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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Atli holt sich die Blutbusse auf Engihlid

Atli wütete gegen seinen Vater, daß er Half hatte ziehen lassen, während er vom Schlage benommen lag. Und als er den Hohn von Halfs letzten Worten hörte, schwor er, er wolle so tun und sich die Buße holen, noch vor sinkender Nacht. Er hörte nicht auf Asbjörns Widerrede. Alle Knechte jagte er zu Pferde, daß ihrer wohl fünfunddreißig waren, und sie ritten nach Engihlid auf dem kürzesten Wege und so rasch sie vermochten.

Unterwegs erfuhren sie von einem alten Weibe, daß kein Mann auf Engihlid verblieben sei, und Atli lachte laut vor Freude.

Das Knechtlein, das eben am Brunnen singend die Roßeimer füllte, sah sie daherbrausen. Es schrie: »Frau! Frau!« und lief und wollte des Hoftores schwere Flügel schließen, aber es vermochte sie nicht zu bewegen.

Atli schrie ihn an, den Roßstall aufzutun, und das tat der Knecht denn auch mit Zittern vor ihren bloßen Schwertern. Es waren nicht viele Rosse daheim, da Half über Land und die andern Knechte nach Holz aus waren. Atli sah ein graues Pferd an der Krippe, danach gelüstete ihn. Aber als einer der finnischen Eidknechte auf Atlis Geheiß Hand an das Roß legte, da hieb es ihn mit dem Huf vor den Leib, daß der Finne tot zu Boden sank. Das Knechtlein aber rannte im Gewühl davon, über den Hof in die Halle, wo Sigrdryfa und Gjöld saßen und spannen.

Er fiel vor ihnen nieder und schrie, Atli, des Goden Sohn, sei eben dabei, Freysfaxi fortzuführen, Sigrdryfas Roß, auf dem sie nach Engihlid gekommen war. Da schrie Gjöld auf: »So liegt Half tot, denn sonst würde es keiner wagen!«

Sigrdryfa sprang auf und lief, die Spindel in der Hand, zur Hallentüre.

Und als sie sah, daß das Knechtlein wahr rede, warf sie schnell ihre Spindel über ihre linke Schulter zurück.

Sie sprang zum Hochsitz und nahm ihr Schwert von der Wand. »Weine nicht, Schwieger!« sagte sie. »Half lebt, und ich habe ihm Nachricht gesandt, so daß er bald hier sein wird!«

Sie ging mit dem bloßen Schwert hinaus in den Hof, in dem wiehernde Pferde umherrasten, und stand jählings unter den Männern.

»Welcher Räuber wagt, Hand an meines Gatten Gut zu legen?« fragte sie.

Als aber Freysfaxi ihre Stimme hörte, da bäumte sich das graue Roß und stieg steil auf, daß ein anderer Knecht, der sich schon auf seinem Rücken behauptet hatte, fiel und sich das Genick brach.

Das Roß kam und stellte sich schnaubend zu Sigrdryfa, und sie hielt es mit der Linken an seiner silbernen Mähne.

Sprach Atli ehrerbietig: »Nicht als Räuber komme ich, Frau! Ich nehme nur, was der Thing mir zusprach!«

Sie aber sagte:

»Solange ich atme, soll man kein Sandkorn forttragen von Halfs Hof!«

Und sie hieb den Mann zu Tode, der die fetten Ochsen aus dem Stalle führte, die Halfs Stolz waren. Noch drei Knechten schlug sie tiefe Wunden, sie, die guten Waffengang kannte. Es getraute sich keiner, ihr zu stehen, auch Freysfaxi biß nach allen, die seiner Herrin nahekamen, und schlug und schnaubte und bäumte sich.

Atli stand und sah in Sigrdryfas Gesicht. »Mich dünkt, ich habe nie ein schöneres Weib gesehen!« sagte er laut.

»Und mich dünkt, ich habe nie einen schlechteren Schelmen gesehen!« rief sie zornig zurück.

Er suchte sie am Schwertarm zu fassen, sie aber hieb ihm übers Haupt, daß es ihn das rechte Ohr kostete.

Rief er: »Törin, die du mein Blut vergießest für den schlechteren Mann! Ist es so viel süßer, Halfs Kebse zu heißen als mein Bettgenoß? Geschenkt seien Half Rosse und Rinder! Ich will nichts von Engihlid rauben als dich, und du sollst an Harald Hårfagrs Hof in Gold und Seide prangen!«

Sigrdryfa sah ihn an mit wetterleuchtenden Augen. Und als er nach ihr faßte, da gab sie Freysfaxi einen Schlag, daß das Roß wiehernd lossprengte, und Atli ward überrannt, da es aus dem Hofe herausraste.

In dem Augenblick der Verwirrung sprang Sigrdryfa ins Haus zurück. Sie und Gjöld und das bebende Knechtlein warfen das Hallentor ins Schloß. Sie hatten kaum Zeit, den Riegelbalken vorzulegen, da donnerten schon Schwerter ans Tor, und sie hörten Atli beim Kreuzeschwören, daß er sich Sigrdryfa holen wolle, und müsse er sie mit den Zähnen herausbeißen.

Das Knechtlein jammerte laut, und Gjöld, die alt und nicht so stark mehr war wie vordem, erbleichte.

Sigrdryfa aber war keine Angst anzumerken. »Nun habe ich Half meine zweite Botschaft gesandt, und es gilt nur auszuharren, bis er heimkehrt.«

Da hörten sie schon die Äxte krachend ans Tor schlagen. Sigrdryfa aber hieß das Knechtlein alle Speere herbeischaffen, die es fände.

Zu Engihlid war kein abgesondertes Speicherhaus gebaut, sondern die Vorräte lagen, wie bei den Häusern zu Norge, unterm Dachgiebel. Die Holztreppe zu diesem Speicherboden lief Sigrdryfa nun hinan, stieß die Luke auf und begann die Speere zu werfen, wie sie ihr dargereicht wurden. Denn es stand das Knechtlein unten, Gjöld aber oben an der Holztreppe.

Sie warf Speer um Speer, und keiner verfehlte sein Ziel, und sank drunten ein Mann, so lachte Sigrdryfa. Schrie Atli: »Ausräuchern muß man sie, ausräuchern wie Dachse im Winter!« Und man hörte, wie sie Stroh und Torf herbeischleppten und in Brand steckten. Das Knechtlein weinte und schrie und blickte böse, und Gjöld sagte: »Dies ist der letzte Speer!«

Es begann schon Rauch durch die Luke hereinzuschlagen.

Die beiden Frauen warfen den Männern Handmühlen und Schleifsteine auf die Köpfe – und was ihnen sonst in die Hände kam. Das Knechtlein schluchzte erbärmlich, seit es das Knacken und Zischen der Flammen hörte.

Es sahen aber die sieben Halfsknechte den Rauch, der auf Engihlid aufstieg, als sie vom Odhinsstrand heimkehrten; sie ließen die Wagen mit dem Treibholz stehen, wo sie standen, spannten die Gäule aus und trabten nach Engihlid, so schnell die schweren Nordlandhengste es vermochten.

Sigrdryfa jauchzte, da sie sie erspähte, denn es waren dies starke Männer und keiner darunter, der nicht auf dem Hofe geboren war und Engihlid liebte. Und sie rief sie aus dem brennenden Hause her an, daß sie den Frevel an ihres Herren Gut rächten. Ihre wilden Rufe gellten über dem Kampfgetön. Es hatten die Knechte, die auf Arbeit aus waren, nicht Helm noch Schild, nur ihre Holzäxte, und sie wurden alle nach langer Gegenwehr getötet, bis auf einen, dem die Götter den Odem sparten, daß er dem Rächer Kunde gäbe.

Als aber die sieben Knechte in ihrem Blute lagen, war das Haus schon erfüllt mit Rauch und roter Lohe, und am Holzgebälk kletterten die Flammen empor.

Atli aber rief: »Sigrdryfa, hörst du mich, öffne das Tor, daß ich dich rette!« Sie aber sprang herab und lief zum Herde, da stand der große Kessel mit dem Sautrank am Feuer und er war am Überkochen, da niemand an ihn gedacht hatte. Und sie ließ das Knechtlein hart an, daß es heulend kam und den Kessel mit ihr hinaufschleppte, und dabei jammerte es bei jeder Stufe, die sie erstiegen: »Ich will noch nicht sterben!« Sigrdryfa hob den Kessel ganz allein und neigte ihn und goß den siedenden Trank herab, daß die Männer drunten brüllend umherfuhren. Plötzlich aber hörten sie Jubel und Lachen. Ein starker Windstoß wehte ihr brandigen Qualm ins Gesicht. Gjöld schrie auf. Da wandte sich Sigrdryfa und sah, daß das Knechtlein heimlich die Hallenpforte aufgetan hatte, und drunten in Rauch und Flamme hörten sie Atlis Stimme.

Da küßte Gjöld ihre Schnur und rief: »Laß mich und rette dich. Wenn du übers Dach hinüber zum Knechthaus kletterst, kannst du dich retten!« Atlis Rufen klang schon an der Holztreppe.

Sigrdryfa riß ihre Schwieger empor und trug und zerrte sie durch den erstickenden Qualm, die Leiter hinauf, zur Dachluke. Die Flammen schlugen schon durch den Bretterboden.

Gjöld aber sagte: »Wehe mir, daß ich Hjörleifs Hochsitz in Flammen sehen muß!« Und sie starb in Sigrdryfas Armen, denn ihr Gram war allzu groß.

Atli aber und seine Knechte waren auf das Dach des Knechthauses gestiegen. Dort stand Atli, grau im Gesicht und zitternd. Er sah Sigrdryfa wie einen wilden Falken sich von Balken zu Balken schwingen und streckte die Hände nach ihr aus. »Komm zu mir! Stirb nicht!« schrie er, und vielleicht dachte er nichts andres mehr, als dies wunderbare Weib zu retten. Sigrdryfa aber spähte noch einmal nach Half aus. Als sie aber sah, daß es keine andre Rettung gab als die durch Atlis Hand, da streifte sie den Armreif ab, den Half ihr zum Mahlschatz gegeben hatte, und warf ihn über die linke Schulter. – Sie sah nach Atli und Atlis Knechten zurück, die auf allen Vieren herankrochen über das Dach, aus dem züngelnd die Flamme brach. Reglos stand Sigrdryfa und sah Lokis rote Hunde an den Dachbalken nagen. Und plötzlich bückte sie sich und tat einen hellen Schrei und riß an dem Balken mit aller ihrer Kraft, gerade da ein Knecht die Seilschlinge nach ihr werfen wollte.

Mit einem einzigen Krachen stürzte der Dachstuhl in sich zusammen, und eine Flammensäule schoß bis zum Himmel empor. Da kamen die drei Knechte kläglich in den rasenden Flammen um. Atli jedoch war anderer Tod bestimmt, daß er auf den Rasen herabgeschleudert ward ohne Schaden zu nehmen.

Keiner aber der dreizehn Männer, die dies überlebten, wußte zu sagen, wo Sigrdryfa geblieben war, da Engihlid zu Asche brannte. Manche meinten, es hätte auch sie des Daches Einsturz erschlagen. Manche meinten, sie sei in die Lohe herabgesprungen mit ausgebreiteten Armen. Ivar aber, der auf Engihlid geboren war und erst starb, als er Half Kunde gegeben hatte, beschwor, er habe, als die Flammensäule zum schwarzen Himmel emporstob, daraus der Herrin Lachen schallen hören, und es sei ein Klang gewesen, als zögen weiße Wildschwäne in den Lüften der Heimat zu.

 

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