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Die Geschichte von Half dem Weibe

Alma Johanna Koenig: Die Geschichte von Half dem Weibe - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDie Geschichte von Half dem Weibe
publisherRikola-Verlag Wien Leipzig München
printrun1. bis 6. Tausend
year1924
firstpub1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidc3f5aa39
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Wie Half und Glum zum Hängefels ritten

Glum der Skalde kam nach Engihlid und warnte, Half möge sich vorsehen, denn Atli führe schlimme Reden.

Aber Half lachte nur, und Gjöld, seine Mutter, sagte: »Atli ist der nicht, der Half zu fällen bestimmt ist!« – obgleich sie Glum ehrte und bewirtete.

Sagte Glum: »Guter Rat kommt oft auch aus runzligem Balg. Und schade wäre es, ließest du dich von Hinterlist fangen!« Trotzdem ritt Half oft allein aus, denn Grim saß bei dem Weibe Aukko daheim auf Höh, wo er Haus hielt, seit sein Vater Ketil gestorben war. Viele aber sagten, hätte der noch gelebt, die Finnin wäre nimmermehr nach Höh gekommen.

Wieder einmal mußte Half des Nachts über Land, nach seinen Knechten zu sehen, die auf Fischfang aus waren. Als er aber an Höh vorübergeritten war, hörte er Pferdegetrappel hinter sich, und da er sich umsah, gewahrte er Grim, der im Reiten noch sein Schwert gürtete. Half wartete, bis der Freund heran war. Sagte Grim: »Es dünkt mich nicht wohlgetan, daß du so allein reitest in der weißen Nacht.« »Jene war nicht dunkler, in der wir Atli die Schandstange setzten!« sprach Half.

Aber er ließ Grim doch mitreiten, bis Gnupr, Glums Hof, hinter ihnen lag und sie zum Albensteg kamen.

Dies, muß man wissen, ist ein schmaler Weg, nicht breiter, als daß ein Reiter den andern just vorbeilassen kann, wenn er sein Roß hart an den Felsen drängt. Dieser Fels aber überhängt an einer Stelle eine ganze Strecke den Weg so tief, daß man nicht reiten kann, sondern das Roß am Zügel hinter sich her führen muß. Im Winter ist mancher schon in den Abgrund gestürzt, der hier so steil abfällt, daß viele sagen, drunten in der schwarzen Tiefe sei der Eingang zu Hel. Man kann aber den Hängefelsen ersteigen und darauf umhergehen wie auf eines Hauses breitem Dachfirst.

Half und Grim ritten hintereinander her, bis sie den Felsen sehen konnten. Da hielt Grim die Zügel an: »Half!« sagte er »ich sehe Speerspitzen blinken auf dem Hängefels, und wo Speere sind, werden auch Männer sein. Niemand kann es dir zur Schande deuten, wenn wir jetzt umkehren; ich denke, wir reiten nach Gnupr zurück und melden es Glum, daß er uns seine Knechte mitgebe, gegen Atli zu fechten.« Lachte Half: »Wir wissen ja noch gar nicht, was wir melden sollen!« und er ritt schnell vorwärts.

Als sie an die Stelle kamen, wo der Fels über den Weg hängt – ›Halfs Stätte‹ heißt der Ort nun –, da wollte Grim, der sehr unruhig geworden war, vom Pferde steigen, um es hindurch zu führen, Half aber schrie ihm zu, sich vorzubeugen, und erfaßte beider Rosse Zügel. So rasten sie unter dem Hängefelsen hindurch, und hinter ihnen polterte ein mächtiger Steinblock herab. Hätten Half und Grim angehalten, um vom Pferde zu steigen, so wären sie sicherlich zermalmt im Abgrunde gelegen. Droben standen Atli und Hliot, – dem es wenig Ehre machte, an solchem Handel teilzunehmen, – und fünfzehn Knechte Asbjörns, die den Block herabgewälzt hatten.

Staub deckte alles dicht wie Rauch, und Atli sprach hämisch: »So haben wir endlich Ruhe von Half dem Weibe und seinen großen Taten!«

Als sie aber auf den Weg herabstiegen, stand da Half, Sippeknauf in Händen, und, ohne ihnen lange zum Staunen Zeit zu lassen, schlug er sie der Reihe nach, wie sie herankamen. Schrie Hliot, der die Knechte fallen sah: »Sollen wir siebzehn Männer uns von zweien beschämen lassen?«

Und es zeigte sich, daß Hliot, Glums Sohn, kein Feigling war, denn er drängte vor und stieß den Speer nach Half. Der Stoß traf den Schenkel, daß ein großes Stück Fleisches herausgerissen ward.

Half aber spaltete mit einem Schlage Hliots Schild an der Seite des Handriemens, und das Schwert fuhr auf den Rist von Hliots Bein, daß der Fuß völlig abgetrennt ward. Es blutete nun aber auch Grim aus mancher Wunde, der an diesem Tage viel Ehre gewann. Und als ihn die Finnenknechte mit Speeren überschütteten, sprang Half vor und faßte vier von ihnen, einen nach dem andern, und schmetterte sie in den Abgrund hinab, daß man Kollern und Ästebrechen und Fall um Fall hörte.

Nun kroch einer auf allen Vieren heran und wollte Half an den Beinen niederreißen, daß sie ihn zu bewältigen vermöchten. Da kam roter Zorn über Half, und Sippeknauf schlug und schlug auf den Mann ein, obgleich er beim ersten Hieb schon sein Leben gelassen hatte.

Jählings aber hub einer von Atlis Knechten zu schreien an, das war ein alter Finne, Wamönen mit Namen, der mehr verstand als Grütze essen. Er warf sein Schwert fort und gellte: »Weh uns! Odhin ist mit ihm!« Und er wies mit bebenden Händen in die Luft. Die andern konnten nichts erspähen; doch eben darum, weil sie nichts von dem gewahrten, was eines Finnen Glieder vor Furcht schlottern machte, kam Grausen über sie, daß ihr Haar die Helme hob. Sie warfen die Schwerter fort und rannten, Atli im Stiche lassend und Hliot den Hilflosen, der in seinem Blute lag. Da sahen die beiden ihren Tod vor Augen. Aber Half legte Sippeknauf vor sich auf den Weg, und Hliot hörte ihn deutlich zu dem Schwerte sprechen: »So sehr du auch zuckst, ich tu es nimmer!«

Half trat waffenlos zu Atli und sprach: »Es war nicht nach Heldenart getan, daß du mir den Hinterhalt legtest, aber ich bin der letzte, der reden dürfte von rechtem Heldentum. Darum laß es ausgeglichen sein zwischen uns, wie ich es wünsche.«

Als Half so sprach, kamen Zorn und Staunen über Grim, daß Half so grundlos seine eigene Ehre kränkte.

Atli blähte sich sogleich. »Oho!« sprach er. »Erst zahlst du mir die Blutbuße für die erschlagenen Knechte, eh von Ausgleich die Rede sein kann!« Halfs Augen wurden schwarz, aber er fragte ruhig dagegen: »Wähnst du, daß ich meine eigenen Mörder büßen soll?«

Atli wich rücklings vor Half, da er dessen Miene sah. »Warum kamst du gerade des Weges, da wir zum Spiel Steine warfen?!« höhnte er. »Es soll dich diese Nacht noch teuer zu stehen kommen!« Und dann rannte er davon wie vorher seine Finnenknechte, ohne sich nach Hliot, seinem Freunde, auch nur umzusehen.

Da ging Half zu Hliot und fragte: »Warum hast du Atli nicht nachgerufen, daß er dich mitnehme?«

Sprach Hliot durch die zusammengebissenen Zähne: »Stich mit Sippeknauf zu, nicht mit der Zunge.«

Half hob den Wunden hoch und trug ihn unterm Hängefels hindurch, und Hliot sagte später, es sei ihm seit Muttertagen nicht mehr so sanft geschehen. Dann holte Half seinen Hengst Igran herbei, setzte Hliot auf sein eigenes Roß, band ihn fest und gab ihm die Zügel in die Hand. »Reite heim zu deinem Vater. Glichest du ihm mehr, es wäre besser für ihn und dich.« Er gab Igran einen leichten Schlag, daß das Roß zu traben begann. Hliot saß steif im Sattel und verbiß den großen Schmerz.

»Bist du daheim, so laß Igran ledig gehen, er kennt den Weg nach Engihlid. Aber achte, daß Atli nicht auch ihn noch zur Buße fordert, für die Stute, die wir auf die Schandstange setzten!« rief Half ihm nach.

 

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