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Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 8
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titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
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Siebentes Buch.

Die Türken bringen Karl nach Demirtasch. Der König Stanislaus wird zu gleicher Zeit gefangen genommen. Kühne Tat des Herrn von Villelongue. Serailrevolution. Schlacht in Pommern. Altona wird von den Schweden verbrannt. Karl reist endlich ab, um in seine Staaten zurückzukehren. Seine sonderbare Art zu reisen. Seine Ankunft in Stralsund. Unfälle Karls. Erfolge Peters des Großen. Sein Triumph in St. Petersburg.

Der Pascha von Bender erwartete Karl gravitätisch in seinem Zelte, wobei ihm Marco als Dolmetscher diente. Er empfing den Fürsten mit allen Zeichen des größten Respekts und bat ihn, sich auf ein Sofa niederzulassen; aber der König achtete nicht auf die Artigkeit des Türken und blieb mitten im Zelte stehen.

»Der Allmächtige sei gepriesen, daß Deine Majestät lebt,« sagte der Pascha; »meine Verzweiflung ist groß, daß Deine Majestät mich gezwungen hat, die Befehle Seiner Hoheit auszuführen.« Der König, den nichts ärgerte, als daß seine dreihundert Schweden sich in ihren Schanzen hatten fangen lassen, sagte zu dem Pascha: »O, wenn meine Leute sich verteidigt hätten, wie sie hätten sollen, so hätte man uns in zehn Tagen nicht überwältigt.« – »Ach,« erwiderte der Türke, »das wäre eine sehr übel angebrachte Tapferkeit gewesen.« – Hierauf ließ er den König auf einem reich geschmückten Pferde nach Bender bringen. Seine Schweden waren tot oder gefangen; seine ganze Ausrüstung, seine Mobilien, seine Papiere, seine notwendigsten Kleidungsstücke geplündert oder verbrannt. Man sah die schwedischen Offiziere fast nackt und zu zweien aneinander gekettet auf der Straße marschieren, Tataren und Janitscharen eskortierten sie zu Fuß. Der Kanzler und die Generale hatten das gleiche Los; sie waren die Sklaven der Soldaten, denen sie bei der Teilung zugefallen waren. Nachdem Ismail Pascha Karl XII. in sein Serail nach Bender geführt hatte, trat er ihm sein eigenes Zimmer ab und ließ ihn ganz als König bedienen, wobei er ihm jedoch Janitscharen als Schildwachen vor die Türe stellte. Man bereitete ein Bett für ihn, er warf sich jedoch gestiefelt auf ein Sofa und schlief fest ein. Ein Offizier, der bei ihm wachte, bedeckte ihm den Kopf mit einer Mütze, die der König beim Erwachen wegwarf; und der Türke sah mit Erstaunen, wie ein Herrscher gestiefelt und barhäuptig schlief. Am anderen Morgen führte Ismail Herrn von Fabrice in das Zimmer des Königs. Fabrice fand diesen Fürsten in zerrissenen Kleidern, Stiefel, Hände und die ganze Gestalt mit Blut und Pulver bedeckt, die Augenbrauen verbrannt, aber trotz diesem schrecklichen Aufzug heiteren Sinnes. Er warf sich ihm zu Füßen, ohne ein Wort sprechen zu können; durch die freie und sanfte Weise, in der der König zu ihm redete, beruhigt, sprach er wieder in der gewöhnlichen Vertraulichkeit mit ihm und beide unterhielten sich lachend von dem Kampfe bei Bender. »Man will behaupten,« bemerkte Fabrice, »Eure Majestät habe zwanzig Janitscharen eigenhändig getötet.« – »Laßt es gut sein!« erwiderte der König, »Ihr wißt, man pflegt derartige Dinge immer um die Hälfte zu übertreiben.« – Während dieser Unterhaltung stellte der Pascha dem König seinen Günstling Grothusen und den Obersten Ribing vor, welche er großmütigerweise auf seine Kosten losgekauft hatte. Fabrice befaßte sich mit dem Loskauf der übrigen Gefangenen.

Der englische Gesandte Jeffreys schloß sich ihm zur Deckung seiner Auslagen an. Ein Franzose, den die Neugierde nach Bender geführt hatte, und der einen Teil der hier erzählten Ereignisse beschrieben hat, gab gleichfalls, was er hatte. Diese Fremden, denen der Pascha hierbei in jeder Beziehung sogar mit seinem Gelde an die Hand ging, kauften nicht nur die Offiziere los. sondern lösten auch deren Kleider aus den Händen der Türken und Tataren.

Schon am nächsten Tage führte man den gefangenen König in einem mit Scharlach ausgeschlagenen Wagen Adrianopel zu; sein Schatzmeister Grothusen saß bei ihm. Der Kanzler Müller und einige Offiziere folgten in einem anderen Wagen. Mehrere andere waren zu Pferde, und wenn sie die Blicke auf den Wagen warfen, in welchem sich der König befand, konnten sie sich der Tränen nicht erwehren. Der Pascha befand sich an der Spitze der Eskorte. Fabrice stellte ihm vor, daß es eine Schande sei, den König ohne Degen zu lassen und bat ihn, ihm einen zu reichen. »Gott soll mich davor bewahren!« erwiderte der Pascha; »er würde uns den Hals damit abschneiden.« Indessen gab er ihm doch einige Stunden später seinen Degen zurück.

Während man so diesen König, der wenige Jahre vorher so vielen Staaten Gesetze gegeben hatte, welcher der Schiedsrichter des Nordens und der Schrecken Europas gewesen war, gefangen und entwaffnet fortführte, tauchte ebendort noch ein anderes Beispiel der Hinfälligkeit menschlicher Größe auf.

Der König Stanislaus war ebenfalls auf türkischem Gebiete verhaftet worden und man führte ihn zur selben Zeit nach Bender, wo man Karl XII. von da fortbrachte.

Als Stanislaus durch die Hand, die ihn zum König gemacht hatte, nicht mehr gehalten wurde, als das Geld ihm ausging und eben damit auch seine Partei in Polen sich auflöste, zog er sich zuerst nach Pommern zurück und verteidigte, da er sein eigenes Reich nicht mehr halten konnte, die Staaten seines Wohltäters nach Kräften. Er war sogar nach Schweden gegangen, um den Nachschub der Hilfstruppen zu betreiben, deren man in Pommern und Livland bedurfte. Er hatte alles getan, was man vom Freunde Karls XII. erwarten durfte. Um diese Zeit faßte der erste König von Preußen, ein sehr weiser Fürst, den die Nachbarschaft der Russen mit Recht beunruhigte, die Idee, sich mit August und der Republik Polen zu verbinden, um die Russen in ihr eigenes Land zurückzuwerfen. Er wollte auch Karl XII. für diesen Plan gewinnen. Drei große Ereignisse sollten die Früchte dieses Bündnisses sein: Der Frieden des Nordens, die Rückkehr Karls in seine Staaten und die Aufrichtung einer Schranke gegen die Russen, welche Europa furchtbar zu werden begannen. Die Einleitung zu diesem Bunde, von welchem die öffentliche Ruhe abhing, mußte aber die Thronentsagung von Stanislaus bilden. Stanislaus ging nicht nur darauf ein, er nahm es sogar auf sich, als Vermittler eines Friedens zu dienen, der ihn der Krone berauben sollte: die Notwendigkeit, das öffentliche Wohl, der Ruhm, den ein solches Opfer gewähren mußte und das Interesse Karls, dem er alles verdankte und den er liebte, bestimmten ihn dazu. Er schrieb nach Bender und setzte dem König von Schweden den Stand der Sache auseinander, die Unglücksfälle und das Gegenmittel; er beschwor ihn, sich seiner Abdankung nicht zu widersetzen, welche durch die Verhältnisse notwendig geworden und im Hinblick auf die Beweggründe eine ehrenvolle sei; er redete ihm zu, die Interessen Schwedens nicht denen eines unglücklichen Freundes aufzuopfern, der sich selbst dem öffentlichen Wohl gerne zum Opfer bringe. Karl XII. erhielt diese Briefe noch zu Warnitza; er sagte in Gegenwart mehrerer Zeugen voll Zorn zu dem Kurier: »Wenn mein Freund nicht mehr König sein will, werde ich einen andern zu machen wissen.«

Aber Stanislaus beharrte auf dem Opfer, von dem Karl nichts wissen wollte. Jene Tage sollten nun einmal Zeuge von seltsamen Empfindungen und seltsamen Handlungen sein. Stanislaus wollte selbst zu Karl gehen, um ihn umzustimmen. Um einem Thron zu entsagen, wagte er mehr, als er getan hatte, um sich seiner zu bemächtigen. Eines Tages verließ er abends zehn Uhr heimlich die schwedische Armee, die er in Pommern kommandierte; ihn begleitete der Baron Sparre, der seitdem Gesandter in England und Frankreich gewesen ist, und ein anderer Oberst. Er selbst nahm den Namen Haran von einem Franzosen an, der damals Major in schwedischen Diensten war und später als Kommandant von Danzig gestorben ist. Nun eilte er der ganzen feindlichen Armee entlang. Mehrere Male festgenommen und jedesmal wieder auf Grund eines auf Haran ausgestellten Passes frei gelassen, kam er endlich nach mancherlei Gefahren an die Grenzen der Türkei.

Als er in der Moldau angelangt war, schickte er den Baron Sparre zu seiner Armee zurück und ging selbst nach Jassy, der Hauptstadt der Moldau, wo er sich sicher glaubte, da man ja dort den König von Schweden so hochgeschätzt hatte. Er ahnte nicht im entferntesten, wie anders die Dinge jetzt standen.

Man fragt ihn, wer er sei; er erwidert, er sei Major in einem Regimente im Dienste Karls XII. Dieser Name genügt, um ihn zu verhaften; man führt ihn vor den Hospodar der Moldau, der bereits durch die Zeitungen erfahren hatte, daß Stanislaus von seiner Armee verschwunden sei, und deshalb sofort Verdacht schöpfte. Man hatte ihm die Gestalt des Königs beschrieben, dessen liebenswürdige Züge und mildes Wesen leicht wieder zu erkennen waren.

Der Hospodar verhörte ihn, stellte mehrere verfängliche Fragen und erkundigte sich endlich, welche Stelle er in der schwedischen Armee bekleide. Stanislaus und der Hospodar sprachen lateinisch. »Major sum,« erwiderte Stanislaus auf jene Frage. »Imo, Maximus es,« entgegnete der Moldauer. Sofort bot er ihm einen Sessel an und behandelte ihn als König, aber auch als einen gefangenen König. Man umstellte das griechische Kloster, in welchem er bleiben sollte, bis Befehle vom Sultan eingingen, mit einer eigenen Sicherheitswache. Der Befehl kam, man solle ihn nach Bender führen, von wo man Karl eben fortbrachte.

Der Pascha erhielt diese Nachricht, als er eben den König von Schweden begleitete, und teilte sie Fabrice mit. Dieser näherte sich dem Wagen des Königs und erzählte diesem, daß er nicht mehr der einzige bei den Türken gefangene König sei und Stanislaus, von Soldaten eskortiert, sich nur wenige Meilen entfernt befinde. »Eilt zu ihm, lieber Fabrice,« erwiderte der König, ohne sich durch dies Ereignis im mindesten aus der Fassung bringen zu lassen, »und sagt ihm, er solle doch ja nie Frieden mit König August machen, und versichert ihn, daß Unsere Angelegenheiten binnen kurzem eine Aenderung erfahren werden.«

So unerschütterlich war Karl in seinen einmal gefaßten Meinungen, daß er, trotzdem Polen ihn verlassen hatte, trotzdem man ihn schon in seinen eigenen Staaten angriff, trotzdem er als Gefangener in einer türkischen Sänfte wer weiß wohin geführt wurde, noch fest auf sein Glück baute und immer noch glaubte, die Pforte werde ihn mit hunderttausend Mann unterstützen. Fabrice ging von einem Janitscharen begleitet, mit Erlaubnis des Paschas, um sich seines Auftrags zu entledigen. In der Entfernung von einigen Meilen stieß er auf die Truppenabteilung, welche Stanislaus eskortierte. In der Mitte jener Truppen erblickte er einen französisch gekleideten und ziemlich schlecht berittenen Herrn, den er auf deutsch fragte, wo sich der König von Polen befinde. Der Angeredete war Stanislaus selbst, den Fabrice in diesem Aufzug nicht wieder erkannt hatte. »Wie!« rief der König, »erinnert Ihr Euch denn meiner nicht mehr?« – Nun teilte ihm Fabrice mit, in welch trauriger Lage sich der König von Schweden befinde und wie er trotzdem ebenso unerschütterlich wie unnütz bei seinen Plänen beharre.

Als Stanislaus sich Bender näherte, schickte der Pascha, der von seiner Begleitung Karls inzwischen zurückgekehrt war, dem König von Polen ein arabisches Pferd mit prächtiger Ausrüstung. Stanislaus wurde zu Bender mit Kanonendonner empfangen und abgesehen davon, daß er anfangs nicht frei war, hatte er sich über die ihm dort widerfahrene Behandlung nicht zu beklagen. – Inzwischen führte man Karl Konstantinopel zu. Diese Stadt war bereits voll von Gerüchten über seinen letzten Kampf. Die Türken verdammten und bewunderten ihn zugleich; aber der ergrimmte Diwan drohte bereits, ihn nach einer Insel des Archipel zu senden.

Der König von Polen, Stanislaus, der die Gnade hatte, mir die meisten dieser Einzelheiten mitzuteilen, hat mich auch versichert, daß im Diwan die Rede davon gewesen sei, ihn selbst auf eine griechische Insel zu verweisen; einige Monate später wurde der Großherr jedoch milder und ließ ihn ziehen.

Desaleurs. welcher die Partei Karls hätte ergreifen und verhindern können, daß man den christlichen Königen diese Schmach antat, wurde, wie auch Poniatowski, dessen auskunftsreichen Geist man immer fürchtete, in Konstantinopel zurückgehalten. Die meisten zu Adrianopel gebliebenen Schweden befanden sich im Gefängnis, der Thron des Sultans schien somit für die Klagen des Königs von Schweden von allen Seiten unnahbar.

Der Marquis von Fierville, der von seiten Frankreichs eine geheime Sendung an Karl nach Bender gehabt hatte, war damals noch in Adrianopel. Er faßte den Entschluß, diesem Fürsten eine hilfreiche Hand zu reichen, während alle Welt ihn verließ oder auf ihn drückte. Hierbei unterstützte ihn ein französischer Edelmann aus einem alten Geschlecht der Champagne namens de Villelongue, ein unerschrockener Kamerad, der damals nicht so mit Glück gesegnet war, wie er es bei seinem Mute zu verdienen glaubte, und der von dem Rufe des Königs von Schweden begeistert eigens nach der Türkei gegangen war, um sich diesem Fürsten zur Verfügung zu stellen

Fierville schrieb mit Hilfe dieses jungen Mannes einen Bericht im Namen des Königs von Schweden, in welchem dieser Monarch vom Sultan für die Schmach, die in seiner Person allen gekrönten Häuptern angetan worden, so wie für den wahren oder falschen Verrat des Khans und des Paschas von Bender Genugtuung forderte.

In diesem Denkschreiben wurde der Großwesir und die übrigen Minister beschuldigt, daß sie sich von den Russen hätten bestechen lassen, daß sie den Großherrn getäuscht, die Briefe des Königs an Seine Hoheit unterschlagen und durch ihre Ränke dem Sultan jenen Befehl, der der Gastfreundschaft des Muselmans so sehr ins Gesicht schlage und wodurch das Völkerrecht auf eine eines großen Kaisers so unwürdige Weise verletzt worden sei, abgeschwindelt hätten, indem man mit zwanzigtausend Mann einen König angegriffen habe, der zu seiner Verteidigung niemand besessen habe als seine Diener und der sich auf das geheiligte Wort des Sultans verlassen.

Als dieses Denkschreiben angefertigt war, mußte man es ins Türkische übersetzen und es in einer eigenen Schrift und auf besonders zu dem Zwecke bereiteten Papier, dessen man sich zu allem, was vor den Sultan kommt, bedienen muß, niederschreiben lassen.

Man wendete sich dieserhalb an einige französische Dolmetscher, welche sich in der Stadt befanden; allein die Angelegenheiten des Königs von Schweden standen so verzweifelt und der Wesir hatte sich so offen gegen ihn erklärt, daß kein Dolmetscher die Schrift des Herrn von Fierville auch nur zu übersetzen wagte. Man fand endlich einen anderen Fremden, dessen Hand bei der Pforte nicht bekannt war und der durch eine reiche Belohnung und die Versicherung tiefsten Stillschweigens vermocht wurde, die Denkschrift ins Türkische zu übersetzen und sie auf das passende Papier zu schreiben. Der Baron Arvidson, ein Offizier der schwedischen Armee, machte die Handschrift des Königs nach. Fierville, der das königliche Siegel besaß, heftete es an das Schreiben und siegelte das Ganze mit dem schwedischen Wappen. Villelongue nahm es auf sich, das Paket selbst in die Hände des Großherrn zu liefern, wenn derselbe nach seiner Gewohnheit sich nach der Moschee begebe. Man hatte sich schon öfter eines ähnlichen Wegs bedient, um dem Sultan Denkschriften gegen seine Minister zu überreichen; aber gerade das machte den Erfolg dieser Unternehmung um so zweifelhafter und die Gefahr um so größer.

Der Wesir konnte sich wohl denken, daß die Schweden Gerechtigkeit von seinem Herrn fordern würden und war durch das Unglück seiner Vorgänger in dieser Richtung belehrt. Er hatte deshalb ausdrücklich verboten, irgend jemand dem Großherrn nahe kommen zu lassen und noch besonders eingeschärft, alle sofort abzufassen, welche sich mit Schriften der Moschee nähern würden.

Villelongue kannte diesen Befehl und wußte wohl, daß es sich hierbei um seinen Kopf handle. Er entledigte sich daher seines französischen Anzugs und zog ein griechisches Gewand an. Dann verbarg er den Brief, den er übergeben wollte, in seinem Busen und begab sich zu guter Stunde in die Nähe der Moschee, nach der der Großherr zu gehen pflegte. Dort spielte er den Verrückten und ging tanzend durch das Spalier der Janitscharen, durch welches der Großherr passieren mußte; dabei ließ er absichtlich einige Silbermünzen aus seiner Tasche fallen, um die Garden bei guter Laune zu erhalten.

Als der Sultan sich näherte, wollte man Villelongue entfernen. Er warf sich aber auf die Kniee und wehrte sich gegen die Janitscharen. Hierbei entfiel ihm seine Mütze und die langen Haare ließen ihn alsbald als Franken erkennen. Er erhielt nun mehrere Schläge und wurde arg mißhandelt. Der Großherr, welcher bereits nahe war, hörte den Lärm und fragte nach der Ursache desselben. Villelongue rief ihm mit aller Kraft zu: »Amman! Amman! Gnade!« – und dabei zog er den Brief aus dem Busen. Der Sultan befahl, ihn näher treten zu lassen. Villelongue lief alsbald herzu, umfaßte seinen Steigbügel und übergab ihm das Schreiben mit den Worten: »Suet kral dan, es kommt vom Schwedenkönig.« Der Sultan steckte den Brief zu sich und setzte seinen Weg nach der Moschee fort. Zugleich wurde jedoch Villelongue ergriffen und als Gefangener nach den Außengebäuden des Serails geführt.

Als der Sultan die Moschee verlassen und den Brief gelesen hatte, wollte er selbst den Gefangenen verhören. Was ich jetzt erzähle, mag vielleicht nicht sehr wahrscheinlich erscheinen, allein ich führe nichts an, was nicht in den Briefen des Herrn von Villelongue selbst steht. Wenn ein so wackerer Offizier eine Tatsache auf sein Ehrenwort versichert, verdient er wohl einigen Glauben. Er erzählte mir also, der Sultan habe sein kaiserliches Gewand, wie auch den ihm eigentümlichen Turban abgelegt, und sich als Janitscharenoffizier verkleidet, was dort nicht selten vorkommt. Er war von einem alten Malteser begleitet, der ihm als Dolmetscher diente. Dank dieser Verkleidung genoß Villelongue einer Ehre, die keinem christlichen Gesandten jemals zu teil wurde: er hatte eine viertelstündige Unterredung unter vier Augen mit dem türkischen Kaiser. Er verfehlte dabei nicht, die Klagen des Königs von Schweden ins klare zu setzen, die Minister anzuklagen, und mit um so größerer Ungeniertheit Genugtuung zu fordern, als er, während er mit dem Sultan sprach, annehmen durfte, er rede nur mit seinesgleichen. Er hatte übrigens trotz der Dunkelheit des Kerkers den Großherrn wohl erkannt und war in seiner Unterredung deshalb nur um so freier. Der vorgebliche Janitscharenoffizier sprach zu Villelongue folgende Worte: »Christ, beruhige dich, der Sultan, mein Herr, hat die Seele eines Kaisers, und wenn dein König von Schweden recht hat, wird ihm auch Recht werden.« – Villelongue wurde bald darauf auf freien Fuß gesetzt; einige Wochen später aber fand eine plötzliche Veränderung im Serail statt, welche die Schweden dieser merkwürdigen Unterredung zuschrieben. Der Mufti wurde abgesetzt, der Khan der Tataren nach Rhodus verbannt und der Seraskier Pascha von Bender nach einer Insel des Archipels verwiesen.

Die ottomanische Pforte ist derartigen Stürmen so häufig ausgesetzt, daß es sehr schwer ist zu entscheiden, ob der Sultan wirklich durch diese Opfer den König von Schweden versöhnen wollte. Die Art, wie dieser Fürst behandelt wurde, beweist keineswegs, daß sich die Pforte sehr beeilt habe, ihm zu Gefallen zu sein.

Man glaubt vielmehr, der Günstling Ali Cumürdschi allein habe alle diese Veränderungen in seinem Privatinteresse herbeigeführt. Er soll den Khan der Tataren und den Seraskier von Bender unter dem Vorwand haben verbannen lassen, sie hätten die zwölfhundert Beutel dem König trotz dem ausdrücklichen Befehl des Großherrn ausgefolgt. Auf den Thron der Tataren setzte er den Bruder des abgesetzten Khans, einen jungen Mann seines Alters, der seinen Bruder nicht sehr liebte, und auf den Ali Cumürdschi bei den Kriegen, die er vor hatte, sehr zählte. Was den Großwesir Jussuf betrifft, so wurde er erst einige Wochen später abgesetzt, und Soliman Pascha erhielt den Titel eines ersten Wesirs.

Ich muß hier erwähnen, daß Herr von Villelongue sowie mehrere Schweden mich versicherten, jener einfache Brief, der dem Sultan im Namen des Königs übergeben wurde, habe alle diese großen Veränderungen bei der Pforte hervorgerufen, während Herr von Fierville ganz das Gegenteil behauptete. Ich habe bisweilen ähnliche Widersprüche in den mir anvertrauten Papieren gefunden. In einem solchen Falle kann der Geschichtschreiber nichts weiter tun, als die Tatsache ungeschminkt anführen, ohne sich auf die Beweggründe einzulassen, und sich darauf beschränken, genau zu sagen, was er weiß, statt erraten zu wollen, was er nicht weiß.

Inzwischen hatte man Karl XII. nach dem kleinen Schlosse Demirtasch bei Adrianopel gebracht. Eine zahllose Menge Türken waren dorthin gereist, um den Fürsten ankommen zu sehen. Man trug ihn aus seinem Wagen auf einem Sofa nach dem Schlosse, allein Karl legte sich ein Kissen auf das Gesicht, um von der Menge nicht gesehen zu werden.

Einige Tage später ließ er die Pforte bitten, in Demotica wohnen zu dürfen, einer kleinen Stadt sechs Stunden von Adrianopel an dem bekannten Flusse Hebrus, jetzt Maritza. Cumürdschi sagte bei diesem Anlaß zum Großwesir Soliman: »Geh', laß dem König von Schweden sagen, er könne sein Leben lang in Demotica bleiben; ich stehe dir dafür, daß ehe ein Jahr vergeht, er von selber bitten wird, es verlassen zu dürfen; aber vor allem gib ihm kein Geld.«

Man brachte also den König nach dem Städtchen Demotica, wo die Pforte ihm und seinem Gefolge ein beträchtliches Quantum Mundvorrat anwies; an Geld aber bewilligte man ihm nur fünfundzwanzig Taler täglich, um Schweinefleisch und Wein zu kaufen, da diese beiden Artikel von den Türken nicht geliefert wurden. Die fünfhundert Taler täglich, die er in Bender gehabt hatte, fielen weg.

Kaum war er mit seinem kleinen Hofe zu Demotica, als auch der Großwesir Soliman abgesetzt wurde; seine Stelle erhielt Ibrahim Molla, ein tapferer, stolzer und über die Maßen derber Mann. Es wird nicht unnütz sein, auch seine Vorgeschichte zu erfahren, um alle diese Vizekönige des Türkenlandes, von denen das Schicksal Karls so lange Zeit abhing, näher kennen zu lernen.

Als Sultan Achmet III. zur Regierung kam, war er noch einfacher Matrose. Dieser Kaiser verkleidete sich oft als Privatmann, als Iman, oder als Derwisch. Dann stahl er sich abends in die Kaffeehäuser von Konstantinopel und an andere öffentliche Orte, um zu hören, was man von ihm sprach, und so die Anschauungen des Volks kennen zu lernen. Eines Tages hörte er, wie dieser Molla sich darüber beklagte, daß die türkischen Schiffe nie mit Prisen heimkehrten und beteuerte, wenn er Schiffskapitän wäre, würde er nie in den Hafen von Konstantinopel einlaufen, ohne irgend ein Fahrzeug der Ungläubigen mitzubringen. Der Großherr befahl gleich am nächsten Tag, man solle ihm ein Schiff zu kommandieren geben und ihn in See schicken. Der neue Kapitän kam richtig wenige Tage später mit einer maltesischen Barke und einer genuesischen Galiote zurück. Nach zwei Jahren war er oberster Admiral und endlich Großwesir.

Als er diesen Posten erreicht hatte, glaubte er den Günstling entbehren zu können. Um sich nützlich zu machen, beschloß er die Russen zu bekriegen. In dieser Absicht ließ er in der Nähe des Orts, wo der König von Schweden weilte, sein Zelt aufschlagen.

Er lud diesen Fürsten ein, ihn dort mit dem neuen Tatarenkhan und dem französischen Gesandten zu besuchen. Der König, dessen Stolz durch das Unglück nur noch gesteigert wurde, erachtete es als die gröbste Beleidigung, daß ein Untertan es wagte, ihn zu sich zu bitten. Er befahl seinem Kanzler Müller an seiner Statt dahin zu gehen: und aus Angst, die Türken möchten ihm nicht die gehörige Achtung bezeigen und ihn zwingen seine Würde bloß zu stellen, legte sich dieser in allem extreme Fürst zu Bette und beschloß, es nicht mehr zu verlassen, so lange er in Demotica verweilen müßte. Zehn Monate lang blieb er so zu Bette und stellte sich krank. Der Kanzler Müller, Grothusen und der Oberst Düben waren die einzigen, welche mit ihm aßen. Sie hatten hier keine der Bequemlichkeiten, deren sich die Kranken sonst erfreuen. Man hatte ihnen ja in dem Kampfe bei Bender alles geraubt, so daß es ihren Mahlzeiten an jeder äußeren Pracht und Feinheit gebrach. Sie bedienten sich selbst und während der ganzen Zeit verrichtete der Kanzler Müller Kochsdienste.

Während Karl XII. sein Leben im Bette verbrachte, mußte er hören, daß alle seine außerhalb Schweden gelegenen Provinzen verheert wurden. Der General Stenbock, der sich dadurch einen Namen gemacht hatte, daß er die Dänen aus Schonen jagte und ihre besten Truppen mit Bauern besiegte, hielt noch eine Zeitlang den Ruhm der schwedischen Waffen aufrecht. Er verteidigte Pommern, Bremen und was der König sonst noch in Deutschland besaß, möglichst gut; konnte jedoch nicht hindern, daß die vereinigten Dänen und Sachsen Stade, eine starke und bedeutende Stadt unweit der Elbe und im Herzogtum Bremen gelegen, belagerten. Die Stadt wurde bombardiert und eingeäschert und die Garnison mußte sich auf Gnade oder Ungnade ergeben, ehe Stenbock zu ihrem Entsatz herankommen konnte.

Dieser General, welcher etwa zwölftausend Mann, worunter die Hälfte Reiterei kommandierte, verfolgte die noch einmal so starken Feinde und erreichte sie endlich im Herzogtum Mecklenburg bei Gadebusch und einem Flüßchen dieses Namens. Am 20. Dezember 1712 marschierte er angesichts der Sachsen und Dänen auf. Ein Sumpf trennte sie von ihm. Die Feinde, welche hinter dem Sumpfe lagerten, lehnten sich zugleich an einen Wald. Sie hatten somit den Vorteil der Zahl und des Terrains, und man konnte nur an sie gelangen, wenn man unter dem Feuer ihrer Artillerie den Sumpf passierte.

Stenbock ging gleichwohl an der Spitze seiner Truppen hindurch, marschierte in Linie auf und begann einen der blutigsten und erbittertsten Kämpfe, die je zwischen diesen beiden rivalisierenden Völkern geschlagen wurden. Nach einem dreistündigen heftigen Kampfe wurden die Reihen der Dänen und Sachsen durchbrochen und sie mußten das Schlachtfeld räumen.

Ein Sohn des Königs August und der Gräfin Königsmark, der seither unter dem Namen des Grafen von Sachsen bekannt geworden ist, erhielt in dieser Schlacht seine erste Lektion in der Kriegskunst. Es ist dies der nämliche Graf von Sachsen, welchem nachher die Ehre ward, zum Herzog von Kurland erwählt zu werden, und dem nur die Macht fehlte, um das unbestreitbarste Recht, das es auf einen Thron geben kann, nämlich die einstimmige Wahl des Volks, auszunützen. Er ist es, der seitdem noch einen reelleren Ruhm errungen hat, indem er durch die Schlacht bei Fontenoi Frankreich rettete, Flandern eroberte und den Ruf des größten Generals unserer Zeit erwarb. Bei Gadebusch kommandierte er ein Regiment; und ein Pferd wurde ihm unter dem Leibe getötet. Ich hörte ihn erzählen, daß die Schweden in dieser Schlacht streng in ihren Reihen geblieben seien, und daß selbst als der Sieg erfochten war, aus den vordersten Linien dieser wackeren Truppen, zu deren Füßen ihre toten Feinde lagen, nicht ein Soldat sich zu bücken wagte, um diese auszuplündern, ehe das Gebet auf dem Schlachtfeld abgehalten war. So unverbrüchlich verharrten sie in der strengen Disziplin, an die ihr König sie gewöhnt hatte.

Nach diesem Siege erinnerte sich Stenbock, daß die Dänen Stade eingeäschert hatten; er wollte sich dafür an Altona, das dem König von Dänemark gehörte, rächen. Altona liegt unterhalb Hamburg an der Elbe, welche dort ziemlich große Schiffe aufnimmt. Der König von Dänemark hatte die Stadt durch mancherlei Privilegien begünstigt; es war seine Absicht, sie zum Sitze eines blühenden Handels zu machen. Bereits begann auch der Gewerbefleiß der Altonaer, durch die weisen Maßregeln des Königs gehoben, seine Früchte zu tragen, so daß Altona schon zu den reichen Handelsstädten zählte und die Eifersucht Hamburgs erregte, welches nichts sehnlicher als dessen Zerstörung wünschte. Sobald Stenbock vor Altona angelangt war, ließ er den Einwohnern durch einen Trompeter sagen, sie sollten ihre Stadt mit allem, was sie an Habseligkeiten fortschleppen könnten, verlassen, er werde dieselbe von Grund aus zerstören.

Der Magistrat warf sich ihm zu Füßen und erbot sich, ein Lösegeld von hunderttausend Talern zu bezahlen. Stenbock verlangte zweimalhunderttausend. Die Altonaer baten um die Erlaubnis, wenigstens nach Hamburg schicken zu dürfen, wo sich ihre Korrespondenzen befänden und versicherten, daß sie am andern Tage die Summe bringen würden. Aber der schwedische General erwiderte, er müsse sie auf der Stelle haben oder er werde Altona ohne Verzug niederbrennen.

Seine Truppen standen mit den Fackeln in der Hand schon in der Vorstadt; ein schwaches hölzernes Tor und ein bereits ausgefüllter Graben waren die einzigen Verteidigungsmittel der Altonaer. Die Unglücklichen sahen sich somit genötigt, ihre Häuser mitten in der Nacht in aller Eile zu verlassen. Es war am 9. Januar 1713. Die Kälte war strenge, ein heftiger Nordwind vermehrte sie noch und verbreitete zugleich die Feuersbrunst mit Windeseile über die Stadt hin. Er machte auch den Zustand der Leute, die auf das Feld hinausgetrieben waren, noch unerträglicher. Männer und Frauen flohen mit ihren Habseligkeiten belastet heulend und schreiend nach den nahen, eisbedeckten Höhen. Man sah manche junge Leute, welche gelähmte Greise auf ihren Schultern hinaustrugen. Frauen, die eben geboren hatten, flüchteten mit ihren Säuglingen und gingen mit ihnen angesichts der Flammen, die ihre Vaterstadt verzehrten, vor Kälte zugrunde. Noch hatten nicht alle Einwohner die Stadt verlassen, als die Schweden sie bereits in Brand steckten. Altona brannte von Mitternacht bis zehn Uhr morgens. Fast alle Häuser waren von Holz, somit ging alles in Flammen auf und man merkte am andern Tage kaum, daß hier einmal eine Stadt gestanden hatte.

Die Greise, die Kranken und die zarten Frauen, welche, während ihre Häuser von den Flammen verzehrt wurden, in die eisige Landschaft geflohen waren, schleppten sich bis an die Tore Hamburgs und flehten um Einlaß und Rettung ihres Lebens. Man weigerte sich jedoch, sie aufzunehmen, weil in Altona ansteckende Krankheiten herrschten, und die Hamburger liebten die Altonaer nicht so sehr, daß sie sich durch ihre Aufnahme der Gefahr hätten aussetzen mögen, die Ansteckung auch in ihre Stadt zu verpflanzen. So gingen die meisten dieser Unglücklichen unter den Mauern Hamburgs zugrunde, wobei sie den Himmel zum Zeugen der Barbarei der Schweden und auch der Hamburger anriefen, welche letztere nicht weniger unmenschlich erschienen.

Durch ganz Deutschland ging ein Schrei gegen diese Gewalttat; die Minister und Generale Polens und Dänemarks schrieben an den Grafen Stenbock und machten ihm Vorwürfe über diese grausame Handlung, welche durchaus unnötig und nicht zu entschuldigen, Himmel und Erde gegen ihn in Bewegung setzte.

Stenbock gab zur Antwort: er habe diese äußerste Strafe nur vollzogen, um die Feinde des Königs, seines Herrn, zu lehren, den Krieg nicht mehr so barbarisch zu führen und das Völkerrecht zu achten; jene hätten zahllose Grausamkeiten in Pommern verübt, diese schöne Provinz verwüstet und über hunderttausend Einwohner an die Türken verkauft, und die Flammen, welche Altona eingeäschert, seien nur die Vergeltung für die glühenden Kugeln, womit sie Stade zusammengeschossen hätten.

Mit solcher Wut bekriegten sich die Schweden und ihre Gegner! Wäre Karl XII. damals in Pommern erschienen, so hätte er wahrscheinlich das Glück wieder an seine Fahnen fesseln können. Seine Armeen waren noch von seinem Geiste beseelt, obschon er selbst ferne war; aber die Abwesenheit des Oberhaupts ist immer bedenklich für den Gang kriegerischer Operationen und verhindert, daß die Siege gehörig benutzt werden. Stenbock verlor im kleinen wieder, was er durch hervorragende Taten, die zu einer anderen Zeit entscheidend gewesen wären, gewonnen hatte.

Obschon Sieger, konnte er doch nicht hindern, daß die Russen, die Sachsen und die Dänen sich vereinigten. Man hob einzelne seiner Besatzungen auf, er verlor in kleinen Scharmützeln viele Leute, zweitausend Schweden ertranken beim Passieren der Eider, als sie in Holstein Winterquartiere nehmen wollten. Alle diese Verluste ließen sich in einem Lande, das auf allen Seiten von mächtigen Feinden umgeben war, nicht wieder ersetzen.

Stenbock wollte Holstein gegen Dänemark verteidigen, aber trotz aller seiner Kriegslisten und Anstrengungen ward das Land verloren, die Armee ging zugrunde und Stenbock selbst wurde gefangen.

Das jetzt wehrlose Pommern wurde mit Ausnahme Stralsunds, der Insel Rügen und einiger benachbarten Orte die Beute der Verbündeten. Der König von Preußen legte Beschlag darauf. Bremens Gebiet wurde von dänischen Garnisonen überschwemmt. Zugleich überzogen die Russen Finnland und schlugen dort die Schweden, die nun alles Vertrauen verloren, und an Zahl schwächer, jetzt auch das Uebergewicht der militärischen Tüchtigkeit gegenüber von den jetzt ebenfalls kriegsgewohnten Feinden einzubüßen begannen.

Um das Unglück Schwedens voll zu machen, beharrte sein König eigensinnig darauf, in Demotica zu bleiben und nährte immer noch die Hoffnung auf türkische Hilfe, worauf er doch längst nicht mehr rechnen durfte.

Der stolze Wesir Ibrahim Molla, der gegen die Anschauungen des Günstlings durchaus die Russen befehden wollte, wurde erdrosselt. Die Stelle eines Großwesirs war jetzt eine so gefährliche geworden, daß sie niemand mehr annehmen wollte; sie blieb daher sechs Monate lang unbesetzt. Endlich nahm der Günstling Ali Cumürdschi selbst den Titel des Großwesirs an. Damit fielen alle Hoffnungen des Königs von Schweden. Er kannte Cumürdschi um so besser, als ihm derselbe zu Diensten gewesen war, so lange die Interessen dieses Günstlings noch mit den seinigen zusammenfielen.

Karl war nun seit elf Monaten zu Demotica in Tatenlosigkeit und Vergessen begraben; diese gänzliche Untätigkeit, welche plötzlich auf die heftigsten Anstrengungen folgte, hatte ihm endlich die Krankheit, die er anfangs vorgab, wirklich zugezogen. In ganz Europa glaubte man ihn tot. Der Regentschaftsrat, den er bei seinem Abgang aus Schweden in Stockholm eingesetzt hatte, hörte nichts mehr von ihm. Der Senat ging daher in corpore zu der Prinzessin Ulrike Eleonore, Schwester des Königs und bat sie, während dieser langen Abwesenheit ihres Bruders die Regentschaft zu übernehmen. Sie nahm dieselbe an, aber als der Senat sie nötigen wollte, mit dem Zaren und dem König von Dänemark, welche Schweden von allen Seiten angriffen, Frieden zu schließen, legte diese Prinzessin, welche sich wohl denken konnte, daß ihr Bruder einen solchen Frieden niemals genehmigen würde, die Regentschaft wieder nieder und schickte einen langen Bericht über diese Angelegenheit nach der Türkei.

Der König erhielt das Paket seiner Schwester zu Demotica. Der Despotismus, den er mit der Muttermilch eingesogen hatte, ließ ihn da ganz vergessen, daß Schweden einst frei gewesen war und daß der Senat ehedem das Reich in Gemeinschaft mit den Königen regiert hatte. Er betrachtete diese Körperschaft nur als einen Haufen Diener, die in Abwesenheit ihres Herrn im Hause regieren wollten. Er schrieb ihnen, wenn sie sich anmaßen wollten zu regieren, so werde er ihnen einen seiner Stiefel schicken, um von diesem die Befehle entgegen zu nehmen.

Um aber diesen vermeintlichen Angriffen auf seine Autorität in Schweden ein Ende zu machen und sein Land selbst zu verteidigen, da er von der Pforte doch nichts mehr zu hoffen hatte und nur noch auf sich selbst zählen konnte, ließ er dem Großwesir die Mitteilung machen, daß er abzureisen und seinen Weg durch Deutschland zu nehmen wünsche.

Der französische Gesandte Desaleurs, der zugleich die Interessen Schwedens vertrat, stellte diese Bitte von sich aus. »Nun!« sagte der Wesir zu Graf Desaleurs, »habe ich nicht gesagt, daß, ehe ein Jahr vergehe, der König von Schweden werde abreisen wollen? Sagt ihm, daß ihm frei gestellt bleibe zu gehen oder zu bleiben; er möge aber einen festen Entschluß fassen und den Tag seiner Abreise bestimmen, damit er uns nicht wieder in Verlegenheit bringe wie zu Bender.«

Graf Desaleurs hinterbrachte dem König diese harten Worte in einer mildern Form. Der Tag wurde festgesetzt; ehe Karl aber die Türkei verließ, wollte er, obschon ein elender Flüchtling, den Prunk eines großen Königs entfalten. Er erteilte Grothusen den Titel eines außerordentlichen Gesandten und schickte ihn mit einem Gefolge von achtzig Personen, alle prächtig gekleidet, nach Konstantinopel, um sich dort in aller Form zu verabschieden. Die geheimen Federn, die man spielen lassen mußte, um das nötige Geld zu dieser Abreise zusammen zu bringen, waren jedoch weit demütigender, als die Gesandtschaft prächtig war.

Desaleurs lieh dem König vierzigtausend Taler; Grothusen hatte Agenten in Konstantinopel, welche auf seinen Namen zu fünfzig Prozent Interessen tausend Taler bei einem Juden, zweihundert Pistolen bei einem englischen Kaufmann und tausend Frank bei einem Türken entlehnten.

So brachte man eine Summe zusammen, um vor dem Diwan die glänzende Komödie der schwedischen Gesandtschaft spielen zu können. Grothusen wurden in Konstantinopel alle Ehren zu teil, welche die Pforte außerordentlichen königlichen Gesandten am Tage einer Audienz antut. Der Zweck des ganzen Lärms war indessen, Geld aus dem Großwesir herauszupressen, aber dieser Minister blieb unerbittlich.

Grothusen stellte den Antrag, eine Million bei der Pforte zu entlehnen. Der Wesir erwiderte trocken, sein Herr wisse zu geben, wenn er wolle, Geld auszuleihen sei aber unter seiner Würde; man werde dem König in reichem Maße liefern, was er für seine Reise brauche und zwar in einer Weise, die desjenigen würdig sei, der ihn entlasse; vielleicht werde ihm die Pforte auch ein Geschenk in nicht gemünztem Golde machen, man dürfe jedoch nicht darauf rechnen.

Endlich am 1. Oktober 1714 brach der König von Schweden auf, um die Türkei zu verlassen. Ein Kapidschi Pascha (Hofmarschall) mit sechs Schiaus (Furieren) erschien im Schlosse zu Demirtasch, wo Karl seit einigen Tagen wohnte, um ihn abzuholen. Er brachte ihm von seiten des Großherrn ein großes scharlachenes mit Gold gesticktes Zelt, einen Säbel, dessen Griff mit Edelsteinen geziert war und acht arabische Pferde von vollkommener Schönheit mit prächtigen Sätteln, deren Steigbügel von gediegenem Silber waren. Die Geschichte darf nicht unterlassen zu erwähnen, daß ein arabischer Stallmeister, dem die Obhut über diese Pferde übertragen war, dem König ihren Stammbaum übergab. Es ist dies seit lange her Brauch bei diesen Völkern, welche weit mehr Wert auf den Adel ihrer Pferde legen als auf den der Menschen, was vielleicht nicht so unvernünftig ist, weil diese Tierrassen, auf welche man große Sorgfalt verwendet und die sich nicht mit anderen vermischen, deshalb auch nie ausarten.

Sechzig mit Proviant aller Art beladene Wagen und dreihundert Pferde bildeten den Konvoi. Der Kapidschi Pascha wußte, daß mehrere Türken den Leuten aus dem Gefolge des Königs Geld zu hohen Interessen geliehen hatten. Er sagte dem König daher, der Wucher sei gegen die mohammedanische Glaubenslehre und er bitte den König deshalb, alle seine Schulden festzustellen und dem Residenten, den er in Konstantinopel lassen würde, zu befehlen, daß er nur das Kapital bezahlen solle. »Nein!« erwiderte der König, »wenn meine Diener Wechsel auf hundert Taler ausgestellt haben, so werde ich sie bezahlen und wenn sie auch nur zehn empfangen haben.«

Er ließ den Gläubigern den Vorschlag machen, ihn zu begleiten, mit der Versicherung, daß ihnen dann ihre Unkosten und ihre Guthaben in Schweden ausbezahlt werden würden. Mehrere unternahmen auch wirklich die Reise nach Schweden, und Grothusen trug Sorge dafür, daß sie befriedigt wurden.

Um ihrem Gaste eine besonders hohe Achtung zu bezeigen, ließen ihn die Türken nur ganz kleine Tagreisen machen; allein diese würdevolle Langsamkeit stimmte nicht mit der Ungeduld des Königs. Er stand auch unterwegs nach seiner Gewohnheit um drei Uhr morgens auf. Sobald er angekleidet war, weckte er selbst den Kapidschi und die Schiaus und befahl den Aufbruch, wenn es auch noch finstere Nacht war. Die türkische Gravität wurde durch diese neue Art zu reisen ganz aus dem Takte gebracht; aber der König fand ein Vergnügen daran, sie in Verlegenheit zu bringen, und bemerkte, er räche sich auf diese Art ein wenig wegen der Geschichte zu Bender.

Während er so der türkischen Grenze zueilte, überschritt sie Stanislaus auf einem andern Wege und zog sich nach Deutschland zurück, und zwar in das Herzogtum Zweibrücken, ein Gebiet, welches an die rheinische Pfalzgrafschaft und an den Elsaß grenzt und das dem König von Schweden gehörte, seitdem der Nachfolger Christinens, Karl X. diese Erbschaft der schwedischen Krone einverleibt hat. Karl wies Stanislaus die damals auf siebzigtausend Taler geschätzten Einkünfte dieses Herzogtums an. Hier endeten einstweilen so große Pläne, so kriegerische Unternehmungen, so hochfliegende Hoffnungen. Stanislaus hätte einen vorteilhaften Vertrag mit König August schließen können und wollte es auch; allein der starre Eigensinn Karls XII. brachte ihn um seinen Grundbesitz und sein wirkliches Vermögen in Polen, um ihm den leeren Titel eines Königs zu erhalten.

Stanislaus blieb bis zum Tode Karls im Herzogtum Zweibrücken. Als dieses Land dann aber wieder an einen Fürsten aus dem Hause der Pfalzgrafen zurückfiel, wählte er Weißenburg im französischen Elsaß zu seinem Aufenthalt. Der Gesandte des Königs August, Sum, beklagte sich darüber bei dem Regenten Frankreichs, dem Herzog von Orleans. Allein dieser erwiderte Herrn Sum die bemerkenswerten Worte: »Mein Herr, sagt dem König Euerm Herrn, daß Frankreich stets das Asyl unglücklicher Könige war.«

Als der König von Schweden die Grenzen Deutschlands erreichte, erfuhr er, daß der Kaiser den Befehl erteilt habe, ihn in allen ihm unterworfenen Ländern mit der gebührenden Auszeichnung zu empfangen. Die Städte und Dörfer, welche die Quartiermeister zum voraus als Stationen seiner Reise bezeichnet hatten, trafen demgemäß Anstalten zu seinem Empfang. Ueberall erwartete man mit Ungeduld die Ankunft dieses außerordentlichen Mannes, dessen Siege und Unfälle, dessen geringste Handlungen, ja selbst dessen Tage der Muße in Europa und Asien so viel von sich reden gemacht hatten. Aber Karl hatte durchaus keine Lust, alle diese Herrlichkeiten durchzumachen und den Leuten das Schauspiel des Gefangenen von Bender zu geben, er war sogar fest entschlossen, Stockholm nicht früher wieder zu betreten, als bis er durch ein besseres Glück seine Unfälle ausgewetzt haben würde.

Als er in Tergovitza an der Grenze Siebenbürgens eintraf, wo er seine türkische Begleitung entließ, versammelte er sein Gefolge in einer Scheune und sagte ihnen, sie möchten sich keine weitere Sorge um seine Person machen, sondern sich nur so bald als möglich in Stralsund – in Pommern am Gestade der Ostsee und etwa dreihundert Meilen von dem Ort, wo sie sich eben befanden – wieder einfinden. Er nahm nur Düring mit sich und verließ sein Gefolge ganz vergnügt, während dieses voll Bestürzung, Furcht und Trauer ihm nachsah. Er setzte eine schwarze Perücke auf, um sich unkenntlich zu machen, denn er trug sonst immer sein natürliches Haar, bekleidete sich mit einem goldbordierten Hut, einem distelfarbenen Rock und blauen Mantel, nahm den Namen eines deutschen Offiziers an und ritt mit seinem Reisegefährten auf Postpferden ab.

Er vermied nach Tunlichkeit die große Straße, das Gebiet seiner offenen und geheimen Feinde und nahm seinen Weg durch Ungarn, Mähren, Oesterreich, Bayern, Württemberg, die Pfalz, Westfalen und Mecklenburg. So kam er beinahe durch ganz Deutschland und verlängerte seinen Weg um die Hälfte. Am Ende des ersten Reisetags, wo es ohne Aufenthalt vorwärts ging, wurde der junge Düring, der an so außerordentliche Anstrengungen nicht so gewöhnt war wie Karl, ohnmächtig, als er vom Pferde stieg. Der König, der sich unterwegs keinen Augenblick aufhalten wollte, fragte Düring, als dieser wieder zu sich gekommen war, wie viel er Geld habe. Düring erwiderte, er habe etwa tausend Taler in Gold. »So gib mir die Hälfte,« fuhr der König fort, »ich sehe wohl, daß du nicht imstande bist, mir zu folgen; ich werde die Reise allein machen.« Düring bat, ihn nur wenigstens drei Stunden ausruhen zu lassen, und versicherte, daß er dann imstande sein würde, wieder zu Pferde zu steigen und Seine Majestät zu begleiten. Er beschwor den König, doch an die Gefahren zu denken, die ihm drohten. Aber dieser war unerbittlich, er ließ sich die fünfhundert Taler geben und verlangte Pferde. Düring war außer sich über diesen Entschluß des Königs und griff nun zu einer unschuldigen Kriegslist. Er zog den Postmeister beiseite, deutete auf den König von Schweden und sagte zu ihm: »Dieser Mensch ist mein Vetter, wir reisen zusammen in dem gleichen Geschäft; er sieht, daß ich krank bin, will aber nicht einmal drei Stunden warten; ich bitte Euch daher, gebt ihm das schlechteste Pferd aus Eurem Stalle und richtet für mich eine Kutsche oder einen Postwagen her.«

Zugleich drückte er dem Postmeister zwei Dukaten in die Hand, der nun alsbald seiner Bitte entsprach. Der König erhielt ein statisches und hinkendes Pferd und ritt nun ganz allein abends zehn Uhr in einer pechfinstern Nacht unter Sturm, Regen und Schnee ab. Nachdem sein Reisegefährte einige Stunden geschlafen hatte, machte derselbe gleichfalls sich in einem mit starken Pferden bespannten Wagen auf den Weg. Nach einigen Meilen holte er gegen Tagesanbruch den König von Schweden ein, dessen Pferd nicht mehr weiter konnte und der eben zu Fuß die nächste Poststation zu erreichen suchte.

Karl sah sich nun genötigt, in den Wagen Dürings zu steigen und schlief auf dem Stroh. Dann setzten beide ihre Reise in der Art fort, daß sie bei Tage ritten und bei Nacht in einem Wagen schliefen, sich aber nirgends aufhielten.

Nach einem sechzehntägigen Rennen, wobei sie mehrmals Gefahr liefen verhaftet zu werden, kamen sie endlich am 21. November 1714 um 1 Uhr nach Mitternacht vor den Toren der Stadt Stralsund an.

Der König rief der Schildwache zu, er sei ein vom König von Schweden aus der Türkei abgeschickter Kurier und müsse augenblicklich den Gouverneur der Festung, den General Dücker sprechen. Die Schildwache gab zur Antwort, es sei zu spät, der Gouverneur liege zu Bette, er müsse warten, bis es Tag sei.

Der König erwiderte, er komme in sehr wichtigen Angelegenheiten, und fügte hinzu, wenn die Wache den Gouverneur nicht unverzüglich wecke, so würden sie alle am nächsten Tage dafür gestraft werden. Ein Sergeant ging endlich und weckte den Gouverneur. Dücker dachte, es sei vielleicht einer der Generale des Königs von Schweden. Er ließ das Tor öffnen und man führte den Kurier in sein Zimmer. Dücker, der noch halb im Schlafe war, fragte ihn, was er Neues vom König von Schweden brächte. Da schüttelte ihn der König beim Arm und rief: »Wie! was! Dücker! Haben mich denn auch meine treuesten Untertanen vergessen?« – Jetzt erkannte der General den König; er wollte erst seinen Augen nicht trauen, dann warf er sich aus dem Bette, umarmte die Kniee seines Herrn und brach in Freudentränen aus. Im Nu verbreitete sich die Nachricht durch die ganze Stadt, alles stand auf, die Soldaten drängten sich um das Haus des Gouverneurs. Die Straßen füllten sich mit Einwohnern, die einander fragten: »Ist es denn wahr, daß der König hier ist?« – Alle Fenster wurden erleuchtet, der Wein floß in den Gassen beim Schimmer von tausend Fackeln, beim Donner der Kanonen.

Unterdessen führte man den König in sein Schlafzimmer, seit sechzehn Tagen hatte er in keinem Bette gelegen. Man mußte ihm die Stiefel von den Beinen schneiden, so sehr waren diese von der außerordentlichen Anstrengung angeschwollen. Er hatte weder Weißzeug noch Kleider; man stellte ihm in aller Eile aus dem, was sich in der Stadt Passendes vorfand, eine Garderobe zusammen. Nachdem Karl einige Stunden geschlafen hatte, erhob er sich, um eine Revue über seine Truppen abzuhalten und die Festungswerke zu besichtigen. Noch an dem gleichen Tage sandte er nach allen Richtungen Weisungen, die den Krieg energischer als je gegen seine Feinde wieder aufzunehmen befahlen. – Alle diese, dem außerordentlichen Charakter Karls XII. entsprechenden Eigentümlichkeiten wurden mir zuerst durch Herrn Fabrice mitgeteilt und dann durch den Grafen von Croissi, der Gesandter bei diesem Fürsten war, bestätigt.

Die politische Lage des christlichen Europas war aber damals eine ganz andere, als da Karl es im Jahr 1709 verlassen hatte.

Der Krieg, welcher ganz Westeuropa, das heißt Deutschland, England, Holland, Frankreich, Spanien, Portugal und Italien so lange Zeit zerrissen hatte, war erloschen. Dieser allgemeine Frieden war durch kleine am englischen Hofe entstandene Zwistigkeiten herbeigeführt worden. Der Graf von Oxford, ein geschickter Minister, und Lord Bolingbroke, einer der geistreichsten Köpfe und der größte Redner seines Jahrhunderts trugen den Sieg über den berühmten Herzog von Marlborough davon und veranlaßten die Königin Anna mit Ludwig XIV. Frieden zu schließen. Sobald Frankreich mit England ausgesöhnt war, nötigte es auch die übrigen Mächte sich dem Übereinkommen anzuschließen.

Der Enkel Ludwigs XIV., Philipp V. begann in Ruhe über die Trümmer der spanischen Monarchie zu herrschen. Der deutsche Kaiser, der jetzt auch Herr von Neapel und Flandern geworden war, befestigte sich in seinen weiten Reichen. Ludwig XIV. aber strebte nur noch danach, seine lange Laufbahn in Frieden zu beenden.

Die Königin Anna von England war am 10. August 1714 gestorben. Sie nahm den Haß der einen Hälfte der Nation mit ins Grab, weil sie so vielen Staaten den Frieden geschenkt hatte. Da ihr Bruder Jakob Stuart, jener unglückliche, beinahe von der Geburt an vom Throne ausgeschlossene Prinz, damals nicht in England erschien, um eine Erbschaft in Anspruch zu nehmen, welche ihm ein neues Gesetz sicher zuerkannt haben würde, wenn seine Partei die Oberhand erhielt, so wurde der Kurfürst von Hannover als Georg I. einstimmig zum König von Großbritannien gewählt. Der Thron fiel diesem Fürsten somit nicht kraft des Geblüts zu, obschon er von einer Tochter Jakobs abstammte, sondern auf Grund einer Parlamentsakte.

Georg, in bereits vorgerücktem Alter zur Regierung eines Landes berufen, dessen Sprache er nicht verstand und in dem ihm alles fremd war, betrachtete sich stets mehr als Kurfürst von Hannover, denn als König von England. Sein ganzer Ehrgeiz ging darauf aus, seine deutschen Staaten zu vergrößern. Beinahe alljährlich kam er über das Meer, um seine alten Untertanen wieder zu sehen, von denen er angebetet wurde. Im übrigen gefiel es ihm besser als Mensch zu leben denn als Herrscher. Der Prunk der Königswürde war für ihn eine schwere Last. Er lebte im Kreise einiger alter Höflinge, mit denen er auf einem vertrauten Fuße stand und wenn er keineswegs derjenige europäische Fürst war, welcher am meisten Glanz entfaltete, so war er dafür einer der weisesten Regenten und der einzige, der auf dem Throne zugleich die Süßigkeiten des Privatlebens und der Freundschaft kostete. – Dies waren die hervorragenden Monarchen und solcher Art die Lage des mittäglichen Europa.

Die im Norden eingetretenen Veränderungen waren anderer Natur. Die dortigen Könige befanden sich im Kriegszustand und im Bunde gegen den König von Schweden.

August hatte längst wieder den Thron von Polen bestiegen, und zwar mit Hilfe des Zaren und unter Zustimmung des deutschen Kaisers, Annas von England und der Generalstaaten, welche sämtlich den Frieden von Altranstädt garantiert hatten, so lange Karl XII. noch das Gesetz gab, und die ihre Bürgschaft alsbald fallen ließen, als er nicht mehr zu fürchten war.

Aber August blieb nicht im ruhigen Besitze seiner Macht. Als die Republik Polen ihren König wieder aufnahm, ließ sie damit auch ihre Furcht vor der Willkürherrschaft wieder herein. Sie erhob sich in Waffen, um jenen zu nötigen, die pacta conventa einen zwischen Volk und König errichteten geheiligten Vertrag anzuerkennen, und schien ihren Herrn nur deshalb zurückberufen zu haben, um ihm den Krieg zu erklären. Zu Anfang dieser Wirren hörte man den Namen Stanislaus nicht nennen; seine Partei schien vernichtet und man gedachte auch des Königs von Schweden in Polen nur wie eines Stroms, der eine Zeitlang den Lauf aller Dinge bei seinem Durchgang geändert hatte.

Pultawa und die Abwesenheit Karls XII. hatte nicht nur den Fall von Stanislaus verursacht, sondern auch den des Herzogs von Holstein, Neffen Karls, nach sich gezogen, den der König von Dänemark seines Landes beraubte. Der König von Schweden hatte den Vater zärtlich geliebt; das Unglück des Sohnes ging ihm sehr zu Herzen. Da er in seinem Leben nur für den Ruhm gearbeitet hatte, so war der Fall der Herrscher, die er gemacht oder wieder eingesetzt hatte, für ihn ebenso empfindlich wie der Verlust so vieler Provinzen.

Man stritt sich in der Tat, wer sich durch diese Verluste bereichern sollte. Friedrich Wilhelm, inzwischen König von Preußen geworden und ebenso kriegslustig als sein Vater friedliebend gewesen war, begann damit, sich Stettin und einen Teil von Pommern ausfolgen zu lassen, worauf er einige Rechte hatte, da er dem König von Dänemark und dem Zaren viermalhunderttausend Taler vorgestreckt hatte.

Ebenso hatte der zum König von England erhobene Kurfürst Georg von Hannover das Herzogtum Bremen und Verden eingezogen, das ihm der König von Dänemark als Pfand für sechzigtausend Pistolen überwiesen hatte. So verfügte man über die Länder, die man Karl XII. entrissen hatte, und diejenigen, welche diese Beutestücke in ihren Gewahrsam nahmen, wurden um ihres Interesses willen ebenso gefährliche Feinde, wie diejenigen, welche sie weggenommen hatten.

Was den Zaren betrifft, so war er ohne Zweifel am meisten zu fürchten: seine früheren Niederlagen, seine Siege, seine Fehler sogar, die Beharrlichkeit, womit er sich selbst instruierte und seinen Untertanen zeigte, was er gelernt hatte, seine beständigen Arbeiten hatten ihn zu einem großen Manne in jeder Richtung gemacht. Bereits hatte er Riga genommen; Livland, Ingermanland, Karelien, die Hälfte von Finnland, lauter Provinzen, welche die Vorfahren Karls erobert hatten, beugten sich jetzt unter das Joch des Moskowiters. Peter Alexjewitsch, welcher zwanzig Jahre früher nicht eine Barke in der Ostsee gehabt hatte, war jetzt Herr dieses Meeres und besaß eine Flotte von dreißig großen Linienschiffen.

Eines dieser Schiffe war aus seinen eigenen Händen hervorgegangen; er war der beste Schiffszimmermann, der beste Admiral, der beste Steuermann des Nordens. Vom Bosnischen Meerbusen bis an das Atlantische Meer, gab es keinen schwierigen Durchgang, den er nicht persönlich sondiert hatte, wobei er die Arbeit eines Matrosen mit den Erfahrungen eines Philosophen und den Plänen eines Kaisers verband und allmählich und auf der Staffel der Siege zum Admiral aufstieg, wie er zu Land zum General herauf gedient hatte.

Während der Fürst Gallitzin, den er selbst zum General herangebildet hatte und einer der Männer, die ihn bei seinen Unternehmungen besonders unterstützten, die Eroberung Finnlands vollendete, die Stadt Wasa einnahm und die Schweden schlug, stach der Kaiser selbst in die See, um die in der Ostsee nur zwölf Stunden von Stockholm gelegene Insel Aland zu erobern.

Im Juli 1714 zog er zu dieser Unternehmung aus, während sein Nebenbuhler Karl XII. zu Demotica im Bette lag. Er schiffte sich im Hafen von Cronslot ein, den er vor einigen Jahren in einer Entfernung von vier Meilen von St. Petersburg angelegt hatte. Dieser neue Hafen, die Flotte, die derselbe enthielt, die Offiziere und Matrosen, die diese bemannten, das alles war sein Werk und wohin er schauen mochte, so sah er nichts, was er nicht in irgend einer Weise geschaffen hätte.

Am 15. Juli schwamm die russische Flotte in der Höhe von Aland. Sie zählte dreißig Linienschiffe, achtzig Galeeren und hundert Halbgaleeren. Auf ihr befanden sich zwanzigtausend Soldaten; Admiral Apraxin befehligte sie; der russische Kaiser diente in der Eigenschaft eines Konteradmirals darauf.

Am 16. kam ihr die schwedische Flotte unter dem Kommando des Vizeadmirals Ehrensköld entgegen; sie war um zwei Drittel schwächer, gleichwohl schlug sie sich drei Stunden lang. Der Zar machte sich an das Schiff Ehrenskölds und nahm es nach einem hartnäckigen Kampfe.

Noch am Tage des Sieges schiffte er sechzehntausend Mann auf Aland aus, und nachdem er viele schwedische Soldaten, welche sich nicht mehr auf Ehrenskölds Flotte hatten einschiffen können, gefangen genommen, führte er sie auf seinen Schiffen fort. Mit Ehrenskölds Hauptschiff, drei Linienschiffen von geringerer Größe, einer Fregatte und sechs Galeeren, deren er sich im Kampfe bemächtigt hatte, kehrte er nach seinem Hafen von Cronslot zurück.

Von Cronslot fuhr er mit seiner ganzen siegreichen Flotte und den dem Feinde abgenommenen Schiffen nach dem Hafen von St. Petersburg. Dort wurde er durch eine dreifache Salve von hundertfünfzig Kanonen begrüßt; dann hielt er einen triumphierenden Einzug, der ihm noch mehr schmeichelte als der Einzug in Moskau, weil er diese Ehren in seiner Lieblingsstadt entgegen nahm, an einem Orte, wo es zehn Jahre vorher noch keine Hütte gegeben und wo jetzt vierunddreißigtausendfünfhundert Häuser standen; endlich, weil er sich nicht nur an der Spitze einer siegreichen Flotte befand, sondern weil es zugleich die erste russische Flotte war, die man überhaupt jemals in der Ostsee gesehen hatte, und die einer Nation entstammte, welche vor ihm eine Flotte nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte.

Man beobachtete zu St. Petersburg ungefähr die nämlichen Zeremonien, wie bei dem Moskauer Schauspiel. Der schwedische Vizeadmiral war die Hauptzierde des neuen Triumphes; Peter Alexjewitsch erschien dabei in der Eigenschaft als Konteradmiral. Der russische Bojar Romanodowski, welcher bei feierlichen Gelegenheiten den Zaren vorstellte, saß auf einem Throne mit zwölf Senatoren zur Seite. Der Konteradmiral überreichte ihm seinen Siegesbericht und wurde in Anbetracht seiner Dienste zum Vizeadmiral ernannt; ein sonderbares Schauspiel, das aber in einem Lande, wo die militärische Subordination unter die Neuerungen gehörte, welche der Zar eingeführt hatte, nicht ohne Bedeutung war.

Der russische Kaiser hatte endlich die Schweden zur See wie zu Lande besiegt, er hatte geholfen sie aus Polen zu vertreiben und herrschte nun selbst dort. Er hatte sich zum Vermittler zwischen der Republik und August aufgeworfen, was ihm vielleicht ebensoviel Ruhm einbrachte, als wenn er dort einen König eingesetzt hätte. Der Glanz und alles Glück Karls war auf den Zaren übergegangen, und er genoß dasselbe in besserer Weise als sein Nebenbuhler, denn er nützte alle seine Erfolge zum Fortschritte seines Landes aus. Wenn er eine Stadt nahm, so mußten die ersten Kunsthandwerker ihre Industrie nach St. Petersburg überführen; die Gewerbe, die Künste, die Wissenschaften der den Schweden entrissenen Provinzen trug er sämtlich auf Rußland über: durch seine Siege wurden seine Staaten bereichert und so wurde er derjenige Eroberer, der am meisten zu entschuldigen war.

Schweden dagegen, jetzt fast aller seiner jenseits des Meeres gelegenen Provinzen beraubt, besaß weder Handel, noch Geld, noch Kredit mehr. Seine alten, so furchtbaren Truppen waren in den Schlachten oder im Elend zugrunde gegangen. Mehr als hunderttausend Schweden schmachteten als Sklaven in den weiten Staaten des Zaren, fast ebensoviele waren an die Türken und Tataren verkauft. Der Mangel an Menschen war empfindlich, aber die Hoffnung lebte wieder auf, sobald man erfuhr, daß sich der König zu Stralsund befinde.

Die Verehrung und Bewunderung für ihn lebte noch so mächtig im Geiste seiner Untertanen, daß sich die ländliche Jugend in Menge herandrängte, um sich einreihen zu lassen, obschon es dem Lande an Händen zur Bebauung fehlte.

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