er spritzt bis in ihre Gesichter.

Sie werfen sich nieder und trinken aus hohlen Händen. Rausch überkommt sie, und endlich ist es denen, die auf fremdem Schiff unter Toten Trinkgelag halten, nicht anders, als wären sie beim Julmet daheim. Wie beim Julmet gehen auch Spottreden um, Grim verhöhnt Hliot, weil er einem Gefallenen die goldene Halskette genommen hat statt des Schwertes. Da legt Hliot die Schwurhand an den Helm, der mit Wein gefüllt ist, und schwört, so viel des Goldes heimzubringen, als Grims Kebse Aukko in ihren Röcken zu fassen vermöge.

Dann höhnen sie Sighvat um seines jungen Herzens willen, aus dem leichter Flammen schlagen denn aus Feuerstein. Sie sagen, daß Half das Verbot, Weiber an Bord zu bringen, nur auf Sighvat gemünzt habe, denn sonst versänke »Skidbladnir« wohl vor der Überfracht feiler Mägde. Da sie lachen, wird Sighvat wild und blaß. Er reißt Halfs Goldschlange ab und da erst verrät er, wie wert sie ihm gegolten. »Keine schönre Gabe ward mir je als dies,« sagt er mit blitzendem Blick, »und doch will ich den Reif nicht wieder antun, ehe ich nicht euch zum Trotz eine Königstochter küßte, das gelobe ich vor aller Ohren.«

Viele Torengelübde würden noch geleistet werden, wenn Glum nicht Einhalt getan hätte.

Die Männer trinken so lange, bis die Schläuche leer sind. Dann fallen sie neben die Toten und schlafen nicht minder fest als die. Am Morgen haben sie schwere Köpfe, und Half ist es, der das letzte Gelübde tut: er verschwört diesen schwarzen Trank für immer. Sie nehmen die Waffen und steigen auf ihre eigenen Schiffe. Lange sehen sie das fremde Fahrzeug führerlos auf blauen Wellen treiben.

Nun ist es so heiß, daß kaum die Nächte Linderung bringen. Sie fahren im Mondlicht dahin. Bei Tage liegen sie reglos und ohne Atem.

Eines Tags rüttelt Spes sie schreiend auf, denn da ist Gold, rotes gutes Gold, es wächst in Klumpen auf den Bäumen.

Sie springen alle ans Land, Hliot voran, nur Glum bleibt lächelnd zurück und Aukko, die wenig nach den fremden Wundern fragt.

Sie schütteln die Bäume, da prasseln die goldenen Bälle herab. Zerplatzt liegen sie am Boden, und das Bärlein ist klüger als sie alle. Es leckt brummend an dem honigsüßen, fächrigen Fleisch der Frucht. Da glauben etwelche wieder, sie hätten Idunas Baum gefunden, mit den goldenen Äpfeln ewiger Jugend. Spes, der Knecht, meint nun, der Süden habe allerorten nur Süße für ihn. Er liest schwarze Beeren auf, aber als er sie ißt, wird ihm die Kehle zu eng, und seine Augen glotzen so groß, als müßten sie ihm aus dem Kopfe springen. Aukko spricht Runen über ihn und braut einen Trank, scharf wie Feuer, daß er das Übel ausspeit und ist wie vorher.

Spes folgt Aukko nun nach, wohin sie geht, und ist glücklich, wenn er ein Lächeln erhascht.

Er bringt ihr große gezackte Blätter und fächelt ihr Kühlung zu. Aber Aukko ist am liebsten allein. Sie sitzt und krault des Bärleins dicken Kopf und denkt, wie daheim der Dampf heißer Quellen weiß in der Winterluft steht und wie der Schnee knirscht unter den Schuhen.

Das Bärlein brummt, und Aukko beugt sich vor, Wasser über des keuchenden Tieres Fell zu gießen, warmes, schales, widerliches Wasser.

Eines Abends gehen sie an Land, und Glum besteht darauf, daß Aukko nicht zurückbleibt.

Fremdes Grün schiebt sich vor ihnen zu Wänden zusammen, sie hauen sich mit den Schwertern den Weg.

»Nun sollt ihr schauen, was ihr nie geschaut habt!« sagt Glum, und Aukko denkt, daß kein Anblick schöner sein könne als der wohlbekannte heimatlicher Gletscher. Glum geht pfadlos voran. Da ist nicht Wald, nicht Feld, nicht Haus, nur dieses dicke Grün. Plötzlich sagt Half: »Was ist es nur, das so duftet?«

Alle Eislandmänner spüren es nun. Der Duft wird stärker und stärker. Es ist, als sänke er auf sie herab wie ein schweres, erstickendes Tuch. Sie gehen so leise hinter Glum übers Gras, als wären sie auf Helgafell, dem heiligen Berg daheim.

Plötzlich schreit einer auf.

Denn nun schauen sie, was sie nie vorher geschaut haben. Aus dem fremden Grün kommt es überall hervor, aber es ist kein Gold und ist keine Frucht. Es ist weiß wie Milch. Es ist wie Lachsfleisch und wie frische Manneswunden rot und dunkel wie alter Rost an Schwertern. Es ist gelb wie das Haar von Kindern, es hat alle Farben, nur nicht die des Himmels und die der Erde. Es ist überall, soweit man sieht, am Boden kriecht es, um Stangen windet es sich, es schaukelt an Gittern, sie gehen und gehen, und der Duft schwindet nicht, und es ist unendlich. Sighvat wagt, es anzurühren. Es ist in seiner hohlen Hand, sanft wie eine Kinderwange, kühl wie eine Mädchenbrust. Aber es greift mit spitzigen Krallen nach ihm und ritzt sein Fleisch.

Wie Rausch kommt es über die jungen Männer. Sie reißen es ab und zerwühlen es mit den Lippen, sie drücken es an die nackte Brust, sie verwunden sich an den Dornenkrallen und, zornig geworden, zertrampeln sie alles ringsumher wie Trunkene, wie Toren, ehe Glum ihnen wehren kann.

Mitten im Gewühl kniet Aukko und sie hat alles, was weiß ist, aufgesammelt, all dies hundertblättrige Weiß der großen Kelche.

Sie zerpflückt es und schließt die Augen, während sie es aus ihrer Rechten hoch über ihren Scheitel fallen läßt, als rieselten Schneeflocken.

An diesen Rosenhain muß denken, wer daheim zu Eisland hört, wie die Männer sich mühen, Glums entblätterte Liedstrophen zu einem Strauß zu sammeln.

Sie sind längst zertreten und vernichtet. Aber die Männer heben die verwelkten, weißen Liedrosen auf und kühlen damit ihre Stirn, ihr wehes Herz.

Jeder findet darin, wonach er schmachtet, des Südens Süße die einen, – die andern den ewig strahlenden Schnee des Vatna-Jökull.

 

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