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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Atlis Schicksal sich erfüllte

Half sah, sein Schwert in Händen, auf seines Glückes Mörder herab, der gebunden ihm zu Füßen lag. Da schloß Atli die Augen, nicht zu sehen, wann sein Tod käme.

Lange stand Half so. Endlich neigte er sich rasch und zerschnitt mit einem Zuge Atlis Bande.

Und ohne des zu achten, daß Glums Antlitz in Heldenfreude glänzte, sagte er: »Ungewohnt ist's mir, einen gebundenen Mann wie ein Kalb zu metzgern! Bringt ihm Helm und Schwert!« Sobald es offenbar war, daß Half dem Feind gestatten wollte, um sein Leben zu fechten, ließen die Eislandmannen großen Raum und kletterten auf die Bänke, um besser zu sehen. Glum hatte sich gesetzt und legte beide Schwerter vor sich hin, ihre Länge aneinander zu messen, daß alles gerecht hergehe.

Da schrie Aukko: »Half! Half! Ein Schiff mit dem Königsbanner!« Alle wandten sich und sahen Haralds stolzes Schiff, das sich den Weg durchs Eis erkämpfte.

»Bei Hel, nichts anderes als uns können sie hier suchen!« sprach Glum. Als er sich wandte, um nach dem Schiff zu spähen, da sprang Atli herzu und faßte nach Sippeknauf, der am Boden lag. Doch war Glum ein alter Kämpe, dessen Augen zugleich vor- und rückwärts sahen, und er setzte geschwind den Fuß auf die Schwerter. Atli, aber, als er dies vereitelt sah, tat drei, vier Sprünge über das Schiff hin und rannte wider zwei Knechte, daß sie von der Bank fielen.

Er erfaßte eine Bootsstange, die dort lehnte, gab sich einen mächtigen Schwung und sprang vom Meerschwan auf eine der Eisschollen herab, die vorüber trieben.

Als Half sah, daß Atli ihm nun von neuem entkommen sollte, da kam der rote Ingrimm über ihn.

Er riß sein Schwert empor und, ehe die andern recht erfaßten, was geschah, war er schon ins Meer hinabgesprungen.

Sowie die schwarze Flut ihn umfing, legte Ran ihre eisigen Arme um ihn und lähmte ihm Hand und Fuß. Half hielt Sippeknauf zwischen den Zähnen und rang gewaltig gegen die Wogen.

Es gab aber dies, daß der Tod Atli im Nacken saß, dem Neiding Kraft und Geschicklichkeit, wie sie nie vorher an ihm gekannt ward. Er hielt mit seiner Bootstange die gefährdenden Schollen von sich fern oder er stieß sich von ihnen ab, als fahre er auf einem Floß stromabwärts. Sie sahen beide, Half wie Atli, Haralds Schiff immer näher kommen, auf dem alle Mann am Ruder gegen den Widerwind kämpften.

Atli riß ein weißes Tuch vom Halse und band es um die Bootstange, damit nach aller Kraft zu wirbeln und zu winken. Und ein Jauchzen entfuhr ihm, als auf dem Königsschiff das blaue Banner zur Antwort stieg und sich senkte.

Als er aber hinter sich sah, da hob ein Haupt sich triefend aus dem Wasser, um das rings licht die langen Haare schwammen.

Und zwei blaue Hände griffen auf dem glatten, schneidenden Eis nach Halt.

Da hob Atli die Bootstange, an der das Tuch hing, und schlug mit aller Kraft auf dies Haupt ein, bis die blauen Hände sich lösten und die Tiefe sich über dem Versinkenden schloß. Und er sah hinter sich Meerschwan mit runden Segeln heranbrausen, er sah vor sich das Königsschiff mit Ruderkraft sich mühen. Verzweifelnd hob er von neuem die Stange und winkte und wehte.

Da wuchs von neuem aus schwarzer Flut das Haupt empor, und diesmal entquoll ihm breit das Blut, daß weithin die Flut sich färbte. Und die Hände krallten sich ein und krallten sich fest, daß sich der Mann hob und seine Knie auf die schütternde Scholle setzte.

Atli hieb auf ihn ein mit voller Kraft, aber fühllos war der Mann, der auf den Knien herankroch, und das Antlitz, das aus Augen, schwarz wie das Meer, ihn anstarrte, war nicht Halfs Gesicht, es war das eines bleichen Toten, eines Wiedergängers. Stampfenden Fußes, mit wirbelnden Armen schrie Atli hinüber zu Haralds Schiff. Da stand Half aufrecht, schwankend, auf sein Schwert gestützt, und seine Zähne klapperten vor Kälte wie Beinwürfel im Becher.

Atli sah zum erstenmal, was dieser Winter aus Half dem Weibe gemacht hatte, durch den er selbst in Haralds Halle mit fetten Rindskeulen und Eberschinken hindurchgefüttert worden war.

Und er begann laut zu lachen, daß er sich vor Half gefürchtet hatte.

Nun konnte er schon die gelben Mützen der Ruderer auf dem Königsschiffe drüben sehen und er schrie: »Nur heran, Half, was stehst du da und glotzest! Wähnest du, ich fürchte dich nun mehr, als da ich Engihlid zu Asche brannte?«

Da kam Half auf ihn zu, wie der Bär, den der erste Speer verfehlt hat. Und sie rangen auf der knackenden Eisscholle miteinander, durch deren schwarze Sprünge das Wasser aufschoß.

Auf beiden Langschiffen, die heranrauschten, sahen sie, wie Atli sich wehrte, den Tod zu sterben, der ihm bestimmt war.

Als aber Half ihn sich zu Füßen zwang, da hatte es seine letzte Kraft gekostet.

Er hatte deren nicht mehr so viel, Sippeknauf zu ergreifen, der neben ihm am Eise lag.

Er neigte sich und biß Atli mit den Zähnen die Kehle durch.

 

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