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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie der Nebel Half die Ausfahrt wehrte

Die Männer kamen auf des Goden Asbjörn Hof, da alles noch schlief. Half hob sich auf dem Roß und rief Atlis Namen in seinen Schild, daß es dröhnte.

Gode Asbjörn selbst trat auf die Steinstufen hinaus, und seine dünnen Locken wehten weiß im Frühwind.

»Wen suchst du, Half?« fragte er.

Half hob das Schwert und rief: »Meines Hofes Brandstifter, meines Weibes Mörder, Atli, deinen Sohn!« Da aber sah man, daß Gode Asbjörn nicht um Atlis Tat wußte, denn er schwankte wie ein abgesägter Baum, und Glum sprang herzu, ihn zu halten.

Half stürmte mit seinen Knechten an ihnen vorbei ins Haus. Sie suchten in der Halle und unter der Ofenbank, in den Ställen und in der Flachskammer, im Brauhaus und in den Mägdestuben und, wo eine Tür verschlossen war, zwang Half die zeternde Rannveig, sie vor ihm zu öffnen. Aber ob sie auch unterstes zu oberst kehrten, sie fanden Atli nicht.

Asbjörn schlich hinter ihnen her und er hielt seinen weißen Godenstab wie einen Krückstock. Er war wie mit einem Schlage zum Greis geworden. Half bedrohte die Knechte mit dem Schwert und schwor, sie alle nebeneinander an den Dachbalken zu hängen, wenn sie ihm nicht sagen würden, wo Atli sich verberge. Da gestand der alte Finne Wamönen, daß er allein es gewesen sei der Atlis Pochen vernommen habe. Atli sei draußen gestanden und Olaus, der Weißwolf, und fünf andere Mönche noch und wenige Knechte. Des Herren Sohn habe in Hast gesagt, er sei auf der Flucht vor Half dem Weibe, und es treffe sich gut, daß Olaus nach Norge heimkehren wolle. Und Atli habe aus des Goden Truhe genommen, was an Gold und Ringen darinnen lag. Darum gestehe er, der alte Wamönen, alles, um nicht des Diebstahls beschuldigt zu werden. Der Knecht schluchzte und warf sich Half zu Füßen, um Vergebung bittend für den Meineid, den er, um sein Grab in Finnlands Heimatserde, geschworen hatte. Half stieß den Alten mit dem Fuße fort, rasend bei dem Gedanken, daß Atli indessen nach Norge segle.

Er stürmte aus dem Haus und warf sich mit den andern aufs Roß.

Als sie aber ans Meer kamen, da lag weißer Nebel überm Wasser, daß man den Wogengang nicht sah, nur hörte. Ein Fischer jedoch sagte, der Nebel sei nicht eher gefallen, ehe Atli nicht auf des Goden Langschiff ausgefahren sei, mit Mönchen und Knechten.

Da hob Half die Rechte und drohte zum Himmel auf und murmelte mit bleichen Lippen:

»Ein Neiding der Gott, der Neidingen hilft!«

Er ging zum Schuppen, in dem sein Schiff »Meerschwan« lag. Da sah er, daß alle Ruder fortgenommen waren und das Steuer zerbrochen. »Dies hat Olaus getan,« sprach Glum, »und schlechte Früchte soll ihm dies Werk zeitigen!«

Sprach Asbjörn, der ihnen gefolgt war.

»Schande hat Atli auf mein weißes Haar gelegt, und ich kann dich nicht schelten, wenn du ihn strafest, mag er tausendmal mein Sohn sein. Da du aber zu warten gezwungen bist, bis der Nebel steigt, lade ich dich und die bei dir sind auf meinen Hof zu Gast.«

Half hörte auf den Alten mit verzerrtem Gesicht und winkte Glum, zu reden. Er zog den Mantel über sein Haupt und setzte sich auf einen Stein, den Schild neben sich, Sippeknauf quer über den Knien.

Sprach Glum für ihn:

»Half hat mich zum Sprecher gemacht, so danke ich dir in seinem Namen. Wohl dünkt es uns gerecht, daß du den Schuldigen bestraft sehen willst, und wär's auch dein eigener Sohn. Dies aber ist uns genug, und wenig Ehre brächte es Half, mehr von dir zu fordern! Nicht ewiglich hält ein Nebel an, ob auch tausend Mönche beteten!«

Da ritt Asbjörn fort.

Fuchs aber, der »Meerschwan«, Hjörleifs Schiff, gebaut hatte, kam und schuf daran den Tag, die Nacht und den zweiten Tag, bis er es gerüstet hatte. In dieser Zeit schleppte Thorodd, Glums Weib, Rauchfisch und Fleisch und Met an Bord, daß sechzehn Männer vollauf hätten für die Fahrt, die mit sieben Tagen bemessen wird.

Stunden um Stunden aber saß Half auf seinem Stein, er regte sich nicht und schlief nicht, sprach nicht und berührte nicht die Speisen, die Aukko ihm brachte und die Mutter Thorodd in ihren besten Pelz gehüllt hatte, damit sie heiß blieben.

Half merkte es nicht einmal, daß Aukko knieend seine Hände rieb.

Thorodd aber liefen die Tränen übers Gesicht, während sie sagte: »Nun endlich habe ich die große Liebe auch beim Manne gesehen, deren Hüterinnen sonst nur wir Frauen sind, seit Odhin das erste Weib, Embla aus dem weichen Holz der Ulme schuf.«

Endlich war »Meerschwan« bereit, und wenig später lichteten die Nebel sich, und sie sahen des weite, freie, das unendliche Meer vor sich liegen. Aber Half saß in Sinnen versenkt und rührte sich nicht.

Da begannen die Männer, die Segel aufzuziehen, und Ruf und Wiederruf schollen nach alter Weise, und es war des Meeres Rauschen in ihrem Klang, und das Knattern des Windes war in den sich entfaltenden Segeln.

Da hob Half zum erstenmal das Haupt, wie ein erwachender Mann.

Er stieg aufs Schiff, dessen Steuer Glum hielt, nahm das schwerste der neuen Ruder und wartete, daß sie den Ankerstein heben möchten.

Grim aber saß neben ihm und sah düster drein, denn es schmerzte ihn, daß Aukko nicht unter den vielen Männern und Weibern war, die sich am Odhinsstrand versammelten, um den Helden ihr Lebewohl zu winken.

Nun hatten sie den Anker gehoben und fühlten, wie die Planken unter ihren Füßen zitterten, als begänne das Schiff erwachend zu atmen. Es schütterte unter dem ersten Ruderschlag und begann rauschend die Wellen zu teilen, da sie in Zug kamen und sich an den Rudern zugleich vor und rückwärts legten.

Da stand plötzlich Aukko unter ihnen, ihre spitze Fellmütze über den breitwangigen, kleinen Gesicht, den Krug dampfenden Mets in der Hand, von dem das erste Opfer gebracht werden soll, sobald die Fahrt begonnen hat.

Es ging ein Lachen über Grims Gesicht, da er sie erblickte.

Eyvind sah noch lange Aukkos gelbes Schultertüchlein wehen und er haßte sie im Herzen, weil sie ihn nicht heimlich mitgenommen hatte, als sie sich an Bord versteckte.

 

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