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Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 6
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titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
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Fünftes Buch.

Zustand der ottomanischen Pforte. Karl verweilt in der Nähe von Bender. Seine Beschäftigung. Seine Intrigen bei der Pforte. Seine Pläne. August besteigt wieder den polnischen Thron. Der König von Dänemark macht einen Einfall in Schweden. Alle anderen Staaten Karls werden angegriffen. Der Zar zieht im Triumph in Moskau ein. Die Geschichte am Pruth und die Zarin, die aus einer Bäuerin Kaiserin wird.

Damals regierte Achmet IV. das türkische Reich. Er war im Jahre 1703 durch eine Revolution, die derjenigen, welche in England die Krone Jakobs II. an seinen Schwiegersohn Wilhelm brachte, ähnelte, an Stelle seines Bruders Mustapha auf den Thron gelangt. Mustapha war nämlich von seinem Mufti beherrscht, den man allgemein verabscheute, und hatte dadurch das ganze Reich gegen sich aufgebracht. Das Heer, mittels dessen er die Unzufriedenen züchtigen wollte, machte bald gemeinschaftliche Sache mit ihnen. Er selbst wurde ergriffen, feierlich abgesetzt und sein Bruder aus dem Serail geholt, um Sultan zu werden, ohne daß dabei ein Tropfen Blut vergossen wurde. Achmet sperrte den abgesetzten Sultan in das Serail von Konstantinopel, wo er zum großen Erstaunen der Türken, die gewöhnt sind, daß der Absetzung ihrer Fürsten immer sofort der Tod folgt, noch einige Jahre lebte.

Der neue Sultan ließ als Dank für eine Krone, die er aus der Hand der Minister, der Generale und der Offiziere der Janitscharen erhalten, diese alle nacheinander beseitigen, weil er fürchtete, sie könnten eines Tags eine zweite Revolution machen. Durch die Aufopferung so vieler tüchtiger Männer schwächte er zwar die Kräfte des Reichs, aber er befestigte seinen Thron, wenigstens für einige Jahre. Er legte sich nun darauf, Schätze zu sammeln. Er war der erste der Ottomanen, der es wagte, die Münze zu ändern und neue Steuern aufzuerlegen. Allein er sah sich bald genötigt, in diesen beiden Unternehmungen inne zu halten, um nicht eine neue Empörung herbeizuführen; denn die Raubsucht und Tyrannei des Großherrn erstreckte sich sonst immer nur auf die höchsten Beamten des Reichs, die, mögen sie sein wie sie wollen, Haussklaven des Sultans sind. Die übrigen Muselmänner leben in der größten Sicherheit und haben weder für ihr Leben noch für ihr Vermögen noch für ihre Freiheit zu fürchten.

Ein solcher Mann also war der türkische Kaiser, bei dem der Schwedenkönig ein Asyl suchte. Karl schrieb ihm, sobald er sich auf dessen Gebiet befand; dieser Brief ist vom 13. Juli 1709 datiert. Es haben verschiedene Abschriften davon kursiert, die aber sämtlich für falsch gelten; unter allen jedoch, die ich gesehen, befindet sich nicht eine, die nicht von dem hohen Sinne des Königs zeugte und mehr seinem Mut als seiner Lage angemessen war. Der Sultan ließ ihm erst gegen Ende September antworten. Der Hochmut der ottomanischen Pforte gab Karl XII. zu verstehen, daß sie einigen Unterschied zwischen dem türkischen Kaiser und einem christlichen, besiegten und flüchtigen König eines Teils von Skandinavien finde. Im übrigen sind derartige Briefe, welche die Könige sich äußerst selten selbst schreiben, nur leere Förmlichkeiten, aus denen sich weder der Charakter der Souveräne noch ihre Angelegenheiten erkennen lassen.

Karl XII. in der Türkei war in der Tat nichts weiter als ein ehrenvoll behandelter Gefangener. Gleichwohl faßte er den Plan, das ottomanische Reich gegen seine Feinde zu waffnen. Er schmeichelte sich, Polen wieder unter sein Joch zu bekommen und Rußland zu unterwerfen. Er besaß einen Gesandten in Konstantinopel; wer ihm aber bei diesen großartigen Projekten am meisten an die Hand ging, war der Graf Poniatowski,Von Poniatowski stammen viele diese Geschichte betreffende und von Voltaire benutzte Manuskripte. welcher ohne Mission nach Konstantinopel ging und sich bald dem König notwendig, der Pforte angenehm, den Großwesir aber gefährlich machte.

Einer der Männer, der seine Pläne am geschicktesten unterstützte, war der Arzt Fonseca,Es war ein französischer Renegat, namens Goin, und erster Wundarzt des Serails. Poniatowski. ein portugiesischer in Konstantinopel ansässiger Jude, ein gelehrter und feiner, geschäftsgewandter Mann und vielleicht der einzige Philosoph seines Volks. Sein Beruf erwarb ihm Zutritt zu der ottomanischen Pforte, und oft das Vertrauen der Wesire. Ich habe ihn in Paris gut gekannt; er hat mir all die Einzelheiten, die ich nun erzählen werde, bestätigt. Der Graf Poniatowski hat mir selbst gesagt und geschrieben, daß es ihm gelungen, Briefe an die Sultanin Valide, Mutter des gegenwärtigen Kaisers gelangen zu lassen, die früher von ihrem Sohne schlecht behandelt worden war, nun aber Einfluß im Serail zu gewinnen begann. Eine Jüdin, die häufig zu dieser Fürstin kam, erzählte ihr unaufhörlich von den Taten des Schwedenkönigs und unterhielt sie trefflich mit diesen Geschichten. Die Sultanin, unter dem Druck einer geheimen Neigung, welche die Frauen in der Regel für außerordentliche Männer empfinden, auch wenn sie sie nicht gesehen haben, ergriff im Serail mit Wärme die Partei dieses Fürsten: sie nannte ihn nur ihren Löwen. »Wann,« pflegte sie zum Sultan, ihrem Sohne zu sagen, »wann willst du einmal meinem Löwen diesen Zaren verschlingen helfen?« – Sie setzte sich sogar über die strengen Gesetze des Serails so weit hinweg, daß sie dem Grafen Poniatowski eigenhändig mehrere Briefe schrieb, welche sich zur Zeit, da diese Geschichte verfaßt wurde, noch in dessen Händen befanden.

Inzwischen hatte man den König durch jene Wüste, die ehedem die Gätensteppe hieß, unter Ehrenbezeigungen bis Bender geführt. Die Türken trugen Sorge, daß ihm unterwegs keine der Bequemlichkeiten fehlte, die seine Reise zu einer angenehmen machen konnte. Viele Schweden, Polen und Kosaken, die nach und nach den Händen der Russen entronnen waren, kamen auf verschiedenen Wegen heran und vermehrten sein Gefolge. Als er zu Bender anlangte, hatte er bereits achtzehnhundert Mann bei sich; alle diese Leute wurden nebst ihren Pferden auf Kosten des Großherrn genährt und untergebracht.

Der König wollte lieber in der Nähe von Bender lagern, als in der Stadt wohnen. Der Seraskier Jussuf Pascha ließ daher ein prächtiges Zelt für ihn aufschlagen; auch alle Herren seines Gefolges erhielten solche Zelte. Einige Zeit später ließ sich der König dort ein Haus bauen, seine Offiziere folgten seinem Beispiele nach und die Soldaten errichteten Baracken, so daß aus dem Lager allmählich eine kleine Stadt wurde. Der König war von seiner Verwundung noch nicht ganz hergestellt; man mußte ihm einen angefressenen Knochen aus dem Fuße ziehen. Sobald er aber wieder zu Pferde steigen konnte, nahm er auch seine gewöhnlichen Strapazen wieder auf, erhob sich mit der Sonne, ritt täglich drei Pferde müde und ließ seine Soldaten exerzieren. Als einzige Unterhaltung spielte er zuweilen Schach und wenn man aus kleinen Dingen den Menschen erkennen kann, so sei hier verraten, daß er bei diesem Spiel immer den König vorangehen ließ; er bediente sich desselben mehr als aller anderen Figuren und verlor deshalb auch alle Partien.

Karl erfreute sich zu Bender eines solchen Ueberflusses an allem, wie er sonst bei einem besiegten und flüchtigen Fürsten nicht gefunden wird; denn außer den mehr als hinreichenden Lebensmitteln und den fünfhundert Talern, die er täglich von der freigebigen Pforte erhielt, bezog er auch noch Geld aus Frankreich und entlehnte bei den Kaufleuten in Konstantinopel. Ein Teil dieses Geldes wurde dazu verwendet, Intrigen im Serail zu unterhalten, die Gunst der Wesire zu erkaufen oder ihr Verderben herbeizuführen; den anderen Teil verschwendete er unter seine Offiziere und die Janitscharen, die ihn zu Bender bewachten. Sein Günstling und Schatzmeister Grothusen mußte jene Summen auszahlen; es war dies ein Mann, der gegen die Gewohnheit der an solchen Posten angestellten Beamten ebenso gerne gab wie sein Herr. Eines Tags überreichte er dem König eine Rechnung über sechzigtausend Taler, die er in zwei Linien abgemacht hatte: »Zehntausend Taler den Schweden und Janitscharen nach dem großmütigen Befehl Seiner Majestät ausbezahlt, das übrige von mir verbraucht.« – »So lieb' ich es, wenn meine Freunde mir Rechnung ablegen,« bemerkte der König. »Müller läßt mich wegen zehntausend Frank ganze Seiten lesen. Der lakonische Stil Grothusens gefällt mir besser.« – Einer der alten Offiziere, der für etwas geizig galt, beklagte sich, daß Seine Majestät alles an Grothusen hänge. »Ich gebe nur denen Geld, die einen Gebrauch davon zu machen verstehen,« erwiderte der König darauf. Diese Freigebigkeit brachte ihn nicht selten in den Fall, daß er nichts mehr zum Geben hatte. Eine größere Sparsamkeit wäre ebenso nützlich als ehrenwert gewesen; allein es war einmal der Fehler dieses Fürsten, daß er alle Tugenden übertrieb. Von Konstantinopel kamen viele Fremde, um ihn zu sehen. Die Türken und Tataren der Umgegend erschienen in Menge; alle achteten und bewunderten ihn. Seine beharrliche Enthaltsamkeit vom Wein und die Regelmäßigkeit, womit er täglich zweimal den öffentlichen Gebeten anwohnte, veranlaßten jene oft zu dem Ausruf: »Es ist ein echter Muselmann.« Sie brannten vor Ungeduld, mit ihm gegen die Russen zu marschieren.

In dieser Muße zu Bender, die länger dauerte als er dachte, gewann er allmählich auch Geschmack am Lesen. Der Baron Fabrice, ein Edelmann des Herzogs von Holstein, ein junger liebenswürdiger Herr von jener Heiterkeit und jenen leichten Umgangsformen, die den Fürsten gefallen, war es, der ihn hierzu veranlaßte. Er war an ihn nach Bender gesandt worden, um dort die Interessen des jungen Herzogs von Holstein zu wahren, und es war ihm gelungen, sich bei dem Könige beliebt zu machen. Er hatte alle guten französischen Schriftsteller gelesen und veranlaßte nun den König, die Tragödien von Pierre Corneille, von Racine und die Werke von Despréaux zu lesen. Der König konnte den Satiren des letzteren, die auch wirklich nicht zu dessen besten Sachen gehören, durchaus keinen Geschmack abgewinnen, dagegen liebte er seine anderen Schriften sehr. Als man ihm jene Stelle der achten Satire vorlas, wo der Dichter Alexander als einen Narren und Tollen behandelt, zerriß Karl das Blatt.

Von allen französischen Tragödien gefiel ihm Mithridates am meisten, weil die Lage dieses gefangenen und nach Rache lechzenden Königs ganz der seinigen glich. Er zeigte Fabrice mit dem Finger die Stellen, welche am meisten Eindruck auf ihn gemacht hatten; er wollte aber keine laut lesen, überhaupt kein französisches Wort aussprechen. Selbst als er später zu Bender den französischen Gesandten bei der Pforte Defaleurs, einen höchst verdienstvollen Mann, der aber nur seine Muttersprache verstand, bei sich empfing, gab er demselben nur in lateinischer Sprache Antwort; und als Desaleurs ihm bemerklich machte, daß er nicht vier Worte von dieser Sprache verstehe, ließ der König lieber einen Dolmetscher kommen, als daß er französisch sprach.

Dies waren die Beschäftigungen Karls XII. zu Bender, wo er eine türkische Armee zu seiner Unterstützung erwartete. Sein Gesandter legte dem Großwesir im Namen des Königs hierauf bezügliche Denkschriften vor und Poniatowski unterstützte dieselben durch die ihm zu Gebote stehenden Mittel. Es gelang diesem sich überall einzuführen; dabei erschien er nur als Türke gekleidet und alle Türen standen ihm offen. Der Großherr ließ ihm einen Beutel mit tausend Dukaten überreichen und der Großwesir sagte zu ihm: »Ich will Euern König an die eine Hand nehmen und einen Säbel in die andere, und will ihn an der Spitze von zweimalhunderttausend Mann nach Moskau führen.« Dieser Großwesir hieß Tschurluli Ali Pascha; er war der Sohn eines Bauern aus dem Dorfe Tschurlu. Eine solche Abstammung ist bei den Türken kein Fehler; man kennt dort keinerlei Adel, weder einen mit Macht und Würde verbundenen, noch einen bloßen Titularadel. Die persönlichen Verdienste allein müssen dort alles tun; fast im ganzen Orient ist dies so, eine sehr natürliche und treffliche Sitte, wenn nur immer das Verdienst mit Würden belohnt würde; aber die Wesire sind in der Regel nur die Geschöpfe eines schwarzen Eunuchen oder einer Lieblingssklavin.

Der erste Minister ward bald anderer Ansicht, der König konnte nur verhandeln, aber der Zar konnte Geld geben; er gab und zwar von dem, welches Karln XII. gehört hatte. Die zu Pultawa genommene Kriegskasse lieferte auf diese Art neue Waffen gegen den Besiegten. Bald war von einem Krieg gegen die Russen nicht mehr die Rede. Der Zar gewann allmählich Einfluß bei der Pforte; sie gestand seinem Gesandten Ehren zu, welche die russischen Minister bis dahin noch nicht in Konstantinopel genossen hatten; man gestattete ihm ein Serail, das heißt einen Palast im Frankenviertel und den Verkehr mit den fremden Ministern. Der Zar glaubte sogar die Auslieferung Mazeppas verlangen zu können, wie Karl einst die des unglücklichen Patkul verlangt hatte. Tschurluli Ali Pascha wußte nicht mehr, was er einem Fürsten verweigern sollte, der ein Verlangen stellte, während er zugleich Millionen gab. So wagte es dieser nämliche Großwesir, der kurz vorher feierlich versprochen hatte, den König von Schweden mit zweimalhunderttausend Mann nach Rußland zu führen, ihm die Aufopferung Mazeppas anzusinnen. Karl war außer sich über diese Zumutung. Man weiß nicht, wie weit der Wesir diese Sache getrieben haben würde, wenn nicht der siebzigjährige Mazeppa gerade um diese Zeit gestorben wäre. Der Schmerz und der Zorn des Königs stieg noch höher, als er erfuhr, daß der Gesandte des Zaren bei der Pforte, Tolstoy, sich öffentlich von Schweden bedienen ließ, die bei Pultawa gefangen worden waren, und daß man diese braven Soldaten täglich auf dem Markte zu Konstantinopel verkaufte. Der russische Gesandte sprach es sogar laut aus, daß die türkischen Truppen zu Bender eher dort seien, um sich des Königs zu versichern, als um ihm eine Ehre anzutun.

Karl, von dem Großwesir verlassen, von dem Geld des Zaren in der Türkei besiegt, nachdem er in der Ukraine durch dessen Waffen überwältigt worden war, sah sich von der Pforte getäuscht und fast wie ein Gefangener unter den Tataren behandelt. Sein Gefolge begann zu verzweifeln. Er allein blieb fest und schien nicht einen Augenblick niedergeschlagen; er glaubte, der Sultan wisse nicht um die Intrigen seines Großwesirs Tschurluli Ali; er beschloß daher, ihm Mitteilung davon zu machen und Poniatowski nahm diesen kecken Auftrag über sich. Der Großherr geht alle Freitage in die Moschee, umgeben von seinen Solaks, einer Art Garden, deren Turbane mit so hohen Federn geschmückt sind, daß sie den Sultan dem Anblick des Volks entziehen. Wenn man daher dem Großherrn eine Bittschrift zu übergeben hat, sucht man sich unter diese Garden zu mischen und hält die Bittschrift hoch empor. Bisweilen hat der Sultan die Gnade sie selbst abzunehmen; öfters aber beauftragt er einen Aga damit und läßt sich dann beim Verlassen der Moschee die Bittschrift reichen. Er hat nicht zu fürchten, daß er durch unnütze und gleichgültige Bittschriften belästigt werde, denn man schreibt in Konstantinopel in einem Jahre weniger als zu Paris an einem einzigen Tage. Noch weniger wagt man es Beschwerdeschriften gegen die Minister zu übergeben, weil sie der Sultan in der Regel, ohne sie selbst gelesen zu haben, an jene schickt. Allein Poniatowski hatte eben nur diesen Weg, um dem Großherrn die Klagen des Königs von Schweden zukommen zu lassen. Er entwarf eine den Großwesir schwer beschuldigende Beschwerdeschrift. Der damalige Gesandte von Frankreich de Feriol, der mir diese Tatsache erzählt hat, ließ die Schrift ins Türkische übersetzen. Man gab einem Griechen Geld, um sie zu übergeben. Dieser Grieche mischte sich unter die Garden des Großherrn und hob das Papier so lange und so stark in die Höhe und machte dabei ein solches Geräusch, daß der Sultan darauf aufmerksam wurde und selbst die Denkschrift nahm.

Man hat sich mehrmals dieses Mittels bedient, um dem Sultan Beschwerdeschriften gegen seine Wesire zuzustellen; bald darauf überreichte auch der Schwede Leloing eine solche. Karl XII. war in der Türkei so weit herabgekommen, daß er sich der Hilfsmittel eines unterdrückten Untertans bedienen mußte.

Als alle Antwort auf seine Beschwerden schickte der Sultan dem König von Schweden einige Tage nachher fünfundzwanzig arabische Pferde, worunter eins, das Seine Hoheit selbst getragen hatte und das mit einem Sattel und einer Schabracke bedeckt war, die von Edelsteinen strotzte, und Bügel von massivem Gold hatte. Dieses Geschenk war von einem artigen Schreiben begleitet, welches jedoch in allgemeinen Ausdrücken abgefaßt war und den Verdacht erweckte, der Minister habe nichts ohne Zustimmung des Sultans getan. Tschurluli, der es verstand seine wahre Ansicht zu verhüllen, schickte dem König gleichfalls fünf seltene Pferde. Aber Karl sagte zu dem, der sie brachte in stolzem Ton: »Kehrt damit zu Euerm Herrn zurück und sagt ihm, daß ich von meinen Feinden keine Geschenke annehme.«

Nachdem Poniatowski es gewagt hatte, eine Beschwerdeschrift gegen den Großwesir überreichen zu lassen, faßte er den kühnen Gedanken ihn zu stürzen. Er wußte, daß dieser Wesir der Königin-Mutter mißfiel, daß der Kislar Aga, der Hauptmann der schwarzen Eunuchen und der Aga der Janitscharen ihn haßten; er hetzte daher diese drei sämtlich auf, gegen ihn zu sprechen. Es war gewiß merkwürdig, daß ein Christ, ein Pole, ein unbeglaubigter Agent eines zu den Türken geflüchteten Schwedenkönigs fast offen an der Pforte gegen einen Vizekönig des ottomanischen Reichs, der noch dazu seinem Herrn nützlich und angenehm war, solche Ränke spinnen durfte. Poniatowski würde wohl auch nie durchgedrungen sein, und schon der Gedanke an einen solchen Plan hätte ihm den Hals gekostet, wenn nicht eine stärkere Macht als alle anderen in seinem Interesse Arbeitenden den entscheidenden Schlag gegen das Glück des Großwesirs Tschurluli geführt hätte.

Der Sultan hatte nämlich einen jungen Günstling, welcher später das ottomanische Reich regierte, im Jahre 1716 aber in Ungarn in der vom Prinzen Eugen von Savoyen gegen die Türken gewonnenen Schlacht bei Peterwardein fiel. Er hieß Cumürdschi Ali Pascha. Seine Herkunft war von derjenigen des Tschurluli nicht sehr verschieden: er war nämlich der Sohn eines Kohlenträgers, wie der Name Cumürdschi andeutet, denn Cumür heißt auf türkisch Kohle. Der Kaiser Achmet II., Oheim von Achmet III., hatte in einem Wäldchen bei Adrianopel den Knaben Curmürdschi gefunden. Seine außerordentliche Schönheit machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß er ihn in sein Serail führen ließ. Er gefiel auch Mustapha, dem ältesten Sohn von Mohammed IV. und Nachfolger Achmets II. Achmet III. machte ihn zu seinem Günstling. Er hatte zwar damals nur das Amt eines Seliktar Aga, Säbelträgers der Krone inne; seine große Jugend gestattete ihm noch nicht, die Würde eines Großwesirs zu erstreben; aber er besaß den Ehrgeiz, Wesire zu ernennen. Es gelang der schwedischen Partei zwar nie, diesen Günstling für sich zu gewinnen; niemals war er ein Freund von Karl oder irgend einem christlichen Fürsten und Gesandten; bei diesem Anlaß aber diente er dem König Karl XII. ohne es zu wollen. Er verband sich mit der Sultanin Valide und den Großoffizieren der Pforte, um Tschurluli zu stürzen, den sie alle haßten. Dieser alte Minister, der seinem Herrn lange und gut gedient hatte, wurde so das Opfer der Laune eines Knaben und den Kabalen eines Fremden. Man nahm ihm seine Würde und seine Schätze; man nahm ihm sogar seine Frau, welche die Tochter des letzten Sultans Mustapha war, und verbannte ihn nach Kaffa, ehedem Theodosia, in der Krim. Das Reichssiegel erhielt Numan Kuprogli, Enkel des großen Kuprogli (Kieuperli), der Candia erobert hatte. Dieser neue Wesir war ein Mann, wie sich übelberichtete Christen einen Türken nicht vorstellen können, das heißt, er war von unbeugsamer Rechtschaffenheit, ein gewissenhafter Beobachter des Gesetzes, der dem Willen des Sultans oft die Forderung der Gerechtigkeit entgegen hielt. Er wollte nichts von einem Krieg gegen die Russen wissen, weil er ihn für unrecht und unnütz hielt. Aber dieselbe Unterwürfigkeit unter sein Gesetz, die ihn abhielt den Zaren gegen die beschworenen Verträge zu befehden, trieb ihn andererseits die Pflichten der Gastfreundschaft gegen den König von Schweden zu achten. Er sagte zu seinem Herrn: »Das Gesetz verbietet dir den Zaren anzugreifen, der dich nicht gekränkt hat; aber es gebietet dir auch, dem König von Schweden beizustehen, der unglücklich ist und sich in deinem Lande befindet.« – Er ließ also diesem Fürsten achthundert Beutel auszahlen (ein Beutel ist fünfhundert Taler), und gab ihm den Rat, durch die Staaten des deutschen Kaisers oder auf den französischen Schiffen, welche sich damals in dem Hafen von Konstantinopel befanden und die der französische Gesandte bei der Pforte, de Feriol, Karl XII. zur Ueberfahrt nach Marseille zur Verfügung gestellt hatte, friedlich in sein Reich zurückzukehren. Der Graf Poniatowski verhandelte lebhafter als je mit dem Großwesir und gewann allmählich eine solche Obergewalt bei dem unbestechlichen Wesir daß das Gold der Russen nicht mehr dagegen aufkommen konnte. Die russische Partei kam daher zu der Ueberzeugung, daß das sicherste Mittel die Vergiftung dieses gefährlichen Unterhändlers sei. Man gewann einen seiner Diener, der ihm im Kaffee Gift beibringen sollte. Das Verbrechen wurde jedoch noch vor der Ausführung entdeckt. Man fand das Gift in den Händen des Dieners in einer kleinen Phiole, die man dem Großherrn brachte. Der Giftmischer wurde vor dem versammelten Diwan gerichtet und zu den Galeeren verurteilt, weil die türkische Justiz Verbrechen, die nicht zur Ausführung gelangen, nie mit dem Tode bestraft.

Aber Karl XII. lebte des festen Glaubens, daß es ihm früher oder später gelingen werde, das türkische Reich gegen das russische zu waffnen, und wollte deshalb keinen der Vorschläge annehmen, der auf eine ruhige Rückkehr in seine Staaten abzielte. Er hörte nicht auf, diesen nämlichen Zaren, den er so lange verachtet hatte, den Türken als einen furchtbaren Feind vorzumalen. Seine Unterhändler mußten unaufhörlich darauf hinweisen, daß Peter Alexewitsch sich zum Herrn des Schwarzen Meeres machen wolle und, nachdem er die Kosaken unterjocht, nunmehr das Auge auf die Krim geworfen habe. Bald setzten diese Vorstellungen die Pforte in Alarm, bald gelang es den russischen Ministern wieder, jene zu entkräften.

Während Karl XII. so sein Geschick von dem Gutdünken der Wesire abhängig machte, und von einer fremden Macht Wohltaten und Kränkungen empfing, während er dem Sultan Beschwerdeschriften überreichen ließ und doch von dessen Großmut lebte, wachten alle seine Feinde wieder auf und griffen seine Staaten an.

Die Schlacht bei Pultawa war zunächst das Signal zu einer Revolution in Polen gewesen. Der König August kehrte dahin zurück, protestirte gegen seine Thronentsagung und gegen den Frieden von Altranstädt und beschuldigte Karl XII., den er nun nicht mehr fürchtete, öffentlich des Raubes und der Barbarei. Er ließ seine Bevollmächtigten Pfingsten und Imhof, welche seine Thronentsagung unterzeichnet hatten, ins Gefängnis werfen, wie wenn sie hierin seine Vollmacht überschritten und ihren Herrn verraten hätten. Seine sächsischen Truppen, die den Vorwand zu seiner Entthronung abgegeben, führten ihn wieder nach Warschau zurück, wohin ihn die meisten polnischen Palatine begleiteten, welche ihm ehedem Treue geschworen, dann Stanislaus den gleichen Eid geleistet hatten und nun wieder August zuschworen. Selbst Siniawski ging zu ihm über, gab die Idee selbst König zu werden auf, und begnügte sich Obergeneral der Krone zu bleiben. Sein erster Minister Flemming, der Sachsen eine Zeitlang hatte verlassen müssen, um nicht mit Patkul ausgeliefert zu werden, trug jetzt durch seine Gewandtheit dazu bei, seinem Herrn einen großen Teil des polnischen Adels wieder zuzuführen.

Der Papst enthob seine Völker des Eids der Treue, den sie Stanislaus geleistet hatten. Dieser zur rechten Zeit erfolgte und von Augusts Streitkräften unterstützte Schritt des heiligen Vaters fiel mächtig in die Wagschale. Er befestigte zugleich den Kredit des römischen Hofs in Polen, wo man damals keine Lust hatte, dem Papst sein schimärisches Recht, sich in die weltliche Macht der Könige zu mischen, zu bestreiten. Alle Welt kehrte freiwillig unter die Herrschaft Augusts zurück und nahm ohne Widerstreben eine nutzlose Absolution entgegen, welche der Nuntius nicht verfehlte als höchst notwendig darzustellen.

Die Macht Karls und die Größe Schwedens neigten damals ihrem Ende zu. Mehr als zehn gekrönte Häupter hatten seit langer Zeit mit Besorgnis und Neid gesehen, wie sich die schwedische Herrschaft über ihre natürliche Grenze, die Ostsee, hinaus von der Düna bis zur Elbe ausdehnte. Die Niederlage Karls und seine lange Abwesenheit riefen die Interessen und die Eifersucht dieser Fürsten, welche lange Zeit durch die Verträge und die Unmacht, sie zu brechen, schlafen gelegt waren, wieder wach.

Der Zar, mächtiger als sie alle miteinander, benützte seinen Sieg nach Kräften, eroberte Wiburg und ganz Carelien, überschwemmte Finnland mit seinen Truppen, belagerte Riga und schickte ein Armeekorps nach Polen, um August wieder auf den Thron zu verhelfen. Dieser Kaiser war nun, was Karl vor ihm gewesen war, der Herr der Geschicke Polens und des Nordens; er aber hörte nur auf die Stimme seines Interesses, während Karl nur von Rache und Ruhm geträumt hatte. Der schwedische Monarch hatte seine Verbündeten unterstützt und seine Feinde niedergeworfen, ohne eine Frucht von seinen Siegen zu verlangen; der Zar, mehr Fürst und weniger Held, wollte dem König von Polen nur unter der Bedingung beistehen, daß er ihm Livland abtrete, und diese Provinz, um derentwillen August den Krieg angezettelt hatte, blieb schließlich für immer den Russen.

Auch der König von Dänemark vergaß den Friedensvertrag von Travendahl, wie August den von Altranstädt vergessen hatte; und gedachte sich der Herzogtümer Holstein und Bremen zu bemächtigen, auf deren Besitz er von neuem Ansprüche erhob. Der König von Preußen hatte alte Rechte auf das preußische Pommern, die er jetzt wieder aufleben lassen wollte. Der Herzog von Mecklenburg sah mit Aerger, daß Schweden noch Wismar, die schönste Stadt des Herzogtums, besaß. Dieser Fürst sollte eine Nichte des russischen Kaisers heiraten, und der Zar sehnte sich nach einem Vorwand, um in Deutschland ebenso festen Fuß fassen zu können wie die Schweden. Auch der Kurfürst von Hannover suchte sich auf Kosten Karls zu bereichern. Selbst der Bischof von Münster hätte gerne einige Rechte geltend gemacht, wenn er nur die Macht dazu besessen hätte.

Zwölf- bis dreizehntausend Schweden verteidigten Pommern und die übrigen Länder, die Karl noch in Deutschland besaß. Dorthin ward jetzt das Kriegstheater verlegt. Dieser Sturm setzte auch den deutschen Kaiser und seine Verbündeten in Alarm. Es ist Reichsgesetz, daß, wer eines der Reichsländer angreift, als Feind des ganzen deutschen Reichskörpers betrachtet wird.

Aber es lag noch eine weitere große Verwicklung vor. Alle diese Fürsten, mit Ausnahme des Zaren, machten damals gegen Ludwig XIV. Front, dessen Macht eine Zeitlang für das deutsche Reich ebenso furchtbar gewesen war wie die Karls.

Deutschland hatte sich zu Anfang des Jahrhunderts zwischen Süden und Norden, den Armeen Frankreichs und Schwedens eingeklemmt befunden. Die Franzosen hatten die Donau überschritten, die Schweden die Oder; wenn ihre damals siegreichen Heere sich vereinigten, war das Reich verloren. Aber das gleiche Mißgeschick, welches Schweden niederwarf, hatte auch Frankreich gedemütigt. Immerhin besaß aber Schweden noch Hilfsquellen und Ludwig XIV. führte den Krieg mit Energie weiter, wenn auch nicht glücklich. Wenn Pommern und das Herzogtum Bremen zum Kriegstheater wurden, so war zu befürchten, daß das deutsche Reich darunter litt und daß es hierdurch geschwächt gegen Ludwig XIV. weniger kräftig auftreten konnte. Um diese Gefahr abzuwenden, schlossen daher der deutsche Kaiser, die deutschen Fürsten, die Königin Anna von England und die Generalstaaten von Holland gegen Ende 1709 im Haag einen der sonderbarsten Verträge ab, die je unterzeichnet wurden.

Es wurde durch diese Mächte nämlich festgesetzt, daß die Schweden weder in Pommern noch in einer anderen Provinz Deutschlands bekriegt werden sollten, daß die Feinde Karls XII. ihn dagegen überall sonst angreifen könnten. Der König von Polen und der Zar traten diesem Vertrag bei; sie ließen noch einen Artikel hineinsetzen, der ebenso sonderbar war wie der Vertrag selbst: daß nämlich die zwölftausend Schweden, welche sich in Pommern befanden, dieses Land nicht verlassen dürften, um zur Verteidigung der anderen Provinzen Schwedens verwendet zu werden.

Um die Ausführung dieses Vertrags zu sichern, machte man den Vorschlag, eine Armee aufzustellen, welche diese Scheinneutralität aufrecht erhalten sollte. Sie sollte an den Ufern der Oder lagern. Diese Aufstellung einer Armee, um den Krieg zu verhindern, wäre eine eigentümliche Neuerung gewesen. Diejenigen, welche dieselbe stellen sollten, hatten größtenteils ein wesentliches Interesse den Krieg zu betreiben, den man ferne halten wollte. Der Vertrag bestimmte nämlich, daß die Armee aus Truppen des Kaisers, des Königs von Preußen, des Kurfürsten von Hannover, des Landgrafen von Hessen und des Bischofs von Münster bestehen sollte.

Es geschah denn auch, was von einem derartigen Abkommen anzunehmen war: es wurde nicht durchgeführt. Die Fürsten, welche ihr Kontingent zu dieser Armee stellen sollten, taten es nicht. Man formierte nicht zwei Regimenter. Man sprach viel von Neutralität, aber niemand beobachtete sie. So erhielten alle Fürsten des Nordens, welche einen Span mit dem Schwedenkönig auszufechten hatten, volle Freiheit, sich um den Nachlaß dieses Fürsten zu streiten. Während die Sachen so standen, kehrte der Zar, nachdem er seine Truppen in Litauen im Quartier gelassen und die Belagerung von Riga angeordnet hatte, nach Moskau zurück, um seinen Völkern dort ein Schauspiel zu geben, das für sie ebenso neu war, wie alles, was er bis dahin in seinen Staaten getan hatte: es war ein Triumphzug im Geiste der alten Römer. Am 1. Januar 1710 zog er durch sieben Triumphbogen in Moskau ein. Die Straßen, durch welche der Zug ging, waren mit allem geschmückt, was das Klima bieten und der durch seine Bemühungen zur Blüte gebrachte Handel aufbringen konnte. Ein Garderegiment eröffnete den Zug; hinter ihm kamen die den Schweden bei Liesna und Pultawa abgenommenen Geschütze, ein jedes derselben wurde von acht Pferden gezogen, deren scharlachrote Schabracken bis auf den Boden herabhingen. Dann kamen die Standarten, die Heerpauken und die Fahnen, welche in diesen beiden Schlachten erobert worden waren, getragen von den Offizieren und Soldaten, die sie genommen hatten. Diesen Beutestücken folgten die schönsten Truppen des Zaren. Dann erblickte man auf einem eigens dafür erbauten Wagen die Tragbahre Karls XII., die man von zwei Kanonenkugeln zerschmettert auf dem Schlachtfeld von Pultawa gefunden hatte. Hinter derselben folgten paarweise sämtliche Gefangenen. Man sah hier den ersten Minister Schwedens, den Grafen Piper, den berühmten Marschall Rehnsköld, den Grafen Löwenhaupt, die Generale Schlippenbach, Stackelberg, Hamilton, sowie alle Offiziere und Soldaten, die man nachher in Groß-Rußland zerstreute. Hinter ihnen erschien der Zar selbst auf dem nämlichen Pferde, das er in der Schlacht bei Pultawa geritten hatte. Einige Schritte hinter ihm ritten die Generale, die am Erfolg dieses Tages Anteil gehabt hatten. Hierauf kam noch ein Garderegiment. Die schwedischen Munitionswagen bildeten den Schluß.

Während dieses Triumphzuges läuteten alle Glocken Moskaus; Trommeln, Pauken und Trompeten und eine Menge anderer Musikinstrumente ertönten in verschiedenen Abteilungen. Dazwischen donnerten die Salven von zweihundert Kanonen, und scholl der Jubelruf von fünfmalhunderttausend Menschen, welche bei jedem Schritt, den der Zar auf diesem Triumphzug tat: »Es lebe der Kaiser! es lebe unser Vater!« riefen.

Dieses großartige Schauspiel vermehrte noch die Verehrung der Völker des Zaren für seine Person. Alles, was er sonst Nützliches zu ihrem Wohle ausgeführt hatte, machte ihn vielleicht in ihren Augen nicht so groß, wie dieser Triumphzug.

Indessen setzte er die Blockade von Riga fort. Seine Generale bemächtigten sich des übrigen Livlands und eines Teils von Finnland. Zugleich erschien der König von Dänemark mit seiner ganzen Flotte und machte einen Einfall in Schweden, wo er siebzehntausend Mann ausschiffte, über die er dem Grafen von Reventlow den Befehl gab.

Schweden wurde damals durch einen aus einigen Senatoren bestehenden Regentschaftsrat, den der König vor seinem Abgang von Stockholm eingesetzt hatte, verwaltet. Der Senat war auf diese Regentschaft eifersüchtig, da er glaubte, daß sie von Rechts wegen ihm gehöre. Unter diesem Zwiespalt litt der Staat. Aber sobald nach der Schlacht bei Pultawa die Nachricht nach Stockholm kam, daß sich der König zu Bender in der Hand der Tataren und Türken befinde, und zugleich, daß die Dänen in Schonen gelandet seien und die Stadt Helsingborg genommen hätten, hörte jede Eifersüchtelei auf. Man dachte nur daran, Schweden zu retten. Das Land war nachgerade von regulären Truppen entblößt, denn obschon Karl seine großen Heereszüge immer nur an der Spitze kleiner Armeen ausführte, so hatten doch die zahlreichen Gefechte, die er während neun Jahren geliefert, und die Notwendigkeit die Truppen beständig zu ergänzen und Garnisonen und Armeekorps in Finnland, Ingermanland, Livland, Pommern, Bremen, Werden zu unterhalten, Schweden nach und nach über zweimalhundertfünfzigtausend Soldaten gekostet. Es blieben daher jetzt kaum achttausend Mann alter Truppen, die mit den Neuausgehobenen die einzigen Hilfsquellen Schwedens bildeten.

Aber das Schwedenvolk ist von Natur kriegerisch und alle Welt hatte allmählich das Wesen des Königs angenommen. Man unterhielt sich ja von einem Ende des Landes bis zum anderen nur von den wunderbaren Taten Karls und seiner Generale und von den alten Scharen, die unter ihm bei Narwa, an der Düna, bei Clissau, bei Pultusk und Holowein gefochten hatten. Der geringste Schwede ward hierdurch von einem Geist der Nacheiferung und des Ruhms erfüllt. Dazu kam die Liebe zu dem König, das Mitleid mit ihm und der unversöhnliche Dänenhaß. In manchen anderen Ländern sind die Bauern Sklaven oder werden als solche behandelt. Die schwedischen Bauern bildeten ein Glied des Staatskörpers, betrachteten sich als Bürger und waren von hohen Gesinnungen beseelt, so daß aus diesen Milizen bald die besten Truppen des Nordens wurden.

Auf Befehl der Regentschaft setzte sich General Stenbock an die Spitze jener achttausend alten Soldaten und von etwa zwölftausend Rekruten, um die Dänen, welche die Küste von Helsingborg verheerten und ihre Kontributionen bereits weit ins Innere hinein ausdehnten, aus dem Lande zu jagen.

Man besaß weder die Zeit noch die Mittel, um den Rekruten Uniformen zu geben. Die meisten dieser Bauern gingen daher in ihren leinenen Kitteln und hatten die Pistolen im Gürtel mit Schnüren befestigt. Am 10. März 1710 stand Stenbock an der Spitze dieser ungewöhnlichen Armee drei Stunden von Helsingborg den Dänen gegenüber. Er wollte seinen Truppen einige Tage Ruhe gönnen, sich verschanzen und seinen neuen Kriegern Zeit lassen, um sich an den Feind zu gewöhnen; allein die Bauern verlangten sämtlich noch am Tage ihrer Ankunft zur Schlacht geführt zu werden.

Offiziere, welche mit dabei waren, haben mich versichert, die Leute hätten vor Wut geschäumt, so groß ist der Nationalhaß der Schweden gegen die Dänen. Stenbock benutzte diese günstige Stimmung, welche am Tag einer Schlacht fast so viel wert ist wie militärische Ausbildung. Er griff die Dänen an und man sah hier das beispiellose Schauspiel, daß ganz neu ausgehobene Leute wie alte Soldaten fochten. Zwei Regimenter dieser schlecht bewaffneten Bauern vernichteten die Garde des Königs von Dänemark, so daß nur zehn Mann von ihr übrigblieben.

Die gänzlich geschlagenen Dänen zogen sich unter die Kanonen von Helsingborg zurück. Die Ueberfahrt von Schweden nach Seeland ist so kurz, daß der König von Dänemark noch am nämlichen Tage zu Kopenhagen die Niederlage seiner Armee erfuhr. Er schickte seine Flotte hinüber, um die Trümmer der Armee einzuschiffen. Fünf Tage nach der Schlacht verließen die Dänen Schweden in aller Eile. Da sie aber ihre Pferde nicht mitführen konnten und sie auch nicht dem Feinde lassen wollten, töteten sie dieselben in der Umgegend von Helsingborg, verbrannten zugleich ihre Lebensmittel und ihr Gepäck und ließen in Helsingborg nur viertausend Verwundete zurück, von welchen der größte Teil infolge der Ausdünstung der toten Pferde und aus Mangel an Lebensmitteln starb, da ihre Landsleute ihnen keine zurückließen, damit die Schweden nicht davon zehren könnten.

Um diese Zeit hörten auch die Bauern in Dalekarlien inmitten ihrer Wälder, daß ihr König bei den Türken gefangen sei. Sie schickten alsbald eine Deputation an die Regentschaft zu Stockholm und erboten sich auf ihre Kosten zwanzigtausend Mann stark aufzubrechen, um ihren Herrn aus den Händen seiner Feinde zu befreien. Dieses Anerbieten, welches mehr von Anhänglichkeit und Mut zeugte als es praktisch verwertet werden konnte, wurde zwar mit Beifall entgegen genommen, jedoch abgelehnt. Man verfehlte indessen nicht, den König davon zu unterrichten, als man ihm den Bericht über die Schlacht bei Helsingborg übersandte.

Im Juli 1710 empfing Karl in seinem Lager bei Bender diese tröstlichen Nachrichten. Kurze Zeit darauf befestigte ihn ein anderes Ereignis in seinen Hoffnungen.

Der Großwesir Cuprogli, welcher seinen Plänen entgegen war, wurde abgesetzt, nachdem er nur zwei Monate lang Minister gewesen. Der kleine Hof Karls XII. und seine Anhänger in Polen verbreiteten infolge hiervon das Gerücht, daß Karl Wesire ein- und absetze und von seinem Asyl in Bender aus das türkische Reich regiere. Allein in Wahrheit hatte er durchaus keinen Anteil an der Ungnade dieses Günstlings. Die strenge Rechtlichkeit des Wesirs soll die einzige Ursache seines Sturzes gewesen sein. Sein Vorgänger hatte nämlich die Janitscharen nicht aus dem kaiserlichen Schatze, sondern von dem Gelde bezahlt, das er durch seine Erpressungen aufbrachte. Cuprogli zahlte aus der Schatzkammer. Achmet warf ihm vor, daß er das Interesse der Untertanen dem des Kaisers voranstelle. »Dein Vorgänger Tschurluli,« sagte er zu ihm, »verstand es, andere Mittel zu finden, um meine Truppen zu bezahlen.« Der Großwesir erwiderte: »Wenn er die Kunst besaß, deine Hoheit durch Raub zu bereichern, so rühme ich mich, diese Kunst nicht zu verstehen.«

Das tiefe Geheimnis, in welchem das Serail schwebt, läßt selten zu, daß derartige Unterhaltungen an die Oeffentlichkeit gelangen. Obige Reden aber erfuhr man zugleich mit der Ungnade Cuproglis. Dieser Wesir bezahlte übrigens seine Kühnheit nicht mit seinem Kopfe, da die wahre Tugend sich bisweilen Achtung erwirbt, auch wenn sie mißfällt. Man gestattete ihm, sich nach der Insel Negroponte zurückzuziehen. Ich habe diese Details aus den Briefen Brus, der ein Verwandter von mir und erster Dragoman bei der Pforte war. Ich teile sie mit, um einen Begriff von dem Geiste dieser Regierung zu geben.

Der Großherr ließ nun Baltadschi Mehemet, Pascha von Syrien, der schon vor Tschurluli Großwesir gewesen war, aus Aleppo kommen. Die Baltadschis des Serails (so genannt von balta Beil) sind die Sklaven, welche den Prinzen von Geblüt und den Sultanen das Holz machen. Mehemet war in seiner Jugend baltadschi (Holzspalter) gewesen und hatte diesen Namen nach der Gewohnheit der Türken beibehalten, welche ohne zu erröten den Titel ihres ersten Handwerks oder desjenigen ihres Vaters oder auch den Namen ihres Geburtsortes annehmen.

Als Baltadschi Mehemet noch im Serail diente, war er so glücklich gewesen, dem Prinzen Achmet, damals Staatsgefangenen unter der Regierung seines Bruders Mustapha, einige kleine Dienste zu erweisen. Man gibt den türkischen Prinzen von Geblüt zu ihrer Unterhaltung Frauen, die keine Kinder mehr bekommen – was in der Türkei sehr früh eintritt – die aber immer noch hübsch genug sind, um gefallen zu können. Als Achmet Sultan wurde, gab er eine seiner Sklavinnen, die er sehr geliebt hatte, dem Baltadschi Mehemet zur Frau. Diese Frau wußte durch ihre Intrigen ihren Gemahl zum Großwesir zu erheben; eine andere Intrige stürzte ihn und eine dritte machte ihn wieder zum Großwesir.

Als Baltadschi Mehemet das Reichssiegel erhielt, fand er die Partei des Königs von Schweden als die herrschende im Serail vor. Die Sultanin Valide, Ali Cumürdschi, der Günstling des Großherrn, der Kislar Aga, Chef der schwarzen Eunuchen, und der Aga der Janitscharen wollten den Krieg gegen den Zaren. Der Sultan selbst war dazu entschlossen. Der erste Befehl, den er dem Großwesir erteilte, lautete dahin, er solle die Russen mit zweimalhunderttausend Mann angreifen. Baltadschi Mehemet hatte noch nie einen Krieg geführt, aber er war keineswegs ein Dummkopf, wie die Schweden, die nicht mit ihm zufrieden waren, nachher behaupteten. Er sagte zum Großherrn, als ihm dieser einen mit Edelsteinen gezierten Säbel übergab: »Deine Hoheit weiß, daß ich gelernt habe mit einer Axt Holz zu spalten, nicht aber mit einem Säbel Armeen zu kommandieren; gleichwohl werde ich versuchen, dir gut zu dienen. Wenn es mir aber nicht gelingt, so erinnere dich, daß ich dich gebeten habe, es mir nicht anzurechnen.« – Der Sultan versicherte ihn seiner Freundschaft und der Wesir schickte sich an, ihm zu gehorchen.

Der erste Schritt der ottomanischen Pforte bestand darin, daß der russische Gesandte in das Schloß der Sieben Türme gesperrt wurde. Es ist nämlich Gewohnheit bei den Türken, daß sie damit anfangen, die Minister der Fürsten, denen sie den Krieg erklären, verhaften zu lassen. Während sie sonst strenge Gastfreundschaft halten, verletzen sie hierin das heiligste Recht der Nationen. Sie verüben diese Ungerechtigkeit unter dem Vorwand, daß dies nicht mehr als billig sei. Sie bilden sich nämlich ein, sie führen immer nur gerechte Kriege, da dieselben durch die Zustimmung ihres Mufti geheiligt seien. Nach diesem Grundsatz glauben sie die Waffen nur zu führen, um diejenigen zu züchtigen, welche die Verträge verletzen, ungeachtet sie dieselben oft selbst brechen, und vermeinen deshalb auch die Gesandten der ihnen feindlichen Fürsten als Mitschuldige der Untreue ihrer Herren strafen zu müssen.

Zu diesem Grunde kommt noch die lächerliche Verachtung, welche sie gegen christliche Fürsten und deren Gesandte erheucheln, die sie in der Regel nur wie Handelskonsuln betrachten.

Der Han der krimschen Tataren, den wir Khan nennen, erhielt Befehl sich mit vierzigtausend Tataren marschbereit zu halten. Dieser Fürst regiert die nogaische Steppe, Budziack nebst einem Teil von Cirkassien und die ganze Krim, welch letztere Provinz im Altertum unter dem Namen der taurische Chersones bekannt war, wohin die Griechen ihren Handel und ihre Waffen trugen, wo sie mächtige Städte gründeten, und wo sich später auch die Genuesen einnisteten, als sie die Herren des europäischen Handels wurden. Man sieht in diesem Lande Ruinen griechischer Städte und Denkmäler der Genuesen, welche noch mitten aus der Oede und der Barbarei hervorragen.

Der Khan wird von seinen Untertanen Kaiser genannt; aber trotz diesem großen Titel ist er doch Sklave der Pforte. Das ottomanische Blut, dem die Khane entstammen und das Recht, das sie für den Fall des Aussterbens der Familie des Großherrn auf den Thron des türkischen Reichs haben, machen ihre Familie selbst dem Sultan achtbar und ihre Personen furchtbar. Der Großherr hat deshalb auch die Rasse der tatarischen Khane nicht auszurotten gewagt; aber er läßt diese Fürsten auch nie alt auf ihrem Throne werden. Ihr Verhalten wird stets durch die benachbarten Paschas beobachtet, ihre Länder sind von Janitscharen umgeben, ihr Wille wird durch den der Großwesire gekreuzt, ihre Absichten erscheinen stets verdächtig. Wenn sich die Tataren über den Khan beklagen, so ergreift die Pforte diesen Vorwand, um ihn abzusetzen; wird er zu sehr geliebt, so ist dies ein noch größeres Verbrechen, welches alsbald bestraft wird. So gelangen fast alle vom Herrscherthron in die Verbannung und enden ihre Tage auf Rhodus, ihrem gewöhnlichen Gefängnis und Grab.

Ihre Untertanen, die Tataren, sind die raubsüchtigsten Völker der Erde, aber auch zugleich, was nicht damit zu stimmen scheint, die gastlichsten. Sie ziehen auf fünfzig Stunden weit aus ihrem Lande, um eine Karawane anzugreifen und Städte zu zerstören; wenn aber ein Fremdling, wer er immer sei, in ihr Land kommt, wird er dort nicht nur überall gut aufgenommen, logiert und bewirtet, sondern an jedem Ort, den er passiert, streiten sich die Einwohner darum, ihn als Gast zu beherbergen. Der Herr des Hauses, seine Frau und seine Töchter bedienen ihn um die Wette. Die Skythen, ihre Vorfahren, haben ihnen diese unverletzliche Achtung vor dem Gastrecht hinterlassen, das sie um so leichter ausüben können, als die wenigen Fremden, die bei ihnen reisen, und der niedere Preis aller Lebensmittel ihnen diese Tugend nicht allzu lästig machen.

Wenn die Tataren mit der türkischen Armee zu Felde ziehen, werden sie auf Kosten des Großherrn unterhalten und die Beute, die sie machen, ist ihre einzige Bezahlung, sie taugen auch mehr zum Plündern als zu einem regelmäßigen Kampfe.

Der durch die Geschenke und die Intrigen des Schwedenkönigs gewonnene Khan hatte anfangs herausgeschlagen, daß zum allgemeinen Sammelplatz der Truppen Bender selbst bestimmt würde, damit durch diese Operation unter den Augen Karls XII. es um so deutlicher hervorträte, daß man den Krieg um seinetwillen führe.

Allein der neue Wesir Baltadschi Mehemet hatte nicht die gleichen Verbindlichkeiten wie der Khan und wollte einem fremden Fürsten nicht in diesem Maße schmeicheln. Er änderte daher den Befehl dahin ab, daß die große Armee sich zu Adrianopel sammeln solle. In den weiten und fruchtbaren Ebenen Adrianopels sammeln sich die türkischen Armeen in der Regel, wenn dieses Volk Krieg mit den Christen führt. Die aus Asien und Afrika gekommenen Truppen ruhen dort aus und erfrischen sich einige Wochen. Um jedoch dem Zaren zuvorzukommen, ließ der Großwesir die Armee diesmal nur drei Tage ausruhen und marschierte dann gegen die Donau und von da nach Bessarabien.

Die türkischen Truppen sind heutzutage nicht mehr so furchtbar wie ehedem, wo sie so viele Reiche in Asien, Afrika und Europa eroberten. Damals triumphierte die Körperstärke, die Tapferkeit und die Zahl der Türken über ihre weniger kräftigen und schlechter disziplinierten Gegner. Heutzutage aber, wo die Christen die Kriegskunst besser verstehen, schlagen sie beinahe immer die Türken in einer regelmäßigen Schlacht, selbst wenn sie nicht so stark sind wie jene. Wenn das türkische Reich in letzter Zeit einige Eroberungen gemacht hat, so geschah dies nur gegenüber der Republik Venedig, die für mehr klug als kriegerisch gilt, von Fremden verteidigt und von den stets unter sich uneinigen christlichen Fürsten nicht gehörig unterstützt war.

Die Janitscharen und Spahis greifen in Unordnung an und sind nicht imstande auf ein Kommando zu hören und sich nach dem Angriff wieder zu sammeln. Ihre Reiterei, die wegen der Güte und Leichtigkeit ihrer Pferde vortrefflich sein sollte, kann den Stoß einer deutschen Reiterei nicht aushalten. Die Infanterie wußte damals noch keinen rechten Gebrauch vom Bajonett zu machen. Ueberdies haben die Türken seit Cuprogli, der die Insel Candia eroberte, keinen großen General zu Lande mehr gehabt. – Ein im Müßiggang und im Schweigen des Serails aufgewachsener Sklave, der dann aus Gunst zum Wesir und gegen seinen Willen zum General gemacht wurde, führte diesmal eine in der Eile ausgehobene Armee, die weder Kriegserfahrung noch Disziplin besaß, gegen die russischen, nun seit zwölf Jahren an den Krieg gewöhnten Truppen, welche stolz darauf waren, die Schweden besiegt zu haben.

Aller menschlichen Berechnung nach mußte daher der Zar den Baltadschi Mehemet besiegen; allein er beging denselben Fehler gegen die Türken, den der König von Schweden gegen ihn begangen hatte: Er verachtete seinen Feind zu sehr. Auf die Nachricht von den Rüstungen der Türken verließ er Moskau und nachdem er befohlen, daß die Belagerung Rigas in eine Blokade verwandelt werden sollte, sammelte er an den Grenzen Polens achtzigtausend Mann seiner Truppen. Mit dieser Armee nahm er den Weg durch die Moldau und Walachei, das alte Land der Dacier, welches gegenwärtig von griechischen Christen bewohnt wird, die dem Großherrn tributpflichtig sind.

Die Moldau beherrschte damals Fürst Cantemir, ein Grieche von Geburt, der das Talent der alten Griechen, die Bekanntschaft mit den Wissenschaften und die Kriegskunst in sich vereinigte. Man leitete seine Abstammung von dem berühmten Timur her, der unter dem Namen Tamerlan bekannt ist. Diese Abstammung erschien schöner als eine von den Griechen; man suchte sie durch den Namen jenes Eroberers zu beweisen. Timur, sagte man, ist so viel wie Temir; der Titel Khan, den Timur hatte, ehe er Asien eroberte, findet sich wieder in dem Namen Chan-temir, Cantemir; also ist der Fürst Cantemir ein Abkömmling von Tamerlan. Auf diese Art werden übrigens die meisten Genealogien gemacht.

Welchem Hause aber auch Cantemir entstammen mochte, er verdankte seine ganze Stellung der ottomanischen Pforte. Allein kaum war er in die Fürstenwürde eingesetzt, als er den türkischen Kaiser, seinen Wohltäter, an den Zaren verriet, von dem er noch mehr erhoffte. Er schmeichelte sich, daß der Besieger eines Karl XII. leicht über einen elenden Wesir triumphieren würde, der noch niemals einen Krieg geführt und zu seinem Kiaia (das heißt Leutnant) den Verwalter der türkischen Maut gewählt hatte. Er rechnete darauf, daß alle Griechen auf seine Seite treten würden; auch munterten ihn die griechischen Patriarchen zu diesem Abfall auf. Nachdem daher der Zar einen geheimen Vertrag mit diesem Fürsten abgeschlossen und ihn in seine Armee aufgenommen hatte, rückte er in dessen Lande ein und langte im Juni 1711 an dem nördlichen Ufer des Hierasus, heute Pruth, unweit der Hauptstadt der Moldau Jassy, an.

Sobald der Großwesir erfuhr, daß Peter Alexjewitsch nach dieser Richtung marschiere, verließ er sofort sein Lager und marschierte der Donau entlang, die er auf einer Schiffbrücke bei Saccia passierte, dem nämlichen Punkte, wo vor alten Zeiten Darius die Brücke erbaut hatte, die seinen Namen trug. Die türkische Armee marschierte so rasch, daß sie bald angesichts der Russen erschien. Nur der Pruth trennte die beiden Heere.

Der Zar war des Fürsten der Moldau so sicher, daß er nicht entfernt daran dachte, die Moldauer könnten ihm entgehen; aber nicht selten sind die Interessen eines Fürsten und die seiner Untertanen sehr verschieden. Die Moldauer liebten die türkische Herrschaft, die nur den großen Herren verhängnisvoll war, ihren tributpflichtigen Völkern gegenüber aber mit Milde auftrat. Sie fürchteten dagegen die Christen und besonders die Russen, welche sie stets mit Unmenschlichkeit behandelt hatten. Sie trugen daher alle ihre Vorräte der türkischen Armee zu; die Lieferanten, welche sich verpflichtet hatten, den Russen ihre Bedürfnisse zu liefern, vollzogen die Verträge, welche sie mit dem Zaren geschlossen, im Lager des Großwesirs. Die Walachen, Nachbarn der Moldauer, zeigten die gleiche Anhänglichkeit an die Türken. So sehr hatte die alte Idee von der Barbarei der Russen ihnen alle Herzen entfremdet.

Der Zar sah sich so in seinen Hoffnungen, die er vielleicht allzu leichtgläubig gefaßt hatte, betrogen, seine Armee aber plötzlich ohne Lebensmittel und ohne Fourage. Die Soldaten desertierten haufenweise und bald zählte sein Heer keine dreißigtausend Mann mehr, die noch dazu nahe daran waren, vor Elend zugrunde zu gehen. So erfuhr der Zar am Pruth, weil er sich auf Cantemir verlassen, genau dasselbe, was Karl XII. bei Pultawa erfahren, da er allzuviel von Mazeppa hoffte. Bald überschritten die Türken den Fluß, umzingelten die Russen und errichteten vor ihnen ein verschanztes Lager. Es ist zu verwundern, daß der Zar ihnen den Flußübergang nicht streitig machte, oder daß er nicht wenigstens diesen Fehler dadurch wieder ausglich, daß er den Türken alsbald nach dem Uebergang eine Schlacht lieferte, statt daß er ihnen nun Zeit ließ, seine Armee durch Hunger und Anstrengungen zugrunde zu richten. Peter Alexjewitsch scheint in diesem Feldzug alles getan zu haben, um sich zu verderben. Er war ohne Lebensmittel, hatte den Pruth hinter, hundertfünfzigtausend Türken vor sich und vierzigtausend Tataren rechts und links, die ihn unaufhörlich beunruhigten. In dieser Not rief er einmal öffentlich aus: »Jetzt bin ich wenigstens ebenso übel daran, wie es mein Bruder Karl bei Pultawa war!«

Der unermüdliche Agent des Schwedenkönigs, Graf Poniatowski, befand sich mit einigen Polen und Schweden, welche sämtlich die Vernichtung des Zaren für unvermeidlich hielten, im Lager des Großwesirs.

Sobald Poniatowski sah, daß die Armeen unfehlbar aneinander geraten müßten, ließ er es dem König von Schweden sagen, der von vierzig Offizieren begleitet, sofort von Bender abreiste und schon im voraus sich darauf freute, den russischen Kaiser wieder bekämpfen zu dürfen. Nach vielen Verlusten und verderblichen Märschen sah sich der Zar gegen den Pruth gedrängt, wo er sich nur durch spanische Reiter und seine Wagenburg decken konnte. Einige Abteilungen Janitscharen und Spahis warfen sich jetzt auf seine so übel situierte Armee, aber sie griffen in Unordnung an und die Russen verteidigten sich mit all der Energie, welche die Gegenwart ihres Fürsten und die Verzweiflung ihnen gab.

Zweimal wurden die Türken zurückgetrieben. Am zweiten Tage riet Poniatowski dem Großwesir die russische Armee auszuhungern. Da es ihr ja an allem gebräche, müßte sie sich bald mit ihrem Kaiser auf Gnade oder Ungnade ergeben.

Der Zar hat seither mehr als einmal zugestanden, daß er nie in seinem Leben eine peinlichere Empfindung gehabt habe, als in jener Nacht der Angst und Besorgnis. Alles, was er seit so viel Jahren für den Ruhm und das Glück seines Volkes getan, ging jetzt an seinem Geiste vorüber: so viele gewaltige Werke, welche allerdings stets von Kriegen unterbrochen wurden, gingen jetzt vielleicht mit ihm zugrunde, ohne ihre Vollendung erreicht zu haben. Er mußte entweder durch Hunger umkommen oder mit seinen erschöpften, auf die Hälfte herabgesunkenen Truppen, einer fast nicht mehr berittenen Reiterei und einer durch Hunger und Strapazen herabgekommenen Infanterie hundertachtzigtausend Mann angreifen.

Gegen Einbruch der Nacht berief er den General Scheremeteff zu sich und befahl ihm, ohne Zaudern und ohne lange um Rat zu fragen alles so vorzubereiten, um bei Anbruch des Tages die Türken mit aufgepflanztem Bajonett angreifen zu können.

Er gab ferner den ausdrücklichen Befehl, daß man die ganze Bagage verbrennen solle; auch die höheren Offiziere sollten nur je einen Wagen behalten, damit, wenn sie besiegt würden, der Feind wenigstens nicht die gehoffte Beute mache.

Nachdem er so alles mit dem General für die Schlacht geregelt hatte, zog er sich in sein Zelt zurück, wo ihn der Schmerz ganz zu Boden warf und Krämpfe ihn befielen, was immer geschah, wenn er sehr aufgeregt war. Er verbot, daß jemand, unter welchem Vorwand es immer sei, nachts sein Zelt betrete, da er keine Vorstellungen gegen einen Entschluß hören wollte, der wohl verzweifelt, aber durchaus notwendig schien und er noch weniger einen Zeugen seines traurigen Zustandes brauchen konnte.

Inzwischen wurde seinem Befehle gemäß der größte Teil des Gepäcks verbrannt. Die ganze Armee folgte diesem Beispiel, obschon mit Ueberwindung; viele vergruben ihre Kostbarkeiten. Die Generale gaben bereits Befehl zum Antreten und suchten den Truppen ein Vertrauen einzuflößen, das sie selbst nicht besaßen. Die von Anstrengungen und Hunger heruntergekommenen Leute marschierten ohne Schwung, ohne Hoffnung. Die Frauen, deren das Heer nur zu viele hatte, stießen Wehklagen aus, welche die Herzen noch tiefer herabstimmten. Alle Welt erwartete für den nächsten Morgen den Tod oder die Sklaverei. Es ist dies keine Übertreibung, genau so sprachen sich die Offiziere, welche dieser Armee angehört hatten, später aus.

Damals befand sich im russischen Lager eine Frau, die vielleicht ebenso eigentümlicher Natur war wie der Zar selbst. Sie war nur unter dem Namen Katharina bekannt. Ihre Mutter war eine elende Bäuerin, namens Erb MagdenNach anderen war ihr Vater der schwedische Quartiermeister Rabe und sie zu Germunderyd in Schweden (1682) geboren. im Dorfe Ringen in Estland, einer Provinz, wo das Volk leibeigen ist, und die damals zu Schweden gehörte. Ihren Vater hat sie nie gekannt; sie wurde Martha getauft. Der Pfarrer der Gemeinde erzog sie aus Mitleid bis in ihr vierzehntes Jahr. Dann wurde sie Magd bei einem lutherischen Geistlichen zu Marienburg, namens Glück.

In ihrem achtzehnten Jahre (1702) heiratete sie einen schwedischen Dragoner. Am Tage nach der Hochzeit wurde die schwedische Abteilung, welcher der Dragoner angehörte, von den Russen geschlagen und dieser erschien nicht wieder. Seine Frau erfuhr nicht, ob er gefangen worden oder gefallen, hörte überhaupt niemals wieder etwas von ihm. Einige Tage später wurde auch sie durch den General Bauer gefangen und diente nun bei diesem und später beim Marschall Scheremeteff. Dieser schenkte sie dem Fürsten Mentschikoff, einem Manne, der die äußersten Glückswechsel an sich erfahren hat, welcher erst Pastetenbäckerjunge war, dann General und Fürst, und endlich alles Glanzes beraubt nach Sibirien verbannt wurde, wo er in Kummer und Elend starb.

Bei einem Abendessen bei Fürst Mentschikoff sah sie der Kaiser zum erstenmal und verliebte sich in sie. Er heiratete sie im geheimen im Jahre 1707; nicht Weiberkünste verführten ihn hierzu, sondern weil er in ihr eine Seelenstärke fand, die imstande war seine Unternehmungen zu unterstützen und sogar sie nach ihm weiter zu führen. Bereits seit längerer Zeit hatte er seine erste Frau Ottokesa, die Tochter eines Bojaren, verstoßen, weil sie beschuldigt war, sich gegen die Aenderungen aufzulehnen, die er in seinen Staaten vornahm. In den Augen des Zaren war dies ja das größte Verbrechen. Er wollte in seiner Familie nur Personen, die dachten wie er selbst. In dieser fremden Sklavin nun glaubte er die Eigenschaften einer Herrscherin zu finden, obschon sie keine der Tugenden ihres Geschlechts besaß. Er verachtete ihr gegenüber die Vorurteile, welche einen gewöhnlichen Menschen zurückgehalten hätten, und ließ sie zur Kaiserin krönen. Das nämliche Genie, das sie zur Gemahlin Peters Alexjewitsch erhoben, gab ihr nach dem Tode ihres Gemahls das Reich. Europa sah mit Erstaunen, wie eine Frau, die weder lesen noch schreiben konnte,La Motraye behauptet zwar, sie habe eine schöne Erziehung genossen und sehr gut lesen und schreiben können. Allein das Gegenteil ist der Fall: in Livland dürfen die Bauern wegen des Benefiziums der Schreiber, welches dort bei den neuen Christen eingeführt wurde und damals noch bestand, weder lesen noch schreiben lernen. Es unterzeichnete deshalb stets die Prinzessin (später Kaiserin) Elisabeth von früher Jugend an für ihre Mutter. Beuchot. die Mängel ihrer Erziehung und ihre Schwächen durch ihren Mut ausglich und den Thron eines Gesetzgebers mit Ruhm einnahm.

Als sie den Zaren heiratete, gab sie die lutherische Religion, in der sie erzogen worden war, auf und nahm die griechische an. Man taufte sie nach russischem Ritus um; für den Namen Martha erhielt sie den Katharina, unter welchem sie seitdem bekannt wurde.

Diese Frau befand sich ebenfalls im Lager am Pruth und hielt, während der Zar in seinem Zelte lag, mit den Generalen und dem Vizekanzler Schawirow Rat. Man beschloß, die Türken um Frieden zu bitten und den Zaren zu diesem Schritt zu bewegen. Der Vizekanzler schrieb im Namen seines Herrn einen Brief an den Großwesir. Mit diesem Brief trat die Zarin trotz dem Verbot in das Zelt des Zaren. Als sie dann nach vielen Bitten, Vorstellungen und Tränen seine Unterschrift erlangt hatte, nahm sie ihre Juwelen, ihre Kostbarkeiten und ihr Geld zusammen, entlehnte dazu noch von den Generalen, so daß ein schönes Geschenk zusammen kam, das sie nun mit dem vom russischen Kaiser unterzeichneten Briefe an den Leutnant des Großwesirs Osman Aga schickte. Mehemet Baltadschi hüllte sich anfangs in den Stolz eines Wesirs und Siegers und gab zur Antwort: »Der Zar soll mir seinen ersten Minister schicken; dann will ich sehen, was geschehen kann.« – Alsbald erschien der Vizekanzler Schawirow mit einigen Geschenken, die er dem Großwesir öffentlich überreichte, und die beträchtlich genug waren, um ihm zu zeigen, daß man seiner bedurfte, und doch zu klein, um ihn zu bestechen.

Zuerst verlangte der Wesir, der Zar sollte sich mit seiner ganzen Armee auf Gnade oder Ungnade ergeben. Der Vizekanzler erwiderte hierauf, sein Herr werde in einer Viertelstunde zum Angriff vorgehen und sie würden lieber sämtlich sterben, als daß sie sich so schmählichen Bedingungen unterwürfen. Osman begleitete die Worte Schawirows mit Vorstellungen zu dessen Gunsten.

Mehemet Baltadschi war selbst kein Soldat; er hatte gesehen, wie die Janitscharen am Tage vorher zurückgeschlagen worden waren. Osman überredete ihn deshalb ohne Mühe, den gewissen Vorteil nicht durch eine Schlacht aufs Spiel zu setzen. Er gewährte daher zunächst einen sechsstündigen Waffenstillstand, während dessen man über die Friedensbedingungen übereinkommen sollte.

Während man unterhandelte, trat ein kleiner Zwischenfall ein, aus dem hervorgehen mag, daß die Türken manchmal eifersüchtiger auf ihr gegebenes Wort sind, als man glaubt. Zwei italienische Herren, Verwandte des Oberstleutnants Brillo, der ein Grenadierregiment im Dienste des Kaisers befehligte, waren aus dem Lager gegangen, um Fourage zu suchen, und dabei von Tataren gefangen worden, die sie nach ihrem Lager schleppten und sie einem Janitscharenoffizier zum Kaufe anboten. Der Türke, empört darüber, daß man es wage den Waffenstillstand in dieser Weise zu verletzen, ließ die Tataren verhaften und führte sie selbst mit den Gefangenen vor den Großwesir.

Der Wesir schickte die zwei Edelleute in das Lager des Zaren zurück und ließ den bei dieser Sache hauptsächlich beteiligten Tataren den Kopf abschlagen.

Inzwischen aber widersetzte sich der Khan der Tataren dem Abschluß eines Vertrags, der ihm die Hoffnung auf Plünderung benahm. Poniatowski unterstützte den Khan durch die dringendsten Vorstellungen; aber Osman trug den Sieg über die Verdrießlichkeit des Khan und die Einflüsterungen Poniatowskis davon.

Der Wesir war der Ansicht, daß er für den Großherrn genug tue, wenn er einen vorteilhaften Frieden abschließe. Er verlangte also, daß die Russen Asow herausgeben, die Galeeren, welche sich in dem dortigen Hafen befanden, verbrennen, die wichtigen Forts, die sie am Asowschen Meere angelegt, schleifen und alle Geschütze und Munition derselben dem Großherrn ausliefern sollten; daß der Zar seine Truppen aus Polen zurückziehen, die kleine Zahl Kosaken, die sich unter den Schutz der Polen gestellt, sowie diejenigen, welche unter der Oberhoheit der Türkei standen, ferner nicht beunruhigen, auch den Tataren künftig einen jährlichen Tribut von vierzigtausend Zechinen ausbezahlen solle. Es war dies ein lästiger, seit lange bestehender Tribut, von dem der Zar sein Land befreit hatte.

Endlich wurde der Friedensvertrag unterzeichnet, ohne daß man des Königs von Schweden darin nur Erwähnung getan hätte. Alles, was Poniatowski erreichen konnte, war, daß ein Artikel eingeschoben wurde, nach welchem sich der Russe verpflichtete, der Rückkehr Karls XII. nichts in den Weg legen zu wollen; und was ganz sonderbar ist, es wurde in dem Vertrage ausgesprochen, daß der Zar und der König von Schweden miteinander Frieden schließen könnten, wenn sie Lust dazu hätten und wenn sie sich darüber vereinigen könnten.

Unter diesen Bedingungen durfte der Zar mit seiner Armee, seiner Artillerie, seinen Fahnen und seiner Bagage frei abziehen. Die Türken lieferten ihm Lebensmittel und zwei Stunden nach Abschluß des Friedensvertrags, der am 21. Juli 1711 eingeleitet und am 1. August unterzeichnet worden war, war alles im Ueberfluß im russischen Lager vorhanden.

Gerade als der Zar unter Trommelschlag und mit fliegenden Fahnen abzog, langte der Schwedenkönig an, der es kaum hatte erwarten können, bis er fechten und sich seines Feindes bemächtigen durfte. Er hatte von Bender bis Jassy fünfzig Stunden zu Pferde zurückgelegt. Er kam, als die Russen ihren friedlichen Abzug begannen. Um in das türkische Lager zu gelangen, mußte man den Pruth drei Wegstunden von da auf einer Brücke passieren. Karl XII., der nichts wie andere Menschen tat, passierte den Fluß schwimmend, wobei er Gefahr lief zu ertrinken, und ritt dann durch das russische Lager, auf die Gefahr hin, aufgefangen zu werden. Sobald er die türkische Armee erreicht hatte, stieg er beim Zelte des Grafen Poniatowski ab, der mir diese Szene selbst beschrieben hat. Der Graf trat ihm traurig entgegen und teilte ihm mit, daß eine Gelegenheit, die wohl nie wieder kommen werde, verloren sei.

Der König, außer sich vor Wut, ging nach dem Zelte des Großwesirs und warf ihm mit flammenden Blicken vor, wie er einen solchen Vertrag habe abschließen können. »Ich habe das Recht, Krieg oder Frieden zu machen,« erwiderte ihm ruhig der Großwesir. – »Aber du hattest ja die ganze russische Armee in deiner Gewalt,« versetzte der König. – »Unser Gesetz,« gab der Wesir ernst zur Antwort, »gebietet uns, unsern Feinden den Frieden zu schenken, wenn sie uns darum anflehen.« – »Und gebietet es dir auch,« rief der König wütend, »einen schlechten Frieden zu schließen, wenn du Bedingungen auferlegen kannst, wie du nur willst? Hing es nicht von dir ab, den Zaren gefangen nach Konstantinopel zu führen?«

Der Türke, auf diese Art in die Enge getrieben, erwiderte trocken: »Und wer würde dann in seiner Abwesenheit sein Land regieren? Es müssen nicht gerade alle Könige außer Landes sein.« – Karl hatte hierauf nur ein ingrimmiges Lächeln; er warf sich auf ein Sofa, starrte den Wesir voll Zorn und Verachtung an und streckte das Bein so weit gegen ihn, daß sich sein Sporn im Gewande des Türken fing. Dann zerriß er es ihm, fuhr in die Höhe, stieg auf sein Pferd und kehrte mit Verzweiflung im Herzen nach Bender zurück.

Poniatowski blieb noch eine Weile bei dem Großwesir und versuchte ihn in einer milderen Form zu bestimmen, den Zaren nicht so leichten Kaufs entwischen zu lassen, inzwischen war aber die Stunde zum Gebet herangekommen und der Türke ging, ohne ein Wort zu erwidern, um seine Waschungen vorzunehmen und zu seinem Gott zu beten.

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