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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Thora den Knaben einlöste

In Glums Lied von der Rachefahrt greift nichts den Frauen so ans Herz wie die Stelle, da er von der Mutter singt, die durch Eis und Tod ruderte, ihr Kind zu retten.

Wenn Glum schildert, wie Thora im Boot kauert, das Jarl Sigurd, ihr einzig Getreuer, lenkt, dann weinen die Frauen. Wenn er erzählt, wie sie, gleich der Bärin, die um ihr Junges kämpft, ihren Sohn dem Räuber abringt, dann drücken sie ihre eigenen Knaben ans Herz. Und wenn er sagt, um welchen Preis sie ihr Kind einlöste, dann verstehen es die Mütter, die in Schmerz und Blut geboren haben.

Thora liegt vor Half auf den Knien und umfängt seine Füße; sie läßt sich nicht aufrichten. Ihr Haar strömt über den Boden hin, es glänzt rot wie Kupfer, doch mischt Silber sich früh darein. Ihre schönen Augen haben Tränen gekannt, noch ehe diese große Angst sie ihnen entpreßte. »Wo ist mein Kind?« fleht sie. »Gib es mir zurück! Håkon ist mein ganzes Glück, und er wird das Glück von ganz Norge sein, denn nie hatte ein Königserbe ein reicheres Herz! Gib ihn mir zurück! Weiß ist des Königs Haar, und mir welken früh der Jugend Blüten im Froste des Grams. Keinen andern Sohn werde ich Harald gebären und ich kaure Nacht um Nacht auf Håkons Schwelle, damit Ragnhilts Mörder ihn nicht würgen können. Habe Mitleid mit mir! Aber wie magst du meine Angst verstehen, der du jung bist und schön und hundert Söhne zeugen kannst in hundert Weibern!«

Spricht Half leise: »Niemals werde ich einen Erben hegen, denn das Weib ist tot, das ihn gebären sollte. Harald Hårfagr aber hat mir Rache an dem Mörder verwehrt!«

Da steht die Königskebse von den Knien auf und winkt mit blitzenden Augen.

Jarl Sigurd schleppt ein schweres Bündel aus dem Boot herbei, und Half ahnt.

Jarl Sigurd schneidet die Stricke durch, und Half beginnt zu zittern.

Jarl Sigurd schlägt die Decke zurück, – und Half wird blaß wie ein Toter.

Er sieht Atli sich zu seinen Füßen winden, geknebelt und gebunden, wie ein Opfertier.

Spricht die Königskebse: »Nun liegt Odhins Acht auf mir, die des Gatten Gast verriet. Selten war wohl ein Weib wie ich, zugleich verhaßt den Weißröcken und den großen Göttern! Harald wird mich verstoßen, weil ich seinen Schutz zu Schanden machte, und Ragnhilt wird jubeln, die Eirik gebar! Gib mir mein Kind! Was verlangst du noch von einer Mutter?!«

Da kommt Aukko, sie führt Håkon still herbei, und die Mutter beginnt zu weinen, zu lachen, sein Antlitz, seine Hände zu küssen.

Sagt Håkon: »Mutter, mir ist es gut ergangen! Mutter, Aukko hat mich mit ihrem Finnenbogen schießen lassen!«

Da kommt ein böser Blick in Thoras Augen. Er gilt nicht dem Manne, der ihres Knaben Leib zu seinem Schild machte.

Er gilt nicht dem Gefesselten, der all diese Angst über sie gebracht hat.

Er gilt der Frau, die sich in ihres Kindes Herz stahl. Thora preßt Håkon eng an sich und birgt ihn hastig in ihrem Mantel, da er noch einmal nach Aukko zurückwinken will, während sie vom Schiff herabsteigen.

 

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