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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Bischof Olaus am Ostermorgen die Schiffe segnen wollte

Sagte Half: »So gilt es, ihn zu Hlade zu finden.«

Sie gingen zum zweitenmal den Weg der Gefahr übers schwankende Eis und kamen zu ihrem Schiff zurück. Es ließ sich aber der Dorschfischer nicht sehen, soviel sie nach ihm riefen. Als sie über den Strand hinschritten, war es schon morgenhell, und sie begegneten Wanderern, die hastig vorübereilten. Je weiter sie kamen, desto häufiger trafen sie Eilende an. Die Weiber hatten ihre roten Friesröcke hochgeschlagen, sie vor dem Schmutz des Weges zu bewahren, und die Männer trugen Festtagsgewänder. Endlich schritten sie in einem Schwarm von Menschen, die eilig vorwärts drängten, und viele trugen Kreuze vor sich her und sangen laut. Hliot, der solange den Weißröcken angehangen hatte, sagte, es müsse dies ein besonderer Tag des weißen Gottes sein. Und als sie zum Hafen gelangten, da wimmelten soviel Menschen umher, wie man zu Eisland kaum einmal im Jahr zum Allthing auf Thingvöll beisammen sah. Und das Schwatzen und Gelächter übertönten fast des Eisgangs Getön. Es war ein Schwirren von Stimmen überall und ein Leuchten von dem vielen Rot der Weiberröcke, denn die Frauen brachten das heiße Bier bis auf die Schiffe hinaus. Und die Männer, die oben am Tauwerk schaukelten und die Maste mit Tannenreisig umwanden, riefen ihnen zu. Fässer wurden in Hast auf die Schiffbrücken gerollt, und der Klippfisch vom Vorherbst in Salzkübeln dahergeschleppt, unter Jubel und Gelächter. Über all dem aber war das große donnernde Getön des Eisgangs, das alle Menschenherzen beben macht vor Lust. Und draußen winkte frei das offene Meer, in dem hier und dort, blendend, glitzernd in der bleichen Sonne, Eisberge gegen Süden zogen. Mit Staunen aber sahen die Eisländer des weißen Gottes Tempel und des christlichen Königs stolze Halle – denn es war Hlade mächtig zu schauen –, davor auf schlanken Masten Nordlands blaues Banner wehte. Es wimmelte von Gewappneten und Reitern, von Weißröcken und Schwarzröcken. Ein breiter, langer Streif von rotem Fries war über den gefegten Weg gebreitet, er lief wie ein Strom frischvergossenen Blutes von des weißen Gottes Haus bis zu Haralds Halle und weiter noch, bis zum Hafen, von dem die besten Nordslandsmänner einst ausfuhren, um fremdes Land zu nehmen. Da läuteten die Glocken, das Volk jubelte, und die Mönche sangen in fremder Zunge; weißer Rauch quoll auf, und die Gewaffneten senkten die Speere.

Denn nun kam Harald Hårfagr heran inmitten seiner fünfzig Söhne, die schwertlos gingen wie er. Er aber, den des Riesen Dofvre Weib gesäugt hatte, ragte hoch hinaus über alle Männer. –

Die Eisländer sahen ihn an und sie begriffen schier, was sie nie hatten begreifen können: warum ihre Väter außer Land zogen, statt diesen Mann zu erschlagen. Es war dieser Winter der einundachtzigste gewesen, den man seit Harald Hårfagrs Geburt zählte, und doch sahen ihn die Eisländer hart und aufrecht hinter seinen Söhnen gehen, die zehn Frauen ihm geboren hatten. Sein Haar hing weiß über seinen Rücken und war so lang, daß er seine Enden in einem Knoten geschlungen trug wie einst zu Möre, da die großen Jarle sich drängten, es zu strählen. Er ging mit gefalteten Händen, barhaupt, neben dem Steigbügel von des Bischofs Olaus Roß einher, wie ein Knecht.

Olaus hielt ein goldenes Ding in Händen und war selbst ganz wie aus Gold. Es schritt vor Olaus Pferd ein Kind, ein wunderschöner Knabe, der trug dem Bischof ein Kreuz voraus, und das war Håkon, Harald Hårfagrs jüngster Sohn, den Thora, die Kebse, geboren hatte.

Hinter Bischof und König jedoch ging ein Mann, der die Kreuzfahne trug, den kannten die Eisländer wohl. Und als Half dieses Mannes Antlitz gesehen hatte, da sprang er vor, daß des Bischofs Roß sich bäumte, und warf sein Schwert vor des Königs Fuß. Er sah nicht allzu demütig drein, da er rief:

»Nicht weiter, Herr König, eh' ich empfing, worum ich waffenlos bitte!«

Harald Hårfagr löste die betenden Hände und tastete nach dem fehlenden Schwert. Sprach der König und runzelte die buschigen Brauen: »Ist es so weit gekommen, daß Wegelagerer den König anfallen, am lichten Tage?«

Die Königsmannen sprangen herbei und versuchten, Half hinwegzuzerren.

Half aber schüttelte sich nur, da flog einer hier-, einer dorthin. Er stand, die Beine eingestemmt, die Arme gebreitet! »Gib mir, Herr König, des Mannes Leben, der meinen Hof verbrannt, meine Mutter getötet, mein Weib gemordet hat!« Des Königs Antlitz ward milder und er fragte: »Wer ist der Mann, dem die Blutrache gilt?«

Da schwankte das blaue Kreuzbanner über des Bischofs Haupt, denn dem Manne, der es trug, zitterten die Hände so, daß er es kaum zu halten vermochte.

Schrie Half:

»Siehst du es nicht, Herr König? Der ist's, der sich selbst verrät!«

Da sprang der Mann Atli vor und erfaßte des Königs Mantel: »Schützet mich, o Herr, um Christi Willen, denn dies ist der Feind, vor dem ich zu euch floh!«

Sagte der König: »Schwere Anklage schleudert der Mann auf dich, Atli, und billig scheint es mir, daß ich euch beide beim Thing verhöre!«

Da aber sprach Olaus: »Hüte dich, König Harald, daß du nicht ein Lämmlein ausspielst wider einen wilden Wolf. Von wenigen hat Christi Glaube ärgere Verfolgung erduldet als von diesem Manne und dem Vater dieses Mannes. Denn wie der Sohn des Mönchmörders von Hegranäs mit uns Armen verfuhr, magst du ermessen, da er Norges König so trotzig entgegen zu treten wagt!« – Es war aber Harald Hårfagrs verborgenster Grimm, daß alle seine Macht an Eislands Küsten zerschellte, so brüllte er Half an wie einen Lappenknecht: »Fort mit dir, oder ich will doch sehen, ob ich mit euch nicht fertig zu werden vermag, ihr eisländischen Roßfleischfresser!«

Da aber geschah das Unerhörte, daß Half vorsprang und den König vor der Brust packte und ihn, Harald Hårfagr, den greisen Adler von Norge, zur Seite schleuderte, daß er fiel und von seiner Schläfe Blut sprang. Da schrieen alle auf, die das sahen. Björn Farmand, Gydhas Sohn, hob den König auf, der besinnungslos lag, und der kleine Håkon begann herzbrechend zu weinen, da er den Vater tot wähnte.

Während sich alle um den König mühten, hing Atli wie ein nasser Lappen in Halfs Griff, und schon bahnte sich Glum mit den Seinen gezogenen Schwerts den Weg durch die Königswachen.

Als Olaus dies sah, schrie er auf: »Haraldssöhne! Laßt ihr Königsmord ungestraft geschehen, vor euren Augen?«

Da warfen sich die Königssöhne auf Half und entrissen ihm Atli, der blau im Gesichte war. Half schlug sich mit den Fäusten Raum, da er kein Schwert hatte.

Endlich stellte ihm Eirik, Ragnhilts Sohn, das Bein, daß Half stürzte. Und das Volk, das tagaus, tagein über den harten Nordlandskönig murrte, jauchzte nun, da der am Boden lag, der sein Blut zu verspritzen gewagt hatte.

Half aber hatte im Falle seine Angreifer mit zu Boden gerissen, und während des wütenden Ringens suchte er, seinem Schwerte näher zu kommen, auf das die Kämpfenden traten.

Es sah aber Olaus, der Fuchs, wie Half sein Schwert zu erreichen strebte und er befahl einem seiner Weißröcke, es ihm zu bringen. Als der Weißrock die Hand danach ausstreckte, bückte sich ein Weib zugleich danach, klein und braun, unter spitzer Fellmütze. Der Weißrock war schneller und packte zu. Da lachte das Weib: »Gib acht, sie beißt«, und er fühlte einen wilden Schmerz, daß er die Hand zurückriß. Er sah eine riesige, glänzende Natter sich am Boden winden, die ihn gebissen hatte. Das Weib faßte kichernd die Schlange dicht hinter dem züngelnden Kopf und warf sie flach hinüber, mitten auf den Haufen von Gewaffneten, unter dem Half sich seines nackten Lebens wehrte. Und der Mönch sah in Verblüffung, wie zu beiden Seiten hinwegrollte, was Half behindert hatte, und der Held stand aufrecht inmitten Erschlagener, in der Hand sein Schwert, von dem Blut rann.

Half riß den weißen Knaben Håkon an sich, Haralds letzten Sproß, hielt ihn vor seine Brust und schrie: »Trefft mich nun!«

»Speere! Speere her!« schrie Eirik, Ragnhilts Sohn.

Da kamen dem König seine Sinne wieder, er richtete sich schwankend und blutüberströmt auf und rief: »Ihr tötet mein Kind!« Die Königsmannen ließen die Speere sinken.

So schritt Half rückwärts über den roten Friesstreifen hin und hielt den Knaben vor sich, der nicht bebte und nicht schrie. Immer schneller schritt er, und keiner wagte, die Hand wider ihn zu heben, der Königsblut vergossen hatte und den Königsblut beschirmte. Und seine Mannen hielten mit bloßen Schwertern neben ihm. Als aber Half aus Speerwurfweite war, da lachte er laut und rief: »Eisland! Eisland!« gegen die, die ihm im Rudel nachfolgten. Nur der junge Weißrock stand noch immer da und starrte staunend auf seine Rechte herab, über deren Innenseite ein tiefer, scharfer Schwertschnitt ging.

 

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