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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie sie nach Hlade kamen

Da wußten die Männer nun auch, daß Hlade nahe sei, denn oft hatten sie die Väter sagen hören, »ein roßloser Mann habe nur zweier Tage Weg von Hjardarholt zum Königssitz.« Wo sie nun an Gehöften vorbeikamen, bestellte der Bonde das reiche Ackerland. Der Schnee schmolz, und es war, als müßten sie durch einen einzigen See waten. Aukko fand eine kleine, weiße Blume, die erste, die sie je sah, aber sie war so erschöpft, daß sie kaum lächelte. Jeden Abend kam neuer Frost, daß der Eisländer Kleider am Leibe erstarrten. Ihre Füße waren wund, und von der großen Last zitterten ihre Knie. Doch war es flaches Land, Ackerland, darüber sie schritten, und sie schleppten sich auch nach Einbruch der Dunkelheit noch fort, einen windgeschützten Lagerplatz zu suchen. Sie sahen Lichter in der Ferne und ahnten, daß dies nur Hlade sein könne. Aber selbst Half war nun so müde, daß er nur Schlummer ersehnte. Sie krochen ins Schiff und schliefen ein, ein fernes Tosen im Ohr. In der Mitte der Nacht aber ward Half geweckt von seinem schlagenden Herzen. Er richtete sich auf und horchte auf das ferne, brausende Getön, das ihn in Schlaf gesungen hatte. Und er schrie: »Der Eisgang – der Eisgang!«, daß alle erwachten.

 

Da war es vorbei mit der Ruhe dieser Nacht. Es trieb die Männer dem Tosen des Meeres entgegen. Der Himmel war noch schwarz, als sie auf den Strand kamen. Es hoben sich viele dunkle Flecken und Striche vom Firmament ab, das waren die Segel und Maste von Schiffen, die im Königshafen lagen. Sie aber trugen »Meerschwan« nicht dahin, sondern bis zur äußersten Landspitze. Sie ersehnten es sehr, die befreiten Wogen schäumen zu sehen, die der Winter lange in Knechtsbann gehalten hatte wie sie selber.

Als sie zu den Schären hinauskamen, da lag einsam ein prächtiges Langschiff vor Anker, das trug Thorrs Hammer am Mast und an den großen Segeln.

Und so früh an der Zeit es auch war, des Schiffes Eigner, ein riesiger Dorschfischer, stand schon auf Deck und grüßte freundlich herüber. »Hier ist gut vor Anker liegen!« lachte er. »Bis hierher spritzt geweihtes Wasser nicht, auch wenn Bischof Olaus es versprengt!« Und als die Helden hastig fragten, erfuhren sie, daß Bischof Olaus an diesem Morgen in des Königs Gegenwart feierlich die Schiffe segnen werde, ehe sie aufs neuerschlossene Meer hinausfuhren. Der rote Riese kam ans Land, und als er ihnen half, »Meerschwan« ohne Holzrollen ins Meer zu schieben, da sahen sie, welch ungeheure Kraft er besaß. »Ist es nicht hübscher für euer gutes Schiff, hier zu halten als im Hafen drinnen, wo sie sich drängen wie Schafe in der Hürde? Freilich gilt es für den, der einsam fährt, sein gutes Gewissen zu bewahren. Denn wüßte ich einen Rächer hinter mir her, ich würde mein Schiff nicht so abseits vor Anker legen, wie jenes dort, mit dem weißen Flicken im Hauptsegel!« Und als die Eisländer des Fischers Deutfinger mit den Blicken folgten, da sahen sie mit Staunen »Skidbladnir« weit draußen im Hafen liegen.

Sprach Half: »Wenig weißt du, Dorschfänger, wie wohl du redest! Denn wahrlich folgt Blutrache diesem Schiff!« Da lachte der Riese von Neuem: »Hast du einen Handel mit dem Mann, so ist dir eine Brücke gebaut, Bifrost hält nicht besser!« Und er wies aufs Eis, das hier im großen Bogen des Fjords noch nicht gebrochen war. Da erkannten die Eisländer, daß die Gelegenheit günstig wie niemals sich ihnen bot und daß Atli es gar nicht besser hätte anstellen können, als sich so weit draußen vor Anker zu legen, wo das Eis noch trug.

Sie dankten dem Dorschfänger für seinen Rat und ließen die Schilde zurück, um übers Eis zu gehen. Glum band allen ein langes Seil am Arm fest, daran sie sich hielten. Sie fielen oft und gerieten in Waken und liefen vielmals Gefahr, die Beine in verborgenen Spalten zu brechen, und doch hasteten sie, damit auf den andern Schiffen nicht Erwachende sie erspähten. Je weiter sie kamen, desto dünner ward die Eisdecke, es knackte und knirschte, und schwarzes Wasser überspülte oft die Stelle, auf der just der letzte gestanden war. Endlich krochen sie auf Händen und Füßen heran, die Schwerter in den Zähnen.

Erst da sie ganz nahe waren, sahen sie, daß eine Wache am Verdeck saß, und meinten alles verraten. Aber der Mann schlief, als läge Zauber über ihm, und Half, der vor allen Skidbladnir erkletterte, schlug ihn im Schlaf.

Dann stürmte Half als erster über die Leiter herab zu dem dumpfen Raum unter Deck.

Da torkelte ihm einer verschlafen entgegen, der einen Kienspan trug. Er glotzte Half blöde ins Gesicht, dann schrie er gellend: »Der Herr! Der Herr!« und ließ die Leuchte fallen, daß sie erlosch. Half aber hatte wohl sein Knechtlein von Engihlid wiedererkannt und er faßte es und schüttelte es und würgte es, und während Atlis Mannen brüllend von den Bänken auffuhren, schrie er: »Hast du deine Herrin verlassen, du Hund? Hast du mein Weib verraten, du Hund?« Und er warf ihn gegen die eisenbeschlagene Schlafbank, daß seine schwarze Seele zu Hel herabfuhr.

Die Mannen Atlis aber stießen die Leiter um und fielen Half an mit allem, was ihnen in die Hände geraten war. Half lehnte den Rücken gegen die Wand und hieb auf sie ein, und Sippeknauf traf im Dunkeln, als säßen Augen an seiner Spitze.

Da waren auch die Eisländer zur Stelle und sie hörten Half rufen: »Atli, Atli wo bist du, denn nicht von Ungefähr will ich dich erschlagen!« Sie stießen die Luken ein, daß Licht in den Raum drang. Dann sprangen sie herab und zahlten mit Tod für die Wunden, die sie empfingen.

Als aber die Überfallenen nun in festern Schlaf gewiegt lagen, als es jener war, aus dem des Knechtleins Ruf sie geschreckt hatte, da beugte Half sich über jeden Toten und sah starr in sein Gesicht.

Er erkannte des Goden Asbjörn Knechte wohl und jene Finnen, die den Eid wider ihn geschworen hatten.

Aber Atli lag nicht unter ihnen.

 

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